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FOR-THE.PEOPLE
FOR. EDVCATION
FOR SCIENCE
LIBRARY
OF
THE AMERICAN MUSEUM
OF
NATURAL H1ST0RY
Die deutschen Vogelnamen,
Eine wortgesckichtliche Untersuchung
von
Hugo Suolahti,
Dozent an der Universität Helsingfors.
Straßburg
Verlag von Karl J. Trübner
1909.
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M. DuMont-Scbauberg, Strasburg.
. Vorwort.
In der heutigen Wortforschung greift das rein Sprachliche
fortwährend in das Sachliche über. So ist denn auch die vor-
liegende Untersuchung der deutschen Yogelnamen mit der
systematischen Ornithologie eng verknüpft. Die ornithologischen
Schriften, die seit dem 16. Jahrhundert reichlicher zu fließen
beginnen, nehmen unter den Quellen den hervorragendsten Platz
ein. Da die Beschreibungen der Yögel in diesen Schriften oft
höchst mangelhaft und ungenau sind, ist die Identifizierung
des beschriebenen Vogels recht oft mit beträchtlichen Schwierig-
keiten verbunden. Dies gilt insbesondere von den Strandläufern,
Regenpfeifern u. a., die je nach der Jahreszeit ihre Farbentracht
ändern und demgemäß von den alten Ornithologen oft als be-
sondere Arten aufgefaßt werden.
Ton der älteren ornithologischen Literatur glaube ich das
Wichtigste berücksichtigt zu haben. Ich zweifle freilich nicht
daran, daß eine weitere Ausbeutung der Quellen verschiedenster
Art noch manches Interessante zutage bringen würde, aber da
die Frist, während deren ich die Bibliotheken in Deutschland
benutzen konnte, ausgelaufen und das wichtigste Material schon
gesammelt war, entschloß ich mich, vorläufig der Lektüre, die ja
beinahe ad libitum fortgesetzt werden kann, ein Ziel zu setzen.
Die Untersuchung der Namen ruht auf geschichtlicher
Grundlage und umspannt demnach alle Epochen der sprachlichen
Überlieferung. Aus der althochdeutschen (bezw. altniederdeutschen)
Zeit habe ich die Belegstellen vollständig mitgeteilt, weil sie
bisher noch nicht lexikalisch verzeichnet worden sind und weil
ich hoffte, daß die Sammlung vom Herausgeber des zu erwar-
tenden althochdeutschen Wörterbuchs verwertet werden könnte.
Suolahti, Vogelnamen.
IV Vorwort.
Beim Zitieren dieser Belege, die sich durch verschiedenen Druck
vom übrigen Texte abheben, habe ich dasselbe Verfahren ein-
geschlagen wie in meiner Abhandlung über die althochdeutschen
Namen der Säugetiere 1 .
Da die Feststellung der ältesten Belege und der geogra-
phischen Verbreitung derselben in vielen Fällen eine notwendige
Bedingung für die richtige Beurteilung des betreffenden Namens
ist, habe ich ganz besonders auf diese Dinge mein Augenmerk
gerichtet. Zur Bestimmung der heutigen Verbreitung der Namen
sind natürlich die Dialektwörterbücher zu Kate gezogen worden.
Leider sind einige von diesen nicht so kritisch wie man wünschen
möchte. Manchen Irrtum kann man wohl mit Hülfe anderwärtiger
Berichte korrigieren, aber eine eingehende Prüfung der Angaben
in den Wörterbüchern, wo weitere Hinweise fehlen, ist natür-
lich unmöglich.
Die Anordnung des Stoffes folgt der üblichen zoologischen
Einteilung, wobei die wissenschaftlichen Benennungen nach den
Werken von Naumann-Hennicke und Martin angegeben worden
sind. Ein besonderes zoologisches Register zählt die lateinischen
Rubriken auf, während die entsprechenden deutschen im Uni-
versalregister durch fetten Druck hervorgehoben sind.
Als Anhang sind zwei wichtige Quellen aus dem 16. Jahr-
hundert in extenso abgedruckt.
Herzlichen Dank spreche ich Herrn Professor Friedrich
Kluge aus für die freundliche Teilnahme, mit welcher er meine
Arbeit begleitet hat.
Helsingfors, den 5. Juli 1909.
Hugo Suolahti.
1 (Suolahti-) Palander, Die althochdeutschen Tiernamen I. Die Namen
der Säugetiere. Darmstadt. 1899.
Einleitung.
Für eine geschichtliche Untersuchung der deutschen Vogel-
namen bieten die zusammenliängenden, fast ausschließlich religiös
gefärbten Texte der ersten literarischen Sprachperiode nur äußerst
dürftiges Belegmaterial. Um so wichtiger ist der in den Glossen
aufgespeicherte Wortschatz, welcher in dem großen Sammelwerke
von Steinmeyer und Sievers dem Forscher bequem zugänglich
ist. Freilich hat die kirchliche Richtung jener Zeit auch auf die
lexikalische Arbeit ihren Stempel aufgedrückt, so daß von den
gesamten Glossen die zu der Bibel und anderen religiösen Schriften
gehörigen einen besonders breiten Raum einnehmen. Aber unter
ihnen befinden sich doch auch die vielen Yogelnamen, welche
im Leviticus (11, 17) und Deuteronomium (14, 17) aufgezählt
werden und die uns also in zahlreichen Übersetzungen über-
liefert sind. Auch von den Schriften der profanen Schriftsteller
sind einige gut glossiert worden und aus dem Charakter in den
Werken des Vergilius, Prudentius u. a. folgt, daß manche Vogel-
namen unter den Glossen vorkommen. Das reichhaltigste Material
enthalten jedoch die alphabetisch und sachlich geordneten Glos-
sare, von denen das unter dem Namen Summarium Heinrici
bekannte spätalthochdeutsche Gruppenglossar und die etwas früher
entstandenen Glossen zu einem hexametrischen Verzeichnis der
Tiere und Pflanzen besonders ausgiebig sind.
Die letzterwähnte Quelle (Versus de volucribus etc.) ist
nicht nur wegen der Glossen des Originals interessant, sondern
auch durch die vielen Abschriften, welche aus verschiedenen
Zeiten und Gegenden stammen und dementsprechend oft nicht
geläufige Namen in der Vorlage gegen übliche Dialektausdrüeke
VI Einleitung.
austauschen. So bewahren uns die Handschriften der Versus
manche alte Zeugnisse für mundartliche Vogelnameh. In einer
Melker und einer Wiener Handschrift finden wir z. B. an der
Stelle von wa^erstelza 'Bachstelze' des Originals die Glosse
hardil(a\ in welcher die ältere Form des volksetymologisch um-
gebildeten steirischen Ausdrucks {Schaf)halterl, (Kuh)herterl er-
halten ist. Die später korrigierte Glosse tvurgelhälw in einer
bairischen Handschrift aus dem 12. Jh. zeigt uns die alte Gestalt
einer dialektischen Bezeichnung für den Neuntöter, die wir in
der Form würgelhöch bei Konrad von Megenberg und als Wölger-
hod bei Hans Sachs finden. Interessant sind ferner die Zeugnisse
in Wiener, Zwettler und Admonter Handschriften für den rätsel-
haften bairischen Namen Uttenschwalbe und das Wort Unvogel,
die österreichische Benennung des Pelikans, sowie die Ausdrücke
erdhuon und pirchhven, in welchen alte Namen einer heute in
Europa ausgestorbenen Ibisart stecken. Manchmal geben die
Handschriften der Versus die Originalglosse in zahlreichen Spiel-
arten wieder, welche in vielen Fällen wirkliche mundartliche
Varianten des Namens repräsentieren und daher sorgfältig aus-
geschieden werden müssen von den Entstellungen und Irrtümern
der Schreiber. Ein instruktives Beispiel hierfür liefert die Glosse
dorndrdil e Dorndreher', für welche eine Handschrift dorndral,
eine andere dornorahil, eine dritte dornacreiel, eine vierte dorn-
droscel schreibt. Die erste Variante kommt heute als Dorntral
und Dorndraller in Tirol und Steiermark, die zweite als Doarn-
raU in Lienz vor, die dritte liegt der bairischen Dialektform
Dornkroeel zugrunde und die vierte ist als Dorndröscherl in
Steiermark gebräuchlich.
Die althochdeutschen Glossare, welche oft Konglomerate
sind, deren Bestandteile aus verschiedenen Zeiten und Gegenden
stammen, sind nur zum Teil inbezug auf Heimat und Ent-
stehungsweise untersucht worden, so daß die Glossen erst einer
genauen Prüfung bedürfen, bevor man sie für chronologische
oder sprachgeographische Schlüsse verwertet. Es fehlt auch
ferner eine Untersuchung über den angelsächsischen Einfluß
auf die deutsche Glossenliteratur, welcher auf die Tätigkeit der
englischen Missionäre bei der Einführung des Christentums in
Einleitung. VII
Deutschland zurückgeht. Manche angelsächsisch gefärbte Glossen
in deutschen Handschriften sind leicht als Ifischlinge zu er-
kennen, andere dagegen, welche durch die Hände vieler Schreibet
gegangen sind, verraten nicht so deutlich den fremden Ursprung.
Yen den Vogelnamen sind die Leviticusglossen nmtihapuli, fctefer.
nectrefn, roredumble, dopfugul ans angelsächsischen Vorlagen
abgeschrieben, und die Glossen coscirila, struth, secgwner in einem
Pariser Glossar des 9. Jahrhunderts sind ebenfalls angelsäch-
sischen Ursprungs. Interessanter ist, daß alle althochdeutschen
Belege für den Möwennamen auf ein angelsächsisches Original
zurückzugehen scheinen.
Da die Textquellen in der mittelhochdeutschen Periode riel
reichlicher und mannigfaltiger sind als in der althochdeutschen
Zeit, bieten sie auch viel mehr Belege für Vogelnamen. Immer-
hin ist die Ausbeute verhältnismäßig gering und man ist daher
noch immer hauptsächlich auf Glossare und Vokabulare ange-
wiesen. Da diese meistens kompilatorischer Art sind, ist hier
dieselbe Vorsicht geboten wie bei der Benutzung der althoch-
deutschen Glossen. Eine wichtige Quelle der ausgehenden mittel-
hochdeutschen und der beginnenden neuhochdeutschen Periode
ist die von Brucker herausgegebene Sammlung Straßburger
Zunftverordnungen des 15./16. Jahrhunderts, wo eine Anzahl
Dialektnamen für jagdbare Yögel zum erstenmal bezeugt sind.
Diese Namen finden wir wieder in dem Gedicht eines unbe-
kannten Straßburger Verfassers vom Jahre 1554, welcher die
ganze Vogelwelt unter ihren heimischen Namen Revue passieren
läßt und dadurch eine Quelle von höchstem Wert bildet. Ein
Gegenstück zu diesem Vogelbuch ist Hans Sachs' Gedicht "vom
Regiment der anderhalb hundert Vögel" (1531), wo wir die in
Nürnberg gebräuchlichen Vogelnamen kennen lernen. Aber im
16. Jahrhundert ist für unsere Kenntnis der Vogelnamen auch
gut gesorgt durch Quellen anderer Art als die genannten Vogel-
gedichte. Die Zoologen fangen nämlich jetzt an, in ihren wissen-
schaftlichen Werken den Namen der Tiere eine besondere Auf-
merksamkeit zu widmen.
Die zoologische Wissenschaft des klassischen Altertums
hatte im 13. Jahrhundert eine Wiedergeburt erlebt, indem die
VIII Einleitung.
drei Dominikaner Albertus der Große, Thomas von Cantimpre
und Yincenz von Beauvais den Aristoteles wieder zu Ehren
brachten und im Anschluß an ihn umfassende systematische
Darstellungen schrieben.
Von den drei Männern kommt für uns besonders Albertus
in Betracht, der in den lateinischen Text seiner Ornithologie
manchmal deutsche Yogelnanien einfügt. Unter diesen Namen,
die in den Drucken leider sehr verstümmelt erscheinen, befinden
sich auch die interessanten Dialektworte Gors (= Grasmücke),
Marcolfus {= Häher) und Brobuxe (= Weihe), welche Albertus
offenbar während seines langjährigen Aufenthaltes in Köln hatte
kennen gelernt. Aber von den genannten drei Zeitgenossen ist
nicht allein Albertus, sondern auch Thomas für uns von Be-
deutung, denn seine Schrift "De naturis rerum" erfuhr im
14. Jahrhundert durch den bairischen Geistlichen Konrad von
Megenberg eine deutsche Bearbeitung, die unter dem Titel
"Buoch der Natur" in mehreren Abschriften erschien. Die hier
vorkommenden deutschen Yogelnamen sind freilich meistens
nur allgemein übliche Gattungsbenennungen, aber manchmal
teilt Konrad doch auch Namen aus seiner heimischen Mundart
mit. So erfahren wir, daß der Neuntöter dort würgelhoch und
der Pirol pruoder Piro genannt wird. Derartige Mitteilungen
sind jedoch ganz zufälliger Art; ein besonderes Interesse für
die Namen finden wir bei Konrad noch nicht. Erst im 16. Jahr-
hundert tritt dieses in der wissenschaftlichen Fachliteratur deutlich
hervor und erreicht seinen Höhepunkt in Konrad Gesners groß-
artigem Werk "Historia animalium", dessen dritter Teil (im
Jahre 1555 erschienen) die Yögel behandelt. Yon den acht ver-
schiedenen Abschnitten, in welche Gesner die Darstellung jedes
Yogels einteilt, ist der erste der Nomenklatur gewidmet. Hier
werden die Synonyma aus den verschiedensten Sprachen (u. a.
aus italienischen Mundarten) mitgeteilt. Die Gewissenhaftigkeit
und Gründlichkeit, welche die Arbeitsweise Gesners überhaupt
kennzeichnen, erstrecken sich auch auf die reichhaltigen Samm-
lungen von Namen.
Die deutschen Yogelnamen hat Gesner zum Teil aus den
ornithologischen Schriften seiner Yorgänger kennen gelernt,
Einleitung. IX
welche immer gewissenhaft zitiert werden. Einige am Riittel-
und Niederrhein gebräuchliche Ausdrücke werden nach Albertus
Magnus angeführt, andere stammen aus drin kleinen Namens-
rerzeichnis in dem unbedeutenden "Dialogus de avibus" (1544)
des kölnischen Arztes Gybertus Longolius oder aus der reich-
haltigeren Sammlung in der im selben Jahre erschienenen
Monographie "Avium praeeipuarum, quarum apud Plinium et
Aristotelem mentio est, breuis et succineta historia" deren
Verfasser, der Engländer William Turner, ebenfalls in Köln
lebte. Für die in Sachsen üblichen Namen hatte Gesner in
Georg Agricolas et De animantibus subterraneis" (1540) eine
ziemlich dürftige Quelle, wichtiger waren dagegen die von Eber
und Peacer im Jahre 1552 herausgegebenen Vocabula, wo die
bei Aristoteles vorkommenden Vogelnamen zusammengestellt,
mit kurzen Erklärungen versehen und ins Deutsche übersetzt
sind. Neben den hier befindlichen sächsischen Benennungen er-
scheinen jedoch auch Xamen, die zweifelsohne aus Turner über-
nommen worden sind. Die bei Eber und Peucer vorhandenen
Irrtümer hat Gesner zum Teil korrigiert, aber einige Fehler
haben bei späteren Autoren viel Verwirrung zustande gebracht.
Alle die Namen, welche Gesner den genannten Vorgängern ab-
geschrieben hat, bilden nur einen geringen Teil des in der
Historia avium zusammengebrachten deutschen Namenmaterials ;
den weitaus größten Teil desselben hat er in der schweizerischen
Heimat oder durch seine vielen Korrespondenten in den ver-
schiedenen Teilen Deutschlands kennen gelernt.
Die Autorität Gesners, welche in der ornithologischen
Literatur der folgenden Zeiten deutlich zum Vorschein tritt,
beherrscht auch die Verzeichnisse von Vogelnamen, so daß sie
entweder direkt oder indirekt von Gesner abhängig sind. Dies
gilt nicht nur von den Namensammlungen in der eigentlichen
Fachliteratur, sondern auch von den Listen in den Vokabularen,
wie z.B. in den Nomenciatoren von Junius (1570) und Chy-
traeus (1581), dem Onomasticon von Golius (1575h. dem Vokabular
Ostermanns (1591), auch vom deutschen Wb. Eenischs (1616) u. a.
Alle haben sie den Charakter der Unselbständigkeit und schreiben
einander mehr oder weniger ab. Um so willkommener ist es daher.
X Einleitung.
daß einige Autoren der nachgesnerschen Zeit in ihren Werken
auch dialektische Synonyma selbständig anführen. So hat z. B.
Ostermann neben den aus Gesner abgeschriebenen Namen auch
bisweilen moselfränkische Synonyma mitgeteilt, der schlesische
Arzt Schwenkfeld, der in seinem Theriotropheum Silesiae (1603)
ebenfalls die Namen aus Gesner übernimmt, gibt meistens die
mit dem Yermerk Sil. versehene heimatliche Benennung an,
und die preußischen Ornithologen des 18. Jahrhunderts Frisch,
Klein und Reyger führen manchmal Dialektnamen aus ihrer
Heimat an. Eine noch stärkere lokale Färbung haben die Vogel-
namen in der Jägerliteratur, wie z. B. in den Jägerpractica von
Döbel (1743) und in der Angenehmen Landlust (1720) eines
unbekannten Verfassers. Im Vogelbuch des Fischers Leonhard
Baldner vom Jahre 1666 lernen wir eine Anzahl mehr oder
weniger seltener Vögel unter den in Straßburg verwendeten
Benennungen kennen, aber auch hier findet man einen ver-
einzelten Namen nach "Dr. Geßners Thierbuch" zitiert.
Wenn man das in der ornithologischen Literatur enthaltene
Namenmaterial einer eingehenden Prüfung unterwirft, so findet
man bald, daß durch das kritiklose Abschreiben der Quellen
viele Namensformen geschaffen worden sind, welche in der
Literatur immer weiter geschleppt werden, ohne irgend weiche
Entsprechung im lebendigen Sprachgebrauch zu haben. Teils
erweisen sie sich als Druck- oder Lesefehler bei irgend einem
Autor, wie z. B. Höllfine (statt Böllhine) e Bläßhuhn' bei Henisch,
Nemnich usw. und Schlichtente (statt Schluchtente) bei Schwenk-
feld u. a., teils beruhen sie auf alten Irrtümern, wie z. B. Pfaff
als Name des Ziegenmelkers bei Turner und vielleicht Triel
neben Griel bei Gesner, teils sind sie endlich gelehrte Bildungen
der Ornithologen, wie z. B. Eselschryer und Kropfvogel als Be-
zeichnungen des Pelikans und Baumgrille 'Baumläufer', eine
Analogiebildung nach Hirngrille. An diese schließen sich die
Übersetzungen oder Nachbildungen der in fremdsprachlicher
Quellenliteratur befindlichen Vogelnamen an, wie z. B. Goldadler
und Meerteufel in Kleins Historiae avium prodromus, welche
auf griech. chrysaetos und frz. diable de mer in Aldrovandis
Ornithologie zurückgehen. Daß derartige totgeborene Ausdrücke
Einleitung. XI
wie die vorhingenannten unter Umständen neue- Lehen erhalten
und sich in weitere Kreise verpflanzen können, lehn die Ge-
schichte des Wortes Immenwolf, welches ron Gtesner im Anschluß
an ein italienisches lupo de Vapi gebildet wurden ist
Wichtiger als diese zufälligen Übersetzungen der deutschen
Qrnithologen sind einige Nachbildungen lateinischer Vogelnamen,
welche durch gelehrte oder religiöse Literatur sich verbreitet
haben und im Laufe der Zeit auch in die Volkssprache ein-
gedrungen sind. Ein solches Wort ist der Ausdruck Ziegenmelker
(= lat caprimulgus), welcher auf dem Glauben beruht, daß der
Vogel in der Nacht den Ziegen die Milch aussaugt. Ein anderer
derartiger Name ist wohl Beinbrecher (= lat. omfragus\ womit
der Seeadler bezeichnet wird, w r eil man vermutet, daß er die
Knochen von seiner Beute gegen die Felsen zerschmettert.
Volkstümlicher als die beiden eben erwähnten Ausdrücke ist
der König-^mie geworden, der in Verbindung mit der Sage
von der Königs wähl der Vögel durch klassischen Einfluß in
Deutschland bekannt wurde und bereits in althochdeutscher
Zeit die alte germanische Benennung des Zaunschlüpfers ver-
drängte. Möglich ist, daß der neue Name, der in den Kom-
positionsbildungen Zaunkönig, Mäusekönig usw. besonders populär
wurde, bei der Bildung des Ausdrucks Wachtelkönig als Muster
gedient hat, aber die Vorstellung des Wiesenknarrers als Führer
der Wachteln, welche diesem Namen zugrunde liegt, scheint
auf das griech.-lat. Synonymon ortygometra (d. h. Wachtelmutter)
zurückzugehen. Im Gegensatz zu diesen Worten, welche die
gelehrte Literatur vermittelt hat, hat sich der Ausdruck Nacht-
rabe (= griech.-lat. nycticorax) als biblisches Wort eingebürgert
und ist durch moralistische Bücher und Predigten in die breiten
Schichten des Volkes gedrungen, wo man den Namen auf
Nachtvögel der einheimischen Vogelwelt übertrug und mit
mythischen Vorstellungen in Zusammenhang brachte. Es ist
anzunehmen, daß eben die sagenhaften Vorstellungen, die sich
an alle diese klassischen Vogelnamen anknüpfen, die weite Ver-
breitung derselben ermöglichten. Die Namen bieten ein instruk-
tives Beispiel dafür, daß manche volkstümliche Vorstellungen
auf gelehrten Einfluß zurückzuführen sind und daß die Mitwirkung
XII Einleitung.
der Gebildeten bei dem Entstehen von Volksvorstellungen über-
haupt nicht außer Acht gelassen werden darf.
Als direkte Entlehnung hat die lateinische Literatur wohl
nur den biblischen Namen turtur (> Turteltaube) in die deutsche
Sprache eingeführt. Weitaus größer ist aber die Zahl der auf
volkstümlichem Wege entlehnten lateinischen Vogelnamen. Be-
reits in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung haben
die Germanen durch die Römer den Pfau « lat. pävo) kennen
gelernt. Gleichzeitig müssen sie auch die Bekanntschaft mit
dem Fasan gemacht haben, dessen lateinischer Name phasiänus
im Althochdeutschen im Anschluß an huon zu fesihuon umge-
staltet wurde. Die Zeit der Übernahme dieser Namen läßt sich
nicht genauer feststellen, spätestens hat die Entlehnung im
6. Jahrhundert stattgefunden. Zu beachten ist, daß der Name
des Fasans im Angelsächsischen sich nicht findet, während der
Pfauenname dort als päwa, pea bezeugt ist. Zu der ersten Schicht
der lateinischen Lehnworte scheint ferner der Name Strauß
« lat. strütio) zu gehören, denn er hat den Charakter eines
alten volkstümlichen Lehnwortes. Dagegen ist der Name des
Sittichs « lat. psittacus) erst in der althochdeutschen Periode
übernommen worden, ebenso wie der Ausdruck ca{p)po 'ver-
schnittener Hahn', den die in Italien hochstehende Hühnerzucht
den Deutschen zuführte. Auch einige lateinische Benennungen
einheimischer Vögel haben sich in der deutschen Sprache ein-
gebürgert, aber sie sind nur auf bestimmte Gegenden beschränkt.
Das lat. Wort merula 'Amsel' hat sich am Mittel- und Nieder-
rhein als Merle (ahd. merla) festgesetzt und der Ausdruck Mösch
(ahd. musca), welcher in diesen Gegenden für den Sperling gilt,
ist wahrscheinlich auch lateinischen Ursprungs. Eine weitere
Verbreitung als diese Worte erhielt der lateinische Name mergns
'Taucher', welcher im Althochdeutschen als merrieh(o) bezeugt ist.
Von enger Wechselwirkung zwischen Germanen und
Romanen zeugt die Terminologie der Falkenjagd, die in den
ersten nachchristlichen Jahrhunderten — wahrscheinlich vom
Osten her — in Europa bekannt wurde. Während in den roma-
nischen Sprachen einige wichtige Namen für Falken und Habichte
(frz. gerfaut, eme'rillon, epervier) germanischen Ursprungs sind,
Einleitung. XIII
stammen andererseits die mittelhochdeutschen Termini mityäre
(= anord. mütari) 'Mauserfalke' (= lat. mutarius), terzil 'Habicht-
oder Falkenmännchen' ( = mittellat. tertiolus), pilgerin 'Wander-
falke' (= lat. peregrinus), lauer 'unedler Falke' (= mittellat.
lanarlus) aus dem romanischen Sprachmaterial. Auch der Name
falco selbst ist wohl ursprünglich ein lateinisch-romanisches
Wort. Erst spät bezeugt ist der Ausdruck Bussard, welcher auf
afrz. busart zurückgeht.
Die mächtige französische Kulturströmung, welche im 12.
Jahrhundert in Deutschland einsetzt, hat auf die Vogelnamen
keinen dauernden Einfluß ausgeübt. Nur am Niederrhein hat
sich das französische Wort perdrix 'Rebhuhn', das in der höfisch-
niederdeutschen Form pardrisekin in der oberdeutschen Epik
erscheint, erhalteü. Als höfisches Wort drang auch frz. calandre
(> f/alander) 'eine Lerchenart' in die deutsche Literatur, aber
in der Volkssprache konnte der Name, der keinen heimischen
Vogel bezeichnete, nicht Eingang finden. — In den Quellen
des 16. Jahrhunderts kommen die aus dem Französischen ent-
lehnten Vogelnamen Pidvier (Pülross) 'Goldregenpfeifer' (= frz.
pluvier) und Pittouer 'Rohrdommel' (= frz. butor) vor; der letzt-
genannte Name ist noch am Niederrhein üblich. Aus den Jäger-
kreisen hervorgegangen ist das französische Lehnwort Bekassine)
(aus becasse, bScassine), das in der ersten Hälfte des 18. Jahr-
hunderts üblich wird. Dasselbe gilt wohl auch von dem gleich-
zeitig auftretenden französischen Namen Milan. Die in der
ornithologischen Literatur verwendeten Ausdrücke Balle « frz.
rdle, mittellat. rallus) und Cormoran « frz. cormoran < lat. corrus
marinus) sind der Volkssprache fremd geblieben. In den an der
französischen Sprachgrenze gelegenen Landschaften und beson-
ders in Luxemburg, wo das Deutsche mit französischen Elementen
durchsetzt ist, findet man unter den Fremdworten auch manchen
Vogelnamen. Von den elsässischen Dialektnamen ist wohl Boller
'Mandelkrähe' französischen Ursprungs. Auch die in der Schweiz
für Eulen verwendeten Benennungen Huri, Hüruiv stammen
vielleicht aus dem Französischen.
Durch den Vogelhandel, den die südlich der Alpen wohnenden
Romanen in deutschen Grenzbezirken trieben, sind einige ita-
XIV Einleitung.
lienische Namen in die südöstlichen Mundarten gedrungen.
Gesner erzählt in seinem Yogelbuch, daß nach der Schweiz be-
stimmte fremde Eulenarten importiert wurden, für die man einen
verhältnismäßig hohen Preis zahlte. Diesem Eulenhandel haben
wir es wohl zuzuschreiben, daß der italienische Dialektname
chiuino, welcher die Zwergohreule bezeichnet, in einem althoch-
deutschen Glossar als kiuino erscheint. Dieselbe Eulenart ist
heute unter dem Namen Tschafit(tel), Schofüttel (im 15. Jh. be-
zeugt), der dem gleichbedeutenden italienischen ci(o)vetta ent-
lehnt ist, im Südosten des deutschen Sprachgebiets bekannt.
Hier kommen auch für die Gartenammer und den Leinfinken
die italienischen Namen Ortolan (im 17. Jh. in der italienischen
Lautform Ortolano bezeugt) und Ziserinchen (= ital. sizerino) vor.
Wie diese beiden Ausdrücke, so kam ital. citrinella, der Name
des südlichen Zitronenfinken, durch den Vogelhandel in die
Sprache und ist als Zitrinle(in) im 16. Jahrhundert öfters belegt.
Der Hauptimport von Vögeln nach Deutschland wurde je-
doch nicht von Italienern, sondern von slavischen Vogelhändlern
besorgt. Die Bedeutung des slavischen Vogelhandels geht am
besten hervor aus den vielen Lehnworten, welche er in die
deutsche Sprache eingeführt hat. "Wir können diesen Handel
bis ins 13. Jahrhundert zurück verfolgen, wo die slavischen
Vogelnamen zisic 'Zeisig' und stiglüz 'Stieglitz' in den Abschriften
der Versus die Originalglosse distilftnco 'Distelfink' zu ersetzen
beginnen. Von Albertus Magnus erfahren wir, daß der Name
stiglüz um die Mitte des 13. Jahrhunderts noch eine beschränkte
Verwendung ("apud quosdam") hatte ; der Zeisig-Name wird von
ihm als Vulgärausdruck bezeichnet. Heute sind beide Namen
in Deutschland allgemein üblich. In das 14./15. Jahrhundert
fallen die ersten Zeugnisse für das Wort Krinitz 1 (= wend.
slcrjnc), mit dem man in den ostmitteldeutschen (nach Popowitsch
auch in schwäbischen) Mundarten den Fichtenkreuzschnabel
bezeichnet. Aus dem 15. Jahrhundert haben wir auch einen
deutschen Beleg für das Wort hyl (bei Gesner Hau), die czechische
Bezeichnung des Gimpels; ein anderes slavisches Synonymon
(poln. mieguta) ist im 18. Jahrhundert als Schnigel belegt. Im
1 Vgl. S. 141 und Weigand Deutsches Wörterbuch P, 1153.
Einleitung. XV
ganzem östlichen Deutschland verbreitet ist der Ausdruck Tschet-
scher(lein) 'Leinfink', dem das poin.-czechische Wort cecet(ka)
zugrunde liegt. Wenn zu den zahlreichen Varianten dieses
Namens — wie höchst wahrscheinlich ist — auch das schweize-
rische Synonymem Schössli gehört, so haben wir das früheste
Zeugnis für die Entlehnung in der Glosse schessliti aus dem
Ende des 15. Jahrhunderts zu sehen. Ungefähr aus derselben
Zeit stammt der erste Beleg für den in Niederdeutschland vom
Bluthänfling gebrauchten Ausdruck Ertsche, Iritsch, dessen
Etymon das gleichbedeutende czech. jiric ist. In Sachsen und an-
grenzenden Mundarten wird heute der Grünfink Wonitz (SrJncunsch)
genannt; der Name, welcher im 16. Jahrhundert auftaucht, ist
entlehnt aus dem polnischen Synonymon dzwoniec. Slavischen
Ursprungs ist wohl auch der im 16. Jahrhundert bezeugte ost-
mitteldeutsche Ausdruck Wüstling 'Hausrotschwanz'. In Schlesien
hat sich der czechische Name dlesk, dlask 'Kernbeißer' als Leske,
Laschke eingebürgert; das czechische jikavec, die Benennung des
Bergfinken, hat sich wieder in den südöstlichen Dialekten Öster-
reichs und Steiermarks festgesetzt. Hier ist auch das Synonymon
Pienk heimisch, das ebenfalls eine slavische Entlehnung zu sein
scheint.
Alle die vorhingenannten slavischen Lehnworte sind Be-
zeichnungen für Sing- und Käfigvögel, welche von den Vogel-
stellern auf den Markt gebracht wurden. Im Gegensatz zu dieser
Gruppe finden wir wieder einige andere aus den slavischen
Sprachen übernommene Vogelnamen, welche nicht durch den
Vogelhandel vermittelt worden sind. Der ältest bezeugte Name
unter diesen ist Trappe (> poln.-czech. drop). Das Wort, das
schon ums Jahr 1200 belegt ist, ist heute allgemein gebräuchlich.
Die übrigen Namen haften nur an dem ehemals slavischen
Sprachboden, wo die beiden Nachbarstämme früher in enger
Berührung mit einander lebten. Solche Dialektnamen sind Lietze
(vgl. poln. lyskd) 'Bläßhuhn', Korke « czech. norek, wend. norjak)
'Steißfuß', Tschoie « sloven. Sota) 'Häher' und Göksch « czech.
kokos) 'Hahn', Husche « wend. huze) 'Lockruf und Name der Gans'.
Aus den verwandten germanischen Sprachen haben die
Deutschen überhaupt keine Vogelnainen entlehnt. Doch ist zu
XVI Einleitung.
bemerken, daß einige Wasservögel des hohen Nordens an der
norddeutschen Küste unter ihren skandinavischen Namen be-
kannt sind, und der isländische Name der Eidergans hat eine
weite Verbreitung durch den Daunenhandel gefunden. Die nach
Deutschland importierten exotischen Vögel haben teils ihre
heimischen Benennungen bewahrt, wie der Sackerfalke und der
Papagei, deren Namen arabischer Herkunft sind, teils werden
sie nach ihrer Heimat benannt, wie der Kanarienvogel und
das indianische Huhn (= Truthuhn).
Wenden wir uns nach der Ausscheidung der Lehnworte
dem heimischen Namenmaterial zu, so finden wir, daß alle
germanischen Sprachen gemeinsame Bezeichnungen für den
Kuckuck, den Staar, den Sperling, den Zaunkönig, die Schwalbe,
die Drossel, die Lerche, die Meise, die Krähe, die Saatkrähe,
den Baben, die Taube, das Huhn, die Eule, den Uhu, den Adler,
den Habicht, die Schnepfe, den Kranich, den Storch, den Beiher,
den Schwan, die Scharbe, die Möwe, die Gans und die Ente be-
wahrt haben 1 . Den westgermanischen Sprachen gemeinsam sind
Benennungen für die Nachtigall, die Amsel, die Goldammer,
den Finken, den Distelfinken, den Pirol, den Neuntöter, den
Häher, die Dohle, die Elster, die Wachtel, das Auerhuhn 2 , die
Bekassine, den Seeadler, die Wasserläufer (elsäss. Steingellel =
ags. stängella), die Taucher (elsäss. Bauche = ags. cluce) und die
Pfeifente. Mit dem Nordischen hat das Deutsche einige Namen
gemeinsam, av eiche dem Englischen fehlen : ahd. späht ~ anord.
spdtr 'Specht', ahd. wa^arstelh ~ anord. stelkr 'eine Art Wasser-
läufer'; andererseits fehlen wieder dem Deutschen manche Be-
nennungen, welche dem englischen und nordischen Sprachzweige
eigen sind, vgl. ags. (geolw)earte ~ anord. ertla 'Bachstelze', ags.
glida ~ anord. gleda 'Weihe'. Auf Grund dieses Namenmaterials
kann man natürlich keine richtige Vorstellung davon gewinnen,
welche Vögel in der urgermanischen Zeit als verschiedene Arten
1 Dem ahd. müsäri 'Bussard' entspricht in den angelsächsischen
St. Galler Glossen die Form miiseri; doch ist es sehr fraglich, ob diese
Glosse rein angelsächsisch ist.
2 Von den Varianten ürhano und orrehuon hängt die erstgenannte mit
ags. wörhana zusammen, während die letztere mit anord. orre übereinstimmt.
Einleitung. XV!I
von einander unterschieden and mit besonderen Namen benannt
wurden: denn ohne Zweifel sind eine ganze Menge alter Vogel-
namen im Laiite der Zeit spurlos verloren gegangen. Diesen
Verlust alter Namen können wir in der historischen Zeil oft
deutlich verfolgen. s»> zeigen uns z. 1>. die Denkmaler der alt-
hochdeutschen Sprachperiode, daß das Wort wrcmlo, der alte
Name des Zaunkönigs, bereits im Absterben ist und dal! der
auf antiken Einfluß zurückgehende König-Name dessen Platz
einnimmt. Den westgermanischen Namen da<, Seeadlers, der in
il^Y althochdeutschen Form eringrio% öfters belegt ist, können
wir bis ins 15. Jahrhundert verfolgen, wo die letzten Spuren
davon verschwinden. Nur selten ist das Yerschwinden des Namens
in einer bestimmten Gegend durch das Aussterben des betreffen-
den Tegels verursacht, wie z. B. beim Namen des AValdraben
der Fall ist. In den allermeisten Fällen ist die Ursache dieses
Prozesses darin zu suchen, daß immer neue mundartliche Syn-
onyma aufkommen, welche sich auf Kosten der schon vorhandenen
verl »reiten. Ein charakteristisches Beispiel hierfür bieten die zum
Teil aus der Kindersprache hervorgegangenen Dialektnamen für
die Ente, die Gans und den Hahn, welche an manchen Orten die
alten Gattungsnamen ganz, verdrängt haben. Dieser fortwährend
sich wiederholende Ersatz alten Namenmaterials durch neues
ist der Hauptgrund dazu, daß so wenige indogermanische Vogel-
namen im Deutschen erhalten geblieben sind. Europäischen und
asiatischen Sprachen gemeinsam sind nur die Namen Ente und
Gans. Auf mehrere europäische Sprachen sich erstreckende Ur-
verwandtschaft zeigen die Namen Aar, Kranich und Belche 1 ,
auch wohl Drossel und Sperling] dagegeu findet das Wort Staar
nur im Latein und die Namen Elbs und Rebhuhn (?) nur im
Slavischen Entsprechung. Unsicher sind die Gleichungen Storch
= griech. töptoc, Amsel = lat. merula, ahd. kreia "junger Kranich'
= lat. grüs : ganz problematisch wieder Specht = lat. jn<-u.<.
Schwalbe = griech. dXxudiv, Fink = griech. cirrftoc, Gaudi =
lit. geguze.
Die Schwierigkeiten, welche sich der lautgesetzlichen Er-
1 Über die Verwandtschaft des Wortes Belche mit den entsprechenden
lateinischen und griechischen Namen vgl. S. 302 f.
XVIII Einleitung.
Schließung des vorgeschichtlichen Wortmaterials hemmend in
den Weg stellen, sind besonders auf dem Gebiete der Vogelnanien
fühlbar, wo die zahllosen onomatopoietischen Neuschöpfungen
in den urverwandten Sprachen oft ein übereinstimmendes Aus-
sehen haben, das leicht den Schein der Urverwandtschaft er-
weckt. Hier hat man auch mehr als auf manchem anderen Gebiete
mit volksetymologischen Analogiebildungen zu rechnen, welche
dem vergleichenden Sprachforscher verborgen bleiben. In der
historischen Zeit lassen sich diese Wirkungen der Volksetymo-
logie in vielen Fällen klar durchblicken. Besonders leicht fallen
der Volksetymologie zum Opfer die aus fremden Sprachen ent-
lehnten Namen, die im einheimischen Wortschatz keine Stütze
haben. So hat sich das lat. phasiänus im Anschluß an das nahe-
liegende ahd. huo)i e Huhn 3 zu fesihuon und die französische Form
faisan im Anschluß an Hahn zu Faßhahn verwandelt. Die sla-
vischen Lehnworte Krinitz und Schivnnz werden zu Grünitz
und Schwanz umgebildet und der aus dem Französischen über-
nommene Name Bussard ist im Anschluß an Aar zu Bußaar
umgestaltet worden. Aus dem Kanarienvogel haben die Mund-
arten einen Kanaljenvogel gemacht. Aber auch eine Menge ein-
heimischer Vogelnamen sind volksetymologischer Umbildung
anheimgefallen. Nachdem im althochdeutschen Kompositum hor-
gans der erste Teil ungebräuchlich geworden war, wurde daraus
Heergans gemacht und in ähnlicher Weise haben sich aus ahd.
*horsnepfa die Formen Heerschnepfe, Haarschnepfe und Harr-
schnepfe entwickelt. Der althochdeutsche Name ivargengil e Neun-
töter' hat in der heutigen schlesischen Mundart die Varianten
Wagenkrengel und Gartenkrengel ergeben, die sich an das Wort
krengeln 'quälen 5 anlehnen, und aus dem althochdeutschen Syno-
nymon dorndrdil sind in den Dialekten die Formen Dornreich,
Dorndreckeier, Dornkrdeel, Dorngreuel usw. hervorgegangen. Viel-
fach umgestaltet worden ist auch der ^4wmer-Name, der in der
abgeleiteten Form Ämmerling zu Hämmerling und in der zu-
sammengesetzten Form Goldammer zu Goldhammer, Gaulammer
und Gaideimer geworden ist. Aus dem alten steirischen Ausdruck
hardiUa), der die Bachstelze bezeichnet, hat man später die Formen
Schafhalterl (Schafhirt), Sauherterl und Kuhherterl (Sau- und
Einleitung. XIX
Kuhhirt) gebildet und im Elsaß erscheint die althochdeutsche
Falkenbenennung wannentveho als Manntwächter. Durch rolks-
etymologische (Jmgestaltang entsteht ferner aus ahd. distilzwio
die Form Distelzweig, aus ahd Ißkfinco nhd. Lobfinke, aus andd.
hliun'nig und. Hiiling und aus ahd. heharu, Hera nhd. Herrewogel.
In ähnlicher Weise wird Blaurack zu Blaurock, 8chneekatel zu
Schneekater, Bachstelze zu Bockstelze, Gelegen zu Gelgerst oder
Gelegos, Neunmörder zu Einmörder, Hanfmeise zu Handmeise,
Pirol zu Bierhol, Bierholer oder Biereule, Haselhuhn zu Hasen-
huhn, Rötelweih zu Rötelweib, Holbrot(er) zu Holbruder, Krichente
zu Kriechente, Mer(r)ach zu Meerrache, Seeteuchel zu Seeteufel usw.
In anderen Fällen, wo der Verdacht an volksetyniologische Um-
bildung nahe liegt, ist die ursprüngliche Namensform nicht
sicher erreichbar, vgl. z. ß. Grasmücke, Rebhuhn, Wachtel und
Hirngrille.
Eine auffällige Umgestaltung der zusammengesetzten Vogel-
namen ist die Umstellung der Kompositionsglieder, welche man
in verschiedenen Mundarten beobachten kann. In der Schweiz
heißt das Rotkehlchen nicht nur Rotbrüsteli, Husröteli und Dach-
röteli, sondern auch Bruströteli, Rothuserli, Rotdacheli. Man könnte
annehmen, daß hier eine gegenseitige analogische Beeinflussung
der erstgenannten Namensformen stattgefunden hätte, aber die-
selbe Umstellung der Glieder kommt auch in Thüringen vor,
wo neben Radkelchen die Form Kälredchen, neben Rodzdel die
Form Zdlroden vorkommt, und durch dasselbe Umstellungsprinzip
sind die Doppelformen Beinsterze und Sterzbeinchen 'Bachstelze'
in Oberhessen, Wihoppe und Hopwiweken 'Wiedehopf in Altmark
zu erklären. Ohne Zweifel setzt auch der westfälische Name Kel-
witte (d. h. Kehlweiß) 'BachamseT eine Form *Witkele voraus;
unsicher dagegen ist, ob Bomphorn, eine niederdeutsche Be-
zeichnung der Rohrdommel, aus Hordump, und Rappenkeib
(d. h. Rabenaas), ein elsässisches Dialektwort für den Raben,
aus Keihrappe umgebildet ist. Diese sprachliche Erscheinung,
welche übrigens einer eingehenden Untersuchung wert wäre,
scheint in einer Art Spieltrieb zu wurzeln. Darauf deuten auch
solche Formen wie schmalkald. Steinherze statt Beinsterze.
Eine andere Art Umbildung der Komposita findet dadurch
Suolahti, Vogelnamon.
XX Einleitung.
statt, daß das zweite Kompositionsglied ausgelassen wird. Dieses
Abkürzungsprinzip, das aus dem Bequemlichkeitstrieb sich leicht
begreifen läßt, ist in der Sprache keine ungewöhnliche Er-
scheinung. Unter den Yogelnamen findet man mehrere Beispiele
dafür. Im Elsaß wird die Misteldrossel kurzweg Mistel und der
Krammetsvogel wieder Krammets genannt; in der Schweiz er-
scheint die Form Räckholter statt Räckholtervogel. In derselben
Weise werden im Elsaß und in der Schweiz Distelfink zu Distel,
Goldfink zu Goll verkürzt und in Schlesien kommt die Form
Luh statt Luhfink vor. In Steiermark hat der Auerhahn den
Namen Brom, der eine Verkürzung von Bromhahn ist. Vielleicht
ist auch die dialektische Form Bleß als Verkürzung von Bleß-
huhn und Burz, Bürzel als Verkürzung von Burzhuhn, Bürzel-
taube aufzufassen. — Neben den zusammengesetzten Vogelnamen
kommen manchmal auch abgeleitete Namensformen vor, welche
als Kurzformen zu jenen aufgefaßt werden können, vgl. Krana-
beter, Kramser neben Krammetsvogel, Sprosser neben Sproßvogel,
Zäunert neben Zaunkönig, Nussert neben Nußhäher, Stocker
neben Stockente usw. Es ist jedoch schwer eine Grenze zu ziehen
zwischen diesen Kurzformen und den Ableitungen, welche ohne
Rücksicht auf ein Kompositum gebildet sind.
Wenn wir das Augenmerk auf die ableitenden Formantien
richten, welche bei der Bildung von Vogelnamen zur Anwendung
kommen, so finden wir, daß unter den Namen, welche uns in
der althochdeutschen Periode entgegentreten, einige maskuline
a-Stämme mit unterlaufen : gouch, speht, hraban, hruoh, eringreo%,
gir, storah, swan; von den zwei femininen i-Stämmen gans und
anut hat jener früher konsonantisch flektiert 1 .
Den weitaus größten Teil des überlieferten althochdeutschen
Namenmaterials bilden die maskulinen (J)an-Stänime und die
femininen (J)dn-Stämme (eventuelle o-Stamme sind nicht nach-
zuweisen), vgl. die Maskulina wrendo, amero, finco, sparo, hrabo,
hano, krano, odobero, heigaro, ivio, (tvannen)weho, aro, sprinze und
die Feminina swalwa, drösca, lerahha, meisa, sprd, krdwa, daha,
1 In den «-Stämmen habuh und kranuh und in dem maskulinen
t'-Stamm elbiz, ist der auslautende Konsonant ein ableitendes Element,
s. S. XXII.
Einleitung. XXI
kd, kakO) a;/((. iichara. tüba, u<iht<d<i. kr* ■///. an'da. Von manchen
Namen kommen sowohl maskuline wie feminine Können vor.
vgl. wituhopfo nel>on wituhopfa^ snepfo neben snepfa, staro neben
aftzra, belihho neben bclihha, soarbo aeben »carba. — Von den
Bildungen auf (,;>« und (;>m sind and. distüzufo (d h. Dfetel-
rupfer), nihd. icun/c/Jtdhe (d. )i. Wülgerhenker) und rorp/tose (d. h.
Rohrzischer) sowie ahd. nahtigala (d. h. Nachtsängerin) und wahr-
scheinlich auch wa^erstelza (eigtl. wohl Wasserstelzerin) und
grasemueka (eigtl. wohl Grasschlüpferin) von Verben abgeleitete
Nomina agentis. Die neueren Mundarten bewahren noch andere
derartige Bildungen, die in der älteren deutschen Überlieferung
nicht bezeugt sind: der Tagschlaf, der Kernbeiß, der Bienen-
schnapp, der HolzscJier, der Haber blarr, der Erdbüll und die »S'tetn-
srhmatz, die Schnarre, die Nuatebicke, die Nattenvinde (vgl. die
Glosse nadaruuinda in Ahd. Gll. IY, 206 35 ), die Glucke, die
Bauche (= ags. cfofce). Es sind diese Xamensfornien erstarrte
Reste der alten Bildungsweise, die schon seit langem aufgehört
hatte, produktiv zu sein.
Das heute übliche Suffix zur Bildung maskuliner Nomina
agentis ist er (ahd. dri), welches in Yogelnamen nicht nur zur
Ableitung von Nomina agentis aus Yerben, wie z. B. Zerrer,
Kleber, Baumläufer, Nußbicker usw., zur Anwendung kommt,
sondern auch von Substantiven Namen bildet, welche mit dem
Grundwort in einem viel loseren Zusammenhang stehen, vgl.
Löffler, Mistler, Gabler, Bruster, Kröpper, sowie Kranabeter,
Stocker 1 u. a. — Bereits im Althochdeutschen finden wir das
ar/-Suffix in den Namen müsdri sjxiruxlri, welche wohl aus
älteren Komposita müs-aro und spanv-aro umgebildet sind, und
in dem Nomen agentis tuhhdri (d. h. Taucher). Neben der letzt-
genannten Namensform findet sich auch die Form tühhil die
eine Ableitung mittels des *7a-Suffixes ist. In der althochdeutschen
Periode war dieses zur Bildung von maskulinen Nomina agentis
noch produktiv und konkurriert somit mit der alten (/)a«-Bildung
und dem Suffix dri, von dem es später verdrängt worden ist;
wir finden das Suffix üa mit dieser Funktion außer in tühhü
noch in den althochdeutschen verbalen Ableitungen dorndrdil
1 Vgl. S. XX.
XXII Einleitung.
'Dorndreher', stÖT&il 'Stösser', in mhd. boumheckel 'Bauinhacker',
gümpel (d. h. Hüpfer), beinbrüchel 'Beinbrecher', in nhd. dial.
Steingellil, Nnßbickel, Mattknitzel. Auch von Nomina werden mit
ila oder mit dessen erweiterter Form ilan, ilon Namen gebildet,
vgl. ahd. rötil und rotilo 'Rotkehlchen* (zu rot), hardila 'Bach-
stelze' (wohl zu ahd. hard), mhd. grez^el 'Leinfink* (zu gra%), nhd.
dial. der Hanfei 'Hänfling {zu Hanf), die Horbel 'Bläßhuhn'
(zu ahd. horo). Möglicherweise hat das Suffix in den letztge-
nannten Vogelnamen auch eine deminutive Nebenbedeutung.
Deutliche Deminutivbildungen sind dagegen ahd. ivrendilo 'Zaun-
könig' neben wrendo und dröscala 'Singdrossel' neben drosca
'Drossel', nhd. Atzel (ahd. *agazala) neben ahd. agaza, vielleicht
auch uwila 'Eule' neben Schweiz, Uiv 'Uhu' und hüchila 'Eule'
neben ndd. hüc 'Uhu', mhd. tvergel 'Neuntöter' zu wäre 'Wolf.
Undurchsichtiger ist die Bildungsweise in ahd. amsala, wigla,
ivahtala, deren Etymologie nicht ganz sicher ist.
Die Ableitungen auf il sind manchmal durch das Suffix
inga erweitert worden und haben so dazu beigetragen, die Suffix-
form linga ins Leben zu rufen, welche bei der Bildung von
Yogelnamen besonders beliebt ist. Die altgermanischen Dialekte
weisen vereinzelte Namen auf, welche mit der einfacheren Form
inga gebildet sind, vgl. anord. meisingr, andd. hliuning, ahd.
amering ; dazu noch nhd. dial. Ziering, Fiting, Schnir(r)ing, Hüting.
Besonders produktiv ist aber die Suffixform linga geworden,
die ebenfalls schon in den altgermanischen Sprachen Yogel-
namen bildet, vgl. anord. kjtiklingr, ags. swertling, yrdling, duce-
ling, slcerling, ahd. amerling, Sperling, mhd. durling, rudeling,
mnd. geiteling, in neueren Mundarten Bleßling, Dröschling, Düme-
ling, Fisterling, Flinderling, Gerstling, Gilbling, Greßling, Grinsch-
ling, Grünling, Hänfling, Hüling, Iserling, Sprinzling, Sticherling,
Winterling, Wüstling, Zaunling, Zehrling, Zitscheding. Das Suffix
gibt diesen Namen, welche fast ausschließlich Bezeichnungen
kleiner Singvögel sind, einen deminutiven Anstrich.
Ein altes ^-Suffix zeigen got. ahaks 'Taube' und die alt-
hochdeutschen Yogelnamen habuh und kranuh (neben einfacherem
krano)', wahrscheinlich haben wir dieselbe Bildungsweise auch
in mhd. ivitewalch 'Pirol' (neben einfacherem witewal) und viel-
Einleitung. XXIII
leicht in andd. küc (aus hü(w)uc?). Bin ähnliches Suffix, das
noch einer genaueren Untersuchung bedarf, finden wir in einigen
ostmitteldeutschen Vogelnamen: thür. Spatzi<h. sächs. Sp<>f:i ; /,
schles. Sj)atz(/er (zu Spatz), thüring. Lihvich 'Gimpel' (zu Loh, das
aus Lobfink verkürzt ist, ähnlich wie schles. Luh, Lüch aus Luh-
fink, Lohfink), sächs. Zschwunschig "Grünfink' (zu Srhwunsch aus
poln. dzwonice), schles. Gamchich 'Gänserich' (zu Gansch), ferner
auch in mnd. wedich 'Enterich' (zu ndd. Wet) und nnd. Duwek
'Täuberich', denen in niederdeutschen Mundarten die Bildungen
Wederik, Dütverik zur Seite stehen. Ein erweitertes Suffix ikan :
ikön findet sich in ahd. belihho, belihha und steir. Srhmelche
'Singdrossel, Stadtschwalbe usw.* (falls aus *smal-ihha entstanden),
sowie in spätahd. sperche (aus *sparihho oder *sparihha), dessen
k schon vorgermanischen Ursprungs zu sein scheint. Ob auch
in ahd. lerihha der germ. Är-Laut ableitend ist, muß wegen der
dunklen Etymologie des Wortes dahingestellt bleiben.
Das urgermanische Suffix astrjoin) : istrjo(n), welches im
Englischen und Niederländischen produktiv blieb, um weibliche
Nomina agentis zu bilden, hat sich in einigen Yogelnamen er-
halten: andd. agastra, ahd. agalastra (neben aga = ags. agu)
'Elster' und ags. hulfestre, ostfries. wüster (vgl. ags. hwilpa) 'Regen-
vogel', auch wohl im amittelfränk.-andd. list(e)ra 'Drossel'.
Ein altes Ableitungselement ist ferner -it- im ahd. elbi%
'Schwan' (zu lat. alb-us) und wohl auch im spätmhd. knüllis
'Streitschnepfe' (zu knüllen 'prügeln'). In der Weiterbildung it-jö
finden wir dieses Suffix in ahd. agazza (zu aga) 'Elster' und
amirzo, emirza (zu amar) 'Ammer', welches in der Schweiz als
Emmeritze und Emmeritz vorkommt.
Die Form Emmeritz hat sich an eine Anzahl Namen an-
gelehnt, welche auf itz ausgehen. Dieser Typus ist in die Sprache
entlehnt mit den slavischen Vogelnamen auf -ec oder -4c (vgl.
dzwoniec usw.) : Stieglitz, Krinitz, Iritsch, Ikairitz. Woinfz. An diese
Gruppe haben sich dann Krammitz (aus Krammets(vogel)) y Kibitz
(aus Libi%) und Emmeritz angeschlossen, und nach dem Muster des
letztgenannten Namens hat man dann die Synonyma GeliU (in
Schwaben) und Golitschke, d. h. Golditzke (in Schlesien) geschaffen.
Auch die Namen Girlitz und Giritz zeigen das fremde Suffix.
XXIV Einleitung.
Die verschiedenen Geschlechter der Vögel werden entweder
durch suffixale Ableitung oder durch ganz besondere Namen
ausgedrückt. Überhaupt wird jedoch der Geschlechtsunterschied
bei Yögeln wenig beachtet. Wie in der Klasse der Säugetiere,
so kommt er auch in der Yogelwelt hauptsächlich in Betracht
bei den zahmen Tieren. Für den Jäger aber, der zu wilden
Yögeln in nähere Beziehung tritt, ist der Geschlechtsunterschied
auch hier von Bedeutung, und so unterscheidet er wie bei dem
Hausgeflügel den Hahn und die Henne, die Gans und den
Gänserich, die Ente und den Enterich. Ebenso hatte der Falkner
besondere Namen für den männlichen Falken, Habicht und
Sperber; dieser wurde mit dem Namen sprinze, die beiden erst-
genannten wieder mit dem Ausdruck terzil von den weiblichen
Yögeln unterschieden. Auch der Vogelsteller, welcher mit der
befiederten Welt besonders vertraut ist, unterscheidet immer
das Männchen vom Weibchen und verwendet für sie auch
manchmal verschiedene Ausdrücke ; so wird der männliche Gimpel
als Gügger von dem weiblichen, der Quetsch, unterschieden. Aber
wenn wir von Jägern und Vogelstellern absehen, so wird auf
den Unterschied der Geschlechter bei wilden Yögeln wenig Acht
gegeben. Wo er deutlich hervorgehoben werden soll, geschieht
dies heute durch die Ausdrücke Männchen und Weibchen 1 . In
den Dialekten kommen jedoch für den Spatzen, welcher in der
nächsten Nähe des Menschen lebt, die Maskulinbildungen Spetzert,
Spetzerich und Sparkäz neben Spatzenmännel vor.
Eine wichtige Rolle spielt der Geschlechtsunterschied natur-
gemäß beim Hausgeflügel, zu dem außer Huhn, Gans und Ente
auch die Taube gezählt werden muß. Nach der Annahme von
Hahn, Schrader u. a. wurde das Huhn bei den Germanen erst
in verhältnismäßig später Zeit zum Nutzvogel gemacht, aber
vorher war der Hahn als Zeitverkünder schon lange in der
Umgebung des Menschen gewesen. Dazu stimmt, daß die ger-
1 In älteren Perioden wurde das weibliche Geschlecht durch Ab-
leitung mittels des Suffixes innjö ausgedrückt. Von solchen Feminin-
bildungen sind ahd. arm 'weiblicher Adler', swanin 'weiblicher Schwan'
und h?nin 'Henne', pfdwin 'Pfauhenne' überliefert. Erhalten hat sich diese
Ableitungsart in dem letztgenannten Namen und in Bezeichnungen der
weiblichen Taube : Täubin, Schweiz. Chütin.
Einleitung. XXV
manischen Sprachen den Hahn mit einem gemeinsamen Namen
benennen; auffällig ist aber, daß daneben als Gattungsname ein
neutraler es-Stamm *h6niz vorkommt, dessen Vokalablaut auf
eine sehr frühe Zeit zu weisen scheint. Das weibliche Huhn
wird im Westgermanischen mittels eincr/VJ-Ableitung vom Hahnen-
namen, im Nordischen mittels einer Jon- Ableitung von der kom-
munen Benennung bezeichnet. Beim übrigen Hausgeflügel, der
Gans, der Ente und der Taube, wo der Gattungsname feminin
ist, genügt dieser meistens zur Bezeichnung des Weibchens,
während für das Männchen besondere Maskulinbildungen nötig
sind ! . — Das Verhältnis der alten maskulinen Namensform
ahd. gana^o, ganzo zum Gattungsnamen Gans ist nicht völlig
klar. Auch im ahd. anutrehho, der ältesten Bezeichnung des
Entenmännchens, die man offenbar als Kompositum aufzufassen
hat, ist das zweite Element (ndd.-engl. drake) nicht durchsichtig.
Im Anschluß an die Eigennamen auf -rieh ist aus ahd. anntrehho
die nhd. Form Enterich hervorgegangen, welche die Analogie-
bildungen Gänserich, Täuberich, Wederik, Spetzerich und auch
wohl Wuderich, Schisshöfferich 'Wiedehopf hervorgerufen hat 2 .
— Die älteste deutsche Bezeichnung der männlichen Taube ist
das im 12. Jahrhundert belegte Kompositum tübhai, d. h. Tauben-
hüter. Im 14. Jahrhundert tritt dann in gleicher Bedeutung die
abgeleitete Form tuber = mnd. düver auf; im 15. Jahrhundert
finden wir die ähnlich gebildete Form ganzer, ganser 'Gänserich/,
und in neueren Mundarten erscheint auch die Form Enter
'Enterich'. Neben den Maskulinbildungen Tauber, Ganzer und
Enter kommen in mittel- und niederdeutschen Mundarten die
Formen Taubert, Ganzert, Entert vor, die ihren Typus von den
Eigennamen -hart bekommen haben 3 ; der früheste Beleg gansz-
1 Für das Taubenweibchen werden jedoch auch die Femininbildungen
Täubin, Ciültin verwendet (s. S. XXIV), und für die Gans und Ente kommen
im Elsaß die Formen Gansläre und Entläre vor, s. S. 4:24.
2 Wenn die mittelniederdeutsche Form düven'ch aus der im Anfang
des 16. Jahrhunderts bezeugten Form düverinc entstanden ist, die als
Weiterbildung von der Maskulinbildung düver aufgefaßt werden kann, so
könnte sie bei der Bildung des Typus auf -rieh mitgewirkt haben. Aber
düverinc ist doch wohl eher als Umbildung von düverich aufzufassen.
3 Dieser Typus findet sich auch in anderen Vogelnamen, vgl. mnd.
XXVI Einleitung.
hart stammt aus dem 15. Jahrhundert. Schließlich erscheinen
auch die Suffixformen ar(n) und hom in mnd. düvar(n) und
duphorn, niederhess. Dubhorn. Wahrscheinlich liegt allen diesen
Varianten ein altes maskulines Suffix zugrunde, welches bereits
in ahd. kataro 'Kater' und ags. gandra 'Gänserich' zum Yorschein
kommt. Für Kluges Annahme, daß die ursprüngliche Lautgestalt
des Suffixes als haro anzusetzen sei, sprechen die Varianten
hart und hörn. — Außer den eben erwähnten alten Maskulin-
bildungen kommen in den Mundarten auch neuere Zusammen-
setzungen (wie Entenmann und Antvogel) und vom Gattungs-
namen ganz unabhängige Ausdrücke vor. Von den letztgenannten
knüpfen Gockel e Hahn', Ratsche (und vielleicht Erpel) 'Enterich',
Rucker und Küter 'Täuberich' (schon im 14. Jahrhundert als küto
belegt) an die Stimme des Vogels an, während Wet 'Enterich'
und Geidl 'Gänserich' wohl mit Lockrufen in Verbindung stehen
und Gäred, Gäber 'Gänserich' Personennamen sind; der nord-
deutsche Name Wart 'Enterich' bedeutet 'Hüter' und bildet also
eine Parallele zu tübhai 'Täuberich'.
Das Junge des Hausgeflügels wurde im Althochdeutschen
durch Ableitung mittels des gehäuften Deminutivsuffixes inkittn
bezeichnet: huoninkilin, gensinkilin, anitinkilin, tübiklin. Nur die
erstgenannte Bildung hat sich als Kunkel neben der alten
deminutiven ^-Bildung Kuchen (= ndd. Küken, ags. cycen) bis
auf unsere Tage erhalten, die übrigen sind von jüngeren Ab-
leitungen oder von anderen Ausdrücken verdrängt worden.
Die neuen Ausdrücke, die nicht allein die alten Deminutiv-
benennungen, sondern auch die anderen altererbten Nameu für
die Hausvögel in manchen Gegenden verdrängt haben, sind zum
Teil onomatopoietische Bildungen, die oft aus der Kindersprache
hervorgegangen sind, zum Teil stehen sie in Verbindung mit
den Lockrufen, welche gegen die Vögel verwendet werden. Das
Verhältnis dieser Rufe zu den entsprechenden Namen ist nicht
immer dasselbe. Während in einigen Fällen der Ruf dem Namen
zugrunde liegt, ist in anderen Fällen wieder jener aus diesem
sekundär gebildet. Aber wie sich Name und Lockruf auch zu
rökart 'Saatkrähe', Zäunert 'Zaunkönig', Nussert 'Tannenhäher', Wuppert
'Wiedehopf, Spetzert 'Spatzenmännchen 5 .
Einleitung. XXVII
einander verhalten mögen, in beiden ist der onomatopoietische
Charakter in die Augen fallend. Dies führt uns aber über zur
Betrachtung der onomatopoietischen Namenbildung und der
semasiologischen Gesichtspunkte, di<- bei der Bildung vom Vogel-
namen in Betracht kommen.
Daß der Naturlaut, der ja ein so charakteristisches Merk-
mal der Vögel ist, bei der Benennung derselben eine bedeutende
Rolle spielen muß, leuchtet ohne weiteres ein. Für die Erklärung
der Vogelnamen ist daher das Studium der Naturlaute eine
notwendige Bedingung. Schon bei den älteren Ornithologen be-
gegnet gelegentlich eine Bemerkung über die Stimme des Vogels,
aber solche Bemerkungen sind ganz zufälliger Art. Die erste
systematische Beschreibung der Vogelstimmen linden wir in
der Naturgeschichte Naumanns, der hier seine wertvollen Be-
obachtungen über diesen Gegenstand mitteilt. Das wichtigste
Hilfsbuch ist aber das vor einigen Jahren erschienene "Ex-
cursionsbuch zum Studium der Vogelstimmen" von A. Voigt.
Mit Hülfe der hier gegebenen exakten Schilderungen kann man
in vereinzelten Fällen den Zusammenhang zwischen Naturlaut
und Namen ohne Schwierigkeit erkennen. Aber zugleich zeigt
das Buch auch, daß man manchmal einen solchen Zusammen-
hang auch da zu finden meint, wo keiner vorhanden ist, und
daß man leicht geneigt ist, einen bekannten Namen in den Ruf
des Vogels hineinzulegen; denn sogar ein so scharfer Beobachter
wie Voigt ist in dieser Hinsicht schlimm hereingefallen. So
behauptet er u. a. im Rufe des Grünfinken das Wort Schwunisch
zu hören, obgleich dieser Name der polnischen Namensform
dzwoniec entlehnt ist. Auf irrtümlicher Auffassung sprachlicher
Erscheinungen beruht auch die Äußerung, daß ein scharf vibrie-
rend ausgezogener Laut dem Namen Lerche und dem englischen
Synonyinon lark zugrunde liege, während, wenn er mehrsilbig
gebraucht wird, man auch die niederdeutschen Bezeichnungen
Lawerik und Lirike heraushören könne ; alle diese Varianten haben
sich bekanntlich aus einer Grundform *laiiv(a)rik6n entwickelt, die
entweder ein Kompositum oder ein abgeleitetes Wort ist. Aber der
Philologe hat nichts gegen die Behauptung einzuwenden, daß im
Namen des Finken dessen heller Paarungsruf 'pink' steckt.
XXVIII Einleitung.
Von den in althochdeutscher Periode überlieferten Vogel-
namen sind die Bezeichnungen des Finken (ahd. finco), der
rabenartigen Vögel (hraban, kräwa, hruoh, daha, kä, kaha, hehara)
und Eulen (üvo, hüivo, üwild), des Wiedehopfs (witu-hopfa), des
Reihers (h(r)eigaro), des Kranichs (krano, kreia), der Rohrdommel
(horo-tumil) und wohl auch des Kuckucks (gouh) lautbildenden
Ursprungs und in der späteren Überlieferung häufen sich die
onomatopoietischen Synonyma. Wir finden in den neueren Mund-
arten auch lautnachahmende Benennungen für Drosseln, Laub- und
Rohrsänger, Grasmücken, Strandläufer, Enten u.a. Besonders zahl-
reich sind hier die lautbildenden Benennungen für den Wiedehopf,
den Pirol und den Kibitz, welche sich durch auffällige, der
menschlichen Stimme ähnelnde Rufe auszeichnen. Derartige Vogel-
stimmen werden oft vom Volke in Worten gedeutet. Im Wachtel-
schlage z. B. hört man eine Aufforderung Flick de Büx\ oder
Bück den Riickl, in dem hellen Frühlingsrufe der Kohlmeise eine
Ermahnung Sieh dich für\ oder Spitz die Schar \ und in dem
unheimlichen Geschrei des Kauzes den verhängnisvollen Befehl
Komm mit\ Solche Deutungen können, wie es in den genannten
Fällen geschehen ist, zu Benennungen der betreffenden Vögel
werden. So wird auch der Rotschwanz Hütik genannt, weil sein
Gezwitscher ein drohendes hüt dich\ enthalten soll, und der Pirol
heißt nach seinem hellen pfeifenden Rufe Junker Bülow, Bier-
holer usw. — Zahlreicher als die direkten Nachbildungen der
Stimme sind in den Mundarten die Namen, welche sich an ein
lautbezeichnendes Verbum anschließen und also die Art des
Naturlautes angeben. Die Nachtigall ist der Nachtsänger (ahd.
nahtigala), der Nachtschläger oder der Wirbier (mhd. durlinc), der
Wiedehopf der Rufer, die Misteldrossel der Schnarrer oder Zerrer,
die Grasmücke der Buschstotterer, derWeidenlaubvogel der Wisper,
die Alpenbraun eile der Heidepfeifer oder Berglisper, der Häher
der Holzschreier, der Regenpfeifer der Flöter, der Turmfalke
die Lachiveihe, der Nachtreiher der Quakreiher usw. Die Stimme
des Vogels gibt auch manchmal Anlaß zu einem Vergleich, dem
der Name entspringt : Finkenmeise, Wasserrabe, Brellochs, Himmels-
ziege, Saidocker u. a.
Außer der Stimme kommt bei der Benennung der Vögel
Einleitung. XXIX
auch ilnv äußere Erscheinung in Betracht Bin «richtiger
Faktor ist hierbei die Farbe des Vogels. Diese kann bisweilen
durch eine Ableitung (wie and elbty (vgL tat albus), Rötete
Grünling, Bleßling) ausgedrückt werden, gewöhnlich rerlangt
sie aber eine Kompositionsbildung, vgl. Rotfink, Rotkehlchen,
Blaumeise. Blaufuß, Weißärschel, Schwarzkopf, BUektterz usw.
Oft wird die Farbe in diesen Komposita nicht direkt, Bondern
indirekt durch einen Vergleich angegeben, z. B. Brandvogel,
Bußvogel Kohlmeise, Aschenente, Blutfink, Ziegelhänfling, Hiunnel-
meise\ zu beachten ist die häufige Verwendung (\c> Wortes Schild,
um bunte Färbung zu bezeichnen: Schildamsel, Schildfink, Schüd-
hahn, Schild krähe, Schildreiher, Schildspecht. — An diese farben-
bezeichnenden Namen schließen sich diejenigen an, welche an
irgendein anderes äußeres Merkmal anknüpfen, vgl. z. B. Zwerg-
vogel, Schranzmeise, Großmaid, Mauskopf, Krummschnabel, Dirk-
fuß, Ohreule, Löffelente, ferner Wendehals, Wippstert je, Schüttelkopf.
Eine dritte Hauptgruppe bilden die Namen, welche ein
besonderes Moment in der Lebensart des Vogels hervor-
heben. Hierher gehören zunächst die Ausdrücke, die den Auf-
enthaltsort angeben, wie z.B. Waldamsel, Grasmücke, Rohrsperling,
Zaunkönig, Bachstelze, Dachschwalbe, Steinschmätzer, Turmeule,
Saatkrähe, Misteldrossel. Die letztgenannten zwei AVorte führen
über zu den Namen, welche auf die Nahrung des Vogels hin-
weisen, vgl. z. B. Hänfling, Kornvogel, Talghacker, Kernbeißer,
Fliegenschnepper. Fischadler, Lerchenstößel, Hühneraar, Lämmer-
geier. Die Einrichtung des Nestes hat solche Benennungen ver-
anlaßt wie Backofenkriecher, Wollenspinner, Kleiber und Hohl-
taube, während wieder die Unsauberkeit, die im Neste herrscht
dem Wiedehopf die Namen Stinkhahn, Dreckstecher und der
Hohltaube den Namen hortübe (d. h. Kottaube) eingetragen hat.
Bestimmte Eigenschaften der Vögel werden ferner betont in
Ausdrücken wie Tagesschlafe, Klapperstorch, Klatscher, Stößer,
Streitschnepfe u. a. Eine besondere Kategorie bilden unter diesen
die Namen, welche die Vögel nach der Zeit ihres Erscheinens
benennen, vgl. Märeamsel, Oste renpfiff 'er, Ostervogef, Pfingstvogd,
Frühlingsvogel, Sonnner rötele und Winterrötele, Herbstkrähe und
Winterkrähe. Besonders zahlreich sind die Namen, die an das
XXX Einleitung.
winterliche Vorkommen eines Vogels anknüpfen, und oft wird
dies durch die Worte Eis oder Schnee ausgedrückt: Eisente,
Eisvogel, Schneeamsel, Schneefink, Schneevogel, Schneegitz, Schnee-
kater, Schneeleschke, Schneemeise, Schneekächli, Schneetahe, Schnee-
huhn, Schmegekr. Einige von diesen Namen beruhen jedoch
auf der Vorstellung, daß das plötzliche Erscheinen des betreffen-
den Vogels im Spätherbst ein Vorzeichen von Schneefall und
Kälte ist. Daß die Schneegans den Namen erhalten hat, weil
sie durch die Art ihres Fluges Schneefall verkündigt, wird be-
reits von Albertus dem Großen erwähnt. Andere Vögel haben
sich wieder durch ihr Geschrei den Ruf von Wetterverkündigern
erworben. Als besonders sichere Propheten gelten die Regen-
pfeifer und der Brachvogel, der in den Mundarten daher Regen-
vogel, Windvogel, Wettervogel und Gewittervogel heißt. Das Pfeifen
des Zaunkönigs, das ebenfalls Regen verkünden soll, hat ihm
den Namen Naßarsch eingetragen, und der Wendehals und der
Pirol sind an einigen Orten unter den Namen Regenbitter und
Regenkatte bekannt.
Aber in der Volksvorstellung sind die Vögel nicht nur
Wetterpropheten, sondern auch Unglückspropheteu. Das un-
heimliche nächtliche Geschrei des Kauzes, das als ein Befehl
'komm mit!' gedeutet wird, gilt als todverkündigend, und daher
hat der Vogel die Benennungen Todesvogel, Sterbekauz, Leichen-
huhn bekommen; auch der gotische Name hraiwadübö 'Leichen-
taube' dürfte in ähnlicher Weise zu erklären sein. Ferner er-
weckt das unerwartete Vorkommen gewisser Vögel in der Nähe
der Häuser oder ihr plötzliches Erscheinen in einer bestimmten
Gegend unheimliche Vorstellungen. Besonders wird das Auf-
treten der in großen Scharen ziehenden nordischen Vögel, wie
Seidenschwänze, Bergfinken und Rotdrosseln, als ein böses Omen
betrachtet, und man nennt sie daher Totenvögel, Pestvögel oder
Kriegsvögel. Das sporadische Auftreten des Leinfinken hat den
Volksglauben veranlaßt, der dem Namen Mäusevogel zugrunde
liegt. Die plötzlich verschwindenden Leinfinken sollen sich
nämlich in Mäuse verwandeln, aus denen dann zu bestimmter
Zeit wieder Vögel entstehen. Eine ähnliche Vorstellung gilt auch
von dem Kuckuck, der sich jedes Jahr für eine gewisse Zeit
Einleitung. XXXI
in einen Sperber verwandeln soll und daher dessen Namen
Vogelstößer führt; der Grund zu dieser Vorstellung ist hier in
der Ähnlichkeit der beiden Vögel zu Buchen. Einem Volks-
glauben ist ferner der Ausdruck Neuntöter und auofa wohl der
preußische Name Hexe als Bezeichnung der lautlos Siegenden
Nachtschwalbe entsprungen. — Von der Heimat der Belten oder
unregelmäßig erscheinenden Vogelarten haben sich unter dem
Volke bestimmte Vorstellungen gebildet, die auch für die Namen
verwertet werden. Die bereits erwähnten nordischen Zugvögel
werden an manchen Orten Böhmen oder Friesen genannt, der
Bergfink heißt Spanischer Buchfink, der schwarzstirnige Würger
Spanischer Dorndreher, die Blaukrähe Ungarischer Häher, der
Austernfischer Türkischer Kibitz. Manchmal wird die fremde
Heimat eines Vogels unbestimmter durch das Epitheton welsch
(Welscher Hänfling oder Welsche Goldammer) angegeben, oder
der Vogel wird als überseeisch bezeichnet, vgl. MeeramseL Meer-
häher, Meerzeisig, Meergans, Meerhuhn. Aber auch nach heimischen
Landschaften werden bisweilen solche Namen gebildet, vgl. Rhein-
schwalbe, Rheingans, Eisleker Feldhong (Öslinger Feldhuhn).
Die bei der Bildung von Vogelnamen in Betracht kommen-
den drei Hauptfaktoren, Stimme, äußere Erscheinung und Lebens-
art, werden in dem betreffenden Namen nicht immer direkt,
sondern sehr oft in der Form einer Metapher ausgedrückt, vgl.
z. B. Ochsenäuglein, Däumling, Pfannenstiel, Blutzapfen. Manch-
mal ruft das zu betonende Merkmal einen Vergleich mit anderen
Vögeln hervor, wie in Nachtschwalbe, Hohlkrähe, Otterfink, Wald-
häher] besonders häufig sind natürlich die Vergleiche mit dem
Hausgeflügel, vgl. z. B. Kothahn, Goldhahn, Leichenhuhn, Trapj)-
gans, Gelbgans. Auch Vergleiche mit anderen Tierarten kommen
manchmal vor, wie die Namen Birkel (d. h. Bärchen), Wieselchen,
Baumkatze, Meisenwolf, Habergeiß, Wasserochs, Filzlaus zeigen.
Interessant sind die Metaphern, welche auf einer Übertragung
menschlicher Verhältnisse auf die Vogelwelt beruhen. Der auf
Dachfirsten ruhende Mauersegler heißt Leendecker (d.h. Schiefer-
decker), die auf Schornsteinen weilende Rauchschwalbe Kämet nc-
botzert (d. h. Schornsteinfeger), und der weißgezeichnete Fluß-
uferläufer Fisterling (d. h. Bäcker); die klappernde Grasmücke
XXXII Einleitung.
ist der Müller, die dem Landmann folgende Bachstelze der Acker-
mann, der in gewölbten Nestern wohnende Laubvogel der Oefener,
die in klirrenden Tönen singende Grauammer der Strumpfwirker
und der grausame Neuntöter der Radebrecher. Besonders beliebt
sind Vergleiche mit Geistlichen. Die mit schwarzen Kopf platten
versehenen Grasmücken, Rotschwänzchen, Dorndreher und die
Haubenlerche sind Mönche, die schwarz und weiß gezeichneten
Säger wieder Nonnen, der dickleibige Blutfink mit der schwarzen
Kappe ist der Dompfaff und die in schwarz-weißen Farben ge-
kleidete Bachstelze das Kloster fräulein; eine gehaubte Taubenart
ist ein Kapuziner und das Bläßhuhn ein Pf äff. Der scherzhafte
Zug, der sich in den Namen dieser Art bemerkbar macht, kommt
deutlich zum Vorschein im Ausdruck Straßenräuber, der für die
auf Landstraßen lebende Haubenlerche verwendet wird, und in
den halb schimpfenden Namen Faule Magd oder Alter Knecht,
welche dem im Kornfeld sich versteckenden Wiesenknarrer ge-
geben werden. Andere Schimpfnamen sind Windracker für den
Grünspecht und Jude oder Tscheche für den Spatzen.
Die Übertragung von Benennungen menschlicher Wesen
auf die Vögel erstreckt sich auch auf die Eigennamen. Daß
gezähmte Vögel wie Papageien, Raben usw. menschliche Namen
bekommen, ebenso wie die Hunde, Kühe und Pferde, ist eine
psychologisch leicht begreifliche Erscheinung. Solche indivi-
duelle Namen können aber in manchen Gegenden auch in
appellativischen Gebrauch übergehen. So wird der Staar Staar-
Matz (d. h. Matthäus) genannt, der Rabe heißt in Luxemburg
Hans, der Täuberich in Westfalen Arend (Arnold), der Gänserich
in der Schweiz Gäber (Gabriel), in der Pfalz Gäred (Gerhard) ; in
Norddeutschland sind Hannekin (Johannes), Klaos (Nikolaus), Aleke
(Adelheit) Bezeichnungen für die Dohle. Li anderen Fällen ist
der appellativische Gebrauch von Eigennamen aber nicht auf
diesem Wege entstanden. Die Namen Jak als Bezeichnung für
die Rotdrossel und Louis als Benennung des Brachvogels sind
eigentlich Deutungen des Naturlautes, ebenso vielleicht Oelrick
als Name des Bussards. Liebig 'Gimpel' und Isenbart 'Eisvogel*
sind offenbar volksetymologische Umbildungen alter Vogelnamen,
und der andere Vögel nachahmende Häher hat den Namen
Einleitung. XXXI II
Markolf nach dem Spötter in der Heldensage bekommen. —
Häufiger ist die Verwendung von beliebten Personennamen in
Kompositionsbildungen, wo sie überhaupt leicht appellatnren
Charakter erhalten, vgl. Alsferkatel, Tratsehkatel 'Elster', Rotkatd
'Rotkehlchen', Schneekater 'Ringdmssel' (zu Katel = Katharina),
Oelemäite 'Goldammer' (zu Matte = Mathilde), ferner (Irot-Jocfan
'Zaunkönig', Dreckjockei, Taljockei, Ziehholzjockel, Wahljakel 'Buch-
oder Bergfink' (zu Jockei, Jalcel = Jakob), Dackpeter, Seherphans
'Spatz', Gklhänsjen 'Goldammer' und Schwarzer Kasper 'Ralle',
Wiesenkasper 'Wiesenknarrer'.
Es würde hier zu weit führen, die Frage näher zu er-
örtern, in welchem Grade die Vogelsteller und Jäger beim
Schaffen der Vogelnamen beteiligt gewesen sind und wie die
in diesen Kreisen entstandenen Ausdrücke sich weiter ver-
breitet haben. In der folgenden Untersuchung sind eine ganze
Anzahl von Namen als Jägerworte und Termini der Vogelsteller
ausdrücklich bezeichnet worden, ohne Zweifel geht aber der
Anteil der genannten Berufsklassen an der Namenbildung über
die angegebenen Fälle weit hinaus.
I. Papageien, Psittacidae.
Sittich, Papagei, psittacus.
Ahd. sitich: Sg. Nom. — sitach psitacus: H. S. Uraordn. 111,8.
. Versus de volucr. (3 Hss. 12. Jh.), sitich (i Hs. 13. Jh., 1 Hs. 13./14.JH.,
3 Hss. 14. Jh., 3 Hss. 15. Jh.), sittich (1 Hs. 15. Jh.), aitik (1 Hs. 12. Jh.).
sitih: cod. Vindob. 1325, 90b l (U. Jh.), sitech: cod. Mellic. K. 51,
131 (U. Jh.). Versus de volucr. (1 Hs. 14. Jh.), such (1 Hs. 13. Jh.),
sisitich (1 Hs. 14. Jh.), sie sitich (1 Hs. 13. Jh.), psitich (2 Hss. 13. Jh.,
1 Hs. 15. Jh.), pisitech (1 Hs. 12. Jh.), pesitich (1 Hs. 12. Jh.). siti-
chust: cod. Oenipont. 711, 30a (13. Jh.). siticust: Versus de volucr.
(1 Hs. 13. Jh.), sitkfct (1 Hs. 14. Jh.), pechsteon (1 Hs. 14. Jh.).
Ahd. mhd. sitich m. = mnd. sidik, sedek sind dem griech.-lat.
psittacus (in der vulgären Aussprache *psiticus; wegen -actis ~ -icus
s. Kluge Vorgeschichte 8 § 16 d) entlehnt. Die Zeit der Entleh-
nung, deren Terminus a quo sich aus dem unverschobenen Dental
ergibt, kann nicht näher festgestellt werden ; ahd. ch < lat. c beruht
kaum auf Verschiebung, wie Franz Lat-rom. Elemente S. 33 meint,
sondern auf Lautsubstitution. Offenbar hat sich das Wort, welches
in den romanischen Volksdialekten nicht vorhanden ist, zunächst
in den gelehrten Kreisen in Deutschland eingebürgert. Auf diesen
halbgelehrten Charakter der Entlehnung weist auch das Vor-
kommen der Form sitikus(t) mit Bewahrung der lat Endung.
Hieraus ist im 16. Jh. durch Assimilation Sickuft l (bei Gesner
Hist. avium (1555) S. 691) hervorgegangen.
Verschieden von sitikusf ist die Variante hineust in H. S. Xlb:
cod. Admont 269, 61b 2 ; sie geht auf lat. (avis) indicus zurück.
Leider fehlen historische Zeugnisse, aus denen man auf
den ersten Import der Papageien nach Deutschland schließen
1 Wegen des unorganischen t vgl. Paul Mhd. Gramm. 5 § 36 Anm. 7.
S uol ah ti, Vogelnamen. 1
2 Sittich, psittacus.
könnte. Im Mittelalter wurden Sittiche von Edeldamen in Käfigen
gehalten, und Abbildungen derselben erscheinen oft als Ver-
zierungen auf Kleidern und Stoffen, auch im priesterlichen
Ornat, vgl. z. B. Meyer Helmbreht 18 (Zs. f. d. A. IY, 322) und
Du Cange II, 367 s. v. citacus. Essewein beschreibt im Anzeiger
f. Kunde d. d. Yorzeit v. J. 1869 Kr. I Sp. 4 f. einen im Nürn-
berger Museum befindlichen Seidenstoff, der angeblich dem Kaiser
Heinrich dem Zweiten (1002 — 1024) gehört hat; auf violettem
Grunde sind da in olivengrüner Farbe einander zugewandte
Sittiche abgebildet. — Yon den Hunderten von Papageienarten,
die man heutzutage unterscheidet, war es der bei den Römern
beliebte grüne Halsbandsittich (psittacus torquatus), welcher im
Mittelalter nach Deutschland kam. Auf diesen Yogel bezieht sich
die Erklärung des Wortes psittacus mit "auis Indiae loquens
uiridis coloris" in den Glossen ebenso wie das Epitheton "grüene
als ein gras 3 ' in den mittelhochdeutschen Texten. Die Berichte
einiger mittelalterlichen Dichter von dem schönen Gesang der
Papageien brauchen nicht gerade auf Erfindung zu beruhen,
denn der Halsbandsittich soll recht angenehm singen können,
vgl. Martin Naturgeschichte I, 2, 48.
Eine weitere Verbreitung als das lat-griech. psittacus er-
hielt der arabische Name babaghä, der sich in fast allen euro-
päischen Sprachen eingebürgert hat. Yon den romanischen Namens-
formen hat sich ital. papagallo, dem afrz. papegaut am nächsten
steht, an gallo e gallus' angelehnt, während afrz. papegai (nfrz. dial.
papegai) = span.-portug. fapagayo wohl an afrz. gai (vulgärlat.
gaius 1 ) 'Häher' anknüpfte. Der orientalische Ursprung der ro-
manischen Worte, auf den schon Adelung aufmerksam gemacht
hatte, wird von Anderen bezweifelt, die das arabische Wort für
ein portugiesisches Lehnwort halten. Eine völlig sichere Ent-
scheidung ist schwer zu treffen so lange man von der Geschichte
der Papageien in Europa nicht besser unterrichtet ist als jetzt.
— In der mittelhochdeutschen Literatur tritt das Fremdwort zuerst
im Anfang des 13. Jhs. und zwar in der Form papegdn m. auf;
zunächst papegdn in Gottfrieds von Strassburg Tristan 10 999,
1 Thomas Romania XXXV, 14 ff. leitet den Vogelnamen von dem
Personennamen Caius ab.
Sittich, psittacn ;.
darauf babidn in Strickers Daniel vom Blühenden Tal (Ed. Rosen-
hagen) 550 und papigdn bei Konrad von Wtirzburg (Ed. Keller
S. 378) 81 678. Diese Namensform kann kaum aus dem altfran-
zösischen papegai erklärt werden, sie scheinl vielmehr eine direkte
Entlehnung ans arab. babagän* zu sein, welche durcb die Kreuz-
züge vermittelt wurde, s. Feit Korrespondenzbl. t udd, Sprachf.
XXV, 83ff. Die heute üblich gewordene Form Papagei m., die im
15. Jh. als papegey, papagey bezeugt ist, stammt aus dem Fran-
zösischen ebenso wie mnd. papagoie, papegoie, nndl papegaai* (als
"Pfaffenhäher*, zu gaai 'Häher*, aufgefallt); aus dem Niederdeut-
schen ist das Wort ins Dänische als papegßie, ins Schwedische als
papegoja übernommen. Auch mittelengl. papegai, popegat, spätme.
und m\ popin ja y haben ihre Quelle in dem französischen Worte.
Eine schweizerische Variante des Vogelnamens ist Bappen-
gei 3 in der Stadt Basel, im 16. Jh. als Pappengeij von I fesner S. 691
bezeugt. Aus dieser Quelle stammt wohl Pappengeij bei Grolius Ono-
masticon v. J. 1579 Sp. 294; die heute im Elsaß volkstümliche
Form \stBappegei*. — Adelung (1777) III, 956 verzeichnet Pap-
chen mit Belegen aus Zachariä 5 , das ndcl. Pape (Brem. Wb. III,
29 k 2) bezeichnet er als 'ungewöhnlich'. Diese Namensformen ebenso
wie ostfries. Päpje (Xdd. Jb. XI, 112) sind als Verkürzunuvn von
Papagei aufzufassen ebenso wie Pa(p)perl*> m. u. n. in Baiern, Tirol
und Steiermark ; wahrscheinlich gehören sie eigentlich der Kinder-
sprache an. In Luxemburg heißt der Papagei auch Jako 7 m., das
mit dem Personennamen Jakob identisch ist. Als Nomen proprium
für Käfigvögel kommt dieser Name öfters vor.
Der Name Kakadu m., mit dem man eine Papageiengattung
benennt, stammt aus dem malaiischen Worte kakatüa. Bereits
in dem Orientalischen Reisebericht Andersens v. J. 1669 S. 189,
wo "der weissen Papagayen" gedacht wird, tritt das Fremdwort
in der umgedeuteten Form Kaketlnin auf: Reyger. schreibt da-
1 Im modernen Vulgärarabisch vorhanden.
2 Im Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XXV, 60 erklärte J. Winkler
das holländische Wort für die ursprüngliche Quelle aller hierhergehörigen
Namensformen überhaupt. — 3 Staub-Tobler IV, 1415.
4 Martin-Lienhart II, 67. — 5 Vgl. Grimms Wb. VII. L43*.
6 Schmeller-Frommann I, 399, Frommann D. Mundarten IV, 216 und
Unger-Khull 41. — 7 Wb. d. Luxemburg. Mundart. 3. 198.
1*
4 Kuckuck, cuculus canorus.
gegen in seiner Yerbess. Hist. der Vögel (1760) S. 25 die fremde
Namensform Kakatoeha. Adelung Wörterbuch (1775) II, 1467
bucht die Namensform Kakadu.
IL Kuckucksvögel, Coccygomorphae.
Typische Kuckucke, Cuculinae.
Kuckuck, cuculus canorus.
Ahd. gauh: Sg. Nom. — gauh (cre)cuculus : cod. S Galli 913,
203. gaulj geometrix 1 : cod. Parisin. 12269 f. 58b. gouh: cod. S Galli
299 p. 33. cod. S Galli 242, 248 a. Sprichwörter in St. Galler Hs. Notker
WPs. 48, 11 (2). ciculos . . . idem dicuntur tucos 2 : Gll. Salom. a 1.
goiih stultus: Notker Ps. 48, 11. gouh: Notker Ps. 48, 11. gouch:
Versus de volucr. H. S. XI a 2 b. e, cuculus i fols 3 : g, tucus s . i cucu-
lus: III, 17. gouhc: Clm. 14689 f. 47a. kovhc: cod. Selestad. 110a.
ghoch: cod. sem. Trevir. f. 112b, koch: cod. Berol. Ms. lat. 8° 73,
123 b 2 , gok : cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f. 89 a, cuculus. i psi-
tacus: cod. Parisin. 9344 f. 42b. — Akk. — gouhlarum: Deuteronom.
14, 15: cod. Oxon. Laud. lat. 92, 21a. gouch: Horatius Serm. I, 7, 31:
cod. Parisin. 9345, 74b. — Dat. — kouche stvlto: Notker Ps. 57, 11.
— PI. Nom. — goucha stulti: Notker Ps. 93, 8. koücha: Notker
Cantic. Deuteronom. 21. coucha: Notker W. Cantic. Deuteronom. 21.
— Gen. — dero göucho: Notker de cons. phil. 1, 8.
Ableitungen und Komposita. — gauhlihhoAdv.'dem Toren
gleich, töricht': couhlicho insipienter: Notker Ps. 21, 3 Gl. — gauhheit
f. 'Torheit': göuhheite stultitie: Notker de cons. phil. 1,9. — u reiz gauh
m. 'Kriegsnarr': — PI. Akk. — ureizkoucha: Notker de cons. phil.
3, 117. — gauhhes-ampfaro 'Gauchampfer' (vgl. Grimm Deutsche
Mythologie II 4 , 568): gouches amphere cuculo panis : cod. Vindob. 10,
337 a, trifolia: Clm. 2612, 93 b 1 , cod. Bern. 722, 1, 2 b, cod. Vindob.
2400, 129a. gohesamphera acitvla: cod. Bonn. 218, 49b, trifolia:
Rotul. com. de Mülin. Bern, goiesamphera trifolia: cod. Bonn. 218, 49b.
In den indogermanischen Sprachen wird der Kuckuck
meistens nach seinem charakteristischen Rufe benannt. In vielen
Namen ist dieser lautmalende Ursprung noch ohne Weiteres zu
erkennen, vgl. z. B. lat. cücülus, griech. kokkuH (kökku e Ruf des
1 Gemeint scheint ortigometra. 1. gauh nach Wright-Wülcker 24, 17
geumatrix geac (Steinmeyer).
2 Vgl. Isidor Origines XII, 7, 67 u. die Anm. bei Forcellini s. v.
3 Fols = follis = frz. fou (Steinmeyer).
Kuckuck, cnculua canorus. 5
Kuckucks 5 , kokkucuj "rufe Kuckuck*), ai. kökilda 'der indische
Kuckuck 1 , hökos *eine Gansart, auch Kuckuck'. \t. cuoch, cymr.
c<>g, akslav. kukavica, poln. kuhdka : rus8. feufeuäfea, ilit. knküti
'Kuckuck rufen').
Eine abweichende Lautgestall zeig! der alte germanische
Name, der allen Dialekten gemeinsam ist: ahd. gauh^ mhd. gouch
m. = mud. <7o/f, mndl.grooc (beide Letztgenannten Worte nur in der
übertragenen Bedeutung Mummer Äfensch'), ags. giac und anord.
gaukr, dän. #;>#, schwed. ^oX-; aus dem Altnordischen stammen
me. ^o/^-e, m\ (joirk (in Schottland und nördlichen Dialekten). .Mit
den vorhin erwähnten Synonyma der urverwandten Sprachen
läßt sich germ. *gauk~a nicht durch sicher erkannte Lautgesetze
verbinden; Bugges Kombination PBB. XII, 424 ff. (Noreen Abriß
S. 13:5) beruht auf der Annahme von ganz hypothetischen Laut-
übergängen. Auch Meillets Versuch in Memoires de la Soc.
Linguist, de Paris XII, 213 eine Verwandtschaft des germanischen
"Wortes mit dem gleichbedeutenden litauischen gegazi nachzu-
weisen, läßt sich nicht ungezwungen durchführen. — Der Vogel-
name muß daher von intern germanischem Gesichtspunkte aus
beurteilt werden. Man kann darin (mit Kluge Et.TVb. 6 S. 135) das
auslautende h als Suffix (wie in *habuk- 'Habicht 9 , *kranuk-
'Kranich') auffassen, wodurch der Name zum idg. Stamme *</hcu-
'rufen' (altind. havati 'er ruft', akslav. züvaü 'rufen', anord. geyja
'spotten, schelten") geführt werden könnte. Doch machen das
Aussehen des germanischen Lautkörpers und das damit im Ab-
lautsverhältnis stehende Verbum guckon 'Kuckuck rufen' (Müllen-
hoff-Scherer Denkmäler I 3 , XXVII, 5) es wahrscheinlich, daß es
sich hier um eine ursprünglich onomatopoietische Bildung handelt,
die dem germanischen Sprachzweige eigen war.
Eine originelle Deutung hat Uhlenbeck in Arkiv f. nord. fil.
XV, 151 ff. für germ. *gai(k-a- erfunden. Danach ist diese Xamens-
form durch die Zwischenstufe *gd-uko- aus gd-auko- entstanden
und bedeutet eigtl. 'den mit eigenen Kindern Miternährten oder
Miterwachsenen (viell. den fremden Pflegesohn)'. Diese Erklärung
knüpft aber nur an den jungen Kuckuck an und läßt sich auch
sonst nicht in Einklang bringen mit den einfachen Prinzipien,
die man in älterer Zeit bei Benennung der Vögel beobachten kann.
6 Kuckuck, cuculus canorus.
Auf dem niederd.-niederländischen Sprachgebiete ist die
altgermanische Benennung in der ursprünglichen Bedeutung
Terloren gegangen. Statt dessen erscheinen hier junge Bildungen,
die mit dem Kufe des Yogels identisch sind : mnd. kukuk, mndl.
cucuuc, cuccuc, coccoc, coecoec und cockuut (Verwijs-Verdam Mndl.
Wb. III, 1657 u. 1694), nndl. koekoek. Zu den niederländischen
Namensformen stimmen die in französischen Dialekten neben
dem schriftsprachlichen coucou (afrz. cucn) vorkommenden
Varianten coucouq, coucut, aber wegen der onomatopoietischen
Natur dieser Namen ist das gegenseitige Verhältnis derselben
schwer zu bestimmen.
Vom Norden her verbreitet sich cuccuc, das zum ersten
Mal in Glossen des 13. Jhs. (cuccuc cod. Oxon. Jun. 83, 4, Ahd.
GH. III, 364 67 und gouch. t cucuc cod. Darmstad. 6, 26a, Ahd. Gll.
III, 87 67 ) bezeugt ist, allmählich auch über das oberdeutsche Gebiet
hinaus. Auf den frühen Beleg des Wortes in dem oberdeutschen
Seifried HelbUng (Ed. SeemüUer) II, 284: "hiknk hiur unde wert"
ist kein Gewicht zu legen, da diese Namensform nicht im Reime
steht und vom Schreiber der späten Handschrift herrühren wird;
dasselbe gut von dem Belege guckgug im Meister Alts wert (Ed. Hol-
land u. Keller) 158 2 . Im 14. Jh. wird das neue Wort von dem
Baiern Konrad von Megenberg (Buch der Natur, Ed. Pfeiffer
178 10 ) neben dem alten erwähnt: "cuculus haizt ain cuhuh oder
ain gauch 33 . Erst im 15. Jh. beginnen aber die eigentlichen
oberdeutschen Zeugnisse; vgl. Grimms Wb. V, 2520 ff. Die alte
Benennung Gauch weicht allmählich zurück und dürfte jetzt
bis auf geringe Reste verschwunden sein; Martin und Lien-
hart Wb. d. Eis. Ma. I, 197 erwähnen das Vorkommen des Wertes
im Münstertal.
Häufig sind in den oberdeutschen Quellen des 15.116. Jhs.
die zusammengesetzten Namensformen Guckgauch und Gutzgauch,
deren erster Teil zu dem Verbum gucken (ahd. guckön) oder dessen
Intensivum guckezen > gutzen 'Kuckuck rufen' gehört. Daneben
kommen auch direkte Ableitungen von diesen lautnachahmenden
Verba vor: Gucker, Guckezer. In den verschiedenen Versionen
des Märchens vom Zaunkönig (Germania VI, 87 ff. und Bartsch Er-
lösung S. XLIV), die aus dem 15. Jh. stammen, wird der Kuckucks-
Kuckuck, cueuius canoras. 7
oame durch verschiedene Varianten wiedergegeben: gouch (Ger-
mania VI, 87), der guczgäuch (a. a. 0. SS), der guggou/ch (Erlösung
a.a.O.), guckitzer (Germania VI, 90), kukuk (a.a.O. L03). Im
Elsaß wird Gutzgauch durch Bracks Vocab. v.J. 1 L95 8. 49a, das
Straßburg. Vogelb. v. ,J. L554 7.275, Guckgauch durch Dasy-
podius(1535) S. K 4 a bezeugt Heute sind dort beide Namensformen
ausgestorben; nach Martin und Lienhart [,204 ist Gaguck fast
allgemein geworden, in Sulzmatt und Rufach ist Gucker üblich
(I, 208). Die Form Guggouch wird für die Schweiz durch Buef
Adam und Eva (1550) V. 936 und Gesner (Guggauch) S. 548,
Guckgauch für Schwaben durch Crusius Lat. Gramm. ( L562) S. 302
und Frischlin Nomenciator (1588) S. 108 bezeugt, Gutzgauch be-
gegnet auf bairischem Sprachgebiet bei Pinicianus Prompt. (1510)
C 3a und H. Sachs Regim. der Yögel (1531) V. 231. — ffier
findet sich auch die Variante kuku zunächst in zwei Voka-
bularen des 15. Jhs. 1 , dann im 16. Jh. bei Stirpianus Gramm.
Etym. (1537) S.B7b, bei Pinicianus Prompt(Auszugv.J.1521)C4b
Gugkw, heute Gugku 2 m. in Tirol, Guggu 2 m. in Kärnten, Guck 7 '
m. (neben Guckatz(er)) in Steiermark, Gugku 41 m. (neben Gucker,
Guckezer) in Baiern. Entlehnung dieser Namensform aus ital. cucco
ist möglich, wahrscheinlicher ist aber, daß sie direkt dem Kuckuck-
rufe abgelauscht ist. Einige schwedische Dialekte fassen diesen
ebenfalls als kucku auf und benennen den Vogel danach ; außer-
halb der indogermanischen Sprachen findet sich dieselbe Auf-
fassung im Finnischen, wo der Ruf mit "kukkuu" wiedergegeben
wird. — In der Schweiz kommt die obenerwähnte Xamensform
als Guggü m. (auch als Interjektion) vor; daneben Gugger (allgem.),
Guggauch, Guggus, Guggiher (bei Gesner S. 548 Gugckuser) und
das ursprünglich mitteldeutsche Guggug 5 .
Der Kuckuck ist ein Frühlingsbote, als solcher wird er in
Sachsen Frühlingsvogel 6 oder, weil er gewöhnlich dort zur
Osternzeit eintrifft, Ostervogel 6 genannt.
Der Ausdruck Vogelstösser 6 im nördlichen Böhmen (Vogel-
stössel 6 in Oberösterreich) ist eigentlich der Name des Sperbers.
1 Diefenbach Nov. gloss. S. 122 b. — 2 Lexer Kämt. Wb. S. 126.
3 Unger-Khull 312. — 4 Schmeller-Frommann I, 886.
5 Staub-Tobler II, 105. 184. 188. — 6 Zs. f. d. Phü. XXI, 208.
8 Eisvogel, alcedo ispida.
Auf den Kuckuck ist er übertragen, weil man meint, daß dieser
sich zu einer bestimmten Zeit in einen Sperber verwandele. Der
weitverbreitete Aberglaube 1 , den schon Aristoteles und Plinius
kennen, erklärt sich aus dem habichtartigen Flug des Kuckucks,
vor allem aber aus seinem gesprenkelten Gefieder, das dem des
Sperbers in täuschender Weise ähnelt. Überhaupt sind wenige
Vögel derartig von Sagen umwoben wie der Kuckuck; durch
seinen auffälligen Kuf und sein sonderbares Leben und Gebaren
bietet er der Yolksphantasie zur Mythenbildung reichen Stoff.
Der monotone Ruf hat wohl die Veranlassung dazu gegeben,
den Vogel für einen Narren zu halten; in mehreren Sprachen
ist sein Rufen des eigenen Namens geradezu sprichwörtlich ge-
worden, und bereits bei Notker ist das Wort gouch in über-
tragenem Sinne e Tor' bezeugt. Für die bei Staub-Tobler Id.
II, 105 geäußerte Vermutung, daß dies die ursprüngliche Be-
deutung des Wortes sein könnte, fehlt jeder sichere Anhalt.
Eisvögel, Alcedinidae.
Eisvogel, alcedo ispida.
Der Eisvogel wird in Deutschland an den Ufern von Ge-
wässern häufig gesehen. Auch im Winter bleibt er da, wenn er
eisfreie Stellen oder Löcher im Eis findet, wo er seiner Nahrung
nachgehen kann. Die Franzosen nennen den Vogel Martin
pechear und die Engländer kingfisher. Die deutsche Benennung
Eisvogel knüpft an sein winterliches Leben an ebenso wie der
Ausdruck Eisente an das des Zwergsägers. Der Name, der zuerst
in den spätahd. Glossen (Versus de volucribus und H. S. III, 17)
als isuogel (= aurificeps) bezeugt ist, findet sich sonst noch im
Niederländischen (mndl. nndl. ijsvogel) ; dän. isfiigl, schwed. isfägel
sind aus dem Deutschen entlehnt.
Ein schwieriges Problem steckt in dem niederdeutschen
Namen isenbart, der in den Quellen des 1 5. Jhs. begegnet ; zu den von
Schiller-Lübben Mnd. Wo. II, 393 und Diefenbach Glossar. S. 62a,
Novum glossar. S. 43 b. 298 b verzeichneten Varianten yserenbort,
ysenbort, isernbart, ijsenbard {yshornbart, yshornbort), die mit au-
1 Vgl. Swainson The Folklore S. 113, Rolland Faune populaire II, 95.
Eisvo( el, al( edo üspida, 9
rifurps glossiert sind, kommt Doch ein weiterer i I < ■ 1 » "_ r yzerbort
in einem Glossar 7. J. 1461 (Reifferscheid lütteil. ans Hand-
schriften der 8t tfikolaibibliothei zu Greifewald (1902) S. 12).
Eine andere Variante ist ysengrin | aurificeps) in einem an-
geblich mitteldeutschen Vokabular ans dem L5. Jh. bei Diefen-
bach-Wülcker Wb. S.422. Auch einige andere Zeugnisse des
Namens finden sich in hochdeutschen Quellen. Im Elbinger Voka-
bular (BernekeT Die preuss. Sprache 1896, S.244) wird (772)
Ysenbart unter den Yogelnamen angeführl und im Vocab. theuton.
(Nürnberg) v. J. 1482 p 7 a wird ebenfalls "Isenpart ein
aurificeps" erwähnt. Die erhaltene Vokallänge in diesem Belege
verrät den niederdeutschen Ursprung. Gesner, der in Beinern
Vogelbuch (1555) S. 550 die Variante Ysengart schreibt, bemerkt
ausdrücklich, daß der Name ihm aus Pommern bekannt ist Aus
dem Vogelbuche hat wohl Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 194
Eysengartt übernommen; Frischs Teutsch-lat. Wb. verzeichnet
(I, 223a) sowohl Eisen-Gart m. wie Eisen-Bart m. nach älteren
Quellen. Adelungs irreführende Angabe (I, 1637), daß der Aus-
druck oberdeutsch sei, beruht offenbar darauf, daß er nur die
Zeugnisse in den oberdeutschen Quellen kannte.
Alle drei Varianten Isenbart, Isengrin, Isengart, in welchen
der Vogelname überliefert ist, sind alte Personennamen 1 . Die Sitte,
Vögel mit Namen der Menschen zu benennen, ist besonders in Eng-
land und Frankreich wahrzunehmen, aber auch in Deutschland gibt
es eine Anzahl Beispiele dafür. In diesem Falle deuten jedoch ver-
schiedene Indizien darauf, daß die obenerwähnten Namen des
Eisvogels erst auf sekundärem Wege entstanden sind. Die alten
angelsächsischen Epinaler Glossen glossieren lat. alcyon mit isern -
(Sweet Old. Engl. Texts S. 381), und dieselbe Glosse begegnet n< >ch-
mals im 11. Jh. in der Form isen bei Wright-Wülcker Vocab. I.
349 5 . 350 7 . Auf dem Kontinent entspricht dem ags.Worte die Glosse
porfirionem isarn: Leviticus 11, 18: cod. S.Pauli X.W s a . porfirio
isam: cod. Stuttg. th. et phil. 218, 13c; isarn porfirionem: Clin. 22201,
1 Vgl. Förslemann Altd. Namenbuch I», 973. 975. 976.
2 Daß die Glosse alcion (alchior) nicht = x«\xeiov 'ehern' (Corp. Gll.
lat. VI, 48) oder aciarium (Diefenbacli Glossar. S. 21 s. v. alchioi
steht außer Zweifel. Bereits Holthausen Litbl. f. germ. u. rom. Phil. X. Hfi
hat auf den richtigen Sachverhalt hingewiesen.
10 Eisvogel, alcedo ispida.
238 b, isarin: Clm. 13002, 219 b*, isarnun: cod. Vindob. 2723, 18 b, cod.
Vindob. 2732, 22 b, Clm. 14689, 38 a, cod. Gotwic. 103, 49 b, isarnvn por-
phirio: Clm. 18140, 14a. Das lat.- griech. porphjrio (Purpurhuhn),
das zu den biblischen Vogelnamen gehört, wird in den Glossen
mit dem Epitheton e piücherrima avis' erklärt, und da die Glossa-
toren keinen Namen für den ausländischen Vogel hatten, so haben
sie das lat. Wort mit der Bezeichnung des schönen Eisvogels
wiedergegeben. — Der Name isarn ist offenbar als Kompositum
is-arn d. h. 'Eis-Aar' aufzufassen \ aber das Gefühl dafür ist früh
verloren gegangen, und der Vogelname ist mit dem Worte isarn
'Eisen' zusammengefallen. Die Bezeichnung des Eisvogels als
'Aar' ist nicht so befremdend, denn er konnte wegen der raub-
vogelgleichen Art, mit der er sich ins Wasser stürzt, um die Fische
zu packen, gut mit den Seeadlern verglichen und danach halb
scherzhaft benannt werden ; sonst wird er als 'Amsel', 'Schwalbe'
'Specht', 'Huhn' bezeichnet. Das unverständlich gewordene Isarn
wurde durch den Zusatz 'Vogel' verdeutlicht: isanuogal Clm.
14689 f. 47 a (Ahd. Gll. III, 460 42 ) und isinuogil cod. Oenipontan.
711 (Ahd. Gll. III, 671 33 (13. Jh.); beide Glossen werden mit
porphyrio übersetzt. So werden auch die niederdeutschen Na-
mensformen Isenbart, Isengart, Isengrin durch Anlehnung des
Namens Ise(r)n, Isenfogel an die betreffenden Personennamen
entstanden sein.
Außer der Leviticusglosse isarn, die vielleicht auf angel-
sächsischem Einfluß beruht, begegnet die Namensform isaro in
Heinrichs Summarium III, 17 (auch XI a 2. b. d. g.). Die Bedeutung
des Wortes ist dem Redakteur jedoch nicht klar gewesen; denn er
bringt es unter den Adlernamen (aro, stocaro) und erwähnt isfogal
an anderer Stelle. Das lat. Lemma 'porphyrio' zeigt, daß er die
Glosse aus einer Vorlage mit biblischen Glossen übernommen hat.
In den meisten Gegenden Deutschlands ist der Name Eis-
vogel bekannt. Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 193 gibt ausdrück-
lich an, daß Eyßvogel der schlesische Ausdruck ist; daneben er-
wähnt er die Benennungen Waffer Hünlinl Seefchivalme. Die
1 Falk und Torp Et. ordb. 1, 133 halten isarna für den 'Eisenfarbigen';
dabei bleibt jedoch die Bildungsweise des Vogelnamens, der mit tsarna
'Eisen' sich deckt, unklar.
Wiedehopf, upupa epops. 1 1
erstere von diesen komml in Luxemburg als Wdsserhtnchen 1 ^
in Westfalen als Wdterhainken 1 vor. [n der Schweiz (im Wehn-
tal) heißt der Eisvogel Blauam$eli 8 : m Sulzmati (im Elsaß)
WasseramstelK Wegen der bunten Farben und des langen spitzen
Sohnabels nennt man ihn in Steiermark Wasserspecht 5 ', auch
in Luxemburg ist der Name Wasserspieckt üblich. Bereits Gesner
(S. 684) kennt den Ausdruck Ein grün Maie WafferfpechÜi, ob-
gleich er nicht weil;, welchem Vogel er gehört. — Bin Luxem-
burgisches Dialektwort ist Mattevn/l r ' (d. h. Mottenvogel). Dieser
Name erklärt sich aus dem Volksglauben, daß die Haut des
Eisvogels die Kraft besitze, die Motten zu entfernen; Albertus
Biagnus erzählt, daß die Tuchhändler getrocknete Häute von Eis-
vögeln unter die Stoffe zu legen pflegten, um diese vor Motten-
fraß zu schützen. Der luxemburgische Ausdruck wird jedoch
aus dem Französischen übernommen worden sein, wo die gleich-
bedeutenden Namen arniS, ar(g)n3\i. a. 7 eine weite geographische
Verbreitung haben.
Wiedehopfe, Upupidae.
Wiedehopf, upupa epops.
Ahd. wituhoffa: Sg. Nom. — uuituhoffa upupa 8 siue opopa
id: Leviticus 11, 19: cod. Guelpherbyt. Wiss. 29, 82a, Glm. 6227,
50a, i. nvüuhoffa: Clm. 18528, 1, 73b, i. wituhoffa-. Clm. 5116, 80b,
uuittuhoffa: cod. Vindob. 1042, 130b; vuäuhoffa: Clm. 18140, 14a;
uuHtohoffa: cod. SGalli 283, 483, uuitohoffa: cod. Carolsruh. Aug.
GCXXXI, 12a; cod. Carolsruh. Aug. IC f. 101a, mätohoua: cod. Oxon.
Jun.25f.,107b. vuitohoffa upupa 8 : Deuteronom. 14, 18: cod. SGalli 29(>,
116. uuiteiJwffa: Leviticus 11, 19: cod. SGalli 295,127; idest witehoffa :
cod. mon. herem. 184, 298; videhoffo: cod.Vatic. Pal. 288, 55 d: uiti-
hof 9 : cod. S Pauli XXV d/82,38a. uuituhopfa 10 oppoba: cod. SGalli
242, 248b. ivitihopfa: cod. Selestad. 110a. uuitihopha: Leviticus
11, 19: cod. SGalli 9, 277, witihoppha: cod. Stuttg. th. et phil. f. 218,
13 c; witihopha upupam: cod. Turic. Rhenov. 66, 19, wifehopha upu-
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 477. — 2 Woeste 317.
3 Staub-Tobler I, 241. — 4 Martin-Lienhart I, 41.
5 Unger-Khull 621. — 6 Wb. d. Luxemburg. Ma. 478.
7 Vgl. Rolland Faune populaire II, 72 f. — 8 upupam Vulg.
9 Rasur vono: uitihof: (Steinmeyer).
10 f sicher, a aus o korr. (Steinmeyer).
12 Wiedehopf, upupa epops.
pam: cod. Stuttg. herm. 26, 13 b. Clm. 14689 f. 47 a. vvithoppha upu-
pam: Leviticus 11, 19: cod. Angelomont. 14/11, 10 b. uvito houpfo
uppupam: Servius in Vergil. E. VI, 78 : Clm. 18059, 10 a. widehopfo:
Rotul. comit. de Mülinen Bern, ivitehopho: Versus de volucr. H. S.
III, 17. XI a 2. GH. Salom. a 1, opupun hvpupa : a 2, withopfo perdix:
a 1. witihophe: Versus de volucr., witehopfe: Versus de volucr.
witehophe: cod. Vindob. 804, 174 a. opupun huppupa : Gll. Salomon.
a2. Leviticus 11, 19. Clm. 4606, 101b, withoph: Clm. 22201, 288b;
uuidohoppa vpupam : cod. Carolsruh. SPetri 87, 64 a 1 . uuidehoppa:
cod. sem. Trevir. R. III. 13, 106 a. uidehoppa upupam : Servius in
Vergil. E. VI, 78 : cod. Lips. civ. Rep. I, 36 b, 19 b. uuindehoppa : cod.
sem. Trevir. f. 112 b, uuidehopa : cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f.
89 a, wideopa : cod. Parisin. 9344 f. 42 b, vuiduhoppo : cod. Berol.
Ms. lat. 8° 73, 123b 2 . witohoppo upupam: Leviticus 11, 19: Clm.
14584, 130 a. uuiduhoppe upupam : Servius in Vergil. E. VI, 78 : cod.
Oxon. Jun. Auch F. 1. 16, 33b. — Akk. — vuitahophun : Leviticus
11, 19 : cod. Vindob. 2723, 18 b, cod. Vindob. 2732, 22 b, witahopphun :
cod. Gotwic. 103, 49b, vvitihophun: Clm. 14689, 38a, withopphen:
Clm. 13002, 219 b 2 . witeopphen (Terei) Tereus rex tracie mit. et
mutatus est in upupam : Vergil. E. VI, 78 : cod. Trident. 1660, 8 a.
Wie der Kuckuck seinen Namen von der auffälligen, der
menschlichen Sprache gleichenden, Stimme erhalten hat, so kehrt
auch der eigentümliche Paarungsruf des Wiedehopfs, ein dumpf
klingendes e upup' oder 'huppupp' in den Namen des Yogels
wieder. Man vergleiche mit diesem Rufe die zahlreichen Benen-
nungen des Wiedehopfs, welche bei Naumann-Hennicke IV, 376
aus den verschiedensten Sprachen gesammelt sind und der ono-
matopoietische Charakter der meisten Ausdrücke wird ohne Wei-
teres in die Augen springen. So schließen sich in den indoger-
manischen Sprachen direkt an die Naturlaute an z. B. lat. upupa,
griech. erroiy, armen, popop, neupers. püpü, lett. puppukis usw.
Auch in den deutschen Mundarten finden sich Bezeich-
nungen des Yogels, deren lautbildende Natur ebenso leicht zu
erkennen ist, vgl. Hupphupp, Huppke in Preußen \ Hupup in
Mecklenburg 2 , Hupphupp in Holstein 2 , Huppupp und Wupp-
ivupp 3 in Altmark, Huppe, Hupke^ im Münsterkreise. An diese
schließen sich mndl. hoppe, nndl. hop an, die wohl nicht mit Ver-
coullie Et. Wb. S. 116 aus frz. huppe herzuleiten sind; im Gegen-
1 Frischbier I, 306. — 2 Schiller Zum Tierbuche II, 12.
3 Danneil 251. — 4 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht". XVI, 85.
Wiedehopf, upupa epops. 13
teil scheint das französische Wort germanischen Ursprungs zu
sein. Aber engl, hoop, hoopoe (me. huppe) ist wahrscheinlich ein
französisches Lehnwort; übrigens ist der 'Wiedehopf in England
äußerst selten.
Der Name Wiedehopf ist die altüberlieferte Benennung des
Vogels, die im Althochdeutschen als trituhoffa, wituhoffo. uitu-
hopfa, irituhopfo öfters bezeugt ist; dazu stimmen andd. ivido-
hoppa, uiiiduhoppe (Wadstein Kleinere altsächs. Denk mäl.S.74 32 und
109 20 ), mnd. mndl. iredehoppe. In dieser Form ist der Vogelmime
ein Kompositum, dessen erster Teil and. witu 'Holz, Wald' ist;
das zweite Glied gehört zu mhd. hopfen (= ags. hoppian) und
bedeutet demnach eigentlich e Hüpfer(in)'. Aber die Auffassung
des Wiedehopfs als e Holzhüpferin' ist sicher erst sekundär. Ur-
sprünglich beruht die Zusammensetzung in ihrem letzten Gliede
auf dem hup(p)-Rvde des Vogels, der den obenerwähnten nieder-
deutschen Dialektworten zugrunde liegt und der sich lautgesetz-
lich zu *hoff-6n, *hopf-ön entwickeln mußte. Gleichwie das zweite
Kompositionsglied wird auch das erste anfänglich onomatopoieti-
scher Natur gewesen sein. Der Kuf des Wiedehopfs wird nicht
überall in gleicher Weise aufgefaßt; an manchem Ort hört man
darin nicht ein nupphupp' sondern 'wudwucl', e butbut s und der-
gleichenLautgebilde. Im Altkirchenslavischen lautet daher der Vogel-
name vudodü 1 , und ähnliche Bildungen finden sich auch auf dem
deutschen Sprachboden : in der Vorderpfalz Wuddwudd m. 2 ,
ebenso in Neumarkt (Tirol) Wud-Wud 3 , an der kärntischen
Grenze Wudi* (in Salurn Hod-Hod*) ; in Steiermark heißt derVogel
Wudhupf Wudhup oder Wilderer* m., in Schleital (im Elsaß) WtUt-
hahn 5 . Diese Namensformen machen es sehr wahrscheinlich, daß
die Benennung Wiedehopf in ihren beiden Teilen lautbildend war
und in alter Zeit wudhup(p) lautete. Daraus ging durch Anlehnung
an wudu~widu (ags.wudu ~ ahd. witu) die spätere Lautform hervor.
Der Name Wiedehopf kommt heute nicht nur in hoch-
deutscher sondern auch in niederdeutscher Lautgestalt vor. In
1 Miklosisch Et. Wb. S. 396.
2 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 10.
3 Frommann D. Mundarien IV, 56. — 4 Unger-Khull 639.
5 Martin-Lienhart I, 341.
14 Wiedehopf, upupa epops.
Göttingen und Grubenhagen ist durch Umstellung der Kompo-
sitionsteile in Wihoppe 1 m. die Namensform Hopiviweken 1 n. (d.h.
Hopweibchen) zustande gekommen, außerdem wird der Yogel
wegen des beweglichen Federbusches hier auch Wupkam 1 m.
genannt. An die ahd. Variante (witu)-hoffa knüpft der Ausdruck
Höfferich 2 m. in Hessen, welcher ebenso wie Wuderich 5 m. in
Steiermark nach dem bekannten Typus von Enterich, Gänserich
usw. gebildet ist.
Häufig erscheint das hessische Wort in der Zusammen-
setzung Schiesshöfferich 2 (eigtl. Schisshöfferich).
Schon bei den Römern war der Wiedehopf wegen der
Unsauberkeit des Nestes in üblem Ruf 4 , und in moderner Zeit
ist es damit nicht anders bestellt. Der Ausdruck Kothahn er-
scheint bereits in einem Glossar v. J. 1512 (upupa kothan, kathan 5 ),
darauf Kadthan bei Ryff Tierb. Alberti (1545) S. Q 5 b, Kothan
im Strassburg. Yogelb. (1554) Y. 553, Kathaan, Kaathane bei
Gesner (1555) S. 744 f.; heute Gewothdn 6 (Quothahn zu mhd.
qiiät e Kot') oder Dreckvogel 6 in der Pfalz, Chothan 1 in der
Schweiz, Kothahn, Kothüehnel, Stinkhahn, Schissdreckvogel 8 im
Elsaß, Misthahn 9 in der Mark Brandenburg, Dröckstöchar 10 im
Sarntal (Tirol). An diese Namen reiht sich noch der Ausdruck
Heervogel an, der nach Heyne Grimms Wb. IY, 761 aus älterem
*Hor-fogel (= Kotvogel) entstanden ist; aus dem Deutschen sind
dän. hcerfagl (neben hcerpop) und schwed. härfägel entlehnt.
Den Namen Kuckucksküster, Kuckucksköster, der in Holstein 11 ,
Mecklenburg 9 und Altmark 12 vorkommt, hat der Wiedehopf er-
halten, weil er gewöhnlich 14 Tage früher als der Kuckuck er-
scheint und durch seinen Ruf die Ankunft dieses Yogels ver-
kündigt. Die Erklärung des Namens hat schon Colerus Calendar
1 Schambach 85. 297. 307.
2 Pfister Nachträge zu Vilmars Id. S. 106 und Kehrein 346.
3 Unger-Khull 639.
4 Plinius nennt den Wiedehopf c avis pastu obscoena'.
5 Diefenbach-Wülcker Wb. S. 713.
6 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 10 und Pfalz. Id. S. 53.
7 Staub-Tobler II, 1308. — 8 Martin-Lienhart I, 101. 340. 341. 346.
9 Schiller Zum Tierbuche II, 12. — 10 Frommann D. Mundarten IV, 56.
11 Schütze Holst. Id. im Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 4.
12 Danneil 87.
Blaukrähe, coracias garrola. 1~>
s.s.", (Schiller Zum Tierbuche II. L2) gegeben : "die Ifeckelburger
Bagen, der Widehopffe sei desGuckucks Küster. Denn wenn sieb
drv mit seinem Närrischen gelächter oder geschrey auff den
Bewmen hören lest, so Lesl sich auch bald hernach der ander
narr, der G-ukgug hören". Aus demselben Grunde nennt man
den Wiedehopf in Luxemburg Riffer 1 (d. h. Ausrufer).
Da der Vogel sich gerne auf Viehweiden aufhält, um dort
der Nahrung nachzugehen, heißt er in Tirol Gänsehirt und Fuhr-
mann*, in Preußen Ossepüper 3 (d. h. Ochsenpuper). Anderescherz-
hafte Ausdrücke sind Wachmeister l in. in Preußen, Ifiippüpper-
geselle 5 in Fallersleben , Giggas-Gäggas 6 in Tirol (Inntal, Leu-
tasch). — Von den onomatopoietischen Bezeichnungen des Wie-
dehopfs in Luxemburg ist Butbut 1 m. entlehnt aus dem frz.
boutt boutt (in den Nachbardialekten), dagegen ist wohl {Bösch)-
buppert 6 m. (vgl. elsäss. Puphahn, Pupelhahn s ) nicht auf frz.
boubou, poupou zurückzuführen, sondern als selbständige Bildung
aufzufassen ; daneben kommen auch die Yarianten Wuppert 7 m.
und Flippen 1 m. vor. Unklar ist luxemburg. Mitok 9 m.
Raken, Coraciidae.
Blaukrähe, coracias garrula.
Die Blaukrähe ist in Deutschland nicht gerade selten, aber
da sie die sumpfigen Gegenden durchaus vermeidet und mit
Vorliebe ebene sandige Waldstriche aufsucht, ist ihr Vorkommen
sporadisch. Das Brutgebiet des Vogels umfaßt nach Naumann-
Hennicke IV, 365 die östlichen Teile des deutschen Sprachge-
biets. Hier kennt man ihn meistens unter dem Namen Racke{r),
der seinem gewöhnlichsten Kufe, welcher nach Voigt Excursions-
buch S. 167 und Naumann-Hennicke a. a. 0. aus einem einfachen
oder wiederholten 'rack' besteht, nachgebildet ist. Schwenkfeld
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 361.
2 Vgl. Zs. f. d. Phil. XXI, 211.
3 Kein korrumpiertes Wort wie Frischbier II, 113 annimmt.
4 Frischbier II, 450. — 5 Frommann D. Mundarten V, 148.
6 Frommann D. Mundarten IV, 56.
7 Wb. d. Luxemburg. Mundart 40. 51. 122. 493.
8 Martin-Lienhart II, 341. — 9 Wb. d. Luxemburg. Mundart 288.
16 Blaukrähe, coracias garrula.
Ther. Sil. (1603) S. 243 gibt Rache als die schlesische Namensform
an; Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 52 nennt den Yogel Blabrack
(Blaurack) wegen des blauen Gefieders, Klein hist. av. prodr. (1750)
S. 62 Blaue Raacke oder Racker. Die letzte Variante, die an den
Schimpfnamen angelehnt ist, kommt heute neben Blauracker in
Preußen *, Fallersleben 2 , Altmark 3 und Göttingen und Gruben-
hagen 4 vor, aus der Stainzer Gegend in Steiermark wird von
Unger-Khull S. 487 Racke als die übliche Form angegeben.
Popowitsch (Versuch 1780, S. 347), der eine große Anzahl Syno-
nyma nach älteren Quellen zusammengestellt hat, führt nach Zinke
die volksetymologisch umgebildete Namensform Blaurock an.
Sonst wird der Vogel meistens als Krähe, Häher oder Elster
aufgefaßt und benannt. Eber und Peucer Vocab. (1552) S. F6a
nennen ihn Krigelfter oder He\jdenel[ter\ die erstere Zusammen-
setzung ist in ihrem ersten Bestandteile onomatopoietisch gleich-
wie Krichentte (= Krikente) a. a. 0. S. E 4 a, vgl. Krick-Elster in
Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 78. Die Varianten Krigelelster
oder Kugelelfter (bei Schwenkfeld a. a. 0.), welche in den Werken
der späteren Ornithologen begegnen, sind nur falsche Lesarten
von dem Belege bei Eber und Peucer. — Den Ausdruck Mandel-
krahe bezeugt zuerst Schwenkfeld a. a. 0. und erklärt ihn daraus,
daß die Vögel zur Erntezeit sich auf den Garbenhaufen, welche
man '^landein' nennt, aufzuhalten pflegen; darauf Mandel-
Krähe in Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 52 neben Blaue Krähe,
bei Popowitsch a. a. 0. auch Garbenkrähe, Grünkrähe nach
Zinke zitiert. In Obersteiermark soll der Vogel nach Popowitsch
Weizhäher heißen, das auf denselben Grund zurückzuführen ist
wie das synonyme Mandelkrähe. Wegen des sporadischen Auf-
tretens sieht man an einigen Orten die Blaukrähe für einen
Fremdling an, daher der von Hohberg Adeliches Land-Leben
(1687) II, 810 Kap. CXXIII angeführte Ausdruck der Ungarische
Häher und die Xamen Meer-Häher in Österreich 5 (Angenehme
Land-Lust (1720) S. 177), MeergraUch* (zu Grätsch = Häher)
in Tirol. Die Vorstellung, daß fremdartige Vögel überseeisch
1 Frischbier II, 208.
2 Frommann D. Mundarten V, 289. — 3 Danneil 19. 168.
4 Schambach 167 gibt als Bedeutung 'Elster' mit Fragezeichen.
5 Vgl. Popowitsch a. a. 0. — 6 Zs. f. d. Phil. XXI, 211.
Ziegenmelker, caprimulgtu earopaeui. 17
sind oder vom Meere her kommen, ist nicht mir m diesen Be-
nennungen, senden) auch öfters zu beobachten.
Gesner, dem die in der Schweiz fehlende Blaukrähe nichi von
eigener Anschauung bekannt ist. erwähnt (8. 770) die Meißener
Dialektnamen Ein wilde Hdtzkrae and Ealckregel (vielleicht
= Holzkregel), Oalgenregel; anderwärts hat er den Ausdruck Eiti
Teütscher Pappagey gehört, d^v dem V'ogel wegen der bunten
Federn gegeben worden ist Schwenkfeld führt die von Gesner
verzeichneten Namensformen an, ersetzt alter das Ealckregel
seiner Vorlage mit Gals Kregel Der letzte Teil des offenbar
dialektisch variierenden Namens gehört zu ahd. kragil 'garrulus'
(kragilön > nhd. krägelri) und bezieht sich auf das krächzende
Geschrei der Blaukrähe. Vgl. auch Blaograok 1 in Mecklenburg.
Als Straßburger Dialektnamen führt Gesner den Ausdruck
Roller an, der auch im Strassburg. Vogelb. (1554) V. 436 vor-
kommt. Der Name ist entlehnt aus dem gleichbedeutenden frz.
rollier.
III. Langliänder, Macrochires.
Ziegenmelker, Caprimulgidae.
Ziegenmelker, caprimulgus europaeus.
Der seltsam klingende Name Ziegenmelker beruht auf
einem alten weitverbreiteten Volksglauben, von dem bereits die
griechischen und römischen Schriftsteller zu erzählen wissen.
In der Historia Naturalis (X, 40) berichtet Plinius, daß der Vogel
caprimulgus (= griech. arro0r|\ac) in der Nacht die Ziegen in
den Ställen besuche, um ihnen die Milch auszusaugen, und daß
die Tiere infolge dessen blind werden. Diese Anschauung hat in
den verschiedensten Sprachen die Veranlassung zu den Be-
nennungen des eigenartigen Nachtvogels gegeben, vgl. z.B. ital.
succiacapre, frz. tette-chfore, poln. kozo-doy, lit. oszka-meUe, engl.
goat-suckcr, goat-owl, dän. gjedemelker.
Auf welche Weise die Vorstellung von dem nächtlichen
Übeltäter sich unter den verschiedenen Völkern verbreitet hat,
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84.
Suolahti, Vogelnamen. 2
18 Ziegenmelker, caprimulgus europaeus.
muß hier dahingestellt bleiben. Jedenfalls darf man ziemlich
sicher behaupten, daß sie in Deutschland auf gelehrten lateinischen
Einfluß zurückzuführen ist. In den Yolksmundarten ist der Aus-
druck Ziegenmelker nicht fest eingebürgert, und die ersten
Zeugnisse des Namens im Mittelalter haben einen gelehrten
Charakter. Konrad von Megenberg, dessen naturhistorisches Buch
auf Plinius fußt, erwähnt S. 206 22 den 'caprimulgus' und fügt
hinzu te daz spricht ze d autsch gaizmelk"', darauf begegnet gaiss-
molch in einem Glossar des 15. Jhs. (Diefenbach Glossar. S. 98 b).
Gesner kennt den Namen gar nicht und den daran sich knüpfenden
Aberglauben nur aus Plinius, Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) be-
merkt, daß die Hirten niemals den Yogel in den Ziegen stallen
gesehen haben. Auch in den anderen Quellen dieser Zeit ist
der Ausdruck Ziegenmelker nicht zu finden. Popo witsch Versuch
S. 407 führt ihn nach Halle an, Klein Hist. av. prodr. (1750)
S. 81 nennt Milchsauger, Ziegensauger, Kinder-Melcker. Nach
Staub-Tobler IV, 197 soll Geissmelcher heute in Bern vorkommen,
und Schambach führt in seinem Wörterbuch von Göttingen und
Grubenhagen (S. 308) Zegenmelker an ; dazu noch Kuhmelker l
und Kuatutlar 2 in Tirol.
Ein ähnlicher auf gelehrten Einfluß zurückgehender Name
wie der vorige ist der Ausdruck Nachtrabe, der gelegentlich
auf unseren Vogel bezogen wird. Das Wort, das in ahd. Quellen
oft belegt und dort als Rohrdommel oder Nachtreiher interpretiert
wird, ist eine Übersetzung des griech.-lat. Bibelwortes nocticorax.
In breiteren Volksschichten hat sich der Name offenbar durch
Predigten und religiöse Literatur eingebürgert. Hier erscheint er
z. T. als Ziegenmelker gedeutet wie z. B. in dem moralisierenden
Buche Albertini e Der Welt Tummel- und Schaw-Platz* (München
1622) IV, 480. Das erste Zeugnis von der volkstümlichen An-
wendung des Namens in diesem Sinne gibt Turner, der in einem
Briefe an Gesner (vgl. Hist. avium S. 235) behauptet, den Vogel in
der Umgegend von Bonn gesehen zu haben, wo derselbe mit dem
Namen Naghtrauen bekannt sei. Diese Nachricht wird bestätigt
durch Angaben von Heeger (Tiere im pfälz. Volksmunde II, 10)
undWoeste(Wb. derwestf.Ma. S.182), daß der Ausdruck Nachtram
1 Zs. f. d. Phil. XXI, 211. — 2 Frommann D. Mundarten IV, 55.
Ziegenmelkor, caprimulgus curopaeus. 19
in der Pfalz, Nachträge in Westfalen den Ziegenmelker bedeute.
8. "Weiteres s. v. Nachtreiher.
Das sehr auffällig Synonymon Pfaff, «las in den ornitholo-
gischen Werken der vier letzten Jahrhunderte immer wiederkehrt,
beruht auf einer Mystifikation, die bis auf Turner zurückgeht
In seinem Buche Avium hist. (1544) S. C5b erzählt der eng-
lische Naturforscher von einer Unterhaltung tiber die Untaten
des Ziegenmelkers, die er auf einer Reise in der Schweiz mit
einem alten Mann gehabt hatte; als schweizerischen Namen
habe der Mann 'paphum, id est sacerdotum' angegeben. Aber
Turner spricht zuletzt den Verdacht aus, daß der Greis ihn nur
zum Besten gehabt hat. Eber und Peucer, die Turner benutzt
haben, haben das Wort Ff äff in die Vocab. v. J. 1552 S. E 5a auf-
genommen, und so ist es weiter gewandert.
Ein alter volkstümlicher Name des Ziegenmelkers scheint
das von Schwenkfeld für Schlesien bezeugte Wort Nachtschade
zu sein, das in der Form Nachtschatten 1 in Wien, Oberschlesien
und dem nördlichen Böhmen vorkommt; dazu noch die umge-
deuteten Formen Nachtschotte und Nachtsspade - in der Gläger
Monatsschrift (1799) S. 85. Das Kompositum kann auf eine ahd.
Grundform *naht-scato (d. h. Nachtschatten) zurückgehen, und dann
wäre der Name auf den geräuschlosen schattenhaften Flug des
Yogels zu beziehen. Aber wenn man bedenkt, daß der Ziegen-
melker auch als eine Art Nachtgespenst aufgefaßt wird, so könnte
man den Namen aus ahd. *nahtscado (vgl. ags. scapa 'Übeltäter') als
'Nachtbeschädiger', 'Nachtübel täter' deuten. Die skandinavischen
Namensformen, dän. natskade 'Ziegenmelker' und schwed. natt-
skata 'Fledermaus', beruhen offenbar auf dem deutschen Worte,
das im Anschluß an skade (bezw. skata) 'Elster' umgedeutet wurde.
Als schlesische Benennung des Ziegenmelkers führtSchwenk-
feld noch den Ausdruck Tagefchläffer an, Naumann 3 bezeugt ihn
für seine anhaltische Mundart, Popowitsch Versuch S. 407 in der
Form Tagfchläfer auch für Niedersachsen. Eine ältere Bildungs-
weise tritt zutage in der bei Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 59
1 S. Popowitsch Versuch S. 407 und Zs. f. d. Phil. XXI, 208.
2 Frommann D. Mundarten IV, 178.
3 Naumann-Hennicke IV, 244.
20 Mauersegler, cypselus apus.
überlieferten Form Tages- Schlaffe, die mit preuß. Tagschlaf 1
m. auf eine ahd. Grundform Hagasläfa, Hagasldfo (d. h. Tagschläfer)
hinweist. Der Name reicht als westfäl. Dagsläper 2 in das nieder-
deutsche Sprachgebiet hinein.
Die nächtliche Lebensart und der schattenhafte Flug haben
dem Yogel in Preußen den Namen Hexe 3, f. (Klein Hist. av. prodr.
(1750) S. 81) und in Luxemburg die Benennung Doudevull*
(d. h. Totenvogel) verschafft. Andere Dialektausdrücke knüpfen an
das Aussehen des Vogels an. Wegen der schwalbenartigen Gestalt
heißt er in Baiern Nachtschwalbe (Popo witsch Yersuch S. 406),
wegen des krötenartig dicken Kopfes mit dem großen Bachen
in Preußen Großmaul*, in Luxemburg Nuetsniouk* f. (d. h. Nacht-
kröte) ; der letztgenannte Ausdruck kann jedoch durch frz. crapaud
volant veranlaßt worden sein. Als eifriger Insektenfänger führt
er die Namen Mückenstecher' in Österreich, Fleimouk* f. (d. h.
Mückenkröte) in Luxemburg. In vielen Gegenden wird er einfach
Nachtvogel (Schwenkfeld a. a. 0.) genannt.
Segler, Cypselidae.
Mauersegler, cypselus apus, apus apus.
Die Mauersegler, die nur ein geübtes Auge im Fluge von
den Schwalben unterscheidet, werden meistens als Schwalben
bezeichnet. Eine spezifische Benennung für diese Yogelart ist
mhd, spire. Der erste Beleg des "Wortes findet sich bei Hugo
von Montfort, der die Pluralform spiren mit saphirn (in der
Hs. speyrn: sapheyrn) reimt (106, 163); dazu die Glosse spier
in einem Yocab. rerum v. J. 1466 bei Diefenbach Novum glossar.
S. 222 a. Im 16. Jh. wird der Ausdruck von Gesner S. 160 als
schweizerisch bezeichnet ("nostri Spyren nominant"). Für das Elsaß
kommt als erstes Zeugnis in Betracht die Namensform spiren
in der übertragenen Bedeutung e Seeschwalbe' in der Strassburg.
Ordnung des Yogelfangs v. J. 1449 (Brucker Strassburg. Zunft-
verordn. S.226), dann Spiren apodes bei Dasypodius (1535) S. Clb,
Speiren bei Golius Onomasticon v. J. 1579 Sp. 290, ein Speirer
1 Frischbier II, 391. — 2 Woeste 47. — 3 Frischbier I, 256. 288.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 64. 111. 308.
5 Popowitsch Versuch S. 407.
Mauersegler, cypsehu apus. 21
in Baldners Vogelb. \. J. 1 666 8. 43. Eeute kommt der Vogelname
als Speier 1 f. in Ober-Steiermark, 8pei(e)r m. in Tirol, Spirm.,
Spir* f. in Bchweizerischen Mundarten N/^'/v f.. Spirle, Spirel*
n. im Elsaß v.>r; rielfach werden damit auch andere Schwalben-
arten oder die Schwalbengattung überhaupt bezeichnet In der
Zusammensetzung mit Schwalbe erschein! <I<t Name schon Erüh
auf niederdeutschem Gebiet; im L5. Jh. isl spirsuale ein paar
Mal hier bezeugt, im L6. Jh. Spyrfwalecke/Waterswalecke bei
Chytraeus Nomenclator (1582) S. 370. Auch aus Mitteldeutschland
stammen einige Zeugnisse für das Kompositum. Eber and Peucer
Yocab.(1552) S. F 2b haben Spirfchwalben apodes, Gesner führt in
Hist. avium S. 160 Spi rfchealben (hirundo riparia) nach (J. Agricola
(Sachsen) an, in Sibers Gemma v. J. 1579 S. 40. 42 Spirfchiralbe.
Aber die erhaltene Vokallänge zeigt, daß die Benennung in diesen
Gegenden eigentlich nicht heimisch war, und in den heutigen mittel-
deutschen Mundarten scheint der Ausdruck auch nicht bekannt
zu sein. Aus Niederdeutschland führt Schiller Zum Tierbuche II, 17
unter mehreren Synonyma für den Mauersegler auch (S)p/er-
mäUcen an und Franck Et. Wb. 935 verzeichnet spier als früh-
neuniederländisches Wort. — Der Ursprung von mhd. spire ist
umso schwieriger zu ermitteln, da man nicht mit Sicherheit
sagen kann, ob das Wort von Ober- oder Niederdeutschland sich
weiter verbreitet hat; manches spricht jedoch für die erstere Alter-
native. Weigand Wb. II 4 , 674 denkt an Zusammenhang mit mnd.
spir 'kleine Spitze, bes. Kornspitze 5 (ags. spir 'langer Schößling' u.a.)
und dieselbe Auffassung vertritt Franck a. a. 0.; der Mauersegler
hätte danach seinen Namen von den langen spitzen Flügeln er-
halten. Wenn man von der erwähnten Wortsippe ausgeht, konnte
man auch an die Bedeutung Turmspitze' anknüpfen, die in dän.
spir, schwed. spira und (nach Grimms Wb.) in niederd. spyr (in
einem Beleg v. J. 1392) bezeugt ist, denn der Vogel hält sich
auf Türmen und anderen hohen Gebäuden auf und wird auch
deshalb Turmschwalbe genannt. Aber in Oberdeutschland, wo
der Vogelname verbreitet ist, ist das angenommene Grundwort
nicht heimisch.
1 Unger-Khull f>L j :;.
2 Vgl. Grimms Wb. X, 1, 2434. — 3 Martin-Lienharl II, 546.
22 Mauersegler, cypselus apus.
Eine synonyme Benennung ist Geierschwalbe, das vorzugs-
weise am Rhein und in mitteldeutschen Gegenden nachweisbar
ist. Zum ersten Male belegt ist der Ausdruck in Turners
Avium hist. (1544) S. F 2, wo Geyrfwalbe als hochdeutsch
bezeichnet wird. Gesner führt S. 160 die Formen Gerfchwalm
und Geijrfchwalb als nicht-schweizerische Worte an; das Strass-
burg. Yogelb. (1554) Y. 433 schreibt Gerfchwalbe, Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) Geyer Schwalbe und Hertel bezeugt Girschwalwe 1
aus der heutigen Nordhausener Mundart in Thüringen. Als hol-
ländischer Name wird Ghier fwaluwe von Junius Nomenciator
(1581) S. 54 b angegeben. Yercoullie Et. Wb. S.91 und Woorden-
boek der nederlandsche Taal IY, 2310 deuten gierzwaluw aus
dem lautbildenden Yerbum gieren (mnd. giren), so daß der Name
mit Rücksicht auf das schrille Geschrei des Yogels gebildet
wäre. Darauf geht auch der westfälische Name Kritswalwe (Woeste
Wb. S. 145) zurück, der zu westfäl. kriten 'kreischen' gehört;
dazu ndl. steenkrijter in gleicher Bedeutung.
Den Ausdruck Turmschwalbe, der heute im nördlichen
Böhmen 2 , in Anhalt 3 und wohl noch anderwärts geläufig ist,
haben Döbel Eröffa. Jägerpr. (1746) S. 65 und Popowitsch Yersuch
(1780) S. 526. Ihm entsprechen Münsterfpyre bei Gesner a. a. 0.,
Mauer fchwalbe bei Schwenkfeld und Döbel a. a. 0., Mauer-,
Steinfchwalbe in Kleins Hist. av. prodr. (1750) S. 83. In Meck-
lenburg sind nach Schiller Zum Tierbuche II, 17 die drei Aus-
drücke Türnswälken, Müerswälken, Stenswälken neben Spier-
swälken üblich, aus Sachsen werden die Namen Rauchschwalbe,
Mauerschwalbe, Raubschwalbe 2 , aus Steiermark Zugschwalbe*,
aus Mittelsteiermark Speiche 4 f. angegeben ; ndd. Synonyma
sind Thieswalwe 5 in Münster und Tönswalw' in Reckling-
hausen. — In Luxemburg nennt man den Yogel wegen seiner
Ruheplätze auf den Dachfirsten Leendecker 6 m. (d. h. Schiefer-
decker).
1 Thüringer Sprachsch. S. 104.
2 Zs. f. d. Phil. XXI, 208. — 3 Naumann-Hennicke IV, 232.
4 Unger-Khull 523. 656.
5 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86. XVII, 5.
6 Wb. d. Luxemburg. Mundart 263.
Schwalbe, hirundo. 88
Schwalben, II i ru n d i d idae.
Schwalbe, hirundo.
Ahd. Bwalwa: Sg. Nom. $uualuuua hirundo: cod. SGalÜ
■21-2. 248b. 8valuwa\ Prisciani instit 128,7: Qm. 280A, 22b.
sualuuua: aldhelmi Aenigm. 268, 2^\: cod. SGalli 242, 82. cod Bern.
Trevir. f. L12b, suala uua: cod. Parisin. 9344 f. 42b. iuakuma:
Esaias 88, 14: Clm. 19440, 296. iwtüawa: cod. Selestad 109b. V
de volucr.Gll. Salomon. a 1. auaktuua: Vergil. 0.1, -'577: cod Parisin.
9314, 14a; aualiuua: cod. Berol. Ms. lat 4° 'Jlö, 26b. turaliwa:
H. S. III, 17. suualeuua herodium 1 : Deuteronorn. 14, 16: COcLOxon
Land. lat. 92, 21a. svalewa: Rotul. com. de Mttlinen Hein, tuualuua:
Clm. It689 f. i7a. sualuua: cod. Vatican. Reg. 1701, 2b. zoizzi-
rondiu sualuua arguta hirundo: Vergil. G. I, 377: cod. Selestad
sied un: Carmen de Philomela26: cod.'Vindob. 247, 223 a. swalwa:
H. S. III, 17, XI a 2 b e. suala: cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f.
89a, cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 123b. — Gen. — sualauun: Esaias
38, 14: Clm. 18140, 107a. sualeuuun: Notker Cantic. Ezech. Reg. 14.
sualiuun: Notker WCantic. Ezech. Reg. 14.
Das Wort Schwalbe ist ein gemeingermanischer Vogel-
name, vgl. ahd. swalwa, mhd. swalwe, andd. suala (cod. Oxon.
Auct. F. 1, 16, 33 b in Ahd. Gll. II, 724 24 ), mnd. swalewe, swale,
nnd. swalwe, swale, mndl. zwaleive, nndl. zwaluu\ afries. suala
= ags. swealwe, rae. swalowe, ne. swallow und anord. svala (statt
*solm, Noreen Anord. Gramm. 3 § 79, 8 und § 81 Anm.), dän. smle,
schwed. svala.
German. *swalwön- hat de Saussure in Memoires de la So-
ciete Linguist, de Paris VI, 75 mit griech. (xXkuujv 'Eisvogel*
verbunden, was lautlich gerechtfertigt ist (germ. Grdf. *sical$vvn),
aus semasiologischen Gründen aber höchst bedenklich erscheint.
Ganz unsicher ist auch die von Schade Altd. Wb.Il 2 , 900 f., Franck
EtWb.S.1226f. und Falk und TorpEt.ordb.il, 326f. angenommene
Verwandtschaft mit mhd. mnd. swalm 'Schwärm', lert. swalstiht
'sich hin- und herbewegen', griech. cdXoc 'unruhige Bewegung';
dabei bleibt übrigens der germanische tp-Lant vor dem Suffixe
unberücksichtigt.
In mehreren mundartlichen Varianten ist der alte Name
1 Offenbar hat der Übersetzer die Worte hirundo und herodius mit
einander verwechselt.
24 Rauchschwalbe, hirundo rustica.
in ganz Deutschland fast die einzige Bezeichnung des Yogels,
vgl. alemann. Schwalm (aus swalw'n), westerwäld. Schwabelchen 1 ,
luxemburg. Schmielber, Schmirbel, Schmollef, Schmorbel Schmurbel,
Schmier wel, Schmuelmesch 2 , ndd. Swale, Schwdlke, Swöoegelke 3 ,
Swäoelke 3 , Swäfelk, Sivallig, Sweigelk^ usw.
In Steiermark führt die Schwalbe den Namen Muttergottes-
vogel 5 .
Rauchschwalbe, hirundo rustica.
Yon den drei Schwalben arten, welche in Deutschland nisten,
hat die Rauchschwalbe durch ihr zutrauliches Wesen in ganz
besonderem Grade die Gunst des Menschen erworben. Zum ersten
Mal ist der Ausdruck Rauchswalbe 6 bei Trochus (im J. 1517)
bezeugt 7 , wo er mit e caminaria a glossiert wird; Popowitsch 8 ,
der den Namen aus dem Eichsfeldischen kennt, deutet ihn daraus,
daß der Vogel in Küchen nistet. Daher heißt er bei Klein Hist.
av. prodr. (1750) S. 82 außer Bauch fchwalbe auch Paarerfchivalbe
(Bauernschwalbe), Küchen-Schivalbe. Die Luxemburger nennen
ihn Schäschtechschmuelef 9 (d. h. Schornsteinschwalbe) und Ka-
meinebotzert 9 m. (d. h. Kaminputzer). — In vielen Gegenden
ist die Rauchschwalbe mit dem Namen Hausschwalbe bekannt.
In dem Regiment der Yögel von H. Sachs (1531) Y. 230 wird
die Haußschwalb erwähnt, Gesner (1555) S. 528 bezeugt den Aus-
druck Hußfchwalm für seine Heimat, das Strassburg. Yogelb. (1554)
Y. 521 gibt Rauch fchwalm und Haußfchwalm nebeneinander.
Bei Eber und Peucer Yocab. (1552) S.F2a, Schwenkfeld Ther.
Sil. (1603) S. 286, Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 65 und Po-
powitsch a. a. 0. ist Hausfchwalbe ebenfalls die Benennung der
Rauchschwalbe. In Steiermark wird sie wiegen des tief gefurchten
Schwanzes das Spaltet, Spalkel 10 oder die Gabelschwalbe 10
genannt ; ein steirisches Dialektwort ist auch der Speik 10 .
1 Kehrein 371. — 2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 387. 388. 389.
3 Schambach 223. — 4 Danneil 217. — 5 Unger-Khull 466.
6 Der Ausdruck ist auch in Niederdeutschland üblich, vgl. Rök-
swälk im Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86.
7 Diefenbach Glossar. S. 93 a. — 8 Versuch S. 526.
9 Wb. d. Luxemburg. Mundart 207. 375.
10 Unger-Khull 261. 521. 524.
Stadtschwalbe, hirundo arbica, chelidonaria arbica. 36
Die rotbraune 8tirn und Kehle haben «lern Vogel den Namen
Blutfchuxübe eingetragen, den Popowitech als fränkisch angibt
Schwenkfeld a. a, 0. beziehl auf diese Schwalbenarl die Be-
nennung Gtibelfchuxxlbe^ die sonst von der folgenden An ange-
wendet wird. In Sibers Gemma (1579) und der Ausdruck
Matcrfchtoalbe, der gewöhnlich \..n der Turmschwalbe gilt, auf
die Rauchschwalbe bezogen.
Stadtschwalbe, hirundo arbica, chelidonaria arbica
Die Stadtschwalbe ist kleiner als die Rauchschwalbe; ihre
Oberseite ist stahlblau gefärbt, die Unterseite und der Bürzel
sind weiß. Dieses Weiß <h>s Gefieders hat den österreichischen
Namen Weissärschel (Popowitsch Versuch S. 526) veranlaßt, dem
im Zillertal Blekarsch 1 (zu ahd. blecchen Veiß schimmern') ent-
spricht; der Plickstertz, der in H. Sachs' Gedicht Begim. der Vögel
(1531) V. 198 mit der Heiibellerch tanzt, wird auch die Stadt-
schwalbe sein.
Turner Avium hist. (1544) S. F 2 a nennt diesen Vogel Kirch-
fwalbe, ebenso führen Eber und Peucer Vocab. (1552) S. F2a
Kirch fcluvalbe in derselben Bedeutung an. Schwenkfeld Ther.
Sil. (1603) S. 288 zählt die Synonyma Leimfchwalbe, Lauben-
fchivalbe, Fenfterfchiralbe, Dachfchivalbe auf. Diese Namen nehmen
alle Bezug auf das Nest, welches die Stadtschwalbe in Fenster-
nischen und unter der Dachrinne anlegt und bis auf ein kleines
Schlupfloch zumauert.
Den Namen Spire teilt die Stadtschwalbe mit dem Mauer-
segler. Gesner, in dessen Heimat die Benennung den letztge-
nannten Vogel bedeutete, nennt in Hist. avium S. 544 ohne
genauere Ortsangabe die Ausdrücke Murfpyre, Münfierfpyre,
Murfchwalbe und nach G. Agricola Berg fcluralben inj ffe Spuren
im Sinne von Stadtschwalbe. Popowitsch a. a. 0. kennt Spir-
fchwalbe nur in dieser Bedeutung, und nach Unger-Khull S. 523
soll die Speier in Obersteiermark ebenfalls die 'hirundo urbica'
bezeichnen. Vgl. auch S. 20 f.
Nach Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 10 heißt die
Stadtschwalbe in der Germersheimer Gegend Drecksteier; schon
1 Nemnich Polyglottenlexicon II. 164.
26 Uferschwalbe, hirundo riparia, clivicola riparia.
bei Pinicianus Prompt. (1516) S. C 3a begegnet der Name Steyr
in der Bedeutung Uferschwalbe.
In Steiermark wird die Stadtschwalbe Schmelcherl 1 n. ge-
nannt. Eine einfachere Form des Vogelnamens, dessen Demi-
nutivform hier vorliegt, ist steir. Schmelche l f. 'Singdrossel', das
offenbar auf ahd. *smelihha beruht und als Ableitung vom Adj.
smal 'klein' aufzufassen ist; die Bildungsweise ist dieselbe wie
in Belche aus ahd. belihha 'Blässhuhn'. Die Benennung wird auf
die genannten Yogel bezogen, weil diese im Verhältnis zu an-
deren Arten derselben Gattung klein sind. Vgl. auch S. 95.
In Mederdeutschland kennt man die Stadtschwalbe auch
unter dem Namen Stenswalwe 2 .
Uferschwalbe, hirundo riparia, clivicola riparia.
Die Uferschwalben haben den Namen 3 von ihren Nist-
plätzen erhalten, zu denen sie lehmige Uferwände und Sand-
gruben wählen. Zuerst wird der Ausdruck von Turner Avium
hist. (1544) S. F2a belegt: "Germani eyn Über fwalbe aut Speiren
nominant", danach Vberfchwalben bei Eber und Peucer Vocab.
(1552) S.F2 b, Uferfchwalbe in Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 65.
Ein Synonymon ist Erdschwalbe, das Klein Hist. avium prodr.(1750)
S. 83 und Popowitsch Versuch (1780) S. 526 aus anderen Quellen
belegen ; schon im Elbinger Vokab. 741 ertswale (Berneker
Die preuß. Sprache S. 244). Aus Österreich führt Popowitsch
a. a. 0. den Ausdruck Gestatten fchwalbe an, der eine ähnliche
Bildung wie ags. stoeßswealwe (= ripariolus) ist. Weitere Syno-
nyma sind Feelfchwalm (wohl für Felsfckwalm) und Waffer fchwalm
bei Gesner Hist. avium S. 545; bei Klein und Popowitsch a.a.O.
Waffer fchwalbe, heute in Luxemburg Wdßerfchmirbel^ und Grond-
schmuelmesch 4 (d. h. Grund-, Bodenschwalbe). Golius Onomasticon
(1579) Sp. 292 nennt die Uferschwalbe Speir fchwalb ebenso wie
Turner (s. oben); Gesner glaubt, daß dieser Name in Nieder-
deutschland von der Uferschwalbe, auf hochdeutschem Gebiet
von der Turmschwalbe angewendet wird.
1 Unger-Khull 547. — 2 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85.
3 Ndd. Oewerswalwe, Korrespondenzbl. a. a. 0.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 156. 478.
Specht, picus. 27
Eine ursprünglich Lokale Benennung isl das Worl Ilhein-
dchuxdbe, das sich aus den Rheingegenden dann weiter verbreitet
hat. Das Btrassburg. Vogelb, r. J. L554 7.52] erwähnt anter
den Schwalbenarten die Rhein fchwalmen, and Gtesner(8.54 t) kennt
den Ausdruck Ehynvogel ebenfalls als Straßburger Dialektwort
Aber auch H;ms Sachs ist der Name geläufig, denn im Etegim.
der Vögel (1531) 7.76 tritt die Reinschtoalb au£ Schwenkfeld,
Klein, Popowitsch u. a. verzeichnen den Aufdruck Rheinfchuxdbe
unter den Synonyma für die Uferschwalbe. In vielen Gegenden
wird der Xame alter v.>n den Seeschwalben gebraucht, die in
den Rheingegenden wegen ihrer schwalbenförmigen Gestalt auch
Spirschwalben genannt werden. Bei Eber und Peucer Vocab.
(1552) S. E 2 b sind die Reinfchwalben oder Spir fchivalben (marinae
aves) gerade die Seeschwalben. Dasypodius (1535) S. C lb setzt
die Reinschwalben ebenfalls den Spiren gleich, ohne daß es recht
klar ist, welche Vogelart er meint.
Vgl. noch Nachtschwalbe 'Ziegenmelker', Vttemchwalbe e der
schwarze Storch*.
IV. Spechte, Picidae.
Specht, picus.
Ahd. speht: Sg. Nom. — speht picus: Clm. 14747 f. 63a.merops :
cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f. 89 a. loaficus. et picus. unum
sunt, i.: cod. Bonn. 218, 62 b. merops: Carmen de Philomela43: cod.
Vindob. 217, 223 a. Prudent. Contra Symmach. I, 23k cod. Bruxell.
9968, 119 d. Clm. 14689 f. 47 a. Versus de volucr. H. S. III, 17, fron-
dator: XI b. meropes : Gll. Salomon. a 1. cod. Selestad. f. 110 a. cod.
Vindob. 804 f. 185 b. spfht picus, unus deorum ( ) pica dicitur agalstra :
Prudent. Contra Symmach. I, 234: cod. Parisin. nouv. acquis. 241,
165 a, Clm. 14395, 171b. speht t boumfrosc frondator: Vergib E. I, 56:
cod. Berol. Ms. lat. 4<> 215, 2b. speht t hehera: H. S. XI d. g. speth. t
hehara: cod. SGalli 299, 26. speth: Comment. Anonymi in Vergib
A. VII, 48: cod. Oxon. Auct. F. 1. 16, 98 b. Versus de volucr. fron-
dator: cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 124 b, sphet: cod. Parisin. 99
42 b. spect' picus. inde pica aga : cod. Bruxell. 10072 f. 88 b. spe't: Horat.
Carm. III. 27, 15: cod. Parisin. 931"). 27a. spet : H. S. III, 17. vespet 1 :
cod. Berol. Ms. lat. 8<> 73, 123 b. speJUe: Versus de volucr. H. S. XI a 2
1 = vel speht ? (Steinmeyer).
28 Specht, picus.
(12. Jh.), e (1 Hs. 12. Jh.). speh: cod. SGalli 299 p. 33. spfh: Prudent.
Contra Symmach. I, 234: cod. Colon. LXXXI, 99b. — Dat. — spehte
at hehera perdix. auis similis colore pico : Regum I, 26, 20 : Clm.
19440, 105.
Ableitungen und Komposita. — spehteszunga 'Pflanzen-
name'. scehteszunga pici lingua: Rotul. comit. de Mülinen Bern.
Den Namen Specht hat das Deutsche nur mit den skan-
dinavischen Dialekten gemein. Es entsprechen dem ahd. mhd.
speht, mnd. specht m. im Altnordischen spcetr, dän. spette, in nor-
wegischen Dialekten spetta und spett, auch hakke-spet = schwed.
hackspett. Im Englischen ist speight kein heimisches Wort, son-
dern stammt aus dem Deutschen; der angelsächsische Ausdruck
war fina. Auch das niederländische specht wird von Vercoullie
Et. Wb. S. 270 und Kluge Et. Wb. 6 S. 369 als eine Entlehnung
aus dem Hochdeutschen betrachtet, während Franck Et. Wb. S. 930
es für einheimisch hält.
Der Name ist verschieden gedeutet worden. Ältere Ety-
mologen, wie Grimm KL Schriften I, 267, Schade Altd. Wb. IP,
849 und Weigand Wb. II 4 , 753, dachten an Zusammenhang mit
ahd. spehön 'spähen', wobei verschiedene Gesichtspunkte hervor-
gehoben wurden : der Specht sei der spähende, d. h. weissagende
Yogel oder der Yogel, der die Insekten in der Baumrinde
erspäht.
Nach einer anderen Auffassung wäre der Specht eigentlich
als bunter Vogel benannt. So stellte schon Pott Et. Forsch. I, 235.
II, 600. 602 und KZ. VI, 31 f. ahd. speht zu lat. picus e Specht',
pica 'Elster' und erblickte die Grundbedeutung des Vogelnamens
in lat. pingo 'male', griech. ttoikiäoc 'bunt'. Andererseits hält Kluge
a. a. O. Verwandtschaft mit ags. specca 'Fleck' für möglich, wobei
lat. picus doch wohl fern bleiben müßte; ebenso zieht Tamm
Et. ordb. s. v. hackspett das ags. Wort und dän. spcette 'Fleck',
rßdspcette 'eine Art Flunder mit roten Sprenkeln' zum Vergleich
heran. In der Zs. f. d. Wf. II, 285 f. versucht Much diese Ansicht
durch neue Beweise zu begründen, indem er auf die Rindernamen
Spicht im Salzburgischen und Specht, Spöcht in Kärnten hinweist,
wo die alte Bedeutung 'bunt' noch zutage trete; es handelt sich
aber hierbei höchst wahrscheinlich nur um eine Übertragung
des Vogelnamens.
Specht, pico«. 96
bd die Etymologie, wonach der Specht wegen des honten
Gefieders den Namen halte, könnte man bemerken, dafi sie
auf die kleinen Spechtarten Bezug nimmt, weniger auf den
Grünspecht und <leu Schwarzspecht Doch sind es gerade die
Letzteren Vögel gewesen, die in der Volksvorstellung die wichtigste
Rolle spielten. Besonders an den sagenumwobenen Marsvogel
der Römer, in dem man dm Schwarzspecht erkennt l , knüpfen
sieh auch auf germanischem linden die meisten Bfärchen viun
Spechte, 8. Grimm Deutsche Mytlml. II 1 , 560ff, [mmerhin ist von
den gegebenen Deutungen die Letzterwähnte am wahrschein-
lichsten.
In dem Vogelnamen muß der auslautende Dental sekundär
herangetreten sein. Das zeigt die im Althochdeutschen vor-
kommende Nebenform spech 2 (mhd. spech in zwei Glossenhand-
schriften des 14. Jhs., Ahd. GH. III, 21 24 ) ? die Martin-Lien-
hart I, 534 für das Elsaß und Heeger Tiere im pfälz. Volks-
munde II, 9 für die Pfalz bezeugen; ferner tirol. Speck {Grün-
speck) 3 . Sie kommt auch zur Anwendung in elsässischen und
pfälzischen Ortsnamen, vgl. Spechbach in Socins Namenb. S. 342.
598. 621. 640. 682 neben Spechtbach, Spechtrein bei Förstemann
Altd. Namenb. II, 1359. Eine alte Variante dieser dentallosen
Form liegt vor in elsäss. Grünspeich f. und dem Ortsnamen
Speicheshart (neben Spehtesliart) bei Förstemann a. a. 0. Zu dieser
Lautstufe stimmt auch schwed. hackspik 'Specht', wo die An-
lehnung an spik 'Nagel' unverkennbar ist. — Aus ahd. speh
erklärt sich afrz.espeche (nfrz. Speiche) e Specht\ während das gleich-
bedeutende afrz. espoit auf ahd. speht zurückgeht.
In einem großen Teil des bairisch-österreichischen Dialekt-
gebiets und auf dem gesamten schwäbischen Sprachboden ist
der alte Name Specht vor neueren Bildungen zurückgewichen.
Schon in mittelhochdeutscher Zeit erscheint in bairischen Quellen
die Benennung poumheckel m. (ahd. *boum-1wckil) 'Baumhacker*;
zuerst paumheckel bei Konrad von Megenberg( Kd. Pfeiffer) S.3S0 11 ,
dann poumheckel in einer Version des Märchens vom Zaunkönig
1 Keller Tiere des klassischen Altertums s. v. Specht.
2 Vgl. auch die Belege s.v. Grünspecht.
3 Frommann D. Mundarten IV, 55.
30 Schwarzspecht, picus martius, dryocopus martius.
aus dem 15. Jh. (Erlösung herausg. von Bartsch S. XLY), päm-
hachkel in einem Vokab. v. J. 1421; andere Belege in Glossaren
bei Diefenbach Glossar. S. 358 s.v. merops, 433 s.v. picus,
Novum glossar. S. 252 s.v. merops. Im 16. Jh. ist Paumheckel
durch H. Sachs Regim. der Yögel (1531) Y. 179 für Nürnberg
bezeugt, Gesner Hist. avium (1555) S. 675 führt Baühecker aus
Kärnten an. Popowitsch Versuch S. 544 bezeichnet Baumhecker
als die in Österreich übliche Benennung des Yogels, Unger-
Khull S. 55 geben das Wort in der Form Baumhackel m. aus
Steiermark. Synonyme Ausdrücke sind Baumreiter, Baumrutscher
bei Popowitsch a. a. 0. nach Heppe zitiert, Baumjürgel l m. in
Steiermark.
Im schwäbischen Dialekt ist Specht nach Fischer Wb. I, 719
schriftsprachliches Lehnwort; der landläufige Name ist Baum-
picker (zu picken 'mit dem Schnabel hauen 5 ). In den nördlichen
Teilen der Pfalz gilt ebenfalls dieser Ausdruck neben Binden-
picker 2 , in der Schweiz bezeichnet man stellenweise als Baum-
bicker 3 den Grünspecht. Auch im Ostfriesischen kommt Böm-
bicker 4 als Name des Spechtes vor. Auf Helgoland heißt er der
Holtbecker 5 (d. h. Holzpicker), in Preußen der Holtzhacker (Klein Hist.
avium prodr. 1750 S. 26); im badischen Oberlande der Zimmermann.
Der Ausdruck Schiesshuivwerig , den Kehrein Yolksprache
S. 346 aus dem Nassauischen anführt und mit schiwwerig verbin-
den möchte, ist eigentlich der Name des Wiedehopfs. In diesem
Sinne verzeichnet Pfister Nachtr. zu Yilmar Id. S. 106 die Namens-
formen Höfferich und Huwwerig aus Hessen, bemerkt aber, daß
die letztere auch vom Specht angewendet wird; vgl. S. 14.
Schwarzspecht, picus martius, dryocopus martius.
Yon den zwei Spechtarten, welche der Redakteur des althoch-
deutschen Summariums unterscheidet, ist buohspeht (zu buohha
'Buche') 'Buchenspecht' wohl der picus martius. Die Belege in
den Hss. des Summariums III, 17 (böchspeht, bvhcspehte, prücspet)
sind das einzige Zeugnis des Ausdrucks.
1 Unger-Khull 55.
2 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 9.
3 Staub-Tobler IV, 1120. — 4 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 111.
5 Frommann D. Mundarten III, 32.
Schwarzspecht, picoi m&rtitu, dryocopua martiot. 31
In vielen Gegenden Deutschlands wird der Schwarzspecht
als Krähe benannt, weil er schwarz von Farbe ist Und aucfa in der
Größe der Krade annähernd gleich kommt; daher auch Bchwed
wüUcrdka. Der Name Hohlkrähe, welcher auf ahd. 'holaerd
(d, h. Böhlenkrähe) zurückgeht und auf das Nisten des Vogels
in Baumhöhlen Bezug nimmt, begegne! zum ersten Mal in den
Glossen hoUchra parua parra («I. h. Dnglücksvogel) In cod. Oeni-
pontan. 711, ."»oh (13. Jh.) and hdera Bepicecula in cod. Vindob,
3213, lKi (1 1. Jh.), s. Ahd. GH III. 28" u. 672»*; im L5. Jh.
holekro im Elbinger Vokal). 724 (Berneker Die preufi. Sprache
S. 244). Eine andere Variante isl mhd. holzkrä 'Waldkrähe*, das
zunächst in der Glosse holtzchra merops in cod. Mellic. K. 51,
242 (14. Jh.) belegt ist, s. Ahd. Oll. III, 21 M . In Hist. avium
(1555) 8. G80 erwähnt Gesner sowohl Holkräe wie lloltzkräe
als schweizer. Ausdrücke und Staub-Tobler II, 805 führen aus
den heutigen Mundarten außer Hol-Chräj und Holz-Chräj noch
die Synonyma Berg-Ghräj und Tül-Chräj an. Die Benennung
Hohlkrähe dürfte von diesen Varianten am weitesten verbreitet
sein. Aus Sachsen wird sie durch G. Agricola (bei Gesner a. a. 0.)
als Holkrahe und durch Eber und Peucer Vocab. (1552) S. E7a
als Holkrae bezeugt; dazu Holkrae in Sibers Gemma(1579) S. 40.
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 338 bezeugt Holkrahe speziell
für seine schlesische Heimat. Auf oberdeutschem Sprachboden
begegnet Holkro bei H. Sachs Regim. der Yögel (1531) V. 194,
Hohlkrahe in der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 102. Popo-
witsch Versuch S. 202 bezeugt für Österreich die Form Hohlkran
(zu Kran 'Krähe'); heute im nördlichen Böhmen HohIkroh\ in
Tirol Holderkra 2 , in Kärnten Hollekrör/e 3 m. — Unter den Syno-
nyma, die Popowitsch a. a. O. zusammengestellt hat, wird auch
der Ausdruck Spechtgrähe nach Halle erwähnt; umgekehrt heißt
der Vogel auch Crafpecht bei Turner Avium hist. (154 1) S. H 5b
und bei Schwenkfeld a. a. 0.
Einige oberdeutsche Bezeichnungen des Schwarzspechts
sind durch das Geschrei des Vogels veranlaßt, das mit dem
Krähen eines Hahns oder Huhns verglichen wird. Gesner be-
1 Zs. f. d. Phil. XXI, 208.
2 Frommann D. Mundarten IV, 55. — 3 Lexer Kämt. Wb. S. 143.
32 Grünspecht, picus viridis.
richtet in Hist. avium (1555) S. 680, daß einige den Yogel "un-
richtig" Holtzhün nennen; Popowitsch a. a. 0. teilt den schwä-
bischen Ausdruck Holzgöcker (zu Göcker e Hahn ) mit. Nach Staub-
Tobler II, 194 ist der Name Holzgüggel (zu Güggel c Hahn a ) in
der Schweiz üblich.
Die heute geltende literarische Benennung Schwarzspecht
kommt schon im Elbinger Yokab. 744 (Bemeker Die preuß.
Sprache S. 244) vor; auch das Strassburg. Vogelb. v. J. 1554 Y.
423, Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 581, Klein Hist. avium prodr.
(1750) S. 26 führen das Kompositum Schivartzfpecht an. Nach
Popowitsch a. a. 0. ist es in Sachsen und Franken geläufig.
In der Schweiz nennt man diese Spechtart in einigen
Gegenden Tannbicker oder Forenbicker 1 (d. h. Tannen-, Föhren-
hacker), in Steiermark Baumnirgel 2 m., vgl. steir. Nirgel e certhia
familiaris\ Unger-Khull verzeichnen auch den Namen Baum-
katze 2 aus einer Quelle v. J. 1786 als Bezeichnung einer Spechtart.
Grünspecht, picus viridis.
Ahd. gruonspeht:Sg. Nom. — gruonspeht merops nomen avis :
Priscian. instit. 322, 9 : Clm. 18375, 80 b. merops. I loaficus : cod. Parisin.
9344, f. 42 b. Clm. 14689 f. 47 a. grxonspfht* : Vergil. A. IX, 702: cod. Pa-
risin. 9344, 147 a. gruon speht frondator: cod. Berol. Ms. lat. 8° 73.
grünspeht : cod. Lugdun. Voss. lat. 4° 51 f. 162 b. Versus de volucr.
H. S. XI a 2. b. d. e. GH. Salomon. a 1. gruenspeht : Priscian. instit.
322, 9: Clm. 280 A, 45 b. laoficus : H. S. III, 17. gronspeht loaphicus 1
merops: cod. Cheltenham. 7087, 144a. ghronspeht: cod. sem. Trevir.
f. 112b. cruonspeht loaficus: Clm. 14689 f. 47 a. grvnispeht merops. ei
loaficus: cod. Selestad. 110 a. gröner speht: cod. Vindob. 804 f. 185b.
gruonsphet: cod. sem. Trevir. R. III. 13, 107 a, loaphicus : cod. sem.
Trevir. R. III. 13, 107 a. gruon sp h &: Carmen de Philomela 43: cod.
mus. Britann. Add. 16894, 245b. gnwnsp&h loaphicus ei merops:
cod. Vatican. Reg. 1701, 2b. gruonspeth loaficus : cod. SGalli 299, 26.
grunspeth: H. S. XI g, laoficus: g. gruonspet: Priscian. instit. 322, 9:
cod. Colon. CC, 62 b. cod. Berol. Ms. lat. 8<> 73, 123 b. grunispet picus :
Vergil. A. VII, 189: cod. Parisin. 9344, 116b. grvnspechto: Gll. Salo-
mon. c: cod. mus. Britann. 18379, 109b (13. Jh.). cruonspheto: cod.
Florentin. XVI, 5, 141a (13. Jh.). grünspeht e loaficus: HS. XI a 2
(1 Hs. 12. Jh.), grvnspech: b (1 Hs. 13./14. Jh.), grvnspech laoficus: g
(1 Hs. 12. Jh.). grunespech: Clm. 14584 f. 118a (14. Jh.). — PI. Nom.
grvonspehta : Vergil. G. IV, 14 : Clm. 18059, 175 c.
1 Staub-Tobler IV, 1119.
2 Steir. Wortsch. 55. 56. — 3 D. h. gruonspecht.
Grünspecht, picua viridis. 88
Mit dem altüberlieferten Namen ls1 der Grünspecht heute
in den meisten Gegenden bekannt, wo das Wort Specht noch
erhalten ist; Popowitsch nennt \<>n diesen Gebieten Sachsen,
Franken \uu\ Wetterau.
Der Vogel verrat seine Anwesenheit schon ans der Ferne
durch Beinen hellen Ruf, der an da- Wiehern eines Pferdes
erinnert und daher den Ausdruck Wieherspecht hervorgerufen
hat. Diesei- auffällige Ruf wird als Zeichen bevorstehenden
Ungewitters aufgefaßt \\\u\ ist die Veranlassung gewesen zur
Entstehung der Benennung Windracker, welche in Altmari vor-
kommt Nach Danneil Wb. S. 247 heißt der Grünspecht hier
auch Schreiheister (zu Heister 'Elster') und bei den Bienenwirten
hnmcmvidf weil er im AVinter den Bienen in den Körben
nachstellt.
In den Benennungen Immenivolf Bienenwolf hat Grimm
(Wörterbuch I, 1820) eine uralte Bildung von dem Typus Beo-
wulf zu erkennen geglaubt und nach der Angabe Danneils konnte
man in der Tat geneigt sein, den Ausdruck für volkstümlich zu
halten. Doch ist der Name sicher eine ganz junge gelehrte Bildung,
die von Gesner erfunden ist. In seinem Vogelbuche (1555) S. 575 i.
schildert er den im südlichen Europa brütenden aber in Deutsch-
land und in der Schweiz seltenen Bienenfresser (merops apiaster),
für den er Namen aus den romanischen Sprachen anführt. Unter
diesen Ausdrücken nennt er auch das napolitanische Dialektwort
lupo de Vapi und nach diesem hat er den deutschen Ausdruck
Imbenwolff gebildet, den er übrigens ausdrücklich als erfundenes
Wort bezeichnet. Auf Gesners Autorität hin hat sich die Neu-
bildung bald weiter verpflanzt; Golius Onomasticon ( 1 579) Sp. 293
übersetzt 'merops' mit 'Grünfpecht oder ein Immen wol ff , ebenso
Junius Nomenciator (1581) S. 58a, Chytraeus Nomenciator (1582)
S. 374 u. a. In Spangenbergs Ganskönig V. 124 figuriert Immen-
wol ff unter anderen Vogelnamen. Klein Hist. avium prodr. (1750)
8. 111 führt Imb-Wolff mit derselben Bedeutung wie Gesner an.
Eine steirische Bezeichnung des Grünspechts ist Grün-
nigel 1 m., das eine ähnliche Bildung wie Saunigel (als Schimpfwert)
ist; in der Schweiz heißt der Yogel Baumbicker-, vgl. S. 30.
1 Unger-Khull 311. — 2 Staub-Tobler IV, 1120.
Suolahti, Vogelnamen. 3
34 Rotspecht, picus major, dendrocopus major.
Rotspecht, picus major, dendrocopus major.
Im Verhältnis zu den beiden großen Spechtarten spielen
die Buntspechte in der Volksvorstellung eine untergeordnete
Bolle. Sie werden meistenteils nach der gesprenkelten Farbe
benannt und in der früheren ornithologischen Literatur nur teil-
weise als besondere Arten von einander unterschieden.
Die Benennung Rotfpecht, welche auf die roten Scheitel-
und Schwanzfedern der Buntspechte zielt, findet sich zuerst
belegt bei Pinicianus Prompt. (Auszug v. J. 1521) S. C 4 b, dann
im Strassburg. Vogelb. (1554) V. 424 und bei Gesner Hist. avium
(1555) S. 684 (nicht aus der Schweiz), Roth- oder Bunt- Specht
in Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 58. — Das Synonynion Elster-
fpecht wird zuerst von Turner Avium hist. (1544) S. H 5 b, dann
von Eber und Peucer Vocab. (1552) S. F6a bezeugt. Gesner a.
a. 0. S. 680 teilt auch die schweizerische Namensform Aegerft-
fpecht (Agerftenfpecht) mit und erwähnt den Ausdruck Wyßfpecht;
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 339 verzeichnet ebenfalls Elfter
Specht! Weis Specht. Popowitsch, der a. a. 0. den Namen Bunt-
fpecht für den normalen hält, gibt die Variante Atzelf pecht aus
der Wetterau. — Im Strassburg. Vogelb. v. J. 1554 V. 423 wird
der Ausdruck Schilt fpecht genannt, der gleich Buntspecht ist; in
Vogelnamen bezeichnet Schild (in der Bedeutung 'Flecken') öfters
die bunte Gefiederfarbe, vgl. Schildamsel, Schildkrähe, Schildhahn.
Nach Martin-Lienhart II, 904 heißen die Buntspechte in Wald-
hambach (im Elsaß) Ziemer m. (d. h. Drossel), was ebenfalls durch
die Gefiederfärbung veranlaßt ist; in Sulzmatt nennt man sie
Krüzvögel 1 .
Die obengenannten Namen werden nicht allein von dem
Kotspecht, sondern auch von den übrigen Buntspechten, vor Allem
vom picus medius (dendrocopus medius) angewendet. Mehr-
deutig ist Gras fpecht, das bei Eber und Peucer Vocab. (1552)
S. F 6 a auf den Kleinspecht (picus minor, dendrocopus minor),
von Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 338 in der Form Gräfe
Specht auf den Grünspecht bezogen wird. Beide Spechtarten
bewegen sich oft auf dem Boden im Gesträuch und Gras. — In
1 Martin-Lienhart I, 100.
Wendehals, jyni lorqnilla.
Ostermanns Vocab. (1591) S, 333 wird der Kleinspechl ■.•
seiner Winzigkeit MeiflmfpschÜen (d h. Ifeisenapechtlein) genannt
Wendehälse, Jyngidae.
Wendehaie, jyni torqnilla.
Sein. mi Namen hat der Vogel von den eigentümlichen
Geberden bekommen, welche er mit dem schlangenartig dreh-
baren Halse ausführt. Im IG. Jh. ist die Form Windhals (zu
winden, im Bind, wint-halsen e den Hals drehen') in Oberdeutschland
öfters bezeugt: in H. Sachs' Regim. der Vögel (1531) V. L26 der
Windhals, im Strassburg. Vogelb. v. J. 15 öl V. 444 Windthals,
in Gesners Hist. avium (1555) 8.552 und bei Golius Onomasti-
con (1579) Sp. 292Windhalß. Aus Mitteldeutschland ist Winth als
durch Eber und Peucer Vocab. (1552) S. F 4a bezeugt, aber
die Bedeutung des Namens ist den Glossatoren nicht klar. Die
eigentlich mitteldeutsche Form scheint Wendehals zu sein;
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 356 bezeichnet sie als schlesiseh.
und aus Sachsen wird sie durch Sibers Gemma (157!*) 8.40
und Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 59 bezeugt. Ein Syno-
nymon ist Trdehalß bei Gesner a. a. 0. Heute im Elsaß Dräj-
hälsel 1 n., Renkhälsle, Wildhälsle n., Windhals 2 , in Luxemburg
Dreihälsjen' 3 m., in Preußen Drehhals*, auf Helgoland Drdiervink 5 .
Andere Namen sind durch den Vergleich des Halses mit
einer Schlange veranlaßt. Bereits bei Gesner a. a. 0. werden
mehrere Varianten: Naterhalß, Naterwendel, Naterzwang erwähnt;
bei Hohberg Adel. Land-Leben (1687) II, 799 Kap. CXIX die
Natterwinde, in der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 238 das
Natterwindel. Von diesen Benennungen verzeichnet das preußische
Wörterbuch Frischbiers II, 56 den Ausdruck Nattcrwendel m.
(auch Matterwendel), der in Steiermark Natterwindel 6 m. lautet;
dazu Otterfink 7 im Sarntal (in Tirol).
Von steir. Natterwindel verschieden ist Natterwidel 8 m.,
dessen zweites Kompositionsglied eine Ableitung von dem Natur-
1 Staub-Toblcr geben Träjhals mit der Bedeutung 'Wiedehopf.
2 Martin-Lienhart I, 328. — 3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 70.
4 Frischbier I, 148. — 5 Frommann D. Mundarten III. 32.
6 Unger-Khull 473. — 7 Frommann D. Mundarten IV, 55.
3*
36 Nachtigall, lusciola luscinia, erithacus luscinia.
laute des Vogels ist. JS T ach Yoigt Excursionsbuch S. 178 klingt
dieser ungefähr so wie man das Weidweidweid beim gewandten
Vorlesen sprechen wird. Daher heißt der Wendehals in Girlan
(in Tirol) Wid-Wid 1 . Wie der Kuf der Spechte, so gilt auch
der des Wendehalses als Vorzeichen des Regens; daher der
Name Regenbitter 1 an der Grenze von Kärnten und Tirol. In
der Mitte des April pflegt dieser Frühlingsvogel in Deutschland
einzutreffen ; in der Schweiz ist er als Oster en- Pfiffer 2 bekannt 3 .
Als eifriger Nachsteller von Ameisen hat der Wende-
hals in Lübeck den Namen Myrenjäger bekommen; vgl. nndl.
mierenjager, frz. dial. fourmilier, engl. dial. emmethanter neben
den allgemein geltenden Benennungen, die wie im Deutschen
auf den drehbaren Hals Bezug nehmen.
V. Sperlingsvögel, Passerinae.
Erdsänger, lusciola.
Nachtigall, lusciola luscinia, erithacus luscinia.
Ahd. nahtagala: Sg. Nom. — nahtagala filomella : cod.
Parisin. 12269 f. 58 b. nocticorax : cod. Carolsruh. Aug. CXI, 85 c.
lvscinia : cod. SGalli 299 p. 33. Noctuam. id est que nocte uolat.
I coruus marinus. siue vuuila. ut alii uolunt. alii lusciniarn uo-
luerunt esse id est nahtagala. Nocturnus nahtram : Leviticus 11, 16:
cod. SGalli 295, 126. 127, nahtagalah: cod. SGalli 9, 276. nathagala
luscinia : cod. S. Galli 242, 248 b. achalantida id est auis : Commentar.
Anonymi in Vergil. G. III, 338: cod. Oxon. Auct. F. 1. 16, 89 b. nahthrä
t naht ig ala corax: cod.Vindob. 162, 20a. nahtigala: cod. sem. Trevir.
R. III. 13, 105 b. natigala*: cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 124. nachtigala
luscinia: Gll. Salomon. a 1. nachtigal luscinia: Versus de volucr.
naht egala luscia l filomela: Clm. 14747 f. 62b. nahtegala paruula
[ales]: Aviani fabulae 21, 1: cod. Trevir. 1464, 263 a. Carmen de
Philomela 3: cod. Vindob. 247, 222b. lusciniarn: Versus de volucr.
luscinia: H. S. III, 17. XI a 2, nathegala: b : cod. Kilian. 47, 15 b.
luscinia l philomela: Clm. 14689 f. 47a. nahtecala noctua: cod.
1 Frommann D. Mundarten IV, 55. — 2 Staub-Tobler V, 1084.
3 In England und Skandinavien spielt der Wendehals dieselbe
Rolle als Verkündiger des Kuckucks wie der Wiedehopf in Deutschland;
daher heißt er in englischen Mundarten cuckoos footman, cuckoos mate usw.
(Swainson The Folklore S. 103), in Schweden göktyta, in Finnland käenpüka
(d.h. Kuckucksmagd). — 4 Das mittlere a aus Korr. (Steinmeyer).
Nachtigall, lusciola luscinia, erithacus Luscinia. 87
Vindob. 162, 35a. nachtegala de achalantide 1 . flvscinia: Aldhelmi
Aenigm. 252, 26: cod. SGalli 242, 26. Lusciniam: Servius in Vergil.
E. VI, 78 (II, 141 L): cod. Lips. civ. Rep. I. 36b, L9b. nahtegalle
luscinia: H. S. XIa2: cod. Vindob. 2400, L06b. nahtegal lusciniam:
Versus de volucr., filomenam: Versus <l<> volucr. Ivscinia: II. S. III.
17 (1 Hs. 12. Jh.), XI g (1 Hs. 12. Jh.) ». naht gala : cod. Guelpherbyt.
Aug. 10. 3. 4° f. <S!hi, nahtgaJa: cod. sem. Trevir. f. 112b. luscinia:
cod. sem. Trevir. R. 111.13, 107 a. nathgala acredula: Gll. Salomon.
a 1. natgala noctua: Vergil. G. I, 403: cod. Parisin. 9341-, 14 a. cara-
drion. $ laudula. et lucinula: cod. Parisin. 9344 f. 42 b. nahtgal lus-
cinia. Gll. Salomon. a 1. nahtigela lusciniam : Versus de volucr., nahte-
gila: Versus de volucr., nahtegela: Versus de volucr. nahtegela lus-
cinia: H. S. XI b. g, nahtegel: e (1 Hs. 12. Jh.). luscinia: Versus de
volucr. (1 Hs. 12. Jh.). nahkela nocticorax: cod. SGalli 911,211. naht-
gella acredula: Gll. Salomon. a 1: Clm. 22201, 5c. nahtegula luscinia:
cod. Selestad. f. 110a. lusciniam: Versus de volucr. : cod. Admont. 476,
nahtegla nicticorax: cod. princ. de Lobkow. 489,56b. luscinia: Gll.
Salomon. a 1 : Clm. 13002, 89 c. — Akk. — noctuam. nus nocturnvs.
nahtram. noctuam. i. coruus marinus que in nocte uolat. i. uwilla.
alii lusciniam. i. nahtegulun uolunt esse : Leviticus 11, 16 : cod.
Stuttgart, th. et phil. f. 218, 13c. — PI. Akk. — nahtegelun: Horat.
Serm. II, 3, 245: Clm. 375, 151a.
Die Nachtigall hat ihren Namen von dem berühmten
Gesänge erhalten, den sie in nächtlicher Stunde ertönen läßt;
german. *nahtagalön ist in dem zweiten Kompositionsgliede eine
Ableitung von galan 'singen 5 . Die Bildung, die also den Yogel
als 'Nachtsängerin' bezeichnet, ist westgermanisch : ahd. nah-
tagala, mhd. nachtegal(e) = andd. nahügala (Wadstein Kleinere
altsächs. Sprachdenkm. S. 107 22 ' 23 ), mnd. nachtegal(e), nnd. nachte-
galle, mndl. nachtegale, nndl. nachtegaal, fries. nachtegael und
ags. nihtegale 3 , me. nightengale, ne. nightingale 4 . In die skan-
1 De Achalantide $ fehlt Ed. (Steinmeyer).
2 al auf Rasur (Steinmeyer).
3 Whitman The birds of Old English Literature XIX verzeichnet als
angelsächsische Namen der Nachtigall auch die Ausdrücke frocx, heapene
und geoleivearte. Von diesen ist jedoch der erste = frox Trosch'; das lat.
Lemma luscinius bezeichnet den Laubfrosch. Das zweite Wort ist in der
angeführten Glosse richtig hearpen geschrieben und bedeutet also die
Harfen; griech. dnbövec (aidoneae), womit der ags. Ausdruck glossiert ist,
wird in übertragener Bedeutung von Musikinstrumenten gebraucht. Wegen
des dritten Wortes s. S. 93.
4 Von dem eingeschobenen Nasal in engl, nightingale handelt Ritter
in Arch. f. d. Stud. d. neuer. Sprach, u. Lit. CXIII, 31 ff.
38 Sprosser, lusciola philomela, erithacus philomela.
dinavischen Sprachen ist der Name aus dem Deutschen über-
nommen : dän. nattergal, älter dän. auch nakte(r)gale, schwed.
näktergal. — Ähnliche Bildungen wie Nachtigall sind elsäss.
Steingall (Sfeingellel) 'Wasserläufer 9 (= ags. stängella) und engl.
yafflngale 'Grünspecht' .
Der i -Vokal in der Kompositionsfuge von nhd. Nachtigall
ist nicht sicher erklärt. Behaghel in Pauls Grundriß I 2 710 sieht
darin einen alten Laut, der durch Einfluß des folgenden (/-Lautes
erhalten blieb (wie in Bräutigam). Ob im Althochdeutschen ein
Wechsel des Mittelvokals (a : i) vorhanden war, ist jedoch schwer
zu ermitteln. Abgesehen von dem Beleg nahtigala in cod. Yindob.
162 fehlt jede Stütze für die Annahme einer i-Stufe des Kom-
positionsvokals, und eine umgelautete Form ist auch später
nirgends bezeugt. Die Form Nachtgall, die bereits im Althoch-
deutschen belegt ist, begegnet in oberdeutschen (und mittel-
deutschen) Quellen des 15./ 16. Jhs. öfters neben Nachtigal(l)
und Nachtig alle.
Andere Namen für die Nachtigall sind selten. Als Aus-
druck der Vogelsteller nennt Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 296
das Wort Dörling, welches nach Frommanns D. Mundarten IV,
165 in der Gegend um Breslau gebraucht wird; Adelung be-
zeichnet in seinem Wörterbuche I, 338 Därrling als preußisch.
Der Name ist schon im 13. Jh. in der Glosse durlinc (= turdus)
in cod. Admont. 759 (Ahd. Gll. III, 26 38 ) bezeugt und gehört
zusammen mit dem in Thüringen vorkommenden Verbum dorlen
'wirbeln' (wozu Dorl 'Kreisel'). Die Nachtigall hat also diesen
Namen ('Wirbier') von dem trillernden Gesänge.
Eine luxemburgische Bezeichnung des Vogels ist Blieder-
männchen m. l (eigtl. Blättermännchen).
Sprosser, lusciola philomela, erithacus philomela.
In Deutschland ist der Sprosser heute ein östlicher Vogel,
dessen Brutgebiet sich nach Naumann-Hennicke I, 7 auf die
nordöstlichen Teile des Reiches beschränkt; doch auch in Nieder-
österreich und Steiermark kommt er vereinzelt vor. Schwenkfeld,
der ihn in Ther. Sil. (1603) S. 296 als eine groffe Nachtigalle
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 35.
Rotkehlchen, lusciola ruheeula, crithacus rubeculus. 39
von der vorhingenannten kleineren Art unterscheidet, gib! außer
der naturwissenschaftlichen Beschreibung keine anderen Nach-
richten von dem Vogel, als dass er im Winter Schlesien verläßt,
um in wärmere Länder zu ziehen. Ausführlicher ist der Yen ,
der Angenehmen Land-Lust (1720) S.334, welcher erzählt, daß
der Sprof/'er oder Sproßvogel "in Leipzig [ehr wühl bekannt" ist
"und foll" — wie man ihm versichert hat — "aus dem An-
haltilehen dahin gebracht werden, allwo... es deren Co viel
als anderer Orten der gemeinen Nachtigalen giebet"; "weil die
SprolTer vor rar -ehalten werden / gilt ein folcher vier tTmff /
auch fechs Thaler". Weiter heißt es a. a. 0., daß der Vogel sieh von
der gewöhnlichen Nachtigall dadurch unterscheidet, daß er "am
Schwantz nicht fo roth ift / daher auch eben zu Leipzig die
gemeinen Nachtigalen zum Unterfchied / Rothvogel genennt
werden". . . — Es handelt sich bei den angeführten Namen
offenbar um Fachausdrücke der Vogelsteller, welche die beiden
Nachtigallenarten auf den Markt brachten. Im Gegensatz zu dem
lebhafter gefärbten Rotvogel wurde die größere Art, die eine
trübere muschelfleckige Zeichnung an der Brust hat, Sprossvogel
(zu Sprosse 'Hautflecken') genannt. Der Unterschied in der
Färbung der beiden Arten ist aber so gering, daß nur Fachleute
die obengenannten Ausdrücke haben erfinden können. Aus dem
Kreise der Vogelsteller stammt auch der Ausdruck Davidsvogel,
der die Schlagweise der Sprosser angibt, vgl. Naumann-Hennicke
a. a. 0. S. 8 und Voigt Excursionsbuch S. 30 f.
In Preußen werden — wie Klein Hist, avium prodr. (17f>0)
S. 73 berichtet — die Sprosser als Nacht fehl dger von den ge-
wöhnlichen Nachtigallen oder Tagschlägern unterschieden.
Rotkehlchen, lusciola rubecula, erithacus rubeculus.
Die Heimat dieses kleinen Waldsängers ist, den höchsten
Norden ausgenommen, ganz Europa, und überall ist er mit Namen
bekannt, welche die rote Farbe der Kehle und Brust hervor-
heben, vgl. z. B. engl. Robin redbreast, schwed. rödhake. frz.
rouge-gorge, ital. petti-rosso, russ. krasnoseiku usw.
Die älteste deutsche Benennung ist ahd. rötil oder rötilo:
cupude = rotil in Versus de volucribus,cupuda = rotilo in Heinrichs
40 Rotkehlchen, lusciola rubecula, erithacus rubeculus.
Summarium in, 17. Außer dieser Bildung vom Adj. rot mittelst
des - üa(n) - Suffixes, das hier wolü deminutiven Charakter hat, ist
noch eine ling- Ableitung rüdelinc (in der Hs. rüdeline) belegt in
cod. Oxon. Jun. 83, 4 (Ahd. Gll. III, 365 22 ) = nhd. Röthling (Ange-
nehme Land- Lust (1720) S. 285). Den deutschen Worten entspricht
im Angelsächsischen rudduc > me. ruddök, ne. dial. ruddock mit
demselben Suffix wie in ahd. habuh und kramih.
Auf ahd. rötilo beruht nhd. Rötete, ein alemannisches Wort,
das im 16. Jh. bei Gesner Hist. avium (1555) S. 699 angeführt wird
und in Fischarts Gargantua 308 begegnet 1 . Der einfache .Name
ist in neuerer Zeit meistens zurückgetreten vor Kompositions-
bildungen, von denen Gesner a. a. 0. Waldrötele und Winterrötele
erwähnt. In Baiern und Österreich entspricht der Ausdruck
Rotkropff bei H. Sachs Regini. der Yögel (1531) Y. 102, Rot-
kröpflein bei Hohberg Adel. Land-Leben (1687) II, 805 Kap. CXXI;
auch Gesner verzeichnet a. a. 0. Rotkropff, Rotkröpfflin, Eber
und Peucer Yocab. (1552) S. F 7a Rotkröpfflin. Popowitsch
Yersuch S. 478 bezeichnet Rotkröpfel n. als österreichisches
Wort, Unger-Khull S. 507 verzeichnen es aus Steiermark.
In Mitteldeutschland (und im bairischen Dialekt) scheint
eigentlich das schriftsprachliche Rotkehlchen heimisch zu sein.
Turner Avium hist. (1544) S. H 8a liefert den ersten Beleg Röt-
kelchen, darauf Rotkelchyn bei Eber und Peucer Yocab. (1552)
S. F 7 a, Rotkälinden im Yocab. triling. (1560) S. 89, Rotkelchin
in Sibers Gemma (1579) S. 43, Rottkählichen bei Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 345, das Rothkehligen in der Angenehmen
Land-Lust (1720) S. 282. Yilmar Id. 331 gibt an, daß Rotkehlchen
in Hessen vorkommt, Hertel Sprachsch. S. 198 bezeugt dasselbe
für Thüringen, und Scham bach Wb. S. 166 führt Rddkelken
aus der benachbarten niederdeutschen Mundart von Göttingen und
Grubenhagen an. Dan. rMkielk 'Rotkehlchen* ist ein deutsches
Lehnwort.
In einigen Gegenden von Thüringen (Winterstein, Yogtei,
Euhla) gilt anstatt Rädkelchen die Namensform Kälredchen 2 , die
durch Umstellung der Kompositionsglieder zustande gekommen
ist. Die gleiche Erscheinung ist auch in den Namen des Rot-
1 Martin-Lienhart II, 306. — 2 Vgl. Hertel 198.
Blaukehlchen, lusciola Buecica, erithacus cyaneculos. 41
Schwänzchens zu beobachten and zwar in verschiedenen Mund-
arten. Auf ostmitteldentschem Sprachgebiet erscheinen von
dem Namen Varianten, die an den Eigennamen Kdte 'Katharina*
anknüpfen: Rotkätchen 1 in Sachsen, Rotkatel 1 in Schlesien and
im nördlichen Böhmen.
Die weiteste geographische Verbreitung von allen Bezeich-
nungen des Vogels hat der Name Rotbrust mit seinen Varianten.
Zuerst ist dieser Ausdruck bei Turner a.a.O. belegt, darauf
Rotprilftlin im Strassburg. Vogelb. (1554) V. 630, UoibrufÜe bei
Gesner a. a. 0. S. 699, Rotbruftlein bei Gtolius Onomasticon (1579)
Sp. 294, Rothbrüftlein bei Aitinger Bericht v. d. Vogelstellen
(1631) S. 376 usw. Heute ist die Benennung als Rotbrüstle, Rot-
briixterle 3 im Elsaß, Rotbrüstel, Rotbrüstler, Rotbrüsteli und Brust-
röteli v in der Schweiz üblich; in Luxemburg lautet der Name
Routbröschtchen 5 , in Hessen Rötbrüstchen G , in Altmark Rötböst,
Rötbosk 7 , iu Westfalen Rodbörstken 8 , in der Grafschaft Ranzau
Rödboss 9 , im Ostfriesischen Rodborst je neben Gelbor st je l0 (d. h.
Gelbbrüstchen), im Nordfriesischen Gülbük u (d. h. Gelbbauch).
Weitere Synonyma derselben Art wie die vorigen sind
Rothälseli 12 , Rotgügger 12 (Gügger 'Gimpel 3 ) und Rökle f., Rekli,
Rekelti 12 (vgl. Röki 'starke Röte', roken e sich röten') in der Schweiz,
Routschatzla 13 in Schlesien. — Gesner berichtet in Hist. avium
S. 700, daß die Vogelsteller seiner Heimat eine Art Rotkehlchen
Kdtfchrötele nennen.
In der Schweiz werden einige Namen des Rotschwänzchens
auch vom Rotkehlchen gebraucht.
Blaukehlchen, lusciola suecica, erithacus cyaneculus.
Weit weniger bekannt als das Rotkehlchen ist sein Vetter,
das Blaukehlchen, welches den Namen dem schönen blauen
1 Albrecht Die Leipziger Mundart S. 193.
2 Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. 41, Zs. f. d. Phil. XXI, 210.
3 Martin-Lienhart II, 200. — 4 Staub-Tobler V, 864.
5 Wb. d. Luxemburg. Mundart 365.
6 Vilmar 331. — 7 Danneil 175. — 8 Woeste 217.
9 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 2.
10 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 111. — 11 Johansen Nordfries. Spr.S. 119.
12 Staub-Tobler II, 197. 1209. VI, 842. — 13 Zs. f. d. Phil. XXI, 210.
42 Rotschwanz, ruticilla.
Kehlfleck verdankt, der durch ein schwarzes und ein rostrotes
Band von dem heller gefärbten Bauche geschieden wird. Mitten
auf der blauen Brust tritt ein ganz weißer Stern hervor, der
die Farbenschönheit des Yogels noch erhöht. Auf diese eigen-
tümliche Färbung bezieht sich der Ausdruck Wegflecklin, den
Gesner Hist. avium (1555) S. 793 aus Straßburg kennt. In der
deutschen Bearbeitung des Vogelbuches durch Heuslin wird der
Name wohl richtig gedeutet: "Der teutsch namen ist im vom
weg her gegeben : dann es in wegen, ackeren stets sitzt; anders-
teils von der blauwen masen der brüst". Allerdings wird diese
Erklärung von Staub und Tobler I, 1190 angezweifelt, die unter
Hinweis auf Wegesterz 'Bachstelze 3 den Namen mit wegen 'be-
wegen' verknüpfen möchten. Aber für die Kichtigkeit der
Heuslinschen Auffassung spricht der Yogelname Erdfleckel im
Strassburg. Yogelb. v. J. 1554 Y. 434. Die Namen Erd-Fleckel
und Wegflecklin beruhen wohl auf einer älteren Zusammensetzung
Fleck-Kele, Fleck-Kelin (d. h. Fleckkehlchen), die eine ähnliche
Bildung wie Rotkelin ist. Das Kompositum ist aber dann als
Fleckel 'Fleckchen' aufgefaßt worden, und daraus erklärt sich
die Bildung Weg fleck im Strassburg. Yogelb. Y. 432.
Auch andere Namen des Yogels sind genaue Parallelen zu
denen des Rotkehlchens, Ygi.Blaubrüstli, Blänwerli 1 in der Schweiz,
Blaukropf 2 , Blaukröpf et 2 n. in Steiermark, Blöbröschtchen 3 f.
in Luxemburg, hochd. Blaukehlchen (in der Angenehmen Land-
Lust (1720) S. 122 "von etlichen Blaukehligen genennet") =
ndd. Bldgkelken 4 in Göttingen und Grubenhagen; auf Helgoland
nennt man ihn Blauhemmelvink 5 . — Im Münsterkreise heißt das
Blaukehlchen Knechtvügelken 6 , wohl weil der Yogel im Herbst
auf Kartoffel- und Krautfeldern sich aufhält; übrigens gilt der
Ausdruck auch vom Rotkehlchen.
Rotschwanz, ruticilla.
Den Namen Rötele teilt der Rotschwanz mit dem Rot-
kehlchen. Im Gegensatz zu diesem, dem Winterrötele, heißt
1 Staub-Tobler V, 864. — 2 Unger-Khull 90.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 36. — 4 Schambach 25.
5 Frommann D. Mundarten III, 32.
6 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85.
Rotschwanz, ruticilla. !•"»
jener bei Gesner (1555) 8, 699 Summerrötele, "weil ei beim
Herannahen des Winters wegzieht oder sich versteckt". Als
schweizerischen Ausdruck nennt Gesner Doch llnßrotele, das
BT ans dem Aufenthalt dr* Vogels in der Nähe der EäUSei und
in Gärten erklärt In den heutigen schweizerischen Mundarten
ist Hüaröteli oder — mit Qmsteilung der Kompositionsteile
Röthüserli 1 die allgemein übliche Bezeichnung für Elotschwänze
(und Rotkehlchen), daneben auch Baumröteli, Dachröteli 1 und
umgestellt Rotdacheli 1 , ferner Räkle, RSkH, Rekelti (s. 8. 41).
Im Elsaß kommt neben Husröterle 2 (in Reichenweier) die Be-
nennung Hassel f. (in Oltingen im südlichsten Elsaß) vur, die
bei Martin und Lienhart T, 386 (mit Fragezeichen) als 'Hausseele'
gedeutet wird. Vielleicht liegt hier eine Umdeutung von *Hüserle
vor, die eine Kompromißform von R6thüse(r)li und Rötele sein
könnte.
Aus Deutschland kennt Gesner den Namen Rotfchwentzel
durch seine Straßburger Korrespondenten, und ein direktes
Zeugnis aus dieser Gegend ist Rotfchwentzlin im Strassburg.
Vogelb. (1554) V. 631 f.; in den heutigen elsäss. Dialekten
Rotfchwänzle, Rotschivänzel n., Rötschwanzer m., Hüsrötschuänzele' 2 .
Der Ausdruck ist auch in Mitteldeutschland stellenweise
volkstümlich; Hertel Sprachschatz S. 198 bezeugt ihn für die
Yogtei, und Schambach Wb. S. 166 führt aus dem benachbarten
niederdeutschen Dialekt in Göttingen und Grubenhagen Rdd-
fwenfeken an. Von älteren Autoren verzeichnen Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 346 Rottschwanz und der österreichische Ver-
fasser der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 285 Rothfchväntzlein
(heute Roatschivenzle* in Sette Communi).
Die Bezeichnung des Vogels als 'Rotschwanz' ist in allen
Gegenden Deutschlands geläufig, aber die Namensform variiert
je nachdem welches Synonymon für den zweiten Kompositions-
teil in der betreffenden Landschaft gilt. Aus der Gegend um
Frankfurt am Main nennt Gesner die Variante Rotzagel w r elche
auch in Salzungen (in Thüringen) als Rodzäel (Dem. RodzMche) 4
1 Staub-Tobler II, 1748. V, 864. VI, 842.
2 Martin-Lienhart II, 305. 528.
3 Frommann D. Mundarten IV, 54. — 4 Hertel 198. 261.
44 Hausrotschwanz, ruticilla tithys.
vorkommt. Die Ruhlaer Mundart hat wie beim Namen des Rot-
kehlchens (s. S. 40) die beiden Kompositionsteile umgestellt, so daß
der Name hier Zälroden 1 lautet. In Turners Avium hist. (1544) S.
H8a wird das Rotschwänzchen eyn Rötftertz genannt, danach Rot-
ßertz bei Eber und Peucer Yocab. (1552) S. F 7a; Golius Onoma-
sticon (1579) Sp. 294 führt Rotfchwenzlein I Rotftertzlein vielleicht
nach Gesner an. Für die niederdeutsche Lautform Rotstert hat
Diefenbach Glossar. S. 230 a zwei frühe Belege aus dem Anfang
des 16. Jhs., Gesner kennt sie aus Murmelius ; Junius Nomenciator
(1581) S. 60 a verzeichnet Rootftertken als niederländisches Wort.
Heute ist R6(d)stert in Niederdeutschland allgemein 2 ; Hertel
Sprachsch. 198 bezeugt Rudsderze für Altenburg in Thüringen.
Wie sich der Vogelname Rotschertz in H. Sachs' Regim.
der Vögel (1531) V. 197 zu der vorhin benannten Benennung
verhält, ist schwer mit Bestimmtheit zu entscheiden, da die Be-
deutung des Namens nicht feststeht und andere Zeugnisse dafür
fehlen. Aber die Umgebung, in welcher der Vogel in dem Ge-
dichte erscheint, läßt vermuten, daß es der Gartenrotschwanz
ist. Wenn das Wort einfach nicht für Rotstertz (: Plickstertz)
verdruckt ist, so liegt die Annahme an eine Umdeutung nahe.
Zu den vorhinerwähnten Namensvarianten gesellt sich
noch Rotschwaferl oder Rotschiveiferl (d. h. Rotschweifchen) in
den östlichen Alpen 3 , in Tirol auch Roatvogl^.
Nach Gesner Hist. avium (1555) S. 699 sollen die Rot-
schwänze irgendwo auch Wynuögele genannt werden.
Hausrotschwanz, ruticilla tithys.
Die ältere ornithologische Literatur trennt die beiden Rot-
schwänze nicht als besondere Arten von einander, und in den
heutigen Mundarten werden sie auch oft mit demselben Namen
benannt.
Das enge Zusammenleben mit dem Menschen hat dem
Hausrotschwanz den Namen eingetragen, dessen schweizerische
1 Hertel 198. 261.
2 Vgl. Woeste 218, Schambach 166, Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf.
XVII, 1. 5. — 3 Zs. f. d. Phil. XXI, 210.
4 Frommann D. Mundarten IV, 54.
Hausrotachwanz, raticilla tiiliys. 16
Form Hüsroteli bereits erwähnt wurde; aus demselben Vot-
Btellungskreise ist auch Dachröteli hervorgegangen. Zu diesen
gesellen sich die Ausdrücke Dachgrätzer 1 (zu grätzen 'mit
spreizten Beinen ausschreiten') and Dachspatz 1 aus dem Elsaß;
ii Husduper m. vgL Martin-Lienharl Wl>. d. eis. IIa, II. 702.
In den südöstlichen Gegenden ron Deutschland ist der
! mit Namen bekannt, «Ii'- mil dem Worte Brand zusammen-
hängen. In Steiermark (Wechselgebiel und Brnstal) nennt man
ilm das Branderl oder Brandvogel 9 ; in Kärnten der Branter*,
in Tirol das Brantele\ in Baiern der Prandvogel (11. Sachs Regim.
der Vögel V. 196), das Rotbrändelein \ im schwäbischen Tirol
dos Brandelein 9 . — Man hat dir Namen in Zusammenhan
bracht mit der abergläubischen Vorstellung-, daß das Rotschwänz-
chen, wenn man ihm etwas zuleide tut, das Feuer in das Haus
bringt; das Brandzeiserl, welches in Unger-Khulls Steir. Wortsch.
S. 109 als sagenhaftes und geheiligtes Vöglein erwähnt wird, ist
offenbar das Rotschwänzchen. In diesem Aberglauben ist jedoch
die Feuersbrunst nichts Charakteristisches; denn das Unglück
kann nach anderer Version auch in anderer Form das Haus
treffen, z. B. so, daß die Kühe rote Milch geben usw. Die oben-
genannten Namen des Rotschwänzchens haben nichts mit mytho-
logischen Vorstellungen zu tun, sondern erklären sich aus der
schwarzen Brustfärbuug des Vogels, die ihm in Baiern den
Namen Brandreiterl und in den Alpen die Benennung Bussvogel 7
verschafft hat; vgl. auch die Namen des Gartenrotschwanzes.
Es ist eine ganz gewöhnliche Erscheinung, daß man schwarz-
gefärbte Tiere mit Russ, Kohle, Brand vergleicht und sie danach
benennt; so heißt der schwarzgefärbte Fuchs Brandfuchs, die
schwarzgezeichnete Meise Brandmeise, die schwarze Seeschwalbe
und der Auerhahn Brandvogel, die Amsel Kohlamsel, der Rabe
Kohlrabe.
Ein steirischer Name des Hausrotschwänzchens ist Mar-
vogel (aus ahd. *marah-vogel Tf erdevogel' ?) bei Unger-Khull S.450.
1 Martin-Lienhart I, 287. II, 552. — 2 Ungor-Khull 10S.
3 Lexer Kämt. Wb. S. 38. — 4 Frommann D. Mundarten IV, 54.
5 Schmeller-Frommann I, 360 f. — 6 Fischer I, 1317.
7 Zs. f. d. Phil. XXI, 210.
46 Gartenrotschwanz, ruticilla phoenicurus.
Gartenrotschwanz, ruticilla phoenicurus.
Dieser Name, durch welchen man in der Wissenschaft die
ruticilla phoenicurus von ihrem nächsten Verwandten zu unter-
scheiden pflegt, erklärt sich aus der Yorliebe des Vogels für
Obstgärten, worin alte Bäume sind. Dem ungenannten Verfasser
der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 287 ist der Ausdruck
Garten-Roth fchiväntzlein bereits bekannt.
Im Gegensatz zu dem Hausrotschwanz, dessen eintönige
Laute kaum Gesang genannt werden können, ist der Gartenrot-
schwanz ein guter Sänger; daher wird er in Luxemburg als
Stenuechtegeilchen 1 f. (d. h. Steinnachtigällchen) von dem Rout-
schwänzchen 1 m. unterschieden. Der Vergleich mit der Nachtigall
tritt schon zutage in den Ausdrücken B aumnachtg dllin \ Hol-
nachtgällin (Ein Rotfchwänzlin), die in Ostermanns Vocab. (1591)
S. 337 begegnen; der letztere Ausdruck bedeutet Höhlen-
nachtigair und bezieht sich auf das Nisten des Vogels in Baum-
höhlen. Die Benennung Baum nacht gallen wird auch von Henisch
Teutfche Sprach (1616) Sp. 219 im Sinne von Rotschwanz er-
wähnt; daneben steht als Synonymon Baummifch, das als Baum-
müsch (ahd. *boummusca) = Baumsperling zu verstehen ist. —
Das steirische Dialektwort Hollerrötel 2 m. u. n. ist = Hollunder-
rötel (zu steir. Holler).
Der Lockruf des Gartenrotschwanzes hat mit dem des Haus-
rotschwänzchens große Ähnlichkeit; Voigt Excursionsbuch S. 36
umschreibt ihn mit "fuid teck teck teck". In der Schweiz deutet
man dies als eine Warnung "Hüete dich ! Hüete dich ! 3 " und
stellt es in Zusammenhang mit Unglücksfällen, die der Rot-
schwanz dem Plünderer seines Nestes bringen kann. Nach Dan-
neils Wb. S. 88 wird das Locken des Gartenrotschwanzes in Alt-
mark als £ Hüt-dick-dick-dick s aufgefaßt und der Vogel daher
Hütik oder Hüting genannt. Dieser Name ist auch in der ost-
friesischen Mundart üblich 4 . In Preußen hat der Ruf — wie
Klein Hist. avium prodr. (1750) S. 77 bezeugt — dem Rotschwänz-
chen die Benennung Saulocker eingetragen, "weil er also fchmatzet,
wie die Landleute, wenn sie die Schweine zum Troge rufen;
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 366. 424. — 2 Unger-Khull 353.
3 Staub-Tobler II, 1748. — 4 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 112.
Gartenrotschwanz, ruticilla phoenicurus. \ ,
welches er thüt, l'o lange die Jungen noch anter feiner Pflege
find" 1 . Bin Synonymen ist Koschkdocker*, 7gL Erischbier Preuß.
Wh. i, U2 f.
In Ther. Sil. (1603) 8. 346 nennt Schwenkfeld als Bchle-
Bische Bezeichnung des Rotschwanzes den Ausdruck Wüßling;
für Sachsen wird derselbe durch Eber und Peucer Vocab.
(1552) S. E 7a und für die Nürnberger Gegend durch II. Sachs
Etegim. der Vögel (1531) V. 104 bezeugt. In diesen ostlichen
Gegenden Deutschlands ist der Name auch heute in verschiedenen
Varianten üblich: in Schlesien als Wustlig 9 , im nördlichen Böhmen
als Schwär zw istlich* m., in Sachsen als Rotwispel' 6 . Bei Naumann-
Hennicke I, 56 werden für den Vogelnamen drei Etymol*
als möglich hingestellt: 1) Das Wort könne in der Form Wüstling
ursprünglich sein und sei auf den Aufenthalt des Rotschwanzes
bei öden Ruinen usw. zurückzuführen ; 2) es könne mit dem
engl. Yerbum ivhistle 'pfeifen' zusammenhängen; 3) der Name
könnte aus dem Slavischen stammen und mit dem böhmischen
Dialektworte Chcistek identisch sein. Die letzte Annahme ist w r ohl
die richtige. Das Fehlen des Ausdrucks im Westen des Landes
und die divergierenden Namensformen in den östlichen Mund-
arten, von denen einige kein deutsches Aussehen haben, weisen
auf slavischen Ursprung.
Neben Wüftling wird bei Eber und Peucer a. a. 0. das
Synonymon Schnepfflein (d. h. Schnapperchen) angeführt; vgl.
Fliegenschnepper. In Preußen nennt man den Vogel Bienen-
schnapp A m., im Elsaß Immenbicker b .
Einige Namen des Gartenrotschwanzes sind von der hüb-
schen Färbung des männlichen Vogels hergeholt. In Altmark
nennt man ihn wegen der weißen Stirn Stärmann Hütik 6 , in
Steiermark Weissblattei 1 n. (zu mhd. plate 'kahler Kopffleck , ):
andererseits teilt er hier mit der schwarzköpfigen Grasmücke die
Benennung Scluvarzblattel 1 n., was sich aus dem schwarzen
Flecken auf der Kehle begreifen läßt. Bei Reyger wird Schuarz-
1 Vgl. Reyger in der Bearbeitung des Kleinschen Werkes (1760)
S. 78. — 2 Frommann D. Mundarten IV, 191.
3 Zs. f. d. Phil. XXI, 210. — 4 Frischbier I, 81.
5 Martin-Lienhart II, 27. — 6 Danneil 209.
7 Unger-Khull 562. 628.
48 Steinmerle, petrocincla saxatilis, monticola saxatilis.
kehlein als wissenschaftlicher Name erwähnt. An diese Namen
reihen sich noch an : Zälmynich x (d. h. Zagelmönch) in Thüringen,
Smockkeikel 2 (Smock 'Rauch') auf Helgoland, Kaminbutzel s n. (d.
h. Schornsteinfeger) im Elsaß.
Ein schweizerischer Ausdruck für diesen Yogel ist Hüs-
gütterli bei Staub-Tobler II, 534.
Merle, petrocincla.
Steinmerle, petrocincla saxatilis, monticola saxatilis.
Der schöngefärbte Yogel ist in Deutschland eine seltene
Erscheinung. Nach Naumann-Hennicke I, 126 rindet man die
Steinmerle vereinzelt in der Schweiz, Yogesen, Tirol, Österreich,
Salzburg und in dem Rheingebirge; sehr selten ist sie in den
böhmischen, schlesischen und thüringischen Bergen. Aus diesen
Gegenden stammen auch die wenigen älteren Zeugnisse für die
Namen dieses Yogels.
Gesner, der ein Exemplar der Steinmerle aus Graubünden
erhalten hatte, berichtet in Hist. avium S. 701, daß der Yogel dort
Steintröftel (d. h. Steindrossel) oder Steinrötele genannt werde. Der
letztere Ausdruck, den er S. 265 auch für Österreich bezeugt,
begegnet bereits bei H. Sachs Regim. der Yögel (1531) Y. 87
in der Deminutivform das Stainrötlein. Den Namen Steinrotl
(als Maskulinum) nennt im 17. Jh. Hohberg, welcher angibt,
daß der Yogel "an dem Fluß Etfch / wo er mit den Tyrolifchen
Gebürgen gräntzet / in den Schroten und Felfen gefunden" wird,
daß er selbst ihn aber auch "zu Unter-Oefterreich bey Zebing
und Schönberg / und zu Drofendorff in den alten Gemäuern
gefehen" (Adeliches Land-Leben II, 805 Kap. CXXI). Auch
Schwenkfeld, der in Ther. Sil. (1603) S. 347 die Steinmerle in
seiner Heimat als äußerst selten bezeichnet, kennt sie aus eigener
Anschauung; er hat einen Yogel erhalten, der nicht weit von
Schmiedeberg gefangen worden war. Außer dem Namen Stein
Rötete werden a. a. 0. die Ausdrücke Blaiv Stein Amfel \ Stein
Droffel I Klein Blaw Zimmer (d. h. Drossel) erwähnt. In Döbels
Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 54 heißt der Yogel Stern- Am fei ; heute
1 Hertel 261. — 2 Frommann D. Mundarten III, 33.
3 Martin-Lienhart II, 131.
Steinschmätzer, saxicola oenanthe. ;**
in Luxemburg Gfrousae Rouüchtcänaxhen l . Aus Steiermark wird
der Ausdruck Steinrötel m. durch Dnger-KhuU s. 573 bezeugt;
Stmnridel m. bei Schmeller-Frommann Bayer. Wb. IL 59. Bin
bäurisches Synonymem ist Birglerch (d. h. Berglerche) a, a, 0.
Blaumerle, petrocincla cyanea, monticola cyanus.
In seinem Vogelbuche handelt Gesner S. 266 von dem Blaw-
uagel, den sein Augsburger Ereund Raphael Seiler ihm ausführlich
-•'schildert hat, und vermutet, daß es der 'turdus saxatilis' oder
die Steinmerle sei. Liest man jedoch die Schilderung, die Seiler
a. a. 0. von dem Vogel gibt, so findet man, daß es sich hier
um die Blaumerle handelt. Nach Naumann-Hennicke I, 131
kommt diese nur in den südlichsten Provinzen des deutschen
Sprachbodens, z. B. Tirol, in der Schweiz und den Vogesen vor.
Gesners Gewährsmann gibt an, daß der Blauvogel nur in dem
Gebirge um den Etschfluß und in der Umgebung von Innsbruck
zu finden sei. — Ein frühes Zeugnis des Ausdrucks Blauvogel ist
die Glosse blaifögeli turdus im Vocabularius optimus XXX \ IL
113 (Ed. Wackernagel S. 43).
Steinschmätzer, saxicola.
Steinschmätzer, saxicola oenanthe.
Die öden unfruchtbaren Landschaften mit Steinbrüchen,
Ziegeleien, großen Steinhaufen u. dgl. sind die Orte, wo man
die Steinschmätzer antrifft und ihre schmatzenden oder schnal-
zenden Töne hören kann. Von diesen ist der Name des Vogels
hergeleitet, der in den Mundarten in verschiedenen Variationen
vorkommt. In der Literatur des 16. Jhs. begegnet er zuerst in
der femininen Form Stainschmatzs bei H. Sachs Regim. der
Vögel V. 174; Eber und PeucerVocab. (1552) S. FSa erwähnen
ebenfalls die Stein fchmatzen, aber im Sinne von Turmfalke.
Dieselbe Bildungsweise wie in Stein schmatze (zu mhd. smateen)
erscheint auch im Kompositum die Steinklatsche in Döbels Eröffn.
Jägerpr. (1746) S. 63; in der Angenehmen Land-Lust (1720)
S. 302 wird der Vogel der Steinbeiffer genannt. — Naumann
erwähnt aus dem Anhalter Dialekt die Namen Steinfletschker und
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 366.
Suolahti, Vogelnameu. 4
50 Braunkehlchen, pratincola rubetra.
Steinpicker. Auch in Niederdeutschland kennt man den Vogel
mit dem Namen Stenbicker x (in Altmark), Steinpicker 2 (in Gröt-
tingen und Grubenhagen), Stenpicker 3 (in Mecklenburg); aus dem
Deutschen stammt dän. stenpicker.
Verschieden von diesen zusammengesetzten Benennungen,
welche mit Rücksicht auf die kurzen harten tök-tök-Rufe des
Steinschmätzers gebildet sind, ist mitteld. Steinrutscher 4 (in Thür-
ingen), das wohl als Ableitung von Steinrutsche (mnd. stenrudse)
'Steinhaufe' aufzufassen ist. In Göttingen und Grubenhagen wird
der Vogel auch Steinartsche 5 (d. h. Steinhänfling) genannt, in
Luxemburg heißt er Bröchschösser 6 (d. h. Brachfeldscheißer) ;
Campe verzeichnet den Namen Schollenhüpfer.
Von der Färbung des Gefieders sind hergeleitet die Aus-
drücke Wissbrüstli 7 in der Schweiz, Witkeleken 8 (d. h. Weißkehl-
chen) in Göttingen und Grubenhagen, Blackstiärt 9 (d. h. Schwarz-
schwanz) im Münsterkreise. Auf die schwarzweiße Farbe bezieht
sich auch der ostfriesische Name Walhäkster 10 (d. h. Wallelster).
Wiesenschmätzer, Pratincola.
Braunkehlchen, Pratincola rubetra.
Die beiden Wiesenschmätzer haben mit dem Steinschmätzer
manche gemeinsame Züge, auch die schmatzenden Laute sind
jenen charakteristisch. Daraus erklärt sich, daß die Namen dieser
Vögel teilweise in einander übergehen. Der von Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 330 geschilderte Steinfletfche ist der braun-
kehlige Wiesenschmätzer, und in diesem Sinne wird das
schlesische Wort in Frommanns D. Mundarten IV, 187 aus
einer Quelle v. J. 1781 abermals belegt. Nach Frischbiers Wb. II,
367 werden die Ausdrücke Steinfletscher und Steinpatscher auch
in Preußen von den Wiesenschmätzern gebraucht.
Nach der Brutzeit pflegt das Braunkehlchen die feuchten
Wiesen zu verlassen und begibt sich dann auf Kräuterfelder und
1 Danneil 211. — 2 Schambach 209.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84-. — 4 Hertel 201.
5 Schambach 209. — 6 Wb. d. Luxemburg. Mundart 47.
7 Staub-Tobler V, 865. — 8 Schambach 301.
9 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85.
10 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 114.
Drossel, turdus. ">i
in Gemüsegärten, am zwischen den hohen Stengeln der Pflanzen
den [nsekten nachzugehen. Es bat daher in der Schweiz (in Bern)
den Namen Krütvögeli* bekommen; in Baiern wird das Vor-
kommen des Ausdrucks Krautvogd bereits durch BLSaohe Eft
der Vögel (1531) V.206 bezeugt, aber hier scheint erden Wiesen-
pieper zu bedeuten. Eine synonyme Benennung i-t vielleicht das
Straßburger Wbrl Biirftner, das Gesner in Eist avium (S. 357.
604. 7()(i) nicht Identifizieren kann; der Name ist vielleicht ver-
wandt mit schwci/. Burst c mit Borstengras bewachsene Wiese'
und drv da/u gehörigen Wortsippe.
In Luxemburg hat man für das Braunkehlchen eine s
Menge verschiedener Dialektnamen. Von diesen sind Jödek* dl
und Jtgßppchen a m. lautnachahmende Bildungen ebenso wie frz.
chiek chack* im wallonischen Teile von Luxemburg. Andere
Ausdrücke sind Wisegimchen m. (d. h. Wiesenkümmel), Wisepiüo
(zu Pillo 'Gimpel'), Grdsjrillo, Wisevilchen (d. h. Wiesenvögelchen),
Keivilchen (d. h. KuhvÖgelchen), Strefmännchen* m. (zu strafen 'die
Samenkapseln vom Flachs abtrennen').
Im Gegensatz zu dem Braunkehlchen, dem Brünbrüstli, nennt
man in der Schweiz den schwarzkehligen Wiesenschtnätzer (pra-
tincola rubicola) Schwarzbrüstli 5 ; in Göttingen und Grubenhagen
teilt er den Namen Witkeleken 6 mit dem Steinschmätzer. —
Ein schweizerisches Synonymon ist Grasrägg (vgL Staub-Tobler
Id. VI. 768); im Münsterkreise heißt der Vogel Heidefink 1 .
Drosseln, Turdinae.
Drossel, turdus.
Ahd. drösca, dröscala: Sg. Nom. — throsga tvrdella: cod.
SGalli 299 p. 33. drosca: cod. SGalli 299. 26. cod. SCalli 2i2. 2-»'Sb
turdus: Carmen de Philomela 17: cod.Vindob.2i7. 222 1». ärusca: cod.
mus. Britann. Add. 1689k 2i4b. trosca turdus: cod. Selestad. 109b.
dröschet uiscum mistil ( ) uiscus nascitur de fimo turdelarum auium
id est: Vergil. A. VI. 906: Clm. 18059. 199c. ,/roscha: Clin. 11689
1 Staub-Tobler I, 695. — 2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 201.
3 Vgl. Rolland Faune populaire II. 267.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 222. 336. 129. 488.
6 Staub-Tobler V, 865. — 6 Schambach 301.
7 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI. 86.
52 Drossel, turdus.
f. 47a. drorcha: H. S. III, 17. droscala turdus: H. S. XI b. droshilla:
Versus de volucr. droschela: H. S. III, 17: Gm. 2612, 34 b, XI a 2.
droshla: cod. Vatican. Reg. 1701, 2 b. trosla merulus: cod. sem.
Trevir. R. III. 13, 107a. drosel: Versus de volucr. drossele: H. S.
ffl, 17: cod. Vindob. 2400, 42 a.
Der Name der Drossel erscheint in den germanischen
Idiomen in mehreren Varianten, die mit einander zusammen-
zuhängen scheinen, aber lautgesetzlich sich nicht unter einen
Hut bringen lassen. Die im Althochdeutschen bezeugte Namens-
form drösca (droscala) stimmt wohl zu dem einmal (im Corpus-
glossar 2063, Sweet Old. Engl. Texts S. 103) belegten ags.
ßraesca (Grdf. *prauskian-), mit welchem die Form prysce 1 (> me.
ne. thrush) aus *pniskiön im Ablautsverhältnis steht. — Verschieden
von diesen Worten ist mnd. drösle, das mit ags. prostle ( > me.
prostet, ne. throstk) vielleicht aus einer Grundform *pramstalön her-
vorgegangen ist; die Länge des 6 (aus älterem d) wird erwiesen
durch die weitere Entwicklung der niederdeutschen Namensform
zu Drässel im Westfälischen, Drausel(e) 2 in Göttingen und Gruben-
hagen und Draussel im Mecklenburgischen 3 . — Eine dritte
Nebenform ist mhd. drostel, das wohl als Schwundstufenbildung
zu anord. prgstr (> dän. trost, schwed. trast) aufzufassen ist. Diese
Namensform weist auf urgerm. *prastu-, das mit mittelir. truid
(aus Hrozdi-) am nächsten verwandt ist und mit lat. turdus
'Drossel' (aus *trzdos), lit. sträzdas und lett. strazds Mass/ im
Verhältnis des Vokalwechsels steht. Griech. crpouGoc 'Sperling,
kleiner Vogel' ist kaum verwandt. Auch akslav. drozgü, czech.
1 prysce = sturtius Zs.f.d.A. XXXIII, 241 53 , pryssce = strutio Wright-
Wülcker I, 286 24 , prisce = trutius Wright-Wülcker I, 260 30 . Die lat. Lemmata
trutius und truitius (im Corpusglossar a. a. O.), die Solmsen IF. XIII, 138
Anm. 2 unklar sind, sind keltisch-lat. Glossen, vgl. mittelir. truid 'Drossel'.—
In den Corpus-Gll. gehört das Lemma trita zu breton. tret.
2 Schambach 47.
3 Die Quantität der ahd. und ags. Worte wird sehr verschieden an-
gesetzt: Bosworth-Toller Ags. Dict. u. Sweet The Stud. Dict. of Ags. schreiben
sowohl prysce wie prostle ohne Längezeichen, ebenso Falk u. Torp Et. ordb.
II, 382; Walde Lat. et. Wb. S. 642 nimmt für ahd. drösca und ags. prysce
Länge, für ags. prostle sowohl Länge wie Kürze an. — Richtig scheinen
Kluge Et. Wb. 6 S. 83 und Sievers IF. XUI, 138 f. die Quantität des Stamm-
vokals beurteilt zu haben. Vgl. auch Kluge Litbl. f. germ. u. rom. Phil. (1898)
XIX, U.
Drossel, turdus.
poln, drozd, russ. drozdü, serb. drozd, drozak "Drossel' sind eher
als Entlehnungen aus dem Deutschen denn als urverwandte
Worte zu betrachten. Anklingende NTamensformen bieten noch
bretonische Dialekte: drask (Belle-Ile-en-Mer, Ch. de La Tünche),
drasM (Morbihan, Tasle) '. Henry Lexique etymologique 8. L06
führt sie auf älteres tresklo- Cur *tredsklo zurück and verbindel Bie
nntbreton.*rwrStaar', während BaistZs.1 rom. Phil XXXII. 132
das keltische Wort für eine frühe Entlehnung aus dem Angel-
Bächsischen hält; a.a.O. wird auch hz.trdle mit Diez als german
Lehnwort betrachtet im Gegensatz zum Dict general, wo keltische
Herkunft angenommen wird.
Eine klare Lautgesetzliche Ordnung in die Menge von Varian-
ten zu bringen, will nicht gelingen; vgl. Walde KZ. XXXIV, 516.
Es ist möglich, daß in letzter Instanz den idg. Drosselnamen
ein onomatopoietiscb.es Wort zugrunde liegt, das von der
Stimme des Vogels geholt ist. Im Lateinischen wird diese Stimme
durch das Verb um trucüäre wiedergegeben (Carmen de Philo-
mela V. 17: "Dum turdus trucilat, sturnus dum pusitat ore",
s. Anthologia latina, Ed. Riese I, 2, 224, Leipzig 1870).
Von den ahd. Namensformen drösca und dröscala scheint
die letztere deminutive Bedeutung zu haben und die kleine
Singdrossel zu bedeuten. In dieser Bedeutung hat sie sich er-
halten, während drösca schon in der ahd. Periode ausstirbt
und in den Mundarten durch andere Synonyma ersetzt wird.
Bind, dröscele ist vorzugsweise dem bairisch-österreichischen
Sprachgebiet eigen; im 16. Jh. Troschel bei H. Sachs Regim. der
Vögel (1531) V. 109, in Sachsen Sangdrufchel bei Eber und Peucer
Vocab. v.J. 1552 S. F8 b . Heute reicht bair.-österreich. Drosche!
auch in das oberhessische Gebiet und als DrouxcheL Druschel in
die Wetterau ; ein vereinzeltes Dröschet im Westen des schwäbi-
schen Gebietes (Neuhausen) 2 . Daran schließt sich der Bezirk
von schwäb. Dröstl 1 , Schweiz. DroxiL Tröstie, elsäss. DrosteL
Drostle 3 , in Tirol Drostle, Dradstl x , auch anhält Dniste/ : \ thüring.
1 Vgl. Rolland Faune populaire II, 240 u. 244.
2 Fischer IL 405.
3 Martin-Lienhart II, 766. — 4 Frommann D. Mundarten IV. 346.
5 Naumann-Hennicke I, 202.
54 Amsel, turdus merula.
Drosdel 1 (im Harz), die auf mhd. drostel beruhen; im 16. Jh.
elsäss. Troftel bei Dasvpodius (1535) S. Jla und im Strassburg.
Vogelb. (1554) Y. 397, Schweiz. Troftel in Euefs Adam und Eva
(1550) V. 968 und in Gesners Hist. avium (1555) S. 729 neben
Drofchele.
Die heute in der Schriftsprache geltende Form Drossel
gehört eigentlich den nieder- und mitteldeutschen Mundarten
an. In ahd. Zeit ist trosla in den wahrscheinlich moselfränkischen
Glossen der Trierer Hs. belegt; dazu drosel und drossele in zwei
Hss. des 11./12. Jhs., drosilla in cod. Florentin. XYI, 5 (13. Jh.),
drossela in cod. Oxon. Jun. 83, 4 (13. Jh.). Einige spätere Belege
führen in die Gegend von Köln: im 14. Jh. drosela im Kölner
Doppelblatt (Ahd. Gll. III, 26 25 ), im 16. Jh. Droeffell bei Lon-
golius Dial. de avibus (1544) S. G 2 a , eyn Droffel aut eyn Durftet
bei Turner Avium hist. (1544) S. J 6a; Gesner Hist. avium
S. 729 führt die Formen Troffel nach Tragus, Trusel nach
Murmellius an. Schwenkfeld Ther. Sü. (1603) S. 361 gibt Drossel
als schlesisch an. Auf dieser Namensform beruht auch Drusel 2
f. in der Pfalz.
Amsel, turdus merula.
Ahd.amsala, amusla: Sg. Nom. — amsala merula . . . : H.S.III,
17. Gll. Salomon. a 1. amslala 3 : cod. Selestad. f. 110a. amsela: cod.
Wirziburg. Mp. th. 4° 60, 104a. Versus de volucr. amsila: Gll. Salo-
mon. a 1. amsila: H. S. XI b. Versus de volucr., amsel: Versus de
volucr. cod. Vindob. 804 f. 172b. H. S. XI a 2, amsla: a 2. Carmen
de Philomela 13: cod. Vindob. 247, 222b, cod. raus. Britann. Add.
16894, 244 b. cod. Vatican. Reg. 1701, 2 b. Glm. 14689 f. 47 a.
amfsla : cod. SGalli 299 p. 33. cod. SGalli 299, 26. cod. SGalli 242,
248b. amphsla: Gll. Salomon. a 1. Gregorii dial. 2, 2 p. 213 : cod.
Vindob. 2723, 106 a, cod. Vindob. 2732, 120 a, Clm. 19440, 232, amphHa :
Glm. 18140, 228 a, amphsala: Cgm. 5248, 2, 2 b. amphsela: H. S. XI g.
ampsila: Versus de volucr. amasla: Gregorii dial. 2, 2 p. 213: cod.
Carolsruh. SPetri 87, 85b. amusla: cod. sem. Trevir. R. III. 13, 107a.
amissila: Versus de volucr. amissel: H. S. XI e. ansia: cod. Parisin.
9344 f. 42b. ansla: cod. Parisin. 12269 f. 58b. amela: cod. Oxon.
Jun. 83, 4 (13. Jh.). — PI. Akk. — amfsda : Horat. Serm. II, 8, 91:
Clm. 375.164 a.
1 Hertel 85. — 2 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 11.
3 Das mittlere a aus Corr. (Steinmeyer).
Amsel, turdus merula. 55
Die Amsel wird in <I<t VolksYorstellung gewöhnlich nicht
als eine Drosselart aufgefaßt, ebensowenig wie in der alteren
zoologischen Literatur. D;is gehl auch aus den Namen des Vogels
hervor, die meistens keine Beziehungen zu Drosselbenennungen
aufweisen.
Dem ahd. amsala (mini, amsel) entspricht im Angelsäch-
sischen ösle "Amsel' (nie. ösle, ne. ousel) < *amsle. aber in den
nächstverwandten kontinentalen Dialekten fehlt der Name; statt
dessen gelten hier listera und merla (vgl. unten).
Die meisten mundartlichen Formen des Vogelnamens sind
aus der ahd. Form amsala hervorgegangen, vgl. elsäss. Amsel
(Amstel) 1 , Schweiz. Amstel, Schwab. Amsl und Amsl 2 , die Letztere
Form auch im östlichen Thüringen 3 , in Baiern und Kärnten 1 ,
Omsl z in der AVetterau. Dagegen beruhen elsäss. Amalse 1 , hess.
Ummelse 3 , mansfeld. Amessl 3 , hanau. Omeste 3 , heanz. Omischl,
Amischl' , bair. Amuksl, Österreich. Omaksl 3 (schon im 14. Jh.
ammuxsel Ahd. Gll. III, 26 57 ) auf der ahd. Nebenform amnsla.
Die im Hennebergischen und Westthüringischen üblichen Be-
nennungen Ansbel, Onspel, Unsbel (im Westerwald Anspel, Unspel,
in Marienberg Ospel, Uspel) 6 haben sich wohl aus der ahd.
Variante ampsla durch die Zwischenstufe *amspel > anspel ent-
wickelt. Der Labial der ahd. Namensform ist ein sekundärer
Übergangslaut, ebenso wie in dem alten Völkernamen Ampsi-
varii neben Amsivarii oder in der frühneuhochdeutschen Form
Mmpst statt körnst usw.; vgl. auch die Schreibung Ambfel bei
Aitinger Bericht v. d. Vogelstellen (1631) S. 180. Eine sekun-
däre Lautform ist auch das altbezeugte ansla 1 , das durch An-
gleichung des Nasals an den folgenden s-Laut aus amsala her-
vorgegangen ist, wie ahd. haranscara aus harmscara.
Eine sichere Deutung des westgerman. Vogelnamens fehlt.
Am wahrscheinlichen ist noch die alte Zusammenstellung mit
lat. merula 'Amsel', das sich mit westgerman. *amuslön-: *amsl<ht
aus idg. *ames- entwickelt haben kr» nute.
1 Martin-Lienhart I. 41. — 2 Fischer I, 169.
3 Kluge Et. Wb. 6 S. 13. — 4 Lexer Kämt. Wb. S. 6.
5 Frommann D. Mundarten VI, 3-40.
6 Kluge Et. Wb. 6 S. 13, Hertel 60, Kehrein 301.
7 ansia ist wohl verschrieben für ansla.
56 Amsel, turdus merula.
In den Gegenden am Mittel- und Niederrhein ist der
germanische Amselname durch lat. merula verdrängt worden.
Der früheste Beleg des Lehnwortes ist merla = merula in cod. Berol.
Ms. lat. 8° 73, 124a; später amsla f merla: H. S. III. 17: cod. Darmstad. 6,
26 (13. Jh.); merla: Versus de volucr. : Kölner Doppelbl. (14. Jh.); merlin:
cod. Mellic. K. 51, 99, cod. Vindob. 1325, 79 b (u. Jh.). Im 16. Jh. Merll
bei Longolius Dial. de avibus (1544) S. G 2a (Merl bei Turner
Avium hist. (1544) S. F 6b).
Heute gilt Merel, Mierel 1 f. (in Komposita auch von anderen
Drosselarten) in Luxemburg, Merdel 2 f. in Westfalen; im Nieder-
ländischen meerl aus mndl. merle. Wann die Entlehnung aus
dem Lateinischen stattgefunden hat, ist nicht möglich genauer
zu bestimmen, aber zur frühesten germanisch-römischen Ent-
lehnungsschicht gehört das Wort nicht. Da der Stammvokal
nicht zu i erhöht worden ist, muß ein vulgärlat. * merla ohne
Mittelvokal (ital. merlo, frz. merle) das Etymon gewesen sein.
Durch den höfischen Einfluß des 12./13. Jhs. (speziell auf die
Autorität Heinrichs von Yeldeke hin) wurde der niederrheinische
Ausdruck auch in der oberdeutschen Poesie eingeführt, ohne
daß er sich jedoch in der lebenden Sprache einbürgern konnte.
Tirol. Merle 3 (im Sarntal) ist aus dem Italienischen übernommen.
In denselben Gegenden, wo das lateinische Lehnwort sich
verbreitet hat, hat man für die Amsel auch einen einheimischen
Dialektnamen, der im Niederländischen gieteling und in West-
falen (Recklinghausen und Münster) Geitlink 4 m. lautet ; Woeste
Wb. S. 70 gibt westfäl. Gaidling m. in der weiteren Bedeutung
'Drossel' (grise und swarte Gaidling = Singdrossel und Schwarz-
drossel). Im Ostfriesischen entspricht Geitel 5 mit anderem Suffix.
Diefenbachs Glossarium S. 358 c bietet für das niederrheinische
Wort einen Beleg geytelinck aus der Gemma gemmarum v. J. 1507
und im Novum glossar. S. 252 a wird ghetelinck nach einer nieder-
ländischen Gemma aus dem Jahre 1500 belegt. Die ältesten
Zeugnisse für das Auftreten des Vogelnamens sind die Glossen
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 284.
2 Woeste 174 — 3 Frommann D. Mundarten IV, 52.
4 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85. XVII, 5.
o Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 111.
Kingdrossol, turdus torquatus. f>7
getfugla merula in cod. sein. Trevir. f. L12 b , getfugüe: cod.
Guclpherbyt. Au- 10. 3. 1° l 89* Altniederd gHfugal gehört
zum Worte get, geit 'Geiß' und bedeutet also eigentlich 'Geiß-
rogeF ; mnd. geitelink und ostfries. greife/ sind Ableitungen (mir
Suff, inga, ila) von demselben Worte 1 . Daß Vögel nach Haus-
tieren benannt werden, kann man öfters beobachten. Synonyme
Bezeichnun-on derselben Art sind westfäl. Kaudrässel (d. h.
Kuhdrossel) 'Misteldrossel' (swarte Kaudrässel 'Amsel'), schweizer.
Rossamsel e Ringamser.
Wegen der schwarzen Färbung nennt man die Amsel in
der Schweiz auch Kolamsel 2 ', in Hessen ist Schwarzamsel 3 der
übliche Name des Vogels, in der Grafschaft Ranzau Swattdrössel*.
Auf den gelben Schnabel der Amsel weist der Ausdruck Gül-
nabbet 5 auf Helgoland. Luxemburgische Benennungen sind
Stackmierel ( = Stockmerle, d. h. Waldamsel) und Mierzmerel*
(d. h. Märzamsel).
Ringdrossel, turdus torquatus.
Von der Schwarzdrossel unterscheidet sich diese größere
Art vornehmlich durch ein weißes halbmondförmiges Schild
auf der Brust. Daher hat der Vogel die Namen Ringamsel
(zunächst bei Gesner Hist. avium (1555) S. 583), Schildamsel (in
Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 53), in Steiermark Kranzamsel %
in Luxemburg Krdchmierel 8 (d. h. Kragenamsel) erhalten.
Von den beiden Varietäten der Ringdrossel ist die südliche
Ringamsel (turdus alpestris) ein Gebirgsvogel, der die böhmischen
und sächsischen Bergketten und die Alpen in Baiern und der
Schweiz bewohnt. Auf diese Lebensweise beziehen sich die
Ausdrücke Pirgamschel bei H. Sachs Regim. der Vögel (1531)
V. 141, Pirckamfell bei Eber und Peucer Vocab. (1552) S.F3b,
Birgamfel \ Steinamfel bei Gesner (1555) S. 584 (und Sclnwnk-
1 Franck Et. Wb. S. 296 vermutet Verwandtschaft mit mhd. giuden
'jubeln, prahlen'. — 2 Staub-Tobler I, 241.
3 Vilmar 377. — 4 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII. 2.
5 Frommann D. Mundarten III, 32.
6 Wb. d. Luxemburg. Mundart. 285. 418. — 7 Unger-Khull 408.
8 Wb. d. Luxemburg. Mundart 242.
58 Ringdrossel, turdus torquatus.
feld Ther. Sil. (1603) S. 301), Bergamfel (Burgamfel) bei Henisch
Teutfche Sprach (1616) Sp. 69; auch in Schwaben (Memmingen)
Bergamsel ] .
Auf die Bewohner der Ebene muß der Gebirgsvogel den
Eindruck eines Fremdlings machen, und in noch höherem Grade
gilt dies von der nordischen Ringamsel, die im Winter nach
Mittel- und Südeuropa wandelt. Daher erklären sich die Aus-
drücke Meeramfel, Seeamfel bei Aitinger Bericht v. d. Yogelstellen
(1631) S. 352, in der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 288 und
bei Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 53; vgl. Meerhäher S.16. Für
gewisse Gegenden in der Schweiz galt die Ringamsel zu Gesners
Zeit als eine Kureramfel (Hist. avium S. 584), welche die Heimat
in der Stadt Chur in Graubünden hatte; in Luxemburg wird
der Yogel Reimerei 2 (d. h. Rheinmerle) genannt. — Da der Vogel
im Winter, im März, zu erscheinen pflegt, heißt er in Meißen,
Hessen und Thüringen — wie Gesner (a. a. 0. S. 730) von seinen
Korrespondenten erfahren hat — ein Meertzifche Drueffel ; auch
Aitinger a. a. 0. S. 343 führt den Ausdruck Mertz Ambfel an.
Schwenkfeld erwähnt a. a. 0. den Namen Schneeamfel: in
Steiermark noch heute Schneeamschel 3 . In Baiern heißt der Yogel
Schneekater*. Offenbar ist dieser letztgenannte Name, den bereits
Ostermann Yocab. (1591) S. 337 als Schneekatter ~° und Henisch
a. a. 0. als weiß Schneekater bezeugen, ebenso wie der bairische
Pflanzenname Schneekater, Schneekaterle, eigentlich identisch mit
der Koseform des Eigennamens Katharina, welche Katel, Katerle
lautet; vgl. Rötkatel 'Rotkehlchen' S. 41.
Andere Synonyma, die in der älteren Literatur begegnen,
sind Waldamfel, Hagamfel (zu Hag 'Gehölz') bei Gesner S. 580.
584 und Schwenkfeld S. 301. 302, Stockziemer (zu Ziemer
'Drossel') bei Döbel a. a. 0. — Den Ausdruck Eoßamfel erklärt
Gesner daraus, daß der Vogel im Pf erdemiste Würmer sucht.
Daher heißt die Ringamsel auch in einer englischen Mundart
coivboy 6 'Rinderhirt'.
1 Fischer I, 869. — 2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 355.
3 Unger-Khull 551. — 4 Schmeller-Frommann II, 563.
5 Der Name wird hier als Bezeichnung der Misteldrossel angegeben.
6 Vgl. Swainson The Folklore S. 8.
Misteldrossel, turdus viscivorus.
Misteldrossel, turdus vi. sei vorus.
In den althochdeutschen Glossen erscheint der Ausdruck
brächfogul im Sinne von Drossel: brachfogil turdus: Versus de
volucr. brachvogel : II. S. III, 17. prachvogel: cod. Vindob. 804; f. 185b. brat-
uogel 1 : cod. Bcro\. Ms. lat. 8° 73, 124b. Nur. Nom. —brahuogele turdis:
Horatius Serm. ii, 2, 74: cim. 375, 14-ib. A.us mittelhochdeutscher Zeit
bringen Diefenbachs Glossar. S. 602b und Nbvum glossar. S. 374 a
einige Zeugnisse für brachvogel, wo das Wort ebenfalls mit 'turdus'
übersetzt wird.
Welche Drosselart hier gemeint ist, kann man natürlich
nicht aus den Belegen ersehen. Auch in Ebers und Peucers
Vocab. (1552) S. E 5 a, wo brachvogel als Übersetzung des lat
'collurio' mit dem Zusatz "ex turdorum genere" angeführt wird,
steht die Bedeutung der Glosse nicht fest; aus der kurzen
Beschreibung möchte man auf die Weindrossel schließen. In
Niederdeutschland ist Bräkvagel aber heutzutage in einigen
Landschaften der Name der Misteldrossel, vgl. z. B. Schiller Zum
Tierbuche III, 18. — Der Begriff in dem Ausdrucke, der den
Yogel nach dem Aufenthalte auf Brachfeldern bezeichnet, ist
überhaupt ein sehr dehnbarer, und die Ornithologen des 16. Jhs.
bemühen sich oft vergebens zu ermitteln, welche Vögel in
gegebenem Fall mit der Benennung gemeint sind.
Der Name Misteldrossel, der zur wissenschaftlichen Art-
bezeichnung geworden ist, erklärt sich daraus, daß der Yogel
im Herbst sich hauptsächlich von Mistelbeeren nährt. Diese
Eigenschaft der Misteldrossel war schon den alten Römern be-
kannt, und das lateinische Sprichwort "turdus ipse sibi cacat
malum" 2 nimmt darauf Bezug. Inwiefern der deutsche Ausdruck
durch den lateinischen Zunamen Viscivorus' beeinflußt worden
ist, kann nicht mit Bestimmtheit ermittelt werden. Jedenfalls
ist der Vogelname schon im 16. Jh. in den deutschen Mund-
arten geläufig. Gesner bezeugt in Hist. avium (1555) S. 728 die
Ableitung Miftler und das Kompositum Mißdfinck l'iir seine
schweizerische Heimat und in Baiern ist Miftler bei H. Sachs
1 = bracuogel.
•1 Durch den Unrat des Vogels gedeiht das Mistelgewächs, woraus
der Vogelleim zum Fangen der Drosseln bereitet wird.
60 Misteldrossel, turdus viscivorus.
Eegim. der Yögel (1531) V. 190, bei Aitinger Bericht v. d. Vogel-
stellen (1631) S. 343 und in der Angenehmen Land-Lust (1720)
S. 208 belegt; im Vocab. triling. (1560) S. 89 lautet der Name
Mitzier. Aus dem Elsaß ist Mifteler zunächst durch das Strassburg.
Vogelb. (1554) Y. 437 bekannt, darauf Mistler in Spangenbergs
Lustgarten (1621) S. 493. Martin und Lienhart verzeichnen diese
Bildung gar nicht, geben aber (I, 734) aus Altenschweiler die
Namensform Mistel f. Man hat wohl hierin eine Verkürzung
von Misteldrostel zu sehen, von der gleichen Art wie Schweiz.
Reckholter (für RecJcholterdrostel). Popowitsch Versuch (1780)
S. 379 gibt den Ausdruck Miftler auch als sächsisch an.
Viele Mundarten benennen die Misteldrossel mit onoma-
topoietischen Benennungen, die auf den schnarrenden Lauten des
Vogels beruhen. Gesner bezeichnet a. a. O. die Bildung Schnerrer
als bairisch, Schwenkfeld Ther. Sü. (1603) S. 359 bezeugt neben
Schnarre 1 den Ausdruck die Schnerre für Schlesien. Durch einen
Beleg bei Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 53 kommt dieser auch
für Sachsen in Betracht; im nördlichen Böhmen der Schnarrer
(Zs. f. d. Phil. XXI, 210), in Anhalt Schnarre 2 , in Mecklenburg
Schnarr 3 , im Oberinntal (in Tirol) Schnarrezer i (vgl. mhd. snarz),
auf Helgoland Snarker 5 . Diese Namensformen werden auch von
dem Wiesenknarrer angewendet. — Aus Kärnten nennt Gesner
a.a. 0. für die Misteldrossel den Namen Zerrer; Popowitsch a.a.O.
S. 380 führt Zarrezer aus Österreich und Zärrer aus Steiermark
(bei Unger-Khull S. 643 Zarer, Zarrer m.) an. In Steiermark
bedeutet das Verbum zaren, zarren dasselbe wie schriftd.
zerren (auch 'laut schreien'); dazu auch Zarheher 'Häher*. Zum
selben Stamme wie die zuletztgenannten Synonyma gehört noch
Ziering, das Gesner erwähnt, ohne die Heimat des Ausdrucks
anzugeben.
Eine in hochdeutschen Dialekten verbreitete Bezeichnung
für Drosseln ist das Wort Ziemer, welches in verschiedenen
1 Nach Popowitsch "die Schnarre in Schlesien"
2 Naumann-Hennicke I, 226.
3 Schiller Zum Tierbuche III, 18.
4 Frommann D. Mundarten IV, 55.
5 Frommann D. Mundarten III, 32.
Misteldrossel, tnrdua viscivorus. ttl
Lautgestaltangen auftritt Die ersten Zeugnisse des Namens
fallen in das 15. Jh. Im Vocab. theuton. (Nürnberg l 182) S.pp 5b
lautet die betreffende Glosse zemer fpecht prachuogel turdus i
oranwidsfogel und im Vocab. ine. theuton. ante lat (Nürnberg
1482) S. 15a ziemer turdus; dazu szimar im Elbinger Vokabu-
lar 730 (Berneker Die preuß. 8prache 8. 244). In Straßburg
ist d<T Vogelname durch Ordnungen d<-s Vogelfangs (Brucker
Strassburg. Zunft-Verordn. S. 183. 226. 229. 258. 266)im Lö.Jh.
(zuerst im J. 1425) öfters bezeugt; hier werden dm Ziemern
(Ziem(m)er) unter den jagdbaren Vögeln aufgezahlt A.U8 der-
selben Gegend stammt der Beleg Weckolder ziemer im Strass-
burg. A r ogolb. v.J. 1554 V. 436; darauf Ziemer in Spangenbergs
Lustgarten (1621) S. 493 und Zimmer im Ganskönig Y. 123. Aus
den heutigen elsäss. Mundarten führen Martin und Lienhart II,
904 Ziemer mit den Bedeutungen 'Drossel', 'Krammetsvogel',
'Buntspecht' an; die letztere Bedeutung, die schon im Yocab
theuton. (s. oben) erscheint, ist offenbar sekundär, vgl. S. 34. Auf
mitteldeutschem Sprachgebiet wird das "Wort zunächst für Sachsen
bezeugt durch die Variante Zimmer bei Eber und Peucer Vocab.
v.J.1552 S.F8a; Branky Zs. f.d. Phil. XXI, 210 gibt als sächsische
Lautformen Ziemer, Zehner, Zeiner, Zeumer mit der Bedeutung
' Wacholderdrossel' an. Bei Schwenkfeld, der im Ther. Sü. (1603)
Ziemer als schlesisch bezeichnet, wird der Name von den drei
Drosselarten 'turdus pilaris', 'turdus viseivorus' und 'turdus
iliacus', aber nicht von der Singdrossel 'turdus nmsicus' ge-
braucht. Auch Gesner behauptet in Hist. avium S. 720, daß Ziemer
in gewissen Gegenden die gemeinsame Bezeichnung für Drosseln
ist. Aitinger Bericht von dem Vogelstellen (1631) hat von dem
Begriff keine deutliche Vorstellung wie aus S. 343 a. a. O. her-
vorgeht: "Es ftreiten viel Weidleut / ja auch wol gelahrtere
Manner ob ein Mifteler ein Zimmer sey oder nicht / dieweil ich
dann daffelbige felbft nicht gewiß weil) / kan ieli auch nicht- ge-
wifl'es darvon fetzen". Popowitsch versucht die mundartlichen
Bedeutungsunterschiede einigermaßen zu bestimmen, indem er
VersuchS. 283 und 380 angibt, daß Ziemer in Schlesien und Sachsen
die Wachholderdrossel und die Rotdrossel bedeute, wählend in
der Niederpfalz die Misteldrossel Ziemer und im Hohenlohischen
#2 Wachholderdrossel, turdus pilaris.
Zemer heiße. — Wie manche andere Ausdrücke für Drosseln
(ahd. listera, merla, mhd. kraneuitvogel, altniederd. getfugel), hat
wahrscheinlich auch Ziemer ursprünglich eine bestimmte Art
bezeichnet, dann aber seinen Geltungsbereich erweitert, insbe-
sondere dort, wo der alte Drosselname nur auf die Singdrossel
beschränkt wurde. Der Ursprung des Wortes ist dunkel.
In Luxemburg nennt man diese Drosselart Schneileischter l
m. (d. h. Schneedrossel); sonst wird diese Bezeichnung von der
Kingamsel und von der Wachholderdrossel angewendet.
Wachholderdrossel, turdus pilaris.
Wie die vorhin erwähnte Art, so hat auch die Wach-
holderdrossel den Namen von der Nahrung bekommen, welche
bei diesem Yogel aus Wach holderbeeren besteht. Je nach dem
Synonymon, welches die Mundarten für den Wachholderbaum
gebrauchen, erscheint auch der Vogelname in verschiedenen
Varianten. In der mittelhochdeutschen Zeit ist kraneivitevogel
(zu kranewite < ahd. kranaivitu e Wachholder') die übliche Be-
zeichnung des Vogels. In den Quellen des 13., 14. und 15. Jhs.
ist das Wort öfters in der volleren Lautgestalt belegt, daneben
aber in kontrahierter Form kramatvogel z. B. in einem Vocab.
rerum v. J. 1468 aus Augsburg 2 , im 16. Jh. bei Hans Sachs Fabeln
V, 58, bei Dasypodius (1535) S.Jla, Kramatsvogel im Strassburg.
Vogelb. (1554) V. 583, Kromtvogel in Bracks Vocab. rerum (Boden-
see) 2 , Krometfogel bei H. Sachs Begim. der Vögel (1531) V. 88.
In Mitteldeutschland ist der Name in der Form Krammeßvögell
überliefert bei Longolius Dial. de avibus (1544) S. G2a, Krammef-
uögel bei Turner Avium hist. (1544) S. J6a, Eber und Peucer
Vocab. (1552) S.F8a, Kramet(s)vogel bei Schwenkfeld Ther. Sil.
(1603) S. 358. Auf diesen Varianten beruhen Kranawetsvogel in
Österreich (Popowitsch S. 283), Krammetsvogel und Krammsvogel*
in Steiermark, Krammetsvogel 4 im Elsaß, Kransföggel 5 in Fallers-
leben, Krammsvogel in Mecklenburg 6 , Holstein 7 , der Grafschaft
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 391.
2 Diefenbach Novum glossar. S. 374 a. — 3 Unger-Khull 408.
4 Martin-Lienhart I, 100. — 5 Frommann D. Mundarten V, 153.
6 Schiller Zum Tierbuche III, 18.
7 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 4.
Wachholderdrossel, tarda« pilaris.
Kan/au \ Krdm(e)svuog€l % in Westfalen. An einigen Orten er-
scheinen statt des zusammengesetzten Namens Kurzformen wie
Kranabeter* m. in Steiermark, Krammser * dl in Thüringen,
Krammtäzer^ Krammis, Krammitz 6 m im Elsaß; die letzge-
nannten zwei Varianten sind ähnliche Bildungen wie Mistel
(s.s. HO), wobei die Vogelnamen ani-ite(Etnmerüz : Sfigr/itz- nsw.)
auch mögen mitgewirkl haben. Ans dem ndd. Kramwogd
(= nndL kramsvogel) sind dän. hramsfugl ww\ schwed. kram*
fäycl entlehnt
In der Schweiz ist Chrammisvogel in Aargau und Basel
geläufig, die übliche schweizerische Nameiisform ist aber lleckol-
terrogel, welches Staub-Tobler I, (594, II, 1189 schon aus mittel-
hochdeutscher Zeit belegen; Räckholter in Ruefs Adam und Eva
(1550) V. 968 ist eine Verkürzung <h^ vm-hingenannten An-
drucks, vgl. Mistel S. 60. Bei Dasypodius (1535) S. J La erscheint
def Name in (hu- umgedeuteten Form Rechtholterrogel.
Die dritte Namensform ist Wachholteruögel bei Turner a.
a. 0., Weckolderziemer im Strassburg. Vogelb. V. 436, Wacholter
Ziemer bei Golius Onomasticon (1579) Sp. 295.
Meistenteils werden diese Namen von der Wachholder-
drossel gehraucht, doch sclnvankt auch hier in einigen Gegenden
die Bedeutung. In Mecklenburg ist nach Schiller Zum Tierbuche
III. 18 Krammsvogel eine Bezeichnung für alle Drossel arten,
abgesehen von den Amseln. In Luxemburg ist der Krömesvull*
die Rotdrossel, und in diesem Sinne wird auch z. B. in Reckling-
hausen der Ausdruck gebraucht, während die AVachholderdi
dubbelde Krdmsvuogel heißt.
Das letzterwähnte Wort ist eigentlich ein Terminus der
Jägersprache, welche für die Drosseln auch die Ausdrücke Halb-
vogel und Ganzvogel gebraucht Nach Döbels Eröffn. Jägerpr.
werden die großen Drosselarten, von denen 1 zu einem Spieß
gehen, zu (\(n\ Ganzvögeln gezählt, während die kleineren Arten.
d. h. die Weindrossel und die Amseln Halbvögel heißen. Diesen
Ausdruck kennt scheu der Verfasser des Strassburg. Vogelb.
J Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht. XVII, 2. — 2 Woeste 57.
3 ünger-KhuD 408. — 4 Hertel 146. — 5 Martin-Lienhart II. 619.
6 Wb. d. Luxemburg. Mundart 249.
64 Rotdrossel, turdus iliacus.
(1554) Y. 590 sowie Gesner Hist. avium S. 730 (aus der Gegend
um Frankfurt am Main), Hohberg Adeliches Land-Leben (1687)
II, 809 Kap. CXXII zählt auch die Kranwetsvögel zu den Halbvögeln.
Wie die Misteldrossel, so ist auch die Wachholderdrossel
vielfach nach ihrer Stimme benannt worden, für welche u. A.
die schak-schack-Kufe charakteristisch sind. Auf diesen Lauten
beruhen die Benennungen Schacker, Schachtdraussel l in Mecklen-
burg, Schacher 2 in Lübeck, Schacher 3 in Altmark, Schacke 4 *
f. in Göttingen und Grubenhagen, Schnagezer 5 in Steiermark. In
Luxemburg heißt der Vogel Tschahtschakat 6 m. (= frz. chack-
chack 7 im wallonischen Teile von Luxemburg) und mit Anschluß
an den Eigennamen Jakob auch Jako m. und Jäkerl 6 m., vgl.
Jako 'Papagei' S. 3. — Auf die Stimme der Misteldrossel bezieht
sich auch das westfälische Dialektwort der Schrick, welches
mit ags. scric 'turdus' übereinstimmt; die alte Bildung ist auf
dem Kontinent im Sinne von Wiesenknarrer im 16. Jh. bezeugt,
vgl. s. v. Wiesenknarrer.
Von der blaugrauen Färbung des Oberkörpers hat dieWachhol-
derdrossel bei Schwenkfeld (1603) S. 360 den Namen Blaiv Ziemer,
welcher neben Gros Ziemer als schlesischer Ausdruck bezeichnet
wird. Frischbier Preuß. Wb. I, 88 verzeichnet Blauziemer nach
Bujacks Naturgeschichte, aber dieser hat wohl den Ausdruck von
seinen preußischen Vorgängern Klein und Reyger, die ihrerseits
aus Schwenkfeld geschöpft haben. — Da der Vogel in Deutschland
ein Durchzugsvogel ist und noch bis in den Winter hinein
zieht, begreift sich der Name Schneevogel 8 , der in Steiermark
vorkommt. Auf Helgoland nennt man ihn den Lansknecht 9 .
Rotdrossel, turdus iliacus.
Die Rotdrossel gehört dem Norden Europas an und unter-
nimmt von dort aus regelmäßige Wanderungen nach dem Süden.
1 Schiller Zum Tierbuche III, 18.
2 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83.
3 Danneil Wb. S. 181, wo das Wort als Misteldrossel erklärt wird.
4 Schambach 180. — 5 Zs. f. d. Phil. XXI, 210.
f5 Wb. d. Luxemburg. Mundart 198. 444.
7 Rolland Faune populaire II, 238.
8 Unger-Khull 551. — 9 Frommann D. Mundarten III, 32.
Rotdrossel, turdua üiactu . 66
Wie dw Bergfink und der Seidenschwanz, erscheint si<
wohnlich in zahlreichen Scharen and in den Gegenden, wo die
Vöge] sich dann plötzlich niederlassen, hat die Landbevölkerung
von der Beimal der Breradlinge ihre eigenen Gedanken. In
einigen Landschaften werden Bie als Böhmen aufgefaßt, und
diese Ajischauung läi'.t Bich in das L6. Jh. verfolgen. In Beinern
Vogelbuche bemerkt Gesner von den Rotdrosseln, daß sie fremde
Vögel sind, die — wie man ihm versichert hat — in Ungarn
oder Böhmen ihre Brntplätze haben. Aus diesem Glauben er-
klären Bich die Ausdrücke Boemerle I Bömerlin I Beemerziemar I
Behende, die S. 729 als Bezeichnungen der Rotdrossel erwähnt
werden l . Bei II. Sachs Regim. der Vögel (1531) V. L72 ist das
Bemlcin dagegen der Bergfink und im Strassburg. Vogelb. (155 \\
V. 383 wird die schwarze Meerschwalbe Bömerlin genannt In
Deutschland sind diese Ausdrücke weit verbreitet; YVoestes Wb.
der westf. Ma. S. 25 f. nennt Bemer und Beimchen als Bezeich-
nungen der Rotdrossel und des Seidenschwanzes, das Luxem-
burgische Wörterbuch S. 17 führt Beimchen m. ebenfalls als Xamen
der Rotdrossel an, und in der Pfalz werden die Bergfinken
Behemmer - genannt.
Turner, der in Köln lebte, nennt in Avium hist. S. J 7 a die
Rotdrossel Uiieingaerdsuoegel (d. h. Weinbergvogel) und dieser
Ausdruck ist noch heute in jenen Gegenden lebendig, denn das
Luxemburgische Wörterbuch verzeichnet S.47~> Wangertsdreisehel
(d. h. Weinbergdrossel) und Wangertsvull (d. h. AVeinbergvogel) als
Namen der Rotdrossel. Von Turner haben vielleicht Eber und
Peucer Yocab. (1552) S. F8b den Ausdruck Weingart vogel über-
nommen, den sie neben Weindrufchel anführen. Gesner Hist.
avium (1 555) 8. 729 nennt den letztgenannten Xamen in der Form
Wyntroftd. Später ist das AVort öfters belegt: bei Schwenkfeld
Thor. Sil. (1603) S. 361 Wein Droffel, ebenso bei Aitinger Bericht
v. d. Vogelstellen (1631) S. 347, Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746)
8. 53 usw. — Offenbar haben die nordischen Vögel diese Xamen
wegen ihrer herbstlichen Raubzüge in den Weinbergen erhalten.
1 Danach Böhmlein, Bohemle, Bemerk, Hehemle, Behemerle bei
Henisch Teutsche Sprach (1616) Sp. 252. [48.
2 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 11.
Suolahti, Vogelnaraen. 5
66 Singdrossel, turdus musicus.
Die Naniensforrnen Wintze und Winfel, die Gesner a. a. 0.
aus seiner eigenen Heimat kennt, schließen sich an die vorhin-
genannten Benennungen an und sind als 'Winzer' zu deuten.
Man möchte die weite Verbreitung dieser Ausdrücke auf den
Einfluß der Vogelsteller zurückführen, welche sicherlich auch
zur Verbreitung des Böhmennamens beigetragen haben. — Ganz
unklar ist der Ausdruck Wisel, der in Buefs Adam und Eva
(1550) Y. 968 begegnet und in anderer Lautform als Weisel
(= turdus montanus) im Yoc. triling. (1560) S. 89 bezeugt ist.
Lokale Ausdrücke, welche Gesner aus den schweizerischen
Mundarten kennt, sind Bergtrostel (in Glarus) und Gixerle (in
Basel) ; der letztere ist von dem Verbum gixen e in hohem feinem
Tone pfeifen' abgeleitet. Wegen der pfeifenden Stimme wird der
Yogel auch von Schwenkfeld a, a. 0. Pfeif drof fei genannt; als
spezifisch schlesische Ausdrücke werden die Namen Heide
Droffel und Klein Ziemer erwähnt. In Österreich heißt der
Yogel — wie Popowitsch Versuch S. 475 angibt — Leimdroffel
"weil die Eichelmisteln, aus denen der Leim gemacht wird, um
Vögel zu fangen .... ihre Nahrung ist" und Winterdroffel "weil
sie zu Anfang der Kälte" nach Österreich kommt. Der wissen-
schaftliche Ausdruck Rotdrossel, welcher auf die rostroten Unter-
deckflügel deutet, findet sich schon bei Gesner a. a. 0. in der
Form Rottroftel.
Der Vulgärname Bitter, welcher aus der Kölner Gegend durch
Longolius Dialog, de avibus (1544) S. G 2 a belegt ist, hängt offenbar
zusammen mit dem westfälischen Namen Bitterfinke, der nach
Woeste Wb. S. 32 "einen gewissen Vogel, der mit Krammets-
vögeln auf Yogelherden gefangen wird" bezeichnet. Weitere
Beziehungen fehlen.
Singdrossel, turdus musicus.
Vor allen Drosselarten kommt der alte Gattungsname der
Singdrossel zu. Ob das Deminutivum dröscala schon in althoch-
deutscher Zeit vorzugsweise diese kleine Art bezeichnete, läßt
sich nicht sicher ermitteln, obgleich das Gegenüberstellen von
'turdus = brachfogaV und 'turdela = dröscala im Summarium
Heinrici auf eine beschränktere Bedeutung des letzteren Wortes
Singdrossel, turdus musinis 07
deutet. Jedenfalls unterscheidet Albertus Magnus De animalibufl
S. Y4b mittellat tun/da von turdus and deutet es als die Sing-
drossel: "turdella eft auis muüca quantitatem «-t fere eolorem
turdi preferens, quae Tulgo drofchele vocatur". In der mittelhoch-
deutschen Poesie wird mit dröschele oder drostel besonders die
Singdrossel gemeint, und im 1(>. Jh. wird der Name in weitem
Umfange als spezifische Bezeichnung dieses Vogels gebraucht Für
die Schweiz kann man diese Bedeutung aus Qesners Hist avium
S. 729 feststellen, denn hier wird von dem 'turdus minor' gesagt,
daß die Schweizer ihn "einfach" Troftel nennen. Ebenso ist im
Strassburg. Vogelb. V. 397 die Troftel, welche als Sänger der
Nachtigall nicht viel nachsteht, die Singdrossel. In Mitteldeutsch-
land gilt Drossel gleichfalls in diesem engeren Sinne. Für die
Kölner Gegend wird dies durch Turner erwiesen, der in Avium
hist. S. J 7 a die drei Arten, den Krammetsvogel, den Weinberg-
vogel und die Drossel aufzählt; für Schlesien kommt Schwenkfelds
Ther. Sil. (1603) in Betracht, wo e turdus niusicus' als Droffel den
Ziemern gegenübergestellt wird. Naumann 1 gibt an, daß die Sing-
drossel im Anhaltischen schlechtweg Drustel heiße ; in Steiermark
gelten die Deminutivbildungen der Dröschling 2 und das Dröscherl 2
in diesem Sinne.
Das heute in der Literatur übliche Kompositum Singdrossel
geht auf Eber und Peucer Vocab. (1552) S. F 8 b zurück, wo
es in der Form Sangdrufchel vorkommt; daher haben Gesner,
Schwenkfeld u. a. die Bildung aufgenommen. Der Ausdruck
Wyßtrofteh den Gesner zuerst erwähnt, charakterisiert diese
Drosselart gegenüber der Rotdrossel und dem Blauziemer.
Weiter verbreitet sind in den deutschen Mundarten Namen,
welche dem Lockruf des Vogels abgelauscht sind. Die Varianten
weichen nur wenig von einander ab. Die nord- und mittel-
deutsche Namensform Ziepdrufchel ist Gesner speziell aus
Sachsen bekannt; daher stammen auch die Belege Zipdrossel in
Sibers Gemma v. J. 1579 S. 44, Zipp Droffel und die Zippe
in Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 53; heute in Thüringen die
Zib z , in Altmark Zipp K im Münsterkreise Sippe 5 , in Mecklen-
1 Naumann-Hennicke I, 202. — 2 Unger-Khull 175. — 3 Hertel 265.
4 Danneil 252. — 5 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht. XVI, 86.
68 Singdrossel, turdus musicus.
bürg Zipp{draussel) l . Aitinger Bericht v. d. Vogelstellen (1631)
S. 341. 345 scheint die Benennung Zihdroffel ("so etzliche
Nationen Weißdroffel nennen") von Gesner zu haben. In der
Wetterau lautet die entsprechende Benennung Zitdroffel' 2 , in
Steiermark Zickdröfcherl 2 .
Nach Popo witsch Versuch S. 615 heißt diese Drosselart
(und nicht die Rotdrossel) in Österreich Weindrossel. Andere
Synonyma sind Mueramstel 3 (= Sumpfamsel) in Zinsweiler im
Elsaß, Buschdrädel* in Recklinghausen, Schmelche 5 f. in Steier-
mark (s. S. 26); vgl. auch Geitlink S. 56.
Ein alter Vogelname ist vorhanden im westfäl. Lister 6 m.,
das im Lüdensch. und Bergischen die Singdrossel bezeichnet.
Die älteste überlieferte Form ist listera (= sepicecula) in den
althochdeutschen Versus de volucribus ; einige Hss. dieser
Gruppe schreiben listra (so auch cod. Oxon. Jun. 83, 4 (13. Jh.)),
andere auch listir. Das Verbreitungsgebiet des Namens deckt
sich mit dem von merla und geitlink und umfaßt demnach die
Gegenden am Mittel- und Niederrhein. Auf dem altmittel-
fränkischen listera beruhen luxemburg. Leischter (Leischtchen) 7 f.
und siebenbürg. Leister; dazu stimmen mndl. lijstere, nndl. lijster
und friesisch lijster (klyster). Die mittelniederdeutschen Belege
lassen auf die Singdrossel schließen, was mit der westfälischen
Bedeutung des Wortes übereinstimmt, in Luxemburg wird damit
die Misteldrossel und im Friesischen und Neuniederländischen
die Drossel im allgemeinen bezeichnet. Vielleicht hat sich auch
hier aus der Artbenennung ein Gattungsname entwickelt wie
bei den Worten Krammetsvogel, Merle, Ziemer, Gaidling u. a. —
Die Vorgeschichte des Vogelnamens ist nicht aufgeklärt; als
verfehlt müssen die Deutungsversuche in Verwijs und Verdams
Mndl. Wb. IV, 642 und von Lehmann KZ. XXXXI, 392 be-
trachtet werden.
1 Schiller Zum Tierbuche III, 18.
2 Popowitsch Versuch S. 616.
3 Martin-Lienhart I, 41.
4 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 5.
5 Unger-Khull 547. — 6 Woeste 162.
7 Wb. d. Luxemburg. Mundart 265.
Grasmücke, Bylvia bortenaia oder Bimplex; Bylvia oiaoria o.a. 69
Sänger, Sv I \ iadae.
Grasmttcke, Bylvia bortensia oder Bimplex; Bylvia aiaoria u.a.
Ahd. graaemucca: Sg.Nom. grtuemucca philomenam (luaci-
niami: Versus de volucr. (2 Haa. 12. n. 1 1. Jh. . graeimugga 2Haa.ll 12.
u. 12. Jh.), graaemugge \\ Ha. 13. Jhe }, grosemukt <1 II-. 13. Jh.),
grattmueh{\ EIa.12.Jh.), grctamueka I II . LS. Jh.), grtumuga 1J-. Jh.),
grasmuggo (13. Jh.), gntamuche (18. Jh.), gr<umuc(l Ha. L2. Jh., 1 II
I i. Jh., .") Hss. 15. Jh.). — Akk. — grcmtokun\ Versus <l<- ralncr.
(1 11s. 12. Jh.)
\)w Ausdruck Grasmücke^ welchen wir den im Gras, Schilf
und Gesträuch lebenden Singvögeln geben, ist trotz der Kleinheit
derselben etwas auffällig. Die vielen Varianten, in denen diese
Benennung vorliegt, legen den Verdacht nahe, daß wir mit einer
sekundären Bildung zu tun haben. Aber die Umgestaltung liegt
in der Zeit sehr weit zurück, denn bereits in althochdeutscher
Zeit wurde das Kompositum ähnlich wie heute aufgefaßt. Die
Vermutung, daß der Name auf einer älteren Zusammensetzung
*grä-smucka beruhen würde 1 , ist nicht sehr wahrscheinlich, eher
wird das Kompositum * grasa-smucka gelautet haben. Der zweite
Bestandteil ist eine alte Ableitung von smucken (mlid. smiieken
'schmiegen 5 , vgl. mhd. smiegen = schmiegen, ags. smugan. anord.
smjugan c sehleichen 5 ) und hat Parallelen in skandinavischen
Yogelnamen wie schwed. gärdsmyg 'Zaunschlüpfer 5 , dän. grees-
smutte 'Urasmücke 5 (eigtl. Grasschlüpfer), gjwrchsmuüe 'Zaun-
sehlüpfer'. Danach sind die 'Grasmücken 5 eigentlich c <iras-
schlüpfer', wie sie denn noch heute in Niederdeutschland
Heckenkrüper 'Heckenschlüpfer' und in England nettlecreeper
•Nesselschlüpfer' usw. heißen.
Der Name ist über das ganze hochdeutsche Gebiet ver-
breitet. Im 16. Jh. ist er in Nürnberg bei H. Sachs Kegim.
der Vögel (1531) V. 142, in der Schweiz bei Gesner Hist. avium
(1555) 8. 357, im Elsaß bei Dasypodius (1535) S. J 1 b und im
Strassburg. Vogelb. (1554) V. 639 belegt. In Mitteldeutschland
wird der Ausdruck durch die Glosse Grasmucklein bei Eher und
Peucer Vocab. 1 1 552) S. E 6b als säehsisch bezeugt, Schwenkfeld
1 Vgl. z. B. Schiller Zum Tierbuche II, 11.
70 Grasmücke, sylvia hortensis oder simplex; sylvia nisoria u. a.
Ther. Sil. (1603) S. 255 bezeichnet die alte Form Grasemücke
(die auch Gesner erwähnt) als schlesisch, und aus Sachsen wird
diese durch Sibers Gemma v. J. 1579 S. 40 belegt. Schmeller-
Frommanns Bayer. Wb. I, 1567 gibt Grasmuck als Maskulinum
an, was für die Echtheit der sonst zweifelhaften ahd. Form
grasmuggo zu sprechen scheint. — Auch in Niederdeutschland
ist der Name heute nicht unbekannt, so gilt Gras{s)mügg l z. B.
in Mecklenburg und Lübeck.
Am Mittelrhein wird im 16. Jh. die Namensform Graf-
mufcha von Turner Avium hist. S. D 6 a erwähnt ; Diefenbach-
Wülckers Wb. S. 633 bringt einen Beleg grafemufch schon aus
dem Jahre 1420. Dies ist die mittelrheinisch-niederrheinische
Variante des Vogelnamens, heute als Gräsmösch 2 f. in Luxem-
burg und gräsmusch, gräsmösch in den Niederlanden vorhanden.
Im Süden reicht sie als Grasmisch 5 f. (für Grasmüsch) in das
nassauische Gebiet hinein. In Luxemburg gilt daneben Gräsmek 2 f.
(zu Mek 'Mücke') ; auch Turner kannte die Form Grafmuklen
(S. C 3 b). — Das rheinländische Wort bedeutet eigtl. 'Grassper-
ling' (altmittelfränk. musca = ndl. mösch 'Sperling'). Daher auch
Grasspatz bei Schwenkfeld a. a. 0. ; vgl. mhd. grasvink 'Grasmücke'
Ahd. Gll. III, 30 50 .
Nach dem Typus von Grasmücke sind die gleichbedeutenden
Namen Hedmucke 4 in Westfalen und Stoasmack' in Sette Com-
muni sowie Schweiz. Hüsmugg 6 'Rotschwänzchen' geschaffen
worden.
In Waldeck gilt die Variante Grashucke 7 , in der west-
lichen Pfalz Grashetsche, Grashitsche 8 , wo der zweite Teil der
Zusammensetzung zum onomatopoietischen Verbum hetschen
gehört. Mit Rücksicht auf den Grasmückengesang sind auch
andere Synonyma gebildet, vgl. Dorngätzer d in der Wetterau,
Heckenschmätzerle (im Eselkönig 223) 9 , Schmetsche 10 in Hessen,
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83 und Schiller a. a. 0.
2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 152.
3 Kehrein 171. — 4 Woeste 97.
5 Frommann D. Mundarten IV, 55. — 6 Staub-Tobler IV, 130.
7 Schiller Zum Tierbuche II, 11.
8 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 11.
9 Grimm Wb. II, 1297. IV, 2, 748. — 10 Vilmar 359.
s« hwarzkopf, sylvia atricapilla. 71
Buschstatzger 1 in Sohwaben (zu Statzger "Stotterer* bei ßolius
Onomasticon), Heckenstöceterhsn 1 (d h. "Heckenstotterer*) sylvia
cinera in Göttingen and Grubenhagen, Staudemceltscher 1 (d.h.
Buschstotterer, zu wdtschen "unverständlich reden') sylvia
hortensis oder simplex, Kerschgagele* (d. h. "Kirschengackler*)
sylvia curruca in Tirol. Luxemburgische losdrücke für die
Grasmücken sind Grätsch ' f. und Schatterchen ■ 1. (d. h/Klapper-
grasmücke', zum tonmalenden Verbum schattern, vgL el
Schauer 'Kinderlvlappor, Blechbüchse mit Steinen 1 usw.).
In Westfalen heißen die Grasmücken Smielenstrieper oder
Smielentrecker 6 (d. h. 'Halmstreifer* oder 'Halmaener*), im
Münsterkreise I)ragge c \ in Thüringen Grawische 1 (d 1). Grau-
weißchen), in der ostfriesischen Mundart Hofsinger 9 .
Sehwarzkopf, sylvia atricapilln.
Die Kirche und das Klosterwesen spielen bei Benennungen
von Pflanzen und Tieren eine hervorragende Rolle. Besonders
bei Pflanzennamen kommt die kirchliche Nomenklatur in großer
Ausdehnung zum Vorschein, aber auch in der Yogelwelt findet
man die Mönche und Nonnen, Pfaffen und Klosterfrauen.
Unter den Grasmücken ist die sehwarzkopf ige sylvia
atricapilla der Mönch. In dem Regim. der Vögel (1531) V. 140
betet das Münchlein das gracias, wodurch das Vorkommen des
Ausdrucks im bair.-fränk. Dialekt erwiesen wird. Für die säch-
sische Mundart kommt der Beleg Münchlein bei Eber und Peucer
Vocab. (1552) S. E4b in Betracht, und für Schlesien wird der
Name durch Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 227 bezeugt In
Anhalt nennt man den Vogel Plattmönch , im nördlichen Böhmen
{Platt)mönch und Schi rar zblattl 10 n. (zu Platte 'Tonsur der Mönche');
in Preußen heißt er — bei Reyger Verbess. Hist. der Vögel (1 760)
S. 80 — Kloster ivenzel 11 (zum Eigennamen Wenzel 'Wenceslaus')
1 Fischer I, 1554. — 2 Schambach 78.
3 Frommann D. Mundarten IV, 53. 55.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 152. 375. — 5 Woeste 21 1.
6 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprach! XVI. 85.
7 Hertel 109. — 8 Jb. f. ndd. Spracht XI. 111.
9 Naumann-Hennicke II, 151. — 10 Zs. f. d. Phil. XXI. 210.
11 Frischbier I. 381.
72 Dorngrasmücke, sylvia cinera. — Zaungrasmücke, sylvia curruca.
und Mauskopf 1 . In der Schweiz sind die Namen SchwarzblättW*
und Schicarzchopf 2 (schon bei Gesner Hist avium (1555) S. 370
für die Schweiz bezeugt) üblich, in Sette Communi Sbarzköpfle*,
in der Pfalz Schwarzplättel*, ndd. Swattköppken b in .Reckling-
hausen, Swattplättclien' im Münsterkreise.
Unklar ist der elsässische Ausdruck Jüntele (Rebjüntele) 6 .
Dorngrasmücke, sylvia cinera, sylvia sylvia.
Der Ausdruck Kuckucksamme, welchen man manchmal
den Grasmücken beilegt, scheint besonders der Dorngrasmücke
zu gehören. Schon die Zoologen des klassischen Altertums
kannten die Sitte des Kuckucks, die Eier von kleinen Singvögeln
ausbrüten zu lassen, und in der mittelalterlichen Ornithologie
werden die Äußerungen, welche sich bei Plinius über diesen
Gegenstand finden, öfters wiederholt. Aber nicht nur in der
wissenschaftlichen Literatur wie z. B. bei Konrad von Megenberg
(Ed. Pfeiffer) 178, 24 u. a., wird von der Grasmücke als Amme
des Kuckucks geredet, auch in der Poesie findet man An-
spielungen auf das Verhältnis dieser Vögel zu einander, vgl.
z. B. Freidanks Bescheidenheit (Ed. Grimm) 143, 22 f. und Hugo
von Trimbergs Renner V. 7668. In den lebenden Mundarten
scheint diese Anschauung nicht zu wirklicher Namengebung
verwertet worden zu sein.
In Anhalt und im nördlichen Böhmen wird diese Gras-
mücke Weißkehlchen 7 genannt, doch wird der Ausdruck auch
von der folgenden Art gebraucht. Auf Helgoland heißt sie Gröt
Kattünjer* ('große Katzengrasmücke', zu Ünjer 'Grasmücke').
Zaungrasmücke, sylvia curruca.
Der Gesang der Zaungrasmücke besteht aus einem ener-
gischen und lauttönenden Klappern, das Voigt Excursionsbuch
1 Frischbier I, 381. — 2 Staub-Tobler III, 415. V, 200.
3 Frommann D. Mundarten IV, 55.
4 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 10.
5 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85. XVII, 5.
6 Martin-Lienhart I, 408.
7 Zs. f. d. Phil. XXI, 209 und Naumann-Hennicke II, 168. 174.
8 Frommann D. Mundarten III, 32.
Gartenlaubvogel, sylvia hippolais, hypolaia philomela. 73
S. 75 mit "didlididlidlidlidlid* umschreibt Daraus erklären sich
die Namen Müller ' in der Schweiz, Müllerl* In Obersteiermark,
Tuddelgrdtsch 8 (zu tuddelen 'unverständlich schwatzen') und
Jadekerchen* m. (zu jaderen 'leer.- Gerede führen') in Luxem-
burg, vgl auch S-Iiaffnrlipn (S. 71).— Andere luxemburgische
Ausdrücke sind Böschgrdtsch * (eigtl. Waldgrasmücke), Hecke-
grätsch, Heckerchen* m. und Jdkchen* m. im Anschluß an den
Eigennamen ./<;£ 'Jakob'. In der Grafschaft Ranzau nennt man
diesen Vogel (und auch den Schwarzkopf) Tar<l '.
Die Grenzen, welche die Wissenschaft dem Grasmücken-
namen setzt, werden nicht von dem lebendigen Sprachgebrauch
innegehalten; der Ausdruck wird auch von anderen kleinen
Sängern als den erwähnten fünf Sylvia-Arten angewendet, wie
z. B. von dem Zaunkönig, dem Braunkehlchen usw.
Gartenlaubvogel, sylvia hippolais, hypolais philomela.
Als Sänger überragt der Gartenlaubvogel alle seine Ver-
wandten. Voigt, der in seinem Excursionsbuch S. 58 ff. den
Gesang dieses Vogels ausführlich schildert, weist auf die große
Kunstfertigkeit und die Mannigfaltigkeit der Motive, die darin
zutage treten ; auch als Nachahmer von Stimmen anderer Vögel
ist der Gartenlaubvogel ein Meister. Diesen Eigenschaften ver-
dankt er die Namen Spottvogel (nndl. spotuogel, frz. contrefaisant,
moqueur), Luxemburg. Kapellemeschter' , böhm. Sprachmeister ^
Holstein. Lischallerlei, Lischenallerlei 1 . An diese Benennungen
schließen sich die von Naumann (Ed. Hennicke) II, 82 aus dem
Anhalter Dialekt mitgeteilten Ausdrücke Tideritchen und Schock-
ruthehen an, die offenbar onomatopoietischer Natur sind. Unklar
ist der schlesische Name Min bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603)
S. 307 ; daneben der Ausdruck gelber Sticherling, der den Vogel
als Fliegenschnapper bezeichnet. Unter den Namen Stich[er\Ung
1 Staub-Tobler IV, 186. — 2 Unger-Khull 468.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 44). 171. 198. Üb.
4 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 1.
5 Wb. d. Luxemburg. Mundart 210.
6 Zs. f. d. Phil. XXI, 209.
7 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 1. 2.
74 Fitislaubvogel, sylvia trochilus, phylloscopus trochilus.
und Mückenstecher werden mehrere Arten kleiner Singvögel ver-
standen.
Das Nest des Gartenspötters besteht aus Hähnchen und
Wollfasern, Spinngeweben usw. und zeichnet sich durch große
Sorgfalt und Kunst in der Bauart aus. Daher nennt man den Yogel
im Münsterkreise Siedenspinner 1 ; bei Woeste Wb. d. westfäl.
Ma. S. 329 wird der Vogelname Wullenspenner ohne Bedeutungs-
angabe angeführt. — Luxemburgische Dialektausdrücke sind
Biervilchen 2 (d. h. Beervögelchen) und Ichteichen, Ichterchen 2 .
Das letztere Wort scheint = lat. Icterus (griech. iKiepoc) zu sein,
welches einen kleinen gelblichen Vogel bezeichnet, dessen
Anblick von Gelbsucht befreien soll. Danach kann man zweifeln,
ob der Name in volkstümlichem Gebrauch ist.
Fitislaubvogel, sylvia trochilus. phylloscopus trochilus.
Von dem Gartenspötter unterscheiden sich die übrigen
Laubsänger bezüglich ihrer Nistart dadurch, daß jener sein Nest
auf Bäumen anlegt, während diese wieder tief in dichtem Ge-
strüpp oder unmittelbar auf dem Boden nisten. In der Form
erinnern die Nester, welche gewölbt sind und ein seitliches
Schlupfloch haben, an Backöfen, und dieser Umstand ist oft
der Anlaß gewesen zur Benennung des Vogels, vgl. z. B. engl.
ovenbird, oventit, finnisch uunilintu (Ofenvogel) usw.
In Deutschland sind derartige Benennungen aus den mittel-
und niederdeutschen Mundarten bekannt. Bereits Gesner erwähnt
in Hist. avium (1555) S. 762 einen kleinen hübsch singenden
Vogel, den man in der Gegend um Frankfurt am Main Oefener
nenne. In Hessen werden die Ausdrücke Backofenkröffer 3 und
Backöfelchen 3 von dem Fitislaubvogel und dem Zaunkönig
angewendet, im Münsterkreise und in Recklinghausen ist
Backüöfken 4 der Weidenlaubvogel. In diesen Zusammenhang
gehört auch Eädmügelken 4 in Münster als Bezeichnung des
Fitislaubvogels ; die Bildung ist wohl als Erdmücklein aufzu-
fassen und im Anschluß an das Wort Grasmücke entstanden.
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86.
2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 28. 192. — 3 Vilmar 23.
4 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85. XVII, 5.
Waldlaubvogel, sylvia silnlatrix. phylloscopus sibilatrix. 75
Die Namen Fitis, Fit i inj and Fitichen, welche Naumann
(Ed. Hennicke) II, 117 aus Beiner heimatlichen Mundart nennt und
auf denen der heute übliche wissenschaftliche Ausdruck beruht,
sind von dvn weichen sanften Tonen des Vogels hergeleitet
Auch in Westfalen kommt der lautnachahmende Name vor;
es ist leicht, in dem Vogel Filting, dessen Stimme nach V
Wb. S. 313 füt* lautet, den Fitislaubvogel zu erkennen. In
Nordtirol lautet der entsprechende Ausdruck Wuiterle 1 . Staub-
Tobler 1 695. IV, 1119 führen nach Meisner und Schinz die
Namen Laubvogel und Widenpickerli als Bezeichnungen des
Fitislaubvogels an.
TValdlaubvogel, sylvia sibilatrix, phylloscopus sibilatrix.
Der unbekannte Verfasser der Angenehmen Land-Lust
(1720) schildert S. 322 einen kleinen Vogel, der im April "feine
Ankunfft an allen Ecken der Gärten ausruffet" und der unter
dem Namen das Wifperlein bekannt sei; Popowitsch Versuch (1780)
S. 628 und Unger-Khull Wortsch. S. 637 nehmen den Ausdruck
für Steiermark in Anspruch. Der Vogelname ist eine Ableitung
von mhd. ivispeln 'pfeifen' (imfpeln oder pfeyffen als die Hangen =
fibilare, Vocab. theuton. Nürnberg 1482 S. oo 3 a) ebenso wie
steir. Wispert 'Weidenpfeifchen'.
Die Benennung bezieht sich auf den Waldlaubvogel, dessen
Stimme aus einer Reihe schwirrender Töne besteht; in Voigts
Excursionsbuch S. 57 sind sie notiert als e st wst wistist wst
wist wist wist wististist — sippsippsipsipsipsirrrrrrrr'. Aus diesen
Lauten erklärt sieh auch der Ausdruck Stbchen 2 m., womit der
Vogel in Luxemburg bezeichnet wird. Ein anderes luxem-
burgisches Wort ist Bliedervilchen 2 (d. h. Blättervögelchen).
Als Synonymon zu Wisperlein wird in der Angenehmen
Land-Lust S. 115 Weidenzeißlein erwähnt; bei Döbel Erüffn.
Jägerpr. (1746) S. 66 begegnet ebenfalls der Name Weidenzeisig.
Dieser Ausdruck — und wahrscheinlich auch Wisperlein — wird
noch von anderen kleinen Laubsängern angewendet Ans der
1 Frommann D. Mundarten IV. 56.
2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 35. 408.
76 Weidenlaubsänger, sylvia rufa, phylloscopus rufus.
Beschreibung des Yogels in der Angenehmen Land-Lust möchte
man fast auf den Fitislaubvogel schließen.
Als österreichisches Synonymon zu Wisperlein führt Popo-
witsch a. a. 0. Nifferl an.
Weidenlaubsänger, sylvia rufa, phylloscopus rufus.
Der kleinste aller Laubsänger ist der Weidenlaubvogel,
der sich in Erlengebüsch und Weidendickicht aufhält und von
dort seinen eintönigen Gesang erschallen läßt. Diese charak-
teristischen Töne des Yogels, die gleichmäßig auf einander
folgen, hörte Yoigt (Excursionsbuch S. 54 f.) als e dalp dalp
dalp dalp zip 3 oder 'zilp zilp zilp zalp', und als e zilp-zalp' werden
sie gewöhnlich auch von anderen Beobachtern der Yogelstimmen
wiedergegeben. Es ist danach nicht schwer, in dem kleinen
Yogel, welchen Gesner in Hist. avium (1555) S. 763 Wyderle
(von Wide e Weide') oder Zilzepfle ee a frequenti uoce Zilzel I uel
tiltapp 3 nennt, den Weidenlaubvogel wiederzuerkennen. In
Luxemburg ist er noch heute als Zillzäppchen 1 bekannt Ygl.
engl, chip-chop, chiff-chaff 2 in gleicher Bedeutung.
Das immer in gleichem Takt wiederholte e zilp-zalp' des
kleinen Sängers scheint auch den Schlüssel zum Yerständnis
des bei H. Sachs im Regim. der Yögel (1531) Y. 104 be-
zeugten Yogelnamens Flinderling zu liefern, für den sonstige
Zeugnisse vollständig mangeln. In Nürnberg wurden — wie
man aus Adelungs Wb. II, 207 ersehen kann — von dünnem
Messing ausgestanzte Figuren verfertigt, die man Flinder nannte,
und die Handwerker dieser Art hießen Flinderschläger. Wahr-
scheinlich ist der Yogelname Flinderling ein Nürnberger Dialekt-
wort und bezeichnet den Weidenlaubvogel, dessen eintönige
Hammerschläge an das Hämmern der Flinderschläger erinnerten;
derselbe Yergleich liegt auch den synonymen Benennungen
Schmittl, Schmiede! 3 d. h. der Schmied (bei Wien) zugrunde.
Zu beachten ist noch, daß der Flinderling in dem genannten
Gedichte mit dem Wüstling die Tischgesellschaft vor Mücken
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 504.
2 Swainson The Folklore S. 25.
3 Naumann-Hennicke II, 103.
Goldhähnchen, sylvia eristata, regulus regulus. 77
wehrt, was zu den Eigenschaften des Weidenlaubsängers (bair.
Mückenvogel 1 ) gu1 stimmt.
Goldhähnchen, Bylvia eristata, regnlna regnlns.
Der Name des Vogels Lsl hergeleitet von dem gelben
Scheitelfleck, der den Vergleich mit einem Hahnenkamm heraus-
gefordert hat. Diefenbach-Wülckers \Vi>. s. 630 belegi das Wort
zuerst in der Form golthune (wohl für goUhane) und gMhomdei
aus zwei Vokabularen des L5. Jhs. Im 16. Jh. erscheint Goldhan
bei H.Sachs Regim. der Vögel (1531) V. 167, GoMhetdin bei
Eber und Peucer Vocab. (1552) S. F8a, Goldhenlein in Sibers
Gemma v. J. 1579 S. 43. Daneben begegnet die bereits erwähnte
umgedeutete Form mit dem sekundären Dental als Goldhendlin
in Turners Avium bist. (1544) S. J 5 b und Gesners Hist. avium
(1555) S. 696. Gesner kennt den Namen aus Frankfurt am Main,
Straßburg und Baiern, Popowitsch Versuch (1780) S. 139 aus
Österreich, Franken und Schlesien; ein direktes Zeugnis aus
Schlesien ist Gold Hänlin bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603)
S. 345. Zu den schon angeführten sächsischen Belegen kommt
noch Gold- Hähngen in Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 66.
Aber der Name ist auch auf niederdeutschem Sprachgebiete
bekannt; das Korrespondenzbl. f. ndd. Sprach! XVI, 85 bezeugt
Goldhüinken aus dem Münsterkreise. — In der Schweiz findet
sich neben Goldhäneli 2 auch die umgestaltete Namensform
Goldhämmerli' 1 , die im Anschluß an den Namen der Goldammer
entstanden ist; ebenso ist Goldhämmerchen oder GoldhämmelcJun ;
im Anhalter Dialekt die Bezeichnung des Yogels. In Steiermark
kommt neben Goldhahnl* der Ausdruck Asterhahnl* (im Enns-
tal) vor.
Als lokale Benennungen des Goldhähnchens nennt Gesner
a. a. 0. Straffte 'Sträußchen' (aus Bern), Thannmeißle Tannen-
meislein' und Ochfeneugle 'Ochsenäuglein'; das letztgenannte Wort,
das auf die Kleinheit des Vogels zielt, ist eine Nachbildung
1 Naumann-Hennicke II, 103.
2 Staub-Tobler I, 218 und II, 1307.
3 Naumann-Hennicke II, 224.
4 Unger-Khull 30. 299.
78 Drosselrohrsänger, sylvia turdoides u. a.
des ital. Namens occhio bovino (= frz. dial. ceil de boeuf 1 ). Wegen
seiner Kleinheit heißt der Vogel bei Popo witsch a. a. 0. S. 160
auch der teutfche Kolibri. Der Name Wald Zinslin 'Waldzeisig',
den Schwenkfeld a. a. 0. erwähnt, soll sich auf den "sittichgrünen
Rücken" beziehen, s. Popowitsch a. a. 0.
In der Eifeler Mundart benennt man das Goldhähnchen
mit dem Eigennamen Geliert (eigtl. Goldhart?) 2 , in der Heanzer
Mundart heißt es GuldstangerP n. (vgl. Stangel 'kleines Stück'),
in Luxemburg Dommendek* (d. h. Daumendick). Luxemburg.
Domenek^ m. ist umgebildet aus der vorhingenannten Namens-
form im Anschluß an den gleichlautenden Eigennamen (Dominik).
Eine dritte Namensform ist Doumvilchen*.
Gelegentlich gibt man dem Goldhähnchen den Namen
Sommerkönig, im Gegensatz zu dem Zaunschlüpfer, welcher der
Winterkönig ist, vgl. z. B. Klein Hist. av. prodr. (1750) S. 76.
In volkstümlichem Gebrauch dürfte dieser Ausdruck jedoch nicht
sein; die lebenden Mundarten halten immer den Zaunschlüpfer
für den König der Yögel. Tgl. auch Zaunkönig S. 80 ff.
Rohrsänger, Calamoherpinae.
Drosselrolir sänger, sylvia turdoides u. a.
Die Kohrsänger werden in den meisten Gegenden einfach
als Rohrsperlinge benannt und teilen diesen Namen mit der
Kohrammer (emberiza schoeniclus), s. Rohrammer S. 108. Der
Vergleich mit dem Sperling mag zum Teil auf der Ähnlichkeit der
Gestalt und Färbung beruhen, zum Teil mag dabei auch das
laute Geschnatter dieser Yögel mitgewirkt haben. Besonders der
Drosselrohrsänger (sylvia turdoides, acrocephalus arundinaceus)
zeichnet sich durch eigentümliche Töne aus, die aus mehreren
Kehlen hervorgebracht eine ohrenbetäubende Wirkung machen.
Voigt 5 umschreibt den Gesang dieses Vogels mit e karr karr
1 Rolland Faune populaire II, 302.
2 Frommann D. Mundarten VI, 14.
3 Frommann D. Mundarten VI, 344.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 66.
5 Excursionsbuch S. 65.
Drosselrohrsänger, sylvia turdoides u. a. 79
karr kiet kiel Irietf; daher deT holländische Name KarraJIM, in
Mecklenburg Karrakarraktktk 1 . In Deutschland hal dieser Ge-
sang "der dnllcn Rohrsperlinge" ■ die Redensari "schimpfen wie
ein Rohrsperling" hervorgerufen.
In IFist. avium (1555) beschreibl Gtesner 8. 627 einen
Vogel, den die Vogelfänger der Schweiz Wydenfpatz 'Weiden-
spatz' nennen und der in der Straßburger Gegend als Rorgytz
odrv Eorgeutz bekannt ist; aus der Beschreibung wird man
nicht recht klug, welche Art Rohrsperlinge hier gemeint ist
Der Name, der auch im Strassburg. Vogelb. (1554) V. 437 be-
zeugt ist beruht auf einer älteren Form *B6rgickez(> (zu gickezen
> gitzeti, wie mhd. guckezen > gützen, Gatz-gauch); die Frequen-
tativbildung gickezen (aus gickeri) gehört zu dem onomatopoie-
tischen stamme gick, der auch in anderen Vogelnamen, wie
Gucker, Gickerlein, zur Anwendung kommt.
Überhaupt gleichen die einzelnen Arten der Rohrsänger
einander derartig, daß es einem Ungeübten schwer fällt, sie
von einander zu unterscheiden; daher werden sie auch gewöhn-
lich mit dem gemeinsamen Namen Bohr Sperling (bei Klein Hist.
av. prodr. (1750) S. 72 Bruch-Broffel, Weiden-Broffel, Bohr-Broffel)
bezeichnet
Der Drosselrohrsänger führt in Luxemburg den Namen
Jeizert* m. (eigtl. Schreihals, zu jeizen 'schreien').
Luxemburgische Dialektausdrücke für den Sumpf sänger
(sylvia palustris, acroeephalus palustris) sind Wässer grätsch* f.
(d. h. Wassergrasmücke), Weidepeiferchen* m. (d. h. Weiden-
pfeiferchen), Weideschlöfferchen 8 m. (d. h. Weidenschlüpferchen)
und Hiddemecher s m. (d. h. Hutmacher); im Münsterkreise heißt
der Yogel Leisdragge 1 (d. h. Rohrgrasmücke) und Beidmese l (d.
h. Rohrmeise).
Der Teichrohrsänger (sylvia arundinacea, acroeephalus stre-
perus) wird in Preußen Rohnorangd 4 m. (zu (w)rangen 'ringen')
genannt.
1 Schiller Zum Tierbuche II, 16.
2 Aitinger Bericht v. d. Vogelstellen (1631) S. 335.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 180. 199. 477. 480.
4 Frischbier II, 231.
80 Zaunkönig, troglodytes europaeus.
Schlüpfer, Troglodytinae.
Zaunkönig, troglodytes europaeus.
Ahd. wrendo: Sg. Nom. — uurendo betriscus: cod. Parisin.
9344 f. 42 b, uurendilo: cod. sem. Trevir. f. 112 b, vurendelo: cod.
Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4o f. 89 a, vuertlo : cod. Berol. Ms. lat. 8<> 73,
124 a. uurentol: cod. sem. Trevir. R. III. 13, 104 a. r{entil6) (biturus)
l rupido : Cgm. 187. rentile biturus l rupido : cod. Oenipont. 711, 30 b
(13. Jh.). renzilo bitunvs; C od. Vatic. Reg. 1701, 2b.
In dem spärlich belegten ahd. wrendo, tvrendilo ist ein
alter Name des Zaunkönigs bewahrt. Zu wrendo stimmen ags.
wrcenne 1 , me. wrenne, ne. wren mit gleicher Bedeutung; die
Worte weisen auf eine gemeinsame Grundform *wrandian-, wo
ein lautgesetzlicher Schwund von d eintreten konnte, vgl. Kluge
Vorgeschichte 2 § 55 a. Eine andere Ablautstufe scheinen anord.
rindill (in rindilpvari, Snorra-Edda II, 489 3 ), isländ. rindill
(Fritzner Ordb. III, 114 und Cleasby-Vigfusson Icel. dict. S. 497)
zu haben; die Bildung ist hier dieselbe wie im deutschen
wrendilo, wo das Suffix ila(n)- deminutive Bedeutung hat. In
Kluge-Lutz' English Etymology S. 231 wird die Vermutung aus-
gesprochen, daß der Vogelname mit ahd. asächs. (w)renno 'Zucht-
hengst' identisch sei. Aber abgesehen von semasiologischen
Bedenken, die die Zusammenstellung der beiden Worte erweckt,
scheint das Wort wreno 'Hengst' eine ältere Lautstufe wrainio
vorauszusetzen, vgl. Palander Ahd. Tiernamen I, 87 f. — Die ahd.
Belege des Vogelnamens deuten auf mittelfränkisch-niederfränk.
Sprachgebiet ; daher wird man die in cod. Vatic. Reg. 1701
belegte Form renzilo für eine falsche Verhochdeutschung des
Schreibers halten können.
Ein anderer althochdeutscher Name des Zaunkönigs ist
kuningilin 'Königlein', das in den Versus de volucribus als
cuni(n)gilin, kuninc (= pitrisculus) und in H. S. III, 17 ebenfalls
als kunicli, chunegel, kunich belegt ist. An den König-Namen
1 Whitman The birds of Old English Literature XX schreibt un-
richtig wr&nne mit Längezeichen und identifiziert den Namen mit dem
Adj. wrdene 'geil 5 . Die Kürze des Stammvokals wird schon durch die
Nebenform woerna erwiesen.
Zaunkönig, troglodytes europaeus. 81
knüpft sich die weitverbreitete Sage von der Königswahl der
Vögel.
Kinos Tages sammelten sich alle Vögel — so erzählt diese
Sage — um einen aus ihrer Mitte zum König zu wählen. Die
Krone sollte demjenigen zuerkannt werden, der beim Wettfliegen
sicli in die höchsten Luftregionen aufschwingen könnte. Der
Adler erhob sich höher als alle anderen, aber als er siegesfroh
wieder sich senken wollte, schwang sich ein kleines Vögelchen,
das unbemerkt auf den Rücken des Adlers geschlichen war,
noch höher in die Luft hinauf. Trotz dem Zorn des Adlers
wurde das Königreich diesem Vogel — dem kleinsten von
allen — zugesprochen, und er wurde mit einer Krone ge-
schmückt. — Die Sage ist alt. Schon Plinius Naturalis hist. X, 74
spielt auf sie an, indem er sagt: "[Dissident] aquilao et trochilus,
si credimus, quoniam rex appellatur auium"; auch bei Aristo-
teles Hist. animalium IX, 11 findet man eine ähnliche Anspielung.
Die verschiedenen Sprachen erteilen die Königswürde ent-
weder dem Goldhähnchen oder dem Zaunschlüpfer; in Deutsch-
land ist der letztgenannte Vogel der anerkannte König. Daß aber
das Goldhähnchen der echte König war, dafür spricht die Krone,
mit welcher die Natur es ausgestattet hat — die lebhaft ge-
färbten Kopffedern, die, wenn sie gesträubt werden, eine kronen-
artige Form annehmen. Es besteht kaum Zweifel daran, daß
gerade dieser eigenartige Kopfschmuck des Vogels die Sage
von der Königswahl « veranlaßte, wie auch Unland bereits ver-
mutet hat.
Der lat. Name regulus bezieht sich auf das Goldhähnchen,
ebenso die griechischen Ausdrücke ßctciXeuc, ßaciXicKoc und
Tupavvoc. Mit der Sage eng verbunden ist der Königsname für
die beiden Zwerge der Vogelwelt bei verschiedenen Völkern
zu finden, vgl. afrz. rottetet, rottet, lit. karalius, poln. krolik usw.
Man darf annehmen, daß die Sage und der Name durch antiken
Einfluß sich verbreitet haben und daß sie zu den Deutschen
1 Die Sage vom Zaunkönig ist behandelt worden von Pfeiffer in
Germania VI, 80ff., Unland Fabellieder in den Schriften zur Geschichte
der Dichtung und Sage III, 83, Hildebrand in Grimms Wb. V, 1700 f.; vgl.
auch Swainson The Folklore S.35ff. und Rolland Faune populaire II, 293 ff.
Suolahti, Vogeluamen. 6
82 Zaunkönig, troglodytes europaeus.
erst in christlicher Zeit gekommen sind. Denn die übrigen alt-
germanischen Idiome wissen nichts von dem Königsnamen ; der
altgermanische Name des Zaunkönigs war das bereits erwähnte
ahd. wrendo. — Daß in Deutschland und größtenteils auch in
Frankreich der Königsname von dem Goldhähnchen auf den
Zaunkönig überging, kann man aus der viel größeren Popularität
erklären, welche der letztere Yogel hier genießt. Sobald der
eigentliche Grund der Sage vergessen war und nur der Gegen-
satz von dem größten und dem kleinsten Yogel übrig blieb,
war es natürlich, daß die Sage sich an die vielen anderen
Legenden und Vorstellungen anschloß, welche sich an den
Zaunkönig bei den westeuropäischen Yölkern knüpfen.
Das althochdeutsche kuniclin, vor dem der altgermanische
Name wrendo zurückwich, wird im 15. Jh. z. B. in dem Yocab.
theuton. (1482) S. r 7 b als kuniglein überliefert und unzweideutig
auf den Zaunkönig bezogen ; schon früher wird diese Bedeutung
von Albertus Magnus bezeugt. In dieser einfachen Namensform ist
das Wort an einzelnen Orten bis in die Neuzeit hinein erhalten
geblieben, vgl. Chünigli, Chüngeli 1 n. in der Schweiz, Künigle 2
n. in Liebsdorf im Elsaß, Kinniachal 3 n. in der Heanzer Mundart;
auch verdeutlicht als Kineksvilchen 4 - in Luxemburg, Königvögerl b
in Steiermark.
Weit üblicher sind aber in den heutigen Mundarten Zu-
sammensetzungen mit dem alten Namen, wo das erste Kom-
positionsglied irgend eine Eigenschaft des Yogels hervorhebt.
Bereits im 15. Jh. begegnet in Niederdeutschland der Ausdruck
nettelko(n)ni(n)c 6 (Diefenbach Glossar. S. 413 c, Nov. glossar. S. 281 a).
Der Yocab. theuton. (1482) S. x 4b verzeichnet neffelkunig in
hochdeutscher Form, aber die Glosse stammt ohne Zweifel aus
Niederdeutschland wie manches andere Wort in diesem Yoka-
bular. Gesner Hist. avium S. 626 kennt Neffelkunig aus der
Gegend um Rostock ; heute kommt der Ausdruck Nettelkönning 7
1 Staub-Tobler IU, 327. — 2 Martin-Lienhart I, 447.
3 Frommann D. Mundarten VI, 333.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 223. — 5 Unger-Khull 4Q3.
6 Vgl. auch Jb. f. ndd. Sprachf. VI, 127. XVI, 113.
7 Schiller Zum Tierbuche II, 17.
Zaunkönig, troglodytes curopaeus. 83
in Mecklenburg, Nwtdkfonink* in Westfalen, Nette/könink 2 in
der ostfriesischen Mundart vor. Der Name zielt auf das Schlüpf en
des Vogels im Gras und Gestrüpp hin.
Da er auch dm Winter in Deutschland verbringt und
mitten im Schnee und Eis sein munteres Lied ertönen Läßt,
hat man ihn in Mitteldeutschland Schneekönig getauft Gesner
ji. a. 0. S. 626 bezeichnet Schnykünig als sächsisch, daher denn
auch Schneeköning bei Eber und Peucer Yocab. (1552) 8. F 8 a.
Für Schlesien wird dieser Ausdruck von Schwenkfeld Hier. Sil.
(1603) S. 324 und für Böhmen durch Popowitsch Versuch S. 633
bezeugt; in Thüringen ebenfalls Schneekönig z und in Oberöster-
reich Schneekinigerl*. Eine andere Variante ist Winterküninck,
das Gesner aus Rostock anführt ; undl. winterkongje. Diefenbachs
Glossar. S. 413 c belegt das niederdeutsche Wort als winterkoninc
schon aus einem Vokabular v. J. 1420.
Auf die gleiche Anschauung wie Nesselkönig geht der
Name Dornkönig zurück; Gesner führt ihn in der Form Thurn-
könick aus Sachsen an. Ein tirolischer und kärntischer Dialekt-
name ist Pfutschkini, Pfutschkünig' (zu pfutschen 'schlüpfen').
In den westlichen Gegenden von Deutschland ist der Zaun-
schlüpfer der Mäusekönig. Aus dem Elsaß, wo Müskünig 6 heute
weit verbreitet ist, bezeugt das Strassburg. Vogelb. v. J. 1554
V. 537 Meuß konig als volkstümlichen Namen des Vogels. Im
Norden reicht er über das pfälzische Sprachgebiet hinaus als
Meiskinek 7 in das Luxemburgische und als Muysconinxken (bei
Junius Nomenciator (1581) S. 60 b) in das Niederländische.
Von allen zusammengesetzten Namensformen, welche auf
dem alten Königsnamen beruhen, hat der Ausdruck Zaunkönig die
weitaus größte geographische Verbreitung ; er ist heute auf dem
gesamten deutschen Sprachgebiete bekannt. Zuerst tritt der Aus-
druck im 15. Jh. (in einem mitteldeutschen Glossar) 8 auf. im
16. Jh. begegnet er bei Turner Avium hist. (1544) S. H 7a, Eber
1 Woeste 185. — 2 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 112.
3 Hertel 217. — 4 Zs. f. d. Phil. XXI, 219.
5 Frommann D. Mundarten IV, 55. 487. VI, 304.
6 Martin-Lienhart I, 447. — 7 Wb. d. Luxemburg. Mundart 282.
8 Diefenbach Glossar. S. 413 c. 490 b.
6*
84 Zaunkönig, troglodytes europaeus.
und Peucer Yocab. (1552) S. F 8 a, Siber Gemma (1579) S. 43.
Es sieht aus, als ob das Wort aus Mitteldeutschland ausgegangen
wäre und sich dann südwärts verbreitet hätte, denn für Gesner
gilt der Ausdruck noch als sächsisch, und die früheren ober-
deutschen Quellen haben dafür andere Bildungen. Auch heute
scheint der Name in Oberdeutschland nicht recht heimisch zu
sein. Die ältere oberdeutsche Benennung ist Zaunschlüpfer,
welches schon im 13. Jh. in der alten Bildungsweise zünsluphe
(Ahd. Gll. III, 714 38 ) begegnet; daneben die ila- Ableitung zün-
sluphil auch schon seit dem 13. Jh. in den Yersus de volucribus
(Ahd. GU. III, 24 16 . 28 26 - 27 . 29 5 ) belegt. Im 15. Jh. ist zawn-
flupffel im Yocab. theuton. (1482) S. r 7 a, zunfchlijpfel in Bracks
Yocab. v.J. 1495 S. 49 a verzeichnet; im 16. Jh. Zaun fchlilpff er-
lin in Kyffs Tierb. Alberti (1545) S. K 5 a, Zaunfchlipffldn,
Zunfchlipffle bei Gesner a. a. 0., Zunfchlüpffer im Strassburg.
Yogelb. (1554) Y. 541 usw. Neben Zaunschlupfer und Zaun-
schliefer kommt in Steiermark auch die Namensform Zaunkerl 1
(in Tirol Zaunkonkerl 2 ) n. vor, im Elsaß die Kurzform Zümerle^n.
neben Zum{eri)schlüpfer(le) z (zu Zum e Zaun') und Hag schlüpf erle 5
(d. h. Heckenschlüpferlein) nebst anderen Yarianten ; Zaunling bei
Henisch-Wizaldus 900 Geheimnuss S. 333, Zäunert bei Goekingk
Gedichte (1782) II, 51. In Mecklenburg und Göttingen und
Grubenhagen gilt Tünkrüper(ken) 4 , in Schlutup Tünhüpper 5 , in
Preußen Tünkeschliker 6 = hd. Zaunchenschleicher*, in Ostfries-
land (Hdge)krüperke 7 (d. h. Heckenkriecherchen).
Einige Dialektnamen des Zaunkönigs sind von seiner
Stimme hergeleitet. Charakteristisch für diese sind die schnurren-
den zerrr-Laute, welche nach Yoigt Excursionsbuch S. 84 mit
kurzen harten zick- oder tjick-Lauten abwechseln. Im Elsaß nennt
man den Yogel Zisele* (d. h. Zeisig), auf Helgoland Tjürk, Tjürn 9 ;
der letztgenannte Name geht von den schnurrenden Lauten aus,
die dem Zaunkönig im Anhalter Dialekt die Benennung Zaun-
1 Unger-Khull 644. — 2 Zs. f. d. Phil. XXI, 210.
3 Martin-Lienhart II, 455. 470. 904.
4 Schiller Zum Tierbuche II, 17, Schambach 236.
5 Korrespondenzbl. f. ndd. Spiachf. XVI, 84.
6 Frischbier II, 488. — 7 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 113.
8 Martin-Lienhart II, 915. — 9 Frommann D. Mundarten III, 32.
Zaunkönig, troglodytes europaeus. K5
schnurz 1 und im Elsaß Zünschnärzer* (vgl Ifisteldn
s. 60) eingetragen haben. Zu dieser Namensgruppe gehören
noch ostfries. Tünkrtter* (zu fcrftöti 'schreien', vgl. westfäl. Kftt-
s/nihre) und «»Im»' Zweifel auch elsäss. Zümenriger 1 . Dieses Wort
ist in seinem zweiten Bestandteile identisch mit den alten
Straßburger Ausdrücken Reger, Rieger, die Regenpfeifer be-
zeichnen, ferner auch mit elsäss. Rigerle 'Grille*. Diese Bcheinen
mit steir. Regerl 'Krickente' lautmalende Worte zu sein;
vgl. steir. regeln 'schnattern'. — Da das Pfeifen des Zaunkönigs
als Zeichen des Regens gilt, hat er in Nassau den Namen
Naßarsch, Naßaschelche :> erhalten.
Schließlich hat auch die Winzigkeit des Vögelchens eine
Menge mundartlicher Benennungen desselben veranlaßt. Gesner
nennt unter den Synonyma, die er zusammengetragen hat, den
Ausdruck Dumeling (d. h. Däumling), den Woeste Wo. S. 62 s. v.
Dihnling als westfälisches Wort verzeichnet (ndl. Dumeling bei
Junius Nomenciator (1581) S. 60 b); im Elsaß kommen die Namen
Dümenzwitscherle und Düme?ischlupferle 6 vor. Auch in Schweden
nennt man den Zaunkönig tummeliten, in Dänemark tommeliden
'Däumling*. Ähnliche Ausdrücke sind noch Zitzerl 1 n. (eigtL
kleines Stückchen) in Österreich und Steiermark, Zivergvogerl 1
in Steiermark, Müsevogel 8 (vgl. oben Mäusekönig) in der Schweiz,
Zonkbutz m., Zonkebitzchen d m. (aus Zonh 'Zaun' und Butz 'Ge-
schöpfchen 5 ) und Spizelek 9 m. (zu spizech 'schmächtig') in
Luxemburg, Gröt- Jochen 10 (d. h. Groß- Joachim) in Mecklenburg.
Die südöstlichen Synonyma Buserle (d. h. Nüßchen) und Ochsen-
ögele, die in Frommanns D. Mundarten IV, 55 erwähnt werden,
sind Übersetzungen der entsprechenden italienischen Namen.
Das backofenförmige Nest des Zaunkönigs, welches an die
Nester der Laubsänger erinnert, hat die Benennungen Back-
öf eichen, Backofenkröffer 11 in Hessen, Backofenschhqrfer 1 ' 2 in der
1 Naumann-Hennicke II, 197. — 2 Martin-Lienhart II. 508.
3 Jb. f. ndd. Spracht XI, 113. — 4 Martin-Lienhart II, 243.
5 Kehrein 291. — 6 Martin-Lienhart II, 470. 928.
7 Popowitsch Versuch S. 633, Unger-Khull 650. 659.
8 Staub-Tobler I, 695. — 9 Wb. d. Luxemburg. Mundart 415. 508.
10 Schiller Zum Tierbuche II, 17. — 11 Vilmar 23.
12 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde S.U.
86 Wasseramsel, cinclus aquaticus.
Pfalz und Backowelken, BacJcöivenkrüperken 1 n. in Göttingen und
Grubenhagen veranlaßt.
Wasser Schwätzer, Cinclus.
Wasseramsel, cinclus aquaticus.
Der Name begegnet zuerst bei Gesner Hist. avium (1555)
S. 584 neben dem Synonymem Bachamfel. Heute sind diese Aus-
drücke die üblichen Bezeichnungen des Vogels, doch variiert das
zweite Kompositionsglied nach den mundartlichen Synonyma
des Amselnamens, vgl. westfäl. Wätergaidling 2 , luxemburg. Bach-
mierel, Wdssermerel 3 : Sonst wird die Wasseramsel auch als Star
aufgefaßt und benannt, vgl. altwestfäl. bikistam bei Woeste Wb.
S. 317, luxemburg. Wdsserspron^ ; ähnlich nndl. water spreeuw,
norweg. strömstare. Die blendend weiße Kehle des Yogels hat
in Westfalen den Namen Kelwitte, Kidlivitte^ (eigtl. Kehlweiß)
veranlaßt, der aus demselben Umstellungsprinzip hervorgegangen
ist wie Schweiz. Bruströteli, thüring. Kälredchen u. a., s. S. 40.
Braunelle, Accentor.
Heckenbraunelle, accentor modularis.
Das Wort Braunelle macht den Eindruck eines Fremdworts,
ist aber ohne Zweifel eine einheimische Bildung. Für Gesner
gilt der Name als ein Ausdruck der Vogelfänger: "Prunellas
aueupes nostri vocant auiculas a colore qui obscure ruffus est",
Hist. avium (1555) S. 627. Doch ist das Wort im 16. Jh. auch
schon in weiteren Kreisen bekannt, denn Hans Sachs erwähnt im
Kegim. der Yögel (1531) Y. 119 das Pralinellen (: Zimelschellen) ;
in der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 107 und in Zorns
Petino-Theologie (1742) II, 390 wird Braunellein, bei Klein Hist.
avium prodr. (1750) S. 79 Braunelchen geschrieben.
Der Name ist eine Ableitung von mhd. brün e braun 5 und
bezieht sich auf das Gefieder des Vogels, welches aus braunen,
rötlichen und grauen Federn besteht. Parallele Benennungen
in anderen Sprachen sind frz. brünette, mittelengl. donnek, neuengl.
1 Schambach 15. — 2 Woeste 317.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 15. 478. — 4 Woeste 124f.
Heckenbraunelle, accentor modularis. 87
dunnoek (zu dun 'braun'); beute kommt Brand, Brunle m der
Schweiz als Name brauner Kühe und Pferde vor. Der Vogelname
*brünele ist dann mit dem Pflanzennamen liruncllr oder liraunelle
zusammengefallen.
Wegen der schieferfarbigen Brusl beiß! der Vogel in
Luxemburg BUkchö&er 1 (d.h. Blauscheißer). Offenbar isl auch das
ndd. Synonymon Iserling in Gtöttingen und Grobenhagen als
eine Ableitung von tser 'Eisen' zu verstehen und auf die Farbe
der Braunelle zu beziehen; vgl. norweg. jernspurv (d. b. Eäsen-
sperling).
Luxemburgische Ausdrücke sind ferner Heckesteisser l (d.
h. Heckenstößer) und Zonkschlöffer x (d. h. Zaunschleieher). Im
Münsterkreise nennt man den Vogel Piepvngel 2 , in der Graf-
schaft Ranzau Heidpiper 2 , in der Schweiz Muggenbicker 3 und
Herdvögeli*.
In den Alpen wohnt eine verwandte Art von Braunellen,
die lerchengroße Alpenbraunelle oder Alpenlerche (accentor
alpinus, collaris), welche in der Schweiz mit den Namen
Bluemvogel, Bliiemdvogel, Gadenvogel, Gadenröteli z bekannt ist.
Wegen des vibrierenden Pfeifens nennt man sie hier auch
Tüiteli. Trittli 3 , in Tirol Berggrötscherle 4 (vgL steir. gritschen
'zirpen'). Wahrscheinlich ist auch der Ausdruck Jochlisper, den
Schmeller-Frommann Bayer. Wb. II, 680 für einen kleinen Alpen-
vogel anführen, die Bezeichnung der Alpenbraunelle. In Baiern
werden gewisse Stellen in der Alpenkette Joch genannt ; der Vogel-
name hängt mit diesem Ausdruck zusammen und bedeutet dem-
nach "Berglisper 9 oder 'Bergsperling' (zu -spar > -sper 'Sperling').
Bachstelzen, Motacillinae.
Weiße Bachstelze, motacilla alba.
Wegen der steifen stelzenartigen Gangart hat die Bach-
stelze im Althochdeutschen den Namen wazzerstelza-, d. h. 'Wasser-
stelzler': wazzerstelza luciliis: Versus de volucr. ydrox: H. 8.
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 37. 172. 508.
2 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86. XVII. 2.
3 Staub-Tobler I. 694. IV, 1119.
4 Frommann D. Mundarten IV, 52.
88 Weiße Bachstelze, motacilla alba.
III, 17. tappula: Gll. Salomon. a 1. Daneben ist auch ivazzerstellia
(= tappus 1 ) in cod. Lugdun. Voss. lat. 4° 51 f. 162b belegt, und
diese Form wird bestätigt durch wazzerstella (= ydrox) in H.
S. III, 17 : cod. mon. herem. 171, 24. — Ahd. ivazzerstelza ist eine
dem oberdeutschen Sprachgebiete gehörende Namensform, welche
in den alemannischen und schwäbischen Quellen des 15./16. Jhs.
öfters begegnet. Heute gilt diese Bildung im Elsaß, in Schwaben,
in der Schweiz und als Wasserstelzer 2 m. auch in Steiermark.
Auf dem mitteldeutschen Sprachboden ist Waffer fteltz bei Turner
Avium hist. (1544) S. D 3a und wohl danach bei Eber und Peucer
Vocab. (1552) S. F4a bezeugt; in mitteldeutschen Mundarten
ist das Wort nicht geläufig.
Dagegen ist die heute in der Schriftsprache geltende
Form Bachstelze sowohl in Oberdeutschland wie in Mitteldeutsch-
land heimisch. Sie erscheint zuerst in bairischen Handschriften
des 14. Jhs.: pachsteltz in cod. Oenipontan. 355, 15 a, cod.Vindob.
3213, 116 b, pachstelze in Clm. 4350, 3 a (Ahd. Gll. III, 28 25
u. 30 33 ), schwäb. bachstelz in fol. Stuttgart. (Ahd. Gll. III, 28 25 );
im 15. Jh. ist das Wort öfters in oberdeutschen und mittel-
deutschen Glossaren belegt. Von den Autoren des 16. Jhs. haben
H. Sachs Regim. der Yögel (1531) V. 143 die Maskulinform Pach-
steltz, Eber und Peucer Yocab. (1552) S. F 4a Bachsteltz, Waffer-
fteltz, Gesner Hist. avium S. 593 (1555) Wafferfteltz und Bach-
fteltz, das Strassburg. Yogelb. (1554) Y. 454 Bachfteltzen (PL).
Heute kommt im Elsaß neben Bachstelz 3 f. ein maskulines
Bachstelzer 3 vor, in Schwaben ist Bachstelz 4 ' (woneben die um-
gestaltete Form Bockstelz 4 ) regelmäßig maskulinen Geschlechts.
Eine landschaftliche Verschiedenheit in der Anwendung der Aus-
drücke Bachstelze < *ahd. bachstelzo, -a e Bachstelzler(in)' und Wasser-
stelze scheint auf oberdeutschem Sprachgebiet nicht bestanden zu
haben, vielmehr findet man sie als parallele Synonyma. In der
Straßburger Gegend z. B. gebraucht Baldner Vogelb. (1666)
1 Sonst ist nur das Deminutiv tappula belegt ; in der Hs. . . azzer-
stellia. (Steinmeyer). — Unsicher ist, ob stibola = stelze in Ahd. Gll. IV,
217 64 als tippula (= tappula) = tvazzerstelze aufzufassen ist, wie Stein-
meyer a. a. 0. vermutet ; stibola gehört wohl eher zu stiua.
2 Unger-Khull 621. — 3 Martin-Lienhart II, 594.
4 Fischer I, 562.
Weiße Bachstelze, motacilla alba. 89
S. 71 den Letzteren Ausdruck, im Gegensatz zu dorn Verfasser
des Vogelbuchs v.J. L554, der nachstehe verwendet
Verschieden von diesen Namensformen sind mitteldeutsche
und niederdeutsche Komposita, die als zweiten Teil das Wort
Stürz (ndd. Stört) aufweisen. Diese weisen auf den beweglichen,
fortwährend wippenden Schwanz des Vogels hin und schließen
sieh an eine Reihe von Synonyma anderer Sprachen an, welche
die Bachstelze von demselben Gesichtspunkte aus benennen,
vgl. z. B. engl, wagtail, diin. rumpevrikker, frz. hoche-queue,
ital. squassa-cod«, auch griech. ceicoTTUTic. In Niederdeutschland
sind derartige Bildungen schon in mittelalterlichen Glossaren
bezeugt. Die mnd. Variante quikstert, que/c[e)stert gehört zum
Adj. quik lebendig' (qneken 'beleben'), doch mag bei den Formen
mit e im Stamme auch Anlehnung an quek 'Vieh' bestanden
haben (vgl. Viehstelze, Kuhstelze und auch Bockstelze), wie in
der Form quakstert an quaken 'schwatzen'. Auf diesen älteren
Namensformen beruhen jetzt Kivickstert in Altmark 1 , Lippe 2 ,
Lübeck 3 , Quickstyärt im Münsterkreise 4 , Queckstert in Hol-
stein 4 , im dl. kwikstaart, ostfries. Kivikstert 5 ; schwed. quickstjert
stammt aus dem Niederdeutschen. In Preußen kommt neben
Quekstert 6 (Queksterz) und Quikstert 6 (Quiksterz) auch Quekstelz 6
vor, die eine Kompromißform von den vorhingenannten Worten
und dem hochd. Bachstelze ist.
Eine andere Variante ist Wippstert (je) (zu nippen) in
Ostfriesland 5 , Westfalen 7 , Holstein 4 , Fallersleben 8 , Göttingen
und Grubenhagen 9 , Altmark l , den niederdeutschen Bezirken
von Hessen 10 und in Preußen, wo auch die Bildungen Wip~
2)(en)zagel n (Wöppzägel) und Wippquecksterz 11 vorkommen; dän.
vipstiert ist ein ndd. Lehnwort. — Eine oberdeutsche Parallele
Wipperer wird in Unger-Khulls Wortsch. S. 631 aus Steiermark-
angeführt.
1 Danneil 2.-2 Frommann D. Mundarten VI, 365.
3 Schumann Zs. f. d. Wf. IX Beih. S. 3.
4 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83. XVII, 4 f.
5 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 112f. — 6 Frisclibier II, 202.
7 Woeste 326. — 8 Frommann D. Mundarten V, 296.
9 Schambach 300. — 10 Vilmar 455. — 11 Frischbier II, 202.
90 Weiße Bachstelze, motacilla alba.
Eine dritte Variante ist mnd. ivagestert (zu ivagen e sich
bewegen'), wovon Wagenstertje 1 in Altmark und Fallersieben 2
eine Urnbildung ist. Auf hochdeutschem Gebiet entspricht
wegstarcz (zu wegen 'bewegen') in einer Handschrift aus dem
15. Jh. (Ahd. GH. III, 28 25 ).
Auch die Form Bewesterz 3 (d. h. Bebeschwanz) kommt (in
Göttingen und Grubenhagen) vor.
Schwer zu beurteilen ist begistarz, begisterz (= sepicedula)
in Heinrichs Summarium III, 17 (cod.Vindob. 2400, 42 a, Clin.
2612, 24b, cod. mon. herem. 171, 24, cod. sein. Trevir. 31, 15a,
cod. princ. de Lobkow. 434, 9 a, bechsterz : cod. Darmstad. 6, 27 a,
begester: Clm. 23796, 173a; dazu aus den Versus de volucribus
bechesterze im Kölner DoppelbL, Ahd. Gll. III, 31 85 ). Die Belege
weisen auf die westmitteldeutsche Mundart, und hier begegnen
heute Namensfornien, welche auf der ahd. Form zu beruhen
scheinen : Bäisterz, Beisterz und Beinsterze ^ im Westthüringischen,
Henoeb ergischen und Schmalkaldischen; diese sind im Anschluß
an Bein umgestaltet. Bereits in einem Vokabular v. J. 1502 er-
scheint beijnstercz und in einem noch früheren v. J. 1421 beinstelcz,
danach fusszstelcz in einem Vocab. rerurn aus dem 15. Jh. 5 . Durch
Umbildung und die Umstellung der Kompositionsglieder, welche
man auch sonst bei Vogelnamen beobachten kann, sind die Aus-
drücke Steinberz* im Schmalkaldischen, Stealtsbainche, Stoarze-
bainche 1 in Oberhessen zustande gekommen, vgl. S. 40. 86. —
Wahrscheinlich ist altwestmitteld. begisterz aus einer mnd.
Namensform *bekestert < *bekestelt (Bekesteltje 8 in Göttingen und
Grubenhagen) 'Bachstelze' zu erklären. Für diese Annahme
spricht der Umstand, daß eine Komproinißform von Wegestarz
und Bachstelz schon früh bestanden hat, wie der Beleg pach
stelcz stercz in einer Glosse des 15. Jhs. (Ahd. Gll. III, 31 34 )
beweist. Ferner fällt ins Gewicht, daß diese Form gerade in
dem Grenzbezirk zwischen Hochdeutsch und Niederdeutsch vor-
1 Danneil 2.-2 Frommann D. Mundarten V, 296.
3 Schambach 23. — 4 Hertel 66, Vilmar 30.
5 Diefenbach-Wülcker Wb. S. 226. — 6 Vilmar 30.
7 Nach einer Mitteilung von Prof. Kluge.
8 Schambach 20.
Weiße Bachstelze, motacilla alba. 91
kommt, welcher hier in Betracht kommt, vgl. oberhess. Bach-
stearz\ Luxemburg. Bdch$tierzelchen* : westfäL Bükstert*.
Nach (\v\\ bereits vorhandenen Typen sind dann noch
weitere mundartliche Varianten geschaffen worden. In Luxem-
burg sind die Ausdrücke Pänestierzchen (& h, Pfannenstielchen),
Pänesteisserchcn, Pdnestirchen, Pänewippchen ' m. gebräuchlich, in
der Grafschaft Ranzau Plögstert und Pluchstert 6 (d. h. Pflugsterz),
von denen die ersteren auf den langes Schwanz der Bach-
stelze 6 hindeuten, die letzteren wieder in die Gruppe von
Synonyma hinüberführen, welche den Vogel in Zusammenhang
mit dem Ackerbau bringen.
Die Bachstelze ist nämlich ein treuer Freund des Land-
mannes, in dessen Fußstapfen sie fortschreitet, um in der auf-
gepflügten Furche Würmer zu sammeln. Daher wird sie auch
in vielen Gegenden Ackermann genannt Im 16. Jh. ist der
Ausdruck Ackermennchen in einem mitteld. Yocab. rerum v. J. 1517
und in der niederdeutschen Form Acker menneken bei Chytraeus
Nomenciator v. J. 1581 Sp. 374 bezeugt. Gerade in Mittel- und
Niederdeutschland ist dieser Name heute am weitesten verbreitet.
In der Form Ackermann oder gewöhnlich als Deminutivum Acker-
männchen, bezw. Ackermcenneken ist er vorhanden in Thüringen 7 ,
Niederhessen 8 , Göttingen und Grubenhagen 9 , Altmark 10 , Hol-
stein 11 , Preußen 12 ; in Ostfriesland Akkermantje und Bötnantje 13 .
Auch auf oberdeutschem Sprachgebiet ist der Ausdruck nicht
unbekannt; in Steiermark heißt der Vogel ebenfalls Ackermannl l K
in Tirol Bancogel 1 '*. Das steirische Dialektwort Hotterl 1 * n.
gibt der Bachstelze die Rolle eines Pferdetreibers auf dem
1 Nach einer Mitteilung von Prof. Kluge.
2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 15. — 3 Woeste 31.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 327.
5 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht. XVII, 1.
6 Im Geistlichen Vogelsang S. 4 wird der Schwanz der Bachstelze
Tfannenstiel' genannt; "Die Bachsteltz thut offt schnappen vnndt fengt der
mucken viel, es hört nicht aufT zu knappen ihr langer Pfannenstiel",
s. Grienhaber Aeltere deutsche Sprachdenkmale religiösen Inhalts (1842).
7 Hertel 58. — 8 Vilmar 7.-9 Schambach 6.
10 Danneil 1 f. — 11 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 3.
12 Frischbier I, 15. — 13 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 111.
14 Unger-Khull 11. 351. — 15 Frommann D. Mundarten IV, 54.
92 Weiße Bachstelze, motacilla alba.
Felde, denn hott von dem der Yogelname offenbar abgeleitet
ist, ist der Anruf für Zugtiere. Zu dieser Gruppe von Synonyma
gehört noch der Ausdruck Schollenhoppler 1 (d. h. Schollenhüpfer)
im Elsaß.
Yon der gelben Art wird die weiße Bachstelze in einigen
niederdeutschen Gegenden als Blau Ackermann oder Wite Acker-
mann 2 (d. h. Weißer A.) unterschieden. Wegen der schwarz-
weißen Tracht nennt man sie auch — wie Gesner Hist. avium
S. 593 berichtet — Klo fter fremde, vgl. Schwarzkopf S. 71.
S. auch Gelbe Bachstelze.
Gelbe Bachstelze, motacilla flava, budytes flavus.
Im Gegensatz zu dem Ackermann oder der weißen Bach-
stelze ist die gelbe der Viehhirt, der in der Gesellschaft von
Rindern und Pferden angetroffen wird und auf den niederen
Viehtriften seiner Nahrung nachgeht. In Preußen wird der Yogel
Kuhstelze (Klein Hist. avium prodr. (1750) S. 78), anderwärts auch
Viehstelze genannt. — In Steiermark wird die gelbe Bachstelze
als Schaf halterl 3 von der weißen unterschieden, die Sau-
halterl oder Kuhhalter'* genannt wird; neben diesen Namens-
formen kommen auch die Varianten Sauherterl 3 und Kuhherterl*
(d. h. Sau- und Kuhhirt) vor. Die Ausdrücke haben sich offen-
bar erst sekundär zu der heutigen Form entwickelt, denn eine
ältere Namensform ist bewahrt in den mhd. Glossen hardell in
cod. Mellic. K 51, 242 und wazz s stelcz hard s lla in cod. Vindob.
1325, 106 b (Ahd. Gll. III, 3P 2 ) und diese läßt sich nicht als
'Hirt' deuten. — Unwahrscheinlich ist die von Lehmann in
KZ. XXXXII, 87 gegebene Erklärung, wonach das althoch-
deutsche Wort zu ags. hrapian, hradian, hratian 'hasten' ge-
hören würde. Der Vogelname ist wohl eine Ableitung mittels
des Suffixes -ila von ahd. hard* "Wald*. In Baiern hat dies Wort
die Bedeutung 'Boden, aus Sand und Kies bestehend und nur
mit weniger trockenen und an sich unfruchtbaren Damm-Erde
1 Martin-Lienhart I, 361.
2 Vgl. Schambach und Danneil sowie Korrespondenzbl. a. a. 0.
3 Unger-Khull 419. 519.
4 Das Wort hat im Ahd. auslautendes d, nicht t, vgl. PBB. XXX, 567.
Weiße Bachstelze, motacilla alba. 93
aberzogen*, im Elsaß bedeutet Eard auch Bumpfiges Wiesen-
gelände usw.
Die Vorliebe dos Vogels für Viehweiden bat ihm den
Namen Rinder fchyffer eingetragen, den ßesner 8.594 ans der
Schweiz anführt; bei B. Sachs Regim. <1<m- Vögel (1531) V. 225
beißt er die Küschemen und eine elsässische Variante ist
Rofsdrcdiin im Strassburg. Vogell). (1554) V. 382. — In Tirol
soll dm- Volksglaube vorkommen, dal! die Seelen der Bachstelzen
früher vierfüßigen Haustieren, besonders Kühen, gehörten; diese
Vorstellung ist aus dem Zusammenleben der Vögel mit den
Viehheerden leicht begreiflich, vgl. Zs. f. d. MythoL II, 422.
Überhaupt wird die gelbe Bachstelze mit denselben Namen
benannt wie die weiße; wo der Unterschied deutlich gemacht
werden soll, geschieht dies durch die Voranstellung der charak-
teristischen Farbenbenennung. — In Thüringen heißen die gelben
Bachstelzen Kiesläufer oder Kiespidlchen 1 (zu Pulle 'Hühnchen').
Unklar ist der Ausdruck Ryferle bei Gesner a. a. 0.
Diese Bachstelzenart ist ein Frühlingsvogel, der im April
erscheint, wenn die Saatzeit beginnt; daher heißt sie in Preußen
der Sämann' 2 .
Der luxemburgische Name Wanterpänestierzchen (d. h. AVin-
terbachstelze), der im Wb. der Luxemburg. Mundart S. 475 mit
der Bedeutung 'Kuhstelze' angeführt wird, ist ohne Zweifel
die Gebirgsbachstelze (motacilla sulphurea, motacilla boarula).
die öfters den Winter über in Deutschland bleibt. Im nördlichen
Böhmen kennt man sie mit dorn Namen Waaserbachstelze' 6 (in
der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 96 bezeugt); auf Helgoland
heißt sie GülblttbberK In der Schweiz teilt der Vogel den Namen
Herdvögeli 5 mit der Heckenbraunelle und dem Wasserpieper.
Die angelsächsische Glosse geoleuearte = luscinus bei
Wright-Wülcker Vocab. I, 132* 3 , welche Whitman The birds of
Old Engl. Literature XIX, 3 unter den Ausdrücken für die
Nachtigall verzeichnet, ist offenbar als geolew-earte 'gelbe Bach-
stelze' aufzufassen. In dem hier vorkommenden ags. earte haben
1 Hertel 131. — 2 Frischbier II, 246.
3 Zs. f. d. Phil. XXI, 210. — 4 Frommann D. Mundarten III. 32.
5 Staub-Tobler I, 694.
94 Baumpieper, anthus arboreus oder trivialis.
wir nämlich eine westgermanische Form von dem alten Namen
der Bachstelze, welcher in der abgeleiteten Form ertla (aus
*artilö) im Altnordischen vorhanden ist; auf dieser beruhen
schwed. ärla, dän. erle. Das lat. Lemma der ags. Glosse findet
sich als luscinus in deutschen Glossaren.
Pieper, Anthus.
Das Straßburg. Vogelb. v. J. 1554 nennt unter kleinen Vögeln
die in der Gesellschaft des Meyvogels auftreten, das Gickerlin
graw (Y. 433), Gickerlin grün (Y. 434) und das Weidengickerlin
(Y. 435). Gesner kennt diese Ausdrücke durch seine Straßburger
Korrespondenten; in Hist. avium erwähnt er S. 762 f. das Gicker-
lin oder Gückerlin und das Weidengückerlin ; im 17. Jh. begegnet
Gickherlin (Geikerlen, Ginckherlin *) nochmals in der Straßburger
Gegend, in Baldners Yogelb. (1666) S. 71. Es sind mit diesem
Straßburger Ausdruck Pieperarten gemeint, die den Namen ihrem
pfeifenden Lockrufe verdanken; das Wort ist eine Ableitung
von dem onomatopoietischen Yerbum gicken 'piepen'. In der
Schweiz lauten die entsprechenden Benennungen Gipser(li) und
Gixer' 2 (zu gipsen, gixen e in feinem hohem Tone piepsen'); das
Synonym on Winsler (zu winseln), das Staub-Tobler II, 395 er-
wähnen, erscheint als Winserlein schon in der Angenehmen
Land-Lust (1720) S. 336. Ein niederdeutscher Ausdruck ist
Pieperken' 6 im Münsterkreise.
Baumpieper, anthus arboreus oder trivialis.
Der häufigste von den Piepern ist in Deutschland der
Baumpieper, welcher sich auf Bäumen aufhält, aber ebenso oft
auch auf einer mit Schmielengras und Heidekraut bewachsenen
Lichtung angetroffen wird. Dieser Yogel ist das Gickerlin graw
des Straßburger Yogelbuchs.
Gesner erwähnt den Baumpieper an zwei verschiedenen
Stellen seines Yogelbuchs (S. 76. 762) unter den Namen Grynerlin
und Griennögelin, ohne freilich zu wissen, welcher Yogel damit
gemeint ist. Das erstgenannte Wort, das von greinen 'weinen,
1 Vgl. Martin-Lienhart I, 206. — 2 Staub-Tobler II, 395.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86.
Baumpieper, anthui arborecu oder trivialis.
winseln' hergeleitet ist, begegnet als Oreynerlein 1 bei EL Sachs
im Etegim. der Vögel (1531) V. 205 and als Greineriin in Sachsen
bei Eiber und Pencei Vocab. (1552) 8. El 4a; später haben ver-
schiedene Quellen das Wort aus Qesner abgeschrieben. Die
Variante Orienvogd ist an Grien "Kiessand' angelehnt worden.
Neben dem Gfreynerkin tritt in dem Etegim. der V
V. 206 der Krautvogel auf; Popowitsch Versuch S. 515 bezeichnet
dieses Wori als einen Dialektausdruck, welcher "in Nürnberg
und im Land«' ob der Acns" vorkomme. Eans Sachs meint
a. a. o. mit den beiden Namen offenbar den Baum- und den
Wiesenpieper (oder den Brachpieper), deren Benennungen meisten-
teils in einander übergehen. Ähnliche Bildungen wie Krautvogel
sind die Synonyma Breynvogel* (zu Brein "Körner der Hirse, des
I tat* ts usw.') in ( teterreich und (vielleicht) Schmel-, Sclimelchvogerl'K
(zu Schmele, SchmelcJw 'Federgras') in Steiermark. Die letzteren
Namen können jedoch ebenso wie das gleichbedeutende Schmelcherl
auf dem mhd. Adj. smal 'gering, klein, schmal', beruhen ;
auch S. 26. Wahrscheinlich ist der Xame Schmervogel, der nach
Popowitsch S. 514 in Sachsen, Schlesien, Krain und der Lausitz
gilt, nur eine Umbildung der vorhingenannten Benennung;
Popowitsch glaubt freilich, daß die Vögel diesen Namen wegen
der Fettigkeit haben. — Schlesische Dialektnamen für den
Baumpieper sind Stoppelvogel, Stöpling (von dem Aufenthalt des
Vogels auf Stoppelfeldern) und Spies Lörche bei Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 349. In Sachsen ist der letzterwähnt.' Name
durch Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 58 bezeugt, wo von der
Spieß-Lerche, welche "an etlichen Orten Kraut Vögelgen' heißt,
gehandelt wird; im Anhalter Dialekt ist Spisslerche^ die übliche
Bezeichnung dieses Piepers. Der Name ist wohl daraus zu er-
klären, daß der Vogel spießweise verkauft wurde, vgl Grimms
Wb. X, 2471.
Meistens werden die Pieper als Lerchen aufgefaßt, denen
sie in mancher Hinsicht sehr ähnlich sind; andererseits haben
1 "Das Greynerlein thet auch sehr weynen" bei H. Sachs a. a. 0.
2 Popowitsch Versuch S. 514.
3 Unger-Khull 547 und Popowitsch a. a. 0.
4 Naumann-Hennicke III, 46.
96 Lerche, alauda.
sie auch mit den Bachstelzen einiges gemeinsam. In der
Angenehmen Land-Lust (1720) S. 96 beziehen sich die Ausdrücke
Gereuthlerche I Waldbach fteltze, Feldbach fteltze auf den Baum-
pieper (oder den Brachpieper, anthus campestris). Eine schwei-
zerische Benennung des Yogels ist Baumbicker 1 , eine steirische
Leimvogel 2 . Dieser Ausdruck kommt als Leimen- Vögelein bei
Frisch Vorstellung der Vögel (1763) II, II, 5 vor und wird dort
von den "Leimen-Klösen" erklärt, unter denen die Vögel ihr
Nest bauen.
Den Wiesenpieper (anthus pratensis) kennt man in Luxem-
burg mit dem Namen Wiseschnipsert* m.; in der Schweiz (in Bern)
heißt er PtplercheK — Die Ausdrücke Diester und Hiester,
welche Naumann aus dem Anhaltischen erwähnt, sind ebenso wie
viele andere ähnlich lautende Varianten, onomatopoietisch und
beruhen auf den ist-ist-Lauten des Vogels, welche Voigt Ex-
cursionsbuch S. 110 schildert; vgl. auch ital. pispola in gleicher
Bedeutung.
Die seltenste von den Pieperarten ist der Wasserpieper
(anthus aquaticus oder spinoletta), ein Gebirgsvogel, dessen
Brutplätze nach Naumann-Hennicke III, 87 in den höchsten
Kegionen der deutschen Mittelgebirge und in den Alpen sind.
Dieser Vogel ist das Gickerlin grün des Straßburg. Vogelbuchs und
das Geikerlen bei Baldner Vogelb. (1666) S. 71, wo als Synonymon
auch der Ausdruck Ein Wafferlerch angeführt wird. In der
Schweiz wird der Wasserpieper Arenpfiff er 5 , GipserU, Gixer
(s. oben S. 94) genannt.
Lerchen, Alaudidae.
Lerche, alauda.
Ahd. lerihha:Sg. Nom. — lerihha caradrion: Leviticus 11, 19:
cod. SGalli 9, 277; lefricha: cod. SGalli 283, 488; reliha 6 . lericha:
cod. SPauli XXV d/82, 38 a, heiffr t ardua at lericha 7 : cod. Stuttg. th. et
phil. 218, 13c; lericha. i. aloda: Gm. 17114, 74a; lericha: cod.
1 Staub-Tobler IV, 1119. — 2 Unger-Khull 435.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 488. — 4 Staub-Tobler III, 1381.
5 Staub-Tobler V, 1084.
6 lericha über (dem damit getilgten) reliha (Steinmeyer).
7 r aus c corr. (Steinmeyer).
Lerche, alaoda. 97
SGalli 896, 1l j 7-, cod. Guelpherbyt. Wies. 29, 82a; cod Carolnmh.
Aug. GCXXXI, L2a; cod. mon. herem. L84, 298. cod Vindoh. 10,
888a. cod. SGalli 299, 26. Laudula: cod. SGalli 299 p. 88*. lau-
deola: dm. M7i7i. 63a. Urieha: Deuteronom. M. 18: Clm. 1606,
L04b; Urieha: cod. SGalli 296, 116; cod, Tun.-. Rhenov. 66, 22. lau-
dala: Liber glossarum: fragm, Carolsruh. U II If. ! a. ecylla: Vergil.
G. I, 405: cod. Berol. Ms. lat l" 215, 27b. laudula : Verrat de rolucr.
laudula: II. s. in, 17, XI a 2, caradrion: a 2. b, laudula: b, <-. cara-
drion: <\ g, laudula: g. laudula et caradriv» et philomela: cod.
Sclcstad. 109b. cod. Lambac. cart. 291, la. philomena: Arnulfi delic.
cleri520: cod. Vindob. 388. Urica, i. aloda : Leviticus 11. 19: cod.
Vindob. 1042, 180b, Clm. 6227, 49b, Clm. 18528, I. 73b, Clm. 5116,
80b, lerehha. i. aloda: Clm. 18140, 14a. lericla*-. Rotöl. com. de
Mülinen Bern. leraha: cod. SGalli 242, 248 b. leracha laudula : cod.
Valic. Reg. 1701, 2b. laudula: Clm. 14689 f. 47 a. cod. sem. Trevir.
R. III. 13, 104a. Gll. Salomon. a 1. Deuteronom. 14, 18: cod. Admont.
508, 8b. Uracra* karradria : cod. Cassell. Astr. f. 2 f. 9b. Jercha: cod.
Vindob. 804, 169a, cod. Wirziburg. Mp. th. 4° 60, 101a, laudula: cod.
Vindob. 804, 172b, cod. Wirziburg. Mp. th. 4<> 60, 103 b. Wehe: H. S.
XI a 2, laudula: a 2. Versus de volucr., lerich: Versus de volucr.,
lerch : Versus de volucr. le uuerka scylla : Vergil. G. I, 405 : cod.
Parisin. 9344, 14b. cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4<>f. 89a, leuuerea:
cod. Berol. Ms. lat. 8<> 73, 124a. cod. Vatican. Reg. 1701. 2b.
lecverca luscina. et acredula. unum. est: cod. Bonn. 218, 58a. lewerka
alauda -F caradrion: cod. Cheltenham. 7087, 144a. lewereh: cod.
Vindob. 804 f. 185 b. — Akk. — lericha (Scylla) mutata inlaudulam:
Vergil. G. I, 405: cod. Trident. 1660, 18 b. leracha charadrionem 4 :
Leviticus 11, 19: Clm. 22201, 238b, lerahhun: cod. Vindob. 2732,
22 b, cod. Vindob. 2723, 18b, lerachun: cod. Gotwic. 103,49b, leraehm:
Clm. 13002, 219b.
Der Xame der Lerche ist gemeingermanisch : ahd. ISrihha^
mhd. lerche, lerche, mnd. leiverike, lewerke, nindl. leeicerike. leewerke,
nndl. /eew/<?r/£m.,neuwestfries. ljuerck « *liürk{e\ s. PBB. XIX, 379),
ags. Idwrike und (daraus durch Metathese entstanden) hiicerke:
Idicerke, \m\ larke, ne. larh (dial. laverock, lavrock bei Swainson
The Folklore S. 92) und altnorweg. Iceiirke m., altschwed. kerikia
(< *laiicr?ki<<), dän. /erke, schwed. lärka. Die verschiedenen Namens-
formen sind aus einer Grandform *lain'{i)rik-dn (*bntc(a)rikön)
1 lericha: e von zweiter Hand aus i corr. (Steinmeyer).
2 Wohl verschrieben für lericha,
3 DieVerschreibung wohl durch das lat. Lemma Ä-ar/Wr/« verursacht.
4 Charadrion in der Vulgata (Steinmeyer).
Suoluhti, Yo£eln;imen. 7
98 Lerche, alauda.
hervorgegangen. Den germanischen Vogelnamen hatten Pictet
KZ. VI, 192 nnd Jacob Grimm Kleine Schriften II, 124 mit gleich-
bedeutendem alauda (nach Thurneysen Thesaurus s. v. ein gal-
lisches Lehnwort im Lateinischen) zu kombinieren versucht;
heute wird dieselbe Zusammenstellung von Falk und Torp
Et. ordb. I, 453 aufrechterhalten und Verwandtschaft mit lat.
laus 'Lob 5 , gäl. luaidh 'sprechen 6 , got. liußön 'singen' angenommen.
Diese Annahme setzt voraus, daß germ. *laüvaz aus idg. *lawd
entstanden sei, was Bugge PBB. XXIV, 451 f. mit Hinweis auf
anord. /o, loa (aus *löw < *läw) 'Strandpfeifer' beweisen wollte. Eine
sicherere Deutung des Namens bleibt noch zu wünschen. — An
germ. *laiica-(riköri) erinnert finn. leivo, estn. löhc 'Lerche', aber
gegen Entlehnung aus dem Germanischen spricht die dialektische
Nebenform lieve. Möglicherweise hat die Übereinstimmung des
germ. und des finn. Wortes ihren Grund darin, daß beide ursprüng-
lich onomatopoietische Bildungen sind. — Aus alter Zeit sind
einige Ortsnamen erhalten, welche mit dem Lerchennamen
gebildet sind : Lerihhunfelt , Lerikfeld bei Förstemann Altd.
Namenb. II, 983.
Die niederdeutsche Form, die das inlaut. w behält, erstreckt
sich auch über das mittelfränkische Gebiet. Daher im Karlmeinet
lewercke; heute in Luxemburg Leüveck(elchen) m., Leierchen 1 f.
In cod. Vatic. Reg. 1701 und cod. Vindob. 804 stehen sowohl
leraha als lewerka\ die Schreiber haben die Narnensformen, die
in ihren Vorlagen verschieden glossiert waren, als verschiedene
Vogelnamen aufgefaßt und daher wohl beide aufgenommen.
Der alte Name ist heute auf dem gesamten Sprachgebiet
geläufig. Synonyma sind selten; in Aargau und Basel kommt
ein Ausdruck Rerekli 2 (Erekli) vor, der nicht sicher deutbar
ist, in Luxemburg wird von der Lerche auch der Name Lütvidl l
gebraucht. Das luxemburgische Synonymon Leimännchen 1 m.
beruht auf dem alten Namen.
Eine genaue Scheidung der einzelnen Artbenennungen,
welche in der älteren ornitliologischen Literatur begegnen, ist
nicht möglich, denn die Bedeutung der Namen variiert oft je
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 263. 267. 273. 527.
2 Vgl. Staub-Tobler I, 403. VI, 1227.
Haubenlerche, alauda cri lata, jalerita cristata. 99
nach der Landschaft Auch werden die Lerchen and Pieper
vielfach zusammengeworfen.
Baobenlerche, alauda cristata, galerita cristata.
Das Strassbnrg. V ogelb. v. J. L554 erwähnt au Lerchenarteo
die "Fehlt lerch Lerch im Wahl , im Tobel Berbfl Lerch
vnd Lerch mit dem Kobel". — Die letzte Art ist die Hauben-
lerche, welche in den heutigen elsäss. Mundarten Kobellerch* (zu
Kobel 'Federhaube') heißt; aus der Schweiz tulnt Gesner Bist
avium s. TD KobeUerch an. Auch die Synonyma der übrigen
Mundarten sind last alle von dem charakteristischen Schöpfe
des Vogels hergeleitet Iu Baiern ist der entsprechende An-
druck HeubeUerch zuerst bei H. Sachs im Regim. der \
(1531) Y. L98 belegt, Eber und Peucer Vocab. (1552) 8. E 3b
bezeugen ihn aus Sachsen, Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. L92
wahrscheinlich aus Schlesien; Turner Avium bist. (15 14) S.EI b
hat den Ausdruck Copera von den Kölner Vogelstellern ge-
hört. In Preußen hat man für den Vogel die Namen Hauben-
köbbellerche, Kapplerche (zu Kappe 'Mütze"), Schubslerche (zu
Schubs 'Schopf) und Spitzkopf, Spitznickd- , welche auf die
spitzige Form des Kopfschmuckes hinweisen. Auf schwäbischem
Dialektgebiet kommt der Name Butschlerche* (zu Butsch 'Feder-
schopf ) vor, in Luxemburg Hauiceleierchen* (d. h. Haubenlerche),
in Niederdeutschland Toplärk» und Töppeüdrk* (d. h. Zopflerche).
Jm Adelichen Land-Leben (1687) II, 79] Kap. »Will
nennt Bohberg "die Häubel Lerchen / die man in Oefterreich
Kottmünch nennet". Der Name "Kotmönch 3 zielt auf die Eaube
des Vogels, nimmt aber auch auf seinen Lieblingsaufenthalt
auf den breiten Landstraßen Bezug, wo er seine Nahrung an
den verschiedenartigen Abfällen findet. Mehrdeutig ist die Be-
nennung Koihlerche, die nach dem Verfasser der Angenehmen
Land-Lust (1720) S. 339 in Mähren eine Lerchenart, in seiner
eigenen Heimat aber "die Steinbeiffer" bezeichnen soll A.us der
Schweiz wird der Ausdruck Wäglerche zuerst von Gesner a. a. 0.
1 Martin-Lienhart 1,418. 609. — 2 Frischbier 1,275.
3 Fischer I. 1560. — 4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 170.
5 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI. 83. XVII. -
100 Heidelerche, alauda arborea. — Feldlerche, alauda arvensis.
S. 79 bezeugt. Unter den vielen preußischen Dialektnamen kommt
auch der scherzhafte Ausdruck Strassenräuber 1 vor.
Heidelerche ; alauda arborea, lullula arborea.
Diese Lerchenart hat den Namen von den dürren Heide-
landschaften, welche sie für ihren Aufenthalt bevorzugt. In
Mitteldeutschland ist der Ausdruck Heydlerch in Turners Avium
hist. (1544) S. E 1 a zuerst belegt, darauf als schlesisches Wort
bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 193; H. Sachs Regim. der
Yögel (1531) Y. 122 gebraucht die Form Heydellerch. Heute
ist diese Benennung auch in Xiederdeutschland verbreitet 2 . —
Andere Namen sind Sanglerch bei Eber und Peucer Yocab. (1552)
S. E 3 b, Holtzlerch bei Longolius Dial. de avibus (1544) S. F6a,
Baumlerch, Waldlerch bei Ryff Tierb. Alberti (1545) S. J 5 b,
Gesner Hist. avium S. 79, Miltellerche bei Schwenkfeld a. a. 0.
Heute im Elsaß Säglerch 3 , in Luxemburg Böschleierchen (d. h.
Waldlerche), Böschlütert i m.
Der charakteristische Gesang der Heidelerche wird durch
mehrfach wiederholte Tonsilben 'lulululu' wiedergegeben ; bereits
Gesner bezeichnet ihn als "lü lü saepius repetitum". Darauf be-
zieht sich die Benennung Lurlen, welche in Hist. avium S. 78
aus der Umgebung Basels angeführt wird.
Feldlerche, alauda arvensis.
Bekannter als die Heidelerche ist in den meisten Gegenden
die größere Feldlerche. Der Name Veldt Lerche erscheint zu-
nächst in Kyffs Tierb. Alberti (1545) S. J 5b und darauf bei
Schwenkfeld a. a. 0. S. 91, Hohberg a. a. 0., u. a. Eber und
Peucer Yocab. (1552) S. E 4a haben dafür den Ausdruck Stein-
lerch, bei H. Sachs a. a. 0. Y. 237 Stainlerch; in der Angenehmen
Land-Lust (1720) S. 213 begegnet das Synonymon Kornlerche.
Schweiz. Himmellörchli ist bereits bei Gesner Hist. avium S. 178
als Himmellerch bezeugt.
Eine große Rolle spielte in der Dichtung des deutschen
1 Frischbier II, 378.
2 Vgl. Schiller Zum Tierbuche II, 13, Korrespondenzbl. f. ndd.
Sprachf. XVI, 85.
3 Martin-Lienhart I, 609. — 4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 41.
Goldammer, emberiza citrinella, 101
Mittelalters <li<- b. g. Kalanderlerche (alauda calandra, melano-
oorypha calandra), welche wegen des kräftigen schönen Gesanges
in ihrer Heimal besonders geschätzt wird. Diese wird aur im
Süden Europas angetroffen; in Deutschland isl der \
nicht heimisch. Der mini. Name galander^ golander i mnd
galander) wurde in der Zeit der französischen Kulturströmung
(etwa ums Jahr \'2iH)) aus dem gleichbedeutenden afrz. ealandn
entlehnt In der eigentlichen Volkssprache hat sich das Wort
nicht eingebürgert; vgl. Grimms Wo. IV. I. 11.",:,.
Finken, Fringillidae.
Goldammer, emberiza citrinella.
Alid. amero: Sg. Nom. — amero amarellus : EL S. III, 17. amere:
cod. Oxon. Jim. 83, 4. amare: Versus de volucr. : cod. Stuttg. th. et
phil. 218 f. 22 b, cod. Stuttg. th. et phil. 210, 135a, amer: cod. princ.
(!«• Wallerst. I. 2. fol. 21, 17öb, amirzo: cod.mon.herem. 239 p. 784, cod.
Prag, princ. de Lobkow. 489, 56 b. H. S. XI d: cod.Florent.XVI, 5, 89 b.
amarze : Versus de volucr. : cod. Admont. 106, cod. Admont. 476,
Clm. 22213, 163 a, emerza : folium Frankofurtense, ameriz: fol. sem.
theot. Gotting. Müller I, 6. amirz : H. S. III, 17 : cod. princ. de Lob-
kow. 434, 9a. amerinch: H. S. III, 17 : cod. Vindob. 2400, 42a. Versus
de volucr.: Clm. 19488, 121a, cod. Admont. 759, 55b, Clm. 4350, 3a.
Clm. 17194 f. 221b, cod. ol. Argentor. 157, cod. Zwettl. 293, 25 a, ama-
ringk: cod. Vindob. 12840, 2a, amrlnch : Clm. 12665, 142a, cemerinch :
Clm. 4660, 56a, cod. Vindob. 85, 42b, emerinch: cod. Vindob. 1325,
106b, cod. Mellic. K 51. 242. Clm. 23496, 10 a, ämärinkk: Clm.
11481, 82b, amerlinch: Clm. 614, 31b, ämerling; Cgm. 649, 526b,
emerling: cod. Gotting. Luneb. 2 f. 181 ab, ämmerling : folium Stutt-
gartense.
And. amero (mhd. atner) ist ein westgermanischer Vogel-
name, vgl. asächs. atner (in Ahd. CiL IV. 245»*) und ags. amore
(älter omer, emer\ ne. yellow-ammer. Dvn Namen, der auf die
Grdf. *am«r-(un): *amar-dn: *amir- zurückweist, hat Weigand
Wb. 4 s. v. Ammer (und später Liebich PBB. XXIII, 223 f.) mit
ahd. amar 'Sommerdinkel' verbunden, was mit Rücksicht auf
synonyme Benennungen wie Kornvogel, Gerstammer semasiolo-
gisch ganz ansprechend ist. Xur bleiht dabei die Bildnngsweise
des Vogelnamens unklar, denn dieser fällt mit ahd. amer, amaro
'Sommerdinker (s. Björkman Xs. f. d. Wf. III, 263) vollständig zu-
102 Goldammer, emberiza citrinella.
sammen. Danach ist es nicht ganz sicher, ob der Znsammenhang
der beiden Worte primär oder erst sekundär ist, wie etwa in
ahd. distelzwi, das sowohl Distelzweig wie Distelfink bedeutet;
vgl. auch unten Gelgerst, Gelgirsch.
Neben amaro begegnen im Althochdeutschen auch erwei-
terte Bildungen, einerseits amering, amerling (mit Suffix -inga,
-linga gebildet, wie asächs. hliuning 'Spatz', nhd. Hänfling u. a.),
andererseits amirzo : amirza (mit einer Hj-an : *£/-öw-Erweiterung,
wie im ahd. agazza 'Elster' neben aga).
Die erstere Ableitungsform ist in dem Beleg ämrinch bei
Konrad von Megenberg (Ed. Pfeiffer) S. 223 31 vorhanden ; im 16.
Jh. Emerling bei H. Sachs Kegim. der Yögel V. 175, Emmer-
ling bei Eber und Peucer Yocab. (1552) S. F 3 b, Eimmerling bei
Ostermanü Yocab. v. J. 1591 S. 336, darauf Eimerling bei
Henisch Teutfche Sprach (1616) Sp. 836 usw. Yon Popowitsch
Yersuch (1780) S. 159 wird Aemmerling für Österreich und
"mehr andere Gegenden" angegeben. Es ist dies die bairisch-
österreichische Xamensform, welche in Steiermark in der Form
Ammering l vorhanden ist, als Emmerling und Hemmerling 2 sich
in das schwäbische Dialektgebiet hineinstreckt und Ausläufer
in die mitteldeutschen Mundarten sendet. Für Sachsen kommen
außer dem Belege bei Eber und Peucer im 16. Jh. noch die
von Gesner Hist. avium (1555) S. 628 nach Agricola angeführte
Variante Hemmerling und die gleichlautende Glosse in Sibers
Gemma v. J. 1579 S. 41 in Betracht; später Aemmerling in
Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 61. Heute kommt Hamerling 3
in Thüringen vor.
Auf der anderen Ableitung amirizo, amiriza beruhen
Emhritz und Emmeritz, die Gesner a. a. 0. als heimatliche
Xamensformen angibt. Heute gelten die Varianten Ammeritz,
Emmeritze, Ämerze, Imbrütze 4 (doch auch Gelwamer, Gelivämmetli*)
in der Schweiz ganz allgemein, ebenso Emmeritz, Embritz 2 m.
u. f. auf dem schwäbischen Dialektgebiet. Der Labial in Embritz
ist als Übergangslaut aufzufassen ; die ältere Form war am{i)rizo.
— Nach Fischer a. a. 0. erscheint in Schwaben neben den an-
1 Unger-Khull 18. — 2 Fischer II, 702. — 3 Hertel 59.
4 Staub-Tobler I, 218 f.
Goldammer, emberiza citrinella, LOS
geführten Namensformen auch eine weit verbreitete Form
Lemerüz '; das vorgeschlagene l is1 hier "im«' Zweifel durch
eine falsche Auflösung des Kompositums Qt^-Emerüsi 'Gelb-
Ammer' entstanden.
Die alte einfache NTamensform amar(o) ist in den üund-
arten last nur in Zusammensetzungen erhalten geblieben, deren
erstes Glied die hochgelbe Gefiederfarbe am Kopf and unterteil
des Vogels hervorhebt Bereits in Glossen des L3. l I. Jhs. tritt
«las Kompositum goUamir auf (cod. Oenipont 355, L4b, cod.
Vindob. 3213, L16b in And. Gll. III, 25*), daneben die im
Anschluß an Hammer umgedeutete Form goli kam <■ in cod. Ups.
L06, 1 c (Ahd. Gll. III. 24 w ) und dann öfters belegt»; in mnd.
Bss. gdtamer. Im 1(5. Jh. wird Goldammer durch Eber und
Peucer Vocab. (1552) 8. F3b aus Sachsen bezeugt, daher auch
Goldammer in Döbels Eröfm. Jägerpr. (1746) S. 61 ; als schlesisch
wird dies.« Form von Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 228 be-
zeichnet Popowitsch Versuch (17S0) S. 158 nennt außerdem
noch Thüringen und Hessen als ihr Verbreitung^« 'l>i, ^ ; im
Nachbardialekt von Göttingen und Grubenhagen ist der Ausdruck
als Golddmel 3 m. oder als deminutives Goldöoemerken^ ebenfalls
vorhanden.
Übrigens reicht diese Namensform über das Hessische
in die Pfalz und tief in das Elsaß hinein. Auf diesem Gebiete
ist das Kompositum teilweise durch Assimilierung und Kontrak-
tion zu abweichender Lautgestalt gekommen. Schon im L5. Jh. 4
begegnet die assimilierte Variante GoUammer, die Gesner a. a. 0.
erwähnt; in Zehners Nbmenclator v. J. 1645 Vorrede v. J.
1609 S. 232 ist Golmar, bei Popowitsch S. 139 Gollmer m. (nach
Ludwig und Krämer) belegt. Heute kommen in Thüringen die
Formen Galanter, Gabner* m., in der nördlichen Pfalz Gohm
im Elsaß Gölammer, Galammei vor. — Etwas auffälliger ist die
Variante Gavlammer, die Gesner a. a. 0. aus der Straßb
Gegend anführt; zu der Ortsangabe stimmt Gatdhamer im Strass-
1 Fischer II. 702.
2 Vgl. Diefenbach-Wülcker Wb. S. 629. — 3 Schambach 67.
! Diefenbach Glossar. S. 28a. 283c s. v. amarellus und icter.
5 Hertel L08.
6 Pfalz. KI. s. 55, Heegcr Tiere im pfälz. Volksmunde II. 12.
104 Goldammer, emberiza citrinella.
bürg. Vogelb. v. J. 1554 Y. 446. Aus den heutigen elsäss.
Dialekten führen Martin und Lienhart Wb. I, 36 und 335
Gelgaulammer (Ingweiler) und Guelhammer (Illkirch) an. Eine
Anlehnung an Gaul scheint sicher vorzuliegen, aber befremdend
ist, daß diese Variante als goulammll bereits im 15. Jh. 1 zu finden
und im 16. Jh. auch in Baiern bezeugt ist. Hier gibt Ostermann
Yocab. v. J. 1591 S. 336 Gauleimer und Golammer als heimat-
liche Formen an, daher wohl Gauleimer I Golammer bei Henisch
Teutfche Sprach (1616) Sp. 836. — Bei Popowitsch Versuch
S. 158 gilt von den verschiedenen Varianten des Namens der
Goldhammer als die normale Naniensform ; sie wird als volks-
tümliche Form in der Pfalz von Heeger 2 angegeben. Die gleiche
Anlehnung an das Wort 'Hammer' hat auch der angelsächsische
Vogelname erfahren. Die Glosse clodhamer bei Wright-Wülcker
Vocab. I, 287 17 bedeutet nicht den Krammetsvogel, wie Sweet
in The Stud. Dict. S. 35 und Whitman The Birds of Old Engl.
Lit. XVII, 5 behaupten, sondern die Goldammer ; vgl. wegen des
ersten Kompositionsgliedes Goldie und Coldfinch 2, in heutigen
Dialekten.
In niederdeutschen Gegenden ist der alte Vogelname
meistenteils unbekannt; dafür begegnen hier andere Synonyma,
von denen der niederländische Name Gors bereits alt bezeugt
ist. Die ersten Belege zeigen, daß das Wort am Mittel- und
Niederrhein heimisch war. In dem lateinischen Texte des Albertus
Magnus (s. Gesner a. a, 0.) wird der Vogel 'citrina' erwähnt, "quam
alij gurfam, alij ameringam vocant". Einige Jahrhunderte später
taucht der Name in der zusammengesetzten Form gelegorse
(Horae belgicae 7, Nr. 5) 4 , gelegorsze (Vocab. v. Trochus 1517) 4 ,
gheylgoersz (Kölner Gemma 1507) 4 auf, darauf wieder in der
Umgebung von Köln eyn Geelgorft in Turners Avium hist.
(1544) S. F4a, eyn Geelgörß bei Longolius Dial. de avibus (1544)
1 Diefenbach-Wülcker Wb. S. 629.
2 Pfalz. Id. S. 55, Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 12.
3 Swainson The Folklore S. 70.
4 Diefenbach-Wülcker Wb. S. 624, Diefenbach Glossar. S. 159c. 164a.
413 c; die Belege gelegurze, ghelewurcze kommen hier nicht in Betracht,
da sie mit crucus glossiert sind und damit wohl crocus 'Safransblume'
gemeint ist.
Goldammer, emberiza citrinella
s. G 2a. Eber and Peucer erwähnen Vocab. (1552) 8. B8a l
gor ff. als eine ihnen geläufige Benennung ( M ©go «'.1111 efle
conijcio, quam uocamus "); der Bele edocfa nicht füi
Sachsen in Anspruch genommen werden, denn achon die Ortho-
graphie beweist, daß er ?on Turner herstammt Gesner a.a.O.
spricht die Vermutung aus. daß diese Namensform nieder-
deutsch sei; Popowitsch führt das Kompositum nach alteren
Quellen an, daneben aber auch die einfache Form der Gert
als "altes Wort". Eranck hat im EtWb.S.310 fVir oiederläncL
Gort an Zusammenhang mit »/ras -«'(lacht, dabei geht er aber
von der unrichtigen Annahme ans, dar» die alte Bedeutung des
Wortes 'Grasmücke* gewesen sei Die vielfach vorkommende
Verwechslung der Grasmücke (curruca) und der Goldammer in
den Vokabularen beruht offenbar darauf, dal) beide Vögel als
Pflegeeltern des Kuckucks gelten. Dieses Verhältnis zum Kuckuck
tritt zum Vorschein in dem von Gesner zitierten alten Sprich-
wort: "Du loneft mir wie der Guckauch dem Gorfe" (auch
. . . "wie dem Guckauch die Gorfe", vgl. S. 35(3. 628), wobei
Gesner Gors mit curruca übersetzt. Nur im Niederländischen
ist der Name Gors oder Geelgors, für den bis jetzt eine sichere
Deutung fehlt, unverändert erhalten geblieben. Aber seine weitere
Verbreitung in Niederdeutschland geht hervor aus den Aus-
drücken Geele Girsch 1 (um Neuwied) und Gälgerft (Gä!gat*ch,
Gülyäsk)' 2 in Altmark, welche als Umdeutungen des alten Namens
im Anschluß an Girsch oder Gdeseke 'Girsch, Geißfuß 1 einerseits
und Gerste andererseits aufzufassen sind. Sonst wird die Gold-
ammer in niederdeutschen Mundarten vielfach als e (ielhgan>'
benannt. Gesner kennt Galgen fiken durch seine Rostocker Kor-
respondenten. Heute heißt der Vogel Gelegös, Gelgäseken* in
Westfalen, Gelgösch 1 in Lübeck, Gellgaus* in Mecklenburg,
Geäle Gaus in der Mark, Gelbgüsse! 1 in der Ukermark usw.
Möglicherweise beruhen auch diese Ausdruck»' ursprünglich
auf der Benennung Gelegors. Zum ersten Mal ist Gelegose in
den Eorae belgicae (Diefenbach Glossar. S, 413c) bezeugt
Von den sonstigen Bezeichnungen der Goldammer knüpfen
1 Schiller zum Tierbuche II. 11. — 2 Danneil 60.
3 Woeste 75. — 4 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprach. XVI. 83 f.
106 Goldammer, emberiza citrinella.
die meisten, ebenso wie die vorhinerwähnten Komposita, an die
gelbe Farbe des Vogels an.
In Gesners Hist. avium S. 628 werden von derartigen Syno-
nyma Gilbling (ohne Ortsangabe) und Güwertfch, Gilberifchen
(heute in der Schweiz Gilwerich, Gilberisch, Gilbrätsch, auch
Gilber, Gilwer 1 ) aus Freiburg im Breisgau erwähnt. Es sind
wohl diese Xamensformen analogisch mit (Gelb-) Emmerling und
(Gel-) Emmeritz gebildet; nach dem letzteren Typus auch Schwab.
Gelitz (zu gel e gelV). In Preußen heißt der Yogel Gelbbauch
oder Gelbauch und Gelbfink 2 , wozu Gelpfiter (zu Pfit 'Fink')
in Stüelingen (Schwarzwald) eine Parallelbildung ist. In der
Grafschaft Ranzau heißt die Goldammer Gelkomesch'% das im
Korrespondenzblatt XVI, 83 als 'Gelbkopfmeischen gedeutet
wird; eher zu Musch (Gelkomusch = Gelbkopfsperling). Der
westfälische Name Gelemätte* beruht auf der Koseform des
Eigennamens Margarethe oder Mathilde; luxemburg. Gielhännsjen 5
m. ist eigtl. e Gelbhänschen'. Sonst heißt der Vogel in Luxem-
burg auch Gielemännchen b oder Gieleker 5 m. Nicht ganz klar
ist der Ausdruck Grinschling* im Anhaltischen, Grünschling,
Grünschleng 1 in Preußen, Grinsling 6 im Brandenburgischen,
nach Adelung (1774) I, 219 Grünzling in der Mark; bei Colerus
Oecon. rar. (1603) Gründschling 8 , bei Döbel Eröffn. Jägerpr.
(1746) S. 61 Grünschling. Schles. Golitschke d. Phil. a. a. 0.
suoiahti. Vogelnamen. 8
114 Bergfink, fringilla montifringilla.
fenden Glosse werden mehrere Einkenarten zusammengeworfen.
Schwenkfeld, der in Ther. SQ. (1603) S. 229 auf die Quec-Quec-
Laute hinweist, gibt Quecker als schlesisches Wort ; darauf Quecker
bei Aitinger Berieht v. d. Yogelstellen (1631) S. 162 und Hoh-
berg Adeliches Land-Leben (1687) II, 799 Kap. CXX, Quäcker
in der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 248 und bei Döbel
Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 61. Wie aus den erwähnten Zeugnissen
hervorgeht, ist der Ausdruck vorzugsweise auf ostmitteldeutschem
Boden heimisch; heute in Thüringen und dem nördlichen Böh-
men 1 Quäcker 2 , in Göttingen und Grubenhagen und Preußen *
Quceker^ m., aber auch auf Helgoland der Queker 5 .
In Baiern und in der Schweiz lautet der entsprechende
onomatopoietische Name Gegler 6 (zuerst bei Hans Sachs Regim.
der Yögel V. 189), in Tirol Gäggezer 1 . Auf das zerrende Ge-
schrei des Yogels bezieht sich ferner noch der Ausdruck Zehr-
ling in Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 61 ; vgl. Zerrer, Ziering
'Misteldrossel' S. 60.
Die Benennung Igaivitz (Igowitz, Igaivitzer) 8 , welche in Mittel-
und Oststeiermark für den Bergfinken gebraucht wird, ist
entlehnt aus dem gleichbedeutenden czechischen Namen jikavec.
Eine Nebenform mit unorganischem n im Anlaut (wie Nigel
für Igel usw.) ist Nigoivitz, Nigowitzer 8 . Diese ist schon bei Hoh-
berg Adel. Land-Leben (1687) II, 799 Kap. CXX als Nickawitz
belegt; in der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 248 wird Nica-
bitz als österreichischer Name des "Quäckers" erwähnt. — Auch
das österreichische Synonymon der Pienk 9 ist eher als Ent-
lehnuni: aus dem Slavischen denn als eine direkte Nachbildung
des Lockrufes des Buchfinken zu betrachten; vgl. S. 109 f.
In der Literatur des 16. Jhs. begegnet der Ausdruck Ro-
wert als Bezeichnung des Bergfinken. Das Wort ist aus Turners
Avium bist. (1544) S. D 6a abgeschrieben, wo es als deutsche
Benennung des Yogels angeführt wird. Der Yogelname ist iden-
1 Zs. f. d. Phil. XXI, 210. — 2 Hertel 187.
3 Frischbier II, 19G. — 4 Schambach L63.
5 Frommann D. Mundarten III, 32.
6 Schmeller-Frommann 1,882 u. Staub-Tobler 11,140.
7 Frommann D. Mundarten IV, 54. — 8 Unger-Khull 865. 478.
9 Schmeller-Frommann I, 394.
Distelfink, fringilla cardaelii I 16
tisch mit dem Eigennamen Robert und bildet also eine Parallele
zum schwül». Jockei^ steir. Jakel : Jogget. Doch liegl der Verdacht
nahe, daß der in Köln lebende Engländer Turner den Vogelnamen
aus seiner Seimal kannte, di-ww in englischen Dialekten ist /«'"-
berd 1 ein Name des Buchfinken, in Deutschland finden -ich aber
keine weiteren Beziehungen dazu.
Distelfink, fii nv illa carduel i -
Ahd. distilfi n<'<» : Sg. Nom. — thistilfinco caxduelus : cod. SGalli
242,248b. cod. SGalh' 299,26. thütil uineo aealantida: Vergil. G
III. 338: cod. Parisin. 9344, 29a. distilflncho ; cod. Vatic. Reg. 1701,
2b. Versus de volucr. distiluincho : cod. Selestad. 110a. II S. III.
17. Xle. 'Hstiiui, *cho\ cod. Lambac. cart. 291, La diatüuinco
lantis el carduelis: cod. sem. Trevir. R. III. 13, 103a. H. S. XI, i 2,
achalantus cardnelis I cardueüus : e.distüuinez*: Gll.Salom.al :
cod. Admont. .">. t9a. <iistehiinke: cod. Cheltenham 7087, 1
Der Distelfink ist nach dvn Disteln benannt worden, deren
Köpfe er plündert, um sieh von den Samen zu nähren. Ebenso
gehört der lateinische Name cardnelis (ital. cardello. frz. char-
donneret) zu cardnns "Distel*.
Eine ähnliche Benennung wie Distelfink aus ahd. '//>•//'/-
/?'///ro (mndl. nndl. distelvink\ auch engl. dial. ihisüefinch) ist ahd.
distilztoi distilzuui carduelus: cod. Yatican. Reg. 1701,2 b. achanthis
auis i.: H. S. Xlh: fragm. mus. germ. acc. 42517, lc. distüziu:
Clm. 14689f. iTai. Diese Variante hat eine Entsprechung im
gleichbedeutenden ags. pisteltwige (linetmge 'Hänfling'), welches
die ältere Lautform bewahrt Der zweite Teil des Kompositums ist
eine Ableitung von ahd. zwiön\ zwetön 'rupfen, pflücken* (mhd.
zwigen 'abzwicken, pflücken*; vgl. auch mhd. zwicken "rupfen,
zerren' - ags.ttmccian Mass. 5 ), sodaß der Name eigentlich "Distel-
rupfer* 8 bedeutet. Die erst im 11. Jh. bezeugte Form distüzwi
hat bereits eine volksetymologische Umbildung in Anlehnung
an zwt 'Zweig' erfahren. Dagegen hat man wohl in distüwizo
in cod. Elorent Wl. 5, 92a (Ahd. (.11. III. 296 18 ) für Hidüzwte
1 Swainson The Folklore S. 63.
2 am z geändert. I. dustiluinco (Sievers). Vielleicht hat aber di
läge distüzuuie gehabt.
3 Vgl. Weigand Zs. f. d. A. IX. 392.
8*
116 Distelfink, fringilla carduelis.
die ursprünglichere Lautgestalt zu sehen. Eine abweichende
Bildung ist ags. pisoeltunga 1 , dem mhd. distelzwang entspricht.
Auch hier bewahrt das Angelsächsische die ältere Bildimgsweise
gegenüber dem bereits umgestalteten mittelhochdeutschen Worte.
In seinem zweiten Bestandteile enthält das Kompositum eine
Ableitung von ags.tivengan 'rupfen, zerren' = ahd. zwangen ; die
Bedeutung dieser Namensform ist also ebenfalls e Distelrupfer\
Aber noch eine dritte ahd. Variante scheint aus demselben
seniasiologischen Ausgangspunkt zu deuten zu sein. Der Vocabu-
larius SGalli (cod. SGalli 913, 203) bietet die Glosse zimistilauin™
cardelle, die Kluge in seinem Etymol. Wb. 6 s. v. zwitschern
als 'Zwitscherfink' erklären möchte, indem er darin eine germ.
Wurzel Huis 'zwitschern' vermutet. Doch fragt es sich, ob nicht
hier vielmehr eine Parallele zu den vorhingenannten Varianten
vorliegt, denn zwistila- kann als Ableitung von dem Stamme
Hwist- mit der Grundbedeutung 'spalten' (anord. tvistra 'zerteilen',
ags. ttoislian, westfäl. tuisseln 'spalten') aufgefaßt werden.
Heutzutage ist der Ausdruck Distelfink sowohl auf hoch-
wie niederdeutschem Sprachgebiet allgemein verbreitet In
der Schweiz ist daneben auch die Namensform Disteli 2 . im
Elsaß DischeU Dissele, Disserle* (neben Dischelfink 3 ) vorhanden.
Diese Formen sind als Kurzformen des zusammengesetzten Vogel-
namens zu verstehen, ähnlich wie Schweiz, ßeckholter für Reck-
hdtertrostel, elsäss. Mistel für Misteldrostel vgl. S. 60. 63.
Die alten Varianten distilzwi und distelzivang (zuerst
tistelzwang folium Francofurtense in Ahd. Grll. III, 31 54 ) sind
in der Schweiz, im Elsaß und in Schwaben heimisch, vgl.
schweiz.-elsäss. Distelzwig 3 (zuerst in Ryffs Herb. Alberti
(1545) S. I 5 b Distelzweig\ Schwab. Distel ziveiglehu Distelztring-
Uin x \ s. auch Grimms YYb. II. L197. Der schweizerisch-schwä-
bische Ausdruck Distelvogel, welcher im 16. Jh. bei KyfT a. a. 0.
und Gesner Rist, avium (1555) S. 236 begegnet, ist schon im
13. Jh. Ahd. (Ül. III. 71 I ■■■ bezeugt
Aus der Rostocker Gegend führt Gesner Hist. avium
1 Nur einmal belegt in den Glossen Zs. f. d. A. XXXIII, 241.
2 Staub-Tobler I, 868. — 3 Martin-Lienhart II. 720. 723. 92H.
4 Fischer Ji. 232.
Distelfink, fringilla cardoelis. 1 17
(15Ö5) 8. 236 den tarnen Roikögelken d. h. Rotkäppchen (rahd.
hogel 'Kappe') als Bezeichnung des Distelfinken an; «regen dec
roten Kopfbandes hat der Vogel auch in englischen Dialekten
die Namen redcap oder King Harry Redcap 1 . Bei den deutsch
redenden Rhätiern soll der Distelfink, wie Gtesner sich zn er-
innern glaubt, Turm heißen; als Friesischen Ausdruck bezeichnet
er Pettcr. vgl. ostfries. Pütterke in den Jahrb. f. udd. Sprachf.
XI, 113. Bin Luxemburgisches Synonymon für den Distelfinken
ist Goldtrilchen* m. oder Goldschmatt* m. (d. h. Goldschmied); der
letztere Ausdruck ist identisch mit mittellat. aurifieeps 1 auri-
ie\ . womit Goldfink (Dompfaffe) glossiert wird.
Eine weite Verbreitung hat dasslavische Lehnwort Stieglitz
erhalten, welches im 12. Jh. aus dem sloven. idegljec* 'J)i>t»'l-
fink' entlehnt wurde. Das früheste Zeugnis von dem Worte
auf deutschem Sprachboden gibt Albertus Magnus inDeanimalibus:
"Carduelis est auicula parua que carduis insidet que apud
nos diftelfinch apud quosda v-o ftygelicz ab imitatione vecatur
vecis". Die ältesten Eandschriften der Versus de volucribus
schreiben distilfinco, vom 13. Jh. an erscheint daneben das
Fremdwort in den <»stmitteldeutschen und bairischen Abschrif-
ten, vgl. disteluinch. stigliz cod. Ups. Paulin. 106, 1 d. sti(/lif; t
distelvinch cod. Mellic. K 51, 242, *figlitz. distelvink cod. Oeni-
pont, 355, L5a, stigelicz distelvink: cod. Vindob. 3213, L16b,
stiglite Cgm. 649, 526b, stiglicz Clm. 3537, 330b, cod. Vindob.
L2840, 2b, stigliz Clm. L2665, L42c, stiglite cod.Yindob. L325,
107a. stigdiez Clm. 4350, : ( >a (Ahd. (dl. Ml. 31' * n '\ stiglicz Clm.
:*5;!7, 380b (Ahd. (dl. 25±). Im Niederdeutschen ist Str., c)litze.
Stegdisse seit dem 15. Jh. bezeugt 4 .
Im 16. Jh. wird SHgditz neben Distdfinck von Turner
Avium bist. (1544) 8. C 2a angeführt, Eber und Peucer Vocab.
I L552) S. K 5a halten ebenfalls Stiglitzen neben Diftdvincken\ für
Schlesien wird das Fremdwort Stieglitz von Schwenkfeld Ther.
1 Vgl. Swainsoo The Folklore S 68
2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 1 ES
3 = czech. stehlik, poln. szczygiet.
I Vgl. Diefenbach-Wülcker Wb. S. 866 und Jb. f. ndd. Sprachf . VI.
127. XVI. 113.
118 Erlenzeisig, fringilla spinus, chrysomitris spinus.
Sil. (1603) S. 233 als die übliche Benennung des Vogels bezeugt.
Aber Gesner kennt es nur aus seinen literarischen Quellen. —
Teilweise umgestaltet scheint der Ausdruck heutzutage im ganzen
östlichen Deutschland und am Mittelrhein sich in den Mund-
arten eingebürgert zu haben, vgl. bair. Stigelhitz 1 , thüring.
Sdeleze 2 , preuß. Stieglitzk z , mecklenburg. Stiegellitsch*, in Ham-
burg und Holstein Steüitseh*, auf Helgoland Siblitschvink-\ in
Altmark Stiglitsch 6 und in Luxemburg Stirlitz 1 m.
Erlenzeisig, fringilla spinus, chrysomitris spinus.
Der heute in Deutschlau d allgemein gebrauchte Ausdruck
Zeisig ist, ebenso wie Stieglitz, ein östliches Lehnwort, dem czech.
ciz, cizek (= poln. czyz, russ. cizü) zugrunde liegen. Auf den
beiden czechischen Parallelformen beruhen mhd. ztse (schon bei
Gottfried von Strassburg) und zisic (zuerst bei Albertus Magnus
De animalibus : quoddam autem croceum paruum quas vulga-
riter cisich vocatur) und mnd. *sise {czitze\ sisek, mndl. sijs\ dän.
sise (alt) und schwed. siska sind aus dem Niederdeutschen über-
nommen. Die kürzere Namensform, als zijs (cicendula, cincedula)
in Clm. 614, 31b und czeis in Clm. 11481, 83 a (Versus de volucr.)
überliefert, ist in Steiermark als Zeis* m. vorhanden. Sonst ist
das Fremdwort in der Form Zeisig oder in der vorzugsweise
oberdeutschen Weiterbildung Zeislein, Zisle verbreitet. Die letzt-
genannte Namensforni erscheint in den Glossen zeisel cod. Mellic.
K 51, 242, czeislen: cod. Gotting. Luneb. 2 f. 181 ab, caiselin Clm.
4350, 3 a und in anderen Belegen bei Lexer Mhd. Wb. III, 1135.
Im 15 u. 16. Jh. ist der Ausdruck ganz geläufig : zeyßlein im
Vocab. theuton. (1482), S. pp 5 a, zißlin in Bracks Vocab. (1495)
S. 49 a, Zeißle bei Pinicianus Prompt. (1516) S. C 2 b, Zißlin im
Strassburg. Vogelb. (1554) V. 409. Auffällig ist die Nebenform
Zinsle bei Gesner S. 1, Zinßlein bei Golius Onomasticon v. J. 1579
Sp. 293. Heute ist Zisel, Zeisel in Oberdeutschland allgemein,
1 Schmeller-Frommann II. 743. — 2 Herlei 235.
3 Frischhier 11, 371.
4 Korrespondenzbl. f. ndd. Spraclif. XVI, 84. XVII, 3. 4.
5 Frommann D. Mundarten III, 32. — 6 Danneil 212.
7 Wb. d. Luxemburg. Mundart 425. — 8 Unger-Khull 647.
Bmthanfling, fringilla cannabina, acanthii cannabina. iü>
auch in der Pfalz Zetsel^Zeia^rle 1 and in Luxemburg ZeMchen 1 m.;
8chwenkfeld Ther. Sil. (1603) 8. 297 gibl alß BchJesische Formen
Zeifel und Zeisich. Die letztere isl die eigentliche mitteldeutsche
Lautform; daneben auch schles. Zei '.< '. preuß. Ztsfo 4 ndd.Ztaü
(in Altmari auch Zickrdütach*). An odd. stsiktn 6 (im Münster-
kreise Siesken 1 ) tnitteld. cisichin /.. B. im Kölner Doppelbl. Ahd.
GH. III, 39 11 , thüring. Zi^m* stammen engl, sieben, dftn. .w /■<„.
.svs//r// (älter miken).
Andere Namen für den Zeisig sind selten. Nach Tarnen
Avium bist. (1544) S. F 11) ><>II der Vogel von einigen Engel-
chen genannt werden. Martin und Lienhart führen Wb. I.
aus Colmar das Synonymon \\ r <thlhüsele an.
Von seiner Vorliebe für Erlen, deren Samen er frißt, hat
der Zeisig den Namen Erlenzeisig erhalten; Hohberg Adeliches
Land-Leben II. 802 Kap.CXX gebrauclit (\en Ausdruck Erlenfinck.
Blnthänfling', fringilla cannabina, acanthis cannabina
Wie der Distelfink nach seiner Lieblingsnahrung benannt
worden ist, so bat auch der Hanffink oder der Hänfling seinen
Namen von den Sämereien erbalten, welche er verzehrt; daher
heißt der Vogel im Französischen Unotte. im Russischen kofUh
pljanka (zu konopeli 'Hanf') usw.
Die mhd. Komposita haneffinke (= mnd. hanepvinke 9 im
Lübecker Schulvokab. v.J. 1 r> 1 1 ) und Jianefvogel (bei Hohberg
Adel. Land-Leben IT. 801 Kap. <X\ Hanfffink oder Hänfling)
fehlen in den meisten heutigen Mundarten. Diese benennen
den Voi^el mit Namen, welche als Ableitungen von Hanf ge-
bildet sind. Im Mittelniederdeutschen erscheint zunächst die
-föfi^a-Bildung hennepling : welche besonders dem nieder- und
mitteldeutschen Sprachgebiete eigen ist: in Mecklenburg Hömp-
Unk 1{ \ in Altmark llämpl'uuj. Hämperling ll : in Göttingen und
1 Heegei Tiere im pfälz. Volksmunde 11. 11.
2 Wb. d. Luxemburg. R!undar1 199.
3 Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. los.
4 Frischbier II. 495. — ö Danneil 232.
6 .Ib. f. ödd. Sprach! XVI. 11:;.
7 Korrespondenz!)!. I'. odd. Spracht XVI, 80. — 8 Hertel 263.
9 Jb. f. ndd. Sprachf.XVI, 113; die Handschrift schreibl Häneprinke,
10 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84. — 11 Danneil 74.
120 Bluthänfling, fringilla cannabina. acanthis cannabina.
Grubenhagen Hemperling l 5 in Thüringen Hemperling und Hamp-
flch 2 , in Hessen Henfterling* (im Poet Staarstecher (1730)
S. 158 Hämpferling), in Schlesien Henffling (Schwenkfeld Ther.
Sil. (1603) S. 294); ans dem Niederdeutschen ist das Wort als
hämpling ins Schwedische übernommen. — In der bairisch-
österreichischen Mundart entspricht eine ^«-Bildung: bair.
Häuf dein 4 *, österr. Hanöferl b , steir. Hanefel m., Haneferl* n.
Eine synonyme Variante ist Flachsfink 7 im Elsaß, Flues-
f enkelchen 8 in Luxemburg, Flassfinke 9 in Westfalen, vlasvink
in Holland; im 16. Jh. Flasfink in Turners Avium hist.
(1544) S. I lb, Flacksfinckle in Ryffs Tierb. Alberti (1545)
S. K 6, Flachsfinck im Strassburg. Yogelb. (1554) V. 469, bei
Gesner Hist. avium S. 567 Flachsfinck und Lynfinck.
Eine niederdeutsche Bezeichnung des Hänflings ist Arische,
Ärtje 10 in Göttingen und Grubenhagen, Art seh (Grauarisch n )
in Altmark, Arische 12 f. in Fallersieben, Frische, Ertseke 13 in
Holstein. Irdisk u auf Helgoland. Die Annahme von Falk und
Torp Et. ordb. I, 333, daß dieser Name mit anord. ertla 'Bach-
stelze' und weiterhin mit anord. arta 'Krickente' zusammenhängen
würde, ist nicht richtig. Die älteste gemeinsame Form, auf
welche alle Dialektvarianten zurückgehen, ist mnd. ertse{ken)
(Ratsversamml. d. Tiere Ed. Bruns 15 ) oder vielmehr yrfz(ke) im
Lübecker Schulvokab. v. J. 1511 (Jb.f. ndd. Spracht XYI, 113), und
diese Form ist eine Entlehnung aus gleichbedeutendem czech. jiric.
Das Lehnwort, das in Lübeck und der Grafschaft Ranzau noch
als Iritsch 10 (> dän. irisk(e)) bewahrt ist, gehört zur selben Gruppe
östlicher Entlehnungen wie Zeisig, Stieglitz u. a.
Wegen der grauen Farbe des Gefieders nennt man den
Hänfling in Hessen Grohenfterüng 11 , in Altmark Grauartsch 1 *,
1 Schambach 79. — 2 Hertel 114.
3 Saul Beitr. zum Hess. Id. S. 9. — 4 Grimm Wh. IV, 2. 435.
5 Zs. f. d. Phil. XXI, 212. — 6 Unger-Khull 327.
7 Martin-Lienhart I, 122. — 8 Wb. d. Luxemburg. Mundart 113.
9 Woeste 302. — 10 Schambach 13. — 11 Danneil 7.
12 Frommann D. Mundarien V. 50.
13 Korrespondenz};!, f. ndd. Sprachf. XVII. 3.
14 Frommann D. Mundarten III, 32. — 15 Schiller-Lübben Wb. I, 733.
16 Korrcspondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83. XVII. 2.
17 Saul a. a. 0. — 18 Danneil a. a. 0.
Leinfink, rringilla Linaria, acanthu linaria. 121
in der Grafschaft Ranzau QrauiriUeh 1 ^ während wieder der
Alpdruck Blaudartoche* in Göttingen und Grabenhagen auf
die blutrote Stirn- und Brustfarbe des männlichen Vi
weist. Darauf bezieht sich ebenfalls der ostfriesische Name
l\nhhttjr\ den schon Gesner a.a.O.S.567 in der Form Rubin
kennt — Die verschiedene Färbung des männlichen und weib-
lichen Vogels hat gelegentlich zu der Annahme geführt, daß
von den Hänflingen zwei verschiedene Arten existierten, Bei
Eber and Peucer Vocab. (1552) 8. V s '> werden dafür die
Namen Zigdhemfßing und Heidenhemffling angeführt ; der
eretere Ausdruck bezeichnet das Männchen nach der ziegelfar-
bigen Brust.
Als 'Sperling' benennt t\rw Hänfling der ndd. Name Hemp-
lühnke 4 (ostfries. Hemplüning) ; vgl. schwed. dial. hampetäkling
(Rietz Svenskt Dialektlexicon S. 240). Luxemburgische Dialekt-
worte sind Wangerts/1 lies fenlel che >t : > und Grosangsvilchen* in.
Bin straßburger Dialektname für den Hänfling i>t Gyntd,
den Gesner a. a. 0. S. T « > ; 5 verzeichnet. Hei Wickram Pilger
3670 (IY, 241) begegnet das sonst nicht nachweisbare Wert
in der Form GinÜin.
Leinfink, fringilla linaria, acanthis linaria.
Bin naher Verwandter des Hänflings ist der Leinfink
oder (U}v Birkenzeisig, welcher in Deutschland nur als Durch-
zugsvogel erscheint Seine Wanderzüge linden ganz anregel-
mäßig statt, und da, wo die Scharen der Birkenzeisige plötz-
lich erscheinen, wird dies vielfach als ein Dnglückszeichen
aufgefaßt und mit Tod und Pest in Zusammenhang gesetzt
Daher erklärt sieh deT Name Toten vogel. den Schwenkfeld Ther.
Sil. (1603) S. 344 anführt. Auch andere abergläubische Vor-
stellungen knüpfen sieh an die streichenden Birkenzi
Schwenkfeld erzählt a.a.O.. daß bei den schlesischen Dauern
geglaubt wird, daß die Vogel aus Mäusen entstehen und im
Frühjahr wieder zu Mäusen verwandelt werden, weil man sie
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 2.
2 Schambach a. a. 0. : , > Jb. f. ndd. Sprachf. XI. 113.
i Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII. 3.
.") Wh d. Luxemburg. Mundart 156. 175.
122 Leintink. fringilla linaria, acanthis linaria.
im Sommer nicht mehr sieht. Deswegen werden sie denn auch
von den Bauern Meusevogel genannt. — Wegen der streichenden
Lebensart faßt man die Leinfinken in vielen Gegenden als
überseeische Yögel auf, ähnlich wie Seidenschwänze, Mandel-
krähen und andere sporadisch auftretende Vogelarten. In der
Angenehmen Land-Lust (1720) S. 158 wird für sie der Name
Meer-Zeißlein verwendet. Popo witsch Y ersuch S. 477 bezeugt
den Ausdruck Meerzeisel für Österreich, Baiern und Franken,
Unger-Khnll Wortsch. S. 456 führen Meerzeiserl aus Steiermark
an. Der Name wird in einigen Gegenden auch auf verwandte
Yögel übertragen, vgl. Zs. f. d. Phil. XXI, 211.
Gesner, der in Hist. avium S. 568 den Leinfinken als einen
seltenen Gast in der Schweiz bezeichnet, nennt ihn mit dem
Namen Schöfferle, welchen er von den Vogelstellern gehört hat
und erwähnt dazu die Variante Tschütscherle, die ihm aus Nürn-
berg bekannt ist. Dieser Ausdruck ist in zahlreichen Variationen
auf deutschem Sprachboden verbreitet. Die nürnbergische Na-
mensform begegnet als Zötscherlein bereits bei Hans Sachs Regim.
der Vögel (1531) V. 169. Aus Sachsen wird Zötfcherhn durch
Eber und Peucer Vocab. (1552) S. F 7 b und aus Schlesien durch
Schwenkfeld a. a. 0. bezeugt; ein älterer schlesischer Beleg v.
J. 1583 ist TschetscherleinK Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 64
schreibt Zitscherling oder Zicitscherling ; heute in Schlesien Tschcet-
scher, in Thüringen und Steiermark der Zetscher 2 . Bei Hohberg
Adeliches Land-Leben (1687) IT, 801 Kap. CXX lautet die
österreichische Namensform Tschekerle, bei Klein Hist. av. prodr.
(1750) S. 99 wird die Variante Tschetzke als preußisch auge-
geben, in Litauen "mundgerechter" Schefschke, Scheschke ($. Frisch-
bier Wb. IL 414). Im nördlichen Böhmen ist Tschädschlich 3 die
übliche Lautform, in Anhalt das Schatteten*. - I 'hytraeus No-
menclator (1582) S. 376 führt den Namen in der Form Schnetz
an. Die von Gesner angeführte heimatliche Form, welche heute
in der Schweiz als Schössli (Bluetschössli)'' vorkommt, ist schon
in der Glosse Scheßlin (canapellus) in Bracks Vocab. (1495) S. 49a
1 Frommann D. Mundarten IV, 189.
2 Hertel 263, Ünger-Khull 645. — 3 Zs. f. d. Phil. XXI, 211.
4 Naumann-Hennicke III, 301.
5 Slanb-Tobler I. 868 s. v. Ltnfink.
Leinfink, fringilla linaria, acanthia lim 128
belegt; nachher Gefchößlin in Ostermanns V\>cab. (1591) 8. 335.
— Diese letzteren Namensformen, Eür welche in Grimma Wb.
b. t. Schösserle Zusammenhang mit schiessen vermutet wird,
können von den vorhingenannten nicht getrennt werden; sie sind
ohne Zweifel all«' auf denselben Ursprung zurückzuführen. Eine
direkte Bildung dieses Namens im Anschluß an den Lockruf des
Vogels, welcher nach Naumann tschüttschütf lautet, wäre denk-
bar. Zieht man aber in Betracht, daß der Birkenzeisig in Deutsch-
land kein einheimischer Vogel ist, dagegen in «hat slavischen
Ländern sehr häufig ist, so darf man die deutschen Namens-
varianten als Entlehnungen ans dem czech.-poln. Synonymon
cecrtka, (ruSS. crcrtü) betrachten. Dafür spricht auch der 1 in-
stand, daß der Name in den westlichen Gegenden von Deutsch-
land fehlt Demnach reiht sich Zötscherlein an die Namen St,r>i-
litz, Zeisig, Iritsch, Ikawetz an, welche ihre Heimat in den sla-
vischen Sprachen haben.
Eine österreichische Bezeichnung des Leinfinken ist
Gradein bei Hohberg a. a. 0., Gräslein, Gräßlein in der An-
genehmen Land-Lust (1720) S. J und 158, Graset nach Popowitsch
Versuch S. 477 um Wien: Gesner (S. 248) kennt den Ausdruck
in der Form Greßling. Der Xame begegnet als grezel schon in
dem mhd. Gedichte 'Jüngling' Konrads von Haslau V. 259
(Zs. f. d. A. VIII, 558). Mhd. gre/cL nhd. Gressling sind abgeleitet
von mhd. gra^ Tannen- und Fichtensprossen' und beziehen sich
ebenso wie Henfel, Hänfling {zw Hanf) auf die Nahrung des V
Dem Hänfling kommt der Leinfink in der Färbung ziem-
lich nahe. Auch der männliche Leinfink hat eine rote Brust
und ein rotes Stirnhand. Auf dieses bezieht sich der Ausdruck
Rotblettle (zu mhd. Uate *Kopfplatte') bei Golius Onomasticon (1579)
Sp. 292, Rotplättlein bei Popowitsch a. a. ()., Plättlein-Ztitig hei
Schmeller-Frommann II, 1 15(i. — Oft wird der Vogel zu d<>\\ Hänf-
lingen gezählt und als Rothänfling oder Heiner Karminhänfling
von dem gemeinen Hänfling oder dem Steinhänfling (Ange-
nehme Land-Lust (1720) S. 341, Popowitsch 8.475) unterschieden.
(lesnor führt (S. 568) das Synonymen Stoc/:Jienfiing an- der
Gegend um Frankfurt am Main an. In Steiermark wird auch
der Xame Steinzeiscrl ' gebraucht
1 Unger-Khull 573.
124 Zitronenfink, fringilla citrinella, chrysomitris citrinella.
Das Wort Ziserinchen, welches Popo witsch a. a. 0. als
Bezeichnung des Leinfinken anführt, ist romanischen Ursprungs :
frz. sizerin, ital. sizerino.
Zitronenfink, fringilla citrinella, chrysomitris citrinella.
Die eigentliche Heimat des Zitronenfinken ist in den süd-
europäischen Ländern. Nach Naumann-Hennicke III, 288 ist
er auch in der Schweiz, in Österreich und Tirol nicht selten
und geht in Deutschland bis zu den Gebirgen Norddeutschlands,
Schlesiens, Sachsens und Thüringens herauf.
Gresner 1 nennt den Vogel mit dem italienischen Namen
citrinella, den er aus Trient und anderen Gegenden in Italien
kennt; im Index des Vogelbuchs ist Zitrynle unter den deutschen
Benennungen erwähnt. In Baiern begegnet Zitrinlein bei Hans
Sachs Regim. der Vögel (1531) V. 120; darauf Citrinlein bei
Golius Onomasticon (1570) Sp. 291, Citrynlin in Ostermanns
Vocab. (1591) S. 335, Citrinlein bei Hohberg Adel. Land-Leben
(1687) II, 806 Kap. CXXI. Bei Chvtraeus Nomenciator (1581)
S. 371 Citrinichen, in der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 196
Citrinigen. Heute gilt Zitrenl 2 in Tirol und teilweise in der
Schweiz; hier werden die Zitronenfinken auch Schneevögel*
genannt.
Haussperling, fringilla domestica, passer domesticus.
Ahd. sparo: Sg. Nom. — sparo passer: cod. SGalli 913, 200b.
cod. SGalli 242, 248b. cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4P f. 89a. cod.
Vatic. Reg. 1701, 2 b. Versus de volucr. H. S. III, 17. cod. Selestad.
f. 109 b. Notker Ps. 83, 4. 123, 7, 101, 8 (Glosse). Notker WPs. 101,
8 (3 Mal). 123, 7. sparo: Notker Ps. 83, 4. 101, 8 (2 Mal), spar:
Versus de volucr. — Dat. — (mit demo) sparen: Notker WPs. 101,
8. — PI. Nom. — sparen: Notker Ps. 113, 7. sparen: Notker WPs.
10, 2. 113, 7. — Dat. — sparon: Tatian 44, 20. — Akk. — sparon:
Tatian 44, 20.
Der Name des Sperlings ist gemeingermanisch, vgl. ahd.
sparo, mlid. spar(e), mnd. nur in der Ableitung sparUnk, sperlink,
ags. spearwa, me. sparwe, ne. sparrow, got. sparwa, anord. spprr,
1 Hist. avium S. 248.
2 Frommann D. Mundarten IV, 52. — 3 Staub-Tobler I, 696.
Haussperling, fringilla domestica, pasaei domesticos. L86
d;in. sperrt?, Bchwed. tparf. Im urdeutscheu Paradigma sparwo-:
*apar(ic)un konnte w lautgesetzlich Bch winden, wodurch die
Nebenform ohne w erklärt wird, welche im ah& s/mm. mhd.
tpar{e) (neben mini, gpartoe im 15. Jh. 1 und sparwdri 'Sperber')
vorhanden ist
\)i>\- germanische Name isl urverwandt mit altpreuß.
spurglis 'Sperling' (sperglas in sperglawanags 'Sperber*), griech.
CTrtpTOuXoc 'kleiner Vogel', crrop-fiXoc Mass.' (J. Schmidl KZ. X X II.
31b) and crrupuciov in der Hesychglosse cTrupfkiov. 5pv€ov
cucpepk cTpouüuj 'ein (I.mi) Sperling ähnlicher Vogel* (Hoffmann
BB. XXI, l Mi); in den erstgenannten slavischen und griechischen
Worten scheint der Guttural g ein Suffix zu Bein, das seine
germanische Entsprechung in der spätahd. Namensform sperfa
hat. Nach Schade Altd. Wh. N -'. s 1 7 deutel man die idg. Benennung
des Sperlings ans der Wurzel *spar 'zappeln' (in griech. CTraipw
'zucke, zapple*, altind. sphurdti "zuckt' u. a.) ; der Sperling wäre
danach der "Hüpfling' im Gegensatz zu den fliegenden Vögeln,
vgl. Hoffmann a. a. 0.
Die normale ahd. Form sparo, welche bis in die und. Zeit
hinein sich verfolgen läßt, ist heute in den Mundarten überall
ausgestorben, vgl. Grimms Wh. X, 1, 1919. Doch findet man
hie und da noch erstarrte Koste der alten Namensform. Auf
niederdeutschem Gebiet zeugen von ihrem einstigen Vorkommen
der Ortsname Sj><trenberg 2 und die Kompositionsbildungen Spar-
ten/* "Sperling' (vgl. unten). Sparkäz* m. "männlicher Sperling'
in Göttingen und Grubenhagen, Sperlotze* in Wresserode hei
Gandersheim, Sparlüntje* in Dörfern hei Braunschweig. Auch
der hessisch«' Dialektname Huspe, welcher nach Pfister Nachtr.
zu Yilmar Id. S. 112 im Niederlahngaue üblich sein soll, ge-
hört zu diesen Resten, denn darin steckt offenbar »'in früh
verdunkeltes Kompositum Husspar (> Husper) 'Haussperling',
welches in dieser Form noch im 1(>. Jh. hei Gesner Bist
1 spanca Kölner Doppelbl. (Versus de volucr.) Ahd. GH. HI, 31", «pari*«,
sparbe in kölnischen Hss. des 16. Jhs. bei Diefenbach Glossar. S. 4 Loa
wdinc in einer kölnischen Quelle des 15. Jhs. in Fro mm a nns P. Mund-
arten II, 453b.
2 Korrespondenzbl. I. ndd. Sprachf. XXVII. 18. <
3 Schambach 202. 203.
126 Haussperling, fringilla domestica, passer domesticus.
avium S. 619 bezeugt ist. An die Stelle des allmählich seltener
werdenden alten Namens rücken Nebenformen, welche in der
Übergangszeit des Althochdeutschen in das Mittelhochdeutsche
zuerst zu belegen sind. Im 11. Jh. erscheint die Ableitung
Sperling mit demin. Ungar Suff., ursprünglich um den jungen
Sperling zu bezeichnen l : sperüig passer : cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 123b,
darauf im 13. Jh.: sperlinc: Versus de volucr. : cod. Lipsiens. Paul. 106,
Id. sperlinh mirle: cod. Vindob. 1118, 79b; mnd. sparlhik, sperlinh.
Diese heute schriftsprachlich gewordene Xamensform ist
eigtl. mittel- und niederdeutschen Mundarten eigen. Die Ab-
leitongsform sperch{e), deren ^-Suffix möglicherweise vorger-
manischen Datums ist, ist zuerst in Glossenhandschriften des 11.
und 12. Jhs. belegt: sperche passer : H. S. III, 17: cod. Vindob. 2400,42a,
sperch: Versus de volucr.: cod. Vindobon. 85, 42 b. darauf : sperche : cod.
Admont. 759, 55b, sperch: cod. Vindob. 1118. 79b (13. Jh.), cod. Mellic.
K51, 242, cod. Vindob. 1325, 107a, speck: cod. Zwettl. 293, 25a, spirch:
Clm. 11481, 83a (14. Jh.), sperh: cod. Vindob. 3213 r 116b; sperchh:
H. S. III, 17: Clm. 23796, 173 a (15 Jh.); in Priester Konrads Predigt-
buch: zwene sperchen (s. Lexer Mhd. Wb. Nachtr. S. 368) und
sperche in Wernhers Marienlied, Hoffmann Fundgruben II, 154 usw.
Für die in Grimms Wb. X, 1, 1941. 2163 ausgesprochene Ver-
mutung, daß die Xamensform eigentlich femininen Geschlechts
gewesen sei und das Sperlingsweibchen bezeichnet habe, fehlt
es an Beweisen. In der älteren Überlieferung sind beide Genera
bezeugt, und in den heutigen Mundarten ist Sperk (Spirk) meistens
Maskulinum. Das Verbreitungsgebiet dieser Variante umfaßt
Steiermark 2 , Kärnten 3 , Baiern 4 und Franken 1 und reicht im
Xorden als Sberke 5 bis Salzungen in Thüringen.
Eine Xebenform zu ahd. sparo ist mhd. spatz (zuerst bei
Albrecht von Halberstadt Anfang des 13. Jhs. bezeugt). Nach
dem Vorgang von AVeigand Wb. II 2 , l'rl wird das Wort meistens
als eine Koseform zu sparo aufgefaßt. Eine andere Deutung
geben Falk und Torp Et ordb. II. 260 s.v. spat IT, welche
1 Ob das lat. Lemma passercalus bei Scheraeus (Zs. f. d. Wf. II,
199), wie in Grimms Wb. X, 1, 2163 angenommen wird, noch für den
deminutiven Charakter des Suffixes spricht, ist fraglich.
2 Unger-Khull 525. — 3 Lexer Kämt. Wb. s. v. sporkn.
4 Schmeller-Frommann II, 685. — 5 Hertel 240.
Haassperling, fringilla d »ti< n W7
mhd. spate als selbständige alte Bildung zu griech. cqxxbdZuj
'zappeln* stellen. Diese Auffassung beruht demnach hauptsäch-
lich auf der ansicheren Bypothese, daß ahd. aparo 'der Eüpf-
ling' bedeute. CTrsprtinglicb eine oberdeutsche Bildung, bal Spate
im Verlaufe der Zeil sich immer weiter in den Mundarten ver-
breitet, so daß das Worl auch in der Pfalz 1 und Luxembu
in hessischen und nassauischen Mundarten (als Femininum*)
geläufig ist; in Thüringen kommt eine Weiterbildung Spatzich 4
= sächs. Spateg 6 vor. AIht auch in das niederdeutsche Sprach-
gebiet dringl das Woii sehen ein; aus Göttingen and Gruben-
hagen and aus der Umgebung von Bannover 1 wird es aus-
drücklich angegeben.
Eine niederdeutsche Benennung des Sperlings isi Lüning
aus mnd. lunink, altniederd. hliuning schon im 9. Jh. ( ,€ duo pas-
Miuningos") in den Essener Evangeliarglossen bei Wadstein
Kleinere asächs. Sprachdenkm. S. 49 19 u. Ahd. G1L IV. -Jvs-i'). Das
Wort ist völlig anklar; ein neuer Deutungsversuch von Berneker
IF. VIII, 284 befriedigt nicht. Am Mittel- und Niederrhein wird
<\(>v Sperling mit einem eigenen Dialektnamen benannt, d
älteste historische Lautform in der Glosse muscha in cod. Parisin.
9344f. t2b begegnet. Xaeh Steinmeyer Zs. 1 d. A. XV, 30 ist
das Glossar mit Tiernamen, von dem die Pariser 11-. des 1 1. Jhs.
eine Abschrift bietet, in der zweiten Hälfte des 9. Jhs. auf mittel-
fränkischem Sprachgebiet in der Lahngegend — entstanden,
tn diese Gegenden führt auch der Beleg aggermuscha in
Darmstad. des Summarium Seinrici aus dem 13. Jh. (Ahd.
Gll. III. < s * ; '): darauf wüsche in cod. Oxon. Jun. 83, l ebenfalls
aus dem L3. Jh., tausche in einer niederfränkischen Psalmen-
übersetzung des 14. Jhs. (Lexer Mhd. Wb. 1. 2257) und einer
kölnischen Quelle des L5. Jhs. in Frommanns 1). Mundarten
II. 146a. Ferner mnd. musche bei Schiller-Lübben Mnd. Wh.
III. 139, mndl. mussce [musce : m>iy><-h. musch^ mossche ) mosch) hei
Verwijs-Verdam Mndl. Wb. IV. 2026. Bei Gesner a, a. <>.
1 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, II.
2 Vgl. Wb. d. Luxemburg. Mundart L05 s. v. Feldäpatz.
3 Kehrcin 380. - -i Hertel 230.
ö Albrecht Die Leipziger Mundart S. 213. <> Schamba
7 Häpke Volkstümliche Tiernamen S. 303.
128 Haussperling, iringilla domestica, passer domesticus.
S. 619 wird Müsche als niederdeutscher Ausdruck bezeichnet.
Der Name ist wahrscheinlich entlehnt aus lat-roman. musca. Im.
klassischen Latein bedeutet das Etymon 'Fliege' ; als Vogelname
erscheint es nur in Ableitungen im Französischen: afrz. mussun,
mousson. normann. moison 'Sperling', welche auf eine Grundform
*mnscio hinweisen. Aus dieser erklärt sich die umgelautete
deutsche Maskulinform Müsche K
Heutzutage kommen in Niederdeutschland die drei Syno-
nyma Sparlink, Lünink und Müsche vor, und zwar sind die erst-
genannten Worte hauptsächlich in den Gegenden östlich von
der Elbe verbreitet, während das letztgenannte westlich von der
Elbe heimisch ist. Die Grenzen sind jedoch nicht scharf ge-
zogen, und an manchen Orten werden zwei oder sogar alle drei
Synonyma neben einander gebraucht Auf Grund der vor-
handenen Angaben lassen sich die Verbreitungsbezirke ungefähr
folgendermaßen bestimmen. Der Name Masch oder Mosch gilt in
den Niederlanden und im Friesischen 2 ; in den Rheingegenden,
wie in Geldern, Viersen, ßreyell, in Köln 3 , in der Eifel, in
Luxemburg Mosch* f. (= siebenbürg. Mosch). Am rechten Rhein-
ufer kommt der Name in Westfalen in der Form Müsche» f. vor
und erstreckt sich als Mosch im Nordosten bis Lübeck 6 ; in
Mecklenburg wird das Wort zwar im Ausdruck Musch-Lünk
angewendet, aber nicht mehr als Vogelname empfunden, sondern
als Musch = frz. monsieur aufgefaßt, s. Tremsens platte!. Gedichte,
herausg. v. Eggers (1875) S. 21. Als Grenzpunkte des Ver-
breitungsgebietes kommen weiterhin in Betracht Elberfeld und
Unterbarmen (Mösche f.), im Süden der Wester wald, wo Müsche m.
nach Pfister Nachtr. zu Vilmar Id. S. 18o als minder üblicher
Ausdruck vorkommt, im Südosten der Ravensberg, wo Mösche
neben Lilling gebraucht wird. Vgl. auch nassauisch. Grasmisch
S. 70. — In dieses Verbreitungsgebiet des Wortes Müsche, Mösch
1 Als Kriterium für die Zeitbestimmung der Entlehnung kann ags.
tnusefleotun = bibiones bei Wrigbt-Wülcker I, 121 n nicht verwendet werden.
Die Glosse ist nämlich nicht mit Sievers Anglia XIII. 319 mfocfldoge zu
lesen, sondern als muatftioga d. h. Mostüiege aufzufassen (so aucli bei
Sweet The Stud. Dict. S. 121). — 2 Dijkstra Wb. s. v.
3 Hoenig Wb. S. 115. — 4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 291.
5 Woeste 180. — 6 Schumann Zs. f. d. Wf. IX. Beih. S.3.
Haussperling, fringilla domestica, passer domettiais. 129
greif! vielfach dasjenige von Lümng and dessen Nebenformen
über. Im Nordwesten reicht Lünkig } Lünkik ins oetfriesische
Gebiet hinein (Jb. f. n*ld. Sprach! XI, l L2), ostlich davon kommt
es vor in I ftdenburg, davon südlich im Künsterlande und in Lippe 1
und Waldeck [IAuUng)\ hier sind Recklinghausen und Duisburg
(Link) die westlichen Grenzpunkte, im Süden kommt das
Bächsische und westfälische Hessen- in Betracht und al
östliche Grenzpunkte Göttingen und Grubenhagen*, wo der
Name schon selten ist Im Norden geht das Verbreitungsgebiet
ostwärts von Oldenburg über I »reinen, Bamburg, Lübeck nach
Holstein, Mecklenburg und Altmark 4 . — Östlich von hier
herrscht der Ausdruck Sparling, Sperling (in Preußen, Pomnie-
rellen und Pommern). Im Nordwesten geht er nach Mecklen-
burg-^ trelitz, wo er neben Lüning, Lünk, und nach Lübeck,
wo er neben Lünk und Mosch vorkommt; in Göttingen und
Grubenhagen ist Sparling der übliche Ausdruck, während Lüning
selten ist. Ferner gilt jener Name auf dem ganzen niederd. Harz,
in Quedlinburg und Schöppenstedt, bei Gandersheim in "Wres-
serode (selten); auch in den Wesergegenden soll Sparling. Sper-
ling der geläufige Name des Yogels sein. Vgl. Korrespondenz^,
f. ndd. Sprach! XVI, 83 ff., XVII, 1 ff. und XXVII, IS ff. 65. 72,
auch IV, 52. 68 f., V, 55.
In manchen Gegenden von Niederdeutschland wird der
Haus- oder der Feldsperling als der Stehler des Korns be-
zeichnet: in Göttingen und Grubenhagen Spardeif m. (Sperling-
Dieb) 5 , im Münsterkreise Debbert 6 , in Geldern und Umgegend
Korrefräter 1 '; in Kleins Eüst. av. prodr. (1750) S. 8S werden die
Ausdrücke Speicher-Dieb und Korn Werffer erwähnt. Ein Lübecker
Ausdruck für den Vogel ist Dackpeter (Dach-Peter) oder Dack-
lünk s . Andere niederdeutsche Lokalnamen für den Sperling sind
Schruppte) 1 ni Kempen, Seherphans 1 'Zirphans' (vgL westfäL
schirpen "zirpen', preuß. Scherp "Wachtelkönig') in Leuth (Geldern);
1 Frommann D. Mundarten VI, 36 I >..
2 Vilmar 254. — 3 Schambach 127. — i Danneü 12'.».
5 Schambach 202. — 6 Korrespondenz!)! f. ndd. Spraclif. XVI, s "-
7 Korrespondenz^, f. ndd. Spraclif. IV. 68.
8 Korrespondenzbl. f. ndd. Spraclif. XVI, 83.
Suolahti, Vogeluamcn. 9
130 Feldsperling, fringilla montana, passer montanus.
Hüling in Oberbarraen ist wahrscheinlich eine Entstellung aus
hüling im Anschluß an hülen 'weinen', vgl. Korrespondenzbl. f.
ndd. Sprach! IV, 52.
In hochdeutschen Mundarten schließen sich an die letzt-
genannten Synonyma Ausdrücke an, welche ebenfalls von der
zirpenden Stimme des Sperlings ausgehen. Aus Thüringen führt
Hertel Sprachsch. S. 268 den Namen Zivulg unter Hinweis auf
hess. ziviigen 'zirpen 3 an ; dazu elsäss. Zwilch m. als gelegentliche
Benennung für einen jungen Spatz bei Martin-Lienhart IT, 925.
In Steiermark ist Tschirp 1 m. (zu tschirpen, zirpen) eine ähn-
liche Bildung; in Luxemburg wird der Sperling Jadeker 2 m.
(vgl. jader en 'schwätzen') genannt.
Luxemburg. Kärbiitsch 3 (aus Kar 'Korn' und wahrschein-
lich Butz 'Geschöpfchen') ist eine Art Kosename für den Spatzen
ebenso wie hess. Spirrwatz 4, m. (vgl. thüring. Watz 'kleiner,
dicker Mensch'). Dagegen wird der Yogel an anderen Orten
mit Schimpfnamen benannt, vgl. Dachscheißer' in der Leipziger
Mundart. Im Elsaß heißt er Jud 6 (Jude), in Steiermark Tschech 1
m. (Tscheche). Unklar ist der Ausdruck Spunsk s m. in Sal-
zungen (Thüringen).
Der männliche Spatz heißt in Göttingen und Grubenhagen
Sparkäz, in Luxemburg Möschemännchen 9 m., in der Pfalz
Spatzenmännel 10 , daneben aber auch Spetzert 10 und Spetzerich 10
nach dem Typus von Tauber, Ganser, Täuberich, Gänserich,
Enterich.
Feldsperling, fringilla montana, passer montanus.
Die althochdeutsche Glosse ahasparo (abasparo) in H. S.
III, 17, die eigentlich 'Wassersperling' (aha = Wasser) bedeutet,
enthält den ältestüberlieferten Namen für den Feldsperling.
Die mittelfränkische Darmstädter Handschrift des Summariums
1 Unger-Khull 179. — 2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 198.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 212.
4 Saul Beitr. zum Hess. Id. S. 15. — 5 Albrecht 98.
6 Martin-Lienhart I, 403. — 7 Unger-Khull 179. — 8 Hertel 232.
9 Wb. d. Luxemburg. Mundart 291.
10 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 11.
Peldsperling, ftringilla montana, passer montanoi 131
übersetzt das lat Lemma 'pa i 1 mit aggermuBcha d. h.
Ackersperling; im L5. Jh. begegnet der Ausdruck ackernpar
(Diefenbach Novum glossar. 8. 282a).
Auch die heutigen Mundarten bezeichnen vielfach den
Feldsperling nach Beinen Aufenthaltsorten, zu denen ei Bchilf-
reiche Lachen und freie Felder und Wiesen wählt; sein Nesl
legt der Vogel in <l< i n Höhlen der Bäume an. Biber und Peucer
Vocab. S. F6b nennen ihn Baumfperlink, Mos fperling/:: zu dem
Letzteren Namen stimmt Moßsperck bei Hans Sachs im Regim.
dm- Vögel (1531) V. 169. Gesner Hist. avium s. 627 führ!
nach Tragus ^\vn Ausdruck Wuldfpatz an; in Döbels Eröffn
JSgerpr. S. 65 wird der Feldsperling oder "der wilde Sperling^ die
Holtz-Mufchel genannt, das offenbar eine Umdeutung des rhei-
nischen Synonymons Musehe ist. — Die Namen Wydenfpatz^
Weiden fperling 1 , Rorfpar bei Gesner, Schwenkfeld u. a. teilt der
Feldsperling mit den Rohrsängern und der Rohrammer. Nach
Naumann-Hennicke III, 371 ist Rohrsperling im Anhalter Dialekt
der übliche Name des Vogels. Der Ausdruck FeldSperling ist
zuerst bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 323 bezeugt.
Als Korndieb steht dieser Sperling in ebenso üblem Ruf
wie sein Verwandter, der Haussperling. Im 16. Jh. begegnet
'das leidige Spetzel' als Bezeichnung dieser Vögel : "paffer
ist das leidige Spetzel" in Ryffs Tierb. Alberti (1545) S. Q 2a
und "Haußfpatz und Rhorfpatz wer fie kent/Vnd das leidig
Spetzel genent" im Strassburg. Vogelb. (1554) V. 534. Der Ver-
fasser des Vogelbuches hat offenbar den Ausdruck seinem Vor-
gänger abgeschrieben. — Klein nennt in Hist. av. prodr. (1750)
S. 88 den Feldsperling Gerften-Dieb, Feld-Dieb: in Luxemburg
heißt er Kärmösch 2 f. Bei Hans Sachs Regim. der Vögel (1531)
V. 195 ist Korspercken offenbar als Kornspercken aufzufassen.
In Niederdeutschland begegnet in einem Urkundenbuche
v. J. 1313 Muyr fperling als Eigenname 3 . Das Wort ist eine
Bezeichnung des Feldsperlings, der 'Mauersperling' genannt wird.
1 Vgl. frz. saulet in gleicher Bedeutung, Rolland Faune populaire
II, 163.
2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 213.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht XXVII, 65.
9*
132 Girlitz, fringilla serinus, serinus serinus.
weil er sein Nest auch auf Mauern anbringt, vgl. luxeinburg.
Mauerspatz 1 m. = frz. moineau de mur(aille) 2 .
Der Pirgfpatz im Regim. der Vögel (1531) Y. 146 kann
der Feldsperling oder der in Deutschland seltene Steinsperling
(fringilla petronia, petronia petronia) sein.
Girlitz, fringilla serinus, serinus serinus.
Die eigentliche Heimat des Girlitzes sind die Mittelmeer-
länder, aber im Laufe der letzten Jahrhunderte hat er seinen
Verbreitungsbezirk immer mehr nordwärts verschoben, so daß er
schon früh in Süddeutschland heimisch geworden und in der
letzten Zeit bis nach Norddeutschland vorgedrungen ist. Stati-
stische Angaben über die Erweiterung des Verbreitungskreises
geben Brehm Tierleben (Vögel I 3 , 304 f.) und Naumann-Hennicke
III, 275.
Zum ersten Mal begegnet der heute übliche Name des
Vogels in der Form Girlin im Strassburg. Vogelb. (1554) V. 409
im Zusammenhang mit anderen Finkennamen ; Gesner Hist.
avium (1555) S. 249 gibt Gyrle als die elsässische Namens-
form und aus Frankfurt a. M. die Varianten Girlitz und Grylle.
Die letztere Form ist als Kompositum (der) Hirngrill schon
bei Hans Sachs Kegim. der Vögel (1531) V. 113 und dann als
Hirengryll bei Eber und Peucer Vocab. S. E 5b und bei Gesner
(Hirngryllen) bezeugt. Später begegnet Hirngrillen bei Hohberg
Adel. Land-Leben (1687) II, 806 Kap. CXXI, der Hirngrill in
der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 196. Heute soll Hirn-
grilla 3 im Oberinntal (Tirol) vorkommen, Unger-Khull Wortsch.
S. 349 verzeichnen Hirngrillerl n. als steirischen Namen.
Allem Anschein nach ist der Name Hirngrille von den süd-
östlichen Gegenden des deutschen Sprachgebietes weiter vor-
gedrungen und zwar durch die Vogelsteller dieser Gegenden.
Gesner berichtet a. a. 0., daß die Vögel in Kärnten und in der
Umgegend von Trient gefangen werden und noch der Verfasser
der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 196 nennt die "Hirngrillen 3 '
fremde Vögel, welche aus Tirol nach Deutschland gebracht
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 280. — 2 Rolland a. a. 0. S. 164
3 Frommann D. Mundarten IV. 54.
Kanarienvogel, rringilla canaria.
werden« Wie der Vogelname, welcher qut in der omgebiL
LautgestaK überliefert ist, ursprünglich gelautet bat, ist Bchwei
zu sagen. Der zweite Teil des Kompositums kann aus der Form
Qtrle entstanden sein, welche in den westlichen (tagenden
Deutschlands zuerst auftritt und als eine Nachbildung d^v Stimme
des Vogels aufgefaßt werden kann. Daraus kann die Variante
Qirlüz 1 , welche nach Gesners Vogelbuch von Chytraeus Nomen-
clator (1582) 8.376 wiederholt wird, im Anschluß an Sfoglite
gebildet worden sein. Andererseits hat man aber den Verdacht,
daß alle diese Namensformen auf einen fremden Namen zurück-
gehen. Nach Unger-Khull a. a. 0. 8. 293 ist der Ausdruck GirUz*
heute in Obersteiermark in der Bedeutung 'Fink' vorhanden. —
In der älteren ornithologischen Literatur erseheint der Name
Hirngrille oft als Bezeichnung des Baumläufers. Der Irrtum.
der dann die analogische Neubildung Baumgrille veranlaßt hat.
rührt, wie viele andere, von Eber und Peucer her, welche das
Wort als Glosse zu 'certhia 9 geben.
Zu Gesners Zeit wurden die Girlitze auch in einigen Teilen
der Schweiz gefangen und liier Schioäderle oder Fädemle genannt.
Die Ausdrücke sind nicht ganz klar: der erstere wird in Grimms
AVb. IX, 2173 vielleicht richtig aus schwadern 'schwatzen' gedeutet.
Kanarienvogel, fringilla canaria.
Der Vogel ist nach seiner afrikanischen Heimat. t\rn Kana-
rischen Inseln, benannt worden. Für den Import der Kanarien-
vögel nach Europa, der im 16. Jh. angefangen hat, sind einige
Angaben in der damaligen ornithologischen Literatur von be-
sonderem Interesse. Zum ersten Mal werden die Vogel 70D
dem in Köln Avohnenden Engländer Turner (im Jahre L544)
erwähnt, der sie aus seiner Heimat kennt: "Huius generis sunt,
quas Anglia aues canarias uocat", vgl. Avium historia S. F Lb.
Gesner selbst hat noch keinen Kanarienvogel gesehen, aber in
-einem Vogelbuche (1555) S. 234 druckt er eine Schilderung
desselben ab, welche er seinem Augsburger Freunde Rafael
Seiler verdankt. Der hier beschriebene Vogel ist noch der grün-
1 Das gleichbedeutende slovenische Wort grüec scheint eher au.-
dem Deutschen zu stammen als umgekehrt. — 2 Unger-Khull 293.
134 Kernbeißer, coccothraustes vulgaris, coccothraustes coccothraustes.
gefärbte Stammvogel, von dem sich später der gelbe Kanarien-
vogel in den Käfigen entwickelt hat. Nach Seiler nannten die
Yogel Verkäufer die Kanarienvögel Zuckervögele, weil diese in
ihrer exotischen Heimat sich von der Zuckerpflanze nähren.
— Noch zur Zeit Schwenkfelds waren die Vögel äußerst selten,
denn im Ther. Sil. (1603) S. 298 wird erzählt, daß die kostbaren
Fremdlinge nur von den Reichen und Vornehmen gehalten
werden. So besitze der kaiserliche Kammerherr Sigismund
Czedlitz ein Paar von diesen Vögeln, welche Schwenkfeld
Canarien Vogel, Zucker Vogel, Canarien Zeisle nennt.
In den Reisebeschreibungen des 17. Jhs. wird der Kanarien-
vögel öfters gedacht; es kommen da die Namensformen Canarien-
vogel (Rollenhagen Ind. Reysen (1605) S. 268, Schultze Ostind.
Reise (1676) S. 3a), Canarivogel (Hemmerham Reisebeschr. (1664)
S. 4, Hesse Ostind. Reisebeschr. (1687) S. 26) zur Anwendung.
— In den heutigen Mundarten ist der Name in volkstümlicher
Weise umgestaltet, vgl. z. B. Kanari 1 m. in Steiermark, Kanari,
Kanali, Kardinali, Kanal f 6kl, Kanänefoejele 2 im Elsaß, Karnari-
wgel, Kardinarienvogel, Kardinalvogel 3 in der Schweiz, Kanaljen-
cogel* in Thüringen, Sachsen und Preußen, Kanäljen 5 m. in
Luxemburg, Kalummer Vauhl, Kalummer 6 in Niederhessen usw.
Kernbeißer, coccothraustes vulgaris, coccothraustes
coccothraustes.
Die Kernbeißer nähren sich von allerlei Baumknospen,
ganz besonders gerne verzehren sie aber Kirschen, deren Kern
zuerst von dem Fleische befreit und dann mit dem dicken
Schnabel aufgeknackt wird. Nach Brehm Tierleben (Vögel I 3 ,
277) geschieht dies mit solcher Gewalt, daß man es auf 30
Schritt hören kann.
Der Name, welcher diese Eigenschaften des Vogels charak-
terisiert, ist in der alten Bildungsweise *kernbi7 t e in einer Ver-
sion des Märchens vom Zaunkönig (Germania VI, 90) überliefert;
1 Unger-Khull 377. — 2 Martin-Lienhart I, 100. 445. 468.
3 Staub-Tobler I, 694.
4 Hertel 129, Albrecht Die Leipziger Mundart S. 142, Frischbier 1, 332.
5 Wb. d. Luxemburg. Mundart 208.
6 Pfister Nachtr. zu Vilmar Id. S. 124.
Kernbeißer, coccothr&ustei vulgaris, coccothranstea coccothraostes. 136
die Handschrift des Lö.Jhs. schreibt hembeyss. Gesner Eist avium
8.264 bezeichnet diese Bildung als österreichisch, ebenso Popo-
witscb Versuch S.235; in der Angenehmen Land-Lust d 720) 8. L97
der Kernbem. (Tnger-Khulls Wortsch. 8. 384 gib! Kernbeiß
in. aus Steiermark. In Baiern Isl <li« 1 Form Kerenbeisser zuerst
bei Haus Sachs im Regim. der Vögel (1531) V. L30, in Sachsen
Kernbptjffer bei Eber und Peucer Vocab. (1552) 8. V 2b bezeugt
Eine schweizerische Variante ist Steinbyffer bei Gesner a.a.O.
(aucli heute Steinb/sser 1 ): Bchweiz. BollebicL (Knospenbeißer), das
vorwiegend für den Blutfinken angewendet wird, hat Gesner
auch im Sinne von "Kernbeißer' gehört In Ostermanns Vocab.
(1591) S. 334 begegnet unter anderen Synonyma für den \
die Bildung Steinknipper.
Andere Namen bezeichnen ihn speziell als Kirscheniri
Im westlichen Deutschland wird Kirtfincke zuerst von Turner
Avium bist (1544) S. F)>a erwähnt, danach Kirchfincke bei Eber
und Peucer a. a. 0., Kirschfincke bei Aitinger Bericht v. d. Vogel-
stellen (1631) S. 165 und Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 55.
Gesner kennt Kirßfinck aus Frankfurt a. M. Weiter südlich
ist Kirsfinck im Elsaß zuerst durch das Strassburg. Vogelb. (155 1)
V. 469 bezeugt, darauf Kirschfinck{e) bei Golius Onomasticon (1579)
Sp. 291 und Spangenberg Ganskönig V. 137; heute ist der An-
druck im Elsaß ganz geläufig 2 . Chytraeus Nomenciator (1582)
s. .",7 1 hat die Variante Kaffeberfinck (Kirschbeerfink).
Aus der Schweiz führt Gesner u. A. das Synonymen Klepper
(zu Meppen = ndd. kneppen 'knallen'), ohne bestimmte Ortsangabe
dagegen den Ausdruck KirfefchneUer an: bei Aitinger a. a. 0.
Kirfchkyiepper, bei Döbel a. a. 0. Kirfchkneppcr, Kirfchschneüer.
Heute kommt die Form Chirsichlepfer* in der Schweiz vor: im
Elsaß Kirsenklepfer. Kirsenklcppe{ri). Kirschenknuppe^r)^ in Rhein-
hessen KirschenJcnäpper*, in Luxemburg Ktschteknäppchen,
K$8chteknappert b m. (zu Ktsche 'Kirsche'), im Münsterkreise
Kiässenknäpper*.
1 Staub-Tobler IV, 1692. — 2 Martin-Lienhart I. L22. ü>6. 506
3 Staub-Tobler III, 679. — 4 Kehrein 225.
ö Wb. d. Luxemburg. Mundart _ ) _ , ">.
6 Korrespondenz!)!, f. ndd. Spracht". XVI, 85.
136 Grünfink, coccothraustes chloris, chloris chloris.
Wegen des starken Schnabels wird der Kernbeißer in
Steiermark Dickschnäbel 1 genannt; der gleichbedeutende Name
Dickmaul begegnet zuerst bei Aitinger a. a. 0. — Das schlesische
Dialektwort Lesske, KirfchLeske bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603)
S. 236 (heute auch Laschke 2 m.) ist entlehnt aus czech. dlesk, dlask
= poln. klesk. — Der Ausdruck Lyßklicker, den Schwenkfeld a. a. 0.
unter den Synonyma für den Kernbeißer erwähnt, ist eine Be-
zeichnung des Flußuferläufers. Der Irrtum ist dadurch veranlaßt,
daß Eber und Peucer diesen Yogel Steinbeiffer nennen. Schwenk-
feld hat mit diesem Namen auch den Straßburger Ausdruck Lyß-
klicker, welchen Gesner als Synonymon zum "Steinbeiffer" Ebers
und Peucers erwähnt, auf den Kernbeißer bezogen.
Grünfink, coccothraustes chloris, chloris chloris.
Der Yogel wird meistenteils mit Namen bezeichnet, welche
sich auf die gelbgrüne Farbe des Gefieders beziehen. Gesner
Hist. avium S. 247 nennt die Ausdrücke Grünfinck und Grünling,
welche heute in den Mundarten ziemlich allgemein verbreitet
sind; im Elsaß heißt der Yogel Gelbfink 3 . Aus Frankfurt a. M.
erwähnt Gesner das Synonymon Tutter, welches wohl als e (Ei-)
Dotter' zu verstehen ist und auf die gelbe Farbe hinweist.
Einige Benennungen bezeichnen den Grünfinken nach
seiner Nahrung, die aus Hanfsamen, Rübsamen und dergleichen
besteht. Solche Ausdrücke sind Bappfinck (zu Bapp e Keps 5 ) und
Hirßaogel (zu Hirse) bei Gesner S. 248, Hirschvogel* heute in
Steiermark. Der von Gesner S. 247 angeführte Name Kuttvogel
wird durch das Strassburg. Yogelb. (1554) Y. 591 nach dem
Elsaß verlegt; in dem Onomasticon von Golius (1579) Sp. 291
und in Spangenbergs Ganskönig Y. 141 kommt das Wort eben-
falls vor. Frischs und Adelungs Erklärungsversuche, welche von
dem Naturlaut ausgehen, sind verfehlt. Wahrscheinlich beruht
der Ausdruck auf dem elsässischen Jägerworte Kütt 'Schwärm
von Yögeln' und erklärt sich daraus, daß die Grünfinken scharen-
weise umherstreichen. Wegen dieser unsteten Lebensweise heißt
der Yogel in Schlesien Welfcher Henffling (Schwenkfeld Ther.
1 ZsTf. d. Phil. XXI, 210.
2 Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. 51.
3 Martin-Lienhart I, 122. — 4 Unger-Khull 349.
Gimpel, pyrrhula europaea, pyrrhula pyrrhula. I R
Sil. (1603) EL 295). Der Käme OrSnhämp(er)ling l In AJtmark
bczeiclinot ebenfalls «l< -n Grünfinken als 'Hänfling'.
In Bans Sachs' Regim, der Vögel (1531) V. 101 bege
der Vogelname Wonitz, den Eber and Peaoer Vocab. 1 1 552) 8. V 3 a
dem Grünfinken beilegen. Das Worl ist entlehnt ans gleich-
bedeutendem poln. dzwoniec. Darauf gehl auch zurück die Laut-
form Schwank in Döbels Bröffn. Jägerpr. (1746) 8. 61 u.a.: heute
Schumnsch* in Anhalt. Sunmach* In Altmark. Daneben erscheinen
auch zahlreiche umgestaltete Namensformen. Frisch Teutsch-lat
Wb.II,251c erwähnt eine von diesen Varianten, indem ei
daß die Wenden den Grünfinken "Schwunitz genannet, woraus
die nnwiff enden Vögel-F&nger Schwanz gemacht und diesen \
Grunfchwanz genennet". In Dähnerts Pommer. Wb. (1781) S. L62
ist der Ausdruck Grönfchivanz verzeichnet ; Döbel a. a. 0. nennl
neben Schwunte auch Schwan fchel. Aus Sachsen werden die Laut-
varianten Quuntsch, Schtcunz, Zschwunschig angegeben K
Gimpel, pyrrhula europaea, pyrrhula pyrrhula.
In dem Vogelglossar der Pariser Handschrift 12269 i. 58b
aus dem 9. Jh. begegnet der Name lohfinco (= aieeido), den
Kluge Engl. Studien XXII, 563 aus der heutigen westfälischen
Mundart nachweist. In mittelhochdeutscher Zeit begegnet fori, ihr '■
nur einmal in der "lere von guoter spise" (Zs. f. d. A. V, 14).
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 262 bezeichnet Loh Fincke als die
schlesische Benennung des Gimpels, Aitinger Bericht \ . d. Vogel-
steilen (1631) S. 364 führt ebenfalls LoheFincle (fem.) an.
Branky Zs. f. d. Phil. XXI, 211 bezeugt den Ausdruck Lokfink
für das nördliche Böhmen. Wahrscheinlich ist der Vogelname
eine Zusammensetzung mit ahd. 16h 'Wald, Gebüsch 9 und be-
deutet demnach 'Waldfink'. In der umgestalteten Form Lobfind
wird er aus Sachsen durch Eber und Peucer Vocab. (1552)
S. E 1 b bezeugt und dazu stimmt ndd. Looffmh bei Berghaus
Sprachsch. der Sassen II, 412. — Die schlesische Form Luh
1 Danneil 70. — 2 Naumann-Hennicke 111. 349. — 3 Danneil 319.
I Zs. i. d. Phil. XXI. 210.
:> Wackernage] Zs. f. d. A. V, 14, Schmeller-Frommann 1. 1601 and
Lexer Mhd. Wb. I, 1883 lesen lovirke und bringen den Namen mit Uwerke
Lerche' in Zusammenhang.
138 Gimpel, pyrrhula europaea, pyrrhula pyrrhula.
bei Schwenkfeld a. a. 0. und Lüch bei Zehner Nomenciator
(1622) S. 270 sind wohl Verkürzungen des Kompositums wie
Mistel für Misteldrostel (s. S. 60). — Ebenso sind sächs. Scluvarzlob l
und schmalkald. Luft 2 offenbar als Kurzformen der umgestalteten
Kamensform Lobfink aufzufassen. Wahrscheinlich gehört auch
westthüring. Lüwich 3 zu Lob ebenso wie Spatzich zu Spatz, in
dieser Form ist der Name aber identisch mit dem Eigennamen
Liebig (ahd. Liuaicho).
Eine synonyme Benennung des Gimpels ist Goldfinck bei
Eber und Peucer a. a. 0. (danach bei Gesner Hist. avium S. 702,
Golius Onomasticon (1579) Sp. 292); Turner 4 , von dem der
Ausdruck vielleicht in die vorhinerwähnten Werke aufgenommen
ist, hält ihn als gleichbedeutend mit Distelfink. Heute wird der
Gimpel in einigen Gegenden von Niederdeutschland (im Münster-
kreise und in Recklinghausen) Goldfink 5 genannt ; ndl. goutvink
(bei Junius Nomenciator (1581) S. 55a Goutvincke). — Unsicher
ist, ob Schweiz. Gol(l) G (zuerst bei Gesner a, a. 0. S. 702), Götter G ,
elsäss. Gol n., Botgolle (Kol, Koller) 1 als Gold aus Goldfink (wie
Golammer aus Goldammer) aufzufassen sind; dann wären die
alemannischen Synonyma ähnlich zu beurteilen wie die mittel-
deutschen Luh und Schwarzlob.
Wegen der zinoberroten Unterseite, die dem Yogel die
Benennung Goldfink verschafft hat, heißt er bei Turner Avium
hist. (1544) Blödtfinck, Gesner a. a. 0. S. 702 Blidfinck, im
Yocab. triling. (1560) S. 89 und in der Angenehmen Land-
Lust (1720) S. 151 Blutfink, bei Hohberg Adel. Land-Leben (1687)
IT, SOI Kap. CXX Blut- oder Rohtfinck. Heute kommt Bluetfink*
in der Schweiz und im Elsaß vor, auch in der Siegerländer
Mundart Blötfenke*. Das Vokabular von Ostermann (1591) S. 335
nennt das Synonyinon Bluedzapf (Blutzapf en), auch bei Henisch
Teutfche Sprach (1616) Sp. 1173 Blutzapff. Zu dieser Gruppe
1 Zs. f. d. Phil. XXI, 210. — 2 Vilmar 254.
3 Kluge Et. Wb. 6 S. 146. — 4 Avium historia (1544) S. G 2a.
5 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85. XVII, 5.
6 Staub-Tobler II, 214. — 7 Martin-Lienhart I, 212. 431.
8 Staub-Tobler I, 868, Martin-Lienhart I, 122.
9 Heinzerling Probe eines Wörterbuches der Siegerländer Mundart
Progr. des Realgymn. zu Siegen (1891) S. 27.
Gimpel, pyrrhula europaca. pyrrhula pyiihula. I '- *
gehört noch Hotrocjcl bei Gesner a. a. 0., in Strassburg. Vogelb.
(1554) V. 591, und bei Goliua Onomasticon (1579) 8p. 294.
Auf die Färbung des Vogels bezieht rieh auch <1<t An-
druck Dompfaff-, der Gimpel wird wegen der schwarzen Kappe
und vielleicht der rollen Figur mit einem Geistlichen verglichen.
Zuerst ist der Name Thumpfaffam Sachsen bezeugt durch Eber
und Peucer Vocab. (1552) 8. K 1 b, daher auch hei Döbel Eröffn.
Jägerpr. (1746) 8. 62. Eine andere Variation isl ndd. doemhet
(= fringilla) in einem Vokab. v. J. L542 1 ; Gesner kennt Thum*
herr durch seine Rostocker Korrespondenten. Die Ausdrücke
sind heute auf mittel- und niederdeutschem Sprachgebiet ver-
breitet: Dönpfaff 2 in Thüringen, Daumpäpe 3 in Göttingen und
Grubenhagen, Dömpaop* in Altmark und Mecklenburg, Dömp&p,
Dütnpdp* in Preußen. Aus dem Niederdeutschen ist der Vogel-
name als domherre {dompap) ins Dänische, als domhärre ins Schwe-
dische übernommen worden. — Für die Gegend von Frankfurt
am Main bezeugt Gesner die einfache Bildung Pf äfft in.
Da der Yogel sich von den Knospen verschiedener Baum-
arten nährt, hat er in der Schweiz die Nanien Bollenbisser (Knos-
penbeißer), Boll{en)bick(er)* (Knospenpicker) erhalten; Gesner er-
wähnt neben Bollenbyffer, BoUebick auch die Benennung Brommei/i
(Knospenmeise).
Der heute häufig gebrauchte Name Gimpel ist ein vor-
zugsweise bairisch-österreichisches Wort. Zuerst kommt Gümpel
— doppelsinnig gebraucht — bei Oswald von Wolkenstein 71, -
vor, darauf Gümpel bei Hans Sachs Regim. der Vögel (1531)
V. 135, Gympel bei Gesner als österreichische Namensform,
(ifnnpel bei Hohberg Adel. Land-Leben (IGST) II, 801 Kap. OXX,
Gimpel in der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 151. Aber auch
in Sachsen ist Gumpell bei Eber und Peucer Vocab. (1562)
S. E 4 b bezeugt, danach Gümpel in Döbels Eröffn. Jägerpr. a. a. I >.
Der Name ist abgeleitet von gumpen 'hüpfen' und bezieht siel:
auf die ungeschickten und hüpfenden Bewegungen de. v
auf der Erde.
1 Jb. f. ndd. Sprachf. VI, 127. — 2 Hertel 83. — 3 Schambach 40.
4 Danneil 36 und Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84.
ö Frischbier I, 143. — 6 Staub-Tobler IV, 1120.
140 Fichtenkreuzschnabel, loxia curvirostra.
Unter der Menge von Synonyma, die Gesner a. a. 0. zu-
sammengetragen hat, wird auch der Name Hau erwähnt. Damit
identisch ist der Vogelname hyl in einer Version des Märchens
vom Zaunkönig aus dem 15. Jh. (Erlösung herausg. von Bartsch
S. XLIV). Der Name ist ein slavisches Lehnwort und geht auf
czech. heyl, hyl = poln. gil zurück. Ebenso ist Schnigel (danach
vielleicht Roth fchlegel) bei Döbel a. a. 0. entlehnt aus poln. snieguta l .
Im deutschen Luxemburg wird der Gimpel Pillo 2 m. genannt.
Der Name, welcher auch auf andere Vögel übertragen wird,
kommt als pilo 3 im französischen Luxemburg vor ; dazu Pilart
als brabantisches Wort bei Gesner a. a. 0.
Nach Voigt Excursionsbuch S. 125 unterscheidet sich die
Stimme des weiblichen Gimpels von dem Pfeifen des männ-
lichen Vogels dadurch, daß sie weniger rein ist und tiefer
klingt. Nach diesen Lauten ist der Ausdruck Quetsch gebildet,
den Eber und Peucer a. a. 0. als spezielle Bezeichnung des
Weibchens anführen; er begegnet schon früher bei Hans Sachs
im Regim. der Vögel (1531) V. 229. — Ein schweizerischer
Name für den männlichen Vogel ist nach Gesner die Bildung
Giigger (zu güggen 'pfeifen'; vgl. S.94); heute wird das Wort (ge-
wöhnlich zusammengesetzt Rotgügger) in der Schweiz ohne Unter-
schied des Geschlechts für den Gimpel verwendet 4 . Die Geschlechts-
bezeichnungen sind offenbar Termini der Vogelsteller, ebenso
wie der Ausdruck Hellfchreyer in der Angenehmen Land-Lust
(1720) S. 153.
Fichtenkreiizschnabel, loxia curvirostra.
Von den loxia-Arten ist der kleine oder der Fichten-
kreuzschnabel der einzige in Deutschland heimische Vogel. Er
lebt in dem deutschen Mittelgebirge, besonders im Harz und
in Thüringen, doch ist sein Aufenthaltsort von dem Samen-
reichtum der Nadelwälder in hohem Grade abhängig und daher
sehr veränderlich.
Im 15. Jh. begegnet als Name des Kreuzschnabels der
Ausdruck crinis in einer Version des Märchens vom Zaunkönig
1 = vvend. snühula, czech. snehule, russ. snigiri 'Gimpel'.
2 Wb. der Luxemburg. Mundart 336.
3 Rolland Faune populaire II, 168. — 4 Staub-Tobler II, 196 f.
Fichtenkreuzschnabel, Icoria corvirostra. lli
(Germania \'I, 99) and die Nebenform hriwiäze im Elbinger
Vbkab. (Bernekei Die preuß. Spr. 8. 244), im L6. Jh. Krinite
bei Eber and Peucer 7ocab. (1552) 8. F I a. In Schwenkfeidfl
Tber. Sil. (1603) 8. 252 werden die Formen Kriniti and Krim
als schlesisch in Anspruch genommen; Döbel Eröffn. Jägerpr.
(1746) S. 56 Bchreibt GhrinUz^ der Verfasser der Angenehmen
Land-Lust (1720) 8.336 Gruniiz. Popowitscfa Versuch (1780)
8.293 kennl Kriniz ans Schlesien und Schwaben; dazu wird
aus Schlesien auch die Variante Qrims* angegeben, aus dem
nördlichen Böhmen Krims 2 , ans Mähren Grems\ ans Thüringen
(allgemein) unnütz*. Der Name ist, wie so viele andere Be-
nennungen für Finkenvögel, ans den slavischen Sprachen über-
nommen; hier entspricht als Etymon dem mhd. krinis czech.
(russ.) krivonos b (d. h. Krummschnabel). Im Anschluß an die
Bildungen Stiglitz,Wonitz, Girlitz ist die Form Krinite entstanden,
welche dann teilweise an grün angelehnt und zu Gruniiz um-
gebildet worden ist.
Eine einheimische Bezeichnung für diese Vögel ist krump-
schnabl in einer Version des Märchens vom Zaunkönig (Ger-
mania VI, 90), Krumbschnabel bei Hans Sachs Regim, der Vögel
(1531) V. 226, Krumfchnabel bei Gesner Hist. avium S. 508.
Popowitsch S. 294 bezeichnet diesen Ausdruck als österreichisch.
Ein synonymer Name, welcher ebenfalls von den hakenförmig
gekrümmten Schnabelspitzen des Vogels hergeleitet ist. ist Kreuz-
vogel in Steiermark (Unger-Khnll Wortsch. S. U3), Krüzvogd 6 in
der Schweiz (Krützvogel bei Gesner a. a. 0.) und im Elsaß
(Creutzvogel in Spangenbergs Ganskönig V. 121); Martin und
Lienhart I, 100 geben allerdings 'Buntspecht' als Bedeutung
an. Nach Popowitscli S. 293 ist der Name Kreuzvogel auch in
der Wetterau üblich. Als schlesisch«^ Synonymon führt Popo-
witsch den Ausdruck Chridcogel an, den er daraus erklärt.
daß der Kreuzschnabel "um Weihenachten auf den Fichten-
bäumen seine Jungen aushecket". Wahrscheinlicher ist jedoch,
l Frommann D. Mundarten IV, 170. — 2 Zs. f. d. Phil. XXI. 210.
3 Frommann D. Mundarten V, 4G5. — •£ Hertel 110.
5 = poln. A-rzi/conon. Sloven. grinec stammt wohl aus dem Deutschen.
6 Staub-Tobler I, 094.
142 Grauer Fliegenfänger, muscicapa grisola.
daß dieser Name durch die Benennung Kreuzvogel veranlaßt
wurde, indem man hier das Kreuz im christlichen Sinne faßte.
In Kleins Hist. av. prodr. (1750) S. 96 wird der Ausdruck
Kreutz-Schnabel erwähnt, der als Krützschnoabel 1 in Mecklen-
burg und Krützsnauel 1 in Lübeck vorkommt. Aus Preußen wird
das Synonymem Zapfenbeißer 2 angegeben, welches Popo witsch
S. 294 mit den Ausdrücken Tannenvogel, Tannenpapagey nach
Halle anführt; bei Unger-Khull a. a. 0. S. 641 gilt Zapfenbeißer
als steirischer Name.
Schwenkfeld gibt im Ther. Sil. S. 253 an, daß die schlesischen
Vogelsteller nach der Farbe verschiedene Arten Kreuzschnäbel
unterscheiden: "Kote, Geelbe, Graue, Bundte, Recht oder Lincks
gefchrenckte Kriniffe". Durch diese Farbenbenennungen sind die
verschiedenen Stufen angedeutet, durch welche die lange
dauernde Unifärbung des Fichtenkreuzschnabels stattfindet.
Dagegen sind die Roß Kriniffe oder groffe Kriniffe a.
a. 0. wirklich eine verschiedene Art. Die Ausdrücke beziehen
sich auf den im Norden heimischen Kieiernkreuzschnabel oder
Hakengimpel (loxia enucleator, loxia pityopsittacus), der in
Deutschland manchmal angetroffen wird. In Preußen soll dieser
Vogel Paradiesvogel* genannt werden.
Wie die unregelmäßig streichenden Vögel überhaupt, so
gelten auch die Kreuzschnäbel als Vorzeichen von Pest oder
teueren Zeiten, vgl. Schwenkfeld a. a. 0.
Fliegenfänger, Muscicapidae.
Grauer Fliegenfänger, muscicapa grisola.
In den althochdeutschen Glossen wird der Vogelname
smpfo bezw. snepfa (d. h. Schnepfe) manchmal mit lat. ficedtda
übersetzt, das die Bezeichnung für Grasmücken oder Fliegen-
fänger ist; in den späteren Vokabularen wird daher der lateinische
Ausdruck auch mit grasmucke wiedergegeben. — Daß es sich in
den betreffenden althochdeutschen Belegen nicht bloß um eine
falsche Glossierung des Namens der Schnepfe (scolopax) handelt,
zeigt die weitere Geschichte.
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83. 84.
2 Frischbier II, 487. — 3 Frischbier II, 121.
Grauer Fliegenfänger, muscicapa grisola. 143
Im H». Jh. erscheint Sehnepffiein wieder einmal mit fic*-
dula glossiert bei Eber and Peucer Vocab. (1552) 8. K Tu, und
bier bezeichnet das Wort anzweideutig einen vom Fliegenfang
lebenden Singvogel, den Rotschwanz. Der tfame Schnepfflin
wird a.a.o. damii begründet, daß der Vogel mit offenem Munde
gierig Dach Fliegen trachtet. Junius, der diese Glosse durch
die Vermittlung Gesners in Beinen Nomenclator (1581 1 8. 56a auf-
genommen hat, bezeichnet Sneppe als entsprechenden nieder-
ländischen Namen. In dieser Lautgestalt begegnet der Vogel-
namc bereits im 15. Jh. in der Glosse Eicedula = fliege, sneppe 1 ,
welche in fliegesneppe 'Fliegenschnepper' zu verbessern ist Die
Bildung Fliegenfchnepper (Dübel Erüffn. Jägerpr. (1746) 8. 62)
ist heute besonders in Niederdeutschland als Name ^> grauen
Fliegenfängers (oder des Rotkehlchens) geläufig. In Göttingen
und Grubenhagen und im Münsterkreise lautet die Namensform
Fleigensnepper 2 , anderwärts auch Jtöuggensnapper * ; auf hoch-
deutschem Sprachgebiet Fliegen fchnäperl* in Österreich, Fliegen-
schnapperl* in Steiermark.
Im ahd. Ausdruck snepfo sind offenbar zwei verschiedene
Vogelnamen zusammengefallen: snepfo = scolopax, Schnepfe
{vgl. dieses Wort) und snepfo (aus *snap-j-an) Tliegenschnepper'.
Der letztere ist nur in der niederdeutschen Lautform * sneppe
erhalten geblieben. Aus diesem Zusammenfall der beiden Xamen
erklärt sieh dann der Umstand, daß lat. ficedula gelegentlich
auch im Sinne von Schnepfe aufgefaßt wurde. So z. B. bei
Albertus Magnus De animalibus S. Y 3a: "Xepa est auis longi
rostri, in dorso colores habet perdicis et in venire nisi . . . haue
flscedulam quidam vocant".
Eber und Peucer Yocab. (1552) S. E 6b haben für den
grauen Fliegenfänger den Xamen FUgenßecher, wozu Muggen-
ftecher bei Gesner Hist. avium S. 594 eine Variante ist; später
begegnet Muckenftecher in Spangenbergs Ganskönig V. 13S,
Mückenftecher bei Popowitsch a. a. 0. neben FUegenfpießcr,
L Diefenbach Novum glossar. S. 173 a.
2 Schambach 272, Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85.
3 Häpke Volkstümliche Tiernamen S. 302.
•i- Popowitsch Versuch S. 398. — 5 Unger-Khull 2 12.
144 Seidenschwanz, bombicilla garrula, ampelis garrulus.
das nach Halle augeführt wird. Als schlesische Namensform
gibt Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 307 Sticherling an.
Weitere Varianten sind Muggen-Chlöpfer l in der Schweiz,
Beiefrösser 2 (d. h. Bienenfresser) in Luxemburg, Mücken fanger *
in der Grafschaft Ranzau. — In Preußen heißt der graue
Fliegenfänger Schurek m., das bei Frischbier Wb. II, 323 als poln.
szurek 'Schelmchen' oder als onomatopoietische Bildung gedeutet
wird. Der Dialektname scheint eher auf russ. stsurka 'Bienen-
fänger' zurückzuführen zu sein. Unklar ist der luxemburgische
Name Izeckelchen 4 m.
Aus Mecklenburg erwähnt Nemnich Polyglottenlexicon II,
666 als Bezeichnung des grauen Fliegenfängers den Ausdruck
De graag Häting (= Das graue Rotschwänzchen); ein anderes
ndd. Synonymon ist Tünsinger' .
Vom grauen Fliegenfänger wird der schwarze (muscicapa
atricapilla) gewöhnlich nicht durch besondere Benennungen
unterschieden. Iu Bern (in der Schweiz) heißt die letztgenannte
Art Töte-Vögeli 6 (Toten vogel). Gesner bezeichnet a. a. 0. S. 763
den Namen Todtenaögele, welchen er als Synonymon zu Flügen-
ftecherlin anführt, als einen Ausdruck der Vogelsteller. An den
Namen knüpft sich die Vorstellung, daß der Vogel vor heran-
nahender Pest häufiger wahrzunehmen ist. Schwenkfeld Ther.
Sil. (1603) S. 307 nennt den schwarzen Fliegenfänger mit dem
schlesischen Namen Nöffelfincke, welcher nicht sicher deutbar ist.
Dieser Vogel wird in Luxemburg als Fleiefänker 7 (Fliegenfänger)
bezeichnet.
Seidenschwanz, bombicilla garrula, ampelis garrulus.
Der Seidenschwanz gehört, wie die Rotdrossel, der Berg-
fink xl a., zu den nordischen Brutvögeln, die als Wintergäste
die südlicheren Länder besuchen und deren plötzliches massen-
haftes Erscheinen hier als Zeichen des Unglücks aufgefaßt wird.
Als Fremdling teilt der Seidenschwanz den "BöhmeVNamen mit
1 Staub-Tobler III, 679. — 2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 24.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 2.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 197.
5 Häpke Volkstümliche Tiernamen S. 302.
6 Staub-Tobler I, 697. — 7 Wb. d. Luxemburg. Mundart 111.
Seidenschwanz, bombicilla garrula, ampelis garrulus. 145
den vorhingenannten Vögeln, Gtesner, der (II ist. avium 8. 674) ihm
sogar die wissenschaftlich*' Benennung 'garrnlus bohemicus'
gibt, kennt den Ausdruck Beliemle oder Beemerle ans Nürnberg;
hier ist das Bemlein schon früher direkt bezeugt durch Bans
Sachs Regim. der Vögel (1531) V. 17'_\ In den schweizerischen
Quellen des 17. Jhs. werden die Seidenschwänze öfters Behtnen
oder BöJiembli genannt; ebenso begegnet Bohemlein in diesem
Sinne bei Aitinger Bericht v. d. Vogelstellen 8. 3:54, Böhmlein
in der Angenehmen Land-Lust S. 104. Heute findet sich Bemer '
als Bezeichnung des Seidenschwanzes in Westfalen, und in
Frankreich ist jaseur de Boheme (der böhmische Schwätzer)
der allgemein geltende Ausdruck. Zur Verbreitung dieses Namens
mag einerseits die literarische Tradition beigetragen haben,
andererseits werden auch die Vogelsteller ihren Anteil daran
haben. — In Oberschlesien werden die Seidenschwänze nach
Popowitsch Versuch S. 539 nicht Böhmen sondern Friesen genannt.
Vgl. S. 65 und 113.
Der italienische Gelehrte Ulysses Aldrovandi erwähnt in
seiner Ornithologie mehrere Fälle, wo die Seidenschwänze in
seiner Heimat als Verkündiger schwerer Pestepidemien erschienen
seien. In Deutschland wird dieses Aberglaubens von Aitinger
gedacht, der in seinem Berichte von dem Vogelstellen (103 1)
S. 339 berichtet: "Es feynd viel Leute der fonderlichen meynung /
daß wenn diefer Vogel [der Seidenschwanz] bey uns gefehen
werde / daß es jederzeit ein befonder Omen vnd bedeutung habe I
ja der drey Principal Heuptftraffen / Krieg / Peft / Thewrung I
oder Hunger mit fich bringen | wiewol fie vielmahls in etzlichen
Landsarten in viertzehen vnd mehr jähren nicht gefehen werden
•'. Auf diesen Volksglauben beziehen sich die Namen
Pestvogel 2 in Österreich, der Schweiz und Schwaben, Todtenvogel 2
in Österreich und Steiermark, Kriegsvogel 2 in der Schweiz, Pest-
vngeP im Münsterkreise.
Da der Seidenschwanz in Deutschland ein Wintergast ist,
nennt ihn Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 229 einen "Schnee-
vogel" oder Schnee Lefchke (d. h. Schneekernbeißer). Ein regens-
1 Woeste 26. — 2 Popowitsch Versuch S. 539. 540, Fischer I. 943,
Staub-Tobler I, 694 f. — 3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86.
Suolahti, Vogeluamen. 10
146 Würger, lanius.
burgisches Dialektwort ist Pfeffervöglein, das Hohberg Adel.
Land-Leben (1687) II, 796 Kap. CXYII als einen Ausdruck der
"gemeinen Leute" erwähnt; die Benennung soll sich auf das
zarte, "wolgefchmackte" Fleisch beziehen, das wie "lieblich
gewürzt" ist.
Der heute allgemein übliche Ausdruck Seydenfchwantz wird
zuerst in Sachsen durch Eber und Peucer Vocab. (1552) S. E 7b
belegt und in der Form Seide fchwantz von Schwenkfeld a. a. 0.
als schlesisch bezeichnet. Auch bei Golius Onomasticon (1579)
Sp. 292 wird Seiden fchiventzlein und bei Chytraeus Nomenciator
(1582) S. 373 Sidenfchwentzken verzeichnet; weiter Seiden fchwäntzel
bei Hohberg, Seidenfchwentzlein bei Aitinger (S. 334) und in der
Angehmen Land-Lust a. a. 0., Seiden-Schwantz bei Döbel Eröffn.
Jägerpr. (1746) S. 55. Der Name, den Popowitsch Versuch S. 539
aus "Sachsen, Schlesien, der Wetterau etc." anführt, ist nicht nur
in Mitteldeutschland, sondern auch in Niederdeutschland (Mecklen-
burg 1 ) und in Oberdeutschland (z. B. Steiermark 2 ) verbreitet.
Nach dem deutschen Namen, der sich auf das weiche Gefieder
des Vogels bezieht, ist schwed.-dän. sidensvans gebildet.
Synonyme Namen sind Zinzerelle bei Gesner a. a. 0. und
Österreich, das Zuserl bei Popowitsch S. 540 ; für beide Aus-
drücke wird von den genannten Autoren onomatopoietischer
Ursprung vermutet.
Würger, lanius.
Ahd. dorndräil: Sg. Nom. — dorndragel furfario s : H.
S. III, 17, dorndragil: III, 17. furfarius : Versus de volucr. : cod.
Admont. 106, dornodrdgil: fol. sem. theot. Gotting. Müller I, 6, A 13
(13. Jh.). H. S. III, 17: cod princ. de Lobkow. 434, 9a (13 Jh.). dorn-
dregil: Versus de volucr., dorndrigil: Clm. 23496, 10 b, dorntugel:
Clm. 22213, 163a. dorndra : l : cod. Vatic. Reg. 1701, 2 b. dorndräil:
Clm. 14689 f. 47a. GH. Salom. a 1. dorndral: Versus de volucr. dorn-
drel: Versus de volucr.
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84. — 2 Unger-Khull 591.
3 Das unklare mittellat. Wort furfario, furfarius ist vielleicht als
perforarius (d. h. Durchstecher) aufzufassen ; auch perforaculum erscheint
im Corp. Gll. lat. II, 453* 7 (IN, 204 24 ) als furfuraculum. Dabei kann das
Wort sich an für 'Räuber' angelehnt haben.
Würger, lanius. 147
Die Lebensweise der Würgerarten ähnelt in mancher Hin-
sicht derjenigen der Raubvögel, Wie diese, so greifen auch die
Würger, sofern ihnen passende Nahrung mangelt, ander«' Vögel
an, die nicht viel kleiner sind als sie seihst, und würgen die-
selben ab. — Diese gransamen Eigenschaften kommen denn auch
zum Ausdruck in den volkstümlichen Benennungen der laniuß-
Arten; in England nennt man sie butcherbird, murderingpie, in
Frankreich icorcheur oder agasse enteile usw.
Der althochdeutsche Name dorndrdil enthalt als zweiten
Bestandteil eine -*Ya-Ableitung vom Verbum dräen 'drehen' und
bedeutet demnach e Dorndreher\ Der Ausdruck erklärt sich ans
der Eigenart des Vogels, seine Beute auf spitze Dornen aufzu-
spießen. In zahllosen Umbildungen läßt sich diese Bildung in
den hochdeutschen Mundarten weiter bis in die Neuzeit hinein
verfolgen. Im 16. Jh. begegnet Dorendreer bei Hans Sachs Regim.
der Vögel (1531) V. 147 auf bair.-fränk. Sprachgebiet, Doren-
dreer bei Eber und Peucer Vocab. (1552) S. F 3a in Sachsen,
Thorntrder bei Gesner Hist. avium S. 557, Dorndretver im
Strassburg. Vogelb. V. 442 (dorndrewe 1 schon in den Hildegard-
glossen des 13. Jhs.) und Dorndräher bei Grolius Onomasticon
(1579) Sp. 293. Heute ist Dorndreher (im Elsaß Dorndräjer 2 )
in süd- und mitteldeutschen Mundarten allgemein verbreitet;
auch im Münsterkreise soll ndd. Däondreiher* üblich sein. Die
ältere s7a-Bildung ist in Steiermark in den Formen Dornt raiL
Dorndraller* m., in Tirol (Oberinntal) in Doarnträl 5 m. erhalten.
— Schon in den frühmittelhochdeutschen Handschriften der
Versus de volucribus, welche diesen Namen abschreiben, er-
scheint er vielfach umgestaltet. Eine solche Umgestaltung ist
dorndrahsel: Clin. 4350, 3a, dorndrechsel: Clm. 3537, 330b, Clm. 614,
31b, Cgm. 649, 526 b, eine andere dorndroscel (-drosei -drösele,
-droschel, -drauschel) in cod. Oenipont. 355, 14 b, cod. Vindob.
3213, 116b, cod. Lips. Paulin. 106, lc, Clm. 247271 106b. 107a,
cod. Mellic. K 51, 242. Aus der heutigen mittelsteirischen Mundart
führt das Wörterbuch von Unger-Khull S. 162 Dortid rösche rl und
1 Ahd. Gll. 111, 404 17 . — 2 Martin-Lienhart II, 747.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85. — 4 Unger-Khull 162.
5 Frommann D. Mundarten IV, 54.
10*
148 Würger, lanius.
Dorntreischerl n. (d. h. Dorndrossel) an, gibt aber — auffällig
genug — als Bedeutung Drossel' an. In einem Glossar des
13./14. Jhs. (Zs. f. d. Wf. V, 20) wird die Form dornacreiel belegt
wo der Yogelname an krceen angelehnt und also als 'Dornkräher'
aufgefaßt worden ist ; daher Dornkrceel l in Baiern und weiter
umgebildet Dorngreuel 2 in Österreich (Totengräuel 3 in Salzburg).
— Eine alte Variante ist ferner dornorahil in cod. Admont. 476,
daraus Doarnrale^ in Lienz, der Dornreich in der Angenehmen
Land-Lust (1720) S. 111, Dornreicher bei Popowitsch Versuch
S. 416 als österreichische Form bezeichnet; Dornreiher 3 in Ober-
österreich. — Im 16. Jh. begegnet bei Gesner die Bildung Thorn-
kretzer, die von Schweiz, kretzen "kratzen, ritzen' (kretzo 'alietus*
im Vocab. optimus XXXVII, 35, S. 42) abgeleitet ist; später ist
das Wort nochmals belegt 5 . Im Schwäbischen findet der
Vogelname sich umgebildet zu Dorndreckeier 5 , im Anschluß an
dreckelen 'mit Dreck arbeiten' ; in Steiermark kommt die Variante
Dorntreiber 1 vor, im Etschtal (Tirol) Dorngansl^ (Dorngänschen).
Ungefähr auf demselben Verbreitungsgebiet wie der eben-
erwähnte Ausdruck mit seinen Varianten kommt das althoch-
deutsche Synonymon wargengil vor, welches in mehreren Hand-
schriften überliefert ist.
Belege: Sg. Nom. — wargengil cruricula: H. S. III, 17: cod.
mon. herem. 171, 24, cod. princ. de Lobkow. 434, 9 a, cod. Darmstad.
6, 27 a. wargengel: Versus de volucr. : cod. Mellic. K 51, 242, wark-
engel: fol. Francofortense, cod.princ.de Lobkow. 489, 56b, cod.
princ. de Wallerst. I, 2 (Lat.), 175 b, warchengil : cod. Admont. 106,
cod. Admont. 476, Clm. 17194 f. 221b, cod. olim Argentorat. A 157,
cod. Stuttgart, th. et phil. 210, 135 a, cod. Stuttg. th. et phil. 218 f. 22 b.
H. S. III, 17: cod. Trevir. 31, 15 a, warchengel: cod. Vindob. 2400,42 a,
Clm. 23796, 173a. Versus de volucr.: Clm. 23496, 10b, warechengil:
cod. mon. herem. 239 p.784. warcgengel: Gll. Hildegardis. wargingel:
cod. Oxon. Jun. 83, 4. ivarchelgel : Versus de volucr. : fol. Stutt-
gartense.
Die Belegstellen reduzieren sich auf ein einziges selbst-
ständiges Zeugnis des Vogelnamens in den Versus de volucribus.
1 Schmeller-Frommann I, 542. — 2 Popowitsch Versuch S. 416.
3 Zs. f. d. Phil. XXI, 209. — 4 Frommann D. Mundarten IV, 54.
5 Staub-Tobler III, 934 und Popowitsch Versuch S. 415.
6 Fischer II, 280. — 7 Unger-Khull 162.
Würger, lanius. 14H
Aus dieser Quelle hat offenbar das Summarium das Wort auf-
genommen, und die Bildegard- und Junias-Glosseo sind irieder
vom Summarium abhängig.
[n der Form, wo dieser Name des Würgers überliefert
ist, seheint es ein Kompositum zu sein. Wilhelm Grimm hat
es in Zs. f. d. A. VI, 333 als irarr-grngil (d. h. Wolfgänger) ge-
deutet, so daß der Vogel eigentlich ein in WolfegestaH omher-
streichender böser Geisl sei. Eine ähnliche Auffassung i>t im
Schweizerischen Idiotikon 1, 334 vertreten. Eher könnte man
vielleicht an ags. wergenga, Longobard. irargengus(\j>x Rothari 390)
e V r aräger, umherstreichender Fremdling' anknüpfen. Da manche
Würgerarten nordische Vögel sind, welche in Deutschland nur
als wandernde Gäste angetroffen werden, so konnte man sie
als Varäger auffassen, ebensogut wie man in dem Seidenschwanz
einen Böhmen oder einen Friesen sah.
Aber das Aussehen des ahd. Wortes als Kompositum ist
offenbar erst sekundär, denn die entsprechende angelsächsische
Namensform wearginkel bewahrt die ursprünglichere Stufe des
Vogelnamens und diese läßt sich am einfachsten als eine demi-
nutive Ableitung mittels des Suffixes -inkil von ags. wearg
(ahd. wäre 'Kaliber', anord. vargr "Wolf) deuten. Demnach wäre
der Würger wegen seiner grausamen Tätigkeit als 'der kleine
Wolf* benannt worden. Eine Würgerart wird noch heute als Meisen-
wolf bezeichnet 1 . — Im Englischen ist weargincel später umge-
staltet worden; es kommt im Mittelenglischen in der Form wariomgie
einmal bei Chaucer Canterbury Tales 2 vor und findet sich als
ivariangle, weirangle, wirrangle 3 in den heutigen Mundarten.
In Deutschland ist Warkengel, Werkengel im 16. Jh. bei
Gesner a. a. 0. S. 558 bezeugt, der den Ausdruck aus "Strass-
burg, Frankfurt und anderen Gegenden" hat. Ein direktes Zeug-
nis aus dem Elsaß ist Werckkengel im Strassburg. Vogelb. (1554)
V. 444. Nachher ist der Ausdruck in den westlichen Gegenden
von Süd- und Mitteldeutschland ausgestorben. Länger hat er
sich dagegen im Osten erhalten, obgleich die Umgestaltung hier
1 Vgl. Verf. Zs. f. d. Wf. IX, 176 f.
2 Vgl. Wright Engl. Dial. Dict VI, 385.
i Vgl. Wright a. a. 0. und Swainson The Folklore S. 47.
150 Würger, lanius.
immer weiter fortgeschritten ist, so daß die alte Namensform
fast unerkennbar geworden ist. Bereits in einer Handschrift der
Versus de volucribus aus dem 12. Jh. (Clm. 2612, 34 b) begegnet
die Variante warchrengil, worauf die schlesische Form War
Krengel, welche Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 291 neben Wan-
krengel bezeugt, und die heutigen Variationen Wartenkrengel 1
(in Glaz), Gartenkrengel 1 , Wagenkrengel 1 und auch einfach
Krengel 1 (im Anschluß an krengeln 'quälen') beruhen. Eine
andere von Schwenkfeld erwähnte Lautform ist Würg Engel,
heute in Göttiugen und Grubenhagen Wörgengel 2 m.
Eine Parallelform zur westgermanischen Deminutivbildung
warginkil ist mhd. wergel (im Renner Hugos von Trimberg V. 8689
und im Jüngling Konrads von Haslau V. 259 3 ) = mnd. worgel;
in den ahd. und mhd. Versus de volucribus sind die Formen
luargil, wergil, worgel öfters belegt. Diese Namensform ist mittels
des Suffixes -ila-, das hier offenbar deminutiven Charakter hat,
von wäre abgeleitet, so daß hier ebenfalls 'der kleine Wolf die
ursprüngliche Bedeutung war. Heute in Baiern Wörgl*, in
Fallersieben Spet-Wörgel b . — Den jetzt von der Wissenschaft an-
genommenen Ausdruck Würger nennt Popo witsch Versuch S.415.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Glosse wurgelhahe
(crupicula) in Clm. 19488, 121a (Versus), die ein späterer
Schreiber durch Änderung des u in e und Ausstreichen von
hohe in wergel korrigiert hat; in Clm. 4460, 56a ist die un-
verstandene Namen sform als wurdelhahe abgeschrieben worden.
Hier liegt wieder eine von den vielen Varianten des alten
Namens vor. In dem Kompositum, dessen erster Teil eine -ila-
Ableitung von würgen 'würgen' ist, gehört der zweite Teil zu
hähan 'hängen', so daß die Bildung eigtl. 'Würgerhenker' be-
deutet ; vgl. hacher 6 'Henker' (im Jahre 1408 belegt). Eine
französische Parallele dazu ist pendibre 1 (d. h. Henkerin) als
Bezeichnung des Würgers in den Vogesen. Das spätalthochd.
1 Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. 47.
2 Schambach 304. — 3 Zs. f. d. A. VIII, 558.
4 Schmeller-Frommann II, 998.
5 Frommann D. Mundarten V, 295.
6 Frommann D. Mundarten V, 371. — 7 Rolland Faune populaire II, 149.
Würger, lanius. 161
ivurgelhdhe ist eine bairische Variante, die im I L Jh. eon
Konrad von Rfegenberg (Ed. Pfeiffer) 8. L79, 15 als volkstümlicher
Ausdruck bezeichne! wird: "und w®n, ez (corednlus) Bei ain
klain rogel, der haizt auf «Irin gita würgelhdch". Aul diesei
Bonn beruht ohne Zweifel auch der Vogelname Wölgerhod, der
bei Hans Sachs Regina, der Vögel V. L95 begegnet
Auffällig isl der Ausdruck Handwerk, mit dem die öster-
reichischen Falkenfänger den großen Würger benennen. Vielleicht
liegt diesem Worte ein Kompositum hang-warc Henker-Würger'
von der gleichen Art wie die vorhingenannte Variante zugrunde.
Den Anlaß zu dergleichen Bildungen konnte der alte Vogelname
ivarchengil durch falsche Auflösung der Glieder (warc-hengü =
Wolfhenker) bieten.
Ein Dialektwort aus Göttingen und Grubenhagen ist Bad-
breker, Rddbräker 1 m. (Radebrecher).
Besonders auf mittel- und niederdeutschem Gebiete heimisch
ist der Name Neunmörder, welcher der Volksvorstellung ent-
sprungen ist, daß der Würger an einem Tage neun Vögel tötet
Zuerst begegnet Nuin mürder in Turners Avium bist. (1544) S.
F 8a, darauf Neunmörder im Strassburg. Yogelb. (1554) V. 1 L3.
Gesner, der den Aberglauben kennt, welcher sich an den Vogel-
namen knüpft, bezeugt die Varianten Nüntöder I Xünmörder
für Westfalen, Hessen und Thüringen. Heute kommen im Elsaß
die Formen Nüntöter, Niinemörder, Ülenmörder, RitnSrder* ror,
in der Pfalz Neuntöter* (bisw. umgebildet zu Eintöte r). in
Luxemburg Neimerder* und LeimörderK in Westfalen Nhgen-
märder' (Nidgenmäner^), in Göttingen und Grubenhagen Necjen-
döter, Negenmarder 6 , in Altmark Nägnmörer 1 , in Hannover
Negenmörder*, in Mecklenburg Negenmürer und Negendöder*.
In manchen Gegenden werden die Würger als Bistern
oder Häher benannt, wobei wohl das Geschrei der verbindende
1 Schambach 166. — 2 Martin-Lienhart I, 706. II. 727.
3 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 10.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 265. 298. — ö Woeste 186
6 Schambach 144. — 7 Danneil 143.
8 Häpke Volkstümliche Tiernamen S. 302.
9 Schiller Zum Tierbuche 1h 14
152 Würger, lanius.
Vergleichungspunkt ist. Gesner a. a. 0. S. 557 nennt die Aus-
drücke Waldhäher und Waldherr aus Freiburg; vielleicht ist
die Glosse walder in Clm. 23496, 10 b (Versus de volucribus)
12. Jh. mit diesen Namen identisch, obwohl sie als Lemma fulica
hat. — Popowitsch Versuch 415 f. gibt unter den Synonyma für
den Würger die Namen Dornhäher, Grigelalfter (nach Kramer),
Krückälfter (vgl. Krigelster = Blaurake S. 16) und Wildälfter;
in Westfalen heißt der Vogel Dämexter 1 (Dornelster), im Elsaß
Dornägerste 2 , in Preußen Kaddigheister 3 (Wachholderelster),
Sprockheister* (Strauchelster), und in Oberösterreich Buschälster*.
Die Bildung Speralster, welche Popowitsch a. a. 0. aus Österreich
angibt (in Steiermark Sperr 'galster 5 ), ist vielleicht aus *Spar-alster
(Sperlingselster) entstanden. Eine ähnliche Bezeichnung des
Würgers ist it&l. gazza sparuiera oder passera gazera bei Aldrovandi
Ornithologia (1610) I, 198b.
Gelegentlich werden die Würger mit Namen bezeichnet,
die auf den dicken Kopf dieser Vögel Bezug nahmen, so z. B.
Dickkopp Näg7imörer G in Altmark, der Dickschädel 7 in Steiermark.
In erster Linie beziehen sich die obengenannten Synonyma
auf den rotrückigen Würger (lanius collurio), welcher die häu-
figste Art in Deutschland ist. In Oberösterreich soll dieser Vogel
Blaukopf, Alsterweigl oder Kiemer Stecher, im nördlichen Böhmen
Dornhitsche oder Steinfletscher heißen 8 . In der Angenehmen
Land-Lust (1720) S. 113 wird er Schilfdornreich genannt; auch
sonst werden kleine Würgerarten Rohrspatzen oder Rohrsperlinge
genannt, vgl. Popowitsch Versuch S. 416 und Reyger Verbess.
Hist. der Vögel (1760) S. 53.
Seltener ist der schwarzstirnige lanius minor, der jedoch
in verschiedenen Gegenden von Deutschland als Brutvogel vor-
kommt. In der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 112 wird er
der Meifenkönig genannt, "weil er natürlich einer Hanfmeife
gleich fiehet"; im nördlichen Böhmen heißt er Meisenwolf*, in
Steiermark Spanischer Dorndreher 8 . Wegen der schwarzen Kopf-
1 Woeste 48.
2 Martin-Lienhart I, 21. — 3 Frischbier I, 324. II, 357.
4 Zs. f. d. Phil. XXI, 209. — 5 Unger-Khull 525.
6 Danneil 143. — 7 Unger-Khull 153.
8 Zs. f. d. Phil. XXI, 209.
Meise, parat. 153
platte bat der Vogel von den österreichischen Vogelkrämern den
Namen Mönch ■ bekommen.
Einige ?on diesen ausdrücken gelten anch gelegentlich
von dem großen Würger (lanius excubitor), der bei den stei-
rischen Vogelfängern anter «lein tarnen der Zwergel ' bekannt
ist. Wenn dieser Ausdruck nicht eine Verdrehung des Namens
Wergel ist, so konnte der Zwergname dem Vogel gegeben worden
sein, weil er im Verhältnis zu den Falken als der kleinste Raub-
vogel erschien. Reyger, der in der Verbess. Eist der \
(1760) s. 52f. nach seinem Vorgänger Klein die Würger zu den
Falken zählt, nennt sie a. a. 0. Afterfalken. In Preußen heißt
der große Würger Wächter 2 , wahrscheinlich deshalb, weil er auf
strauchspitzen Umschau zu halten pflegt; SpottvogeP wird er ge-
nannt, weil er den Gesang der kleinen Singvögel geschickt nachahmt.
In Süddeutschland tritt der Rotkopfwürger (lanius rufus
oder Senator) häufiger auf als in den nördlicheren Gegenden.
Gesner hat ihn nur in Italien gesehen und weiß für ihn keinen
deutschen Namen zu nennen. In manchen Gegenden wird er
als Rotkopf von den übrigen Arten unterschieden.
Meise, parus.
Ahd. nieisa: Sg. Nom. — meisa parix : cod. SGalli 299, 26.
cod. SGalli 242, 248b. cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4<> f. 89 a, cod.
Parisin. 9344 f. 42b, cod. Berol. Ms. lat. 8<> 73, 123b, cod. sem.
Trevir. f. 112b. petrix : cod. Lugdun. Voss. lat. 4° 162b. cod. Vatic.
Reg. 1701, 2 b. Versus de volucr. H. S. III, 17. XI a 2. b. e. g. petrix :
Gll. Salom. al. Clm. 14689 f. 47a. cod. Selestad. 110a. mesa : cod.
sem. Trevir. R. III. 13, 108a.
Die Benennung Meise ist in allen germanischen Sprachen
vorhanden, abgesehen vom Gotischen, wo Belege naturgemäß
fehlen. Zu ahd. meisa, mhd. meise und mnd. nnd. mese, mndl.
niese, nndl. mees stimmen ags. mäse, nie. rngse, ne. (umgestaltet im
Anschluß an mouse 'Maus') tit-?nonse 4 , coedmouse* und schwed.
1 Popowitsch Versuch S. 416. — 2 Frischbier II, 451.
3 Zs. f. d. Phil. XXI. 209.
4 Dieselbe Umbildung im dän. musvit und im schweiz. Maus (in
Zusammensetzungen), wo die Vermischung der umgelauteten Form Müusli
(aus Matts) mit Meisli die Umgestaltung veranlaßt hat.
154; Kohlmeise, parus major.
mes, norweg. meis, dän. meise. Im Altnordischen ist nur eine
deminutive Ableitung meisingr belegt, aus welcher frz. mesange
(dial. misingue in der Normandie, mesingle in der Picardie usw.)
entlehnt worden ist; schon im 10. Jh. ist mittellat. misinga bezeugt,
vgl. Hatzfeld-Darmesteter s. v. mesange. Die Vorgeschichte
des germanischen Vogelnamens *mais-ön ist dunkel. Die von
Stokes Urkelt. Sprachsch. S. 205 angenommene Verwandtschaft
mit eyinr. mwyalch, corn. moelh, breton. moualch "Amsel' < Grdf.
*meisalko- (und lat. merula Mass. 9 ) ist unsicher.
Kohlmeise, parus major.
Dieser Name, den der Vogel seinem kohlschwarzen Scheitel
verdankt, begegnet als kolmeis zuerst im 15. Jh. in einer Version
des mhd. Gedichtes vom Zaunkönig (Germania VI, 94); im Angel-
sächsischen entspricht dieselbe Bildung colmäse. Der Ausdruck
ist in Deutschland weit verbreitet. Im 16. Jh. ist Kölmeyfe in
der Kölner Gegend bezeugt durch Turner Avium hist. (1544) S.
G5b und (Kölmeyß) durch Longolius Dial. de avibus (1544) S.
G2a. Im Elsaß erscheint die Benennung Kölmeyfe zuerst im
Strassburg. Vogelb. (1554) V. 453, in Baiern Kolmaiß bei Hans
Sachs Regim. der Vögel (1531) V. 176, in Sachsen Kolmays
bei Eber und Peucer Vocab. (1552) S. F 5 a, in Schlesien ein Kol-
meife bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 318. Gesner Hist.
avium S. 615 kennt Kolmeiß aus seiner Heimat, aber als Be-
zeichnung der ähnlich gefärbten Sumpfmeise. In Niederöster-
reich wird die Kohlmeise Kohlmann 1 , im nördlichen Böhmen
Meisköhler 1 genannt; ähnlich in Frankreich charbonniev.
Ein synonymer Name, der ebenfalls mit Rücksicht auf
den schwarzen Schädel des Vogels gebildet ist, ist Brantmeyfe
im Strassburg. Vogelb. V. 452, heute in Straßburg das Brandele 2 ;
vgl. auch S. 45.
Ein dritter derartiger Ausdruck ist Schweiz. Spiegelmeiß
bei Gesner a. a. 0; auch in Sachsen Spigelmays bei Eber und
Peucer a. a. 0., heute Spiegelmeise :i in Steiermark und Nieder-
1 Zs. f. d. Phil. XXI, 209. - 2 Martin-Lienhart II, 193.
3 Unger-Khull 526 und Zs. f. d. Phil. XXI, 210.
Blaumeise, partu coeruleut
Österreich. — Wegen der gelben Unterseite heißt der Vogel in
Steiermark auch Gelbmeise 1 .
Der gewöhnliche Lockruf der Kohlmeise ist Dach \
Exoursionsbuch S. 88 ein kurzer, heller pink-Laut, bist wie
der des Buchfinken ; daher erklärt sich der NTame Finkenmek
bei Popowitsch Versuch 3.344. Di«' Töne in dem am all-
gemeinsten bekannten Brühlingsrui des Vogels werden
Voigt a. a. 0. von dem Volke mit 'Sitzida Sitzida' omschri
oder je nach der Provinz mit anderen Variationen. Im nassau-
ischen Dialekt hat die Kohlmeise von diesen Tönen <\<-\\ Namen
Schmidetseasch* d. h. 'Schmiede das Sech' erhalten; am Rhein
heißt sie Spitzeschar 2 d. h. 'Spitz die Pflugschar*. In der Alt-
marker Mundart werden die Schlagweisen der Kohlmeise als
f Si di väör' (Sieli dich für), Düwelsdreck', 'Kik int Ivrös'. *Ktk
in' t Ei' oder 'Schinkendew* verstanden, daher die Dialektnamen
Kik-int-Ei, Schinkendew s . Der letzterwähnte Ausdruck weist
auch auf die Vorliebe des Vogels für Fleisch und Speck hin.
Bereits im Altnordischen begegnet als Bezeichnung der Meise
der Name spiki, welcher aus spik 'Speck' abgeleitet ist v ; im
Angelsächsischen entspricht die Zusammensetzung spic-mdse,
nndl. spekmuis. Im Schwedischen wird die Kohlmeise talgoxr
(Talgochs), im Dänischen auch JcJBdmeis (Fleischmeise) genannt;
in Frankreich heißt sie lardüre (von lard 'Speck'). — Eine
ähnliche Bildung wie die vorigen ist ndd. Spinndicke 6 im Münster-
kreise; der Name gehört zu asächs. spind 'Speck'. Preußische
Ausdrücke sind Talgmöske und Talghacker 6 ; bei Döbel Eröffn.
Jägerpr. (1746) S. 64 Pickmeise.
Blaumeise, parus coeruleus.
[n Zürich, der Heimatstadt Gesners, heißt diese Meise
Bldmeis (Staub-Tobler IV, 466). In Hist. avium hat Gesner S.616
nach der heimischen Benennung Blaivmeiß den wissenschaft-
lichen Ausdruck 'parus coeruleus' gebildet, der noch heute all-
gemein gilt. Im Elsaß ist das Wort Blawmeyfe durch das Strass-
1 Unger-Khull 278. — 2 Kehrein 356. — 3 Danneil 99. L36. 16
4 Falk und Torp Et. ordb. 0,961.
5 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht. XVI, 86. — 6 Frischbier 11, 399.
156 Blaumeise, parus coeruleus.
bürg. Vogelb. (1554) V. 452 bezeugt, heute kommt ueben Blaümeis
auch die Ableitungsform Blänele ] in Straßburg vor (in Niederöster-
reich Bloritschn, Blauhedschn 2 ). Diese Benennung, welche durch die
blaue Farbe der Flügel veranlaßt worden ist, ist ziemlich all-
gemein verbreitet. In Sachsen wird Blaiv Mays durch Eber und
Peucer Yocab. (1552) S. F 5a bezeugt (später Blawmeise in Döbels
Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 64), in Schlesien schreibt Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 320 Blaw Meißlin, in Niederdeutschland Blaw-
mefeke bei Chytraeus Nomenciator (1582) S. 375 ; heute im Münster-
kreise Blaomeise 3 . Auf die blaue Farbe des Vogels bezieht sich
auch der luxemburgische Name Himmelmes*; Ostermanns Vocab.
v. J. 1591, welches auch moselfränkische Worte enthält, ver-
zeichnet bereits den Ausdruck Himmelmeis.
Ein mitteldeutscher Ausdruck ist Meelmeyfe in Turners
Avium hist. (1544) S. G 5b, Meelmeyß bei Longolius Dial. de
avibus (1544) S. G 2 a, Meelmays bei Eber und Peucer Yocab.
(1552) S. F 5a; schon im 15. Jh. begegnet melmeise in zwei mittel-
deutschen und einem oberdeutschen Vokabular 5 . Aus Steiermark
wird Mehlmeise 6 heute in der Bedeutung 'Kohlmeise' angegeben.
— Nach der Nahrung, welche die Blaumeisen auf den Höfen
und bei den Häusern finden, haben sie auch noch andere Namen
erhalten. In Kl eins Hist, av. prodr. (1750) S. 85 werden sie
Kdfemeischen genannt; der Ausdruck Kcesemese(ke) 1 ist heute
in Göttingen und Grubenhagen und in Westfalen üblich. Ein
anderer westfälischer Name ist HampmSse* (daraus vielleicht
umgestaltet Handmese 'Kohlmeise'), dem im Elsaß Kudermeis*
(zu Kuder 'Hanfabfall') entspricht. In der Angenehmen Land-
Lust (1720) S. 219 wird wieder die Sumpfmeise mit dem Namen
Hanfmeise benannt. — Vor allen anderen Arten ist die Blau-
meise ein Insektenfresser; daher der Name Pynmaiß (d. h.
Bienenmeise) bei Hans Sachs Regim. der Vögel (1531) V. 170,
Bymeyfe bei Gesner S. 616 als Nürnberger Ausdruck angeführt;
1 Martin-Lienhart I, 722. II, 150. — 2 Zs. f. d. Phil. XXI, 209.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 181.
5 S. Diefenbach-Wülcker Wb. S. 757.
6 Unger-Khull 456. — 7 Schambach 97 und Woeste 121.
8 Woeste 91. — 9 Martin-Lienhart I, 722.
Sumpfmeise, parus palustris oder subpalustris. 157
heute Bennmeiae 1 in Obersteiermarfc (vielleicht aas Binmmm im
Anschluß an Henne 'Krippe' umgestaltet).
Am liittelrhein heimisch ist der Ausdruck Pimpelmeyß.
den Loogolius DiaL de avibus (1544) 8. Q 2a zuerst erwähnt; am
Niederrhein wird Pimpelmeefe (neben Medmeeß] von Jnnias
Nbraenclator (1581)8. 59a bezeugt Im heutigen Niederländischen
wird neben pimpelmees auch einfach pimpel gesagt; in Nieder-
deutschland wird Piimpclmesk in der Bedentang 'parus major'
von Danneil Wh. 1(53 als altmärkisches Wort verzeichnet
Sumpfmeise, parus palustris oder subpalus tr is.
Die Sumpfmeise hat einen schwarzen Scheitel und Hinter-
kopf und wird daher — wie Gesner S. 615 berichtet — in der
Schweiz Kolmeiß genannt; heute Sivattkoppmese 2 im Münster-
kreise. Oben ist der Yogel graugefärbt, unten weiß, und die
ganze Tracht hat in England den Vergleich mit einer versehleier-
ten Nonne hervorgerufen: ce Angli nonnam ä similitudine cum
velata monacha habet, nominant", Turner Avium historia (1544)
S. G 6 a. Iu Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 64 wird der Vogel
aus diesem Grunde Schleyer- Meife genannt. — Auf die graue
Rückenfarbe beziehen sich die Synonyma Aefchmeißle (d. h.
Aschenmeise) bei Gesner und schles. Graw Meißlin bei Schwenk-
feld Ther. Sil. (1603) S. 320.
Die übrigen Namen des Vogels benennen ihn nach den
sumpfigen Stellen, in denen er den Sommer gerne verbringt.
Ein derartiger Name ist Kotmaiß in Hans Sachs' Regim. der
Vögel (1531) V. 143, Kaatmeißle bei Gesner a. a. 0.; heute
Chötmdse 3 in der Schweiz, Keatnerle* in Kärnten. Im Stras-
burg. Vogelb. (1554) V. 455 ist der entsprechende Ausdruck
Murmeyfe (zu Muer 'Sumpf'), bei Gesner ein Mürmeiß oder
Reitmeiß; in Niederdeutschland Reitmeefke (im Brem. Wb. III,
469), Reitlünk, Reitnüsker 5 . In Mittel- und Untersteiermark heißt
der Vogel Lahnmeise 6 (zu Lahne 'träge fließendes Wasser, ver-
sumpfter Einbruch eines Flusses an dessen Ufer').
1 Unger-Khull 6Q. — - 2 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht. XVI. 86.
3 Staub-Toblor IV, 466. — 4 Lexer Kämt. Wb. S. 165.
5 Häpke Volkstümliche Tiernamen S. 303. — 6 Unger-Khull 424.
158 Tannenmeise, parus ater. — Haubenmeise, parus cristatus.
Tannennieise, parus ater.
Da auch diese Meisenart einen schwarzen Oberkopf und
Hals hat, wird sie gleich der großen Meise und der Sumpf-
meise in manchen Gegenden 'Kohlmeise' genannt, wie bereits
Gesner Hist. avium S. 616 bemerkt. In Döbels Eröffn. Jägerpr.
(1746) S. 64 heißt sie Schivarzmeife.
Gesner, der a. a. 0. S. 617 eine besondere Art 'parus
sylvaticus 5 aufstellt, die jedoch nur eine Spielart ist, nennt
dafür die Namen Waldmeißle I Thannmeißle und Waldzinßle
(Waldzeisig); in der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 219
lautet der entsprechende Name Holtzmeife, heute in der Schweiz
ebenfalls Holzmeisli l .
Die schlesische Bezeichnung der Tannenmeise ist Hunds-
Meife (Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 320); in Steiermark heißt
sie Spermeise 2 (Grimms Wb. X, 2063), in Österreich Sperrmaife*
und Kreuzmai fe 3 , in Nassau Hannesmieschen^ (d. h. Johannes-
meise), in Luxemburg Wantermes 5 (d. h. Wintermeise), im Elsaß
dagegen Summerkränzle 6 .
Im Regim. der Yögel (1531) V. 170 läßt Hans Sachs
unter den Meisenarten auch die Thonmaiß auftreten; damit
scheint die Tannenmeise gemeint zu sein, aber der Name ist
nicht ganz durchsichtig.
Als synonyme Benennung mit den bereits angeführten
Ausdrücken führt Gesner das Wort Zilzelperle an und weist
dabei auf die Laute c zul zilp zalp 5 , welche der Yogel singen soll.
Ygl. auch S. 76.
Haubenmeise, parus cristatus.
Von den anderen Meisenarten unterscheidet sich dieser
Vogel besonders durch den spitzen Federbusch, der ihm zu
dem Namen verholfen hat. Je nach den Ausdrücken, welche in
den verschiedenen Landschaften für den Kopfschmuck gebräuch-
lich sind, variiert auch der Yogelname. Bei Hans Sachs im
Regim. der Yögel (1531) V. 145 heißt die Haubenmeise Heubel-
1 Staub-Tobler IV, 466.
2 Unger-Khull 525. — 3 Popowitsch Versuch S. 344.
4 Kehrein 185. — 5 Wb. d. Luxemburg. Mundart 475.
6 Martin-Lienhart I, 521.
Schwanzmeise, parofl caudatus odef aegithaltu caudatus. 159
maiß, ebenso Heybdmcds bei Eber und Peucer Vocab. (1552)
S. F 5b, in Gesners Bist avium 8. (>17 Kobelmeiß I Strußmeißlin,
im Strassb. Vogelb. v. 156 Koppelmeyfe, bei Schwenkfeld Ther.
Sil. (1603) S. 321 Straumeidin, bei Chytraeus Nomenciator (1582)
S. 375 ndd. Topmeseke, bei Döbel ßröffn. Jägerpr. (1746)
Kupp-Meifc, in der Angenehmen Land-Lust (1720) 8. 219
Schopf mcife, bei Klein Eist av. prodr. (1750) 8. 85 Haubenmeise.
Im Elsaß kommt heute der Ausdruck Kobelmeis 1 vor, in der
Schweiz Huppmeisi und Waldhuppeli- , in Tirol Tschaupmoa$\
im uördlichen Böhmen Koppmeise 4 '. Vgl Haubenlerche 8.99.
Eine synonyme Benennung ist Heidenmuys bei Eber und
Peucer a. a. 0.
Sehwanzmeise, parus caudatus oder aegithalus caudatus.
Wie bei der vorigen Art der spitze Federbusch, so fällt
bei dieser der lange Schwanz auf. Lexers Mhd. Wb. belegt
aus den spätmittelhochdeutschen Weistümern den Namen sterz-
meise, der in der niederdeutschen Form Styärtmese b (= nndl.
staartmees) im Münsterkreise üblich ist; Stertmefeke bei Chy-
traeus Nomenciator (1582) S. 375. In Baiern erscheint die Variante
Zaglmaiß bei Hans Sachs Regim. der Yögel (1531) V. 197
und in Sachsen Zagelmays bei Eber und Peucer Vocab. v.
J. 1552 S. F5b; daraus ist die Form Zahl-Meife bei Klein
Hist. av. prodr. (1750) S. 85 geworden. Aus der Schweiz führt
Gesner Hist. avium S. 617 die Namensform SchwantzmeißUn
an; auch Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 319 und Döbel Eröffn.
Jägerpr. (1746) S. 64 schreiben Schicantz-Meife. In Luxemburg
heißt der Vogel Läng Schwänzchen« m. (= nndl. langstaart).
Ein charakteristischer Ausdruck für den langbeschwänzten
kleinen Vogel ist Pfannenstil, das Gesner a. a. 0. aus der
Schweiz kennt; im Elsaß, wo der Name noch heute gebräuch-
lich ist 7 , begegnet er zuerst im Strassburg. Vogelb. (1554) V. 449
1 Martin-Lienhart I, 722. — 2 Staub-Tobler IV, 466.
3 Frommann D. Mundarten IV, 55. — 4 Zs. f. d. Phil. XXI, 209.
5 Korrespondenz!)! f. ndd. Sprachf. XVI, 85.
6 Wb. d. Luxemburg. Mundart 259.
7 Martin-Lienhart II, 592.
160 Spechtmeise, sitta caesia.
und bei Golius Onomasticon (1579) Sp. 294. Nach Fischer
Wb. I, 1012 ist der Ausdruck auf schwäbischem Sprachgebiet
wohl allgemein verbreitet; auch in der Pfalz Pfannenstielchen 1 ,
in Niederösterreich soll ebenfalls Pfänastiel 2 bekannt sein. Eine
Verdrehung dieses Namens ist Pfanne ftiglitz bei Eber und
Peucer a. a. 0. — Auch in französischen Dialekten findet man
ähnliche Ausdrücke wie TfannenstieF, vgl. manche de poele,
queue de casse u. a. bei Rolland Faune populaire II, 309.
Bei Gesner heißt die Schwanzmeise auch Berckmeißle,
weil sie häufig im Gebirge angetroffen wird ; vielleicht ist auch
der von Lexer Mhd. Wb. aus den Weistümern angeführte Vogel-
name bermeise als bercmeise zu lesen. — Im Südosten des
deutschen Sprachgebietes kommt der Ausdruck Schneemeife vor,
den der Verfasser der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 219
zuerst bezeugt; heute gilt der Name auch in Nord-Böhmen 2
und Ober-Steiermark 3 , Schneamoas in Tirol 4 , Schneemasn, Schnee-
guckerl in Niederösterreich 2 . — Nicht ganz klar ist, wie man
die tirolische Benennung Pelzmeüe auffassen soll. Vielleicht ist
sie eine Umgestaltung von *Bolzmeise, wo Bolz auf den langen
Schwanz hinweisen würde. Der Vogel wird auch Teufelsbolzen
und im Anhalter Dialekt Teufelspelzchen 5 genannt.
In der Schweiz kommen die Ausdrücke Bräm-Mos, Brom-
Mos 6 (Knospenmeise) vor, die dann auch für den Gimpel ver-
wendet werden. — Ein luxemburgischer Dialektname ist Krei-
ehen 1 f. (Deminutivform von Krei 'Elster'); der Vergleich mit
der Elster ist durch den langen Schwanz veranlaßt.
Spring- oder Spechtmeisen, Sittinae.
Spechtmeise, sitta caesia.
Eine Art Übergangsform zwischen Meisen und Spechten
ist der Klettervogel, der in der heutigen Wissenschaft als
1 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 12.
2 Zs. f. d. Phil. XXI, 209; vgl. auch Schmeller-Frommann I, 886.
3 Unger-Khull 551. — 4 Frommann D. Mundarten IV, 55.
5 Naumann-Hennicke II, 24-6. — 6 Staub-Tobler IV, 466.
7 Wb. d. Luxemburg. Mundart 244.
Spechtmeise, sitta caesia. 161
Spechtmeise bezeichnet wird. Wie die volkstümlichen Benen-
nungen zeigen, wird der Vogel einerseits eu den Spechten, an-
dererseits anch zu den .Meisen gezählt
Turner Avium hist (1544) 8. I 3a führ! als deutsche Be-
zeichnung der Spcclitiiifist' den Ausdruck Meijfpecht an. den
Gesncr Hist. avium S. 683 mit "picus Maij" übersetzt Sachlich
ist diese Deutung etwas zweifelhaft, und man wird deshalb die
Namensform eher auf eine ursprünglichere LnutgentiM Meyf-fpecht
'Meisenspechf zurückzuführen haben. Wegen der blangrauen
Oberseite hat der Vogel den Namen Blair fpechtle erhalten, den
Gesner besonders für Kärnten bezeugt. Schwenkfeld Ther. Sil.
(1603) S. 340 scheint Blaw Specht als die schlesische Benennung
zu betrachten, weil er sie den anderen Synonyma voranstellt,
und als sächsisch wird Blaufpecht von Popowitsch Versuch (1780)
S. 545 ausdrücklich angegeben; daher denn auch Blaw-Spechi bei
Döbel Bröffn. Jägerpr. (1746) S. 59.
Aus den mhd. Weistümern belegt Lexer Wb. I, 335 den
Ausdruck botimmeise (Baummeise), und als Meise wird der Vogel
auch durch den bairischen Namen Klebermaiß bei Hans Sachs
Regim. der Vögel V. 180 bezeichnet. Gerade aus der Heimat-
stadt Sachs' kennt auch Gesner Hist. avium S. 6S3 die Nebenform
Kläber. In der Zusammensetzung Rinnenkläber führt Gesner
S. 244 diesen Namen als Bezeichnung des Baumläufers an ; in
derselben Bedeutung auch Rindenkleberlin bei Ostermann Vocab.
(1591) S. 333. Das Strassburg. Vogelb. (1554) V. 445 hat das
Kompositum Baumkleber. Eine andere Lautstufe dieses Namens
erscheint im bair. Klayber bei Hans Sachs a. a. 0. V. 102 und
Schweiz. Chleiber 1 (in Graubünden), steir. Kleiber 2 . Mit den
deutschen Benennungen hängt offenbar ags. rindeclifer (einmal
überliefert, s. Wright-Wülcker I,427 29 ) zusammen. Der Vogelname
ist eine Ableitung von ahd. kleiben 'kleben': kleben Mass/ und
läßt sich aus dem Umstände erklären, daß die Spechtmeise die
Öffnung ihres Nestes, das sie in Baumhöhlen einrichtet, bis auf
ein kleines Flugloch mit Lehm und Speichel zuklebt. Doch ist
auch eine andere Auffassung des Namens *kleibäri: *klebäri mög-
lich. Geht man von der intransitiven Bedeutung des betreffen-
1 Staub-Tobler III, 615. - 2 Unger-Khull 392.
Suolahti, Vogelnamen. *■*■
162 Spechtmeise, sitta caesia.
den Verbums 'festkleben, sich anklammern' aus und knüpft man
dabei besonders an das anord. klifa 'klettern' an, so kann man
den Vogelnamen als 'Kletterer' deuten. Dann würde das Kom-
positum Rindenkleber mit dem westfälischen Dialektnamen Renne-
klceter 1 (aus *Rendeklceter) begrifflich zusammenfallen und dessen
Gebrauch im Sinne von Baumläufer (certhia familiaris) sich ohne
weiteres begreifen; dieser Vogel ist nämlich ein Kletterer wie
die Spechtmeise, aber kein Nestkleber.
Dieselben Gesichtspunkte machen sich auch geltend bei
der synonymen Benennung Chlän bei Gesner S. 683 (heute in
der Schweiz auch Baum-Chlan, Bopper- Chlän 2 ) oder Kiener,
die in der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 104 und bei Popo-
witsch Versuch (1780) 545 als österreichische Namensform be-
zeichnet wird. Der Name ist abgeleitet von dem Verbum klenen,
in dem die Bedeutungen 'kleben' und 'klettern' sich ebenfalls
berühren; mhd. klenen ist nur im ersteren transitiven Sinne
bezeugt, Schweiz, chlänen bedeutet wieder 'klettern'. Wenn der
Vogel ursprünglich als der Kletterer bezeichnet worden ist, so
hat jedenfalls später sich auch die Auffassung desselben als
'Kleber' geltend gemacht. In französischen Mundarten heißt die
Spechtmeise sowohl grimpard 3 'Kletterer' wie magon 3 'Maurer'.
Von der Eigenheit, harte Samenkörner in Baumritzen auf-
zuhacken, hat die Spechtmeise den Namen Nufßbickel, welchen
Gesner von seinen Strassburger Korrespondenten erfahren hat,
aber auch aus anderen Gegenden kennt. Im Elsaß, wo Nusbickel
zuerst im Strassburg. Vogelb. (1554) V. 442 und Nußbicker bei
Golius Onomasticon v. J. 1579 Sp. 295 bezeugt ist, kommt der
Ausdruck noch heute vor 4 , ebenso Nussbicker(li) 5 in der Schweiz.
In Mitteldeutschland kennt Popowitsch Versuch S. 545 den
Namen Nußpicker aus der Wetterau, nach Pfister Nachtr. zu
Vilmar Id. S. 354 wird er hie und da in Hessen gebraucht,
und als westfäl. Nudtebicke G i. erstreckt er sich in das nieder-
deutsche Sprachgebiet hinein. Andere Varianten dieser Be-
nennung sind mittelfränk. Nushdkker bei Turner Avium bist.
1 Woeste 213. — 2 Staub-Tobler III, 650.
3 Rolland Faune populaire II, 76 f. — 4 Martin-Lienhart II, 27.
5 Staub-Tobler IV, 1119. — 6 Woeste 187.
Baumläufer, certhia familiaris.
(1544) s. I 3a, Bachs. Nushacker, Niuhatr bei Eiber and Peucer
Vocab. (1552) s. v Tb, ndd. NdtibUer (Noßbeißer) bei Chytraeue
Nomenciator (1582) S. 376; beute in Westfalen auch Ntutbap 1 dl
Ähnliche Synonyma Bind engL nuthatch, frz. casso wotg, schwed.
nötväcka u. a.
Unklar sind die Namen Tottter mi'l Kbftfor, die Gesner
für die Spechtmeise ans der schwäbischen .Mundart anführt
Möglicherweise sind es onomatopoietische Bildungen nach dem
Lockrufe des Vogels, der nach Voigt Excursionsbuch 8. LOO
tuitf oder e twat fcwät twät s lautet. Als Ableitung von schwäb.
tötelen würde der erstere Name einen Vogel bedeuten, der
klagend wie eine Glocke zur Leiche läutet. Popo witsch Versuch
S. 545 gibt den Namen nach Maaler in der Form Todter.
In Tirol wird die Spechtmeise Höllenjaggl 2 und Schmalz-
bettler 2 genannt.
Baumläufer, certhia familiaris.
Die Lebensart der Baumläufer erinnert in mancher Be-
ziehung an die der Spechtmeisen; vor allem ist beiden das
Klettervermögen gemeinsam. Daher werden auch vielfach die
Benennungen der ersteren auf die letzteren übertragen und
umgekehrt.
In der Schweiz werden sowohl Spechtmeisen wie Baum-
läufer mit dem Ausdruck Chlän bezeichnet; gelegentlich werden
diese als Haberchlänli* von jenen, den Spitzchlänli*, unterschie-
den. Eine charakteristische Bezeichnung des Baumläufers ist
Blindchldn bei Gesner Hist. avium S. 683, denn das rastende
Kriechen des Vogels durch das Laub erinnert an die Bewegungen
der Blinden.
Überall auf dem deutschen Sprachboden kehrt in den Namen
des Vogels der Begriff 'Baumläufer' wieder, obschon die Aus-
drücke landschaftlich immer etwas variieren. In Sachsen begegnet
die Benennung Baumkletterlein bei Eber und Peucer Vocab.
(1552) S. E 6b; Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 348 bezeichnet
Baumkletterlin als schlesisch. Im Elsaß kommt Baihnklettle i n.
1 Woeste 187. — 2 Zs. f. d. Phil. XXI, 211.
3 Staub-Tobler III, 650. — 4 Martin-Lienhart I, 498.
11"
164 Baumläufer, certhia familiaris.
heute stellenweise vor. Die Variante Baumläufer wird zuerst
von Ostermann Vocab. (1591) S. 333 in der Bedeutung 'Specht-
meise' bezeugt, dagegen ist Baumläufferlein in dem Sinne von
'certhia' in der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 104 ver-
wendet. Popowitsch Versuch (1780) S. 545 gibt ausdrücklich
Baumlauferl n. als österreichisches Wort an, auch in Luxemburg
Bdmläfert 1 m., Bämläferchen 1 m. (certhia und sitta) neben
Böschläfer 1 m., in Eecklinghausen Bömlöper 2 , im Münsterkreise
Balkenleiper 3 . — Andere Spielarten von diesem Namen sind
sächs. Baumritterchen (Beleg aus dem Jahre 1517 4 ), Baumreuter
(Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 59); Bdmkrecher 5 in Luxemburg,
Baumkrebsler 6 in Schwaben, Bamreffler, Bamkröffler 1 in Tirol.
Die Benennung Paumheckel, welche der Baumläufer mit
dem Spechte gemein hat, scheint bei Hans Sachs Regim. der
Vögel (1531) V. 179 jenen Vogel zu bedeuten; in derselben
Bedeutung erscheint das Wort auch bei Eber und Peucer Vocab.
(1552) S. E 6 b. Auch Baumbicker* in der Schweiz und im Elsaß
ist eine gemeinsame Benennung für Baumläufer und Spechte,
s. S. 30. Andere Varianten sind Ränenbkker* im Elsaß, Boll(en)-
bick(er)* (Knospenpicker), Muggenbickerli* (Mückenpicker) in der
Schweiz, Baumkipperlein 9 in Schwaben. — Der Ausdruck Scher-
zenvögelin, den Ostermann Vocab. (1591) S. 333 anführt, gehört
zu moselfränk. Scherze 'Rinde* und bedeutet also 'Rindenvöglein'.
In Göttingen und Grubenhagen wird der Vogel die Sna?re 10
'Schnarrerin* genannt; vgl. S. 60.
Irrtümlich wird der Baumläufer bei Schwenkfeld und
anderen Ornithologen mit dem Namen Hirngrille bezeichnet,
der dem Girlitz gehört, vgl. S. 133.
Eine Zwischenform von Spechtmeise und Baumläufer ist
der Alpenmauerläufer (tichodroma muraria). Der hübschgefärbte
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 17. 40.
2 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 5.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85.
4 Diefenbach-Wülcker Wb. S. 170.
5 Wb. d. Luxemburg. Mundart 17. — 6 Fischer I, 718.
7 Frommann D. Mundarten IV, 54.
8 Staub-Tobler IV, 1119 f., Martin-Lienhart II, 27.
9 Fischer I, 718. — 10 Schambach 199.
Slaar, sturnus vulgaris. 165
Vogel ist ein Bewohner des Bochgehirgefl *on Mittel- und
Südeuropa, im I leihst zieht er sich aber in naheliegende Städte
und Dörfer der Ebene und wird hier aui .Mauern und Türmen
angetroffen. Gesner Bebildert <\<'n Vogel, den er von eigener
Anschauung kennt, unter dem Namen Murfpecht und Kldtten-
fpecht; heute ist er als Mürchlän, FluehcMän (auch einfach
Chlän) 1 in der Schweiz bekannt Popowitscfa Versuch 3.545 hat
ebenfalls den Mauer fpecht an (\an steilen Mauern und F< )ls-
wänden beobachtet, wo der Vogel mit großer Geschicklichkeit
klettert. — Die Bedeutung e sitta europaea', welche Marti n-Lien-
hart IT, 534 für Murxpechtle angeben, ist wohl nicht richtig; auch
die Heimat des Ausdrucks in den Vogesen (Sulzmatt) spricht
dafür, daß es sich um den Alpenmauerläufer handelt.
Staare, Sturnidae.
Staar, sturnus vulgaris.
Ahd.stära: Sg. Nom. — stara sternulus: cod. SGalli 299 p. 83.
tvrnus l sturnus: cod. SGalli 299, 26. turdus : cod. SGalli 242, 248b.
Clm. 14747 f. 63a. sturnus: cod. SGalli 270, 65. turdus: cod. Parisin.
9344 f. 42b. tvrdvs; cod. Vatic. Reg. 1701, 2b. sturnus: Carmen de
Philomela 17 : cod. Vindob. 247, 222 b, cod. mus. Britann. Add. 16894,
244b. turdus: cod. sem. Trevir. R. III. 13, 109b. sturnv» 1 sternulvs.
et fassa*: cod. Selestad. 109b. fassa: Clm. 14689 f. 47a. strunius :
Clm. 14689 f. 47a. sturnus: Versus de volucr. sturnus: Gll. Salom.
a 1. sturnus: H. S. III, 17, XIa2. d. e, turdus: a2, staro sternus t
sternulus: b, star: g. sturnus: Versus de volucr., stare : Versus
de volucr., fulica 8 : Clm. 22213, 163a. — PI. Nom. — stara comum
herba letalis et perniciosa hac sturni veseuntur sine periculo : H.
S. XI e: cod. princ. de Lobkow. 435, 10 a.
Der Name Staar ist die alte gemeingermanische Bezeich-
nung des Vogels. Dem ahd. stara, mhd. star entsprechen in
den verwandten Dialekten ags. steer (nie. ne. stare) und daran?
abgeleitet starling (Zs. f. d. A. XXXIII, 241 54 ), nie. Sterling, ne.
starling sowie anord. stare, dän. star, schwed. stare. Gterman.
1 Staub-Tobler III, 650.
2 = griech. qpdcca 'Ringeltaube', das offenbar mit lydp 'Staar' ver-
wechselt wurde.
3 stare kann hier für scare stehen, das wieder aus scarbe ent-
standen ist.
166 Staar, sturnus vulgaris.
*stara-(n)- : *staro-(n) ist urverwandt mit gleichbedeutendem lat.
sturnus (aus *strn-)\ unsicher ist die Verwandtschaft mit ags.
stearn 'Seeschwalbe' (tearn bei Wright-Wülcker I, 286 7 ), ne. dial.
starn, stern (Swainson The Folklore S. 202. 204), fries. steern
Mass/ (Häpke Volkst. Tiernamen S. 307) und anord. perna, dän.
terne, schwed. tärna Mass/, die mit gleichbedeutendem apreuß.
starnite urverwandt sind.
Inbezug auf die Quantität des Stammvokals im german.
stär- herrscht Schwanken; während einige für ahd. stara und
ags. stcer Länge ansetzen, sehen andere den Stammvokal für kurz
an. Entscheidend für die Yokalkürze des ags. Wortes ist die
Pluralform stearas in der Rushworth-Handschrift der altnor-
thumbrischen Evangelien Übersetzung (Lindelöf Glossar S. 80).
Für die ahd. Form wird wieder Länge vorausgesetzt durch
die heutige schwäbische Form Kstör (bei Kauffmann Schwab.
Mundart S. 43) und die Schreibungen stör: Clm. 12265, 142a
(13. Jh.), stuare: cod. Zwettl. 293, 25a (14. Jh.) und in anderen
Glossenhandschriften. Andere mundartliche Formen deuten aber
auf alte Kürze in Übereinstimmung mit dem Sachverhalt im
Angelsächsischen .
Eine Prüfung der mhd. Reimbelege erweist, daß, abgesehen
von dem schwäbischen Dichter Manier und einem Beleg in
der Reimchronik Otakers, die — bairisch-österreichischen —
Dichter des 13. Jhs. 1 mhd. star mit Worten reimen, welche kurzen
Stammvokal haben ; die Reime des 14. Jhs. 2 sind nicht beweisend.
Innerhalb des deutschen Sprachgebietes zeigt der Yogelname
stära also den Ablaut a : d.
Das mask. Geschlecht des Namens, das später überhand
1 Marner (Ed. Strauch S. 97) XI, 3: stär: Regimär: här: jär; Tann-
häuser (v. d. Hagen Minnesinger II, 92 b): stär : är; Der Taler (v. d. Hagen
a. a. 0. II, 147a): stär: dar: offenbar; Ulrich von Lichtenstein Frauendienst
(Ed. Lachmann S. 92, 11): stärn: varn ; Ulrich v. d. Türlin Willehalm (Ed.
Singer S. 183) CL, 31 : stärn : värn ; Lohengrin (Ed. Rückert) S. 73, V. 2719 :
stärn: gevärn ; Otakers Reimchronik V. 48269: stärn: schärn, dagegen
V. 96059 : stärn : warn.
3 Hadamar v. Labers Jagd (Ed. Stejskal) V. 528 : stären : fären; Meister
Altswert (Ed. Holland u. Keller S. 221, 14): stärn: gebärn; Liedersaal (Ed.
Lassberg II. 388) V. 124: stär: war.
Staar. sturmis vulgaris 167
nimmt, ist zuerst in der Bchwachen Form ttaro im L2. Jh. bezeugt
In neuerer Zeit geht die Bchwache Flexion b. T. in die starke Ober,
n lcI. hierüber Grimms Wb. X, 2, 256t Bair.-Österr. tUni ist als
deminutive -tJo-Ableitung aufzufassen, v-1. Grimms Wb. a. a, 0.
Da der Staar ein guter Freund des Weideviehs ist, das
er von lästigem Ungeziefer befreit, bat er den Namen Binder-
ftaar erhalten, den Gesner Bist avium s. 715 raerst erwähnt
Eine andere ffompositionsform ist Feistar (Feldstar) bei Hans
Sachs im Regim. der Vögel V. 72. im Namen St<uinn<i/:. den
man an Dianchen Orten besonders den Käfigvögeln beilegt, ist
Matz eine Koseform des Namens Matthäus. Überhaupt aberträgt
man gerne Personennamen auf gezähmte Vögel; so heißt z. B.
der Papagei und der Rabe Jakob, der Kanarienvogel Emanutl
usw., vgl. Wackernagel Germania TV, 154.
Eine beschranktere geographische Verbreitung als ahd.
stära > nhd. Staar hat die synonyme Benennung sprä, sprea,
welche in den Glossen einige Mal belegt ist: spra turdus:
cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f. 89 a; sturnus 1 : H. S. III, 17:
cod. Darmstad. 6, 26b (13. Jh.); stara spra sturnus: cod. Oxon.
Jim. 83, 4 (13. Jh.), sprea sturnus: cod. sem. Trevir. R. III. 13,
109 b. Die Belege entstammen Handschriften, welche auf mittel-
fränkischem Gebiet geschrieben sind oder niederdeutschen
Einfluß aufweisen. — Im 15./16. Jh. ist der Name als spree,
sprehe, sprew 2 einige Mal in den Glossaren bezouirt; auf nieder-
deutschem Sprachgebiet erscheinen gleichzeitig auch Formen
mit Nasal nach dem Stammvokal {spren, spraen, sprien, spreyn,
spryne 2 ), welche in den heutigen Mundarten weit verbreitet
sind. Diese letzteren haben sich offenbar aus den obliquen
Kasus der älteren bezeugten Formen zu selbständigen Namens-
formen entwickelt und den Nasal also aus den sehwachen
Kasusendungen bezogen.
Heute ist dieses Wort in Niederdeutschland und in den
Rheingegenden die übliche Benennung des Vogels. In Preußen
1 spra auf Rasur. (Steinmeyer.)
2 Diefenbach Glossar. S. 558 b. 602 b, Nov. glossar. S. 252 a. 374b,
Schiller-Lübben Mnd. Wb. IV, 344. Jb. f. ndd. Sprachf. VI, 127, Grimms
Wb. X. 2. 9
168 Staar, sturnus vulgaris.
kommt es in den Varianten Spreh(e), Sproh f. und Spren l (im
Samlande) vor, in Pommern Spren 2 , in Vorpommern Sprei*,
in Mecklenburg Spren 4 , in Lübeck Spre, Sprei*, in der Graf-
schaft Ranzau Spre f. 4 , auf Helgoland Sprin'°, in Altmark SprS,
Sprägn 6 , in Göttingen und Grubenhagen Spree, Spreie, Sprene 7 f .,
in Westfalen Spräwe, Spräle s f. (im Münsterkreise Spreie, Spraol 9 ,
in Recklinghausen Spränke 9 ), in den Niederlanden spreeuw
(aus mndl. sprewe), in Groningen Sproa 10 , nordfries. Sprien.
Am Rhein geht der IS T ame weit hinauf nach dem Süden: in
Luxemburg Spreif f., Sprö f., Spron n m. ( = siebenbürg.-sachs.
Sprö 12 ), in Hessen-Nassau Sprah, Sprahl, Sproh 13 , in Oberhessen
Sprin 1 *, in Kurhessen Sprin, Spren, Spre, Sprehe lb f., im ganzen
Elsaß bis zur schweizer. Grenze Spree, Gespree, Sprehe, Spreele,
Sprejer 16 . Hier berührt sich das "Wort mit dem Synonymon Star;
"der Spreh, den man ein Staren nennt" heißt es im Strassburg.
Vogelb. (1554) V. 415.
Die Grundformen, aus denen die mundartlichen Varianten
sich entwickelt haben, dürften als *sprd(w)-ön, *spräj-6n anzu-
setzen sein und diese weisen auf Zusammenhang mit mhd.
sprcewen, spräjen, mndl. spraeien 'spritzen' usw., so daß der Staar
— wie Schindler (-Frommann) Wb. II, 695 angenommen hat —
wegen der gesprenkelten Färbung des Gefieders, die nach be-
endigter Mauser eintritt, benannt worden wäre. Im Elsaß wird
Sprehe auch für andere buntscheckige Vögel, die Drossel und
den Tannenhäher, verwendet. Vgl. auch lat. sturninus e staar-
farbig, gesprenkelt'. — Aus dem Deutschen ist die Benennung
als esprohon (nfrz. dial. eprouon) in das Altfranzösische über-
nommen worden; wallon. sproon und sprewe bei Rolland Faune
populaire II, 152.
1 Frischbier II, 355. — 2 Dähnert Wb. (1781) S. 450.
3 Wb. d. Mecklenburg.-Vorpommerischen Mundart s. v.
4 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84. XVII, 2.
5 Frommann D. Mundarten III, 32. — 6 Danneil 205.
7 Schambach 206. — 8 Woeste 251.
9 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86. XVII, 2.
10 Molema Wb. S. 398. — 11 Wb. d. Luxemburg. Mundart 416 f.
12 Kisch Wb. d. Nösner Mundart s. v. — 13 Kehrein 384.
14 Crecelius 801. — 15 Vilmar 394. — 16 Martin-Lienhart II, 555.
Pirol, oriolui galbula, oriolus oriohw, 168
Mehrdeutig ist der alte Beleg tirala tordus cod. Parisin.
122691 58b. Kluge Engl. Stud. XX, 263 ünderl die Glosse in
sprala (= westfäL Sjprdfc), Steinmeyer AhcLGlL IV, 356 M nimmt
den Beleg für die Namensform ttara in Anspruch, indem er
darin Verderbnis aus stala vermutet Es fragl sich jedoch, ob
die Glosse überhaupt geändert werden soll; Brehm Tierleben
(Vögel E 8 , 381) nennt den Staar Strahl, Naumann-Hennicke IV, 7
erwähnen anter den Synonyma für den Vogel a. A. Rinderstral,
und der buntscheckige Tannenhäher oder Staarhäher hat mich
Nemnich Polyglottenlexicon [, L237 n. a. den Namen fValddral.
Ältere neuhochdeutsche Zeugnisse für diese Namensform fehlen.
Das niederdeutsche Dialektwort Sprutter, welches Häpke 1
aus Emden anführt, gehört wohl zu mnd. sprote 'Flock, Sprosse',
sprilt{e) 'Sommersprosse' und nimmt also wie Sprehe Bezug auf
das weißgetüpfelte Gefieder des Vogels; vgl. Sprosser 8. 38.
Molema a. a. 0. führt aus Groningen den Namen in der Form
Prutter an. Andere niederdeutsche Dialektnamen des Staars sind
Quatter 1 in Emden, Blutter 1 im Ostfriesischen.
In Steiermark (in der Umgebung von Graz) soll der Staar
Zimmermann* genannt werden, im Elsaß (in Niffer) heißt er
Pfersichklepfer 1 (d. h. Pfirsichverzehrer).
Pirol, oriolus galbula, oriolus oriolus.
Der älteste historisch überlieferte Name für den Pirol ist
mhd. uiteual Die frühesten Belege stammen aus Handschriften
der Versus de volucribus, welche die Originalglosse 'herodius
wiltfalco mit dem Pirolnamen vermischen: herodius wild'valch
od 9 witwal Clin. 614, 31b, iviteical cod. princ. de Wallerst. I. 2
(Lat.) f. 21, 175b. Ein dritter Beleg — wie die beiden vorhin-
genannten aus dem 13. Jh. — ist wedewal icter in cod. Oxon.
Jun. 83, 4. Später begegnet der Name öfters in mittelhoch-
deutschen, mittelniederdeutschen und mittelniederländischen Glos-
saren. Heute ist weduuaal die niederländische Namensform; ost-
fries. Wideuäl b , in Altmark Wideuaol 6 , in Preußen Wiedewol.
1 Volkstümliche Tiernamen S.30H. — 2 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 111.
3 Unger-Khull 652. — 4 Martin-Lienhart I, 496.
5 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 113. — 6 Danneil 247.
170 Pirol, oriolus galbula, oriolus oriolus.
Wittewald 1 . In der umgedeuteten Form Wiegelimgel 2 kommt der
Name im Münsterkreise vor, daneben Wielewal 2 { = ndl. wielewaal).
Mehrere übereinstimmende Zeugnisse beweisen, daß der
Ausdruck am Mittel-Rhein geläufig war. Zunächst kommt als
Gewährsmann Albertus Magnus in Betracht, der in seinem Buche
De animalibus als deutsche Bezeichnung des Pirols veide vuali
(auch widdewal) angibt; darauf wedewal im mittelfränkischen
Karlmeinet-Gedicht (Ed. Keller S. 88 34 ) und dem damit zusammen-
hängenden Gedichte von Karl und Ellegast (Germania IX, 337)
sowie weduwal in den niederrheinischen Marienliedern von Bruder
Hans (Ed. Mynzloff) Y. 4075. — Im 16. Jh. ist Witwol, Weidwail
durch Turner Avium hist. (1544) S. I 7 a und Wedewal durch Lon-
golius Dial. de avibus (1544) S. G 2 a in der Kölner Gegend bezeugt.
Eber und Peucer Yocab. (1552) S. E 8a können die Glosse
Widivol von Turner übernommen haben, aber die weitere Ver-
breitung des Namens auf hochdeutschem Gebiet wird durch
Gesner Hist. avium S. 684 bezeugt, der ihn in der Form Witte-
walch als in der Schweiz üblich bezeichnet. Diese erweiterte
Namensform, welche als Wiedeivalch 3 noch heute in der Schweiz
vorkommen soll, ist bereits im 15. Jh. in der Glosse wilwalch
(für witwalch) cod. Yindob. 12840, 2a (in Ahd. GU. III, 23")
und als wittenivalch * im Yocab. rerum von Liebinger zu Landau
(1466) belegt. In Österreich kommt Witwaldlein (mit der Bedeu-
tung eines grüngelben Laubsängers) in der Angenehmen Land-
Lust (1720) S. 322 vor.
Der in Deutschland früher offenbar allgemein verbreitete
Vogelname (mhd. witewale, mnd. wedewale) ist eine westgerma-
nische Bildung, welche in England auch erst seit der mittel-
englischen Zeit als wudewale (heute in Dialekten whitwall woodwal' )
begegnet. In der Grdf. *ivuduwal-ön : *ividuwal-on ist nur das
erste Glied (= Holz, Wald) erkennbar, das zweite, welches auch
im engl, hickwall (älter highwale, hecheival, hygichele) 'Grünspecht*
vorhanden ist, entzieht sich einer sicheren Beurteilung.
Daß die alte Bildung in Deutschland auf sporadische Reste
1 Frischbier II, 468. 477.
2 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 87. XVII, 5.
3 Stalder Id. II, 450. — 4 Diefenbach Nov. glossar. S. 273 b.
5 Swainson The Folklore S. 100.
Pirol, oriohu galbula, oriolui <>iiolus. 171
beschränkt geworden ist, dazu bat das Auftreten synonymer
Popnlärnamen beigetragen, welche in neuerer Zeit entstanden
sind und sich rasch verbreitet haben.
Von diesen ist am weitesten verbreitet der heut«' in der
wissenschaftlichen Sprache angewendete Name /W mit seinen
Varianten. Nach einem Hinweis bei l'Yiseh Tmitsoh-lat. Wh.
1, 161h haben anter anderen Lexer .Mhd. Wh. 11. 274, Martin
und Lionhart Wh. ,1. ElsäSS. Ma. IL 81 den Ausdruck auf mittel-
lat. pirtdua zurückgeführt Aber dieses Wort tritt erst im 13. Jh.
im Cod. Reg. 1120 als Name des Stars auf und entbehrt jeder
Stütze in den romanischen Volksdialekten.
Das älteste erreichbare Zeugnis des deutschen Vogelnamens
findet man bei Konrad von Megcnberg (Ed. Pfeiffer) S. 217 27 :
:c AVir haizen in ze däutsch pruoder Piro nach seiner stimm:
wan er ruoft mit seinr stimm, sam er Sprech pruoder Piro".
Im Vocab. theuton. (Nürnberg) 1482 S. e 3b werden zwei verschie-
dene Varianten desselben Namens angeführt: "Bruder hiltroff.
hictrix auis quedä gilfa ictrix ide oder brnder birolff ide".
Gesner Hist. avium S. 684 kennt Bierolff I Brüder berolff aus
Krankfurt am Main, im Elsaß ist Birolff durch das Strassburg.
Vogelb. (1554) Y. 272 bezeugt, bei Golius Onomasticon (1579)
8p. 296 Byrolt, vulgo Brüder bierolff. Auf sächsischem Sprach-
gebiet erscheinen die Formen Byrolt, Tyrolt bei Eber und Peucer
Vocab. (1552) S. F 8b, die letztere begegnet in Baiern bei Hans
Sachs Regim. der Vögel (1531) V. 105. Als hessische Variante
gibt Gesner den Ausdruck Gerolff und ohne Ortsangabe (S. 763)
Zierolf. Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 312 verzeichnet Bier-
holt Bierolff, Beerhold, Kirfchholdt; die beiden letzteren Namens-
formen deuten auf die Vorliebe des Vogels für Kirschen.
Henisch Teutfche Sprach (1616) Sp. 374. 529. 578 hat die ver-
schiedenen Varianten aus den älteren Quellen abgeschrieben.
Zu diesen Namensformen in der älteren neuhochdeutschen
Überlieferung gesellen sich aus den heutigen Mundarten
Bieroller 1 in Geudertheim (im Elsaß), in Sachsen (Leipzig)
Pirholer\ (Dresden) Biercule'K in Preußen Bierhol Bierhahn,
1 Martin-Lienhart II, 81.
2 Albrecht Die Leipziger Mundart S. 18*.
172 Pirol, oriolus galbula, oriolus oriolus.
Bierhold, Bülau, Bülow, Herr von Bülau, Junker Billow, Schulz
von Thierau oder Tharau 1 , in Altmark Schult von Bülau oder
Tülau, (im Süden) Koch von Külau 2 , in Göttingen und Gruben-
hagen Vogel Bülo z , ebenso in Lübeck und der Grafschaft Ranzau
Vagel BüloK — Schon Frisch Teutsch-lat. Wb. (1741) I, 161b
berichtet, daß die Bauern in Havelland in der Mark Branden-
burg den Vogel den Schuhen von Milo nennen und daß er "bei
den dürftigen Brüdern, an einigen Orten Bier-Hohler' heißt.
Die zahllosen Namensformen stehen in engster Verbindung
mit dem hellen flötenden Rufe des Pirols, in dem man sich
leicht einbildet, menschliche Worte zu hören. In Niederdeutsch-
land ist der auffällige Ruf mit dem bekannten Namen Bülow
verknüpft worden, in vielen Gegenden wird er wieder als e Bier
hol!' gehört. Ältere Varianten knüpfen teilweise an die auf
-olf oder -holt endenden Eigennamen an, wobei ohne Zweifel
die Hähernamen Markolf, Marivolt und Herold als Muster ge-
dient haben. — Der alte Typus, auf den die alten Dialektnamen
weisen, ist bair. piro, das man wohl mit Megenberg für eine
direkte Nachbildung des Naturlautes halten darf. Aus diesem
läßt sich auch der Name vichauz in einer Version des Mär-
chens vom Zaunkönig aus dem 15. Jh. (Erlösung herausg. von
Bartsch XLIV) begreifen, der als Gugelfyhaus bei Hohberg
Adel. Land-Leben II, 796 Kap. CXVI belegt ist und heute in
Wien Gugelvieraus, in Steiermark Gugelfliehauf, Gugelfrühauf,
Gugelüberdichhab b (Gugler 5 m.) lautet. Eine ähnliche Bildung
ist Weyrauch-Vogel* bei Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 54 so-
wie ostfries. Goliath 7 . In der finnischen Sprache wird der Pirol-
ruf als e kuha kiehuu' (der Zander kocht) gedeutet, und der
allgemein übliche Name lautet daher 'kuhankeittäjä* (Zander-
kocher). — Die schriftsprachliche Form Pirol stammt aus der
sächsischen Mundart; sie begegnet als Pyrohl bei Döbel Eröffn.
1 Frischbier I, 82. — 2 Danneil 189. — 3 Schambach 35.
4 Korrespondenz^, f. ndd. Sprachf. XVI, 84. XVII, 2.
5 Unger-Khull 313.
6 Vgl. Frisch Vorstellung der Vögel (1763) III C la: "Gleichwie
andere feinen Namen Wyrock, welcher das i und o hat, für Plat-teutfch
angesehen, und haben ihn verfälfcht Weihrauch ausgefprochen"
7 Häpke Volkstümliche Tiernamen S. 302.
Pirol, oriotafl galbula. oriolus oriolus. 173
Jägerpr. (1746) 8. 54. Der Name finde! Anklang im csech. brhel
Tirol', das wohl als < i in«' deutsche Entlehnung zu betrachten ist.
Die umgekehrte Möglichkeit, daß das Blavische Wort das Etymon
der deutschen Wortsippe wäre, ist weniger wahrscheinlich.
In einigen Gegenden hat der Pirol den Namen 1 x fing*tvogel
erhalten, weil er erst spat im Frühjahr, um die Pfingstzeit,
eintrifft. Der Ausdruck, der von Döbel a. a. 0. anter anderen
Synonyma erwähnt wird, ist in Steiermark 1 , Preußen 1 und
Göttingen und Grubenhagen 8 gebräuchlich. In Letztgenannter
Gegend kommt neben Pinkestvögel* auch der Name Uegenkatte*
( Hegen katze) vor, der den Pirol unter die vielen Regen ver-
kündenden Vögel weist.
Da der Vogel zur Zeit der Fruchtreife die Obstgärten
besucht, um Kirschen und Beeren zu holen, heißt er auch
Kirschvogel Döbel nennt den Namen in Eröffn. Jägerpr. (1746)
S. 54, ebenso der Verfasser der Angenehmen Land-Lust (1720)
S. 201 und Klein Hist. av. prodr. (1750) S. 66; in Westfalen
Kirssfiwgel*, nndl. kersevogel, ostfries. Karsvogel*. Turner Avium
hist. (1544) S. I 7 a führt den kölnischen Dialektnamen Kerfenrife
(d. h. Kirschenreifer) an. Auf die Vorliebe des Pirols für Früchte
weisen auch die umgedeuteten Namensformen Beerhold und
Kirschhold hin, vgl. oben S. 171.
Die schöne gelbe Gefiederfarbe und die helle flötende
Stimme haben den Namen Goldmerle, den Gesner S. 684 aus
Niederdeutschland anführt, veranlaßt. Heute ist Goldmerel 6 f.
in Luxemburg die übliche Bezeichnung des Pirols, ebenso
goudmerel in den Niederlanden; in der Pfalz lautet der ent-
sprechende Ausdruck Goldamsel, Gelamsel "', in der Schweiz
Goldamsel*, in Tirol Goldschmeazr* (d. h. Goldschmätzer).
Gesner erwähnt a. a. 0. S. 763 einen schöngefärbten Vogel,
der in der Umgebung von Frankfurt am Main Wiggügel heißen
soll. Damit ist wohl der Pirol gemeint und der Name ist wohl
1 Unger-Khull 77. — 2 Frischbier II, 139.
3 Schanibach 155. 169. — 4 Woeste 127.
5 Häpke Volkstümliche Tiernamen S. 302.
6 Wb. d. Luxemburg. Mundart 149.
7 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 10.
8 Staub-Tobler I, 241. — 9 Frommann D. Mundarten IV, 54.
174 Rabe, corvus corax.
als Wit-gückel (vgl. elsäss. Gucker S. 94, Schweiz. Gügel) d. h.
'Waldpfeifer* zu verstehen.
In Ostermanns Yocab. (1591) S. 334 wird der Name Hind-
vogel als Bezeichnung des Pirols in der Moselgegend erwähnt.
Rabenvögel, Corvidae.
Rabe, corvus corax.
Ahd. hraban: Sg. Nom. — hraban coruus : cod. SGalli 242,
248a. raban: cod. Parisin. 12269 f. 58b. raban: Williram 88, 2.
rauan: cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f. 89 a. rabbo. t ravin : Versus
de volucr. : cod. Admont. 106. — hram: cod. SGalli 911,79, cod.
Parisin. 7640, 128 e. cod. SGalli 913, 198 a. ram: Aldhelmi Aenigm.
266, 25 : cod. SGalli 242, 37. Rotul. com. de Mülinen Bern, corax :
Phocae ars 425,22: Clm. 14689,46 a. rdm: Carmen de Philomela
28: cod. Vindob. 247, 223a. — rabo corvvs X cauannus : Clm. 14689 f.
47a. rdbo: Versus de volucr. : cod. Admont. 476. rabe: cod. Vindob.
804 f. 185 b. Versus de volucr., rab: Versus de volucr. — rappo :
cod. Selestad. f. 110a. Versus de volucr. rabbo; Versus de volucr. —
PI. Nom. — rdbena: Notker Capella de nupt. I, 21. — ramma: Se-
dulii Carm. pasch. I, 170: cod. Carlsruh. Aug. CGXVII, 10ib.— Gen.
— (dero) rammo: Notker Ps. 146, 9. (dero) ramme: Notker WPs.
146, 9 (2 Mal).
Die germanischen Sprachen haben für den Raben eine ge-
meinsame alte Benennung: ahd. hraban, mhd. raben, mnd. raven,
ags. hrwfn, me. ne. raven, anord. hrafn, dän. ravn. Der aus dem
6. Jh. stammende Runenstein von Järsbärg bewahrt das ur-
german. *hrab-n-az in der Form Harabanan mit svarabhaktischen
a- Vokalen. Aus derselben Zeit wie der runische Eigenname ist
auch Hraban als Name des Sohnes des Frankenkönigs Chlotar
geschichtlich überliefert, s. Förstemann Altd. Namenbuch l 2 , 870.
Durch Assimilation hat sich aus *hrab-n- die Nebenform
*hramn-a-, *hramm-a- entwickelt, die sich im ahd. hram(-mes\
ags. hrcemn, hram, hrcem, norweg. ramn, aschwed. ram(p)n,
schwed. dial. ramn vorfindet. Gewöhnlich hält man die Assi-
milierung erst für einzelsprachlich 1 . Doch findet sich die assi-
milierte Form schon in Eigennamen des 6. Jhs. ebenso früh
1 S. z. B. Noreen Abriß S. 141, Braune Ahd. Gramm. 8 § 125
Anm. 1, Sievers Ags. Gramm. 3 §§ 188, 1 und 193, 2, Bülbring Altengl. Ele-
mentarb. § 485.
Rabe, corvus corax. L75
wie die nichtassimilierte : Gumthechramnus (bei Venantiua Por-
tunatus), Oundkrarnnw, Cramnus Markig s. Förstemani) Altd.
tfamenb. I*, 703 ff. and 869 ff. Eine andere Assimilationgform
ist erhalten im ahd rappo^ das auf westgerm *hrabb-n mit
Konsonantenverdoppelung vor » zurückgeht
Schließlich liegt im ahd. rabo^ mhd. n/fo = mnd. rat*?,
vestfäL&tew, nndlraafeine urgerman, Elexionsvariante *hrab-an
zugrunde. In dieser Form hat man wohl die älteste Elexions-
weisc des Namens zu erblicken. Während das german. Wort
früher mit gleichbedeutendem griech. KÖpaH, Kopwvn. 'Krähe', lat.
cornix Mass', für urverwandt gehalten wurde, hat es Holthausen
in KZ. XXVII, 623 von den letzteren getrennt und mit lat.
crepo 'knattere, krache', ai. kfpati "jammern' verbunden 1 . Daß
das germ. Virab-an eine onomatopoietische Bildung ist, die von
der Stimme des Vogels hergeholt wurde, dürfte sicher sein;
doch ist es kaum mehr möglich, den Grad der Verwandtschaft
mit den auswärtigen Schallworten zu bestimmen. Am ehesten
möchte man, von dem Rufe des Vogels ausgehend, den Labial
für ein idg. Suffix -bh- halten, wobei zunächst griech. KÖpcupoc
'ein Vogel (wahrscheinlich aus dem Rabengeschlechte)' heran-
zuziehen wäre; die übrigen Synonyma in den verwandten
Sprachen würden erst in zweiter Linie in Frage kommen.
In den germanischen Sprachen war der Rabenname bei der
Bildung von Eigennamen ganz besonders beliebt, vgl. Forst« •-
mann a. a. 0.
Die nordischen Sprachen bieten außer dem gemeinger-
manischen Vogelnamen noch zwei alte Synonyma : anord. korpr
(schwed. norweg. korp) und krummi, krumsi, kramsi (norweg.
dial. krump). Das erstgenannte Wort wird bei Falk und Torp
Et. ordb. I, 404 (nicht ganz überzeugend) mit schwed. dial. garpa.
karpa 'schnattern' in Zusammenhang gebracht, das letztere zu
mhd. klimmen 'mit den Krallen greifen' gestellt. Der anord. Name
1 Eine andere Auffassung vertritt Hirt PBB. XXIII, 306, indem er
die germ. Form *hramn-a für die ursprüngliche hält, woraus *hrabna sich
sekundär entwickelt habe. Im idg. *kr*m*o sei Mm Suffix, mit dem ger-
manischen Worte urverwandt wären gr. KÖpaE 'Rabe', Kopwvn 'Krähe',
lat. cornix 'dass.', lit. szdrka 'Elster' u. a.
176 Rabe, corvus corax.
Jcrummi aus *krump-a-n , womit mhd. krimvogel 'Raubvogel*
sich vergleichen läßt, hat vielleicht einen westgermanischen
Reflex in dem Ortsnamen Cramfestnesta (im 8. Jh., s. Förste-
mann Altd. Namenb. II, 422) hinterlassen ; dieselbe Bildung
ist der Ortsname Rammennest 1 im Elsaß. Übrigens scheint der-
selbe Vogelname auch im estn. kromp (Gen. krombi) 'Rabe'
vorhanden zu sein, das im westlichen Estland üblich ist 2 . Das
estnische Wort ist offenbar als Entlehnung von den benach-
barten schwedischen Inselbewohnern anzusehen.
Yon den vier althochdeutschen Parallelformen raban, rabo,
ram, rappo ist die erste bereits in mittelhochdeutscher Zeit
ausgestorben. — In ganz Nieder- und Mitteldeutschland gilt
die zweite Lautform, die sich als Rabe in der Schriftsprache
eingebürgert hat; stellenweise wird das Wort feminin gebraucht,
so in Luxemburg die Röf 3 und in Göttingen und Grubenhagen
die Räwe*. In der Pfalz ist Rabe selten, im Elsaß kommt die
Form nur in den Komposita Nachtraab und Wasserraab im 17. Jh.
bei Baldner vor. — Auf diese westlichen Landstriche beschränkt
ist die dritte Variante Ramm, die im Mittel- und Nord-Elsaß
als feminines die Ramme (im Strassburg. Vogelb. (1554) V. 299
Plur. Rammen), in der Westpfalz als Ramm' , in Luxemburg
als Ramm 6 f. gilt.
Im Süd-Elsaß und in der Schweiz, wo ahd. ram von
Notker geschrieben wurde, ist diese Form verloren gegangen.
Dafür wird hier die vierte Variante Rapp gebraucht, die all-
gemein süddeutsch ist und auch in das Mitteldeutsche hinein-
reicht. Auf schwäbischem Dialektgebiet, im Elsaß 7 und in der
Pfalz 5 ist die Nebenform Krapp allgemein verbreitet, in Basel hat
Chrapp* oder Grapp* die Bedeutung 'Krähe'. Nach Kauffmann
Schwab. Mundart S. 199 ist Krapp aus *Ge-Rapp (mit dem übli-
chen Präfix) entstanden. Ältere Zeugnisse für diese Form
mangeln ; das Strassburg. Vogelb. kennt sie nicht, erst Popowitsch
1 Martin-Lienhart I, 790. — 2 Wiedemann Estn.-deutsches Wb. s. v.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 362. — 4 Schambach 168.
5 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 10.
6 Wb. d. Luxemburg. Mundart 349. — 7 Martin-Lienhart I, 521.
8 Staub-Tobler II, 786. III, 841.
Rabe, corvus corax 177
(1780) s. 483 führt üe ans der hohenlohisohen Mundart an.
Der Beleg crab, den Bildebrand in Qrimmi Wh. V. 2066 ron
dem Holzschnitt im Simplicissimus für die Variante Krapp ia
Anspruch nimmt, ist wohl als craui?) 'Krähe' aiilxufa>^-n.
In manchen Gegenden werden Raben und Krähen nicht
von einander unterschieden, Bondern beide Arten unter <*in-
nnd derselben Benennung begriffen, andererseits wird der
Rabe auch durch rei deutlichende Komposita bezeichnet, welche
an einigen Orten d^n einfachen Rabennamen gänzlich verdrängt
haben. — Eine solche Bildung ist Kokkrabe, das Gegner Eist
avium S. 32] aus Sachsen anführt; im 18. Jh. wird es hier durch
Döbel Eröffn. Jagerpr. (1746) S. 79 bezeugt. Popowitsch a. a. 0.
schreibt Golkrabe. Der Ausdruck erstreckt sich auch in das
niederdeutsche Dialektgebiet, wo er als Kidkrabe 1 in EaUersIeben,
Kxdckrave in Braunschweig, Kolkrdwe 2 im Münsterkreise üblich
ist. Möglicherweise ist die Behauptung Gesners, daß der Name
onomatopoietisch sei, richtig; in diesem Fall würde er sich aus
kolken 'aufstoßen, sich erbrechen' erklären. Doch ist auch denk-
bar, daß in dem Kompositum ein ursprünglicheres *ko!-krdue
(Kohlkrähe) steckt, wo das erste Glied, wie öfters in Vogelnamen,
die kohlschwarze Farbe bezeichnet. Für diese Annahme spricht
die Kompositionsform Kohlrabe im Vocab. triling. (Prag 1560)
8. 88, Kol-Rabe bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) 8. 244. Die
Namensform Goldrabe, welche Popowitsch Versuch (1780) 8. 154
aus dem Hohen lohischen und der Wetterau angibt und aus
dem im Sonnenschein wie Gold glänzenden Gefieder des Vogels
deuten möchte, ist umgedeutet aus Kolkrabe. — Eine andere
Variante ist ndd. Kluncker-Rdve 3 in Hamburg (Khmkräv* in der
Grafschaft Ranzau). — In Steiermark wird der Ausdruck Jochrabe*
(vielleicht zu Joch 'Berggipfel 3 wie Jochlisper, S. 87) angewendet.
In der mittelhochdeutschen Literatur begegnet zweimal
der Ausdruck kopp(e) als Bezeichnung des Raben. Im 16. Jh.
kommt das Wort bei Hans Sachs im Regim. der Vögel (1531)
1 Frommann D. Mundarten V. 154.
2 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht. XVI, 85.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 2. 3.
4 Unger-Khull 367.
Snolahti, Vogelnamen. 1-
178 Rabe, corvus corax.
V. 93 vor, wo "der Kop den Pirckhan zum Rappen" schickt;
ferner im Strassburg. Yogelb. (1554) Y. 299, wo Kopp mit den
verwandten Namen Rappen / Steinrappen / Rammen er-
wähnt wird. Heute ist Kueb 1 in Luxemburg, Kob 2 auf der
Eifel der Name des Kolkraben. Vielleicht ist der Vogelname
ursprünglich eine Koseform des Personennamens Jakob (vgl.
z. B. tirol. Kob 3 ) gewesen, den man öfters als Nomen proprium
dem Raben beilegt und der als Schaak* (aus Jacques) in der
Pfalz zum Appellativuni des Vogels geworden ist. In Luxem-
burg wird Hans 5 als Appellativbenennung für den Raben an-
gewendet, im Elsaß heißen die gezähmten Raben Hansel 6 .
Für die Auffassung des mhd. hopp als Jakob spricht der
Umstand, daß in den beiden Belegstellen (Hadamar von Laber
V. 529 Ed. SchmeUer S. 132 und Der Wartburgkrieg V. 1749 Ed.
Simrock S. 231) das Wort als Anrede und in geringschätzigem
Sinne gebraucht wird. Mhd. koppen (koppezen) 'krächzen' könnte
eine Ableitung von dem Namen sein.
Vielfach ist der Rabenname vor neueren Bildungen zurück-
gewichen, die in direktem Anschluß an das Gekrächze des Vogels
gebildet sind. So gibt Hertel Sprachsch. S. 190 an, daß in
Salzungen (Thüringen) für Rabe gewöhnlich Krake gesagt wird;
nach Vilmar Id. S. 222 ist dies der Name des Raben auch im
sächsisch- westfälischen Hessen und sonst einzeln im hessischen
Dialektgebiet 7 . Im östlichen Hessen ist Gdke der übliche Aus-
druck, im Schmalkaldischen der Gdk* (dazu gdken 'schreien'
[von rabenartigen Vögeln]), an der mittleren Werra Kake*.
Ähnliche onomatopoietische Bildungen kommen auch in anderen
Mundarten vor: in Luxemburg der Gäkgäk 10 , Hansgäk 10 (vgl. oben
Hans), in der Schweiz Gdgg, Gdgger, Gugdgger 11 , im Elsaß Quä-
ker^ 2 , im badischen Oberlande die Quäke, in der Pfalz Krack 13 u.a.
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 252. — 2 Frommann D. Mundarten VI, 16.
3 Frommann D. Mundarten VI, 158. — 4 Pfalz. Id. 120.
5 Wb. d. Luxemburg. Mundart 164. — 6 Martin-Lienhart I, 359.
7 Nach Pfister Nachträge zu Vilmar Id. S. 221 hier Kracke.
8 Vilmar 114. — 9 Pfister (Erstes) Ergänzungsheft S. 6.
10 Wb. d. Luxemburg. Mundart 124. 165.
11 Staub-Tobler II, 164. — 12 Martin-Lienhart II, 210.
13 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 10.
Krähe coivus corone und cornix. 17H
An die Eigenschaft der Raben, sich bei Aas und Leichen
einzustellen, knüpft der Nanu; Galgenvogel (in der Schweiz 1 und
im Elsaß-) an, für den Grimms Wh. [V, I, L, 117!> einige Belege
bringt 3 ; vgl. auch Galgenrabe a. a. 0. 117(>. Vielleicht hat auch
der Schreiber der Glosse "ciconia storch. w\ gdUhrdbf' 1 in cod
Mcllic. K 51, 31 mit dem zweiten deutschen Worte den 'Galgen-
raben' (mhd. galc 'Galgen') gemeint Jedenfalls hat. er die Vorlag
unrichtig abgeschrieben; denn hier muH die betreffende Stelle
galchrahe gelautet haben, welches, ebenso wie Latciconia, Brunnen-
stengel bedeutet. — Im Elsaß wird der Rabe auch Iiappenkeib*
(ursprünglich wohl Keib-Eapp e Aasrabe') genannt, in der Schweiz
PlägvogeV (d. h. Aasvogel).
Krähe, corvus corone und cornix.
Ahd. krä(w)a: Sg. Nom. — chraa cornix: cod. SGalli 299 p.33.
<raa: Paralipom. I, Prol. Hieronymi 5 : cod. SGalli 292, 117, cod.
Carolsruh. SPetri 87, 77 a. chrmiua: cod. SGalli 242, 248 a. craica :
H. S. XI a2: Clm. 2612, 68b. 69a. craha garrula: cod. Parisin.
12269 f. 58b. craia: Prudent. Apoth. 298: cod. SGalli 292, 171 ; cod.
mon. herem. 316, 135 b. Versus de volucr. cornicula : cod. sein. Tre-
vir. f. 112b, kraia: cod. Berol. Ms. lat. 8» 73, 123b. chraia: Clm.
14747 f. 63 a. chraga cornicum ( ): Paralipom. I, Praefatio : Clm.
18140, 52a. crage: Versus de volucr. erä: Prisciani inst. 165, 14:
Clm. 280 A, 30a. cra cornicula: cod. Guelpherbyt. Aug. 10.3. 4°
f. 89a. erd: cod. Selestad. f. 109b. kra : H. S. III, 17. XIa 2. b. e. g.
chra: Versus de volucr. GH. Salom. a 1. Clm. 14689 f. 47a. Vergil.
E IX, 15: cod. Selestad. f. 59b. erha noetva l cornix : Clm. 14689
f. 47a. kre: Horat. Carm. III, 27, 16: cod. Parisin. 9345, 27a. — PI
Gen. — chraiono: Paralipom. I, Praefatio: cod. Vindob. 2723, 31b.
cod. Vindob. 2732,38a, chraona: Clm. 14689, 39b, craion: Clm.
22201, 239 g, orain: Clm. 13002, 222 a. chrarior 6 cornine : Prudent.
Contra Symmach. II, 571 : cod. Parisin. nouv. acquis. 241, 187 a.
Wie für den Raben, so haben die germanischen Sprachen
auch für die Krähe eine gemeinsame Benennung: ahd. krdja.
krä(w)a, mhd. krä(w)e, Arm, asäehs. kraia in den Straßburg. GH. (Wad-
stein Kleinere altsächs. Denkm. S. 107 19 ), mnd. krei{g)e, krä, mndl.
1 Staub-Tobler I, 693. 695. — 2 Martin-Lienhart I, 100. .'17.
3 Zu den zwei Belegen, die Grimms Wb. aus Spangenberg und Stieler
bringt, ist ein älterer bei Lindener Katzipori (1558) S. 180 hinzuzufügen.
4 Ahd. Gll. IV. 183 59 . — 5 cornicum in der Vulgata.
6 ari auf Rasur. Entstellt aus chraion? (Steinmeyer).
12*
180 Krähe, corvus corone und cornix.
cräie, crä, nndl. kraai, fries. krie, ags. crdw, me. crfwe, ne. crow\
die nordischen Sprachen haben nur eine erweiterte Bildung,
welche im Altnordischen als krdka 'Krähe' und krdkr 'Rabe'
(schwed. kräka, dän. krage, norweg. kraake) erscheint. Der Name
*krce-6n steht im engsten Zusammenhang mit dem Yerbum krce(j)en
'krähen', das im ahd. kräwen, mhd. kräjen, ags. crdtvan usw. vor-
liegt. In letzter Instanz liegt den Worten eine Schallwurzel zu-
grunde, die eine Nachbildung des krächzenden Geschreis raben-
und krähenartiger Yögel ist.
Die erweiterte Form der nordischen Benennung wird
verschieden beurteilt. Kauffmann PBB. XII, 523 führt sie auf
eine germ. Grdf. *krceg-n- (> *krcekk-) zurück, ebenso Heiluvist
Arkiv f. nord. fil. YII, 143 und Noreen Abriß S. 164, wobei
dieser an Ablautsverhältnis mit ahd. kragil 'schwatzhaft' und
lat. graculus 'Dohle' denkt. Bei Falk und Torp Et. ordb. I, 407
wird ein besonderes ^-Suffix mit Hinweis auf alke, finke u. dgl.
angenommen ; aber in den angeführten Vogelnamen ist k nicht ab-
leitend, und überhaupt kommt wohl in Vogelnamen ein derartiges
Suffix nicht vor. Wahrscheinlich sind die nordischen Formen als
onomatopoietische Weiterbildungen aufzufassen wie auch gleich-
bedeutendes Krake in deutschen Mundarten. Es ist nicht mög-
lich, einen strengen lautgesetzlichen Maßstab an diese schail-
nachahmenden Worte anzulegen, welche sich auch an vor-
handene onomatopoietische Yerba haben anlehnen können.
Aus germ. *krä-ön- sind im Althochdeutschen vier ver-
schiedene Parallelformen entstanden, je nachdem, ob ein Über-
gangslaut sich entwickelte oder nicht. Im ersteren Falle bildeten
sich die Namensformen kräja, kräwa und krdha, während im
letzteren Falle durch Kontraktion die Namensform krd hervor-
ging. Diese vier Formen liegen den späteren mundartlichen
Varianten zugrunde, deren Einzelheiten zu verfolgen der Mund-
artenforschung überlassen werden muß. Eine frühe Bezeichnung
des Umlauts erscheint in der Glosse cre aus dem 11. Jh. (andere
Fälle bei Braune Ahd. Gramm 2 . § 34 Anm. 2). Wegen der Bezeich-
nung des Übergangslautes mit g in chraga vgl. Braune a. a. 0.
§ 117. — Reichhaltiges Belegmaterial für die einzelnen mund-
artlichen Varianten aus den späteren Entwicklungsperioden in
Krähe, corvus corone und cornix. 181
(irimms Wb. V, 1965. In manchen Mundarten sind an die
Stelle des alten Krähennamens neuere Bildungen getreten, von
denen einige bereits anter den Benennungen des Raben angeführt
wurden. — In Möhra und Breitingen (Thüringen) ist Gake, das
in Hessen und in der Schweiz den Haben bedeutet, die Bezeich-
nungfür die Krähe 1 . Ebenso werden Krake (Krage) f. in Salzungen
und Waldfischa und Krak m. in Brotteroda (Thüringen) für
die Krähe gebraucht l ; auch schweizer. Grdgg 2 m. und f.
in derselben Bedeutung. Schon in ahd. Zeit erscheint eine
derartige erweiterte Bildung in der moselfränkischen Glosse
crecula (== cornicula) cod. Parisin. 9344 f. 42 b. Nach dem Vogel-
namen ist der Ortsname Creklenbach (südöstl. von Darmstadt)
gebildet, der aus derselben Zeit — dem 11. Jh. — überliefert
ist (Förstemann Altd. Namenb. II, 421). Die einfachere Bildung,
von der altmoselfränk. krekula mittels des Suffixes -lo{n) abgeleitet
ist, ist bewahrt im luxemb. Krek 3 f. 'Elster'. Mit anderer Vokal-
stufe wird der Naturlaut wiedergegeben in mnd. krakelen 'lautes
Geschrei erheben', krakele 'Geschrei, Lärm (von Vögeln)' usw. Eine
dritte Vokalstufe erscheint in Krikelster, Krikente. — In Kärnten
heißt die Krähe Poangratsche* (d. h. Bohnengrätscher) ; das von
Lexer erwähnte Synonymon Tschoie* m. ist ein slovenisches Lehn-
wort. Aus der Kindersprache stammt der ndd. Ausdruck Krei-
ahlke'° (vgl. Alke 'Dohle', eigentl. eine Koseform des Namens
Adelheit) in Hamburg und Holstein, sowie sächs. Huppelkrah*
(Hüpferkrähe) in Leipzig, Hoppdekroe (aus Hopp du Kröe) in
Schlesien (Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. 46).
Von der schwarzgefärbten Rabenkrähe (corvus corone), die
bei Eber und Peucer Vocab. (1 552) S. E 7 a Schivartzkrae, bei Gesner
Hist. avium S. 308 Hußkräe ( = Hauskrähe) genannt wird,
unterscheidet sich die Nebelkrähe (corvus cornix) allein durch
die Farbe des Gefieders, das nur an den Flügeln, am Kopf und
am Schwanz schwarz, sonst aber aschgrau ist. Auf diese Fär-
1 Hertcl 102. 145. — 2 Staub-Tobler II, 725.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 246.
4 Frommann D. Mundarten IV, 493.
5 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht. XVII, 3. i.
6 Atbrecht Die Leipziger Mundart S. 138.
182 Krähe, corvus corone und cornix.
bung weist der Ausdruck Schiltkrae, der in Sachsen durch Eber
und Peucer a. a. 0. bezeugt und von Schwenkfeld Ther. Sil. (1603)
S. 241 (Schilt Krähe) als schlesisch bezeichnet wird; das erste
Glied des zusammengesetzten Namens ist in gleicher Bedeutung
wie 'bunt' gebraucht (vgl. Schildspecht S. 34).
Das Synonymem Bundtekräe(Pundterkräe) gibt Gesner a. a. 0.
S. 319 aus Niederdeutschland an. Hier sollen die Knaben beten:
"Pundterkräe gott gäbe dir den raage Du bringft den kalten
winter ins lande", und in Westfalen gilt nach Gesner das Sprich-
wort "Eine Bundtekräe macket gheinen winter". In manchen
Gegenden von Deutschland erscheint die Nebelkrähe als Bote
des Winters im Spätherbst und hat auch daher die Namen
Winterkrae (Gesner S. 308), Winterkrey (Strassburg. Yogelb.
(1554) Y. 297) und Herpftkräe (Ostermann Yocab. (1591) S. 333)
erhalten.
Auch der in der Wissenschaft geltende Ausdruck Nebel-
krähe erklärt sich gerade daraus, daß der Yogel zu der Zeit
einzutreffen pflegt, wo die Herbstnebel sich einstellen. Schon
bei Walther von der Yogelweide findet sich der Name nebelkrä.
nachher im Yocab. theuton. (1482) S. x 3b nebelkrä oder nebelrapp,
im 16. Jh. Nebelkrä bei Haus Sachs Regim. der Yögel (1531)
Y. 124, Nebelkrae bei Eber und Peucer a. a. 0. Danach ist
der Name also eigentlich in Baiern, Sachsen und angrenzenden
Mundarten heimisch ; in Thüringen (Winterstein) kommt der Aus-
druck Nawelrawen 1 vor. Im Elsaß kommt die Benennung nicht
vor 2 ; Golius (Onomasticon 1579 Sp. 291) und Fischart haben
sie aus literarischen Quellen, ebenso der Verfasser des Strassburg.
Yogelb. Y. 296.
In den althochdeutschen Glossen begegnet einige Mal der
Ausdruck herbistram (d. h. Herbstrabe) : herbistram istrix: Clm. 14747
f. 63a. herbistra istria: cod. SGalli 299 p. 32. herbistramu : cod. Selestad.
f. 109b. herbistram: H. S. III, 17. Trotz der mittellat. Lemmata, die
'Eule' bedeuten (ital. dial. istria, stria), ist hier wohl die Nebel-
krähe gemeint; vgl. luxemburg. Hierschtkueb 3 (= Herbstrabe) als
Bezeichnung der Saatkrähe und den Ausdruck Herbstkrähe.
1 Hertel 172. — 2 Martin-Lienhart I. 516.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 177.
Saatkrähe, corvus frugilegus. 183
Saatkrähe, corvus frugilegus.
Ahd.hr u oh: Sg. Nom. — hruoh graculus : cod. SGalli 242, 248a.
hruok: cod. Parisin. 9344 f. 48b, hrok: cod. sem. Trevir. f. 112b.
hruohc: Aldhelmus de laiul. virg. 142, 19: cod. Turic. C59, 6b,
rofah 1 : cod. mon. herein. 32, 195; :: ruoh-: cod. SGalli 242, 60,
ruoh: cod. Parisin. 16668, 26b, Clm. 19440, 87 ; cod. Vindob. 969,
5b; Clm. 23486, 7b. cod. SGalli 299, 26. Carmen de Philomela 28:
cod. Vindob. 247, 223a, cod. mus. britann. Add. 16894, 245a. cod.
Vatican. Reg. 1701, 2b. ruoh: cod. SGalli 270, 64. ruok: cod. Guel-
pherbyt. Aug. 10. 3. 4° f. 89 a. ruohc: Leviticus* : cod. Fuld. Aa2,
43a. craculus I garrvlvs4 : Clm. 14689 f. 47 a. ruoch: Versus de vo-
lucr. Gll. Salomon. a 1. rvch: cod. Selestad. f. 110a. H. S. III, 17.
XI a 2, g, roch: b. cod. Vindob. 804 f. 185b. ruch: Versus de volucr.
rvch: H. S. III, 17 : Clm. 2612, 34a, rvcho: XI e: cod. princ. de Lob-
kow. 435, 16b, rvche: a2: cod. Vindob. 2400,102b. ruche: Versus de
volucr.: 22213, 163a, röche: Clm. 19488, 121a. rouca garula: Leviti-
cus : cod. Parisin. 2685, 50b ; ruoph garrula a garrilitate uoce dicitur.
id: cod. SPauli XXV d/82, 39a. rüz: Gll. Salom. al: Clm.17152, 70e.
Für die Saatkrähe besitzen die germanischen Sprachen
einen besonderen alten Namen, der im Althochdeutschen hruoh
lautet. In den verwandten Dialekten entsprechen mnd. rök(e),
mndl. nndl. fries. roek, ags. hröc, nie. rgk, ne. rook und anord. hrökr,
dän. raage, schwed. räka. Wie überhaupt die Benennungen der
zum Rabengeschlechte gehörigen Vögel, ist auch dieser Name
nach dem Gekrächze des Vogels gebildet, welches nach Voigt
Excursionsbuch S. 152 aus verschieden abgetönten kräh, kroah,
oder knarrendem krrr besteht. Zum germ. *hröka- (aus idg. *krö u g-<
vgl. griech. Kpuu£uj 'krächzen, kreischen') gehört durch Ablauts-
verhältnis anord. hraukr e Seerabe (pelecanus ater)'; eine dritte Ab-
lautsstufe ist got. hrükjan 'krähen*. Die anklingenden Benennungen
der slavischen Sprachen (akslav. krukü 'Rabe', lit. kraukhjs) sind
ähnliche onomatopoietische Bildungen wie der germanische Vogel-
name. Ob estn. rögas (Gen. rökd) 'Saatkrähe' eine alte german.
Entlehnung ist oder erst spät aus dem Deutschen übernommen
worden, läßt sich nicht absolut sicher entscheiden, da in Finn-
land der Vogel nicht vorkommt und die ausschlaggebende finnische
1 d. h. roah (Steinmeyer). — 2 Rasur von ro (Steinmeyer).
3 graculus nicht in der Vulgata (Steinmeyer).
4 t garrvlv* Zusatz zweiter Hand (Steinmeyer).
184 Saatkrähe, corvus frugilegus.
Benennung daher fehlt. Aus dem Althochdeutschen entlehnt ist
gleichbedeutendes franz. freux, s. Hatzfeld-Darmesteter I, 1120.
Im Verhältnis zu den Namen der anderen Krähenarten
begegnet die alte Benennung der Saatkrähe in der literarischen
Überlieferung selten. Teils hängt dies davon ab, daß der Vogel
von den Raben oder Schwarzkrähen, denen er in der Färbung
ziemlich gleich kommt, nicht immer unterschieden wird, teils
aber auch davon, daß der alte Name in manchen Landschaften
außer Gebrauch kam.
Von den Autoren des 16. Jhs. verzeichnet Longolius Dial.
de avibus (1544) S. G 2b die Namensform Roeck, welche sich
mit der niederrheinischen Lautform deckt. Als Name des Raben
wird Rök im Hamburg. Id. von Richey (1755) und in Schützes
Holst. Id. (1800) angeführt, in Westfalen werden die Formen
der Rauk und die Röke von Woeste Wb. S. 211 bezeugt. In
Mitteldeutschland erscheint Roocke \ Rooche bei Schwenkten!
Ther. Sil. (1603) S. 242 und wird hier als schlesisch bezeichnet.
Eine abweichende Lautstufe zeigt sächs. Rücke f. in Döbels
Eröffu. Jägerpr. (1746) S. 79 (schon im Jahre 1502 rucke 1 in
einem alphab. Wb.), dazu Hafer-Ricke in Meißen nach Nemnich
Polyglottenlexicon I, 1242. Ob hier alte Ablautformen oder
Neubildungen bezw. Umdeutungen vorliegen, ist schwer zu ent-
scheiden. In Grimms Wb. VIII, 1341 wird als Name der Dohle eine
Form Ruchert angeführt, welcher mnd. rökart 'Saatkrähe* ent-
spricht; es sind Erweiterungen des alten Namens im Anschluß
an die gewöhnlichen Eigennamen auf -(h)art. — Von den ober-
deutschen Quellen der älteren neuhochdeutschen Zeit hat das
Regim. der Vögel (1531) V. 177 die Akkusativform die Rüchen,
der Vocab. triling. (1560) S. 88 Ruhen (= spermologus) ; in
Gesners Hist. avium S. 503 Ruch als volkstümlicher Ausdruck.
Der elsässischen und schweizerischen Volkssprache fehlt der
Name; auch in der bairisch-österreichischen Mundart scheint
er nur sporadisch vorzukommen.
In mittelniederdeutschen Quellen ist Karok als Name der
Saatkrähe belegt; Dähnert Wb. (1781) S. 219 verzeichnet es
als pommerisches Wort. In Preußen lautet der Name Karechel
1 Diefenbach Novum glossar. S. 196 b.
Dohle, rorvus monedula; lycus monedula 185
(Klein Hist. av. prodr. (1760) 8. 59), Kareichel, Kareikel 1 . Wenn
das niederdeutsche Wort nicht aus einem darischen Dialekte
(akslav. krukü) (Mitlehnt ist, könnte 08 als ein Kompositum
Kd-Jiök (zu Ka ■Dohle') "Dohlenkrähe' aufgefaftt werden. Die
erweiterten preußischen Formen seheinen an ndd. Bibel 'fauler
Mensch' angelehnt worden zu sein.
An einigen Orten, wie in Steiermark, wird mit dem Aus-
druck Winterkrähe* die Saatkrähe und nicht die Nebelkrähe
verstanden; ebenso in Luxemburg Wanterkueb* m. (Winterrabe).
Nach dem Luxemburgischen Wb. S. 177 würde auch mit dem Aus-
druck Hierachtkueb hl (Herbstrabe) die Saatkrähe gemeint sein;
vgl. S. 182.
Der wissenschaftliche Name Saatkrähe ist in Westfalen
volkstümlich, vgl. Woeste Wb. S. 222 s. v. Sädkraige und Korre-
spondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86; ältere Zeugnisse für das
Wort fehlen.
Dohle, corvus monedula; lycus monedula.
Ahd. taha: Sg. Nom. — tdha gariola et monedula: cod.Selestad.
f. 110a. taha monedula: Ruodliep III, 174: Olm. 19486, IIb, X, 21:
cod. SFloriani 2a. monedula: Versus de volucr. cariola: Clm. 14689
f. 47 a. cornicvla: Clm. 14689 f. 47 a. cetauca: GH. Salom. a2. Hythin,
filius progne. et dicitur taha. 1 pro 4 pirihhön I. auis italica que
fasan dicitur: Horat. Carm. IV, 12, 5: Clm. 375, 62b. tdha mone-
dula : H. S. III, 17, cetauca : XI a 2, daha corriola : b. trahe monedula:
Versus de volucr.: Clm. 23496, 10a.
Der althochdeutsche Dohlenname taha ist verwandt mit
mittelengl. dawe (seit dem 15. Jh. nachweisbar), ne. dair (juck-
daw) 'Dohle'; die vorauszusetzenden westgermanischen Grund-
formen *dahw-ön und *da(c/)w-6n zeigen grammatischen Wechsel.
— Wahrscheinlich war der alte Name eine lautnachahmende
Bildung, ebenso wie ahd. kaha, altniederd. ka, neuengl. jack,
poln. kava u. a. In den verschiedenen Gegenden wird der hell
klingende kurze Lockruf der Dohle zwar etwas verschieden
aufgefaßt, allein man erkennt doch in den nachgebildeten Namen
1 Frischbier I, 337.
2 Unger-Khull 635. — 3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 475.
4 Ausradiert (Steinmeyer).
186 Dohle, corvus monedula; lycus monedula.
die charakteristischen Töne e kja , e jack' in annähernd übereinstim-
mender Weise. Außerhalb der indogermanischen Sprachen bietet
das Finnische die Dohlennamen naakka und hakki(nen), die mit
engl, jack und etwa vorgerm. *dhakiv denselben Typus aufweisen.
Das althochdeutsche Wort ist, wie die weitere Entwicke-
lungsgeschichte lehrt, auf ein relativ enges geographisches Gebiet
beschränkt. In mittelhochdeutscher Zeit begegnet tahe in den
Gesta Romanorum S. 114, bei dem Baiern Konrad von Megen-
berg (Ed. Pfeiffer) S. 206, 28 ff. und dem Tiroler Hans Vintler
Y. 1621. 1626. 1630 ; ferner dach im Yocab. theuton. (1482) S. e 5b,
iahen 1 Yocab. ex quo (Inntal 1429), tachen 1 Yocab. rerum
(Milstatt 1502). Im 16. Jh. ist Tahe in Nürnberg bezeugt durch
Hans Sachs Regim. der Yögel (1531) Y. 124, Gesner Hist.
avium (1555) S. 503 führt Taha als rätisches und Steintahe als
bairisches Wort au. Yon Popowitsch Yersuch (1780) S. 83 wird
die Benennung die Däche aus Steiermark (Dahe, Dache f. bei
Unger-Khull Wortsch. S. 139) und die Form der Dächer aus Wien
angegeben; in Tirol Däche, Dächt 2 , in Sette Communi Taga>,
lusern. Tachele*, weiter in der schwäbischen Mundart Dahe,
Dache, Dählein 5 . — Aus dem Deutschen ist Hahala als taccola
(mittellat. tacula Du Cange YI, 487) in das Italienische über-
nommen. Die Bedeutung des ital. Wortes wird von Körting Et.
Wb. 3 S. 942 und in anderen Wörterbüchern fälschlich als "Elster*
angegeben; Gesner S. 509 kennt es im Sinne von Alpenkrähe
aus der Gegend von Locarno und Yerona und in der Bedeutung
'Dohle' aus anderen Mundarten.
Yerschieden von ahd. taha, obgleich für identisch damit,
angesehen, ist unser neuhochdeutsches Wort Dohle. Die Ge-
schichte desselben läßt sich bis ins 13. Jh. zurück verfolgen. Zuerst
erscheint tole (= monedula) in cod. Lips. Paul. 106, 1c (Yersus^
de volucribus), im 14. Jh.: tul vel cach fol. Stuttg., tut fol.
Francofurt. (Ahd. GU. III, 22 46 ), tula Yocab. optimus 82 (Ed.
Wackernagel S. 43); im 15. Jh. ist der Name öfters in Glossaren
belegt. Yon den Quellen des 16. Jhs. hat Dasypodius (1535)
1 Diefenbach Novum glossar. S. 256a. — 2 Schöpf Id. s. v.
3 Frommann D. Mundarten IV, 55. — 4 Zingerle Wb. s. v.
5 Fischer II, 31.
Dohle, corvus monedula; lycus monedula. 187
S. H 4b Dol oder Du!, das Strassburg. Vogelb. (1554) V. 293
Dülen (Plur.), Colins Onomasticon döT!») 8p. 292 Dül\ heute
ist Duel, Doht 1 im Elsaß im Absterben. In der Schweiz
schreibt Ryff in seinem Tierbuche ilberti (1545) 8. I .'5 Duole»
and 8. P4b />?</. Gesner Hist. avium 8. •',():; Tut I Dole, bei
ftnicianus Prompt (1516) S. C 2 b TW*, im Vocab. triling. (Frag
1560) S. 88 7Vr; in Mitteldeutschland bei Alheims Dikt
(1546)S.Z2b Dol, auch bei Luther TVio/, Dole. Heute ist /JoAfe 8
in Thüringen üblich, auch in Westfalen Dole* f.; auf schwäbi-
schem Sprachgebiet Dull f. [Dullach m.), daneben auch 7>o/ 4 f.
Eine Nebenform ist dalle (= monedula) in cod. princ. de
Wallerstein 1, 2 (Lat.) fol. 21, 175b (Versus de volucribus),
tallen in Hugos v. Trimberg Renner V. 19431, tale in einem
Gedicht aus dem 14. Jh. (Zs. f. d. A. V, 15), talichin in den Mittel-
deutschen Gedichten herausg. von Bartsch III, 5; im 15. Jh.
dale, thale in Glossaren bei Diefenbach Glossar. S. 366b. Von
den Quellen des 16. Jhs. haben u. a. Ebers und Peucers Yocab.
(1552) S. F lb Dale und Talhe (für Thale), darauf schles. Thale
bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 305. In den heutigen Mund-
arten findet sich Dale 5 f. in Schwaben, Dale, Tale, Dälke, Talke 6 in
Preußen, Däleke, Täleke {Döleke) 7 f. in Göttingen und Grubenhagen,
Taleke* f. in Fallersleben, Taolk 9 in Altmark und Mecklenburg.
Auf den Anklang des Wortes Dohle an das lat. Suffix in
monedula, acredula usw., welcher Gesner a. a. 0. S. 501 veranlaßte,
in dem deutschen Namen eine Korrumpierung des lat. Wortes
zu erblicken, haben nachher Frisch Teutsch-lat. Wb. I, 200 c.
Kauffmann Schwab. Mundart S. 74 und andere aufmerksam ge-
macht. Doch ist die lautliche Übereinstimmung hier ohne Zweifel
zufällig. Wahrscheinlich gehören die verschiedenen Varianten des
Vogelnamens zu einem halb onomatopoietischen Stamme, der in
mundartlichen dalen, tallen 'schwatzen', füllen, dulitschen USW.
vorhanden ist; danach hat der Vogel seine Namen wegen der
sprichwörtlich gewordenen Geschwätzigkeit erhalten.
1 Martin-Lienhart II, 678. — 2 Hertel 82. — 3 Wocstc 54.
4 Fischer II, 447. — 5 Fischer II, 38. — 6 Frischbier I, 129. II, 393.
7 Schambach 38. — 8 Frommann D. Mundarten V, 298.
9 Danneil 222, Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI. 84
188 Dohle, corvus monedula; lycus monedula.
Sicher onomatopoietisch ist das mittel- und niederdeutsche
Synonymon, welches in althochdeutschen Handschriften als kä(a)
überliefert ist: cda ciptacus 1 : cod. Guelpherbytan. Aug. 10. 3.
4° 89a, fcaa phsitachus l : cod. sein. Trevir. f. 112b; ka monedula:
cod. Cheltenham. 7087, 144a; cha chuvueta : cod. SGalli 299
p. 33 ; im 13. Jh. : ca monedula : H. S. III, 17 : cod. Darmstad. 6, 23b,
ka: cod. Oxon. Jun. 83, 4, cha : Ahd. Gll. IV, 184 49 . Der Charakter
der Handschriften weist die Benennung kä(a) in das mittel-
fränkische und niederdeutsche Sprachgebiet; hier ist mnd. ka
öfters belegt, ebenso mndl. cauwe. Heute gelten in den Nieder-
landen kaum und ka, in der friesischen Mundart ka, in Osnabrück
Kde (BB. II, 225), im Münsterkreise Hillekan und Hülekane 2 (zu
Hille für Hilde 'Heuboden'), in Hessen Kaeje z (in der Bedeutung
'Elster* "im Kreise Hünfeld, bei Vacha, Heringen und weiter").
Im Anhalter Dialekt heißt die Dohle Schneekäke*, das wohl = ndd.
kä(e)ke (bei Gesner S. 504 Kaycke und Gacke als sächsische Worte)
ist. Unsicher ist, ob altmärkisches Kauk'°, helgoländ. Kauk 6 ,
preuß. Kawke 7 aus den slavischen Sprachen stammen (poln. kava,
kavka, czech. kavka) oder ob die slavischen Worte als germanische
Entlehnungen zu betrachten sind. Bereits im Lübecker Schul-
vokabular v. J. 1511 findet sich die Form Kauke s (vielleicht
= *Käiveke).
In den verwandten germanischen Idiomen finden sich
Dohlennamen, die an andd. käa anklingen : dän. ka (selten), norweg.
kaie, seh w ed. kaja, nordmittelengl. kaa, ka (auch coo, co), ne.
dial. kae, ka', engl, caddaw, cawdaw ist ein Kompositum aus
ca + daw ebensowie jack-daw, niederd. Krei-Ahlke. Die eng-
lischen Worte werden im NED. Y, 648 für Entlehnungen aus dem
Nordischen angesehen; bei den nordischen Namen ist jedoch die
Möglichkeit der Entlehnung aus dem Niederdeutschen nicht aus-
geschlossen. — Nach Körting Et. Wb. 3 S. 568, Hatzfeld-Darmesteter
1 Da die Dohle, wie der Sittich, ein redebegabter Vogel ist, erklärt
^ich die Glossierung des Wortes psittacus mit cda.
2 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85. — 3 Vilmar 190.
4 Naumann-Hennicke IV, 79. — 5 Danneil 97.
6 Frommann D. Mundarten III, 32. — 7 Frischbier I, 350.
8 Jb. f. ndd. Sprachf. XVI, 113.
Dohle, corvus monedula ; lycus monedula. 189
1, 433 ist ndd. käa (randl. kauwe) als Grundwort für afrz. choe
1 Alpenkrähe' ' und frz. chouette 2 r Döhle' zu betrachten.
Der angelsächsische Name c<fo, eib, des Sievera Ags. Gramm. 1
§ 114, 2 auf eine Grundform *cf-6* (in den Kpinuler-Krfurter
Glossen c%ae, aae) zurückführt, hängt mit den vorhin be-
sprochenen Ausdrücken nicht direkt zusammi'ii. Man hat wohl
darin eine selbständige Dialektbenennung zu sehen, welche dem
kjäh-Rufe des Vogels nachgebildet ist.
In Niederdeutschland werden die Dohlen an manchen
Orten mit Personennamen benannt, welche zu völligen Appellativ-
benennungen geworden sind. Bereits im Mittelniederdeutschen
begegnet Al{l)eke :i (Koseform von Adelheit) als Bezeichnung der
Dohle; Gesner führt a. a. 0. S. 503 Aelke als sächsischen
Ausdruck an. In Göttingen und Grubenhagen ist Äleke, Alice*
f. die übliche Benennung des Vogels. In Altmark heißt er
Klaos b , in Lübeck Klas 6 (aus Nicolaus). Auch Hannckin\ das
Gesner a. a. 0. 504 als die in Flandern vorkommende Benennung
der Dohle bezeichnet, ist eigtl. ein Personenname, das Deminu-
tivum von Hann für Johann ; in Elsf leth kommt das Kompositum
Hannekä* vor. Im Elsaß werden die Raben Hansel genannt.
Auffällig ist als Dohlenname das Wort Wachtel, welches
Gesner aus der Gegend um Rostock kennt und das durch Nemnich
PoLyglottenlexicon I, 1245 bestätigt wird. Preußische Dialekt-
ausdrücke sind Kollatz und Bijacke f. sowie Litauer 9 .
Teils wird die Dohle in den lautmalenden Namen mit ein-
begriffen, welche von Krähen und Raben gelten, so z. B. in den
schweizerischen Ausdrücken Gägg und Gwdgg 10 . Schon Gesner
kennt Graacke im vSinne von Dohle.
1 Vgl. Zs. f. roman. Phil. XVI. 520.
2 Vgl. chuvueta in Cod. SGalli 299 p. 33.
3 Aus dem Niederdeutschen sind dän. allike, schwed. alika in
Schonen) entlehnt.
4 Schambach 6.-5 Danneil 103.
6 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83.
7 Bei Junius Nomenciator (1581) S. 57 b wird der Name Hanneken
geschrieben.
8 Häpke Volkstümliche Tiernamen S. 303.
9 Frischbier I, 83. 404. — 10 Staub-Tobler II. 164. 843.
190 Alpendohle, corvus pyrrhocorax oder pyrrhocorax pyrrhocorax.
Alpendohle, corvus pyrrhocorax oder pyrrhocorax
pyrrhocorax.
In zwei alten St. Gallener Handschriften aus dem 8. und
10. Jh. (cod. SGalli 913, 203 und cod. SGalli 242, 248 a) findet
sich die Glosse caha cornicula, Dieses Wort darf nicht mit dem
niederdeutschen Namen kd verwechselt werden ; die weitere
Geschichte des Wortes lehrt, daß es sich hier um eine Dialekt-
benennung für die in den Schweizer-Alpen wohnende Alpen-
dohle handelt.
Im 14. Jh. ist der Ausdruck in der Glosse tul vel cach
in fol. Stuttg. (Versus de volucr.) zufällig belegt. Gesner erwähnt
ihn (Hist. avium S. 509) in der Zusammensetzung Alpkachlen (Plur.),
welche ihm aus der Umgebung von Glarus als Bezeichnung
der Alpendohle bekannt ist. Aus den heutigen schweizerischen
Mundarten bezeugen Stalder Id. II, 80 Kächli und Staub-Tobler
Id. III, 120 Schnechächli in derselben Bedeutung ; einfaches
Chäch kommt im Sinne von 'Häher' vor. — Der Name *kah-ö(ri)
gehört zum selben Stamme wie mhd. kacheln, ahd. cahhezen 'laut
Jachen' usw. und schließt sich an die vielen Benennungen von
rabenartigen Vögeln an, welche sich auf die Stimme derselben
beziehen. Mittelengl. choge, ne. chongh 'Alpenkrähe' ist mit dem
deutschen Worte nicht direkt verwandt.
Der schweizerische Ausdruck ist in der mittellateinischen
Form caccula einmal belegt, s. Du Cange II, 11.
Turner Avium hist. (1544) S. E 5b unterscheidet die Alpen-
dohle von der gemeinen Art als Bergdöl, ebenso machen Eber
und Peucer Vocab. (1552) S. F lb einen Unterschied zwischen
den Berckdalen und vnferen Baien. Gesner nennt a. a. O. S. 507
mehrere Synonyma aus den schweizer. Mundarten. Außer Alp-
kachlen sollen die Vögel in Glarus auch Wilde Tulen genannt
werden, in Wallis Alprapp (Alpenrabe), bei den Kätiern Beenen,
anderwärts Steinhetzen (zu Hetze 'Elster'). Nach Staub-Tobler Id.
IH, 805 heißt die Alpendohle in einigen Gegenden der Schweiz
Alp-Chräje, Berg-Chräje, Schne-Chräje, nach Stalder Id. s. v.
Schneetahe. Auch in Steiermark sind die Vögel unter den Namen
Almdahe, Schneedahe und Steindahe 1 bekannt.
1 Unger-Khull 16. 551. 572.
Bister, (<>i uis pica. 191
Gesner (s. 503) kennt den Ausdruck Steiniahe aus Baien
als Bezeichnung der Alpenkrähe (corvus graculus, pyrrhocorai
graculus); dieser Vogel soll bei den Rätiern mit dem Namen
Taha verstanden werden, während dir gemeine Dohle hier Tulla
genannt wird. An der tiroL-kärntischen Grenze wird die Alpen-
krähe Täglästrr x (eigl. "Dohlenelster', zn Tage Dohle') genannt,
im Obcrinntal Tarha, Schnratächa 1 . - I)i<- THrgkra bei Hau. Sachs
im Regim. der Vögel (1531) V. 227 ist entweder die Alpendohle
oder die Alpenkrähe.
Elster, cor vus pica.
Ahd. agalstra: Sg. Nom. — dgahtra pica'-: Anhang /.. alten u.
neuen Testam. : Clm. 14747, 96b. agalstra: Clm. 14747 f. «Ha. cod.
SGalli 299, 26. cod. SGalli 242, 248a. cod. Berol. Ms. lat. 8<>73, 123h.
cod. Parisin. 9344 f. 42b. Carmen de Philomela 33: cod. Vindob.
247, 223a, cod. mus. Britann. Add. 16894, 245c. gaia: 611. Salomon.
a 1: cod. Admont. 3, 148a, Clm. 17152, 66a, cod. mon. s. cruc. 17,
101a, cod. Zwettl. 1, 70a, über impressus 84a, piales : Clm. 17152,
119a^ pica: Gll. Salom. c: cod. mus. Brit. Add. 18379, 121b. Versus
de volucr. : cod. mon. herein. 239 p. 784. picu^. unus deorum spfhi
( ) pica dicitur : Prudent. Contra Symmachos 1, 234 : cod. Parisin.
nouv. acquis. 241, 165a, Clm. 14395, 171b; agalastara: cod. Prag.
VIII H 4, 65 a. aga, i«stra graia : * : cod. Vatic. Reg. 1701, 2 b. hehera
agalastra*: Clm. 14689 f. 47a. agalastra gaia: Gll. Salom. a 1 : Clm.
22201, 64e, agalestra piales: cod. mon. s. cruc. 17, 164b, cod. Zwettl.
1, 126a. agalstera: H. S. XI d : cod. Florent. XVI, 5, 110b. ag>htra:
e: cod. princ. de Lobkow. 435, 25b. piales: Gll. Salom. a. 1: lib. im-
pressus 160b. Versus de volucr. : cod. Vindob. 85, 42 b. Clm. 23496,
10a, agilstra: cod. Admont. 106, cod. Admont. 476, cod. Stuttg. th.
et phil. 210, 135a, cod. Stuttg. th. et phil. 218 f. 22b. cod. Sei
f. 109b. gaia: Gll. Salom. al: cod. mus. boh. Prag. 126b, piales:
Clm. 17403, 126a. egelstere: cod. Oxon. Jon. 83. 4. agelestra: H. S.
III, 17: Clm. 2612, 34a, XI g: Clm. 17151, 17c, Clm. 17153, 60a,
Clm. 17194, 203, egelestra: a 2: Clm. 2612, 81a. agelstere: cod.
Vindob. 2400, 112a, agelstre: III, 17: cod. Vindob. 2400, 41b. age-
leistera : Versus de volucr: Kölner Doppelbl., agehtir: Clm. 614, 31b,
agelsturr: fol. Stuttgart, agelster: cod. Vindob. 804 f. 185b.H.S.XI a2
cod. Graec. 859, IIa, aglestera: b: cod. Admont. 269, «2a. aglas-
tra gaia: Gll. Salom. a 1: Clm. 13002. 62c, aglistra piales: Clm.
1 Frommann D. Mundarten IV, 53. 55.
2 pica nicht biblisch (Steinmeyer). — 3 1. gaia (SteinmeyerV
4 agalastra von zweiter Hand unter hehera (Steinmeyer).
192 Elster, corvus pica.
22201, 123e, Clm. 13002, 117c, aglister gaia: cod. Vindob. 2276, 71c.
aglistre: cod. Mellic. K 51, 242, agilst* : Clm. 4660, 56a, aglest« : cod.
princ. de Wallerst. I. 2 (Lat.) fol. 21, 175b, cod. Vindob. 1118, 79b,
aglaster: Clm. 3537, 330b, agerlasf ': cod. Gott. Luneb. 2 f. 181 ab,
agerlust': Clm. 11481, 82b, algester: Clm. 17194 f. 221b, allster:
cod. Admont. 759, 55b, alster: cod. Oenipont. 355, 14b, cod. Vindob.
1325, 106b, Cgm. 649, 526b, cod. Vindob. 3213, 116b, alst*: Clm.
19488, 121a, Clm. 4350, 3a. H. S. III, 17: Clm. 23796, 173a. allster:
cod. Vindob. 901, 26a. alstlra gaia : Gll. Salom. a 1 : Clm. 17403, 71h.
alstra: H. S. III, 17: cod. Darmstad. 6, 24a. aq einst : Versus de
volucr. : Clm. 22213, 163a, agelst: fol. Francofurt., agilst : fol. sem.
theot. Gotting. Müller I, 6, agilst" : cod. olim Argentor. A. 157. agel, *st a :
H. S. III, 17 : cod. sem. Trevir. 31, 14b, algerlst: cod. mon. herm. 171,
23, algerlst" ': fol. olim. Heidelberg, aglstra : cod. sem. Trevir. R. III. 13,
108a. agalstra: cod. sem. Trevir. f. 112b, agestra: cod. Guelpherbyt.
Aug. 10. 3. 4o f. 89a. aglst: Versus de volucr.: cod. Zwettl. 293, 25a.
Der Name der Elster erscheint in den angeführten Glossen-
handschriften in zahlreichen Varianten, welche in der weiteren
Sprachentwicklung sich noch vermehren. In einem ausführlichen
Aufsatz in KZ. XXXIV, 344—380 hat Bruinier die einzelnen
Namensformen zusammengestellt und dabei eine Fülle von Beleg-
material zusammengetragen, aber in seiner Beurteilung des Stoffes
dürfte der Verfasser oft nicht das Richtige getroffen haben.
Die überlieferten althochdeutschen Belegformen lassen
sich auf zwei Grundformen agalstra und agastra zurückführen,
von denen die erstere die normale althochdeutsche Benennung
ist, während die letztere auf mittelfränk.-niederfränk. Gebiet ihre
eigentliche Heimat hat. Daß wir es hier mit bereits erweiterten
Namensformen zu tun haben, beweist das einmal belegte angel-
sächsische Synonymon agu bei Wright-Wülcker I, 132 n . Auf
dem Kontinent ist die Kurzform in einer deutschen Glosse über-
liefert, die nicht ganz frei von dem Verdachte angelsächsischen
Ursprungs ist: aga picus spect'. inde pica: cod. Bruxell. 10072 f.
88 b (Ahd.Gll.IV,228 3 ); doch scheint die aus dem 14. Jh. stammende
Glosse age pica in Clm. 14745 f. 82 c der Versus de volucribus
für kontinentales Weiterleben des Wortes zu sprechen. Dazu die
Erweiterung agazza in der Glosse pica. X agaza 1 agilst in cod.
Florentin. XVI, 5, 141a aus dem 13. Jh.
1 z aus h korrigiert (Steinmeyer).
Rliter, eornu pica 193
Die Geschichte des westgerm. Namens *0£-d ist noch un-
aufgeklärt. Bruiniers Meinung, dafl das Wort eine Ableitung von
genn. *agan 'sich fürchten' sei und daß die Bister eigtl. als
'die scheue* aufgefaßt worden «rare, iai nicht sehr wahrschein-
lich; auch läßt sie sich nicht gut in Einklang bringen mit den
semasiologischen Gesichtspunkten, welche sich bei Benennung
von Vfcgeln geltend machen.
In den skandinavischen Sprachen wird die Elster mit in-
ternen Benennungen benannt Schon im Altnordischen bezeugt
ist der Ausdruck skj<h\ woraus norweg. skjor, skjjsr neben skjeere
= schwed. dial. sker, skära. Eine sichere Deutung des Namens
fehlt. — Eine synonyme Benennung ist dän. skade, schwed. tkata,
die bei Falk-Torp Et. ordb. II, 167 mit Rücksicht auf den langen
spitzen Schwanz des Vogels zu schwed. skate 'hervorstechende
Spitze' gestellt wird.
Von den erweiterten Formen, in welchen der westgerma-
nische Elstername sich in spätere Perioden hinein erhalten hat,
zeigt ahd. agaza ein noch nicht ganz aufgeklärtes Suffix, welches
auch im ahd. amirzo, *amirza (Schweiz. Emmeritze) vorhanden ist.
In dieser Form haben die romanischen Sprachen den deutschen
Vogelnamen übernommen : af rz. nfrz. agace und ital. gazza 'Elster'
(dial. agassa, agazza, s. Tommaseo und Bellini Dict. s. v.); die
mitte) lat. agazia und aigatia bei Du Cange I, 139 c, 154 c sind in
ganz späten Belegen überliefert. Das französische Wort liegt den
englischen Synonyma haggess, haggiss zugrunde, s. NED. V, '20.
In der vollen Lautgestalt ist das vereinzelte ahd. agaza
später nicht nachweisbar. Aber in der heutigen schwäbischen
Dialektbenennung Hetze wird man trotz der Behauptung von
Fischer Wb. I, 115 eine Fortsetzung von ahd. *agiza zu sehen
haben; Bruiniers Annahme, daß hier eine Koseform von hehara
vorläge, ist unwahrscheinlich.
Neben ahd. agaza ist also eine Form *agiza mit i als Binde-
vokal wie im ahd. *amin'za (Schweiz. Emmeritze) anzunehmen.
Darauf beruhen Hätz bei Pinicianus Prompt. (1516) S. C 2b,
Hetz in Bracks Vocab. (1495) S. 49 a, im Auszug von Pinicianus
Prompt. (1521) S. C 4b, Hetze im Strassburg. Vogelb. (1554) V.
270 usw. Das anlautende h in Hetze (*egeze) ist sekundär wie in
Suoluhti, VogeliKinu-n. !•'
194 Elster, corvus pica.
Hemmerling für Emmerling. Nach Fischer a. a. 0. gilt Hetze heute
auf dem schwäbischen Gebiete nördl. vom obersten Neckar, Saal-
gau (Scheer), Biberach bis in den äußersten Norden des Landes.
Um die Donau bis Ehingen und am oberen Neckar bis Rothen-
burg wird eine Namensform Nagelhetz (sporadisch dafür auch
Adelhetz) angewendet, welche man mit Fischer für eine Konta-
mination von Agelster und Hetz anzusehen hat; das Anlauts-n
ist sekundär wie in Nigoivitz neben Igowitz (vgl. S. 114) und
sonst öfters.
Aus einer erweiterten Form *agazala ist, wie Kluge Et.
Wb. 6 s. v. Elster bemerkt hat, die heutige Namensform Atzet
entstanden ; nach Bruiniers Ansicht wäre auch diese eine Kose-
form (von agd). Die Zwischenstufe, welche die seit dem 15. Jh.
öfters bezeugte erleichterte Form Atzel mit der hypothetischen
ahd. Grundlage verbindet, ist ackzel 1 in einem Dict. lat.-germ.
(Mainz) des 15. Jhs. Auf *agizala beruht mhd. etzelein in den
Sieben Meistern 91, 24 2 . — Nach Popowitsch Versuch (1780) S. 35
ist Atzel die in Hessen, im Elsaß und in der Wetterau übliche
Namensform. Im Süden reicht diese bis in die Schweiz hinein,
wo sie als aargauisches Atzle selten, aber in den Formen Hatzle,
Hätzle (auch Häxle) z mit unorganischem Anlaut als Bezeich-
nung des Hähers weiter verbreitet ist. Über das Elsaß 4 , die
Pfalz 5 , Hessen-Nassau 6 , Westerwald und Wetterau erstreckt sie
sich an den Ufern des Rheins bis nach Waldeck und Kassel
im Norden, vgl. Bruinier S. 353. In Kurhessen wird Atzel nach
den Angaben von Yilmar Id. S. 18 im Fuldaischen, im Haun-
grund und sonst einzeln im Osten angewendet, im Schmalkal-
dischen 7 sowie in Göttingen und Grubenhagen 8 ist das Wort
nur in übertragener Bedeutung vorhanden. Nach Preußen, wo
Atzel von Frischbier Wb. I, 34 verzeichnet wird, ist es — wie
Bruinier vermutet — von den Auswanderern gebracht worden.
Für die althochdeutsche Normalform agalstra gibt Bruinier
1 Diefenbach-Wülcker Wb. S. 36. — 2 Bruinier a. a. 0. S. 354.
3 Staub-Tobler II, 1881. — 4 Martin-Lienhart I, 86.
5 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 10.
6 Kehrein 50. — 7 Frommann D. Mundarten VII, 139.
8 Schambach 14.
Bister, corvus pica. 195
eine eigentümliche Erklärung. Von der Variante alster ausgehend,
konstruiert er eine Urform a/ltxtm, welche mit althochd. alacra
'mergulus' und griech. üXkuwv 'Eisvogel* zu einer Wurzel *alk-
'schillernd glänzen* (altind.arc 'strahlen (gehöre. Die Form agalstra
sei aber ein Kompositum *ag-alh8tr6 'der scheue Schillervoger.
Diese Etymologie, welche die alid. (ilosse alucni Unrichtig ver-
wertet, nuil) als gänzlich verfehlt bezeichnet werden.
Wie agaza, so ist auch agalstra eine Erweiterung von aga,
wo zwei verschiedene Suffixe, -l- (vielleicht in deminutiver Be-
deutung) und -(i)strjÖH (wie im ags. hulfestre (neben huilpe) und
vielleicht im andd. listera 'Amsel') zu erkennen sind. Die durch
Häufung der Suffixe und Schwund des unbetonten Mittelvokals
entstandene schwere Konsonantenverbindung ist bereits in alt-
hochdeutscher Zeit in verschiedener Weise erleichtert worden,
so daß mehrere Lautvarianten entstanden sind, welche in den
Mundarten sich bis in die Neuzeit hinein verfolgen lassen.
Von diesen wird Aegerft bei Gesner Hist. avium S. 666
als schweizerisch bezeugt; in Staub-Toblers Schweiz. Id. I, 125
wird sie mit einer Menge anderer mundartlicher Varianten an-
geführt. Im Elsaß läßt sich nach den Angaben von Martin-
Lienhart Wb. I, 21 Ägerste nordwärts bis in die Nähe von Colmar
verfolgen; auf dem schwäbischen Dialektgebiet wird der Ver-
breitungsbereich dieser Namensform von Fischer a. a. 0. an die
obere Donau bis nach Sigmaringen im Osten verlegt. Von hier
ab östlich in Oberschwaben, Allgäu, Bairisch-Schwaben und an
der Donau unterhalb Sigmaringen und Südhang der Alb herrscht
die Lautform Kägersch, deren k man vielleicht aus onomato-
poietischer Umbildung erklären darf.
Die Variante alster (aus aglster) erscheint schon in bairisch-
österreichischen Handschriften des 12. Jhs. und ist auch heute
die bairisch-österreichische Namensform geblieben; im Norden
reicht sie in das Schmalkaldische und kommt als Galalsder l in
Thüringen (Brotteroda) vor, in Göttingen und Grubenhagen ist
Alster 2 selten. Neben der kontrahierten Form finden sich in
Steiermark die volleren Aglaster, Aglister, Agalster :? ; aus der
letztgenannten hat sich wohl Galster 3 (im Anschluß an Gaht
1 Hertel 89. — 2 Schambach 8. — 3 Unger-Khull 13. 264.
13*
196 Elster, corvus pica.
'Lärm, Geschrei') dadurch entwickelt, daß der Mittel vokal einen
stärkeren Ton an sich zog und den anlautenden Yokal stumm
machte. In Schlesien wird nach Weinhold Beitr. zu einem
schles. Wb. S. 5 Agldster, Master 1 betont, ebenso tirol. Agldster 2 .
In Kärnten lautet der Name Agälster, Aglester, Agläster'*, im
Erzgebirge Alastr 4 . — Neben diesen Namensformen kommen in
einigen Gregenden auch auffällige Varianten vor. Aus dem
Anhalter Dialekt führt Popowitsch Versuch (1780) S. 35 Scha-
laster, aus dem Glazischen und aus Großglogau Schulaster an.
Weinhold a. a. 0. nennt Schuldster aus Schlesien ; weiter ist diese
Form in Siebenbürgen 5 vorhanden. In Schlesien (und der Ober-
lausitz 4 ) finden sich auch die Namensformen Schuldster, Schö-
laster 6 ; in Böhmen Schalaster 5 . In Deutschungarn und Posen
kommt eine Form Tschokalaster oder Tschögelester (vgl. Tsclwi
'Häher' S. 201), in letztgenannter Gegend auch Schagaster vor 5 .
— Die Komposita Alsterkddl 7 in Preßburg, Schirigadl 8 in Tirol
und Galsterkatel 9 (in übertragener Bedeutung) in Steiermark sind
mit der Koseform des Eigennamens Katharina gebildet, ebenso
wie die Vogelnamen Rotkdtel 'Rotschwänzchen' und Schneekater
'Ringdrosser. Der steirische Ausdruck TratschkateP gehört zum
Verbum tratschen 'schwatzen', die Synonyma Tschaderkatel f.,
Tschadel f., Tschaderer m. in derselben Mundart gehören mit
dem schallbildenden Verbum tschadern 'rauschen, plätschern" zu-
sammen ; weniger durchsichtig ist Goister 9 f. in Oststeiermark.
Die schriftsprachliche Namensform Elster ist die sächsische
Lautform, welche im 16. Jh. bei Eber und Peucer Vocab. (1552)
S. F 6 a belegt ist ; nach Bruinier ist sie auch in den Mundarten
von Hessen, Thüringen und der Wetterau heimisch. Wahrschein-
1 Die Variante Algarte, die Bruinier nach Naumann II, 101 an-
führt und mit Eisengart 'Eisvogel' vergleicht, ist schon bei Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 333 verzeichnet. Sie beruht wohl auf ahd. *algastra
(im 12. Jh. algerist).
2 Schöpf Id. s. v. — 3 Lexer Kämt. Wb. S. 84.
4 Kluge Et. Wb. 6 s. v. Elster.
5 Vgl. Bruinier a. a. 0. S. 355. 367.
6 Mitteilungen der schles. Gesellsch. f. Volkskunde Heft XIX, 82.
7 Frommann D. Mundarten VI, 181. — 8 Zs. f. d. Phil. XXI, 208.
9 Unger-Khull 164. 178. 264. 298.
Klst.T. corvus pica. W7
lieh hat sich diese Variante ans ahd fgüistra i eglstra) ent-
wickelt, wie Alster aus ahd. agalastra.
An den althochdeutschen T^pus agdUtora mit seinen Varian-
ten schließt sich in Niederfranken and Niederdeutschland die
Form agastra\ agistra an, wo «las Suffii -(a)strj6n : -(i)strj(m 1
direkt an den stamm *ag-(6) angetreten ist. Anfiel der Glosse
agistra in der Trierer und der Wolfenbüttler Handschrift be-
gegnet in *1* i älteren Periode asächs. agastriun (= pice) in
den Straßburger Glossen. Im weiteren Verlaufe der Sprachent-
wicklnng erscheinen neben mndl. eestre^ ankster, mnd. egester,
exter auch die Lautformen hegester : heister mit anorganischem /*
wie in Hefeg und Hämmerling. J)a die niederdeutschen Namen
wie die Bezeichnungen der Elster überhaupt — auch für den
Häher verwendet werden, ist es wohl möglich, daß das Anlauts-//
durch mnd. heyer beeinflußt worden ist; Bruinier nimmt eine
Kompromißform von Heyer und Agastra an.
Heute findet man auf niederländisch -niederdeutschem
Sprachbodeu die Formen mit und ohne h neben einander: nndl.
Ekster, ostfries. Äkster, Häkster (Akster, Heister, Hester) % in
Recklinghausen Jäkster 3 , westfäl. Ekster 'Elster', Hisilater 4 f.
'Häher'; auf Helgoland 5 , in Holstein r \ Angeln 7 , Ditraarschen 7 .
Lübeck 8 , Mecklenburg 9 Heister, in letztgenannter Gegend ebenso
wie in Altmark 10 auch Hester, Häster, in Pommern Haster \ in
Preußen Heister, Heiyster, Higster, Häster, Heisker 11 m. ; in Göt-
tinnen und Grubenhagen berühren sich ndd. Ekster und Hekster 1 *
mit den hochdeutschen Formen Alster (und Atzel\ welche hier
jedoch selten sind. — Die preußische Dialektbenennung Spach-
heister, Spochheigster (vgl. Frischbier Wb. IL 345) ist nicht recht
deutlich. Es scheinen darin zwei verschiedene Ausdrücke kon-
1 Vgl. Kluge Stammbildung 2 § 48 ff.
2 Doornkaat-Koolman Ostfries. Wb. I, 20, Jb. f. ndd. Sprachf. XI. 111
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 5.
i Woeste 66 und 101 f. — 5 Frommann I). Mundarten III, 32.
6 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII. 2.
7 Kluge Et. Wb. 6 s. v. Elster.
8 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84.
9 Schiller Zum Tierbuche I, 9. — 10 Danneil 80.
11 Frischbier I, 283. — 12 Schambach 55.
198 Eichelhäher, corvus glandarius.
taminiert worden zu sein. Vielleicht lautete der Yogelname
eigentlich Sprachheister (Schwatz -Elster), wie das Yerbum
sprachheistern 'lästern' vermuten läßt. Bruinier will auch dieses
Dialektwort aus *speg- 'schillern' als den 'Schillervogel' erklären.
Aus der Mundart von Fallersleben wird in Frommanns
D. Mundarten Y, 291 der Ausdruck Schare f. als Bezeichnung
der Elster angeführt.
In Hessen wird die Elster in einigen Gegenden mit den
lautbildenden Namen Kaeje, Kaeke, Käke bezeichnet, die eigent-
lich Bezeichnungen der Dohle sind. In Luxemburg heißt die
Elster Krei> f. (= Krähe) oder Krek f. (vgl. oben S. 181).
Eichelhäher, corvus glandarius.
Ahd. hehara: Sg. Nom. — speth. £/£e&am picus :cod:SGalli 299,
26. hehara: cod. SGalli 242, 248b. pica: Gll. Salom. a 1. orix 2 : Ver-
sus de volucr. : cod. Vindob. 85, 42 b. atacus: Leviticus 11, 22: cod.
Vindob. 2723, 18b, cod. Vindob. 2732, 22b, hehera: Clm. 18140, 14a,
Clm. 14689, 38a; cod. Stuttg. theol. et phil. fol. 218, 13c; hehera:
Anhang z. alt. u. neuen Testam. : Clm. 14747, 96b. hehera perdix.
auis similis colore pico spehte al: Regum I, 26, 20: Clm. 19440,
105. gagis: cod. Vatic. Reg. 1701, 2b. orix: Versus de volucr. orix.
J glandare: H. S. III, 17, attacus: XI a2. b, picus : b. cod. Selestad.
f. 109b. pica: Gll. Salom. a 1, attacus auis : d : Clm. 23496, Id. hehera
agalastra 3 pica: Clm. 14689 f. 47a. hehera. t. uel ut quidam uolunt
hiumbel attacus : H. S. XI e, hehera t hümel : g, speht t hehera picus :
g. hehar attachus : Leviticus 11, 22: cod. Gotwic. 103, 49b, wehir:
Clm. 13002, 219b, heher: Clm. 22201, 238b. orix: Versus de volucr.
Als Bezeichnung des Eichelhähers ist der Ausdruck Häher
m den westgermanischen Sprachen verbreitet. Dem ahd. hehara
entsprechen mit grammatischem Wechsel mnd. heger (zuerst in
der Glosse hegher (= graculus) in cod. Cheltenham. 7087, 144a
belegt) und ags. higre (higora)^. Der angelsächsische Name wurde
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 244. 246.
2 Das Lemma orix ist wohl nicht mit Diefenbach-Wülcker Wb. S. 644
s. v. Häher als ortyx (d. h. <5pxu£ "Wachtel') aufzufassen, sondern als lat.
oricus = loquax (Corp. Gll. lat. VII, 31) zu os 'Mund' ; der Häher ist also
der Schwätzer wie im lat. Lemma garrulus die Dohle.
3 agalastra von zweiter Hand unter hehera (Steinmeyer).
4 Whitman The Birds of Old Engl. Lit. XXV, 1 gibt unrichtig die
Bedeutung als 'Specht' an. Das Lemma picus ist mehrdeutig, aber gaia
Eichelhäher, corvüfl glandarins. 198
in mittelenglischer Zeit 7on dem altfraozösischen Worte gai,jcti
(ne. jay) verdrängt, das auch ins Mittelniederländische als gay
(nndL ^aat) eindrang. Die skandinavischen Dialekte haben
für den westgermanischen Eähernamen jüngere einheimische
Bildungen : schwed. */:>■//>■</ {nötskrika\ norweg. skrike (zom Verbum
tkrika "schreien').
Ziemlich allgemein gilt der westgermanische Vogelname
"h< : har-ö{n): *hig{u)r-6n als urverwandt mit griech. icicca (*MKia)
"Häher* und altind. Mki(-div%) 'der blaue Bolzhäher*. Aber ab-
gesehen davon, daß das altindische Wort streng lautgesetzlich
nicht zum griechischen stimmt 1 , bleibt bei der Znsammen-
stellung dieser Worte mit dem germanischen Vogelnamen der
stammauslautende Konsonant im letzteren unberücksichtigt
Dagegen stimmt die westgermanische Benennung in ihrer Bil-
dungs weise vollständig überein mit den altnordischen Reiher-
namen here {*heharo) und hegre, welche mit dem gleichbedeu-
tenden ahd. heigaro durch Ablaut verbunden sind, und dieses
kann von ags. hrägra nicht getrennt werden. Die zweifache
Bedeutung, welche in diesen mit einander zusammenhängenden
Namensformen zutage tritt, erklärt sich aus dem onomatopoie-
tischen Ursprung derselben. Sowohl der Reiher wie der Häher
sind nach ihrem rauhen Geschrei benannt worden, und der
gemeinsame Name wird etwa *kraikr- *krikr- gelautet haben.
Der Ausfall des erste ren r-Lautes, der die nordischen Benen-
nungen und die althochdeutsche Parallelform heigaro neben
reigaro geschaffen hat, ist dissimilatorischer Art gewesen-'. Der
gebrochene Stammvokal in anord. hegre ist vielleicht analogisch
eingeführt nach der Parallelform hehara, anord. here, wo die
Brechung vor h als lautgesetzlich gilt.
Während das schriftsprachliche Häher die regelmäßige Fort-
setzung von ahd. hehara ist, in welchem die Kürze des Stamm-
bezeichnet den Häher. Entscheidend ist die Stelle in den Rätseln 85, wo
Higora als Nachahmer von verschiedenen Vogelstimmen dargestellt wird.
1 Vgl. Brugmann Grdr. 1-, 57ii.
2 Osthoff PBB. XIII, 415 erörtert die Gründe, welche die Dissimilation
haben hervorrufen können; doch läßt sicli wohl die sporadische Erleichte-
rung des Lautkörpers auch ohne weiteres aus dem onomatopoietischen
Charakter desselben begreifen.
200 Eichelhäher, corvus glandarius.
vokals u. a. aus mhd. Keimen hervorgeht 1 , finden sich in einzelnen
Mundarten auch kontrahierte Formen, die schon im Althoch-
deutschen bezeugt sind. Bereits im 9. Jh.: hera tragis 2 : cod. Pa-
risin. 12269 f. 58b; im 12. Jh.: hera Versus de volucr.: cod. mon. herem.
239 p. 784 {hera fol. Francof., 14. Jh.); im 13. Jh.: heera: cod. Oxon. Jun.
83, 4, hera: H. S. III, 17: cod. Darmstad, 6, 24a. Die kontrahierten
Namensformen kommen heute in der Schweiz als Her m., Here
f. und Herenvogel 3 vor.
Diese Lautformen wurden volksetymologisch mit Hör 'Herr*
in Zusammenhang gebracht, und dadurch entstanden die Neben-
formen Herre (im Strassburg. Vogelb. (1554) V. 270) und Herren-
vogel, die Gesner Hist. avium (1555) S. 673 aus Freiburg (in der
Schweiz) kennt. Heute wird der Ausdruck Herrenvogel von
Martin-Lienhart Wb. I, 100 aus Dehlingen im Elsaß angeführt;
auch im badischen Oberlande (z. B. in Freiburg im Breisgau)
ist er der übliche Name des Yogels und kommt auch in der
westlichen Pfalz 4 vor.
In Glarus (in der Schweiz) hat die kontrahierte Namensform
Herenvogel einen gutturalen Vorschlag erhalten, so daß hier Geren-
vogel z gesagt wird. Auch in Mitteldeutschland kommt dieselbe Er-
scheinung vor; denn thüring. Ker'° muß auf Her beruhen, ebenso
wie osthess. Kere' (an der Werra) auf Here und schmalkald.Za'Aer 6
auf Häher; vgl. schwäb. Kägersch für Ägersch 'Elster' S. 195.
Der Übergang des mhd. höhere (ahd. hehara) in das mas-
kuline Geschlecht, das nicht nur in der Schriftsprache sondern
auch in den meisten Mundarten vorkommt, ist zuerst im Jüngeren
Titurel (Ed. Hahn S. 202) Y. 2031 sicher bezeugt. Die Geschlechts-
veränderung wurde dadurch veranlaßt, daß der Name nach
Schwund des unbetonten Auslauts-e sich an die vielen mas-
kulinen Nomina agentis auf -er anschloß. Neben dem einfachen
Hähernamen kommen in einigen Landschaften auch zusammen-
1 Bei Wolfram v. Eschenbach Willehalm (Ed. Lachmann 6 ) 407, 10:
heher : sweher.
2 Die Bedeutung der Glosse wird sichergestellt durch ags. higrae
ass traigis bei Wright-Wülcker Vocab. I, 52 7 .
3 Staub-Tobler I, 693 f. II, 1555.
4 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 10. — 5 Hertel 132.
6 Regel Die Ruhlaer Mundart S. 214 und Vilraar 189.
Eichelhäher, corvna |landahnt. 201
meiste Namensformen vor. Im Ther. BiL (1603) 8.336 gibt
Bohwenkfeld Nu* Här als schleeischen Ausdruck; in Steiermark
MAI der Eichelhäher wegen des kreischenden Geschreis auch
Xttrhcher 1 (vgl. Zarer, Zarrer 'Misteldrossel'). Ans der Stimme
des Vogels ist der tirolische Name Korngreggen - und viel-
leicht auch das Svnnnvinun Grätsch* (in Kärnten A r hr rg ratsch')
hergeleitet; das letztgenannte Wbrl wird auch für die Bister
verwendet. Oberhaupt gehen die Namen für Bäher and Elstern
vielfach in einander über. So hängen z. B. die Ausdrucke HaUrl.
Haider und Baumhatder, die Gesnera.a.0. 8. « *» T : ; als Namen des
Eichelhähers anführt und die heute in diesem Sinne in der Schweiz
weitverbreitet sind, mit den Bisternamen lautlieh zusammen, ?gL
s. L94. Die Benennung Hürde-' im Aargau, Härzel* im Elsaß (Ob-
bruck und Boilern) ist vielleicht auf älteres Här- (= Hähm)-
Hatzel oder Här-Atzel zurückzuführen. Andere lokale Ausdrücke
ans der Schweiz sind Gertsche 5 f. und Gehvetsch b m. (zu gelte 'gelb^
sowie (Heren-)Gägg{el) 6 und Gägsch 5 ] auch in der westlichen Pfalz
Eerrengäker 1 (vgl. ital. gagia im Kanton Tessin und die roma-
nische Glosse gagis in cod. Vatican. Reg. 1701). — Kämt. Tschoie-
und steir. Tschoi* m. stammen aus dem sloven. sola.
Als schwäbische Bezeichnung für den Eichelhäher erwähnt
öesner den Ausdruck Jack, der heute an manchen Orten in
der Schweiz geläufig ist 1 ' und als Jacke 1 im Vorarlberg vor-
kommt. Ks ist dies eine Kurzform (U^ Eigennamens Jakob
ebenso wie eugi.jack als Name der Dohle. Da in Frankreich
Jacques als Name des Hähers sehr weit verbreitet ist, so darf
man wohl für die deutschen Ausdrücke romanischen Ursprung
annehmen; allerdings ist auch in Preußen Jäckel 10 die Bezeich-
1 Unger-Khull 643. — 2 Frommann D. Mundarten IV. 53.
3 Staub-Tobler II. 1657. — 4 Martin-Lienhart I, 377.
5 Stanb-Tobler I, 694. II, 167 f. 295. 447.
6 Aus einem Kochbuch v. .1. 1672 führen Martin-Lienhart Wb. d.
Klsiiss. Ma. I, 205 s. v. Gägge die Vogelnamen "hären Gägge oder Specht,
gerupfft. . ."' usw. an, wobei sie auf bair. Gagker c Goldfink\ Gägkler
'Bergfink' verweisen. Hier ist jedoch wohl Hüroujägge (= Eichelhäher)
zu lesen.
7 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II. 10. — 8 Unger-Khull 179.
9 Staub-Tobler III, 34. — 10 Frischbier I, 286.
202 Eichelhäher, corvus glandarius.
nung für den Häher. Die Namen Girau und Richau, welche Gesner
als brabantische Synonyma anführt und die Henisch Teutsche
Sprach (1616) Sp. 1623 ihm abgeschrieben hat (auch bei Diefen-
bach Nov. glossar. S. 164 s. v. glandarius), sind französisch.
Girau ist = frz. Gerard, Richau = frz. Richard : beide Eigennamen
werden in französischen Mundarten für den Häher verwendet.
In Niederdeutschland gilt in manchen Gegenden der alte
Name Heger 1 , an anderen Orten wird der Vogel mit denselben
Benennungen bezeichnet, welche für die Elster verwendet werden,
vgl. westfäl. Hidkster 'Häher' (Exter 'Elster'), in Recklinghausen
Hikster 'Häher' (Jäkster 'Elster'), im Münsterkreise Hykster
'Häher' (Jüngster 'Elster'), in Natangen (Ostpreußen) Heigster
'Häher'; vgl. S. 197.
Auf mnd. holtschrage beruht mecklenburg. Holtschräg 2 , auf
mnd. holtschere wieder Holtscherre 2 in der Mark. Die mecklen-
burgischen Varianten Holtschräf 2 oder Holtschraow^ bezeichnen
ebenfalls den Vogel nach seinem schnarrenden Laut als 'Wald-
schreier', vgl. anord. skrafa 'schwatzen, plaudern', isländ. skräfa
'einen rasselnden Laut von sich geben'. Auch in mitteldeutschen
Dialekten kommt diese Benennung vor. Eber und Peucer Vocab.
(1552) S. E 7b führen den Ausdruck Holtzfchreyer unter anderen
Synonyma an; Diefenbach Glossar. S. 267 c belegt hd. holtzschere
f. reche (1. ruche) (neben ndd. holtscere) aus einem Vocab. lat-
german. In Preußen heißt der Vogel auch Holzhacker i = Holt-
häk r ° in Lübeck.
Den Namen Markolf, der als Bezeichnung des Hähers an
manchen Orten geläufig ist, haben die Naturforscher aus dem
Geschrei des Vogels heraushören wollen; u. a. meint Brehm,
daß der Häher "gar nicht selten und recht deutlich das Wort
Margolf" ausspricht. Die richtige Deutung hat Jakob Grimm
im DWb. II, 419 gegeben; danach ist der Name von dem Spötter
Markolf in der Heldensage auf den Vogel übertragen worden.
1 Vgl. Schambach 77, Danneil 73, Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf.
XVI, 83. XVII, 2.
2 Schiller Zum Tierbuche II, 11.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84.
4 Frischbier I, 297. — 5 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85.
Eichelhäher, corvua glandarins. 906
Dor Häher ist ein geschickter Nachahmer von Stimmen
anderer Vögel und wird als solcher schon in dem angelsächsischen
Runenrätsel dargestellt Der älteste Beleg des genannten Namens
ist Marcolfus bei Albertus Magnus (De animabilos 8. 5
der auch <lic Erklärung desselben gibt: "hec suis omnes in-
clamat < v t omnium uoces imittatur propter quod etiam a qui-
busdam marcolfus uocatur". Im L5. Jh. isl der Ausdruck öfters
bezeugt: maredf (= leter) in einem lat-niederdeutschen Vocab.
v. J. L420, markolf ( garrulus) in einem ndd Vocab., maredff
reger ( graculus) in einem Lat-niederd. Vocab. ex quo 1 , marc-
kopff in einer Version des Märchens vom Zaunkönig (Germania
VI, ss); darauf rucke margkolff' 1 in einem aiphabet Wh. aus
dem Jahre L502. — In Avium historia (1544) S. II 3b erwähnt
Turner Mercolphus als den deutschen Namen des Hähers, Eber
und Peucer Vocab. (1552) 8. E 7 b führen das Wort ebenfalls in
der latinisierten Form Marcolfus an, danach Gesner, Schwenk-
feld u. a. Die Verbreitung des Namens beschränkt sich auf die
Gebiete am Mittel- und Niederrhein: Märkola, Markolief 5 in
Luxemburg, Moadkohlf* auf der Eifel, Markohle* in Münster
Mdrkol 5 in Breckerfeld, Marolwe in Marienheide, Markölwe b ,
Makölwe b in Hemer, Marklof b in Elberfeld, Markolf' in Reckling-
hausen; in den Niederlanden maarkolf meerkol. Ein volkstümlicher
Ausdruck in strengem Sinne ist der Vogelname wohl nicht ge-
wesen. Im westfäl. Markölwe verrät der Akzent den gelehrten
Ursprung aus Marcolfus ; auch gibt Winkler Korrespondenzbl.
f. ndd. Spracht. XXVI, 22 von dem niederländischen Worte an,
daß es nicht volkstümlich gebraucht wird.
Außer Markolf finden sich bereits im 15. Jh. andere
Varianten, die ebenfalls den Häher als den Spötter benennen.
Von den verschiedenen Versionen des Märchens vom Zaun-
könig hat eine statt Markolf den Namen Marwolt (Germania
VI, 90), eine andere setzt dafür Herolt (Germania VI, 100),
1 Diefenbach Glossar. S. 258a. 267 c. 283 c.
2 Diefenbach Nov. glossar. S. 196 b.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 277.
4 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht. XVI, 85. — 5 Woeste 170
6 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht. XVII, 5.
204 Eichelhäher, corvus glandarius.
dazu herolt (= graculus) in einem Yocab. ex quo des 15. Jhs.
(Diefenbach Glossar. S. 267 c). Beide Ausdrücke sind Bezeich-
nungen des Narren oder des Spötters ; Morolt ist die komische
Person in der Sage (Salomon und Morolf), Herolt wird im 15. Jh.
histrio (= Narr, Possenreißer) glossiert. In Frischbiers Preuß.
Wb. I, 286 wird Herold (Herolz) als Name des Hähers ver-
zeichnet. Doch ist es damit nicht gesagt, daß der Ausdruck
wirklich in Preußen noch üblich sei, denn in das genannte
Dialektwörterbuch sind auch Yogelnamen von Klein Hist. avium
prodr. und Reyger Yerbess. Hist. der Vögel aufgenommen,
welche diese ihren Yorgängern abgeschrieben haben. Die ge-
nannten Autoren geben Heerold als Namen einer ausländischen
Häherart; für den einheimischen Yogel hat Klein (S. 61) die
Ausdrücke Holtz-Heher und Heerholtz, von denen der letztere
eine falsche hochdeutsche Auslegung von Heer-(h)olt zu sein
scheint. Zur Entstehung der Yariante Herolt hat wahrscheinlich
die kontrahierte Benennung Her (für Heher) auch beigetragen.
Man könnte sogar vermuten, daß hier der Ausgangspunkt für
die anderen Yarianten Markolf und Marwolt zu suchen wäre;
doch lassen sich die Anfänge der Geschichte des Wortes Herold
nicht klar erkennen.
Nachdem einmal die Namen Markolf und Marwolt da
waren, wurden weitere Yarianten dadurch geschaffen, daß man an
anklingende Ausdrücke anknüpfte — eine Erscheinung, die man
besonders an den Namen des Pirols verfolgen kann. Das Wort
Markolf gab den Anstoß zum Namen Markwart 1 , womit in dem
Reineke Yos der Häher genannt wird ("Markwart de Hegger"); eine
andere Yariante ist Margraff 1 , die Gesner a. a. 0. S. 673 erwähnt.
Auf dieser beruht der Name Margrub 2 'Häher' in der Pfalz.
Tn dem Kapitel des Vogelbuchs, wo Gesner von dem Tannen-
häher handelt, nennt er (S. 238) einen Vogel, den man in
Meissen Nufßhäer und in der Lausitz Gabich nennt. Als Name
des Hähers ist Gabecht, Gabsch 3 noch heute in Sachsen üblich.
An ags. gabban (anord. gabba) 'spotten' wird man wohl nicht
1 Die älteren Deutungen dieser Namen von Woeste Korrespon-
denzbl. f. ndd. Spracht*. II, 40 und Jellinghaus a. a. 0. S. 64 sind verfehlt.
2 Pfalz. Id. S. 91. — 3 Zs. f. d. Phil. XXI, 208.
Tannenhäher, corvus caryocatactes, nueifraga caryocatactes. 205
denken können. Der gleichbedeutende wendische yogelame
kabija (Pfuhl Wb. s. 242) ist vielleicht ein deutsches Lehnwort
In Luxemburg heißt der Eichelhäher Brachfrlkmr* (vgl.
Brach 'sinnloses Gerede', Braehjäk "Schwätzer* u.a.), ein anderer
luxemburgischer Lokalausdruck ist Gotte9vergies8 ] oder (lottes-
verreider l .
TannenhUher, corvus caryocatactes, nueifraga caryocatactes.
Den Hähornamen hat der Vogel mit der vorigen Art
gemein, von der er sich sowohl in Aussehen wie in Lebensart
deutlich unterscheidet Das Vorkommen des Tannenhähers ist
in Deutschland nur sporadisch und hängt teilweise von der
Reichlichkeit der Zirbelnüsse oder Zapfen ab, von denen er
sich hauptsächlich nährt.
Die Namen des Vogels nehmen meistenteils gerade auf
diese Lieblingsnahrung Bezug. Im Regiment der Vögel (1531)
V. 148 ist der Nußheer wohl der Tannenhäher; Schwenkfeld
verwendet den Ausdruck für den Eichelhäher, Eber und Peucer
geben Nushaer im Sinne von Spechtmeise. Gesner Hist. avium
S. 237 führt außer Nußhäher noch die Varianten Nußbrecher, Nuß-
bretfeher, Nußbicker an; Nußkrahe bei Schwenkfeld Ther. Sil.
(1603) S. 310, bei Popowitsch Versuch (1780) S. 554 (nach Halle)
Nußbeißer, Nußknacker. Im Elsaß nennt man den Tannenhäher
Nussenk racher 2 , in der Schweiz Nussbicker, Hasel nussvogel und
Nussjäk* (zu Jak c Häher'), in Steiermark Nussbeißer (in der
älteren Sprache), Nusskragel m., Nusstschagele m., Nusstschargel m.,
Nussgrankel m. und Nusserl 4 n. (vgl. z. B. steir. Haneferl =
Hänfling S. 120), in Tirol Nussg ratscher 5 (vgl. Grätsch 'Häher'),
Nusskretscher 5 , in Kärnten Nussgraggl, im nördlichen Böhmen
Nusshackl 6 , in Sachsen Nusshäher 6 , Nussert 6 (vgl. Zäune rt e Zaun-
schlüpfer' S. 84). — An diese Benennungen schließen sich an :
Holzkrähe 1 , Zirbentschoi 1 (Zirbel* Alpenkiefer 5 + Tschoi "Häher'),
Zirbenheher 7 in Steiermark, Zirmkräge (Zirbelkrähe), Zirm-
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 43. 151.
2 Martin-Lienhart I, 514.
3 Staub-Tobler I, 695. III, 34. IV, 1119. — 4 Unger-Khull 480.
5 Frommann D. Mundarten IV, 56. V, 410.
6 Zs. f. d. Phil. XXI, 210. — 7 Unger-Khull 355. 653.
206 Taube, columba.
grätsch 1 in Tirol. Den Ausdruck Tannenhäher führt Popowitsch
a. a. 0. nach älteren Quellen an ; von den a. a. 0. verzeichneten
Synonyma bezieht sich Staarhdher auf das staarartig weiß be-
tüpfelte Gefieder des Yogels, Birghäher (im Lande ob der Aens)
bezeichnet ihn als Gebirgsvogel.
Wegen des kreischenden Geschreis hat der Tannenhäher
in der Schweiz die Namen Raggi, Rägher, Zäpfenräggi 2 er-
halten. Popowitsch führt a. a. 0. nach Hübner die alte Bildung
Holzfcheer m. (d. h. Waldschreier) an, vgl. S. 202. — Onoma-
topoietisch ist vielleicht auch der Name Tschack (Tschank) 3 m.,
der in Steiermark vorkommt ; doch kann er auch mit Schweiz.
Jak 'Häher' identisch sein. Ein anderes steirisches Synonymon
ist Grauamaschel 3 (d. h. Grauamsel).
VI. Tauben, Columbidae.
Taube, columba.
Ahd. tüba: Sg. Nom. — tuba columba: cod. SGalli 242, 248b.
tüba: Williram 43, 2. 5. 12. 77, 6. 104, 1, tuba: 38, 2. 3. 77, 2. Notker
Gantic. Ez. regis 14. Carmen de Philomela 20: cod. Vindob. 247,
222b, cod. mus. Britann. Add. 16894, 244b. Versus de volucr. cod.
Selestad. f. 109 b. Notker Ps. 67, 14 Gl. Notker W Gantic. Ez. reg. 14.
tvba: Clm. 14689 f. 47 a. tüpa: Aldhelmi Aenigm. 256, 1: cod. SGalli
242, 38. duba: Otfrid I, 26, 8. Rotul. com. de Mülinen Bern, duua:
cod. Berol. Ms. lat. 8<> 73, 123b, du ua: cod. Guelpherbyt. Aug. 10.
3. 4o f. 89a, dufa: cod. sem. Trevir. f. 112b. tube: cod. Vindob. 804 f.
185b. tubp columba spiritus sanctus: Gll. Salom. a2: Clm. 17152,
194c. — Gen. — tubun: Tatian90, 2. tübun: Notker Ps. 54, 7. 67,
14. chind tupun filius columbe : cod. Parisin. 7640, 126 f, khindtupü:
cod. SGalli 911, 48. dubun : Otfrid II, 7, 36. — Dat. — dubun : Otfrid
1, 25, 25. — Akk. — tubun: Tatian 14, 4. 6. tübun: Notker Capella
de nupt. 2, 45. — PI. Nom. — tubun: Tatian 44, 11. palumbe: cod.
SGalli 299 p. 33. tübon: Williram 89, 1. 11. — Gen. — tubono: Lucas
2, 24 : cod. SPauli XXV a/1, 2 a. dubono : Otfrid 1, 14, 24. tübon : Willi-
ram 22, 2. 54, 2. 7. — Akk. — tubun: Tatian 117, 2.
Komposita. — tübberi (Pflanzenname): tüpbere mora.: Clm.
2612, 92b, cod. Bern. 722, 1, lb, cod. Vindob. 2400, 128a. dufbere:
cod. Bonn. 218, 50. mulbere t dvbere : H. S. IV, 6 : cod. Turic. C 58,97.
1 Frommann D. Mundarten IV, 56.
2 Staub-Tobler V, 770. — 3 Unger-Khull 178. 304.
Taube, columba. 807
— tübünkropf (Pflanzenname) : itenaiä od Utmbieropf ubena 1 i
columbina: L. Apuleii de med. berbar. hl>. IV: cod. Londin. Ilarl
1086, 8a tübhaie (palumber): tubkaU palumber: cocLVindob,
804 r. ls. r )l>. tübhüa (Taubenhaus): tubhus columbar: II. s. VII, 8
Das Wort Taube ist ein gemeingermanischer Vogelname,
Aus den verwandten Dialekten stellen sich dem ahd ttiba (mhd
ttibe) zur Seite: mnd. iiiihII. düvc, nndl. duif. nie. doutr, w. </<>re.
anord. düfa : dän. due, schwed. dufva\ das Gotische bewahrt den
Namen in dem Kompositum hraiwardtibö d. h. Leichen-Taube
(= griech, Tpirfdiv).
Im Angelsächsischen ist der Name oichi bezeugt Die
Wörterbücher von Kluge, Kluge-Lutz, Falk-Torp u.a. verzeichnen
freilich ein ags. düfe, allein diese Form scheint mit Unrecht
aus dein Belege düfedoppan westennes (= pellicano solitudinis)
in Land». Psalmen (ums Jahr 1000) erschlossen worden zu sein.
Es handelt sich hier um den Namen eines Wasservogels, der
nichts mit dem Taubennamen zu tun hat. Der zweite Teil des
Kompositums dufedoppa, der von dem Verbuni ■ duppjan 'tauchen'
(ags. dyppan, norweg. duppa, schwed. doppa) abgeleitet ist and in
den Namen dop-enid und dop-fugel 'Tauchente, Taucher' vorkommt,
erscheint als selbständiger Vogelname in der ags. Glosse fugel-
doppe (bei Wright-Wülcker I, 131 20 ), die offenbar in fuge!
doppe zu trennen ist, vgl. auch schwed. dopping e anas clangula'
mit anderem Suffix. Das erste Kompositionsglied gehört zum
Verbum düfan 'tauchen' und ist als Verdeutlichung des in seiner
Bildungsweise nicht mehr durchsichtigen Namens doppe aufzu-
fassen. Ähnlich sind auch die heutigen mundartlichen Formen
divedapper, divedop, divy duck neben diver und dabber (Swainson
The Folklore S. 216) zu beurteilen.
Der gemeingermanische Taubenname ist im Englischen
erst um das Jahr 1200 bezeugt (s. Murray XKD. III. 621). In
der angelsächsischen Überlieferung begegnen dafür die Aus-
drücke ctdfre und cuscote, von denen der erstere vielleicht mit
lat. columba zusammenhängt. Pogatscher nimmt in der Fest-
schrift zum VIII. allgem. deutschen Neuphilologentage (1898)
S. 103 ff. als Etymon mittellat. columbula (roman. *columbra)
1 1. U s bena ; verbenacam Ed. (Steinmeyer).
208 Taube, columba.
an, das durch keltische Vermittlung in England eingeführt
worden sei.
Die synonyme Benennung cuscote 1 welche in den Mund-
arten als ciishat 'Holztaube' weiter lebt, ist als alte Komposi-
tionsbildung aufzufassen. Dies geht hervor aus den skandi-
navischen Namensformen skiida 2 in dem dänischen Dialekt der
Insel Bornholm und skuta 3 in der schwedischen Mundart auf
der Insel Färö bei Gotland; beide Mundarten gebrauchen das
Wort im Sinne von 'Holztaube'.
Der Name *scot-6n- ist wohl eine Tiefstufenbildung vom Ver-
bum sceotan e sich rasch bewegen, sich stürzen' und bezieht sich auf
den Flug des Vogels. Der Anlaut im angelsächsischen Namen cu-
scote war ursprünglich vielleicht eine Nachbildung des kü-Rufes
der Holztaube (vgl. Girr-Taube usw.), wurde aber dann an cü
'Kuh' angelehnt; vgl. cowscot und cowshot (Wright Engl. Dial. Dict.
I, 847). Auf deutschem Sprachboden kommt der Vogelname
in dem Glossar des Pariser codex 12269 (9. Jh.) als coscirila
(= palumpos) vor. Die Glosse ist aus einer angelsächsischen Vor-
lage abgeschrieben.
In dem alten Vogelnamen *dübön- hat man eine Ableitung
von ags. dufan, anord. düfa 'tauchen' sehen wollen, die eigentlich
einen Wasservogel bezeichnet habe und dann auf die Taube
übertragen worden sei; dabei wird auf das Verhältnis von lat.
columba 'Taube' und griech. KÖXuußoc 'Taucher' hingewiesen 4 .
Wie man sich auch zu der angenommenen Verwandtschaft des
griechischen und lateinischen Wortes verhalten mag (vgl. z. B.
Prellwitz BB. XXII, 1021), so ist die gegebene Deutung unwahr-
scheinlich, denn in einer Bildung dübön 'Tauchvogel' hätte man
doch den Zusammenhang mit dem dazu gehörigen Verbum ebenso
fühlen müssen wie in dem deutschen Vogelnanien 'Taucher',
und eine Übertragung des Namens auf die Taube ist daher
nicht denkbar. Eine andere von Feist Got. Et. S. 27 aufgestellte
und von Kluge und Falk-Torp als möglich angenommene Er-
klärung knüpft an die Farbenbezeichnung an, welche im altir.
1 In den Epinaler Glossen 829: cuscutan palumbes.
2 Kaikar Ordbog til det seldre danske Sprog III, 805.
3 Rietz Svenskt dialektlexicon S. 609 a. — 4 Vgl. Kluge Et. Wb. 6
S. 390, Skeat A concise Et. Dict. S. 151, Falk-Torp Et. ordb. I, 118 u. a.
Taube, cohunba. «M
,luh 'schwarz' und griech. xucpXoc 'blind* rorli< daß die
Taube oach der Farbe benannt worden «rare, wie etwa griech.
ireXem 'Waldtaube' (zu ttcXiöc 'grauschwarz') n. a. Auch diese
Etymologie scheint jedoch mii Einsicht darauf, daß das be-
treffende Adjektn in den germanischen Sprachen nirgends nach-
zuweisen ist, ganz hypothetisch.
Am meisten Beachtung verdient die Annahme, daß der
germanische Name *dübön eine onomatopoietische Bildung sei
Außerhalb der indogermanischen Sprachen bietet das Finnische
ein instruktives Beispiel. Eier heißt die Taube kyhky(nm\
und es besteht kaum ein Zweifel daran, daß der Ausdruck
das Rucksen der Eolztaube wiedergibt, welches Voigt Bxcur-
sionsbuch S. 211 (ohne diesen Namen zu kennen) mit hihku,
huhu umschreibt. Das Charakteristische in dem Ruf des V
besteht in dem langgezogenen dumpfen Vokallaut, der denn
auch bei Auslegung der Taubenstimme in verschiedenen Sprachen
zum Vorschein kommt. Nach Swainson The Folklore 8. K><>f.
umschreibt man in England den Ruf der Holztaube u. a. durch
die Verse : "Take two-o coo, Taffy ! Take two-o coo. Taffy"! oder
"Curr dhoo ! curr dhoo ! Love nie and I'll love you", oder "The
dove says, coo, coo, what shall I do? I can scarce m a intain two".
Ähnlich nach Rolland Faune populaire VI, 124 in Frankreich,
wo der Ruf als "Roucou!" oder "Brou! Brou! Brou! Coucou"
auigefaßl wird; daher roucouler e rucksen\ — Dazu stimmt auch
die Auslegung dieses Rufes bei den Deutschen als 'ruck, rucku'
(in den Gedichten Beheims aus dem 15. Jh. (IX, 622): "»'in
taub auch schreiet rucku").
Ob im german. *düb-ön der Labial noch zum Stamm«
hört oder ein idg. Suffix-^- (wie im griech. Kopaqpoc, KaXaqpoc)
ist 1 , muß dahingestellt bleiben.
Nachdem die Taube bei den Deutschen zum Zuclm
geworden und auf die-«- Weise dem menschlichen VorstellungS-
kreis näher getreten war. wurde naturgemäß der Unterschied
zwischen den Geschlechtern mehr betont, als dies hei wilden
Vögeln der Fall ist. Wie bei dem anderen Hausgeflügel, der
Ente und der (Jans, wo der Gattungsname weiblich ist, so
1 Vgl. Falk und Torp Et. ordb. I 118.
Snola h 1 1. Vogelnamen.
210 Taube, columba.
wird auch bei der Taube das Männchen durch abgeleitete
Maskulinbildungen benannt. Die älteste uns überlieferte Bezeich-
nung für den Täuberich ist das Komposituni tubhaie(d. h. 'Tauben-
heger' oder 'Taubenhüter') in cod. Yindob. 804 f. 185 b (mit
c palumber' glossiert). Der Ausdruck scheint dem bairischen
Sprachgebiet eigen zu sein und ist nochmals im 14. Jh. als
taubhai bei Konrad von Megenberg (Ed. Pfeiffer) S. 181 17 belegt.
Andere Maskulinbildungen sind aus der althochdeutschen
Sprachperiode zufällig nicht bezeugt; erst im 14. Jh. erscheint
die Ableitungsform tuber 1 = mnd. düver 1 . Die alte Lautgestalt
des Suffixes, das zur Maskulinbildung bei Tieren (Ganser, Enter,
Kater) angewendet wird, ist noch nicht sicher ermittelt worden ;
vgl. Kluge in PBB. XIV, 585 f., wo als Grundform *haro angenommen
wird. Dasselbe Suffix wie in der mhd. und mnd. Lautform tilber~
düver ist jedenfalls -ar und -am in mnd. düvarne, düvar(n). Die
allgemeine Annahme, daß hier der mnd. Vogelname arent 'Adler'
stecken würde, welcher dieselbe indogermanische Urbedeutung
wie griech. öpvic 'Vogel' noch bewahrt hätte, ist durchaus un-
wahrscheinlich. Das westfäl. Wort Arent 'Täuberich', welches
als Beweis herangezogen wird, ist die mundartliche Form des
Eigennamens Arnold und gehört in dieselbe Gruppe von Vogel-
namen Avie pfälz. Gäred (d. h. Gerhard), Schweiz. Gäber (d. h.
Gabriel) für den Gänserich, ndd. Klaos (d. h. Nicolaus) oder Aleke
(d. h. Adelheid) für die Dohle u. a. — Der Maskulintypus Tauber
ist in Nieder- und Mitteldeutschland heimisch: in Holstein
Duffert 2 , in Hamburg und Lübeck Düffer(t) 2 , in Altmark Düwer,
Diwwert, Düffert 3 , in Fallersleben Debber 4 , in Preußen Taubert,
Täubert Tiffert, Düffert' , in Thüringen Duberd, Diberd, Dyberd 6 ,
in der Pfalz Täubert 1 ; der schwäbischen Volksmundart scheint
Tauber (Täubert), das in den literarischen Quellen vorkommt,
eigentlich nicht anzugehören, vgl. Fischer Wb. II, 104. In ganz
1 Hugos von Trimberg Renner V. 7020, Diefenbach Glossar. S. 134a,
Schiller-Lübben Wb. I, 607, Jb. f. ndd. Sprachf. VI, 127.
2 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83. XVII, 2. 3.
3 Danneil 37. — 4 Frommann D. Mundarten V, 53.
5 Frischbier L 140. II, 396. 401. — 6 Hertel 242.
7 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 9.
Taube, colnmba 21 I
Niederhessen und Fulda ist Dubhom, Dübhom die üblichste
Namensform, sie beruht auf mnd. düvarn und Ist im 15. Jh.
als duphorn^ duyfhorn und dubhern (in einer Es. bei Konrad
von fctegenberg gegenübei tubhai der älteren Bss.) bezeugt; bei
Vilmar Id. s. L09 wird I>i<bl><>ni Bchon im l LJh. als Name einer
adeligen Familie im Odenwald nachgewiesen.
Eine Erweiterung mittelst des bekannten maskulinen inga-
Suffixes ist mnd. duverinc in Borae belgicae VII, ll 1 und im
Lübecker Schulvokabular \. J. L511*, und daraus ist vielleicht
durch Erleichterung duverich (Kieler Vokab. aus dem Jahre 1 I L9)
entstanden, wie etwa ktinic für kuning. Durch Anlehnung an die
Eigennamen auf-Hfc, hd. -rieh (wie Friderich usw.) wäre dann der
Typus Täuberich {Enterich, Gänserich) hervorgegangen. Wahr-
scheinlicher ist jedoch, daß der Ausgangspunkt für diesen Typus
im ahd. anuttracho 'Enterich 5 zu erblicken ist, das im Anschluß
an die genannten Eigennamen sein Suffix umbildete und die
analogischen Neuschöpfungen Gänserich und Täuberich hervor-
rief. In diesem Fall wäre mnd. duverink als eine Umgestaltung
aus duverich zu betrachten. — Diese Bildungsweise ist wie Tauber
auf nieder- und mitteldeutschem Sprachgebiet heimisch: in Alt-
mark Döwuerk 3 und DöwweJe 3 , in Westfalen Düwek l (für Düwerik.
wie Lewek für Leiverk), in Preußen Diwrik, Diffrick, Düfrick 1 :
Tuberich 6 in Örmingen (im nördlichen Elsaß).
In Oberdeutschland wird das Taubenmännchen durch ono-
matopoietische Maskulinbildungen benannt, welche das Rucksen
des Vogels wiedergeben. Aus der Schweiz ist eine derartige
Benennung in der Glosse tub kiito im Vbcabularius optimus
XXXVII, 37 (Ed. Wackernagel 8. 42) bezeugt: heute Schweiz.
Chüt 1 . Weiter verbreitet ist das Wert in der Weiterbildung
kuter, die zuerst im 15. Jh. bei Diefenbach Glossar. S. 134a
{tubenkutter in Bracks Vocab. (1495) S. 49a) belegt und im
Ib. Jh. als Kuuter in Gtesners Mist, avium S. 268 und als Keutter
bei (Julius Onomasticon (1579) Sp. 291 bezeugt ist; heute in der
1 Schüler-LübbeD Wl>., Nachträge S. 112.
2 Jb. f. ndd. Sprachf. XVI, 113. — 3 Danneil 37.
4 Woeste 64.-5 Frischbier I, 140.
6 Martin-Lienhart 11,644. — 7 Staub-Tobler III. 670f.
14*
212 Holztaube, columba palumbes.
Schweiz Chuter, Chutter 1 , im Elsaß Kutter 2 , in Schwaben Kauter 3 .
Das Yerbum, das die Stimme des Taubenmännchens wieder-
gibt, lautet in der Schweiz chüten, chüteren (elsäss. kitteren) aus
mhd. kuteren, kuttem; im Schwedischen ist der entsprechende
Ausdruck kuttra, außerhalb des indogermanischen Sprachzweiges
im Finnischen kuhertaa.
Ein synonymer Name, der von mhd. ruckezen (nhd. rucksen,
ndd. rüküken; frz. roucouler) ausgeht, ist Schweiz. Rügger*, elsäss.
Rucker-* (pfälz. Grugser 6 ), in Mittelhessen Ruckert 1 , siebenbürg.
Rilkes*. Ein elsässischer Lokalausdruck ist Roller 9 (in Lutter-
bach), welcher das geschlechtliche Moment hervorhebt; vgl.
rollen 'schäkern, rammeln'.
Gewöhnlich wird das Weibchen der Taube im Gegensatz
zum Männchen einfach mit dem femininen Gattungsnamen be-
zeichnet. — Seltener sind feminine Ableitungen wie bair. Täubinn
bei Schuieller-Frommann Wb. I, 579, elsäss. Tübene* (in Bracks
Vocab. (1495) S. 49a tubin, bei Golius Onomasticon (1579) Sp. 291
Teubin), thüring. Diiven 10 , oder Schweiz. Chütin u .
Um das Junge der Tauben zu bezeichnen, gab es im Alt-
hochdeutschen die gehäufte Deminutivbildung tubiclin, welche
im Tatian VII, 3 belegt ist; dazu tubiklin pipiones in den Lich-
tentaler Glossen in Zs. f. d. Wf. IX, 222 a. — Später werden
die üblichen Deminutivsuffixe angewendet oder der Begriff
wird durch ein Adjektiv umschrieben. Aus seiner Mundart gibt
Gesner Hist. avium (1555) S. 269 an: "Nos circumscribimus
ein junge Tub ; uel diminutiuo utimur ein Tüble". Hie und
da kommen Ausdrücke vor, welche auf Lockrufen beruhen, so
z. B. Tise oder Tisse 12 f. in Schlesien.
Holztaube, columba palumbes.
Dieser Ausdruck, mit dem die wilde Taubeuart bezeich-
net wird, begegnet schon in den althochdeutschen Glossen:
1 Staub-Tobler III, 570 f. — 2 Martin-Lienhart I, 483.
3 Fischer II, 101. — 4 Staub-Tobler VI, 776.
5 Martin-Lienhart II, 250. — 6 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 9.
7 Vilmar 333. — 8 Frommann D. Mundarten IV, 195.
9 Martin-Lienhart II, 251 f. 644. — 10 Hertel 242.
11 Staub-Tobler 111,572. — 12 Weinhold Beitr. zu einem schles.Wb. S. 98.
Holztaube, columba paluml IIS
Sg. Nihil hohtuba s»u loijetuhu palumlprs VeittUl de TOlOCnbOl, ko U f
tuba. Venus de yotacribne. Vergil B 1,67: cod. Seleetad. f. 62 b IM.
Non».— holst ui>ni : i! s in, it. Dazu die d iederdeu I jche Glosse holt
duua in cod Berol. Ms. lai 8° 73, L24b, im Mittelniederdeutschen
holtdüve, mndl. lioutJi'in. inidl. houtduif. Dem deutschen Namen
entspricht im Angelsächsischen das gleichbedeutende wudu~ctdfre
Waldtaube.
Als Holztaube bezeichnet man beute Bowohl die palumbe
dir oenas-Art; die ersterc wird von Gesner Eist avium 8. 298
als groß ll<>ii:tnl> \ r on k\w letzteren unterschieden I).»- 8ynonymon
l } h>clttul>. welches Gesner a. a. <>. erwähnt, begegnet als Floek-
t>üd> (elsäss. Hoch 'Baumstamm*) im Strassburg. Vogelb. (1554)
i ): heute in Steiermark Blochtaube 1 . Ein anderes steirisches
Synonymen ist Biiniaube 1 (zu burren 'murren, knurren*), das
auf das Rucksen des Vogels hinweist. In Luxemburg wird die
große Holztaube Böschdauf* (Waldtaube) oder Dekdauf* (dicke
Taube) genannt.
Weit verbreitet sind die Namen, welche den Vogel nach
dem weißen Halsring benennen. In alten Glossen erscheint:
rin gil du ua palumbes: cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f. 89a. rfgelduffe:
Juvencu< I. 231: cod. Guelpherbyt. Helmostad. 553, 77b. Der Ausdruck
ist besonders in Mittel- und Niederdentschland heimisch. In
Köln ist Ringel taube durch Turner Avium bist. (1541) 8. 1) 1 b,
in Sachsen durch Eber und Peucer Yocab. (1552) S. K 6a,
in Schlesien durch Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. oll bezeugt;
BingeUauin im Strassburg. Vogelb. ( 1 f>.>4) V. :>:>4, RingeUlib ebne
Ortsangabe bei Gesner a. a. 0. In mnd. Vokabularen kommt
ringelduve öfters vor. Heute wird der Ausdruck RingMüwe*
aus Westfalen und Recklinghausen. Rengeldauf 4 aus Luxem-
burg angegeben; ndl. ringduif, schwed. rmgdufva^ engl, ringdove.
In Steiermark lautet dm- entsprechende Name Kreistaube*. —
Als 'Ringtaube' ist wohl auch andd. mrnixtuba aufzufassen in der
Glosse: menistuba palumbes. columbe sunt, quas dicimus : Comment.
Anonymi in Vergil. E I. 57 : cod. Oxon. Auct. 1. 16. 83b. Der Name scheint
t Unger-Khull D.S. 131. — 2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 40. 59.
9 Woeste 215, Korrespondenzbl. f. ndd. Sprach. XVU. 5
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 368.
5 Unger-Khull 411.
214 Hohltaube, columba oenas.
asächs. meni (ahd. menni) 'Halsband' als erstes Glied der Zu-
sammensetzung zu haben.
Gänzlich rätselhaft ist die ahd. Benennung attüba in einigen
Glossenhandschriften : addubun. t. heitubin palumbes : H. S. Xlb : cod.
Admont. 269, 62a (12. Jh.), addubim: Glm. 3215, 20a (13/14. Jh.), at* tube
palmides : H. S. XI f : Glm. 12658, 230 a (14. Jh.). Das Wort taucht noch
einmal auf bei H.Sachs im Regim. der Vögel (1531) V. 200 und
zwar in der Form Ataub ; später verschwinden alle Spuren. Daß
es sich hier um die Benennung der großen Holztaube handelt,
ergibt sich aus dem Textzusammenhang bei Hans Sachs, wo die
Ataube neben den zwei anderen Hauptarten "Holtaub" und "Türtel-
taub" auftritt. Zusammenhang des Wortes mit got. ahaks 'Taube',
wie ihn Grimm im DWb. I, 590 vermutet, ist nicht wahrscheinlich.
Übrigens ist auch das got. Wort selbst noch nicht sicher auf-
geklärt; nach Holthausens Hypothese in IF. Y, 274 würde es
eine urverwandte Entsprechung in lat. accipiter 'Habicht' (aus
*aci-püer) haben, indem dies eigtl. den Taubenstößer bedeutet
hätte. Der &-Laut des gotischen Wortes ist vielleicht das be-
kannte Suffix, welches in ahd. habuh und kranial erscheint, vgl.
Kluge Stammbildung 2 § 61b.
Hohltaube, columba oenas.
Wie der Ausdruck 'Holztaube', so ist auch 'Hohltaube'
schon in althochdeutscher Zeit belegt:
Sg. Nom. — heigituba t holotuba palumbes: cod. Selestad. f.
109 b. heketuba holetvba 1 : Clm. 14689 f. 47 a. ho le duba: cod. Pari-
sin. 9344 f. 42b. — PI. Nom. — holatubun: Carmen de Philomela
21 : cod. Vindob. 247, 222b, cod. mus. Britann. Add. 16894, 245a.
Der Name, der mit ahd. hol e Loch' gebildet ist, erklärt sich
daraus, daß diese Taubenart in Baumhöhlen nistet (vgl. holicrd
'Specht' S. 31). Im 16. Jh. begegnet Holtaub bei Hans Sachs
Regim. der Yögel (1531) V. 202, Hültaub im Strassburg. Vogelb.
(1554) V. 334, Holtaube bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 240
(nicht als schlesisches Wort). Popowitsch Versuch (1780) be-
zeichnet Höh Itaube als österreichischen Namen. Unger-Khulls Steir.
Wortschatz S. 353 belegt Holltauben aus einer Quelle aus dem
1 holet rba von zweiter Hand unter heketuba (Steinmeyer).
Turteltaube, columba turtui 816
Jahre 1689; die Bedeutung ist unrichtig angegeben. Beute kommt
Uolduirr 1 in Westfalen, HuMauf* in Luxemburg vor.
Der schweizerische A.usdruob bei Gte&ner 8. 295 ist Loch'
tub, «las nach Martin nml Ln-uhart II. 644 auch im ELsafi (in Bulz-
matt) gebräuchlich ist Vielfach werden diese Tauben ebenso
wie die größere Art auch schlechthin als 'wild'- Tauben' be-
■eichnet. Schwenkfeld gibl a. a. 0. ausdrücklich an. dafl dies
m Schlesien die volkstümliche Benennung ist. — In einigen
mittelhochdeutschen Handschriften, weiche die Vogelnamen der
Versus de volucribus abschreiben, kommen <lc Glossen \6rtaub
(dm. II isi. 82b), hartobe dm, L4746 f. 82c), Aornto«*« (Ahd. GU. m, 26 ■
vor. Ans ihnen Iaht sich ein althochdeutscher Name *horottiba
'Kottaube' erschließen und damit kann nur die Eöhlentaube
gemeint sein, welche ebenso wie der Wiedehopf und die Blau-
rake den Schmutz vom Neste nicht fortträgt, so dal) ein wirk-
licher Verwesungsprozeß entsteht. Wie überhaupt die zusammen-
gesetzten Vogelnamen, welche mit horo gebildet sind, bo ist auch
dieser Ausdruck Umgestaltungen anheimgefallen, nachdem das
erste Kompositionsglied angebräuchlich wurde. AusSteiermark be-
zeugt Unger-Khulls Wortschatz S. 32s die Benennung Harttaube.
welche auf dem althochdeutschen *horotuba zu beruhen scheint.
Als Bedeutung wird zwar Turteltaube* angegeben, aber die Be-
deutungen der Benennungen für Taubenarten sind a.a.O. auch
BOnst nicht immer richtig mitgeteilt. Xaumann-Ilennicke ver-
zeichnen Haortaube = columba oenas ohne nähere Angabe.
Turteltaube, columba turtur.
Ahd. turtulatüba: Sg. Nom. — turtuUUvba* turtur: cod. S( ralli
242, 248b. turtulatüba: Carmen de Philomela 20 : cod. Vindob 247
•>2-2h. turtilituba: cod. mus. Britann. Add. 16894, 244b. tur tut duba :
cod. Parisin. 9344 f. 42b. turtulduua: cod. Guelpherbyt. Au- L0. 3
4»f.89a. turtultube: HS. XIa2: cod. Vindob. 2400, 121a. turtel-
tuba : Clin. 2(>12. 87b. turteltube: Versus de volucr. cod. Vindob.
804 f. 185b. turtiltuba: Versus de volucr. II. S. III. 17. cod. Sotastad
t. 109b. trrtiltrba: Clm. 1468» f. 47a. — Gen. — türtultübon. Willi-
ram 16, l, turtelt itbun : 40, 1. — PL Akk. turtilitubun : Tatian7.8.
1 Woeste 1(>4. — 2 Wb. .1. Luxemburg. Mundart L89.
3 So am wahrscheinlichsten (Steinmeyer).
216 Turteltaube, columba turtur.
Von den alten germanischen Dialekten hat nur das Gotische
für die Turteltaube eine einheimische Bezeichnung. Wenigstens
wird angenommen, daß got. hrahva-dübö (eigtl. Leichen-Taube)
die Turteltaube ist, weil das griech. TpuYwv des Bibeltextes diese
Bedeutung hat. Der gotische Ausdruck erklärt sich aus dem
bei indogermanischen Völkern nicht ungewöhnlichen Glauben,
daß die Taube ein Unglücksvogel ist. Schrader, der im Real-
lexikon S. 607 ff. hierfür mehrere Beispiele bietet, will die aber-
gläubische Auffassung gewisser Vögel als Unglücksboten oder
Todesverkündiger aus dem plötzlichen überraschenden Erscheinen
derselben erklären.
Doch hat man hier auch mit anderen Faktoren zu rechnen,
vor allem mit dem unheimlichen und düsteren Geschrei gewisser
Vogelarten, ganz besonders der Eulen, die daher Leichenhühner
und Totenvögel genannt werden. Wahrscheinlich ist auch der
gotische Name hraiwa-dubö durch das dumpf und melancholisch
klingende e kuh ku' oder e huh huhhuh 5 der wilden Taubenarten
veranlaßt, das man als ein Vorzeichen des Todes empfunden
haben mag. In England ist die Felsentaube (columba livia) der
Todesbote, s. Swainson The Folklore S. 168.
Abgesehen vom Gotischen haben die altgermanischen Idiome
den lateinischen Namen der Turteltaube, die onomatopoietische
Bildung turtur, entlehnt, die im Angelsächsischen als turtur(e)
und (gewöhnlich) turtle, im Altnordischen als turture überliefert
ist. Daß es sich hier nicht um eine gemeinsame germanische
Entlehnung handelt, zeigt vor allem der unverschobene Dental
im althochdeutschen turtulatüba. Das Wort ist mit der christ-
lichen Literatur bei den germanischen Völkern bekannt ge-
worden, und die häufige Anwendung des Vogelnamens beruht
meistens nicht auf lebendiger Anschauung, sondern steht im
Zusammenhang mit der christlichen Tradition, in welcher die
Turteltaube eine symbolische Bedeutung hat.
Der älteste althochdeutsche Beleg aus dem 8. Jh. gibt
noch das lat. Wort in unveränderter Gestalt: zuuei. kenestidiu.
turturono par turturum: Luc. II, 24: cod. SPauli XXV a 1, 2 a 1 .
1 Später hat Notker das lateinische Wort im deutschen Texte : der
turtur in der Psalmenübersetzung 83, 4
Turteltaube, columba tnrtar. 817
In cod. sein. Trevir. Et. III. 13, L09b ist die dissimilierte Namens-
fonn rtulo, in cod. sem. Trevir. l. L12b ftüa belegt, die n
tga ttirffo stimmt. Daraus sind elsäss. TurUl 1 i. and Schwab.
Turtc/- hervorgegangen; im L6. Jh. Turteltübl TurUü bei Gesner
Bist avium S. 303.
Die Qormale althochdeutsche Namensform isl jedoch /">•-
toda-ttiba (mhd. turtel-tübe rund, turtrl-. iortd- : tariddüv^ ondL
tortelduif). In « I « *i Nebenform turtüüüba (Tatian) isl das Suffu
des Fremdwortes im Anschluß an einheimische Bildungen auf
//-(///) amgestaltet; daher die mhd. Dmlautsform türidttibe, im
16. Jh. Türtdtaub bei Bans Sachs Regim. der Vögel V. 204
Auch sonst hat das Lehnwort Lokale [JmgestaltungeE erfahren.
Wahrscheinlich liegt eine solche vor in der Glosse turdella
ftifofti in cod. Selestad. 109b, die Steinmeyer Ahd. (ill. III, t60»°
mit der Glosse drosilla (= Drossel) in cod. Florent. XVI. 5, lila
vergleicht Die Variante in den Schlettstädter Glossen erhalt
Dämlich eine Bestätigung durch die heute in Ölungen, Heid-
wriltT und Wittenheim (im Elsaß) übliche Namensform Tuttel-
tube 3 . Auch die Variante Gürteltaube, die Schmeller-Erommanns
Bayer. Wb. I, 944 als mhd. gürteUübe aus bairischen Handschi iften
belebt und die in Vokabularen des 15. Jhs. in der Form gurtel-
taub ' begegnet, mag aus tnrtel-, türteltübe umgestaltet worden sein.
Zu beachten ist noch gulte = turtur in Clm. 1474"» f. 82 c (14. Jh.)
in Ahd. GM. III, 22 38 . Wenn elsäss. Kränzletube wirklich —
wie Martin-Lienhart Wb. II, 644 angeben — die Turteltaube
und nicht vielmehr die Ringeltaube bezeichnet könnte man die
Ausdrücke aus dem schwarzen silberfarbig gezäumten Quer-
Streifeu am Halse des Vogels verstehen. — In Luxemburg hat
man den Namen Dürteldauf zu Ürtddauf* "Urteilstaube' um-
gebildet.
Außer den drei bereits erwähnten Taubenarten nistet in
Europa noch die Felsentaube (columba li via). Nach Brehm
Tierleben (Vögel) II \ 414 beschrankt sich ihr Brutgebiet hier
1 Martin-Lienhart II, 718. — 2 Fischer II, 513.
3 Martin-Lienhart II, 644.
1 Diefenbach Glossar. S. H03a, Frommann D. Mundarten IV. 906
ö Wb. d. Luxemburg. Mundart 452.
218 Haustaube.
auf einige nordische Inseln und die Küsten des Mittelmeerge-
bietes. In Deutschland kommt sie als Brutvogel nicht vor. Gesner
kennt diese Tauben von Hörensagen ; sie sollen in einigen
rhätischen Gegenden vorkommen und dort Steintuben, columbae
saxatiles, genamit werden (Hist. avium S. 294). Im Forst- und
Jagdlexicon (1773) III, 544 wird der Yogel ebenfalls Steintaube
genannt ; den in der Fachwissenschaft üblichen Ausdruck Felsen-
taube bezeugt Popo witsch (1780) S. 570 nach Halle. Von der
Felsentaube stammt unsere gezähmte Haustaube ab.
Haustaube.
Ahd. hege tu ba: Sg. Nora. — hegetuba palumbes: H. S. XI a2.
g. Versus de volucr., holztuba. seu hegetuba: Versus de volucr.
heketuba holetvba l : Glm. 14689 f. 47 a. heigituba t holotuba : cod. Se-
lestad. f. 109b. hagetvba: H. S. XI e : cod. princ. de Lobkow. 435, 25 a.
hagetöb: Versus de volucr.: cod. Vindob. 85, 42 b. heitöbe : Versus
de volucr. heitube: Gll. Salom. a 2: Glm. 17152, 210b. haitube: cod.
Vindob. 804 f. 185b. — PI. Nom. — hegetubun palumbes, columbe :
Horat. Carm. III, 4, 12: Glm. 375, 35a. Horat. Serm. II, 8, 91: Glm.
375, 164a. hekitubin: Vergil. E. I, 57: cod. Selestad. f. 62b. addubun.
t heitubin: H. S. XI b: cod. Admont. 269, 62 a.
Wann die Taube bei den germanischen Völkern zum Nutz-
vogel wurde, kann aus Mangel an historischen Zeugnissen
nicht festgestellt werden. In den Kapitularien Karls des Großen
werden die Tauben zu dem Hausgeflügel gezählt, das "dignitatis
causa" gehalten werden sollte, vgl. Schrader Reallexikon S. 852 ff.
Die älteste deutsche Bezeichnung der gezähmten Taube
scheint im ahd. hegetuba vorzuliegen. Aus dem Lemma 'palumbes',
wonach die Bedeutung des deutschen Wortes als 'Holztaube*
angesetzt wird, kann nicht erschlossen werden, welche Tauben-
art gemeint ist. Aber wenn man von der deutschen Glosse aus-
geht, so deutet der Zusammenhang von ahd. hegetuba mit hegen
und hagetüba mit hac 'Gehege' darauf, daß es sich hier um
zahme oder halbzahme Tauben handelt, die in Parks oder Ge-
hegen vorkommen; vgl. tübhaie S. 210. In mhd. Zeit ist der Aus-
druck heitube, haciübe noch belegt, stirbt aber bald aus. In den
Quellen des 16. Jhs. werden die gezähmten Tauben Zamctauben
1 holetvba von zweiter Hand unter heketuba (Steinmeyer).
Haustaube. 219
(bei Eher und Peuoer Vocab. (1552) 8. ES 5b), Zamtaub (im
Strassburg. Vogelb. (1554) V. 332), Hußtube (bei Gesner Bist
avium s. 268) genannt Bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) 8.237
werden die tarnen Eeimifche Taube, Flug Taube und fkhlag
Taube angeführt Der Letztgenannte Ausdruck, der bereits im
Vocabularius optimua XXXVII. 95 (Bd. Wackernagel S. t3) be-
legt ist, wird von Gesner (kaum richtig) als Synonymen zu
"Holtztub" angeführt Bei Juniua Nbmenclator (1581) S. 55b ist
ndl. Slach duym die Haustaube.
Die Flugtauben erwähnt auch Eohberg Adeliches Land-
leben IL 397 Kap. TXYII als gemein«' Art im Gegensatz zu
anderen kostbaren Arten. Genaue Angaben über die Tauben
findet man bei Popowitsch Versuch (17S0) S. 568. Kr unter-
scheidet die Haustauben, "die nicht auf das Feld fliegen, sondern
in den Stuben erzogen werden", von den Feldtauben oder Flug-
taube}^ "welche außer dem Winter ihre Nahrung auf den Keldern
suchen, und gemeiniglich kleiner als die Stubentauben sind".
Diese "Feldtauben" werden schon im 15. Jh. erwähnt.
In einer Version des Märchens vom Zaunkönig (Erlösuug, heraus-
gegeben von Bartsch S. XLY) erscheint neben der haetübe auch
die felttube, außerdem kommt der Ausdruck in einem Vokab.
aus dem Jahre 1466 * vor, im 16. Jh. Feldttaub im Strassburg.
Yogelb. Y. 333. Gesner nennt S. 268 die Veldtuben bij den hüferen
auch Veldböck, im Strassburg. Yogelb. V. 340 heißen sie Feld-
recken 1 . In Westfalen, Altmark, Göttingen und Grubenhagen und
in Preußen sind diese Tauben unter dem Namen Feldflüchter 6
bekannt; bei den Taubenliebhabern in Holstein heißen sie Hicksen\
in Preußen Spocht : \ Der Ausdruck Pastetentaube, den Klein Hist.
av. prodr. (1750) S. 118 neben Pauertaube erwähnt, kommt nach
Adelung III, 978 daher, daß man die Feldtauben in die Pasteten
zu füllen pflegt. Synonym mit Feldtaube ist wohl der Ausdruck
1 Diefenbach Novum glossar. S. 278a.
2 In dem Vogelnamen hat Recke die verschlechterte Bedeutung,
die in der Schweiz und im Elsaß vorkommt.
3 Woeste 288, Danneil 44, Schambach 258, Frischbier I, 184.
4 Korrespondenzbl. 1. ndd. Spracht. XVI 1. 3.
5 Frischbier II. 355.
220 Haustaube.
haidtaub 1 in einem Yokab. vom Jahre 1429 und heidentube 2 im
Yocab. ine. theuton. ante lat. (1515); in Unger-Khulls Steir. Wortsch.
S. 336 wird für Heidtaube die Bedeutung 'Wildtaube' angesetzt.
Wahrscheinlich ist der Name aus ahd. heitüba (hegetüba) hervor-
gegangen.
Eine Art Feldtauben sind wohl auch die Kirchtauben, die
bereits im 13/14. Jh. erwähnt werden : kilchtübe bei Heinzelin von
Konstanz V. 602, kirchtuber im Renner Hugos vonTrimberg V. 7020.
Im Strassburg. Vogelb. V. 340 heißen sie Kirchrecken*. Es sind
wohl die "colunibae saxatiles", von denen Varro berichtet, daß
sie aus natürlicher Furcht sich auf den höchsten Firsten der
Dächer aufhalten.
Mit der allmählich wachsenden Taubenzucht kamen eine
Menge von Spielarten der Tauben auf, die in der Sprache der
Liebhaber ihre besonderen Namen erhielten. Ausländische Tauben-
arten werden zuerst im 16. Jh. von Gesner Hist. avium S. 269 ge-
nannt. Danach gab es in der Schweiz Tauben, die ganz weiß,
andere die ganz schwarz waren, eine dritte Art, die bis auf den
Kopf und die Füße schwarz und eine vierte, die graublau war.
Abgesehen von diesen Farbenschattierungen kennt Gesner Tauben
mit geschöpften Köpfen, die man "Cypriae" nennt, andere wie-
der von Lerchengröße mit schmächtigen Schnäbeln und bis auf
die Zehenspitzen dicht befiederten Füßen, die wegen ihrer
Heimat Russicae oder "besser" Anglicae genannt werden (ge-
hößlet oder Reuffifch Tauben); von diesen sollen die besten in
Venedig zu haben sein. Ungefähr gleichzeitig mit Gesner nennt
der Verfasser des Strassburg. Vogelb. V. 332. 333 u. a. auch
kriechisch und citrinifch Tauben. Die erstere Art ist wohl
mit den cy prischen Tauben bei Gesner identisch, die letztere
scheint nach der gelben Farbe (mittellat. citrinus) benannt wor-
den zu sein. - - Schwenkfeld, der im Ther. Sil. (1603) S. 239
die gehosteten oder Reuffischen Tauben nach Gesner anführt und
für die beschopfte Art den Ausdruck Köppichte Tauben (bei
1 Diefenbach Novum glossar. S. 278 a.
2 Diefenbach Glossar. S. 408 a.
3 In dem Vogelnamen hat Recke die verschlechterte Bedeutung,
die in der Schweiz und im Elsaß vorkommt.
Haustaube. 831
Bohberg a. a. 0. die haubeton Tauben) gebraucht, erwähnt außer-
dem noch die florvegifchen Tauben and WoUeckte Tauben, bei
denen «las Gefieder brausig ist
In Kinns Bist av. prodr. (1750) 8. L18t werden von den
Varietäten zahmer Tauben der Kropffer : Oropper oder Krepper,
die Pfautaube, die Vavedette, die Trummdtaube, der Klatzfcher,
der Taumln- and der Bastard aufgezählt Die erstgenannte
Art die bei Bohberg und Popowitsch ferro/fe) Türkifche Täubt
oder Kropftaube ("bläßt ihren groffen Kropf im Beulen auf")
genannl wird, heißt in Holstein. Preußen und Altmarh Kr^ßper 1 ,
in der Pfalz und Luxemburg Kröppn-r', in Göttingen und
Ghrubenhagen Brögfer 8 , in Thüringen lin<si<r\ tote Pf auentaube
(auch bei Bohberg erwähnt), die im Gehen den Schwanz aus-
breitet, wird von Popowitsch Schüttelkopf genannt, "weil sie den
Kopf und Hals immer beweget"; in Luxemburg heißt Bie
Poschwan2 : > Tl'auenschwanz'. Unklar ist der zuerst von Klein
bezeugte Ausdruck Pavedette für die Brieftaube. In diesei
Fenn ist das Wort von Adelung Ui, 986 gebucht, der die
Varianten Povedette, Pawedette und Pandette (so auch bei Schütze
Holst. Id. 1800 6 ) als niedersächsisch bezeichnet; bei Popowitsch
Pavedotte. In Holland wird das Wort pagadet nicht nur für
die dickschnäbelige Brieftaube sondern auch für den Kern-
beißer verwendet. — Die Trummeltaube (columba cypria),
deren Vaterland nach Popowitsch Rußland und England ist.
hat den Namen erhalten, weil rt sie purt als wenn man eine
Trommel rührte"; Trummeldüw 7 in Altmark. Dem Klatschet
ist der Name gegeben worden, "weil er klatschet, indem er
einen Laut von [ich giebt wie die Kutfcher, wenn fie Pferde
zum Gehen antreiben" (Popowitsch).
Allgemein bekannt sind die Taumln: welche im Fliegen
Purzelbäume zu schlagen pflegen 8 . In Göttingen und Gruben-
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht XVII, 3, Frischbier l. i:U. Dan-
neil 44.
2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 250 und Heeger Tiere im pftlz. Volks-
munde II, 9.
3 Schambach 52. — 4 Hertel76. B Wb.d. Luxemburg. Munda;
6 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII. 3.
7 Danneil U. — 8 Vgl. Hahn Haustiere S. 333 f.
222 Haustaube.
hagen nennt man sie Tümelmr 1 , in Altmark Dümmler*, in
Holstein Tümmler*: in Steiermark heißen sie Purzeltaube*, im
Elsaß Bürzeltube 5 , in Luxemburg Bürzel m. (für Burzeltaube,
wie Mistel für Misteid rostel, s. S. 60).
Popowitsch unterscheidet außer den erwähnten Spielarten
noch die afrikanische oder numidische Taube, die Monattaube
(in Sachsen Mondtaube, in Altmark Maondüw 2 ), welche alle
Monate heckt, das Mövchen, welches zart ist wie die Möven,
und die Zopftaube, welche wohl mit der von Gesner erwähnten
beschopften Art übereinstimmt. Der Ausdruck Mewe 1 e Möve'
kommt in den Mundarten von Göttingen und Grubenhagen und
von Altmark vor, in Luxemburg wird diese Taube Bibedeck,
Bidebeck 8 genannt. — Die gehaubten Tauben haben in Göttingen
und Grubenhagen den Namen Mönek 9 (Mönch), in Luxemburg
Kapeziner 10 m. (Kapuzinermönch) oder Mourekäp 10 f. (Mohren-
mütze), auch in Altmark Mörnköpp oder Schleierdüw 2 . Weitere Art-
benennungen sind Stardauf 10 f. (Startaube) in Luxemburg, Muter 11
m. (eine Varietät mit schwarzer Farbe) in Göttingen und Gruben-
hagen, Rotgalster 12 m. (eine rothalsige Taubenart) in Schlesien;
der letztgenannte Ausdruck ist als e Rotelster a (Galster in Steier-
mark = Elster) zu verstehen, vgl. Elster 2 als Namen einer Tauben-
art in Altmark.
Eine nahe Verwandte der Turteltaube ist die in der
Angenehmen Land-Lust (1720) S. 311 und von Popowitsch ge-
nannte Lachtaube (kleine Türkifche Taube), columba risoria 13 ;
in Luxemburg Ldchdauf li .
1 Schambach 236. — 2 Danneil 44.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 3.
4 Unger-Khull 132; die Bedeutung ist nicht richtig angegeben.
5 Martin-Lienhart II, 644.
6 Wb. d. Luxemburg. Mundart 58.
7 Danneil 137 und Schambach 52.
8 Wb. d. Luxemburg. Mundart 32. — 9 Schambach 52.
10 Wb. d. Luxemburg. Mundart 210. 291. 419.
11 Schambach 140.
12 Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. 25.
13 Hahn Haustiere S. 340 f.
14 Wb. d. Luxemburg. Mundart 256.
Strauß, struthio camelufl 383
VII. Kurzflttgler, Brevipennes.
Straufi, b1 rui li io camelus.
ahd. strü;:Sg.Nom. rfrtorstrutio MdhelmiAenigm. 266,26
cod. SGalli 242, 31. Job 80, 29: Clm. L9440, L85 '. Cod. Vatican. Reg.
1701, 2b. Leviticus LI, L6 f : Clm. 18140, 14 a, cod. Turic. Rhenov.
66, is. cod. Stuttg. herm. 26, 13 a, cod. Angelomont. I MI. 10b:
cod. Lugdun. I'.'i I'. 66a. Esaiaa 13,21: Clm. 18140, L16b, Clm. 13002,
222a. Versus de irolucr. H. S. III, 17. XI a2. b. Clm. I4689f. 17;.
cod. Selestad. 109b. cod. Vindob. 804 f. 186b. cod. Guelpherbyt. Aug.
10. •'». fco f. 89a, struua: cod. Berol. Ms. lat. S" 7:;. 124a, ttorud: cod.
sem. Trevir. f. 112b. tiruth'. cod. Parisin. 12269 f. 58b. strux: cod.
SGalli 242, 248b. rtral: Leviticus 11, 16: Clm. 14584, 129b. struze:
Versus de volucr. — Akk. — struz: Anhang z. alt. u. neuen Testam.:
Leviticus 11, 16: Clm. 14747, 96b; struz: cod. SGalli 295, 126, cod.
SGalli 9, 276, cod. SPauli XXV d/82, 37a, strnz: cod. Stuttg. 11. . ei
phil. f. 218, 13c. — PI. Nom. — struzza: Esaias 13, 21 : cod. Wirzib.
Mp. th. f. 20, 10b: Clm. 14689, 39a, struza : Clm. 18140, 188b, Clm.
19440, 343, cod. Vindob. 2723, 35b, cod. Vindob. 2732, 43a, struzo:
cod. Gotwic. 103, 55b, struzzi: Clm. 22201, 240c. struzen: Job. 30.
29 : cod. Stuttg. herm. 26, 29 b, cod. Angelomont. 1 4/11, 41 a, struizin
cod. Turic. Rhenov. 66, 69. — Gen. — struzo: Job 30, 29: Clm. 4606,
128b, struli: Clm. 14584, 144a.
Über die erste Bekanntschaft der germanischen Völker mit
dem Vogel Strauß geben die historischen Quellen keinen Auf-
schluß. Die Sprachgeschichte zeigt aber, daß der südliche Vogel
den Germanen durch die Römer bekannt wurde, denn sein
Name ist in die germanischen Sprachen aus dem Latein über-
nommen. Hier lautet die Benennung struthio oder strüthocamdus
(nach dem griechischen cipouGöc n, uerdXn. (Xenophon Anab. I.
5, 2) oder crpouööc 6 ev Aißun. und crpouBiujv, cTpouOiov). Ans
der lat. Form strütio erklärt sich nur ags. strtfta* in den Corpus-
1 struthionum Vulg. — 2 struthionem Vulg.
'» Schwer zu beurteilen ist ags. finita in Glossen des 10/11. Jhs. bei
Wright-Wülcker I, 258'. Nach Pogatscher Zur Lautlehn- der lat.-rom. Ele-
mente S. 131 § 217 läge hier nur eine graphisch ungenaue Variante von
strt/tu vor. Als angelsächsische — und nicht altsächsische — Glossen sind
wohl strud und struth in dem Pariser Glossar mit Vogelnamen und im
Trierer Codex zu betrachten, denn diese Handschriften weisen auch sonst
angelsächsisch gefärbte Glossen auf : coscirila (= cuscote) in den Pariser
Glossen und radam* (= hreapemiis) in dem Trierer Glossar.
224 Pfau, pavo cristatus.
glossen aus dem 8. Jh. bei Wright-Wülcker I, 48 37 , dagegen
setzt die entsprechende ahd. Namensform strÜT, lautgesetzlich die
Vorstufe * strüt- ohne folgendes geminierendes j voraus. Die
Grundform * strüt- ist vielleicht aus der germanischen Flexion
(*strütj-o : *strüti-) zu erklären; an die lat. Namensform strüto-
camelus neben strütio(camelus) ist dabei kaum zu denken. Die
Entlehnung wird in der Zeit der ersten germanisch-römischen
Beziehungen stattgefunden haben. Vgl. Kluge Vorgeschichte 2
S. 345. Spätere Entlehnungen, welche bereits die Assibilierung
der Konsonantenverbindung tj- voraussetzen, sind anord. strüz
(in der Didriksaga), dän. struds, schwed. struts und mnd. mndl.
strtls, nndl. struis. Die letzteren Formen können auch aus dem
Hochdeutschen entlehnt sein.
In den romanischen Sprachen finden sich neben den Fort-
setzungen des lat. strüthio (ital. struzzo, provenz. estrus) auch
Namensformen, welche einem Etymon avis strüthio entflossen
sind: span. avestruz und frz. aufrücke aus afrz. otruche (daraus
nie. ostriche, ne. ostrich). Eine ähnliche Bildung ist im Deutschen
Vogel Strauß (elsäss. Vogel Struß 1 ), doch ist die Übereinstimmung
mit den romanischen Bildungen nur zufällig. Der verdeutlichende
Zusatz wird auch vor anderen Vogelnamen angewendet, so z. B.
Vogel Pfau, Vogel Pirol — Während in der deutschen Schrift-
sprache die starke Flexion des Namens herrschend geworden
ist, haben sich die schwachen Formen, die in der alt- und
mittelhochdeutschen Sprachperiode nur spärlich belegt sind, noch
in Mundarten erhalten.
VIII. Hühner, Rasores.
Pfau, pavo cristatus.
Ahd. pfä(w)o: Sg. Nom. —phao* pao : cod. Gasseil. th. 4° 24, 16a.
cod. SGalli 242, 248 a. Carmen de Philomela 26: cod. mus. Britann.
Add. 16894, 245a, phaho 2 : cod. Vindob. 247, 223 a. fao : Aldhelmi
Aenigm. 251, 16 : cod. SGalli 242, 25. pao 3 : cod. Parisin. 12269 f. 58 b.
cod. Berol. Ms. lat. 8<> 73, 124a, po: cod. Parisin. 9344 f. 42b. pauos:
1 Martin-Lienhart II, 636.
2 Wegen Ausfalls des inl. w und Eintretens von h s. Braune Ahd.
Gramm. 2 § 110 Anm. 1 u. 3. — 3 Der Beleg ist wohl niederdeutsch.
I'l'au. pavo rri.statiiv
Re um lll. LO, 82 cod. angelomonl I I LI, 21b. pauuo Jnnoniuj ai<.-s :
Aviani fabulae L5, l : cod. Trevir, I i 1 famto anii I
Jerem. 12. '.»: cim. I'.t« K), :;i:t .,,;,., is de volucr. H > III 17
XII,. e. phauo: Gll. Salom. d: Clm. 28496, 2&.phou»: cod. Vindob.
804 r. L86b. Versua .!<■ volucr. II. s. III. 17. XI a 2. phau: cod
■tad. f. L09b, phnr •: ein.. 1 1689 i <7.i. IM. Akk. — pmrn* \ i
um 111. 10,22: cod. Caroteruh, Aug. CXXXV,98b, pmm*. phauun
cod. Stuttg. tli. ei phil. fol. 218, 31b; (»kun. cod. SGalli 296 UM
pfahon: Clm. L4684, 136 a, phawon: cod. Stuttg. berm. 26, I9b,pha-
irin : cod. Turic. Rhenov, 66, 36.
Ableitungen und Komposita: pfftwin 'Pfauhenne* (eine
Feminine >»v4- Ableitung): phain paua : Cod. Cassell. Ih. 4fl 21. L6a.
— pfawenfßdera "Pfauenfeder' : fduuenftderon (ex) pauonum
pennia : Notker Capella de nupt. 1, 33.
Wie der Strauß, so ist auch der Pfau den germanischen
Völkern von Rom aus bekannt geworden. Und zwar fallt die
Übernahme dos lat. jxlvo in die gleiche Zeit der ält<-st<'n germ.-
römischen Beziehungen wie die des Straußennamens: als chrono-
logische Kriterien kommen hier die Beibehaltung der lat. Qualität
des r-Lautes und die Verschiebung des anlaut. p ebenso wie die
Beteiligung der Angelsachsen an der Entlehnung in Betracht
Direkte geschichtliche Zeugnisse für die Einführung von Pfauen
oder von deren Federn in den germanischen Ländern sind nicht
zu finden. Zur Zeit der Entstehung der Volksgesetze hat der
el in Deutschland keine größere Bedeutung gehabt, da er in
!i nicht erwähnt wird; im Kapitular Karls dos Großen gehört
or zu dvn Ziervögeln, welche "pro dignitatis causa* 1 gehalten
wurden, vgl. Schrader Reallexikon s. iils und 854. — Das
Lehnwort findet sich in allen germanischen Dialekten,
ahd. pfdwo, mhd. pfätoe, mnd. pdive, mndl. pmt. nndL paauw,
Mes.jxiH. zgs.pdwa (gewöhnlicher pic^ «las Sievers A.gs. Gramm. 8
£111 Anm. 2 aus der urags. obliquen Form *pa(w)un erklärt),
me. pd (gewöhnlicher pöcock > ne. peacock, -hen) und anord. ptft,
pd-fugl, dän. paafugl, schwed. päfägel; die nordischen Namens-
formen sind jedoch wohl aus dem Englischen übernommen
worden, vgL Cook VF. V, 166.
I oder phao (Steinmeyer).
•_> h ist einer angelsächsischen Vorlage abgeschriel*
3 i. penn im Context (Steinmeyer).
sn olahti, Vogelnamen. '
226 Fasan, phasianus colchicus.
Auffällig sind die in mittelniederdeutschen Quellen neben
pawe, panue vorkommenden Namensformen paw(e)lün, pagelün,
die in den heutigen Mundarten verbreitet sind. Turner Avium
hist. (1544) S. G 8a und Gesner Hist. avium (1555) S. 630
führen Pagelün als die niederdeutsche Namensform an; auch
bei Chytraeus Nomenciator (1582) S. 375 Pagelün. Richey Id.
Hamburgense (1755) betrachtet Pauluhn als die normale Laut-
form und bezeichnet Pageluhn als einen Ausdruck der Bauern-
sprache. Schütze Holst, Id. (1800) verzeichnet Pauluiin und Page-
luun. Heute gilt Pagelün 1 in Hamburg und der Grafschaft
Ranzau 1 , Mecklenburg 2 , Pommern 3 und Altmark 4 , Pa{g)gelünel.
in Fallersleben 5 und Fürstenberg 6 , Pdgelon in Paderborn 6 ,
Pdgalün, Pdgalüne 1 m. und Patvelüneike) 1 m. in Göttingen; im
Ostfriesischen Paulüne*. Aus frz. pavillon kann der Ausdruck
nicht erklärt werden 9 . Aber möglich ist, daß der Vogelname
in der Form Päwenhön Tfauenhuhn 5 sich an das französische
Lehnwort Pawelüne, Pauhm(e) anlehnte. Dafür spricht der Um-
stand, daß die Umdeutung nur in Niederdeutschland, avo beide
Worte im Anlaut übereinstimmen, nachweisbar ist. Die Namens-
form Päwenhän 10 , wo der Pfauenname durch Hahn verdeutlicht
ist, kommt in Recklinghausen vor; in Thüringen Pfaumenhän 11 .
Auch sonst wird der Name durch Hahn oder Huhn, Henne
(ebenso wie engl, peacock, peahen) gerne erweitert, wo es gilt, das
Geschlecht hervorzuheben, vgl. elsäss. Pfönhahn 12 'männlicher
Pfau, Pfäuhuhn 12 "weiblicher Pfau', luxemburg. Pohong™ Tfau-
weibchen' {Pohunn, Poahunn n m. Tfau'). Die alte Feminin-
bildung pfdwin (bei Gesner (1555) S. 630 Pfchciri) ist bis auf
den heutigen Tag noch üblich geblieben.
Fasan, phasianus colchicus.
Ahd. fesihuon:Sg. Nom.— fasihuon fasianus : Versus de volucr .,
fasehün: Versus de volucr.. fashön: Versus de volucr. fesahuon:
1 Korrespondenz^, f. ndd. Sprachf. XVII, 2.
2 Schiller Zum Tierbuche 1, 9. — 3 Schambach 151 f.
4 Danneil 151. — 5 Frommann D. Mundarten V, 158. — 6 Woeste 93.
7 Schambach 151 f. — 8 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 112.
9 Vgl. S< hiller-Lübben Mnd. Wb. 111, 311.
10 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 5. — 11 Hertel 179.
12 Martin-Lienhart I, 311. 346. — 13 Wb. d. Luxemburg. Mundart 340.
Fasan, phasianus colchicus. 887
fasida 1 : Ksaias ; cod. Stuttg. th. et phil. 818, Mb. - PL N«»m. —
fusihuanir pha&ides aucs * : I 'ruuVril ins Ham. COd. fluHpherbyt.
Wiss. 77,40b; fe*ihon4r: cod. mos. Britann. Add. 16894, 166 h
hnnur : COd. Gotwfc. ■•■(. 66 d : phtsi hOHOT COd, Turic. C 164, 147 b;
fisiohoncr ' : cod. com. de Apponyi 119 b; fori huner: Clm. L8106,
99b (13. Jh.).
Als dritter in der Reihe südlicher Vögel, welche die
Deutschen von den Römern kennen Lernten, geselll sich zu dem
Pfauen und dem Strauß der Fasan. Die Römer, in derei
i der Kasan in großer Zahl vorkam 4 , nannten ihn mit der
griechischen Bezeichnung (avis) phasianus (= griech. cpaciavöc)
oder (avis) phasis, d. h. der Vogel vom Flusse Phasis. Diese
Benennung wurde von den Deutschen als *fasian übernommen
und im Anschluß an das naheliegende Wort hon zu fasihön
; ffShhuon umgestaltet. Die Zeit der Entlehnung ist schwer
festzustellen, da lautliche Kriterien ebenso wie geschichtliche
Zeugnisse hier gänzlich versagen. Zu bemerken ist jedoch, daß
die Angelsachsen das Lehnwort offenbar nicht gekannt haben;
in den Glossen wird lat. phasianus immer mit dem einheimischen
Vogelnamen wiWhana 'Auerhahn' glossiert. Zum ersten Mal ist
der Fasan in England erst im Jahre 1299 bezeugt, wo er bereits
mit dem französischen Namen fesaund bezeichnet wird (s. XKD.
VII. 770). Ein von Swainson The Folklore S. 171 angeführtes
früheres Zeugnis für das Vorhandensein des Vogels in England
ist ein lateinisch geschriebener Küchenzettel für Priester aus
dem Jahre 1059; doch ist nicht ganz klar, ob unus phasianus
hier den Fasan oder den Auerhahn meint. — In Deutsehland
waren die Fasanen jedenfalls zur Zeit Karls des Großen in den
Gehegen der vornehmen Leute nicht selten, wie aus den Kapi-
tularien zu ersehen ist. Die späteren Zeugnisse für die Ver-
breitung dieser Vögel hat Hahn a. a. 0. zusammengestellt
Die in ahd. Handschriften belegte Benennung fesihwm wird
1 Diese Glosse kann ich nicht nachweisen (Steinmeyer).
2 In einer der Hamartigenie angehängten, nur «renige Zeilen be-
fassenden Glosa. Diese Glosse erschein! in anderen Hss. bei Ham. 368
- inmeyer).
3 Am Rande am Schluß einer Bemerkung zu V. 368 (Steinmeyer
I Vgl. Hahn Hanstiere S. 323.
15*
228 Huhn, gallus.
verdrängt durch das französische Lehnwort fasän, fasant (aus
afrz. faisan, faisant), welches mit der fremden Kulturströmung
des 12. Jhs. sich einbürgert. Zum ersten Mal ist die französische
Namensform in einer Glossenhs. des 12. Jhs. bezeugt: Hythin,
filius progne. et dicitur taha. I pro pirihhön l auis italica qu§
fasan dicitur: Horat. Carm. IV, 12, 5: Clm. 375, 62b; vgl. auch
Ahd. Gll. III, 27 5 (Versus de volucribus), Lexer Mhd. Wb. III, 27,
Diefenbach Glossar. S. 226 c. 227 a. Derselben Quelle wie die
mhd. und mnd. Lautform entstammen auch mndl. fasaen, faysant,
nndl. fazant, fries. fesant, me. fesaunt, ne. pheasant.
Die Umdeutung Fas(s)han, welche in mhd. Quellen begegnet
und im 16. Jh. z. B. bei Hans Sachs Regim. der Vögel V. 86
vorkommt, findet man auch in neueren Zeiten; in der älteren
steirischen Mundart Fashuhn 1 .
Wie der Pfau, so wird auch der Fasan als Huhn aufgefaßt.
Die Geschlechter werden als Fasanhenne (mhd. vasanthenne) und
Fasanhahn (mhd. vasanthan) unterschieden.
Huhn, gallus.
Ahd. huon: Sg. Nom. — fhaz hnan Otfrid IV, 13,36. 18, 34.
huon pullus : Cgm. 5248, 2 nr 2 f. 2 b. cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3.
4o f. 89 a, hunt 2 : cod. Parisin. 9344 f. 42 b, hon : cod. Berol. Ms. lat. 8<>
78, 124b. höon: cod. sem. Trevir. R. III. 13, 108b. hun : cod. Vindob.
804 f. 185b. — PI. Nom. — honir: cod. Cassell. th. 4° 24, 16a. cod.
Cheltenham. 18908 f. Ib. huanir : Abdiae De Johanne 582: cod.
SGalli 292, 151, hnaner: cod. Carolsruh. SPetri 87, 83a. hvnir: cod.
Selestad. 109 b.
Ableitungen und Komposita: huoninkilin n. 'Küchlein,
junges Huhn': Sg. Nom. — honchli pulcins s : cod. Cassell. th. 4° 24,
16 a. huonnichili pullicinus : Cgm. 5248, 2 nr 2 f. 2 b. hunichlin pul-
cinus: cod. Vindob. 804 f. 185b. huneclin pullus: Rotul. com. de
»Mülinen Bern, huniklin pullus. X pulcinus : H. S. III, 17, höninchil
pulcina: H. S. XI b : cod. Admont. 269, 63a. — PI. Nom. — honic-
chili pulcini : cod. Cheltenham. 18908 f. 1 b. honicli pulcini : cod.
Vatican. Reg. 1701, 2 b. hvnicliv pullini : cod. Selestad. 109b. —
Akk. — zuuei. iungi. huaninchili duos pullos: Lucas 2,24: cod.
SPauli XXV a/1, 2a. huoniclin pullos: Tatian 142, 1. hudnichlin
pullos : Notker Ps. 108, 5 (Glosse).
1 Unger-Khull 214.
2 ein unorganisches / findet sich auch sonst in diesem Glossar.
3 frz. poussin aus lat. imllicenus (Steinmeyer).
Huhn, gallo*.
huonirin Adj. vom Huhne, Hühner-*: huonfrinerkano gallus
gafficinius 1 : Btaiaa 82, 17: Clm. L8140 f. 189a, Clm. 19*40
hponiriner: cod. Vindob. 2728, B6a, hfontolner: cod.Vindob. 2732,
48b, huoneriner: cod. Gotwic. LOB, 66b, humHner: Clm. 22201,
840C, h'tnritur. Clin. 18002,222a, h« ,nri ,*>■ r : Clin. 14689, i";t
liiiiim rdarm (Pflanzenname): hunerdarm moron: cod. Vindob.
2400,128a, cod. Bern. 722, I. Lb, Clm. 2612, 92 b.
Alul. hano : Sg. Nom. — hano gallüS : cod. SGalli 911, M
Parisin. 7640, L24e. Parabola 30, 31 : cod. Carolsruh. Aug. IC, 88b.
Murbacher Hymnen 26, 6, 2. 4. Monseer Fragmente 23, 17. 19.
Tatian L61, l L88, 5.6. Otfrid IV, 13, 36. 18, 33. cod. Cassell. th.
I" 24, 16a. cod. Cheltenham. 18908 f. lb. cod. SGalli 242, 246a.
Aldhelmi Aenigm. 253, 13: cod. SGalli 242, 27. H. S. III, 17, allo-
brox: XIa2. b, gallus gallinatius: a 2, gallus gallinatius : b. Gll.
Salom. a 1. cod. Selestad. f. 109 b. hano heninnono gallus gallinatius :
Sapientia 2 : cod. Carolsruh. Aug. IC, 90 b. huonirinerhano gallus gal-
licinius 3 : Esaias 22, 17: Clm. 19440, 344, Clm. 18140, 189a. ranü
hano 4 gallinatiu s gallus : cod. sem. Trevir. R. III. 13, 106a. hone:
Rotul. com. de Mülinen Bern. cod. Vindob. 804 f. 185b. — Dat. —
henin: Murbacher Hymnen 25, 6, 1. — PI. Nom. — hanon galli
castrati: H. S. XI g, t hanin: e.
Ableitungen und Komposita: henna f. 'Henne' : Sg. Nom.
— henna (gallina) : cod. Cheltenham. 18908 f. lb. Notker Ps. 108. 5
(Glosse). H. S. III, 17. XIa2. b. Gll. Salom. al. heinna 5 cornix !*
gallina: Cgm. 5248, 2 nr 2 f. 2b. cod. Selestad. f. 109b. Henne: cod.
Vindob. 804 f. 185b. hene: Rotul. com. de Mülinen Bern.
henin f. 'Henne' : Sg. Nom. — hanin gallina: cod. Cassell. th.
4o 24, 16a. henin: Tatian 142,1. cod. SGalli 242, 248a. H.S.XIa2:
cod. Berol. Ms. lat. 93 8°, 15b. — PI. Gen. — hano heninnono gallus
gallinatius: Sapientia 2 : cod. Carolsruh. Aug. IC, 90b.
hanenbein (Pflanzenname): hanenbein gallicrus: Rotul. com. de
Mülinen Bern.
hanaberi (Pflanzenname): haneberi labrusca: Sedulii Carmen
paschale 1, 45: cod. Carolsruh. SPetri 87, 93b.
hanafuoz, h an enfuoz (Pflanzenname): hanefüz herba scele-
rata. 1 apium rusticum. i. : H. S. Anhang a. gallipes. J gallicrvs: Clm.
2612, 92a, hanenfuz: cod. Bein. 722, l, ta. capnos: cod. Vindob. 10,
1 gallus gaUinacetu Vulgata.
2 gallus gaUinacius nur Esaias 22, 17. hier wohl durch avie 5, 11
veranlaßt (Steinmeyer).
3 gallus gaUinaeem Vulgata. — 4 = reiniee >'■ nmeyer .
5 Wegen der Schreibung ei vgl. Braune Ahd. Gramm. 2 § 26 Anm. 4.
'i J scheint nachgetragen (Steinmeyer).
230 Huhn, gallus.
336 d. herbam exsceleratam : Rotul. comit. de Mülinen Bern. Z. IM,
hanin uuoz exscelerata : Rotul. com. de Mülinen Bern, gallicrus:
Gll. Salom. a 1. gallicrus : Apuleii de medicam. herbarum liber XLV
z. 1: cod. Londin. Harl. 4986, 15b. 16a. brennekrut vel hanenfüz :
Umordn. H. S. II, 15. H. S. IV, 7: cod. Turic. C 58, 98a.
hanenkamb (Pflanzenname): haninchamp heraclea : Apuleii de
medicam. herbarum liber LXXII: cod. Londin. Harl. 4986, 24a. Gll.
Salom. a 1. d. hanencanp crista : Prudent. Psych. 117 : cod. Vatican.
Reg. 469 f. 47b. Xrista: Rotul. com. de Mülinen Bern. cod. Vindob.
2400, 127 a. Glm. 2612, 91b.
hana erat 'Krähen des Hahns; Zeit dieses Krähens': zi hana-
crati Tatian 147, 7. hanachrdt pullorum cantum : Tobias 8, 11 : cod.
Vindob. 2723, 64 a, cod. Vindob. 2732, 74b, Clm. 19440, 327, Clm.
18140, 87b, cod. Gotvvic. 103. 74a, hancret: Clm. 22201, 246e, hane-
chrat: Clm. 13002, 225 b. gallicinium : cod. Cheltenham. 7087, 143 b.
gallicinium : H. S. XI a 2.
hanavvurz, hanenwurz (Pflanzenname): hanenivrz pulpedo 1 :
cod. Vindob. 2400, 128 b, Clm. 2612, 93a, cod. Bern. 722, 1, 2 a
gallipes. ( gallicrvs: cod. Vindob. 2400, 127a. exscelerata: cod. Vin-
dob. 10, 337 c. Rotul. com. de Mülinen Bern, brennewrz. t hanembz
herba scelerata: H. S. IV, 7, brennkvrz. t haneivz: Clm. 2612. H7a.
Alles was sich über die Geschichte des Haushahns er-
mitteln läßt, deutet darauf, daß die Indogermanen während ihres
Zusammenlebens den Yogel noch nicht gezähmt hatten, sondern
daß er bei den einzelnen Völkern zu sehr verschiedenen Zeiten
eingeführt ist. Über die Gründe, welche die Zähmung des
wilden Bankivahahns (gallus ferrugineus) zunächst bewirkten,
sind die Meinungen sehr geteilt. Hahn Haustiere S. 299 ff.
betont dabei die Eolle des Yogels in Kampfspielen und als
Zeitverkündiger; erst allmählich im Laufe seines Zusammen-
lebens mit dem Menschen habe man gelernt, den Haushahn auch
als Nutzvogel zu schätzen. Vgl. auch Schrader Reallexikon
S. 322ff.
Über die älteste Geschichte des Haushahns bei den Ger-
manen geben uns keine historischen Quellen Aufschluß, und
aus der Sprachgeschichte kann man ebenfalls keine sicheren
Anhaltspunkte gewinnen. Die germanischen Sprachen benennen
ihn mit einem gemeinsamen Namen: ahd. asächs. hano, mhd. mnd.
1 Das Wort scheint aus polipodium zu pulli pedem umgedeutet
(Steinmeyen.
Huhn. gallUS.
tnndl. hatte, imdL Äoan, ags. hrnm. afries. hona, got hana, anord.
/icftti. dän. schwed. hane. Daneben findet -ich als kommune
Bezeichnung ein ablautender neutraler 09-Stamm N A4nt2 im ahd.
ftuoti (Plur. -in nilid. ////o//. asächs. mnd. hön, tnndl ondL /*<*?>*,
anord. //«//>-. äjbm, aus der Pluralfonn hJti(i)sn entstanden (Noreen
Anord. Gramm. 1 §§ 239, I und 250), dän. htm*. schwed. höns und mit
derselben Vokalstufe die Femininbildung hdniön im anord. hünn.
dän. tane, schwed. höna 1 . Der germanische Name hanan- i>r
schon bei Ihre mit lat auwtf "singen' zusammengestellt and als
•Sänger* gedeutet 8 ; derselbe stamm \&i noch vorhanden im lat
gaüiciniwn 'Hahnengesang' und wie man allgemein annimmt
im griech. n.i-Kav6c 'Hahn' (d. h. Frühsänger) in der Sesychg
)]i-kuv6c. aXeKTpuLÜv. Auch in anderen Sprachen Lassen die
Namen des Hahns die Auffassung als 'Sänger* oder 'Rufer' zu,
so MLgaidys zu giedöti 'singen'. Aiw.pietlü zu peti 'singen', alban.
h zu kendöri 'singen', vgl. Schrader a. a. 0. S. 323. Unwahr-
scheinlich ist dagegen die Annahme, daß auch lat. ckvttia 'Storch'
verwandt wäre und mit der germ. Lautstufe *hdn-iz sich ver-
gleichen ließe. Die finnischen Volker haben den germanischen
Vogelnamen in der Maskulinbildung als hana übernommen; das
Lehnwort wird jedoch nicht vom Kahn, sondern von der Henne
oder als Kollektiv um gebraucht
Mit der zunehmenden Hühnerzucht, welch.' die germa-
nischen Völker in größerer Ausdehnung erst <V\\ Römern ab-
lernten 8 , trat das Haushuhn in immer engere Beziehung zu
dem Menschen, und daraus entsprangen eine Menge neuer Aus-
drücke für die verschiedenen Geschlechter, verschiedenen Alter-
stufen usw. Zum großen Teil sind die vielen mundartlichen
Benennungen für das Hausgeflügel einfache rudimentäre Bil-
dungen, welche sowohl als Lockrufe wie Namen angewendet
1 Aschwed. h&na i worin Noreen Abriß S. (."> eine dritte Ablauts
erblickte, erklärt er neuerdings in der Ältschwed. Gramm. §174 durch Be-
einflussung des mittelniederdeutschen Femininums kenne.
■1 Die zweite bei Ihre Glossar. Suiogothicum (1769 1 ebene
Etymologie, wonach der Vogelname *hanan: */>ön-i? auf deu im Nordis
idenen Pronominalformen han Vr\ hon 'sie' beruht, scheitert schon
an lautlichen Hindernissen.
3 Vgl. Schrader a. a. 0.
232 Huhn, gallus.
werden und in vielen Fällen eine deutliche Beziehung zum
Naturlaut des Vogels aufweisen. Manche von diesen Ausdrücken
— sogar die allermeisten — gehören in den Bereich der
Kindersprache und entziehen sich den Gesetzen, die der Sprach-
forscher sonst in der Sprachentwickelung beobachtet.
Bereits in den altgermanischen Idiomen begegnet man
außer dem alten Namen des Haushahns einer synonymen Be-
nennung onomatopoietischer Natur: ags. cocc, älter -nndl. cocke,
anord. kokr (nur einmal belegt) > dän. kok, schwed. dial. kokk.
Im Angelsächsischen weicht das alte Wort hana vor der Neu-
bildung zurück, die sich als mittelengl. neuengl. cock fortsetzt.
Das früheste Zeugnis des germanischen Namens ist saalfränkisches
coccus in der Lex Salica. Darauf beruht wahrscheinlich auch
frz. cöq\ doch ist hier wie in finn. kukko, akslav. kokotü u. a.
die Möglichkeit einer selbständigen Neubildung nicht ausge-
schlossen. — Wie im Englischen der gemeingermanische Name
des Hahns verdrängt wurde, so ist er in Skandinavien in manchen
Mundarten verloren gegangen. In schwedischen Dialekten finden
sich dafür die Neubildungen kokk, tocke u. a., in der Schrift-
sprache ist tupp das übliche Wort, während haue selten ist.
Einen analogen Entwicklungsgang kann man auch in
Deutschland beobachten. Hier ist das Wort Hahn in ober-
deutschen Mundarten fast vollständig außer Gebrauch gekommen,
und an die Stelle sind lautbildende Ausdrücke getreten, die weit
in das mitteldeutsche Sprachgebiet eingreifen: bair. Gockel(han),
Göcker, Gilker, Gückel 1 , Schwab. Gockler, Schweiz. Güggel(han),
Gifgelhan 2 , elsäss. Gockel, Guckel(han), Gückel, Gogai z , pfälz. Gockel,
Gickelhahn*, hess. Gickel(han) b , schmalkald. Gückel», thüring.
GückelQiahn), Gikel ß , schles. GickeV. In der niederdeutschen
Mundart von Göttingen und Grubenhagen ist Kükelhän* die
übliche Lautform; schon im Mittelniederdeutschen kukelhän. —
In der älteren Überlieferung lassen sich diese Namen nicht
weit zurück verfolgen. Für Gugelhan hat Lexer 9 einen Beleg
1 Schmeller-Frommann I, 885.
2 Staub-Tobler II, 192. 1307. — 3 Martin-Lienhart I, 203. 206. 340.
4 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 8.-5 Vilmar 126.
6 Hertel 111. — 7 Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. 27.
8 Schambach 115. — 9 Mhd. Wb. I, 1114.
Huhn, gallos. 233
aus «Ich spätmittelhochdeutschen Weistümern; im Kl. Jh. Oüggd
bei Gesner (1555) 8. 380, später Ouglar 1 in einem oberechwäb.
Liede aus dem Jahre L633 usw.
Außer diesen Lautbildenden Gtockelnamen werden stellen-
ireise Namensformen angewendet, deren elementare Bildungs-
weise dem Natuiiaut noch näher steht und die Herkunft aus
der Kindersprache ganz deutlich verrät, vgLelsäss. Qigetigig* (in
Straßburg), Gigkerigki* m. in Tirol, Kukeriku, Kukerikiwn* m.
(frz. oocorico) in Luxemburg, Kückerükü* in Altmark, Bachs.
Kir/,rrilufti r ' (in Leipzig), Kikerhan 1 in Thüringen (Altenburg),
Qüggehü* in der Schweiz. Einige ältere Belege für diese Art
von Eahnennamen geben Grimms Wb. V, 2520 und Kluge
Et Wb. 6 S. 205. Die Interpretation des Rufes, die in den Namen
zum Vorschein kommt, ist auch in anderen Sprachen annähernd
gleich und daher auch die darauf beruhenden onomatopoietischen
Benennungen. In einzelnen Fällen ist es deshalb schwer zu
entscheiden, ob die Übereinstimmung des Lautkörpers in ver-
schiedenen Sprachen aus spontaner Bildung oder Entlehnung
zu erklären ist. Für schles. Goksch, Göksch 9 und siebenbürg.-
sächs. Kokesch 10 ist jedenfalls slavischer Ursprung (czech. kokos)
anzunehmen.
Von dem gewöhnlichen Typus onomatopoietischer Hahnen-
namen weicht Schweiz. GM 11 (bei Gesner Hist. avium S. 380)
ab; der Ausdruck beruht jedoch wahrscheinlich auch auf ono-
matopoietischer Nachbildung bezw. dem Lockruf gegen den
Hahn, ebenso wiedie heute üblichen Formen Gulli und Guttigü 11
in der Schweiz, Gulli, Guller 12 im Elsaß.
Das weibliche Huhn wurde in den altwestgermanischen
Sprachen durch die Bildung *hanjo, welche von *hanan ab-
J Frommann D. Mundarten IV, 98.
2 Martin-Lienhart I, 203. — 3 Frommann D. Mundarten V, 434.
i Wb. d. Luxemburg. Mundart 253. — 5 Danneil 119,
ti Albrecht Die Leipziger Mundart S. 146.
7 Hertel 111. — 8 Staub-Tobler !1. L92.
9 Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. 28.
10 Frommann D. Mundarten V. 35.
11 Andere Belege aus älterer Zeit bei Staub-Tobler 11,220; II. 221.
12 Martin-Lienhart 1. 212.
234- Huhn, galius.
geleitet war, benannt : ahd. henna, inhd. mnd. mndl. kenne,
nndl. hen, ags. kenn, nie. ne. 7i^n. In dem nordischen Sprach-
zweige wurde das femin. Jo-Suffix an die Bezeichnung des
Kollektivums angefügt, s. oben S. 231.
Diese femininen Bildungen haben sich bis auf den
heutigen Tag erhalten, dagegen ist die mittels des femininen
zw/o-Suffixes gebildete althochdeutsche Namensform henin früh
ausgestorben.
Zur Bezeichnung des jungen Huhns gab es in den altwest-
germanischen Dialekten eine Bildung *kiuk-ina-, die im ags. cijcen
(woraus engl, ducken), mnd. küken, mndl. kieken, kuken, nndl.
kicken vorliegt. Der nordische Sprachzweig bewahrt denselben
Stamm, aber anstatt des deminutiven wa-Suffixes erscheint
hier das Suffix -linga: anord. kjuklingr, schwed. kyckling, nor-
weg. dial. kjiikling, dän. kijlling. Ob hier alter Ablaut mit *kok-
'Hahn' vorliegt, wie man annimmt, ist zweifelhaft. Wenn nämlich
wirklich die Zähmung des Haushuhns in so späte Zeit verfällt,
wie Schrader u. a. sie ansetzen, so erscheint eine Deminutiv-
bildung mit Ablaut sehr befremdend. Wahrscheinlich ist der
Stamm *kßtk- eine direkte Nachbildung des Naturlauts beim
jungen Huhn, wie *kok- dies beim Hahn ist.
Eine spezifisch hochdeutsche Benennung für das Küchlein
ist ahd. huoni(n)kli(n), das mit dem gehäuften Deminutivsuffix in-
kilina- gebildet ist. Heute ist der Ausdruck in westmitteldeutschen
Mundarten heimisch. Im Osten und Norden grenzt er an das
ndd. Synonymon Küken 1 (in Göttingen und Grubenhagen und
Altmark), das in der mitteldeutschen Lautform Küchen 2 (Kichen)
in Thüringen verbreitet ist. Im ganzen westlichen und südlichen
Hessen ist Hinket* nicht allein die Benennung des Küchleins,
sondern auch des Huhns; das Wort erstreckt sich im Westen
als Henkel, Hinket* n. nach Luxemburg und Hönketchen* nach
der Eifel, südlich davon Hinket' e Huhn 5 in der Pfalz und
Hünkel 6 in den Kreisen Zabern und Hagenau des nördlichen
I S( hambach 115, Danneil 119. — 2 Hertel 149. — 3 Vilmar 170.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 177. 181.
5 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 7.
6 Martin-Lienhart 1, S4ß.
Huhn, gallo 386
Elsaß. Weiter südlich im Elsaß 1 und in der ganzen Schweiz 1
herrscht die Deminutivform Hüenle resp, Hüen{dJ/ti.
In den Mundarten kann man für die Bezeichnungen dei
Henne und des Küchleins sowie des Kollektivums dieselbe Be
obachtung machen wie bei den Elahnennamen : es treten Neu-
bildungen an die Stelle der altüberlieferten Ausdrücke. Teils
sind auch diese onomatopoietischer Natur, zum größten Teil
beruhen sie aber auf dem Lockruf, der in der betreffenden
ml für das Eausgeflügel üblich ist
In Grimms Wb. Vü, 2211 ist ein solcher Lockruf aus
Roths Dici (1571) belegt : pul ein Worte] damit man den hanlein
lockt. Nach Fischer Schwab. Wh. I, L512 werden die Hühner
in Schwahen mit hu/r gelockt; das kleine Huhn wird das Puüeifl
genannt (S. 1514). In Tirol und Kumten ist Palle 3 f. die Be-
zeichnung für die Henne. Wahrscheinlich beruht dieser Lockruf
ursprünglich auf frz. poule 'Henne' (lat. puüus)] daher auch
Luxemburg, die PdU 4 (hoüäiid. poelje) 'junge Henne'. In Schweden
ist pull ebenfalls der Laut, mit dem man die Hühner lockt,
und Hennen und Küchlein werden allgemein pull oder puüa*
genannt
Ein anderer Lockruf ist put, der nach Adelung (1777) III.
1184 im gemeinen Leben gebraucht wird, um die Hühner,
besonders aber die Truthühner und deren Jungen, zu locken.
Daher heißen — wie Adelung angibt — in einigen Gegenden,
besonders in der Kindersprache alle Hühner, besonders junge
Hühner Puttel, Puttchen, Puthühnchen ; bereits im 16. Jh. put-
hünelein bei Mathesius Sarepta (1562) S. 227b. In Übereinstimmung
damit verzeichnet Frischbier Wb. II, 194 aus Preußen Put, Pütt,
Putte als Name und Lockruf für Küchlein und Huhn und
Putthahn, Putthuhn als Kinderwort im Sinne von Hahn und
Huhn überhaupt. Auch in Sachsen und Schlesien gilt derselbe
Lockruf für Hühner (und Tauben); in Leipzig heißen diese
I in i\<'\- Kindersprache Puühühner, Putttauheu w\v\ Buä-
1 Martin-Lienhart [,346. 2 Staub-Tobler II. I".7l
3 Schöpl hl. S. 619, Lexer Kämt. Wh. 5
I \VI». (I. Luxemburg. Mundart :ü 1
.*) Vgl. Rietz Svenski dialektlexicon S. 512b.
236 Huhn, gallus.
chen\ in Schlesien ist Putte 2 f. der Name für die Henne, in
Thüringen (Nordhausen) Puttküchen' 1 die Bezeichnung des jungen
Huhns. Auch in Niederdeutschland sind diese Ausdrücke ver-
breitet; Danneil (Wb. S. 164) gibt den Lockruf put mit langem
Vokal und verzeichnet die darauf beruhenden Worte Putchen,
Patlwner als Bezeichnung für Hühner, dagegen Pitjn, Pittkn,
PU X für eine junge noch nicht ausgewachsene Henne. — Un-
gefähr derselbe Lautkörper wie in den letztgenannten Ausdrücken
erscheint auch im elsäss. Bittele' n. 'Huhn'. Ein anderes elsäs-
sisches Synonynion ist das Bippele oder das Bippi* e Huhn und
Küchlein', in der Schweiz Bibi 7 e Huhn oder Taube', in Schwaben
Biberlein 8 'junges Hühnchen, Gänschen, Entchen' (Lockruf
bibi)\ in Steiermark die Biberl oder die Piperl 'Hernie', das
Piperl 9 'kleines Huhn'. — Nach Ünger-Khuli Wortsch. S. 180
lockt man in Steiermark die Hühner u. a. mit Duckl Duckl
Als tack tuck ist der Lockruf in Niederdeutschland weit ver-
breitet ; daher heißen die Hühnchen in der westfälischen Kinder-
sprache Tuckhainken oder Tücksken 10 . In Altmark wird nur der
Hahn mit tuck tuck gerufen und Tuckhöncken ll genannt, während
wieder tick tick der Lockruf und Tickhon 11 der Name für das
Huhn, Tickelkn 11 für das Küchlein ist. Auch in Luxemburg
werden die Hühner mit dik dik gerufen und die Küchlein als
Dikdik m. oder Dickelchen 12 bezeichnet; vgl. noch schwed. ticka xz
als Lockruf und Name für das Huhn. Aus Göttingen und
Grubenhagen teilt Schambach Wb. S. 236 f. außer tuck tuck noch
den Lockruf tut tut mit: im Ostfriesischen ist Tut oder Tütje 1 *
die Bezeichnung für das Küchlein.
Nach Albrecht Die Leipziger Mundart S. 200 kommt in
Halle a./S. der Lockruf srhipp vor, und dementsprechend werden
die Küchlein in Leipzig Schippchen genannt. Dieser Typus läßt
1 Albrecht Die Leipziger Mundart S. 187.
2 Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. 74.
3 Hertel 149. — 4 Danneil 156. — 5 Martin-Lienhart II. 116.
<; Martin-Lienhart II, 69. — 7 Staub-Tobler IV, 911.
8 Fischer I, 1092. — 9 Unger-Khull 81. — 10 Woeste 276.
11 Danneil 223. — 12 Wb. d. Luxemburg. Mundart 62.
13 Rietz Svenskt dialektlexicon S. 743.
14 Jb. f. ndd. Spracht. XI, 113.
Huhn, {alias.
Biofa aber noch weiter verfolgen. Auch in Luxemburg heißt das
Küchlein Schippchen 1 , in Steinbach (Elsaß) Tschüpperle*, in Ost«
preußen der Schipeer 1 (dazu whipeen vom Laut'' der Küchlein).
Schwäbische Lockworte Bind du dis oder dt de und auf
diesen beruhen Distelein "Huhn*, Deis$U4n : Didelein 4 "junges
lliilui'. Bin weiteres Synonymen ist Buttelein n. (Büttel "Gluck-
henne', Butie "junge Ente'), womit Fischer Wo. I. L662 den Lockruf
hu.di. wudi (gegen Gtötnse) vergleicht [n Untersteiermari werden
Eühner mit pudl 6 gelockt, andere steirische Lockrufe sind
Haugeri b ) /Vsr/7 \ Wuserl*; dazu wuseln 'winseln', Wuterl u. 'kürz-
lich ausgeschlüpftes Eühnchen*, Woteerl 6 "Hühnchen', woieeln
"jammern, winseln'. — In Tirol heißt »las Küchlein auch Pi<ele r ' n.
(Lockruf pta* 6 ), im Elsaß Duttle 1 und Sclüllele\ in der Pfalz
Pülchen*, in Göttingen und Grubenhageu PSfe 9 L in Thüringen
Lüffchen 10 . In Xiederhessen ist Gippel n., Gippelchen n ausschließ-
lich herrschendes Schmeichel- und Lockwort für Hühner, im
Haungrunde Gaupelchen ll .
Die Sitte, die Hähne zum Zwecke der Mästung zu ver-
schneiden, haben die Deutschen in Italien kennen gelernt, wie
die Entlehnung des lat. Ausdrucks capo (in der roman. Lautfonn
cappo) 'verschnittener Hahn' zeigt. Das Lehnwort ist in den
althochdeutschen Glossen öfters belegt:
Nom. — cappo gallinacius. pullus l : Prisciani inst it. I
Clm. eins. L7b;cod. Lugdun. Voss. lat. 8» 37, LOb. cod. Cheltenham.
7087, lila, cod. Berol. Ms. lat. So 73, L24a, cod. ParisiiL 9
bappo : cod. Guelpherbyt. Aug. 1" ; 39a, cod. sem Trevir.
f. 1 L2b. -alias galligatius l2 : Rotul. com. de Mülineo Bern, li.s.lli, 17.
ehappo -alias gallinatius: Esaias 22, 17: Clin. L606, 134b, cod.
Turic. Rhenov. 66, 7s. chapo: cod. Angelomont. I f II. 46a, cappho:
cod. Stuttgart, herm. 26, 32b.
1 Wb. d. Luxemburg. Mundarl 380.
2 Martin-Lienharl Q, 774 3 Frischbier [1,275.
! Fischer II. L39. L92. 231. 6 Unger-Khull 126. L32
6 Frommann D. Mundarten I\'. 332.
7 Martin-Lienharl II. 409. 729.
s Beeger Tiere im pfälz. Volxsmunde II. 8. — 9 Schambi
l" Hertel 160. — 11 Vilmar L27.
L2 I. gallinatius (Steinme^
238 Huhn, gallus.
Wie aus den obenangeführten Belegen hervorgeht, ist die
Entlehnung erst nach der Lautverschiebung geschehen. Eine
Verschiebung des Doppelkonsonanten, die uns berechtigen würde,
mit Franz Lat.-roman. Elemente S. 13 das Gegenteil anzu-
nehmen, ist nirgends nachzuweisen, denn cappho in der späten
Stuttgarter Handschrift ist nur eine graphische Variante für
chappo der übrigen Handschriften in derselben Gruppe. In den
oberdeutschen Handschriften, die sonst regelrecht dieVerschiebung
eintreten lassen, ist hier pp geschrieben ; dazu die oberdeutschen
Keime kappen ( : knappen) bei Joh. von Hadloub (XX, 3, 8 Ed.
Ettmüller) und im Liederbuch der Clara Hätzlerin (I, 91, 67
Ed. Haltaus). Aus lat-roman. cappöne(m) stammen mhd. kapün,
mnd. kappün, mndl. capoen, nndl. kapoen (dän.-schwed. kapuri) ; im
Angelsächsischen ist capun ( > engl, capon) bei Aelfric ums Jahr
1000 (AVright-Wülcker I, 132 32 - 34 und 286 32 ) bezeugt. In ein-
zelnen Mundarten kommt heute die Namensform Kapphahn 1
vor, die im 13./14. Jh. in Ahd. Gll. I, 605 13 als cappan erscheint
Man hat wohl darin nicht eine Verdeutlichung des mhd. kappe,
sondern vielmehr eine Urndeutung von kapün im Anschluß an
Hahn {Fashahn usw.) zu sehen. Auf mhd. kappe (daraus kappen
'verschneiden'), welches noch in der älteren nhd. Literatur öfters
begegnet, beruht wohl bair. Kopp(e) (in Ostermanns Vocab. (1591)
S. 322 Koppe, in Bracks Vocab. v.J. 1495 S. 49 b kophan\ kämt.
und tirol. Kopp 2 (nicht nur vom verschnittenen Hahn, sondern
überhaupt vom Haushahn). Einheimische Bildungen für den
Kapaun sind Hahnrei (vgl. Kluge Et. AVb. 6 S. 157), ostfries. Hän-
rüne (Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 111). — In Mittelsteiermark heißt
das verschnittene Huhn Polakel n. = schwäb. Polläcklen n. (d. h.
Pole). Bei Unger-Khull Steir. Wortsch. S. 101 und Fischer Schwäb.
Wb. 1, 1270 wird der Ausdruck als Umdeutung aus frz. poularde
gedeutet.
Im Gegensatz zum verschnittenen Hahn hieß der Zuchthahn
im Althochdeutschen reithano (id reithbno gallus gallinatius: Esaias
1 Vgl. Albrecht Die Leipziger Mundart S. 143, Frischbier I. 335,
Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 2; Diefenbach Glossar. S. 97c
und 256 c.
2 Frommann D. Mundarten IV, 55, Lexer Kämt. Wb. S. 164.
Huhn. gallos.
22, IT: cod. Vindob. 751, 133a). Der Name beruht an! einer
Ablautsstufe des Verbums ritan "reiten*, die z. B. im ag rdd
'das Eleiten', rdd-cnehi 'Reitknecht' vorhanden ist, und zeigt, daß
dieses Verbum bereits in althochdeutscher Zeil in dem Über-
tragenen Sinne "betreten' gebraucht wurde; vtfL auch mhd reU-
ohee "ZuchtBtier', reüviht luselvieh'.
Pur die alten Hennen, welche brüten oder bereits Köchlein
haben, ist die Benennung Bruthenne schon im Althochdeutschen
bezeugt: bruothenna fouenis: GM. Salomon al. Nach den gluck-
senden Lauten, welche diese V'ögp] ausstoßen, aennt man sie
Gluckhenne "der Qlucke (zu mhd. glucken 'gracillare*) ; zuerst
Iduck in einer Urkunde von Mosbach aus dem Jahre L409 in
Mnnes Zeitschrift EU, 409, Khaken in Ryffs Kerb. Alberti
1 15 i.")) s. X 6b, Gluggeren bei Gesner (1555) s. i ]."». Kluckhennen
bei Eber und Peucer Vocab. (1552) S. E 8b. Heute Glucke 1 in
Hessen und Thüringen, Klncke 2 in Preußen, Kluck 3 in Alt-
mark und Luxemburg, Kluckhenne in Becklinghausen 4 , Gluck-
(henn), Gluckeret, Gluxeri* im Elsaß, Glutsch{henni) 6 in Tirol.
Ein synonymer Ausdruck ist Lei kenne bei Longolius
üial. de avibus (1544), das im Strassburg. Vogelb. (1554) V. 571
als Leghenn belegt ist ; heute Legghenne oder Leggeri 7 f. in
der Schweiz, ndd. Legghenne* in Kecklinghausen, Leggehaun*
in Göttingen und Grubenhagen. — In Steiermark wird die
Henne mit Küchlein Hähnlhenne 9 oder Hühnerhenne-* genannt:
die Henne, welche zum ersten Mal Eier legt, heißt das Jarzd*
(d. h. wnhl eigtL Mas ein Jahr alte Huhn').
Im Gegensatz zu den alten Hennen weiden die jungen,
welche ein Jahr alt sind und noch nicht brüten, bei Eher und
Peucer Vocab. (1552) S. 8b Mertzhennen, im Strassburg. Vogelb.
(1554) V. 571 Junghenn genannt.
1 Vilmar 130, Hertel L07. — 2 Frischbier [,382
3 Danih'il L06, Wh. .1. Luxemburg. Mundart 231.
i Korrespondeuzbl. f. ndd. Spracht XYll. 5.
5 Martin-Lienharl I, 258. 264 3*1.
6 Frommann 1). Mundart« n V, !^7
7 Staub-Tobler II, 1313. m, 1195.
8 Schambach 120. - 9 Ünger-Khull 321. 368
240 Huhn, gallus.
Die etwas auffällig klingende ahd. Benennung bruotkappo
d. h. Brutkapaun (bruotkappo fotor: Gll. Salorn. a 1) erklärt sich
aus der Sitte, junge Hühner von verschnitteneu Hähnen pflegen
zu lassen. Davon erzählt Albertus Magnus in seinem Buche
De animalibus : "Gallus gallinatius eft castratus et effemi-
natus. . . gallinatius depilatus pectore et ventre et vrticis fricatur
paruulos poftea fouet pulliculos tactu fuam ad prurientem carneui
delectatus : cum ita delectatus allectus fuerit femper poftea pullos
diligit et fouet et pascit et ducit et hoc iam expertum vidi et
miratus funr".
Die mittelhochdeutschen Rechtsaltertümer und Weistümer
zeigen, welche Bedeutung die Hühnerzucht zu dieser Zeit bereits
bekommen hatte; außer den Termini für Abgabehühner wie
rouchhuon. järhuon, vogeihuon usw. begegnen hier auch die Aus-
drücke gaterhenne (die bereits auf das Gatter fliegen kann),
stadelhenne (die in der Scheune gehalten wird), grashenne (die
mit Gras gefüttert wird), hupfhan (Hüpfhahn).
In Dialog.de avibus (1544) S. C 4a erwähnt Gybertus Lon-
golius zwei Spielarten des Haushuhns : eine Art Riesenhühner mit
glänzendem Gefieder und hohen Füßen, im gewöhnlichen Leben
"Lombartfche honer 1 (Longobardicos)" genannt, und Zwerghühner
mit kurzen Füßen und kriechendem Gang, welche mehr hinkend
als gehend sich fortbewegen. Der Name Kriel, den Longolius
für diese Art gebraucht und den Junius Nomenciator (1581) S. 56b
in der Form Krielt ausdrücklich als niederrheinisches Wort be-
zeichnet, ist identisch mit ndl. kriel 'kurzer, dicker Mensch'
(vgl. krielen 'kriechen'). Ein synonymer Ausdruck bei Junius
ist Kriephenneken (d. h. Kriechhenne), bei Chytraeus Nomenciator
(1582) S. 372 Kruphöneken, westiaLKrüperhaünken 2 , in Mecklen-
burg und Altmark Krüphön 3 , preuß. Krupfhiihn 4 (vgl. krupfen
in Grimms Wb. Y, 2471). — Gesner Hist. avium (1555) S. 381
kennt für die Zwerghühner den Namen Erdhennle, der auf das
Kriechen des Vogels auf der Erde hinweist. Das Synonymon
1 Auch bei Ostermann Vocab. (1591) S. 822: "Die grolle Well'che /
oder Lombardifche Hannen / wie mans bey uns nennet".
2 Woeste 147. — 3 Schiller Zum Tierbuche III. 14, Danneil 119.
4 Frischbier I, 487.
Huhn, gallus. !4J
DdsehünU a.a.O. wird bei Staub-Tobler Id. II. L377 mit Bchweia
. // 'leise gehen* verglichen,
Aus seine!' 1 1 < - i 1 1 1 ;i t erwähnt Gesner den A 08(1 i'i ich Schott"
.. der vielleicht als 'schottische Senne' aufzufassen ist; die
in Grimms Wo. IX. Lß09 ausgesprochene Vermutung, daß das
Wort eigentlich 'Schutthenne' sei. \si nichl richtig. In der Bifeler
Mundart werden die schwanzlosen Bühner Schothün 1 , in der
Pfalz und in Nassau Schottert 9 genannt; in Luxemburg heißen
hdd-äsch oder Schröd-dsch* (zu Schrei 'abgeschnittenes Stück*).
Diese Yarietäl der Hühner 4 scheint besonders volkstümlic
worden zu sein, nach den zahlreichen Lokalnamen zu urteilen,
welche die Mundarten aufweisen. Preußische Dialektnamen sind
Kluthahn (Reyger Verbess. Eist der Vögel (1760) 8. 115), Klüt-
ch und Klüte b f. (= ndd. KliUc 'Klumpen'). Weiter verbreitet
ist der Ausdruck Kaidarsch = ndd. Külnärsch, Kull{ern)drsch
"der Kulhh) (vgl. Kaut, Kuller usw. 'Kugel'), der in Preußen 5 ,
Schlesien r * und Sachsen 7 üblich ist und in der Form Kuliarsch
in Hessen, K u Harsch s in Thüringen, Keilarsdi in Baiern vor-
kommt Andere Synonyma sind Buttaars 9 (zu ndd. butt e plump*)
in Holstein, Bollärs l0 (zu boll 'stumpf, abgerundet') in Mecklen-
burg und Lübeck, Butterarsch u (von der dotterartigen runden
Form) in Thüringen, Stüppken 12 (zu stupp 'stumpf) in West-
falen Stüphaun 1 * in Göttingen und Grubenhagen, Stumpf-
wadd 14 (d. h. Stumpfschwanz) im Elsaß, Mutz 15 f. (vgl. Mutz m.
'überhaupt etwas Verschnittenes, Tier ohne Schwanz') in Thüringen
(Nordhausen), im Elsaß und in der Schweiz neben Mutdiuen.
Guggdtnutz 1 * '»der Muttihuen, Muttigockel 15 . In den letzterwähnten
1 Frommann 1). Mundarten VI, 19.
2 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 8, Kehrein s. v.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 393. 398.
I Hahn Haustiere S. 296. — 5 Frischbier I. 348. 385.
6 Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. b*. 42.
7 Albrecht Die Leipziger Mundart S. 144. — 8 Hertel 150.
9 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht". XVII. 2.
10 Schiller Zum Tierbuche III, U, Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht.
XVI. 82. — 11 Hertel 87. — 12 Woeste 261. — 13 Schambach 216.
1 i Martm-I. umhart 11.789.
15 Hertel 170. Martin-Lienhart [,206.744, Staub-Tobler II. 1375.
Suolahti, Vogelnumen. 1^
242 Truthuhn, meleagris gallopavo.
Landstrichen und auf schwäbischem Sprachgebiet heißen die
schwanzlosen Hühner auch Burz, Bürzel, Burzhenne, Borzhuen l
usw. (vgl. borzen 'hinten ausstehen*).
Bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 269 wird außer den
Kiesenhühnern oder Welschen Hennen {groß ivelfch kennen bei
Gresner) als Abart des Haushuhns die wollechte Henne oder
Turchifche Henne genannt; dieselbe Yarietät wird von Klein
Hist. av. prodr. (1750) als ec die straubige Henne mit verkehrten
Federn" erwähnt, In Preußen nennt man sie Kraushuhn 2 oder
Straubhuhn 2 , in der Sclnveiz Strübhuen 3 .
Hühner mit stark befiederten Füßen heißen im Elsaß Feder-
fuess* oder Basterdhuen (Batscher) 4 , eine andere Spielart, deren
Federbekleidung am Kopfe besonders entwickelt ist, wird Kobel-
huen~°, in der Schweiz auch Huppihuen, Schupenhuen' (= Schopf-
huhn) genannt.
Truthuhn, meleagris gallopavo.
Über die Herkunft des Truthuhns findet man in der wissen-
schaftlichen Literatur der vergangenen Jahrhunderte verschiedene
Vermutungen und Behauptungen. Heutzutage herrscht nur eine
Meinung darüber, daß die Heimat des Yogels in der neuen Welt
ist, wo er in wildem Zustande die Landstrecke von Nord- und
Ost-Amerika bis Mexiko bewohnt. Wie lange Zeit nach der
Entdeckung von Amerika noch verstrich, bevor man anfing, Trut-
hühner nach Europa einzuführen, ist nicht ganz genau fest-
gestellt worden. Conrad de Heresbach gibt in De re rustica
(1595) IV, 621 und 640 f. an, daß die Yögel vor 1530 unbekannt
gewesen seien und diese Jahreszahl wird auch von Hahn Haus-
tiere S. 328 als ungefährer Terminus für den Import nach Europa
in Anspruch genommen. Nach Deutschland wäre das Truthuhn
— wie in Brehms Tierleben (Yögel) II 3 , 612 angegeben wird —
um das Jahr 1534 eingeführt worden. Diese Zahl ist jedoch
zu spät angesetzt. Denn in dem Gedichte "Das Regiment der
anderhalb hundert vögel", das im September des Jahres 1531
1 Staub-Tobler II, 1376, Martin-Lienhart I, 346.
2 Frischbier I, 425. — 3 Staub-Tobler II, 1377.
4 Martin-Lienhart I, 151. II, 109. 123.
5 Martin-Lienhart 1,346. Staub-Tobler II. 1374. 1376.
Truthuhn, meleagris gallopavo
gedichtet ist, läßt II.ni> Sachs bereit sin indianisch kenn und
hun (V. 212), d. li. einen Truthahn and eine Trathenne, auf-
treten. Durch dieses früheste Zeugnis für das Vorkommen des
eis m Europa wird seine Einfuhrung in die zwanziger Jahre
des 16. Jhs. hinaufgerückt. In der wissenschaftlichen Literatur
findet man die erste Nachrichl von Truthühnern in Deutschland
bei Turner in Avium liist. (1544) S. El I ;i. wo ganz kurz die \
erwähnt werden, welche einige "pauones tndicos" nennen. In dem-
selben Jahre, in dem Turners Buch erschien, schildert auch Gy-
bertus Longolius im Dialogus de avibus einen Truthahn, welchen
er in der Sammlung des Kurfürsten von Köln gesehen habe
und der "pauo Indicus" genannt werde. G-esner gibt im Vogel-
buche (1555) S. H)l eine Abbildung von dem Truthuhn, seine
Beschreibung stützt er aber lediglich auf die Aussagen von
Longolius und Gyllius 1 . Eine Anzahl Benennungen, welch»' Gtesner
aus verschiedenen Sprachen zusammengestellt hat, benennen alle
den Vogel als 'das indische Huhn': ital. gattina d'India. span.
pauon de las Indias, frz. poule d'Inde, engl, a kok of lüde, deutsch
ein Indianifch oder KaJekuttifch I oder Welfch hün. Dieser
weitverbreitete Ausdruck für den amerikanischen Vogel hat
nicht wenig zu der Verwirrung beigetragen, welche früher in
der Heimatfrago herrschte. Er läßt sich einfach aus dem [Jmstande
erklären, daß man gewohnt war, die fremden Dinge, welche die
Schiffe nach heimischen Häfen brachten, als indisch (bezw. ka-
lekuttisch) zu betrachten. Überhaupt sind die volkstümlichen
Namen, welche fremde Vögel nach ihrer Heimat benennen, nicht
genau; gewöhnlich faßt man sie als indische "der türkische auf.
In din\ .Mundarten sind die Ausdruck" Kalekuiischet Hahn
oder Indianischer Hahn vielfach vereinfacht und umgebildet
worden. Bereits der holländische Beleg Calkoenfc/te Heime bei
Junius Nomenciator (1581 1 S. 57a, wo das Adjektiv auf Kalk{utsch)
Hoen (nndl. kalkoen) zurückgeht, zeigt, daß der Name unver-
ständlich geworden war. Nach Popowitsch Versuch (1780) 8. 579
"fprechen die Niederfachsen und Dänemarker KdUcun". In dieser
I Es mag hier bemerk! werden, daß & V isser des S1
Vogelbachs (1554 . der eine Anzahl verschiedene] Hühner aufzählt, die
Truthühner noch nicht nennt.
L6*
244 Truthuhn, meleagris gallopavo.
Form erscheint der Name noch im Ostfriesischen 1 und in Preußen 2 ,
daneben hier auch Kalkaun 2 ; schwed. kalkon, russ. kalkunü, lit.
kcdkunas aus dem Niederländischen. In Mecklenburg und Lübeck
ist hieraus durch weitere Vereinfachung Kun, Kimhan 3 ge-
worden. — Andere Varianten gingen aus der Namensform
Calecuter, die bei Klein Hist. av. prodr. (1750) S. 112 bezeugt ist,
hervor; im Ostfriesischen Küfer ±, schles. Gauderhahn 5 , schwäb.
Kurier, Kutter, tirol. Gauder 6 . Adelung verzeichnet im Wb. I,
11 66 f. neben der Form Calecut auch den Ausdruck Kutschhuhn
(aus Kalekutschhuhn).
Auf dem Ausdruck Indianisches) Huhn beruht Janischhuhn 7
n. in Steiermark, daneben auch nur der Janisch 7 ; in Österreich
das Indiana.
In der bereits genannten Glosse von Junius wird die
synonyme Benennung Turckifche Henne (vgl. engl, turkeij) an-
geführt, danach Kalekuttifclie I Turckifche Henne in Sibers Gemma
(1579) S. 41; der Ausdruck Türkifche Hühner ist Adelung ge-
läufig und Popowitsch kennt ihn aus der Lausitz. Nach dem
letztgenannten Gewährsmann nennt man den Vogel in Regens-
burg Zitränisfch, in Franken Wdlfches Hun\ auch in der Pfalz
Welschhahn 9 , im Elsaß Welschhuhn und Welschgidler 10 '. — In
Steiermark heißt der Vogel auch Windischspatz, ivindischer Spatz 11
(wendischer Spatz) ; wahrscheinlich ist jedoch windisch aus indisch
umgebildet. Der luxemburgische Ausdruck ist Mierhong 1 ' 2 f.
(d. h. Meerhuhn, überseeisches Huhn) = frz. dindon de mer u .
Den heute in der Schriftsprache geltenden Namen des
Vogels bezeugt Weise Erznarren (1673) S. 202 : "wie einem
Calecutifchen Hahn, oder wie man das Wildpret auff hoch
1 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 112. — 2 Frischbier I, 329.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83 und Schiller Zum Tier-
buche III, 17. — 4 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 112.
5 Mitteilungen der schles. Gesellschaft für Volkskunde Heft XIX, 84.
6 Frommann D. Mundarten IV, 54 und V, 344.
7 Unger-Kliull 363. — 8 Popowitsch Versuch (1780) S. 579.
9 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 8.
10 Martin-Lienhart I, 213. 34-1. 346. — 11 Unger-Khull 635.
12 Wb. d. Luxemburg. Mundart 284.
13 Rolland Faune populaire II, 344.
Truthuhn, meleagrit gallopavo.
Teutsch nennet, einem Truthahn". In der Verbess. Eist der \
(1760) S. L16 führt ßeyger Truthuhn unter anderen Synonyma
an. Nach Adelung IV, 1094 (1780) ist -der Nähme Trut eine un-
mittelbare Nachahmung des eigentümlichen Lautes, welchen die
Thiere von sich geben, wenn sie ihre Jungen locken, daher man
diefe im gemeinen Leben trut trut zu locken pflegt". Pur
matopoieüschen Charakter des Ausdrucks scheinen die Varianten
Orutte 1 (in Oberdeutschland), Schruuthahn, Schrunthahn 1 (in
Niedersachsen), die Schrate* in Westfalen zu sprechen.
Lautbildende Synonyma sind jedenfalls Kurrhahn und
Kurr(e) f., von denen die letztere Namensform nach Frischbier
I, 44t) in Preußen speziell die Truthenne bedeuten soll. Im
18. Jh. ist Kurve durch Klein und Reyger in Preußen be-
zeugt; «las Kompositum Kürhaen* kommt schon bei Longolius
Dial. de avibus (1544) S. D 3 b, Kiterhenne bei Eber und Peucer
Vocab. (1552) S. E8b vor. Ein ähnlicher Ausdruck ist Gurri* m.
in der Schweiz (Zürich) ; der Lockruf auri wird auch für
Gänse und Enten gebraucht. — Auf den kollernden Laut des
Vogels beziehen sich noch die Namen KuUerham* (zu kullern
'kollern') in Altmark und Puran* m. (für Purhan zu puren)
in Steiermark.
In enger Verbindung mit Lockrufen stehen die Namen
Gulli und Gullifjü 7 in der Schweiz und Buh Buli 8 im Elsaß ;
in Preußen die Gull 9 . In diesen Zusammenhang gehört der
niederdeutsche Ausdruck Pute oder Puter. Nach Popowitscfa
lautet dieser Name in Hildesheim Pudhun, in Niedersachsen,
Braunschweig, Magdeburg usw. Puthun, im Eichsfeldischen der
Puter ; in Göttingen und Grubenhagen Pütchen 10 , in Preußen die
Pate 11 . Für die Annahme H. Schröders Zs. f. d. Ph. XXXVII. Jon
daß Puter aus Brahmaputer entstanden sei, gibt es keinen Anhalt,
da man in der älteren Überlieferung keine Formen findet,
welche auf eine solche Bezeichnung hinweisen. Als Lockruf
1 Adelung a. a. 0. — 2 Woeste 232.
3 Die Beschreibung des Vogels ist so unbestimmt, dafi man nicht
recht weiß, was Longolius sich bei 'gaüus sylvestris' eigentlich denkt.
4 Staub-Tobler II. 410. — 5 Danneil 120. — 6 Unger-Khull !
7 Staub-Tobler 11,221. - 8 Martin-Lienharl I!
9 Frischbier 1, 259. — K) Schambach 162. — 11 Frischbier II. L94
246 Truthuhn, meleagris gallopavo.
ist put gegen Hühner in weiten Landstrichen nachzuweisen;
Oken gibt an, daß damit auch Truthühner gelockt werden, und
Schambach bezeugt den Lockruf put put in diesem Sinne aus
Göttingen und Grubenhagen. Vgl. S. 235.
Ebenso verhält es sich mit dem oberdeutschen Ausdruck
Pipe oder Piper. Nach Popowitsch gilt Piper in Schwaben,
die Pipe zu Anspach, Piphun zu Passau und in Franken ; Fischer
Wb. I, 1091 schreibt die schwäbische Namensform Biber (auch
Bibgöckel), Unger-Khulls Wortsch. S. 81 gibt Piperhahn aus
Steiermark und in Frommanns D. Mundarten IV, 54 wird Piep
als tirolischer Name verzeichnet 1 . In der schweizerischen und
der schwäbischen Mundart ist hihi der Lockruf für Hühner,
und das junge Huhn heißt daher Bitri, Biberlein usw. Vgl. S. 236.
Im 16. Jh. begegnet der Ausdruck wilder han als Be-
zeichnung des Truthahns bei Golius Onomasticon (1579) Sp. 293,
ein ivildthane bei Chytraeus Nomenciator (1582) S. 374. Der luxem-
burgische Name Schnuddelhong 2 n., Schnuddeli-roude-Rock 2 m.
gehört zu Schnuddel 'Nasenschleim' und weist auf den roten
Fleischlappen, der vom Oberschnabel des Vogels herabhängt.
Darauf zielt auch der Vers "Bul, Bul, Rotznas", mit dem die
Kinder im Elsaß die Truthähne necken. — Nach Popowitsch
wird der Truthahn bei den deutsch redenden Ungarn das Bockerl
genannt. Dieser Ausdruck ist, ebenso wie das Synonymon Trutz-
bock 3 in Steiermark, eigentlich ein Schimpfname, der in dem
leicht erregbaren und jähzornigen Wesen des Vogels seine Er-
klärung findet. Schwieriger ist zu erraten, warum man ihn in
Steiermark den Schustervogel 3 und den Weinzerl, Weinzierl 3 , d. h.
Winzer nennt. Unklar ist auch das steirische Synonymon Gratsch-
hahn 2 (vgl. siebenbürg. Kartschhuhn 4 ) und der tirolische Aus-
druck Ghider' (vielleicht onomatopoietisch).
Die Truthähne sollen nach Popowitsch scherzweise zu
Leipzig Confiftoriah'ögel genannt worden sein, "weil diejenigen,
welche in Ehefachen vor diesem Gerichte rechten, dergleichen
1 Vgl. auch Schmeller-Frommann II. 399.
2 Wb. tl. Luxemburg. Mundart 293.
3 Unger-Khull 177. 30J. 560. 628.
4 Adelung Wb. IV. 1094. — 5 Frommann D. Mundarten IV. 54.
Perlhuhn, onmida melea 247
(iefchenko zu bringen pflegen". Frischbier, der im Preuß. Wb.
II. 536 den Ausdruck verzeichnet, stellt ihn in Verbindung mit
den [nspektionsreisen der bTonsistorialräte, denen Entenbraten
vorgesetzt wurde.
Perlhuhn, nti I;i melea
Im Gegensatz zum Trathuhn ist das Perlhuhn ein \
der alten Welt, dessen ursprüngliche Eeimal in Afrika ist
Den Römern war die gallina africana oder gallina numidica
wohl bekannt und wurde von ihnen wegen des schmackhaften
Fleisches sehr geschätzt Die Griechen erwähnen die \
mit dem Namen ueXeüfpiöec. Jm Mittelalter sucht man jedoch
vergebens nach Notizen und Nachrichten, die sieh auf diesen
Vogel bezögen; das Perlhuhn scheint verschwunden zu sein.
Erst in neuerer Zeit tauchen wieder Spuren von ihm in r>uropa
auf 1 , ftesner kennt deu Vogel von eigener Anschauung noch
nicht 2 ; das Bild und die Beschreibung desselben in Hist. avium
(1555) S. 772 f. verdankt er seinem englischen Freunde Jo. Caius.
Das Strassburg. Vogelb. und andere gleichzeitige Quellen aus
der Mitte des 16. Jhs. wissen nichts von dem Perlhuhn. Etwas
mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Erscheinen von Gesners
Vogelbuch führt der Holländer Junius in seinem Nomenciator
s. 56h unter den Vogelnamen die Gallina Meleagris* an und
übersetzt den Ausdruck mit dem einheimischen Namen Dootshoof-
deken (Totenkopf), der den kahlen scharfeckigen Schädel des
Vogels charakterisiert Den Namen Perlhuhn, welcher sich auf
das betüpfelte Gefieder des Vogels (lat gallina guttata) bezieht,
erwähnt Klein Hist. avium prodr. (1750) S. 111, darauf Keyger
u.a.: ein ndd. Synonymon ist Scheckhaun* in Göttingen und
Grubenhagen. Die von Nemnich Polyglottenlexicon II. 732 neben
Perlhuhn, Perlin angefühlten Synonyma Guineische Henne, Afri-
kanisches Huhn, Pharaonshuhn sind Übersetzungen aus gelehrten
Werken.
1 Vgl. Hahn Haustiere S. 311fr.
2 Davon zeugen die Abschnitte !>•■ Meleagrid« and De Grallina
Africana sive Numidica" in Historia avium S. 462 f.
lallina Meleagris und Gallina Africana werden bei Junius ver-
wechselt. I Schambach 182
248 Auerhuhn, tetrao urogallus.
Wald- oder Rauhfußhühner, Tetraouidae.
Auerhuhn, tetrao urogallus.
Ahd. ürhano, ürhuon, or(re)huon: Sg. Nom. — hurhano
fasianum *: Servius in Vergil. E. VI, 78 (II, 141 L) : cod. Lips. civ.
Rep. I. 36b, 19b. hurhon graculus : cod. Berol. Ms. lat. 8<> 73, 124b.
vrhunt* ortigomeira 3 : cod. Parisin. 9344 f. 42b. urhun ortigometra:
H. S. III, 17: cod. Darmstad. 6, 25 b (13. Jh.). urhün: cod. Oxon. Jun.
83, 4. — orichhuon ortigometra: Versus de volucr.: cod. Stuttg. th.
et phil. 210, 135a (11/12. Jh.), cod. Stuttg. th. et phil. 218 f. 22b
(12. Jh.), cod. Admont. 476 (12. Jh.), cod. mon. herem. 239 p. 784
(12. Jh.), orechhvn : cod. Admont. 106 (12. Jh.), orrehuon : Clm. 17194
f. 221b (14. Jh.), cod. Admont. 759, 55b (13. Jh.), cod. Zwettl. 293,
25 a (14. Jh.), Clm. 23496, 10b (12. Jh.), Clm. 4660, 56 a (13/14. Jh.),
horrehun: cod. Lips. Paul. 106, lc (13. Jh.), Clm. 22213, 163a (12. Jh.),
orrhön: cod. Vindob. 85, 42 b (11. Jh.), Clm. 19488, 121a (12. Jh.),
Arrhven : cod.Mellic.K51, 242 (14. Jh.), orehün Clm. 614, 31 b (13. Jh.),
horhun: Cim. 27329, 9 a (14. Jh.), orhön: cod. olim Argentorat. A 157
(12. Jh.), folium Stuttg. (14. Jh.), fol. Francof. (13/14. Jh.), Clm. 12665,
142a (15. Jh.), orhan: Cgm. 649, 526b (15. Jh.), Clm. 11481, 83a
(1390), vrhün: cod.princ. deWallerst. I. 2. (Lat.) fol. 21, 175b (13. Jh.),
Kölner Doppelbl. (15. Jh.), vrhan: Clm. 3537, 330b (15. Jh.), aiverhan:
cod. Gotting. Luneb. 2 f. 181ab (15. Jh.). orhün: H.S.III, 17, orrehün:
cod. Vindob. 2400, 42a. coturnix: cod. Vindob. 804f. 185b.
Der Xame des Auerwilds ist in althochdeutschen Glossen
seit dem 11. Jh. bezeugt. Eine einheitliche Grundform läßt sich
aus diesen verhältnismäßig späten Belegen nicht gewinnen ; der
Namensform orrehuon (orichuon) steht eine andere ürhano (ürhuon)
gegenüber, deren langes ü durch später eintretende Diphthongie-
rung erwiesen wird. — Von den Quellen des 15. Jhs. hat Konrads
von Haslau Jüngling V. 261. 601 die Lautform orrehan, orrehuon,
der Vocab. ine. theuton. ante lat. (1482) S. p 1 a orhan und eine
Version des Märchens vom Zaunkönig (Germania VI, 100) urhan.
Die diphthongierte Form <nverluin begegnet zum erstenmal in
1 Phassam Ed.
2 Wegen des unorganischen t vgl. S. 228 s. v. huon Anm. 2.
3 ortigo und darüber meira, als wäre dies deutsch, während das
ganze nur ortigometra bedeutet und die nächste Glosse vrhunt (fälschlich
über Rinocerus) hierher gehört (Steinmeyer).
Aucriiulm, tetrao arogallaB. - ; I l
einer Glossenhandschrift des L5. Jhs. 1 . Em 16. Jh. findet sich
Am- ihm bei I);is\-|)n. lius (1537) 1 im Elsaß, At«-r/)></> bei Eber
und Peucer Vocab. (1552) 8. P 1 ;i und Auwhan in Bibers Qemma
(1579) S. 40 in Sachsen; in Sohlesieii Auer-Han bei Sohwenkfeld
Ther. Sil. (1603) 8. 369. Zu der hochdeutschen Lautform Auerhahn
stimmt mnd ürhane (ürhenne, Ürh6n\ im LÖ.Jh. Vrham b'-i Longo-
lius Dialog, de avibus ( 1 5 1 1 1 8. E 3a, \'/ir/t<>/t<> bei ( Ihytraeos Nbmen-
olator (1582) 8. 373, heute Urhdne* in Gtöttingen und Qruben-
a und Örhdne* (mit regelrechtem Obergang von ü in 6) in
tfalen. In den hochdeutschen Dialekten liat sieh die alt"
Form orhuio teilweise erhalten: in der Schweiz ()rl{i)hun und
Ordslhuen neben Ur(l)Jutn, Urhuen* (bei Gesner Hist. avium
(1555) S. M'lii.VrJunu Orkan), im Elsaß Ur{en)h<ni r ' (im Strassbnrg.
•II). (1554) V. 553 Vrhan\ in Tirol Örlwn\
Das erste Glied des althochdeutschen Kompositums orrehuon
ist als selbständiger Yogelname vorhanden in anord. schwed.
orre und norweg. dial. orre neben orrfugl 'Birkhuhn'; die ent-
sprechende dänisch-norwegische Benennung ist aarfugl (aarhane).
Den germanischen Namen *orr-an hat Hellquist in der Schrift {Ety-
mologische Bemerkungen S. VII f. von älterem *urzi~ abgeleitet
und mit griech. epcnv, appnv 'Männchen, männlich', avest. ursmi
'Mann, Männchen' zusammengestellt. Der Ausdruck sei nämlich
ursprünglich eine Bezeichnung des männlichen Vogels gewesen.
Feminine Ableitungen von dem maskul. *urzun- liegen vor im
schwed. dial. ijnn (< *yrn < ''urz-n-i) \Birkhenne' und (nach Falk-
Torp Et. ordb. I, 5) im norweg. dial. yrhna (aus *yr(t)na). Da
das Männchen beim Auer- und Birkwild sich nicht nur in der
Farbe und Größe von der Henne unterscheidet, sondern in der
Jägerwelt auch als Balzvogel eine hervorragende Rolle spielt,
ist schon denkbar, daß es als 'Männchen' besonders benannt
wurde und daß dieser Name dann zum Gattungsnamen wurde.
Für die althochdeutsche Variante orihhuon, welche in
mehreren älteren Handschriften der Versus de rolucribus ge-
1 S. die Belege oben. — 2 Martin-Lienharl [,341.
8 Schambach 260. - J Woeste L91.
5 Staub-Tobh-i II. L307. L373. — *i Martin-Lienharl I. ül
7 Schöpf Id. S. 182
250 Auerhuhn, tetrao urogallus.
schrieben wird, findet sich keine sonstige Bestätigung und sie
kann daher nicht mit Sicherheit als selbständige Nebenform in
Betracht kommen. Vielleicht ist orichuon in der Vorlage der
Yersus nur eine Verschreibung für das selten gewordene orrehuon
im Anschluß an birichhuon.
Schwer zu beurteilen ist das gegenseitige Verhältnis von
ahd. orrehuon und tirhuon (= nhd. Auerhuhn). Allgemein wird
angenommen, daß das letztere Wort aus orrehuon im Anschluß
an ahd. ür(ohso\ nhd. Auerochs umgebildet worden sei. Für diese
Vermutung findet man jedoch keinen Anhalt in der historischen
Überlieferung, wo die Formen mit u im Stamme ebenso früh
wie die o-Formen erscheinen 1 . Bei der Beurteilung der Form
urlutno fällt besonders ins Ge wicht der angelsächsische Vogel-
name wörhana, der mit mndl. woerhane, nndl. woerhaan (woerhen)
'Fasan' identisch ist und von der deutschen Namensform kaum
getrennt werden kann. Die Bedeutung des angelsächsischen
Wortes darf nicht nach dem lat. Lemma 'phasianus' als 'Fasan 1
angesetzt werden 2 . Denn auch wenn man annimmt daß der
Fasan in der frühangelsächsischen Zeit, aus der die ersten Belege
stammen, in England bekannt war, so ist es nicht wahrschein-
lich, daß er mit einem einheimischen Namen benannt wurde.
Mit ags. wörhana ist vielmehr wohl der Auerhahn gemeint 3 ; in
diesem Sinne wird auch lat. phasianus öfters gebraucht.
Wahrscheinlich ist ahd. ürhano eine alte Ablautsform zu
dem angelsächsischen und dem niederländischen Worte und
kann als solche mit Schweiz, ür 'wild, stürmisch (vom Wetter),
grob, zornig (vom Menschen)', norweg. schwed. yr 'wild, geil' zu-
sammenhängen, welche bei Falk und Torp Et. ordb. II, 466. 474
mit anord. arr 'sinn verwirrt, heftig, gewaltsam', dän. Br 'tau-
melnd', schwed. dial. ör 'wild, toll', ahd. wuorag 'berauscht' usw.
1 Wenn die Zoologen des 16. Jhs. den Auerhahn als den größten
Jagdvogel mit dem Auerochsen als dem größten Jagdtier vergleichen und
die beiden Namen miteinander in Zusammenhang bringen, so ist dies
durch die gleiche Lautgestalt derselben veranlaßt; sonst bietet sich der
Vergleich der beiden Tiere nicht gerade leicht dar.
2 So z. B. bei Whitman The Birds of Old Engl. Literature LXIII.
3 Sweet The Stud. Dict. übersetzt wörhana mit "moorcock'. ohne
daß der Grund zu dieser Übersetzung ersichtlich ist.
Birkhuhn, tetrao tetrix. 2f>l
(aus *ivöi\i)(t-) zusammengestellt worden sind. Diesen letztge-
nannten Worten würden ags. wörhana und mndl. woerhane am
nächsten stehen. Wenn man für den Vogelnamen von einer
Grundbedeutung- 'wild' ausgeht, wäre der *Auerhahn J eigentlich
als •Wildhahn' aufzufassen. Dann würde sich aber auch and.
ur(ohso) (nhd. Auerochs), dessen Zusammenhang mit altind. uard
'Stier' sehr problematisch ist, einfach als 'Wildochs' erklären,
ebenso mhd. ürgtil 'alter Eber' als 'Wildeber'.
In der Schweiz und in Steiermark wird das Auerwild
Wildhuhn 1 und W<ddhahn x genannt, in Obersteiermark Groß-
hahn 2 (bezw. Großhenne) 2 ; steirische Ausdrücke sind ferner
Bramhahn* (wohl zu Bram 'dunkler, schwarzer Fleck', vgl.
Schildhahn S. 252) und Pranghahn 2 .
Den Ausdruck Auerhenne für das Weibchen des Auerwilds
bezeichnet Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 372 als schlesisch.
In der Schweiz begegnet im selben Sinne der Name Grügeli.,
der mit bair. grügeln 'heiser reden' (Schmeller-Frommann I, 992)
verwandt ist und sich also auf die Stimme des Yogels bezieht.
Das Kompositum Grügelhan, unter welchem Gesner offenbar
die Auerhenne ("grygallus major") meint, wird nach den An-
gaben von Staub-Tobler II, 1307 in der Schweiz vom Birkhuhn
gebraucht.
Birkhuhn, tetrao tetrix.
Ahd. birihhuon : Sg. Nora. — Hythin, fihus progne. et dicitur
taha. t pro pirihhön. I auis italica que fasan dicitur: HoratCarm.
IV, 12, 5: Gm. 375, 62b. pirchuon fassam: Servius in Vergil. E. VI.
TS II, 141 L): Clm. 18059, 10a. birickhön attage : Versus de volucr.
birchuon nuillis : H. S. III. 17, pirus : Xlg.
Die Benennung Birkhuhn (ahd. birihha = Birke) hat der
Vogel erhalten, weil er in Birkenwaldungen angetroffen wird
und sich von den Knospen dieser Bäume nährt. Mit Rücksicht
auf diesen umstand ist auch der in der Schweiz vorkommende
Name Laubhan 9 (zuerst bei Gesner Hist avium (1555) S. 1=75)
gebildet Charakteristisch für den Aufenthaltsort des Birkhuhns
1 Staub-Stobler II, 1310. 1377, Unger-Khull 615. 634
2 Unger-Khull 107. 109.309.
3 Staub-Tobler II. L309.
252 Birkhuhn, tetrao tetrix.
ist ferner das von Popowitsch Versuch S. 59 nach Heppe Wohlred.
Jäger angeführte Synonymon Mooshun, denn der Yogel hält sich
gerne in moorigen Gegenden auf. Dagegen ist der Name Berghun
a. a. 0. für die Birkhühner nicht besonders charakteristisch und kann
in einigen Gegenden eine Umbildung von Birkhuhn sein. Doch wird
man die Namen Bergvogel l in Steiermark und Birghan, Birgfasan,
welche Gesner im Sinne von Auerhahn anführt, für ursprüng-
lich halten müssen; in dem schweizerischen und steirischen Hoch-
gebirge sind diese Namen leicht begreiflich. In Steiermark nennt
man die Auer- und Birkhühner ebenso wie die Schnee- und
Steinhühner mit dem gemeinsamen Namen Almhühner 1 , d. h.
Alpenhühner. Im Gegensatz zum Großhahn, dem Auerhahn
heißt der Birkhahn hier auch Kleinhahn 1 . Der Ausdruck ist
ohne Zweifel eigentlich aus der Jägersprache hervorgegangen,
ebenso wie Spielhahn (zuerst bei Gesner a. a. 0. Spilhan) in
schweizerischen 2 und bairisch-österreichischen Mundarten. Der
erste Teil des Kompositums ist nicht mit Kehrein Wb. der Weid-
mannssprache S. 276 als Spill = Spillbaum aufzufassen, sondern
ist identisch mit dem Worte Spiel, das bei den Jägern den
Schwanz der wilden Hühner bezeichnet (s. Grimms Wb. X,
2319. 2399); der Name wird nur vom männlichen Yogel ge-
braucht und zielt auf die umgebogenen Schwanzfedern des-
selben. Das im Kanton Glarus vorkommende Synonymon Schild-
han ist bei Staub-Tobler II, 1309 mit dem Berge Schilt (im
selben Kanton) in Zusammenhang gebracht worden. Diese Deu-
tung wird jedoch schon dadurch hinfällig, daß der Name kein
Glarner Lokalausdruck ist, sondern auch in Österreich gebraucht
wird 3 . Unwahrscheinlich ist auch die in Grimms Wb. IX, 133
wiedergegebene Erklärung Höfers, welche an die ausgebreiteten,
wie ein Schild aussehenden Flügel des Vogels anknüpft. Das
Wort Schild hat in diesem Vogelnamen dieselbe Bedeutung wie
in Schildspecht, Schildfink, Schildkrähe (s. S. 34) und hebt die
farbigen Flecken des Gefieders hervor.
Von den heiseren Lauten, welche die Birkhähne bei der
Balz ausstoßen, haben sie in der Schweiz den Namen Grügelhan
1 Unger-Khull 16. 67. 392. — 2 Staub-Tobler II, 1310.
3 Popowitsch Versuch S. 59.
Haselhuhn, tetrao bonasia, bonasia bonasia. 253
erhalten (vgl. S. 251). Bin ähnlicher Ausdrucfc in Niederdeutsch-
land ist Kurrhön* (im Äfünsterkreise). Nach Kehrein a, a. 0.
8, 192 \\ird der Birkhahn in der Jägersprache Kurte und der
Balzlaut desselben hurten genannt Im Vocab. triling. (1560)
J8 begegnet für <!< i n Birkhahn der Name Bickerhan.
Die Bezeichnungen für Auer- und Birkhühner gehen
manchmal in einander über. Gesner gibt an, daß der Name
Vrhan in der Schweiz auch vom Birkwild gebrauchl wird, bo
dal» man dort Ideine und groffe Orkanen unterscheidet. Mehr-
deutig ist der Name Bromhenne, der mit Schweiz. Brom 'Baum-
knospe' gebildet ist und sich auf die Nahrung der großen wilden
Hühner bezieht Nach Popowitsch Versuch (1780) S. 72 wird
dieser Name in Ungarn von der Birkhenne, in Obersteiermark
von der Auerhenne angewendet; der Auerhahn soll in Steier-
mark kurzweg Brom genannt werden. Den Ausdruck Bromhenn
gebraucht schon Gesner a. a. 0. S. 475 von einer Hühnerart,
welche angeblich größer als die Haushenne ist und am Etschfluß
gefangen wird ; er vermutet darin entweder den Birkhahn oder
den grygallus major (mit welchem Namen wohl die Auerhenne
gemeint ist). Vielleicht ist der von Gesner erwähnte Vogel dasselbe
Bromhun, welches Hohberg Adeliches Land-Leben (1687) II, 788
erwähnt und Popowitsch als "ein von Auerhüner- und Birk-
hünergefchlächtern verschiedenes Gefchlächt groffer Bergvögel"
beschreibt, Es handelt sich wohl hier um eine Bastardart von
Auer- und Birkwild (tetrao hybridus oder medius). In Steier-
mark heißen diese Vögel Halbhuhn 2 oder Backelwild 2 (wohl
zu röcheln, racketzen 'einen knarrenden Laut von sich geben').
Haselhuhn, tetrao bonasia, bonasia bonasia.
Wie das Birkhuhn, so hat auch das Haselhuhn den Namen
von seinem Aufenthaltsorte erhalten ; der Vogel sucht mit Vor-
liebe Haselwälder auf. Die Benennung ist zuerst in den alt-
hochdeutschen Glossensammlungen Versus de volucribus und
Heinrici Summarinm als hasalhuon, hastthuon* (= sparaius ;
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI. SG.
2 Unger-Khull 322. 488.
3 Einige Handschriften der Versus schreiben huselgans. das eine
hybride Bildung (von den Glossen haseUiuon und hagelgans) ist.
254; Alpenschneehuhn, lagopus alpinus.
attage) bezeugt. Dem nihd. haselhuon entspricht mnd. haselhon
und im Niederländischen hazelhoen\ dän. hasselhßna stammt aus
dem Deutschen. In Steiermark ist der Name volksetymologisch
zu Hasenhuhn 1 (schon im 14. Jh. hasenhun: Versus de volucr. :
Clm. 27329, 90) umgebildet. Ein luxemburgischer Ausdruck ist
Böschhong 2 m. (Waldhuhn).
Im Gegensatz zu den grauen nordischen Haselhühnern
sind die deutschen lebhafter gefärbt und vielfach mit Rot ge-
zeichnet. Daraus erklärt sich der Name Rotthun bei Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 277 und späteren Ornithologen ; gewöhnlich
wird mit diesem Namen jedoch das Steinhuhn bezeichnet.
Im Anfang des 13. Jhs. war das Haselhuhn, das heutzutage
in Deutschland stark im Abnehmen begriffen ist, überaus häufig,
wie man von Albertus Magnus erfährt.
Alpensclineehuhn, lagopus alpinus.
Da die Schneehühner in dem deutschen Sprachgebiet
fast nur das schweizerische Hochgebirge bewohnen, ist es be-
greiflich, daß die Vögel in den altdeutschen Glossaren und
Vokabularen nicht genannt werden. Das erste Zeugnis des Aus-
drucks Schneehuhn liefert Gesner Hist. avium (1555) S. 556, der
in seiner Heimat Gelegenheit genug hatte, den Vogel zu beob-
achten : "Auis quem ego pro lagopode pinxi , a nostris et
montium incolis Germanice nominatur ein Schneehün / Schnee-
uogel I ein wyß Eäbhün I ein wild wyß hün I Steinhün, circa
Lucernam Schrathün". Der Übersetzer der Bücher Plinii (1651)
berichtet S. 587, "daß die Schneehüner auff den Alpen gemein
sind . . .", Hohberg Adeliches Land-Leben (1687) II, 673 kon-
statiert nur, daß "das Schneehün in unfern landen nicht be-
kannt" ist und bei dem Verfasser der Angenehmen Land-Lust
(1720) S. 344 heißt es: "In Tyrol / in der Schweitz / und andern
Schnee-Gebürgen / foll es auch Schneehüner geben / welche fo
weiß als der Schnee". Die oben angeführten Belege beziehen
sich alle auf das Älpemchneehuhn, welches heutzutage in der
Schweiz Schmehuen 3 oder Wiss-, WUdhuen* genannt wird. Auch
1 Unger-Khull 330. — 2 Wb. der Luxemburg. Mundart 40.
3 Staub-Tobler II, 1377.
Reblmliii. perdix cinerea oder perdix perdix. 856
der von Gtesner angeführte Ausdruck Schratthuen ist noch in
Lasern üblich; Staub und Tobler II. L376 bringen ihn in Zu-
sammenhang mit dem Berge Schratten, der von Alpenschnee-
htihnem bewohnl wird.
Die andere An der Lagopus-Gattung, das im Norden
beimische Moorschneehuhn (iagopus albus), soll nach Martin
Naturgeschichte | L88 h I, 2, 436 an der nordöstlichen Grenze von
Deutschland in einer Anzahl von einigen hundert Paaren Leben,
Aus dieser lobend stammen denn auch einige Berichte von
dem Vogel um die Mitte des 18. Jhs. Der in Danzig Lebende
Ornithologe Klein erwähnt in Hist. av. prodr. (1750) S. 116 das
Weiffe Haffelhun, das in Preußen um die Stadt Tilsit und in
Kurland vorkommt und der Bearbeiter Kleins, Gottfried Reyger 1
(Verbess. Hist. der A^ögel (1760) S. 121) bemerkt an der be-
treffenden stelle u. a. : "Diele Vögel haben wir auch in Preußen,
in der Gegend von Tilfit, und in Curland; sonder Zweifel auch
in Liefland; doch unterscheiden fich die unfrigen in einigen
Stücken von denen, die fich in Lappland aufhalten. Ich habe
1747 einige diefer Schneehühner aus Tilfit bekommen". Bei
Frisch Vorstellung der Vögel (1763) IX, Clb ist das Bild eines
Moorschneelmhns nach einem Exemplar gemacht, das dem Chur-
Pfaltz- und Baierischen Gesandten von Beckers aus Preußen
zugeschickt worden war. Dazu wird a. a. 0. bemerkt : "Diefe
Art wilde Hühner läffet (ich in unfern Gegenden gar feiten, ja
faft gar nicht leben"
Feldhühner, Perdicidae.
Rebhuhn, perdix cinerea oder perdix perdix.
Ahd. reb(a)huon: Sg. Noni. — rebhu on perdix: Priscianj
instit. 169, 15: Clm. 18375, 48a; rebhuon. cod.Vindob. 1 1 i. 9a. cod.
Bern. 224 f. 73b. Rotul. com. de Mülinen Bern. Versus de volucr.
H. S. III, 17. XIa 2, coturnix: a 2. coturnix perdix: e. g, perdix : g.
olhhi t rebhhi perdix et cotvrnix: Clm. L4689 f. na. rephuan:
Ecclesiasticus LI, 32: cod. Carolsruh. SPetri 87, 7(51«. rephuun: cod.
SGalli 292, 114: rephuon : cod. Vindob. 2723, 60a, cod.Vindob. 2732.
69b, Clm. L8140,71b, Clm. L9440, 313. Regum I, 26, 20 : Clm. 9634,
1 Der Ausdruck Hasenfuss, den Reyger neben Schneehuhn, Weißt*
Hafelhuhn hat. ist natürlich nur eine Übersetzung von griech. \<rfüJTTOuc.
256 Rebhuhn, perdix cinerea oder perdix perdix.
48b; Clm. 18140, 34b, cod. Vindob. 2723, 26a, Clm. 14689, 38b;
cod. Stuttgart, th. et phil. f. 218, 27c. Jeremias 17, 11: Clm. 18140,
193a, Clm. 19440, 350, Clm. 14689, 40a, cod. Gotwic. 103, 56b. orty-
gometra: Sapientia 16, 2: Clm. 19440, 310, cod. Vindob. 2723, 59 a,
cod. Vindob. 2732, 67b. Prisciani instit. 169,15: Clm. 280 A, 30b.
cod. sem. Trevir. R. III. 13, 108 a. rephvn: Versus de volucr. cod.
Selestad. f. 110a. cod. Vindob. 804 f. 185b. reph huon: cod. Guel-
pherbyt. Aug. 10. 3. 4<> f. 89 a, rephount : cod. Parisin. 9344 f. 42b.
rephün coturnix: cod. Vatic. Reg. 1701, 2 b. rephun: Regum 1,26,
20: cod. Gotwic. 103, 52 b, Clm. 13002, 221b. ortygometra: Sapientia
16,2: Clm. 13002, 225 a. Ecclesiasticus 11, 32 : Clm. 13002, 225 a.
Jeremias 17, 11: Clm. 13002, 222b, rephon: cod. Vindob. 2723, 39b,
rebhun: Clm. 22201, 240f. Ecclesiasticus 11, 32: Clm. 22201, 246a.
ortigometra: Sapientia 16, 2: cod. Gotwic. 103, 72 a, Clm. 22201,
245h. Regum 1,26,20: Clm. 22201, 239b, repahuon: cod. Vindob.
2732, 31a. cod. SGalli 270, 64. Jeremias 17, 11: cod. Vindob. 2732,
46a. repahun ortigometra: Liber de propr. sermonum: Clm. 19440,
25. ortygometra: Sapientia 16, 2: Clm. 14689, 42b. rebehuon cotur-
nix: Notker Wps. 104, 40. rebehun coturnices: GH. Salomon. al:
Clm. 22201, 33 d. rebehun : Versus de volucr. : cod. Admont. 476. H.
S. XI b: cod. Admont. 269, 62a, rebohonh coturnix perdix: cod. Ad-
mont. 269, 49b. rebuhuon: Ecclesiasticus 11, 32: cod. Gotwic. 103,
72 b. — Akk. — rebhvon ortygometram : Sapientia 16. 2: Clm. 4606,
125b, rephun: Clm. 18140, 69b.
Der Ausdruck Rebhuhn ist in althochdeutschen Glossen
seit dem 10. Jh. als reb(a)huon, rep{a)huon belegt. Diese Formen
lassen sich als 'Rebenhuhn' deuten, aber der vermutliche Zu-
sammenhang mit ahd. reba 'Rebe' ist offenbar erst sekundär;
ebenso scheinen die entsprechenden niederdeutschen Formen
mnd. raphön, nnd. rapphön = mndl. raaphoen, nndl. raphoen sich
sekundär an das Adjektiv rapp 'rasch, heftig' angelehnt zu haben.
Im Angelsächsischen fehlt dieser Name (dafür erscheint einmal
ersehenn, zu ersc 'Stoppelfeld'); auch die skandinavischen Worte,
dän. rappham, schwed. rapphöna, sind nicht einheimisch, sondern
Entlehnungen aus dem Niederdeutschen.
Die Benennung des Yogels erinnert an die Laute, die
man von aufgescheuchten Rebhühnern hört und die Naumann
mit e ripripripriprip', andere Beobachter mit e zirrep' und ähn-
lichen Lautgebilden wiedergeben. Aber der onomatopoietische
Ursprung des Namens, den einige auf Grund dieser Überein-
stimmung angenommen haben, erscheint doch unsicher in An-
Rebhuhn, perdix cinerea oder perdix perdix 257
betraehl dessen, daß die baltisch-slavischen Sprachen Synonyma
von verwandtem Aussehen aufweisen und »lall die Bildung des
Vogelnamens somit in eine weil zurückgelegene Zeil zu fallen
scheint. — G-leichbedeutend mit ahd. rSb{a)huon sind russ. rjabka,
sloven. jerch, sevb.jareb (aus akslav. jarfbi, jerfbi), <li<' auf dem
akslav. Adjektiv /r/>u 'bunt* beruhen, und lett. irbe. Das gegen-
seitige lautliche Verhältnis dieser Synonyma haben u. a. Noreen
Abriß s. 89, Mtach Zs. i d. Wi IL 285 und Falk und Torp Et
ordb. I, 293. IL L29 zu bestimmen versucht. Nach Falk und Torp
wäre «las althochdeutsche Wort aus einer german. Greif. *rep-
umgebildet, die sich mit den slavischcn Synonyma aus einer
idg. Basis *(e)re{m)b- begreifen ließe; mit den vorhingenannt«'n
Worten sei von Hause aus identisch auch anord. jarpe "Hasel-
huhn 1 (schwed. hjärpe, norweg. hjerpe) aus jarpr c braun' = ags.
earp 'dunkelfarbig', ahd. erpf (idg. Grdf. *erdbo-). Weiterhin wei-
den durch Annahme hypothetischer idg. Wurzel Variationen anord.
rjüpa (norweg. rype) 'Schneehuhn', lit. erube\ jerube Mass.", lett.
rubenis 'Birkhuhn' (idg. Grdf. *(e)reub-) und schwed. ripa 'Schnee-
huhn', lit. ratbas e graugesprenkelt (von Yögeln)' (idg. Grdf. *(e)reib)
herangezogen.
Eine synonyme Benennung mit ahd. rebhuon, rephuon ist
feUhuon 'Feldhuhn': felthuon coturnix grece. hortigoraatra hebraice.
perdix latine : cod. Bonn. 218, 61b. ortigometra : cod. sem. Trevir. f. 112 b,
veltihuon: cod. Guelpherbytan. Aug. 10. 3. 4° f. 89a, feldhon: cod. Berol.
Ms. lat. 8° 73, 124a. uelthon perdix: cod. Cheltenham. 7087, 14* a. ueUhun.
cod. sem. Trevir. R. III. 13, 105a. velhvn i rebhvn perdix et coturnix: Clm.
14689 f. 47 a; dazu andd. ueldhön in den Straßburger Glossen (Wad-
stein Kleinere altsächs. Denkm. S. 107 *), mnd. velthon. Der Aus-
druck ist heute in den Rheingegenden üblich: westtäiLFeldhaun 1 ,
luxemburg. Feldhony 2 m., elsäss. Feldhuen (Feldhünkel)*.
Mit dem französischen Einfluß der Ritterzeit drang frz.
perdrix in der picardischen Form pardrix, partrix 'Rebhuhn'
in das Niederländische und das Niederdeutsche. Das Fremdwort
begegnet zunächst als patris (= wis) bei Berthold von Holle
Demantin (Ed. Bartsch) V. 3697 und in der Glosse partrise ( = ornix)
1 Woeste 288. — 2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 520.
3 Martin-Lienhart I, 346.
Suolahti, Vogelnameu. 17
258 Steinhuhn, perdix saxatilis, caccabis saxatilis.
des Lichtentaler Glossars (Zs. f. d. Wf. IX, 221b); im Mittel-
niederländischen partrijs, nndl. patrijs, ostfries. patrise (Jb. f.
ndd. Sprach! XI, 112). Als höfisches Wort drang der Name
dann auch in das oberdeutsche Epos; schon in Wolframs Par-
zival kommt die ndd. Deminutivform pardrisekin vor. Auch
ins Englische wurde das französische Wort als me. pertriche,
ne. partridge übernommen.
Steinhuhn, perdix saxatilis, caccabis saxatilis.
Nach den Angaben von Brehm Tierleben V 3 , 530 und
Naumann-Hennicke VI, 152 bewohnt das Steinhuhn, der nächste
Verwandte des Rebhuhns, die Südgebirge der Schweiz und Tirols
und wird auch in Oberösterreich und im bairischen Hochge-
birge hie und da angetroffen.
Im 15./ 16. Jh. ist das Vorkommen von Steinhühnern in
den Rheingegenden bezeugt. Eine Straßburger Stadtordnung des
15. Jhs. 1 nennt neben dem grauen Feldhuhn (ein gro velthün)
oder dem Rebhuhn auch ein rot velthün, womit wahrscheinlich
das Steinhuhn gemeint ist. Sicher ist es dieser Vogel, den
Gybertus Longolius in seiner Schrift Dialogus de avibus (1544)
im Sinne hat, als er von Rebhühnern mit roten Schnäbeln erzählt,
die in der Umgebung der Stadt Köln sich in hoch gelegenen
Weinbergen, wo dichtes Gebüsch in der Nähe ist, aufhalten;
man nenne sie hier Roithöner (= Rothühner). Ausführlicher
wird das Steinhuhn von Gesner geschildert, der in Hist. avium
(1555) S. 655 sich auf Longolius beruft, aber auch Berichte
über diesen Vogel aus älteren Quellen wie der Chronik Stumpfs
u. a. abdruckt. Außer dem Namen Rothün (ein rot Räbhün), der
sicher aus dem Dialogus de avibus übernommen ist, nennt
Gesner den Ausdruck ein Pernijfen I oder Parnijffe, der auf
itdl. pernice zurückgeht. Nach Italien, wo das Steinhuhn besonders
häufig ist, weist auch die Benennung ein Weltfch Rdbhün (d. h.
ein welsches Rebhuhn) a. a. 0. Die ornithologischen Werke des
17./ 18. Jhs. erwähnen das Steinhuhn gar nicht oder reproduzieren
die Angaben der Vorgänger; Reyger Verbess. Hist. der Vögel
(1760) übersetzt den von Longolius genannten Ausdruck perdix
1 Brucker Straßburg. Zunftverordn. S. 266.
Wachtel, coturnix communis. < oturnix coturnix. 269
graeca. Der ungenannte Verfasser der Angenehmen Land-Last
(1720) 8. 342 meint mit den "rothen ßebhunern" deren er
kcins in Deutschland, aber in Prankreich gar riele gesehen,
die in Südfrankreich vorkommende perdii rufa.
Heutzutage isi Steinhuen 1 «li< i in der Schweiz übliche Be-
zeichnung für perdix Baxatilis, wird aber auch (wie schon bei
Gesner) vom Schneehuhn angewendet; in Steiermark isl Stein-
hähnl- n. der Name des Steinhuhns und des Siornellregenpfeifers.
Lexers Bind. Wb. Nachtrag S. 370 verzeichnet bereits ein mhd.
steinhuon, Eerner auch (I, 185) den mehrdeutigen Ausdruck
berchuon. Zum Unterschiede von den Schneehühnern, welche
stellenweise in der Schweiz whd Wildhenne* genannt werden,
heißt das Steinhuhn hier grdwi Wildhenne 1 . — Das Luxem-
burgische Wörterbuch hat für das Bothuhn die volkstümlich
aussehenden Ausdrücke Ruktfeissert (S. 367) (d. h. wohl •Rauch-
fuß') und Eisleker Feldhong (S. 105) (d. h. das Öslinger Rebhuhn).
Danach scheint der Yogel in den Gegenden, wo er einst von
Longolius beobachtet wurde, noch nicht verschwunden zu -ein 4 .
Wachtel, coturnix communis, coturnix coturnix.
Ahd. wahtala: Sg. Nom. — nuahtäla coturnix : Anhang z.
alten u. neuen Testament: C.lm. 14747, 96b. uvahtala lusciniam :
Servius in Vergil. E. VI, 78 (II, 141 L): Clm. 18059, 10 a. uua : htala
quaquara: cod. Vatic. Reg. 1701, 2 b. nuahtäla quaquadra : Clm.
14689 f. 47 a. coturnix . . . quasquilas : Psalmen 104, V) : cod. Stuttg.
herm. 26, 25b, wahtala: cod. Turic. Rhenov. 66, 57, Clm. 222öS, lila.
quarqua: GH. Salomon. a 1. quaquaria: H. S. III, 17. XI B 2. qua-
caria auis : b. g. vvahtila coturnix . . . quasquilas : Psalmen 104, 40: cod.
Angelomont. 14/11, 33a. wahtilla: cod. Selestad. 110a. wahtila quas-
quila: Versus de volucr. quaquara: GH. Salomon. a 1. coturnix grece
ortigometra dicitur similibus 5 auibus que quasquile uocantur sed
maior: Exodus 16, 13: Clm. 4606, 97b, cod. Admont. 508, 3b. uuaht-
hala : Clm. 14584, 127 b, wahtilae: cod. Turic. Rhenov. 66. 12, irahtile:
1 Staub-Tobler II, 1377. — 2 Unger-Khull 573
3 Staub-Tobler II, 1313.
4 Leider gibt das Wörterbuch der Luxemburg. Mundart niemals
die in der Naturwissenschaft angewendeten lateinischen Ausdrücke : des-
halb ist oft die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Begriffe nicht
sicher zu erkennen.
5 1. similis (Steinmeyer).
17*
260 Wachtel, coturnix communis, coturnix coturnix.
cod. Stuttg. herm. 26, IIa, cod. Angelomont. I 4/11, 7a; cod. Stuttg.
th. et phil. f. 218, 10b; wathtila: cod. Lugdun. 191 E, 63b. watala:
cod. Parisin. 9344 f. 42 b, cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 124a. H. S. XI b:
cod. Kilian. 47, 5b. — PI. Nom. — -wahtilun quasquile : Psalmen
104, 40: Clm. 4606, 120 b. wdhtelon coturnices *. ortigometra: Pru-
dentius H. a. ine. lue. 102 : cod. SGalli 292, 168.
Die Wachtel lebt verborgen vor menschlichen Blicken im
tiefen Ährenfelde ; selten würde man von dem Vorkommen des
Vogels etwas wissen, wenn das Männchen es nicht durch seinen
charakteristischen Ruf meldete. Dieser Ruf oder der sogenannte
Schlag wird in den meisten Gregenden in menschlichen Worten
ausgelegt und ist auch vielfach bei der Bezeichnung des Vogels
verwertet worden. Voigt umschreibt den Wachtelschlag in seinem
Excursionsbuch S. 209 mit e pückwerwück 3 oder e pickperwick',
wo der Ton auf der letzten Silbe liegt. Eine andere Interpre-
tation geben Haacke und Kuhnert Das Tierleben Europas I, 293 ;
danach ist der Ruf ein in Daktylusrhytmus vorgetragenes e püt
püt püt'. In den volkstümlichen Auslegungen erkennt man
ebenfalls eine doppelte Auffassung, indem einerseits der k-Laut,
andererseits der t-Laut gehört wird; gemeinsam ist aber der
kurzsilbige Staccato-Rhytmus. Nach Swainson The Folklore S.173
ruft die Wachtel in England Weet my feet oder Wet my lip oder
Quick me dick; in den englischen Mundarten sind diese Um-
schreibungen auch zu Benennungen des Vogels selbst geworden.
In Frankreich hört man im Wachtelschlage die Worte "paye
tes dettes" oder "tres per un, tres per un" oder "j'ai du ble,
j'ai pas de sa (= sac)"; in anderen Dialekten wird er mit "cour-
calihat, carcaillet" u. dgl. wiedergegeben, vgl. Rolland Faune po-
pulaire II, 342. In Deutschland hört der Schwabe den Ruf des
Vogels als "sechs Paar Weck", der Elsässer als "Bäwele, wit mi
nit" oder "Beck verreck" 2 , der Luxemburger als "bekderek" =
siebenbürgisch "bäk dem xäk (da fauler sträk)" 3 . Die letztge-
nannte Deutung ist als Bück den Rück auch auf dem nieder-
deutschen Gebiet bekannt. Andere Interpretationen in Meder-
deutschland sind "Weck den Knecht" oder "Flick de Bücks" 4 ,
1 alites in der Edition. — 2 Martin-Lienhart II, 787.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 25. — 4 Danneil 242.
Wachtel, coturnix communis, coturnix coturnix. 261
d. h. 'Flicke die Eose' (in Altmark): in Albringweide ruft die
Wachtel "wak di wak" zn Bracke] bei Dortmund "küpken-
blick", zu Hemer "smet mi uit", vgl. Woeste Erommanns D. Mund-
arten V, 76. Einzelne von den Deutungen halten sieh dann in
dvn Mundarten als Namen <\rv Wachtel festgesetzt So beißt der
Vogel in der ostfriesischen Mundart Kütjenblik, GiHjenblik 1 ,
in der Groningenschen Mundart Kutdjeblik* : in Mecklenburg
und Lübeck Flick de Büx 9 ) in Albringwerde Kwabbelfett^ in
Preußen Ptdpurlüt 5 .
Im Verhältnis zu diesen durchsichtigen onomatopoietischen
Bildungen ist der alte westgermanische Name des Vogels, welcher
in and. wahtala, mhd. mnd. mndl. wachtele und ags. ivyhtel 6 vor-
liegt, dunkel. Bin Zusammenhang mit dem Yerbum wachen ist
nicht zu verkennen 7 , aber dieser ist sicher nur sekundär, durch
einen zufalligen Gleichklang verursacht worden. Wahrscheinlich
liegt dem durch das (a)/o-Suffix (mit deminutivem Sinne) gebil-
deten Namen der Wachtelschlag, als wak gedeutet, zugrunde.
Neben dem deutsch- niederländischen Wachtel (daraus
schwed. vaktel, dän. vagtel) gehen altbezeugte Namensformen mit
anlautendem Qu-. Die ältesten Belege fallen in das 10. Jh.:
Sg. Nom. — quattula ortigometra. dux ortigiarum. i. coturnicum: Sa-
pientia 16,2: cod. Carolsruh. SPetri 87, 76b. qudttala coturnix: Exodus
16, 13 : cod. SGalli 292, 9. quatala coturnix : cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3.
4o f. 89a, {ivatala cod. Parisin. 9344 f. 42b, cod. Berol. Ms. lat. 8<> 73, 124a).
quattele quaquara: cod. Oxon. Jun. 83, 4 (13. Jh.). qttele coturnix: cod.
Cheltenham. 7087, 144a. quahtila gabia: GH. Hildegardis (13. Jh.). — PL
Nom. — quattulon coturnices: Psalmen 104, 40: cod. Carolsruh. SPetri
87. 74a. quahtelun ortigometre . . . coturnices: Exodus 16, 13: cod. Vatic.
Pal. 288, 58 c. — Yon den obengenannten Handschriften sind die
1 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 112. — 2 Molema Wb. S. 232.
3 Schiller Zum Tierbuche II, 11 und Schumann Beiheft zur Zs. f.
d. Wf. IX, S. 3.
4 Woeste 151. — 5 Frischbier II, 194.
6 U. a. von Sweet The Stud. Dict. S. 206 verzeichnet. Nach einer
freundlichen Mitteilung Dr. Sweets ist das ags. Wort in Glossaren belegt,
welche nicht vor dem 10. Jh. entstanden sind.
7 Vgl. z. B. den Vers bei Rückert : "Die Wachtel wacht die ganze
Nacht" und "Nur die Wachtel, die sonst immer frühe schmälend weckt den
Tag, schlägt dem überwachten Schimmer jetzt noch einen Weckeschlag"
bei Unland, Sonnenwende.
262 Wachtel, coturnix communis, cotumix coturnix.
drei, in welchen die Bibelglossen enthalten sind, Parallelhand-
schriften, die einer gemeinsamen Vorlage entstammen. Da alle
Abschriften die Lautform mit Qu- schreiben, muß sie dem Ori-
ginal angehören. Nach Steinmeyer Anz. f. d. A. XXVI, 206 war
dieses fränkisch. Von den heutigen fränkischen Mundarten kennt
die mittelfränkische den Wachtelnamen in der Form Quattel
(J. Müller Aachener Mundart (1836) S. 193). Von den anderen
oben aufgezählten Handschriften weist der cod. Cheltenham. 7087
Eigentümlichkeiten der Osnabrücker Mundart auf 1 . Auch der
Charakter der übrigen zitierten Glossare und die späteren Zeug-
nisse bei Diefenbach Glossar. S. 154 f. s. v. coturnix, 480 s. v.
quiscula, Novum glossar. S. 117 s. v. coturnix sprechen
dafür, daß die Namensform quattula > Quattel am Mittel- und
Niederrhein heimisch war. Hier begegnet auch die Variante
quackele bei Diefenbach a. a. 0. und S. 401 s. v. ortigometra,
425 s. v. perdix, heute ndl. -fries. kwakkel Eine dritte Variante
ist ndl. kwartel.
In romanischen Sprachen finden sich anklingende Synonyma,
afrz. quaille (daraus me. quaile, ne. quail), nfrz. caitte, prov. calha
(mittellat. quacules in den Keichenauer Glossen, Germania VIH,
410). Ein mittellat. quacara, das dem rätoroman. quacra am
nächsten steht, begegnet bei Monachus SGalli De Gestis Karoli
Imperatoris I Kap. 20 (Pertz Monumenta Germaniae Historica
Scriptores II, 739), dann auch in Glossen quaquara quasquila,
quisquila 2 . Da die vulgärlat. Bildung quacula oder quaquara, welche
sicher aus dem Eufe des Vogels hergeleitet ist, im Spanischen
und Italienischen ursprünglich nicht heimisch gewesen zu sein
scheint, so kommt für die alte Heimat des Namens das gallisch-
niederrheinische Gebiet (auch Westfalen eingeschlossen) in Be-
tracht. Danach ist saalfränkischer Ursprung des Vogelnamens
möglich. Doch fehlen uns Kriterien, die näher entscheiden können,
ob die Bildung auf fränkischem oder romanischem Boden ent-
standen ist. Ahd. quattula ist wohl als eine Kompromißform von
wahtalu und quacula aufzufassen; vgl. ahd. quahtala, quahtila.
1 Vgl. die Anmerkungen von Steinmeyer in Ahd. GH. III, 721.
2 Vgl. prov. quisquila (in alter Zeit belegt), s. Rolland Faune popu-
laire II, 339.
Großtrappe, otis tarda. 868
Hie und da findet man in deutschen Mundarten auch
Bezeichnungen der Wachtel, welche nicht onomatopoietisch sind.
rgi. z. B. elsäss. Dreekvogel\ preuß. Kornmutter* (eigtL die
Benennung für eine Sagengestalt, die im Kornfelde hausen soll).
Aus dem Slavischen entlehnt ist preuß. Perpetitze*.
IX. Erd- und Sumpfläufer, Cursores.
Trappen, Otididae.
Großtrappe, otis tarda.
Die Trappe, die die Jäger zur sog. hohen Jagd zählen
und als Edelvogel bezeichnen 3 , ist in Deutschland da zu finden,
wo weite baumlose Ebenen mit unbegrenzter Fernsicht vor-
handen sind. Nach Naumann-Hennicke VII, 60 ist der Vogel
im nördlichen und mittleren Deutschland häufig, namentlich in
den preußischen Provinzen Brandenburg und Sachsen.
Gesner glaubt sich zu erinnern, daß Trappen in seiner
Heimat nur drei oder viermal gefangen wurden, aber im Elsaß
und um die Stadt Breisach waren die Vögel zu seiner Zeit
nicht ungewöhnlich. Die von Gesner Hist. avium (1555) S. 469
erwähnten Namen Trapp und Trapganß kommen schon in
mittelhochdeutschen Texten und Glossaren als trappe oder trap-
gans öfters vor; zum ersten Mal ist trappe bei Hartmann von
Aue im Erec belegt. Das Kompositum Ackertrapp begegnet da-
gegen zuerst bei Gesner und ist dann von Junius Nomenciator,
Schwenkfeld Ther. Sil. u. a. aufgenommen. — Im Adelichen
Land-Leben II, 628 Kap. CVI berichtet Hohberg, daß die Trappen
in Österreich gar selten sind, auch der Verfasser der Ange-
nehmen Land-Lust (1720) S. 343 findet, daß "die Trappen nicht
unbillig unter die feltenen Vögel gezehlet werden, ob fie gleich
in Thüringen und anderen orten bekannt find".
Wenn man bedenkt, daß der Vogel auf dem ehemals
slavischen Sprachboden Deutschlands seine liebsten Weideplätze
hat und in Polen, Galizien und Rußland besonders häufig ist,
1 Martin-Lienhart I, 99. — 2 Frischbier I, 411. II, 134.
3 S. Kehrein Wb. der Weidmannssprache S. 88.
264- Kibitz, vanellus cristatus, vanellus vanellus.
so darf man annehmen, daß der mittelhoch- und mittelnieder-
deutsche Name trappe eine Entlehnung aus dem entsprechenden
polnisch-czechischen Ausdruck drop ist. Die in Luxemburg vor-
kommende Benennung weld Mierhong 1 f., d. h. wilder Truthahn
(eigtl. Meerhuhn), ist nur eine Übersetzung des in benachbarten
französischen Dialekten vorkommenden Ausdrucks dinde sauvage,
dindon de mer.
Die kleine Trappe (otis tetrax) ist in Deutschland nicht
heimisch. Doch ist es vorgekommen, daß dieser Vogel auch nach
Deutschland und Österreich verflogen ist. So erzählt Martin in
seiner Naturgeschichte I, 2, 452, daß im Jahre 1870 ein zahl-
reicher Flug Zwergtrappen sich in Thüringen niederließ. Mehr
als hundert Jahre früher erzählt der Danziger Ornithologe
Klein Hist. av. prodr. S. 18 von einer Zwergtrapphenne, welche
im Jahre 1737 geschossen und ihm gebracht wurde. Er nennt
den Yogel Trieltrappe oder Grieltrappe (zu Triel, Griel 'Brach-
huhn 2 ).
Regenpfeifer, Charadriidae.
Kibitz, vanellus cristatus, vanellus vanellus.
Der bekannteste von allen Regenpfeifern ist der gehäubte
Kibitz, der besonders zahlreich in Holland und den nord-
deutschen Sumpfgegenden und Marschlanden vorkommt, aber
auch in anderen Teilen Deutschlands recht häufig ist. Der Name
des Yogels ist in den Mundarten in zahlreichen Lautvarianten
verbreitet. Zum ersten Mal begegnet er im 13. Jh. in der Form
gibiz, (: elbiz,) in Konrads von Haslau Jüngling Y. 258 (Zs. f. d.
A. Yni, 558), darauf im 14. Jh. giwiz in Hadamars von Laber
Jagd Y. 528 (Ed. Schindler S. 132) und in der Glosse giwicz
des Stuttgarter Pergamentblattes 3 (Yersus de volucribus in Ahd.
Gll. III, 25 32 ), im 15. Jh. gybicz in einem Yocab. ex quo v. J.
1432 (Frommanns D.Mundarten IY, 298), geybitz in einem Yocab.
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 284.
2 Frischbier verzeichnet das Wort Trieltrappe im Preuß. Wb. II, 411
nach Bujack, der es wohl aus Klein hat.
3 In Mones Abdruck, den Steinmeyer als "offenbar mehrfach fehler-
haft" bezeichnet, s. Ahd. Gll. IV, 620.
Kibitz, vanclhis < iistatus. vanellus vanellus. 265
v.J. L419 1 and im Vocab. theuton. (1482) S.ee 2a, and gawbitz in
einem Vocab. v. .). L445 1 uml in einer Version des Märchens
vom Zaunkönig (Germania VI, 90), im 16. Jh. Qeubiü bei EL Sachs
Regim. der Vögel (1531) V*. l<)'_\ Diese Zeugnisse entstammen
dem bairisch-ö8terreichischen (oder schwäbischen) Dialektgebiet,
wo die diphthongierte V^v\\\ Geibitz* aoch heute vorkommt An
diese schließt sieh die Form Gifitz in der Schweiz (im L6. Jh.
Gyftte bei Gesner Hast avium 8.723) und im Elsaß (vgL Mar-
tin-Lienhart 1, L99) an, dazu die schweizerischen Varianten Gibiz,
Gifix, Giwix sowie Gewitz* in Elurnamen bei Staub-Tobler II,
130. Dem ostmitteldeutschen Sprachgebiet eigen ist die Lautform
Kibitz, welche in Sachsen zuerst bei Eber und Peucer Vocab.
( 1 552) s. E3 7 l) (Kybitz) begegnet und im 17/18. Jh. in die Wörter-
bücher eindringt In Schlesien schreibt Schwenkfeld Ther. Sil.
(1(303) S. 365 Gijbitz {Gyfitz, Gywitt); seine Orthographie ist von
seinem Vorgänger Gesner teilweise beeinflußt. In Niederdeutsch-
land ist die entsprechende Namensform als ktvü (= mndl. kievit)
in mittelniederdeutschen Quellen bezeugt, heute ndd. Kiwit(t)
(auch als Familienname, vgl. Jb. f. ndd. Spracht. VI, 149), ndl.
kievit allgemein.
Dem deutschen Vogelnamen sieht das gleichbedeutende
russische cibizü, cibezü ziemlich ähnlich, doch darf man deswegen
nicht an Entlehnung denken. Die Übereinstimmung der beiden
Sprachen hat ihren Grund in dem onomatopoetischen Charakter
des Namens, der dem Warnungs- und Lockruf des Vogels nach-
gebildet ist. Naumann 4 schildert diesen Ruf als ein ziemlich hell
und vernehmlich klingendes 'kibit' oder 'biwit', auch e kihbit\
In Niederdeutschland wird der Kibitzruf manchmal in Kinder-
liedern umschrieben ; so in Osnabrück : "Kiewitt, wo bliw ick,
wenn die Welt vergeht und nix mehr steht", in Altmark :
"Kiwitt, avo bliw ick? im Brummelberbüsch ! Dao sing' ick,
dao fleit ick, dao hebb' ick min Lust" 5 . — Manche Indizien
machen es wahrscheinlich, daß gerade Niederdeutschland, die
1 Schmeller-Frommann I, 868.
2 Schmeller-Frommann I, 868, Höfer Et.Wb. II, 131, Schmid Wb. 226.
3 Im 15. Jh. begegnet gebytz im Vocab. theuton. (1482) S. k 6 a.
4 Naumann-Hennicke VIII, 9.
5 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. X, 1 und Danneil 101.
266 Kibitz, vanellus cristatus, vanellus vanellus.
bevorzugte Heimat des Kibitzes, auch die Heimat des Namens
ist, und daß dieser allmählich von dort nach dem Süden vor-
gedrungen ist. Jedenfalls hat sich das Wort, dessen ältestes Zeug-
nis gibii, dem ndd. kivit entspricht, auf hochdeutschem Sprach-
boden an die auf -Hz endenden, aus dem Slavischen entlehnten
Vogelnamen (Stieglitz, Wonitz, Grinitz u. a.) angeschlossen und
danach sein Suffix umgebildet.
Neben dem in hoch- und niederdeutschen Mundarten weit
verbreiteten Namen Kibitz (Gifitz) ~ Kiwit begegnen eine Menge
landschaftlicher Varianten, die teils als Umgestaltungen von jenem,
teils als direkte Interpretationsvariationen des Kibitzrufes an-
zusehen sind. Bereits im 15. Jh. tritt die Lautform Fifitz in den
Straßburger Stadt Verordnungen auf: vifitze (im J. 1425), vifitz
(in den Jahren 1449. 1459 und öfters), s. Brucker Straßburger
Zunftverordnungen S. 183. 226. 229. 258. 266; in Baldners Vogelb.
v. J. 1666 S. 52 ein Fifitz ein Geijfitz oder Fijfitz. Heute ist
diese Form bereits ausgestorben l ; in Blotzheim (Süd-Elsaß) kommt
die Variante Sifitz 1 vor.
In Hessen-Nassau lautet der Name des Kibitzes Piewiiz,
Püewitz oder Püwik 2 , im Westerwald Piwitz (im Vogelsberg um-
gedeutet zu Peterwitzel 2 \ in Luxemburg Piwitsch 3 oder Piwek,
Peiwek 3 (daneben auch Kewitsch, Kiiviz, Kibiz 3 ); in Oberhessen
sind die entsprechenden Formen Bewittig (Boemttig) und Bebich
(Boebich) 4 . Von diesen westmitteldeutschen Varianten ist Piwitz
offenbar im Anschluß an den allgemein bekannten Typus Kibitz
aus dem Kufe des Vogels gebildet, den man als piwit deutete;
diese Auslegung liegt auch dem in den englischen Dialekten
verbreiteten Synonymon peewit' (= frz. daaüL. jpivit 9 ) zugrunde. —
Die Lautform Phvik stimmt vollständig überein mit russ. piwikü
(neben phvinü) ; ob die deutschen Dialekte sie aus dem Slavischen
übernommen haben, oder umgekehrt, ist schwer zu entscheiden.
Eine direkte Nachbildung der Vogelstimme ist mnd. tymt
(= formipedus) im 15. Jh. (Diefenbach Glossar. S. 243b), worauf
1 Martin-Lienhart I, 96. II, 329.
2 Kehrein 806, Pfister Nachtr. zu Vilmar Id. S. 206.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 222. 225. 337. — 4 Vilmar 35.
5 Swainson The Folklore S. 184.
6 Rolland Faune populaire II, 349.
Tricl, oedicnemus crepitans, oedicnemna oedicnemus. 267
TifittiL 1 (Ttßteke, TefiUek 1 ) in Göttingen and QTubenhagen be-
raht; vgl frz. dial. tt-huü* (volksetymologisch umgebildet zu dix-
huit' 2 ) und engl, dial teuß*. In der rerhochdeutscbten Gestalt
ZiehfiUich 4 kommt die Variante im benachbarten Nbrdhausener
Dialekt (in Thüringen) vor. Westerwäld. Ziwik* scheinl aus einer
Kontamination dieser letztgenannten Variante mit Ptwik entstanden
zu sein, ebenso wie rheinhess. Qiewick* ans Oißz and Piurik.
Zu den bereits erwähnten niederdeutschen Variations-
formen gesellt sieh noch Kliwit 1 in Göttingen und Grubenhagen.
Unter den Benennungen des Kibitzes führt Klein Bist
av. prodr. (1750) S. 19 den Ausdruck Feld-Pfau an, welchen
Keyger Verbess. Hist. der Vögel S. 20 aus dem Federbusch auf
dorn Kopfe des Vogels erklärt, Adelung (1775) II, 1568 aber
aus dem schönen Gefieder und Frisch Vorstellung der Vögel
XII, II, B2a aus den aufrichtbaren Nackenfedern, dem hoch-
trabenden Gang und dem Geschrei deutet. — Unklar ist das
Synonymon Zweiel bei Gesner a. a. 0. S. 732, das auch von
Adelung verzeichnet wird.
In England ist eine alte Bezeichnung des Kibitzes er-
halten in dem Worte lapwing, das auf ags. hUapewince zurück-
geht. Das Kompositum bedeutet einen e der beim Laufen herum-
dreht' (zu ags. lileapan 'laufen' und ivincian 'drehen'), ist aber
in dieser Gestalt bereits volksetymologisch umgestaltet. Eine
ältere Form ist in den Erfurter Glossen als IcepmänccB bezeugt,
dessen erster Teil im synonymen nordfries. Map f. (Johansen
Nordfries. Spr. S. 11) als selbständiger Vogelname vorkommt. Eine
Deutung des Wortes ist nicht gefunden. — Die modernen skan-
dinavischen Dialekte haben für den Vogel eine gemeinsame Be-
nennung: dän. vibe, schwed. vipa, norweg. vtpa. Die Erklärung des
Ausdrucks bei Falk und Torp Et. ordb. II, 441 aus dem Federbusch
des Kibitzes (mnd. unp 'Büschel') will nicht recht einleuchten.
Triel, oedicnemus crepitans, oedicnemus oedicnemus.
Wie der Kibitz, so wird auch der Triel oder der Dich- fuß von den
Regenpfeifern in engerem Sinne als besondere Gattung gesondert.
1 Schambach 230. — 2 Rolland Faune populaire II, 349.
3 Swainson The Folklore S. 184. — 4 Hertel 2i)i.
5 Pfister a. a. 0. — 6 Kehrein 164. — 7 Schambach 104.
268 Regenpfeifer, charadrius.
Der Ausdruck Triel begegnet zuerst bei Gesner Hist. avium
S. 245 neben der Variante Griel l . Diese ist heute die in Holland
übliche Lautform. Wahrscheinlich ist der Ausdruck ein schall-
nachahmendes Lautgebilde ebenso wie frz. courli 'Triel und großer
Brachvogel'. Wenn Voigt Excursionsbuch S. 255 behauptet, daß
man unter Umständen den Namen des Vogels wie e Trie-ir vom
Rufe heraushören kann, so ist diese Angabe nur mit Vorsicht
aufzunehmen, da Voigt in solchen Fällen, wo ihm der Vogel-
name bekannt ist, sich von diesem irreführen läßt. Naumann
umschreibt die Stimme des Triels mit 'Krärlüth' oder e Kräüth' 2 .
Vgl. S. 282.
Ob die in der Wissenschaft üblich gewordene Variante
überhaupt eine reale Existenz hat, kann bezweifelt werden, denn
der Beleg bei Gesner, der sonst durch keine Zeugnisse gestützt
wird, scheint etwas unsicher. Den in der Schweiz seltenen Vogel
hat Gesner zwar bei einem Freunde in gezähmtem Zustande
beobachtet, aber der Name ist ihm offenbar nicht geläufig, denn
er äußert sich hierüber a. a. 0.: [Der Vogel] wird irgendwo
auf deutsch — wenn ich mich nicht irre — Triel oder Griel ge-
nannt. Aitinger Bericht v. d. Vogelstellen (1631) und Nemnich
Polyglottenlexicon, welche die Form Triel anführen, berufen
sich ausdrücklich auf Gesner; ebenso Baldner im Vogelb. (1666)
S. 56: "Ein Thriehl diefer Vogel wird in Hr. Doctor Geßners
Thierbuch alfo genennt".
In Preußen heißen die Triele Sandhühner ,3 , in Holland
doornsluiper (d. h. Dornschlüpfer).
Regenpfeifer, charadrius.
Die Regenpfeifer sind besonders in der nördlichen Hemi-
sphäre häufig, einige Arten sind jedoch über ganz Europa, ja
sogar über die ganze Welt verbreitet. Die kurzhälsigen, dick-
beinigen, hübschen Vögel bewohnen zum Teil sandige Fluß-
ufer und öde Heiden, zum Teil Moore und Sümpfe und lassen
hier ihre helltönende, schwermütig klingende Stimme hören.
1 Frischbier I, 253. II, 538 gibt den Namen Grülvogel, Krülvogel
mit der Bedeutung 'Grüner Kibitz'.
2 Naumann-Hennicke VIII, 130. — 3 Frischbier II, 246.
Regenpfeifer, charadrius. 269
Besonders vor Eintritt eines Regenwetters soll das Pfeifen laut
tönen, und die Vögel haben daher den Ruf unfehlbarer Wetter-
propheten. Dem deutschen Ausdruck Regenpfeifer entspricht
im Französischen der Name plurier.
Eine alte Benennung für Regenpfeifer steckt wühl in dem
angelsächsischen Worte hwilpe, das im Gedichte Seefahrer V. 21
einen Wasservogel bezeichnet. Der Name ist den an ftfeeres-
ufern wohnenden Westgermanen gemeinsam, rgl. ndl. wilp, wic/p,
ostfries. Regen icilp ) ndd. Waterwolp als Namen für Regenpfeifer
und Schnepfen; eine abgeleitete Bildung tritt zutage in ags. hui-
festre *Regenvoger = ostfries. mlster (vgl. Kluge Stammbildung 2
§ 49). Nach H. Schröder Zs. f. d. Phil. XXXVII, 393 f. gehören
die Namen mit ahd. weif, ags. hwelp 'junger Hund* zu einem
Stamme *hicelpa- oder *hwe%fa- 'Schreier'.
Die Stimme einiger Arten der Regenpfeifer besteht n. a.
aus Lauten, welche von den Ornithologen mit e tüht' oder Mut'
wiedergegeben werden. Diese flötend ausgestoßenen Laute, die
in Lübeck dem Goldregenpfeifer den Namen Fleäer 1 (= Flöter)
eingetragen haben , liegen dem Ausdruck Tüte l zugrunde,
welcher in Niederdeutschland verbreitet ist und im Münster-
kreise speziell vom Goldregenpfeifer gebraucht wird: vgl. Rin-
tütar 2 'Regenpfeifer' in der nordfriesischen Mundart und Ttite-
welle x neben TüteweJp (vgl. Regenivilp oben) = numenius arquatus
in Münster. In Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 51 heißen die
kleinsten "Brachvögel" Dittgen, das eine Deminutivform Dütchen
von dem eben erwähnten ndd. Tüte ist; damit sind offenbar
der Fluß- und der Halsbandregenpfeifer gemeint. Andere Syno-
nyma für Regenpfeifer und mit ihnen nahe verwandte Vögel
sind Sand-Lauffer oder Grieß Huhn bezw. Grießhünlein bei
Hohberg Adel. Land-Leben (1687) II, 758. III, 355 und Döbel
a.a.O. S. 71; vgl. steir. Grieshuhn* und tirol. Griesgand 4
(= Kiesgänschen). Bereits im 15. Jh. in einer Version des
Märchens vom Zaunkönig (Germania VI, 90) wird der Name
Gryes Yogi genannt. — Der Name Pardel, den Frischbier in
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht. XVI, 83. 86.
2 Johansen Nordfries. Spr. S. 141. — 3 Unger-Khull 307.
4 Frommann D. Mundarten IV, 54.
270 Regenpfeifer, charadrius.
seinem Preußischen Wörterbuch II, 121 als Bezeichnung für
den Kibitz verzeichnet, geht auf Keyger Yerbess. Hist. der
Vögel (1760) S. 19 zurück. Das Wort ist nur eine gelehrte Bil-
dung nach dem mittellat. pardalus 'Regenpfeifer' in den älteren
naturwissenschaftlichen Werken und beruht auf griech. TidpbaXoc
(bei Aristoteles).
In seinem Yogelbuche S. 488 ff. schildert Gesner eine
Anzahl Sumpf-, Strand- und Wasserläufer auf Grund der Ab-
bildungen, welche der Straßburger Maler und Vogelsteller Lukas
Schan von denselben verfertigt hatte. Aus den unkolorierten
Reproduktionen, die Gesner von diesen Bildern gibt, kann man
nicht sicher den betreffenden Vogel erkennen und die Beschrei-
bungen sind leider sehr ungenau. Da gerade bei diesen Vogel-
gattungen die Farbentracht je nach der Jahreszeit sehr ver-
schieden ist, und die Schilderung vielfach an die Färbung
anknüpft, fällt es schwer, die einzelnen Arten, welche mit den
in der Straßburger Gegend üblichen Benennungen bezeichnet
sind, mit Sicherheit festzustellen. Doch glaubt man in den letz-
ten zwei Bildern, denen die Namen Riegerle und Koppriegerle
beigefügt sind, Abbildungen von Regenpfeifern zu erkennen.
Und zwar scheint der erstgenannte Vogel der Flußregenpfeifer
(charadrius fluviatilis), der letztgenannte der Halsband- oder
Sandregenpfeifer (charadrius hiaticula) zu sein. Die angeführten
Namen begegnen auch sonst in Straßburger Quellen: im Strass-
burg. Vogelb. (1554) Regerlin (V. 348), Kopp Riegerlin (V. 354),
in Baldners Vogelb. (1666) S. 67 ein Riegerlin, Kop Riegerlin
(= eh. hiaticula), S. 73 ein kleines Riegerlin (= eh. fluviatilis).
Die Namen scheinen jedoch keine Straßburger Lokalworte zu
sein, denn aus Zorns Petino-Theologie (1743) II, 425, wo "die
fo genannten Riegerlein" erwähnt werden, bekommt man den
Eindruck, daß der Name in der bairischen Mundart des
Verfassers geläufig war. Die Beschreibung, welche Zorn von
den ihm bekannten drei Arten gibt, paßt besser auf totanus-
und tringa- Arten als auf die Regenpfeifer. Auch Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 281 verzeichnet die Ausdrücke ein Kop
Riegerle, Kobel Regerlin als Benennungen des Halsbandregen-
pfeifers; die Namen ein Riegerlin, Sand Regerlin im Sinne von
Regenpfeifer, charadrius. 271
Blnßregenpfeifer gibt er als schlesisohe Worte an. Frischbiers
prenß. Dialektwörterbuch führt (II. 247) Sand regerlein 'Sand-
titafer, Wasserschnepfe' nach Mühling an; der Name stammt
wohl aus den ornithologischen Werken [Heins und Beygers,
die ihn aus Schwenkfeld übernommen haben. Der Ausdruck
Rieger (»der Reger bezieht sich wohl auf die Stimme des Vogels;
im Elsaß heißt dov Zaunkönig, dessen Pfeifen ebenfalls Regen
verkündigt, Zumen-Riger] vgl. S. 85.
Der erste Teil des Kompositums Kop{p)-Riegerlin ist offen-
bar identisch mit dem Fischnamen Kopp = cottus gobio. Wie
diese Fischart, so zeichnet sich auch der Regenpfeifer durch
einen auffallend runden Kopf aus; der Vogel wird daher ebenso
wie der Fisch in manchen Gegenden Kaulkopf genannt. An
einigen Orten kommt auch 'Eulenkopf als Name des Regen-
pfeifers vor; in der Schweiz heißt eine Eulenart Chöppli 1 . Der
Name ist verwandt mit ahd. cuppa 'weiblicher Kopfputz' und
der weitverzweigten Wortsippe, die an das Wort Kopf anknüpft.
Als selbständiger Vogelname erscheint die Form Köpel in Baldners
Vogelb. (1666) S. 55 neben dem Kompositum Gyfitz Köpel: beide
Ausdrücke beziehen sich hier auf den Goldregenpfeifer (chara-
drius pluviatilis). Bereits in einer Straßburger Stadtordnung (um
das Jahr 1500) begegnet der Name vivitz köpplin (Brucker Straß-
burg. Zunftverordn. S. 258), im Strassburg. Vogelb. (1554) neben
Fifitzköppel (V. 354) auch Reinkoppel (V. 352). Aitinger Bericht
v. d. Vogelstellen (1631) S. 97 giebt den Namen in abweichender
Lautform : "Von dem grawen Kybitz vnd Brachvögeln fo Gefnerus
Triel oder Griel / etzliche Pulurer vnd Köpffle nennen".
Das von Aitinger erwähnte Synonymon Pulurer ist als
Name des Goldregenpfeifers schon im 16. Jh. öfters belegt.
Longolius Dialog, de avibus (1544) gibt das Wort in der Form
Puluier, Turner Avium hist. (1544) S. G 6 a als Häuer. Gesaer,
der den Vogel nur aus Abbildungen kennt, reproduziert (S. 614)
die Namen, die er bei seinen Vorgängern gefunden. Der Aus-
druck Pulu(i)er ist eine Umbildung des gleichbedeutenden fran-
zösichen Namens plurier (= lat. pluvialis\ der in unveränderter
Form bei Junius Nomenciator (1581) S. 59a (Puluier. Pluuier
1 Staub-Tobler III, 405.
272 Regenpfeifer, charadrius.
B. et G. [= batavice et gallice]) und Hohberg Adel. Land-Leben
(1687) II, 638 Kap. CXY (der Pluvier oder Pulvier) bezeugt ist.
Eine andere Variante, die auf frz. pluviers zurückgeht, ist Pül-
roß bei H. Sachs Kegim. der Yögel (1531) V. 79, Pidros (neben
Puluier) bei Eber und Peucer Yocab. (1552) S. F 6 b.
Sehr dehnbar ist der Ausdruck Brachvogel (vgl. S. 59), den
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 317 als die schlesische Bezeich-
nung des G-oldregenpfeifers bezeichnet 1 . In diesem Sinne wird
das Wort auch in der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 345
("der Brachvogel, den man in Franckreich Pluvier nennet"), in Zorns
Petino-Theologie (1743) II, 425 und Frischs Vorstellung der Yögel
Xu, B2a angeführt. Heute wird der Goldregenpfeifer in Lübeck
Brakvagel 2 genannt, in Preußen Brachvogel 3 oder Brachhuhn 3 ,
in Luxemburg Bröchhong 4 ; ein ähnlicher Ausdruck ist Saat
Hüner in Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 51. — Da der Yogel
ungefähr die Größe einer Turteltaube hat, wird sie auch See-Taube
(bei Schwenkfeld a. a. 0.) genannt; aus den hübschen gelben
Flecken, womit die Oberseite dieses Regenpfeifers bedeckt ist,
erklärt sich der Name Goldschnepfe (bei Popowitsch Versuch
(1780) S. 160) sowie die wissenschaftliche Artbenennung.
In Deutschland wird der Goldregenpfeifer nur in den nörd-
lichen Gebieten wie Hannover, Holstein, Ostpreußen als Brut-
vogel angetroffen und erscheint in übrigen Teilen des Landes
bloß auf der Wanderung im Frühjahr und Herbst, vgl. Nau-
mann-Hennicke YIH, 24.
Auch der Kibitzregenpfeifer (charadrius squatarola) ist
ein nordischer Vogel, der nur auf dem Durchzuge nach wärmeren
Ländern in Deutschland erscheint. Schwenkfeld, der in Ther.
Sil. (1603) S. 316 ihn unter den Namen Eine Brach Amsel I groffer
Brachvogel l grawer Gyfitz erwähnt, giebt an, daß der Vogel in
Schlesien nur höchst selten gesehen wird.
Häufiger sind von den charadrius-Arten der Halsband-
regenpfeifer, der bei Schwenkfeld S. 281 Sandvogel heißt, und
der Flußregenpfeifer, der a. a. O. S. 282 Tullfiß genannt wird.
1 "proprie et simpliciter Brachvogel" a. a. 0.
2 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83.
3 Frischbier I, 101. — 4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 46.
Schnepfe, scolopax. 273
Dieser Ausdruck, der schon bei II. Such- Regim. der Vögel
(1531) Y. 178 als Ditlfid in. begegnet, ist wohl aus einem mlid.
*tollfüe'/,e 'Dickfuß' (vgL bair.-schwäb. Dollfueß, Dullfueß 'an-
geschwollener Fuß') zu erklären; den Regenpfeifern Bind die
dicken Fußgelenke charakteristisch. Sonst ist der mit diesen
Vögeln nahe verwandte Triel als Dickfuß, Dickknie (engl, thick-
knie) bekannt, s. s. 267. — Unklar ist das luxemburgische Dialekt-
wort Paketinchen 1 m. "Flnßregenpf eif er* ; der Ausdruck Wdke-
läfer 1 m., der in Luxemburg den Halsbandregenpfeifer bezeichnet.
bedeutet eigtl. 'Kiesläufer 3 (von Wdk "kleiner rundlichter Stein').
Mit den Regenpfeifern verwandt sind der an Meeresküsten
wohnende Steinwälzer (srepsilas interpres), von Reyger a. a. 0.
S. 21 Grünschnäbler genannt, und der an der Nord- und Ostsee-
küste häufige, sonst aber in Deutschland seltene Austernfischer
(haematopus ostralegus), Augstermann (Klein Hist. avium prodr.
(1750) S. 23) oder Austerndieb (Reyger Verbess. Hist. der Vögel
(1760) S. 24). Die Holländer nennen diesen Vogel Mathoen (bei
Junius Nomenciator (1581) S. 58 a: Haematopus Mathoen quasi
haemathoen, a fanguineis cruribus), d. i. wohl 'Wiesenhuhn',
vgl. Mattknillis, Mattkern S. 297 f. Der in Preußen vorkommende
Ausdruck Türkischer Kiwit 2 (d. h. Kibitz) zeigt, daß der Vogel
dort den Eindruck eines Fremdlings macht.
Schnepfenvögel, Scolopacidae.
Schnepfe, scolopax.
Ahd. snepfa: Sg. Nom. — snepfa ficetula : cod. SGalli 242,
248b. cardolus: cod. Parisin. 12269 f. 58b. H. S. XIa 2. b. c. snepha:
cod. SGalli 299, 26. Versus de volucr. GH. Salom. a 1. sneppha : cod.
Selestad. f. 110a. Clm. 14689 f. 47a. snefpha ficetula. et onoeratula:
cod. Vatic. Reg. 1701, 2b. sneppa: cod. sem. Trevir. R. III. 13, 106a.
cod. Parisin. 9344 f. 42b, senppa: cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 124a.
seneffa ficitule auis quedam : Hieronymi libri contra Jovianum II p. 330 :
cod. mon. herem. 32, 201. finieffa: H. S. XI g. snepho: H. S. III, 17.
XIa 2 : Clm. 2612, 73a. — Akk. — snepha onoerotalum : Anhang zum
alten und neuen Testament: Leviticus 11, 18: Clm. 14747, 96b.
Es ist zweifelhaft, ob die angeführten althochdeutschen
Belege alle sich auf das Schnepfengeschlecht beziehen, oder
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 326. 473. — 2 Frischbier I, 366.
Suolahti, Vogel na nie n. 18
27-4 Schnepfe, scolopax.
ob die mit ficedula glossierten Belege ein and. snepfa 'Fliegen-
fänger' enthalten, welches mit unserem Worte zusammenge-
flossen ist; vgl. S. 142. Jedenfalls wurde das lateinische 'ficedula 3
— wohl gerade durch die Verwechslung der beiden deutschen
Yogelnamen — schon im 13. Jh. als Schnepfe verstanden, wie
aus Albertus Magnus De animalibus S. Y la zu ersehen ist.
Die im ahd. snepfa, mhd. snepfe vorliegende Namensform
ist nur dem deutsch-niederländischen Sprachgebiet eigen, vgl.
mnd. sneppe, snippe, nndd. sneppe, nmdl. sneppe, snippe, nndl. snep,
snip. Dan. sneppe (älter snippe) und schwed. snäppa sind nieder-
deutsche Lehnworte 1 ; die echte nordische Benennung liegt vor
in anord. myri-snipa (in den Glossen der Snorra-Edda), norweg.
snipa, isländ. snipa. Damit übereinstimmend ist mittelengl. snipe
(neuengl. snipe), dessen einheimischer Ursprung wohl ohne Grund
angezweifelt wird. Im Angelsächsischen ist das Wort nicht
belegt; dafür findet sich die Bildung mite 2 (spärlich bezeugt).
Die aufgezählten Namensformen, deren lautliches Verhältnis zu
einander sich nicht recht bestimmen läßt, sind offenbar Vari-
anten eines alten germanischen Namens, welchen die Schnepfe
wegen des auffällig langen Schnabels erhalten hat (vgl. mnd.
snippe 'Schuhschnabel', sneppel 'Schnipfer, snibbe 'Schnabel',
nndl. snippe, snip 'Zipfel', sneb 'Schnabel', norweg. dial. snipa
'Schnabel' usw.). Auch synonyme Namen in anderen Sprachen
haben in diesem charakteristischen Merkmal des Vogels ihren
Ausgangspunkt: frz. becasse (zu bec 'Schnabel 5 ), sloven. kljunac
(zu kljun 'Schnabel') usw. Das Geschlecht des deutschen Wortes
ist in Übereinstimmung mit den englischen und nordischen
Formen meistens feminin. Seltener wird der Name maskulinisch
angewendet; im Mittelhochdeutschen begegnet der snepfe (in
den Minnesingern herausg. von v. d. Hagen III, 91b), im Alt-
hochdeutschen snepfo in Heinrichs Summarium.
Die heute mit dem Namen Waldschnepfe (rusticola) allge-
mein bekannte Art führt schon im Angelsächsischen den Namen
1 Aus dem Deutschen ist der Name als sgnep(pa) auch ins Italie-
nische übernommen.
2 Noch in Dialekten erhalten geblieben, s. Swainson The Folklore
S. 192.
Bekassine, gallinago scolopacina ^7- r >
wudu-snite { Waldschnepfe). Longolius Dialog.de avibus (1544)
nennt den gleichbedeutenden Ausdruck Holdtfnepff | Holtz-
fnepff bei Turner Amiiiii bist (1544) 8. E3 i;i). bei Gesner Bist
avium (1555) S. l s 7 Waldschnepff \ HoUzschnepff^ Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) s. :;•_>!) Schnepfe I Schnep Em Pufch Xchneppel
Wald Schneppe I II<>tt: Sch>up/>c I Berg Xrhneppe /; m <l<-n Ar-
beiten späterer Schriftsteller gewöhnlich Waldschnepfe. Ans der
älteren Literatur Steiermarks wird von Ünger-Khull S. ~» s <> das
Synonymon Stockschnepfe (d. h. Waldschnepfe) angeführt Wegen
des eigentümlichen < tesichtes mit den hoch am Scheitel stehenden
großen Augen hat der Vogel in Sulzmatt (Elsaß) den Namen
Totenkopf 1 bekommen.
Bekassine, gallinago scolopacina.
Die Sumpf Schnepfen, gallinago (im Altnordischen myri-
snip<() werden im Yocabularius optimus XXXYII, 53 (Ed. Wacker-
nagel S. 42) mit dem Namen rietsnepfe bezeichnet, darauf riet-
schnepff in einem Vocab. v. J. 1468 bei Diefenbach Nov. glossar.
S. 173a, in den von v. d. Hagen herausgegebenen Minnesingern
III, 91b der snepfe in deme riede\ im 16. Jh. begegnet Rietfchnepff
(neben Schnepffhün) bei Gesner Hist. avium S. 485, nach Martin
und Lienhart II, 503 ist der Ausdruck Riedschnepfe heute im
Elsaß üblich. Eine synonyme Benennung ist Pfuhlschnepf in
Spangenbergs Ganskönig V. 129, Ried-Pfnhl-Puhl-Schncpffe in
Döbels Eröfrn. Jägerpr. (1746) S. 71; in Preußen Pfuhlschnepfe*
(=scolopa\ media), ndl. poelsnip (bei Junius (1581) S. 57h Poel-
snippe). In Luxemburg werden Sumpf Schnepfen Brach sc h nepp ^
f. (Brachschnepfe) genannt; Bruchschnepfflin bereits bei EL Tra-
gus im 16. Jh., vgl. unten. Mehrdeutig sind Wafferhunle bei
Gesner, Wafferhünlin, Wafferfchnepfe bei Schwenkfeld a. a. 0.
Die gewöhnlichste von den drei Sumpfschnepfenavten ist
gallinago scolopacina, die mit dem Namen Beckasine (aus frz.
be'ccasine) bekannt ist. Zuerst ist das Fremdwort in Zorns Petino-
Theologie (1742) I, 593 belegt: "die im Graß liegende Eiett-
Schnepff'en oder Pegafins". Nach Klein Hist. avium prodr. (1750)
1 Martin-Lienhart I, 461. — 2 Frischbier IL 140.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 517.
18*
276 Bekassine, gallinago scolopacina.
S. 100 und Keyger Verbess. Hist der Vögel (1760) S. 101, die
den Namen noch nicht als einheimisches Wort betrachten, ist
dieser aus den Kreisen der Jäger ausgegangen : "Ton den Jägern
wird sie [die Heerschnepfe] infonderheit Beccaffe und von den
Schriftstellern Capella coelestis genannt". In der angeführten
Namensform (frz. becasse) hat sich das Fremdwort in einzelnen
Mundarten eingebürgert, vgl. preuß. Beckas 1 m., luxemburg. Be-
geisjen 2 f. Adelung (1774) I, 690 bucht die Form Beckasine.
— Das von Klein und Reyger erwähnte lat. capella coelestis ist
eine Übersetzung des in Mundarten verbreiteten Ausdrucks Him-
melgeiß oder Himmelsziege. Die auffällige Benennung verdankt der
Yogel den meckernden Tönen, die er beim Balzflug durch Vibrie-
ren der Schwanzfedern hervorbringt. Diese seltsam klingenden,
zitternden, knurrenden Laute, welche Voigt mit einem lachen-
den e Huhuhu', Naumann mit einem möglichst schnell gesproche-
nen 'Dudududu' vergleicht, erinnern in so auffallender Weise
an das Meckern von Ziegen und Schafen oder an das Wiehern
von Pferden, daß der Vergleich mit diesen Tieren gleich wie
von selbst sich einstellt. Daher erklärt sich die über die ver-
schiedenen Sprachen sich erstreckende Übereinstimmung in
Benennungen des Vogels, welche auf diesem Vergleich beruhen :
dän. horsegJ0g, liingstefugl, norweg. horsebukk, mwkregauk, schwed.
himmelsget, frz. chevrelle, chevre Celeste, lit. perkuno ozys 'Donner-
ziege', russ. barasekü usw.
Ein alter germanischer Name dieser Art ist vorhanden
im ags. hceferblcete (älter hcefreblete). Der zweite Teil des Kom-
positums ist abgeleitet von blcetan 'blöken', das erste Glied ent-
hält einen alten aus indogermanischer Zeit her ererbten Namen
des Bocks, der im Angelsächsischen als hcefer, im Altnordischen
als hafr bezeugt und mit lat. caper, cymr. caer-iwrch 'Rehbock*,
griech. Kchrpoc e Eber' urverwandt ist. Eine Entsprechung dieser
angelsächsischen Bildung ('Bockblöker, Bockmeckerer') ist auf
dem Kontinent der in Mecklenburg und Lübeck übliche Name
Hawerblarr, Hawerbldr 3 (zu blarren 'meckern, blöken'). Eine
1 Frischbier I, 59. — 2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 23.
3 Vgl. Schiller Zum Tierbuche I, 8 und Korrespondenzbl. f. ndd.
Sprachf. XVI, 83.
Bekassine, gallinago BCOlopacina. 277
größere geographische Verbreitung hat die Benennung in der
Form Habergeiß, deren fcautologische Bildnngsweise dadurch zu
erklären ist, daß «las alte Wort Naher (im Deutschen nirgends
als Simples bezeugt) bereits unverständlich geworden war. Das
erste Zeugnis dieser Namensform findet sich im Vocab. inc.theuton.
ante lat. L482, wo 'onoerotalus' mit habergeiß übersetzt wird 1
im 16. Jh. wird sie von Gesner S. 488 anter Berufung auf
HL Tragus erwähnt: "Hieronymus Tragus interaues mensis requi-
sitas meminit illarum quae Germanice dicantur Bruchfchnepfflin
oder Habergeißlin". Heute ist der Ausdruck Habergeiß 2 als Be-
zeichnung der Schnepfe im Elsaß verbreitet. In anderen süd-
deutschen Mundarten kommt das Wort nur in übertragenen
Bedeutungen vor, so in Tirol, Kärnten, Steiermark als Bezeich-
nung von Eulen oder als Name eines gespenstischen Wesens 8 .
Diese Bedeutungsentwicklung erklärt sich daraus, daß die meckern-
den Töne des Vogels abergläubische Vorstellungen hervorriefen
und dem Namen Habergeiß einen unheimlichen Klang ver-
liehen. — Eine hessische "Variante des Vogelnamens ist Huder-
geiß, Huidergeiß*, das sich an das Verbum hudern, mit dem
das Wiehern der Pferde ausgedrückt wird, anschließt. In Pommern
und Mecklenburg entspricht dem hochdeutschen Habergeiß
die der niederdeutschen Mundart angebrachte Form Haverzeg b
(= Haberziege). Eine andere Variante, die den unverständlichen
ersten Teil des Namens durch das entsprechende moderne Syno-
nymon wiederholt, ist Haoivrbuck in Altmark 6 = Haberbock in
Preußen 7 ; ostfries. Bäferbuk*. Dem mittel- und niederdeutschen
Sprachgebiet eigen sind die Namensformen Himmelgeiß und
Himmelsziege. Gesner a. a. 0. S. 284 kennt Himmelgeiß ans
Frankfurt am Main, Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 380 nimmt
Himels Ziege und Himels Geiß als schlesische Worte in An-
spruch; darauf Himmels-Ziege in Döbels Eroffn. Jägerpr. (1746)
S. 71 und in Kleins Hist. avium prodr. (1750) S. 100. Heute gilt
auch Hidmelssiege" in Westfalen, Himelszege 10 in Göttingen und
1 S. Diefenbach Glossar. S. 396c. — 2 Martin-Lienhart I, 237,
3 Vgl. z. B. Frommann D. Mundarten II, 513. V, 445, Schmeller-
Frommann I, 1034, Unger-Khull 317. — 4 Vilmar 177. — 5 Schiller a. a. O.
6 Danneil 78. — 7 Frischbier I, 262. — 8 Jb. f. ndd. Sprachf. XI. 111.
9 Woeste 102. — 10 Schambach 82.
278 Kleine Schnepfe, scolopax gallinula.
Grubenhagen, Himmelsziege 1 in Preußen und in Thüringen 1 ; aus
der Schweiz wird Himmelsgeiß 2 als Name des Wachtelkönigs
angegeben. — Andere Varianten dieser vielverzweigten Be-
nennung sind riedgaiß in zwei Vokabularen des 15. Jhs. (Diefen-
bach Nov. glossar. S. 173a) und Mosbock in Baiern.
Kleine Schnepfe, scolopax gallinula.
Im Vergleich mit der gemeinen Bekassine ist die kleine
Sumpf schnepfe in Deutschland ein seltener Vogel; doch ist nach-
gewiesen worden, daß sie in allen Gegenden, wenn auch ver-
einzelt, als Brutvogel vorkommt vgl. Naumann-Hennicke IX,
196. Die erste Nachricht von dieser Schnepfenart findet man
bei Longolius Dialog, de avibus (1544) S. F 3 a, wo sie mit dem
Namen Härfnepff als in Holland heimisch erwähnt wird.
Gesner Hist. avium (1555) S. 487 wiederholt den von Longolius
gebrauchten Namen, fügt aber hinzu, daß einige den Vogel auch
Herrschnepff nennen. Eber und Peucer Vocab. (1552) S. F 4
schreiben Harfchnepff, Schwenkfeid Ther. Sil. (1603) S. 330
Heer Schnepff, Junius Nomenciator (1581) S. 57 Haarfchnepff,
so auch Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 71. Bei Klein Hist.
avium prodr. (1750) S. 100 ist ein Unterschied gemacht worden
zwischen der Haar-Schnepffe, d. i. der kleinen Schnepfe und
der Heer-Schnepffe, d. i. der gemeinen Bekassine. Die erster-
wähnte Benennung soll auf die schmalen haarartig feinen Federn
der kleinen Sumpf schnepfe sich beziehen; die Namensform Heer-
schnepfe (bezw. Herrschnepfe) erklärt Klein in Übereinstimmung
mit Gesner und Schwenkfeld als "dominorum et nobilium galli-
nago". Popowitsch Versuch (1780) S. 184 beanstandet die Schrei-
bung Haarfchnepfe, "den der Namen kömmt nicht von Haar,
sondern von harren, weil diese Schnepfe sitzen bleibt, wenn
man fich ihr nähert"; daher solle man Harrfchnepfe schreiben.
Nach Adelung II, 869, der den von Klein gemachten Unter-
schied akzeptiert, hat die Heerschnepfe den Namen daher, weil
sie in Scharen oder Heeren ihre Züge anstellt oder sie ist nach
ihrem hohen Fluge Hehrschnepfe benannt worden; beide Deu-
tungen beruhen jedoch auf unrichtigen Voraussetzungen. Das
1 Frischbier I, 289 und Hertel 119. — 2 Staub-Tobler II, 462.
Kleine Schnepfe, Bcolopax gallinula. 279
Richtige triff! ohne Zweifel Eeyne mit seiner in Grimms \Vi>.
IV, 2, .'57 ausgesprochenen Vermutung, daß die ursprüngliche
Lautform des Samens ¥ hor-m(fpfa d. li. Sumpfschnepfe gewi
sei. Die Richtigkeil dieser Annahme wird bewiesen durch die
Entwicklung (bezw. Qmdeutung) von ahd. horgana "Wasserhuhn'
zu spätmhd. hwrgan&i hergans, und. Heergans] vgL auch Heervogel
'Wiedehopf S. 1 l. Der Ausdruck HärbuU\ welcher in Mecklen-
burg von der kleinen Sumpfschnepfe, bei den Wakenitzfischern
von dem Bläßhuhn und bei den Wismarer Blschern ron dem
kleinen Taucher gilt, ist eine Umdeutung von Horbel : das aus
ahd. *hartpü(a) (zu ahd. hor<>, -ives 'Schlamm, Sumpf) entstanden
ist. Vgl. S. 306.
Auffällig- klingt die Benennung Pudel- Schnepffe, die Klein
Hist. avium prodr. (1750) S. 100 unter den Synonyma für die kleine
Schnepfe erwähnt; vielleicht liegt hier eine Umbildung des ndd.
Pohlmeppe (d. i. Pfuhlschnepfe) vor. Der Ausdruck Rohrfchnepfe
wird nach Popowitsch Versuch S. 184 sowohl von der gemeinen
Bekassine wie von der kleinen Sumpfschnepfe gebraucht. Eine
ähnliche Bildung ist der in älteren steirischen Quellen vor-
kommende Name Sacher Schnepfe 2 , der aus Saher (ahd. sahar)
'Schilf, Riedgras* zu deuten ist.
In Schwaben wird die kleine Schnepfe Bocker(lein)' 5 , in Öster-
reich und Steiermark Bockerl 4 * n. (d. h. Böcklein) genannt. Ben
Namen kann man nur als deminutive Ableitung von einer Be-
nennung der Bekassine ([Haber-] Bock) verstehen, denn die
Stimme der kleinen Schnepfenart ist nicht, wie die der ver-
wandten Art, ziegenartig meckernd. Nach Naumann Läßt die
kleine Schnepfe nur ausnahmsweise schwache ätsch-Laute lauen,
manchmal hört man von ihr auch einen hohen scharfen Pfiff. Mit
Rücksicht auf diesen letzteren Ton darf man vielleicht in der
Benennung Pfeiferschnepfe*, die aus y\^\' alteren Literatur Steier-
marks angeführt wird, die kleine Sumpfschnepfe vermuten. Die
Ausdrücke die Stumme oder Stummschnepfe, welche in Jägerkreisen
bekannt sind, erklären sich wohl daraus, daß der Vogel dem Jäger
1 Schiller Zum Tierbuche I, 9. — 2 Unger-Khull öli.
3 Fischer I, 1250.
4 Popowitsch Versuch S. 184 und Unger-Khull 97.
5 Unger-Khull 75.
280 Große Schnepfe, gallinago major.
seinen Versteckplatz durch die Stimme nicht meldet, sondern
stumm bleibt. In Preußen lautet der betreffende Name Stumpf-
Schnepfe 1 (wohl zu ndd. stump in der Bedeutung 'dumm'). Da
die kleine Sumpfschnepfe außerordentlich fest liegt, heißt sie bei
deutschen Jägern auch die Filzlaus 2 ; die Franzosen nennen
sie wegen dieser Eigenschaft la sourde (die taube Schnepfe). —
Dem schwankenden lautlosen Fluge, der nach Naumann-Hen-
nicke IX, 197 dem der Fledermäuse erstaunlich gleich ist, ver-
dankt der Vogel den in Preußen vorkommenden Namen FUder-
maus* ; übrigens erinnert auch seine ganze Lebensart an die
Fledermäuse. Aus den Jägerkreisen hervorgegangen, wie alle
diese Namen, ist ohne Zweifel auch ndd. Masken 4 - (d. h.
Mäuschen); der Vergleich ist durch die Kleinheit des Vogels
veranlaßt. Die Luxemburger nennen ihn Fengschnepp 5 d. i.
feine Schnepfe (frz. fin > eifel. feng).
Große Schnepfe, gallinago major.
Die große Sumpfschnepfe liebt das Wasser weniger als
die anderen Arten; sie liegt gerne im kurzen Grase der feuchten
Wiesen. Ihr gebührt eigentl. der Name Graßfchnepff, den Gresner
Hist. avium S. 487 der kleinen Art beilegt. Popo witsch Ver-
such S. 162, der den Ausdruck Gräfe fchnepfe mit der richtigen
Bedeutung angibt, nennt als österreichisches Synonymon der
Wiefenfchnepf; auch in Steiermark wird die große Schnepfe
Wiesenschnepfe 6 genannt. Eine andere steirische Benennung ist
Moosschnepfe 6 ; der Moßfchnepf in der Angenehmen Land-Lust
(1720) S. 232. Unklar ist steir. Tscharker 6 mit gleicher Be-
deutung.
In der Jägersprache unterscheidet man die große Sumpf-
schnepfe als die Mittelschnepfe (schon bei Döbel Eröffn. Jägerpr.
(1746) S. 71) oder die Doppelschnepfe [Düppel-Schnepfe bei Klein
Hist. avium prodr. S. 99) von der gemeinen und der kleinen
Schnepfe, von denen die letztere auch Halbschnepfe (frz. le deux
1 Frischbier II, 385. — 2 Naumann-Hennicke IX, 199.
3 Frischbier I, 196. — 4 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86.
5 Wb. d. Luxemburg. Mundart 106.
6 Unger-Khull 178. 465. 633.
Großer Brachvogel, numenioa arquatus. 881
pour im bei N"emnich Polyglottenlexioon II. L254) heißt Der
Ausdruck Doppehchnepfe wird aber auofa von der gemeinen
Schnepfe gebraucht
Großer Brachvogel, numenius arquatus.
Der Ausdruck Brachvogel, dessen älteste Belege an ande-
rem Orte bereits mitgeteilt sind, wird infolge des dehnbaren
Charakters des Wortes von mehreren verschiedenen Vögeln ange-
wendet; in der heutigen Schriftsprache werden darunter jedoch
meistens die Qumenius-Arten verstanden. Bei Gesner Eist, avium
(1555) s. 215, wo Brachvogel im Sinne von numenius arquatus
für die Gegend um Oppenheim bezeugt wird, weiden als Syno-
nyma Regenuogel, Winduogd,Wetteruogel angeführt; dazu Gewüter-
vogel bei Popowitsch Versuch S. 175 nach Halle zitiert. Von
diesen Benennungen sind Regenvogel und Wetter cogel heute im
Elsaß üblich; die erstere begegnet hier bereits in Straßburger
Stadtordnungen des 1 5. Jhs. (Brucker Straßburg. Zunftverordn.
S. 187. 258. 266), dann in Baldners Yogelb. (1666) S. 21. Die
Namen hat der Brachvogel, weil er für einen besonders sicheren
Wetterpropheten angesehen wird; ertönt sein wohlklingender
Ruf in der öden Moorlandschaft, so darf man auf Regenwetter
gefaßt sein. Daher hat der Brachvogel viele Namen mit den
Regenpfeifern gemeinsam. In Ostermanns Yocab. (1591) S. 332
wird Regenvogel als Synonymon mit Giwitz angeführt, und die in
Niederdeutschland üblichen Ausdrücke Regenwölp (in Mecklen-
burg), Regengiilp 1 (auf Wangerog), Tütewelp, Tüteweüe 2 (im Mim-
sterlande) gelten nicht nur vom Brachvogel, sondern auch von
den Regenpfeifern, vgl. S. 269.
In Preußen heißt der Brachvogel GUvogel und Gütrogel =
Jiitrogel 1 in der Mark Brandenburg, Gütfugel 1 auf AVangerog.
Frischbier I, 235 erklärt den Namen aus dem Geschrei des
Vogels, das e git, gif lauten soll. Diese Deutung ist kaum richtig.
Die niederdeutschen Dialektworte sind offenbar identisch mit
synonymen Ausdrücken in hochdeutschen Mundarten: Gießvogel*
in Steiermark, schles. Geißvogel bei Schwenkfeld Eher. Sil. (1603)
1 Schiller Zum Tierbuche III, 19.
2 S. Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86.
3 Unger-Khull 292.
282 Großer Brachvogel, numenius arquatns.
S. 315 und dem Wiener Dialektworte Goiser bei Popo witsch
(1780) S. 175. Die gemeinsame Grundform dieser offenbar um-
gestalteten Varianten ist nicht mit Sicherheit zu erreichen. Unklar
ist auch der gleichbedeutende Ausdruck Giloch bei Schwenk-
feld a. a. 0., sowie schweizer. Gräser m. bei Staub-Tobler II, 812.
Am Bodensee führt der Brachvogel den Namen Grüel 1 ;
daraus scheint das Synonymon Moosgrille, das Yoigt Excursions-
buch S. 233 aus dem Dachauer Moos und den Gegenden an
der Amper kennt, umgedeutet zu sein. Neben der Benennung
Grüel erscheint eine einfachere Namensform Grüy bei Gesner
Hist. avium S. 215. Wenn dieser Name auf onomatopoietischer
Lautbildung beruht, so müßte ihm der von Naumann-Hennicke
IX, 146 beschriebene kreischende Angstruf e Kräh 3 oder e Krüh'
zugrunde liegen. An Entlehnung aus dem frz. Worte grue
'Kranich' darf man wohl kaum denken, obgleich der Yogel in
Deutschland auch 'Kranichschnepfe' heißt (s. unten). Offenbar
ist Grüel identisch mit dem Worte Griel (S. 268), das als Name
des Triels bezeugt ist; auch in Frankreich ist courli eine gemein-
same Bezeichnung für den Brachvogel und den Triel.
Der gewöhnliche Ruf des Brachvogels ist ein wohllautender,
flötend klingender Ton, den Yoigt a. a. 0. S. 234 mit e tloiht'
bezeichnet; daraus ist die in der Schweiz vorkommende Benen-
nung Louis 1 geworden.
Auf den sensenartig gekrümmten langen Schnabel zielen
die Namen Sichler und großer Feldmäher bei Reyger Yerbess.
Hist. der Yögel (1760) S. 112. Denselben Ausgangspunkt hat
auch der Ausdruck Keilhaken oder Keilhacke, worin man die
Umgestaltung eines alten Yogelnamens hat sehen wollen. Nach
Frisch Vorstellung der Yögel XII, C 2b nennen "die Hallorum
oder Salzfieder im Magdeburgifchen diefen Schnepfen Keilhacke,
weil der Schnabel einen Bergwerck-Inftrumente, oder einer langen
bogigt gekrümmten Hacke ähnlich, welche diefen Namen führet".
— Der Name, welchen Nemnich mit der umgestalteten Neben-
form Heilhacker in seinem Polyglottenlexikon II, 1252 verzeich-
net, begegnet auch bei Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 51: "Von
Brach- Vögeln und erftlich von Keylhacken. Es werden felbige
1 Staub-Tobler II, 730.
Pfuhlschnepfe, limosa ferraginea und liinosa melanura.
auch Faftenfchlyer genannt". Dieser letzterwähnte Ausdruck be-
zeichnet den Brachvogel als einen Fastenvogel 1 , der von den
Katholiken auch an Fasttagen gegessen werden darf. Das Letzte
Glied in dem zusammengesetzten Vogelnamen ist nicht ganz
durchsichtig; vielleicht gehörl es zu schlieren im sinne von
'lecken, naschen' (G'schlier 'Naschwerk*), so daß der Name eigtl.
*Fastenleckeressen s bedeuten würde.
Der -rolle Brachvogel wird zu den Schnepfen gezählt und
hat in der Luxemburg. Mundart wegen seiner schönen Haltung
und beträchtlichen Größe den Namen Schneppekinek 2 m. (d. h.
Schnepfenkönig) erhalten. Sonst unterscheidet man ihn von den
übrigen Schnepfen auch durch die Ausdrücke Haidschnepfe :i in
Österreich, Heidenschnepfe* und Brachschnepf' 6 in Steiermark. In
Mecklenburg und Mark Brandenburg nennt man den Yogel Kron-
snepp, Krönschnepfe 4 ', d. h. Kranichschnepfe (zu Krön 'Kranich').
Weit seltener als diese größere Art ist der kleine Brach-
vogel (numenius phaeopus), der überhaupt mit demselben Namen
benannt Avird wie der große. Ein schwäbisches Dialektwort ist
Wirchelen (bei Schmeller-Frommann II, 998), dessen Ursprung
ganz schleierhaft ist.
Pfuhlschnepfe, limosa ferruginea oder lapponica und
limosa melanura oder limosa limosa.
Die Heimat der Pfuhlschnepfe ist der hohe Norden, doch
sind die beiden europäischen Arten auf der Küste der Nordsee
in großer Zahl vorhanden und streichen auch gelegentlich im
Inneren Deutschlands umher. Gesner Hist. avium (1555) S. 499
schildert beide Vögel, und zwar knüpft die Schilderung an das
Winterkleid derselben an. Den Namen Polfchnep oder Pful-
[chnepff kennt er aus der Küstengegend Norddeutschlands.
Die ostfriesischen Küstenbew^ohner nennen diese Vögel
heute Grita oder Greta 5 , im Bremer Land heißen sie Greto*.
Der Name wird schon bei Gesner S. 488 in der Form Grüfte als
1 Vgl. Schmeller-Frommann 1, 773.
2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 391.
3 Popowitsch Versuch S. 175 und Unger-Khull 336.
4 Schiller Zum Tierbuche III, 19. — 5 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 111.
6 Vgl. Voigt Excursionsbuch S. 237.
284 Kampfläufer, philomachus pugnax.
friesisches Wort angeführt. Diese Namensformen gehören eigent-
lich nur der schwarzschwänzigen Schnepfe (limosa melanura)
an, deren Geschrei aus einem dichtgereihten e Greto s besteht 1 .
Die Beobachtungen der einzelnen Ornithologen stimmen in diesem
Punkte ziemlich genau überein. Altum bezeichnet den Ruf als
Grütto, Helm als Gritto, Sonnemann als Gretav, vgl. Naumann-
Hennicke VII, 117.
Kampfläufer, philomachus pugnax.
Nach den Angaben bei Naumann-Hennicke VII, 260 ist
dieser sonderbare Vogel in der letzten Zeit in Deutschland
immer seltener geworden, so daß er jetzt nur in den sumpfigen
Gegenden Norddeutschlands, in der Lausitz und in Schlesien als
Brutvogel vorkommt. Die Männchen, welche im Frühjahr durch ihre
verschieden gefärbten Kragen sich von einander unterscheiden,
zeichnen sich besonders aus durch die Kampfspiele, die sie in
der Balzzeit veranstalten. Daher der Name Kampfläufer.
Klein Hist. avium prodr. (1750) S. 102 schildert den Vogel
unter dem in seiner preußischen Heimat üblichen Namen Kampf -
Hänlein\ den Namen Hauß-Teuffel bezeichnet er als pommerisch.
Dieser Ausdruck, von Popo witsch Versuch S. 566 nach Halle
und von Adelung IV, 822 verzeichnet, erklärt sich aus der Sitte,
Kampfhähne in der Gefangenschaft zu halten.
Frisch Vorstellung der Vögel (1763) XII D lb, der den
Kampf hahn mit dem Namen Streit fchmpf erwähnt, gibt an, daß
dieser Vogel in Preußen und angrenzenden Ländern in großer
Menge vorkommt. Nach Frischbier Wb. I, 251 wird er heute
in Preußen Grasschnepfe genannt. Popowitsch scheint den Vogel
nicht aus seiner Heimat zu kennen, da er nur angibt, daß der
Kampfhahn in Engelland und Ungarn vorkommt. Er schildert
ihn unter dem Namen Streithun und erwähnt nach Halle das
Synonymon Kampfhun. Den Ausdruck Braushahn, den Adelung
und andere Lexikographen buchen, bezeichnet Klein, der die
Vögel bei einem Bekannten in Schweden beobachtet hatte, als
schwedisch (aus brushane); auch auf Helgoland ist Brüshän 2 der
1 Vgl. Voigt Excursionsbuch S. 237.
2 Frommann D. Mundarten III, 33.
Wasserläufer, totanus. 285
übliche Name. — In Luxemburg wird der Vogel Wand-mecher 1 , in
der ostfriesischen Mundart von Juisl wegen des großen Feder-
kragens — Ruehhalahahn* genannt Baldnerscbildertden Kampfbahn
im Vogelb. (1 666) 8. 65 anter dem Namen Mattknitzel, vgl. S.288.
Wasser läufer, totanus.
Von den sechs verschiedenen Arten europäischer Wasser-
läuf er, welche die heutige Wissenschaft unterscheidet, hat Deutsch-
land drei als Brutvögel; die übrigen Arten kommen als Zug-
vögel vor. Bereits in den altgermanischen Idiomen findet man
einige Benennungen, welche für diese zierlich gebauten hoch-
beinigen Watvögel in Anspruch genommen werden können.
Der s. g. Rotschenkel (totanus calidris oder totanus totanus)
wird in Norwegen mit dem Namen stelk oder stilk benannt, der
auf anord. stelkr beruht; färöisch und isländ. stelkur. Das Wort
wird von Falk und Torp Et. ordb. I, 366 s. v. kjeld und II, 283
s. v. stalke mit dän. stalke e mit Stelzenschritten gehen', ags. steakian
'vorsichtig gehen' verbunden und auf die steife Gangart des Vogels
bezogen. Der Ausdruck ist aber ursprünglich nicht nur auf die nor-
dische Sprachgruppe beschränkt gewesen, sondern hat früher eine
weitere Verbreitung gehabt. Außerhalb der nordischen Sprachen
hat der alte Vogelname einen Reflex im ahd. wa^ar-stelh hinter-
lassen, das in einer Glosse aus dem 10./11. Jh. bezeugt ist:
uuazarstelh^ Herodii domus alia editio fulice domus: Psalmen
103, 17 : Clm. 19440, 120. In das Finnische ist das Wort aus
dem Nordischen als telkkä übernommen worden.
In den Straßburger Quellen des 15./16. Jahrhunderts
wird der totanus calidris mit dem Namen Rotbein erwähnt;
wiederholt begegnen Rotbein und Rotbeinlin in den Straßburger
Zunftverordnungen des 15. Jhs. (Ed. Brucker S. 187. 226. 229.
258. 266), im 16. Jh. Rothbein im Strassburg. Vogelb. v. J. 1554,
V. 346, Rotbein bei Gesner Hist. avium S. 488 (als Straßburger
Ausdruck). Baldner unterscheidet im Vogelb. (1666) den totanus
calidris als grohes Rothbeinel (S. 59) vom totanus ruscus, den er
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 474. — 2 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 117.
3 Die Glosse braucht demnach nicht, wie Steinmeyer Ahd. GH. I,
524 21 meint, in uuazarstelz geändert zu werden.
286 Wasserläufer, totanus.
als ein groß Rothbeinel (S. 61) erwähnt. Schwenkfeld Ther. Sil.
(1603) S. 281 führt Rottbein, Rotfüffel, Wafferhünlin mit Roten-
beinen offenbar nach Gesner an, danach auch bei Klein, Reyger,
Adelung usw. In heutigen Mundarten ist der Yogel als Rot-
füssel 1 und Gekv-Füessler 1 bekannt. Auf die Stimme des Rot-
schenkels bezieht sich der Ausdruck Dütchen, welcher auch
von Regenpfeifern gilt, s. S. 269. In Mecklenburg hat der Ruf
dieser Yögel den Namen Tülüt 2 hervorgerufen; im Gegensatz
zu dem Regenpfeifer, dem Lütt Tülüt, wird der Rotschenkel
Grot Tülüt genannt. Andere in Mecklenburg vorkommende
Synonyma sind Blarrvagel, Blarrsnepp 2 (zu blarren 'meckern,
blöken'), auf Pol Rödbent Snipp, Grot Snipp 2 ; in Luxemburg
heißt der Vogel Sandpeifer 3 . Ein Jägerausdruck ist offenbar
Viertels-GrüeP in der Schweiz (vgl. Grüel S. 282).
Von den Wasservögeln, welche Gesner in Hist. avium nach
Straßburger Abbildungen beschreibt, ist der "Khodopos" ohne
Zweifel der punktierte Wasserläufer (totanus ochropus). Der a, a. 0.
S. 492 angeführte deutsche Name Steingälliß findet sich auch
im Straßburg. Yogelb. v. J. 1554, wo die Steingellelin (Y. 349)
mit verwandten Arten erwähnt werden. Baldner Yogelb. (1666)
S. 57 gebraucht die Namensformen Steingall und Steingellel. Der
Name, dessen Bildungs weise die gleiche ist wie in dem Worte
Nachtigall (zugalan), läßt sich bis in die westgermanische Periode
zurück verfolgen; der deutschen Benennung entspricht im Angel-
sächsischen stdn-gella (in den Glossen bei Wright-Wülcker Yocab.
287, 10 und in Spelmans Psalter 101, 7), vgl. giellan 'schreien'.
Wegen der Glossierung mit pelecanus darf die Bedeutung des
ags. Yogelnamens nicht als Telikan' angesetzt werden 4 ; das
lateinische Literaturwort wurde, da man für den fremden Yogel
keinen Namen hatte, mit Bezeichnungen einheimischer Wasser-
vögel wiedergegeben (mit düfedoppe in den Lamb. Psalmen ; mit
wanföta bei Wright-Wülcker a. a. 0.). — Das luxemburgische
Synonymon Kublan' ist = frz. cul-blanc (d. h. Weißarsch).
Der Grünschenkel (totanus glottis oder littoreus), der in
1 Staub-Tobler I, 1096. II, 730. — 2 Schiller Zum Tierbuche II, 17.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 370.
4 Wie z. B. bei Whitman The Birds of Old Engl. Literature XXXVIII,
2, Sweet The Stud. Dict. u. a. — 5 Wb. d. Luxemburg. Mundart 252.
w.i jerläufer, totanus. 2H7
Deutschland auf dem Durchzug ziemlich häufig ist. hat Beinen
wissenschaftlichen Namen glottis Gesner zu verdanken, der den
Vogel in Eist, avium s. L89 beschreib! and den von Lukas Schan
gebrauchten Straßburger Ausdruck Gluti mit einem von Aristo-
teles gebrauchten Vogelnamen tXujttic in Zusammenhang bringt:
"quod Gluti nominant, quasi glottidem.' 1 ÄJle Zeugnisse des
Namens führen nach Straßburg. Hier begegnet er wiederholt
in den Stadtordnungen des L5.Jhs.: Sluten (pro Glitten) imJ.
L425, Glitten im J. L449 n. L459, Glütten im J.1449, Glut
15116. Jh., Glutte Lö.Jh. (Brucker Straßburg. Zunftverordn. s. L83.
iss 226.229.258.266); im L6.Jh. Glüten im Strassburg. Vogelb.
v.J. 1554 V. 362, im 17. Jh. G7w*ä, Glute in Baldners Vogelb.
s. 58. NVmnieli Polyglottenlexicon 1, 1680 hält den Grünschenkel
für eine fulica-Art (fiüica fistulans) und stellt das Vorkommen
desselben in Deutschland und im Elsaß (an den Flüssen und
Teichen) fest. Die Angaben bei Nemnich gehen auf Buffon zurück,
nach dem er auch frz. le glout 2 als Namen des Yogels verzeichnet;
eine deutsche Benennung ist nicht angegeben. Der Ausdruck
Glul{te) ist nicht ganz durchsichtig. Da auf Helgoland ein Syno-
nymon Juliüt 3 lautet, so darf man vielleicht die Namen für
onomatopoietische Bildungen halten.
Unter den von Gesner behandelten Wasservögeln, die ihm
aus den genannten Straßburger Abbildungen bekannt sind, gehört
der S. 495 als grünschenkelig beschriebene Mattkniüis wahr-
scheinlich zu den totanus- Arten ; es scheint damit eine Variation
von totanus ochropus oder totanus littoreus gemeint zu sein.
Mackbiliß im Strassburg. Vogelb. v. 1554 V. 346 muß mit dem
von Gesner genannten Namen identiscli sein. Schwenkfeld Ther.
Sil. (1603) S. 282 gibt die Namen Mattknülis I Grunfüffel im An-
schluß an Gesner, danach bei Klein liist. avium prodr. (1750)
S. 101 Grünbeinlein, Grün-Fiiffel, MattkuiUis. Den Druckfehler
im letzteren Worte hat Reyger von Klein übernommen. Aus
den Werken der genannten preußischen Ornithologen ist das
Straßburger Dialektwort in das Preußische Wörterbuch von
1 Die Laute des Vogels klingen verschieden, s. Voigt Excursions-
buch S. 244.
2 Buffon hat den Namen gloutt, den er als schwedisch angibt,
von Linne. — 3 Frommann D. Mundarten III. 33.
288 Wasserläufer, totanus.
Frischbier II, 55 in der Form Matkrillis geraten. Eine ganz
ähnliche Bildung wie dieser Yogelname ist Rotknillis bei Gesner
a. a. 0. S. 494 ; nach der Beschreibung zu urteilen, ist damit der
Alpenstrandläufer (tringa alpina) gemeint. Auch das Strassburg.
Vogelb. v. J. 1554 nennt den Rothknillis (V. 348) unter den Wasser-
vögeln. Ein einfaches Knüllis findet sich bereits im 15. Jh. in
einer Straßburger Stadtordnung (Brucker Straßburg. Zunftverordn.
S. 266). Man könnte geneigt sein, die auffälligen Namen aus knellen
'schreien' zu deuten und in ihnen dasselbe Suffix zu erblicken,
wie in ahd. elbiT, 'Schwan'; aber gleichbedeutende Namensformen,
welche mit den vorhingenannten zusammenzuhängen scheinen,
geben für die Etymologie andere Anhaltspunkte. In Baldners
Vogelb. (1666) erscheint der Name des Alpenstrandläufers S. 65 in
der Form Rothknittzel und die parallele Bildung Mattknittzel ist
a. a. 0. S. 60 als Name des Kampfhahns bezeugt. Klein, der Baldner
als seine Quelle zitiert, schreibt Rothknuffel (S. 101). Wenn man
diese Varianten zum Ausgangspunkt wählt, so kann Knitzel bezw.
Knützel als eine i/a-Ableitung aus *knuü-a aufgefaßt werden und
dieses deckt sich mit engl. knot{t) 'Roststrandläufer, tringa canutus'.
Der englische Yogelname, der seit dem 15. Jh. bezeugt ist, ist von
Camden Brit. 1586 x mit dem dänischen König Knut in Yerbindung
gebracht und als 'der Knutsvogel' gedeutet worden ; man habe diese
Yögel nach Knut benannt, weil man glaubte, daß sie aus Dänemark
kämen. Diese Annahme ist nicht richtig; wir haben hier vielmehr
einen alten germanischen Yogeln amen, der sich an die alten Namen
verwandter Wasservögel, wazarstelh, Steingall, anreiht.
Ob der von Gesner S. 490 erwähnte Wasservogel Deffyt zu
den totanus- Arten oder zu den Strandläufern zu zählen ist, kann
man aus der mangelhaften Beschreibung nicht mit Bestimmtheit
schließen. Der nicht sicher deutbare Name erscheint in den Straß-
burger Stadtordnungen (um das J. 1500) einmal als defyt (Brucker
a. a. 0. S. 258), nachher im Strassburg. Vogelb. (1554) Y. 349 Deffet.
Mit dem Namen könnte auch der Sanderling (calidris arenaria)
gemeint sein, dessen hoher pfeifender Ton nach Naumann-Hen-
nicke VIII, 179 sich durch die Silbe pitt veranschaulichen läßt.
Danach wäre Deffyt eine ähnliche Bildung wie ndd. Tiwit 'Kibitz'.
1 Im NED. V, 2, 743.
Flußuferläufer, actilis hypoleucus. — Strandläufer, tringa. 289
Flußiiferläufer, actitis hypoleucus oder tringoides hypoleucus.
Unter den öfters erwähnten Abbildungen der zwölf in
Straßburg erlegten Watvögel bei Gesner Eist avium erkennt
man in dem S.493 abgebildeten und beschriebenen Fyfterlin den
Blußuferläufer. Das Strassburg, V'ogelb. v.J. L554 belegt den Aus-
druck 7.347 in der Form Fiflerling\ in Baldners Vogelb. (1666)
S. 66 Pfifterlin. Der Vogelname bedeutet eigentlich 'Bäckerlein'.
Wahrscheinlich ist der Vergleich mit einem Bäcker (Pflster) durch
die weiße Farbe des Unterkörpers veranlaßt.
In Gesners Hist. avium wird S. 593 ein Vogel abgebildet,
der in der Umgebung von Straßburg Lyßklicker heißen soll. Nach
der beigefügten Beschreibung zu urteilen, ist es der Flußufer-
läufer. Das Strassburg. Vogelb. (1554) V. 431 führt den Xamen
in der Form Leußklücker an; bei Golius Onomasticon (1579)
Sp. 291 Steinbicker I Leußklicker. Eine andere Variante findet
sich in Ostermanns Yocab. (1591) S. 332: "Cinclus vel cinchlus
Ein Rysklicker (rectius Ryesklicker) Mofellanis, ein Ryöl auis
magnitudine merulae cinerea, collo et pedibus longiusculis, voce
acuta ac querula, per crepidines flurainum celerrime curfitans,
mufcis, ac pifciculis victitat". Der Name ist nicht ganz durchsichtig.
In Steiermark heißt der Flußiiferläufer Grieshahn, Gries-
hähn! 1 (d. h. Kies- oder Sandhahn), in Luxemburg gröe Matte-
vutt* (eigtl. 'Mottenvogel'), Sizi, Suchen 2 ni., Zidderehen' 2 m.
Strandläufer, t r i n g a.
Die Strandläufer sind in Deutschland keine seltenen Gaste.
Wenn sie von ihrer nordischen Heimat nach dem Süden ziehen,
um die Winterquartiere aufzusuchen, erscheinen sie oft in großen
Scharen und sind auf den norddeutschen Küsten sehr häufig.
Die einzige Art, welche in Deutschland als Brutvogel angetroffen
wird, ist der kleine rotgefärbte Alpenstrandläufer, der im Elsaß
mit dem bereits erwähnten Namen Rotkniitzel oder RotknUHs
früher benannt wurde 3 . Nach den schwarzen Füßen des Vogels
benennt ihn Gesner Hist. avium S. 494 "melanopos"; bei Baldner
1 Unger-Khull 307. — 2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 279. 409. 504.
3 Vgl. S. 288.
Suolahti, Vogelnamen.
290 Kranich, grus cinerea oder grus grus.
Vogelb. (1666) S. 65 Eothknittzel oder Schwartzfüeß. Vielleicht
ist auch die angelsächsische Glosse wanfota (= pellicanus), die
bei Bosworth-Toller als 'Schwarzfuß' (wann 'schwarz') gedeutet
wird, auf unseren Vogel zu beziehen.
PopowitschV ersuch S.605f. spricht von einem kleinenWasser-
vogel, dem Wasserschnepfchen, der sich bei der Jagd sehr dumm
zeigt ; die Österreicher sollen ihn das Sandlauferl nennen. Offen-
bar meint er hiermit den Meinen Strandläufer (tringa minuta).
Die Benennung Sandläufer wird nicht nur von den tringa- Arten,
sondern vielleicht noch öfter von den Wasserläufern (totanus)
gebraucht; ebenso wird der in Norddeutschland den Strand-
läufern gegebene Name Tüt(e) 1 von verwandten Vögeln ange-
wendet. Auch Bezeichnungen wie Wasserhuhn und Wasserschnepfe
sind mehrdeutig. Vgl. S. 275. 301.
Den Säbelschnabler (recurvirostra avocetta) mit dem auf-
wärts gebogenen Schnabel beschreibt Baldner in seinem Vogel-
buch (1666) S. 61 unter dem Namen TJeberfchnabel.
Kraniche, Gruidae.
Kranich, grus cinerea oder grus grus.
Ahd. kranuh: Sg. Nora. — cra^uh grus 2 : cod. SGalli 913,
204b. granuh grux 3 : cod. SGalli 242,248a. chranoh : cod. Vindob.
162, 28 d. Carmen de Philomela 23: cod. Vindob. 247, 223a, cod.
mus. Britann. Add. 16894, 245 a. hranach : Lex Alamann. XCIX
p. 169, 11: Clm. 4460, 22a. Rotul. comit. de Mülinen Bern, cranich:
cod. Selestad. f. 109b. Versus de volucr. chranih : Glm. 14689 f. 47a.
kranich: H. S. III, 17. XI a 2. b. e, cranech: g, granich: b: cod. Ad-
mont. 269, 54b. chranch : Versus de volucr. grus X grues : cod.
Vindob. 804 f. 185b. — PI. Nom. — graniche: Vergil. G. I, 120:
cod. Selestad. f. 61a.
Komposita. — kranuhhessnabul (Pflanzenname) : craneche-
snabl reumatica : cod. Vindob. 10, 339a. Rotul. com. de Mülinen Bern.
chranehesnabel : Clm. 2612, 93a, cod. Bern. 722,1,2a. chranchesnabel :
cod. Vindob. 2400, 128b. H. S. IV, 7: cod. Turic. C 58, 98a, XIa2:
cod. Vindob. 2400, 114b, granescesnabel : Anhang a: cod. Vindob.
2532, 133 b, chranechesnabel : H. S. XI a, cranichesnabel : b, e, IV, 7
g'ranichisnabel : cod. mon. herem. 171, 31b. cranihes snabel agri-
monia . . : Rotul. com. de Mülinen Bern.
1 Vgl. z. B. Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 2. 3.
2 Sweet 995 Grus gruis cornoch (Steinmeyer).
3 Vielleicht stand doch grues (Steinmeyer)-
Kranich, grus cinerea oder grus grus. 291
Tn dem Namen Kranich ist uns ein alter indogermanischer
Vogelname erhalten geblieben. Die Bildnngsweise, die in der
deutschen Namensform zutage tritt, ist nur auf westgermar
nischem Sprachgebiet nachzuweisen: zn ahd. kranuh (dazu der
Ortsname Cranahfeld bei Pörstemann AH<I. Namenb. II. L22), mhd.
hranech stimmen mnd. kranek (nur im Pflanzennaraen hranekes
mavel belegt), westfäl. Krdnek : sowie &g8.cranoc, comuc(die letztere
Form delleicht durch Metathese entstanden, s. Sievers Ags.
Gramm. 8 § 179, I). Wie einfachere Namensformen zeigen, ist im
westgerm. *hranuka- das /• als Suffix aufzufassen, und zwar liegt
hier eine in Vogelnamen öfters nachweisbare Ableitungsart vor,
vgl. got ahaks Taube', ahd. habuh 'Habicht' usw. bei Kluge No-
minale Stammbildung 2 § 61b. Ob mhd. hrenich 1 und Schweiz.
Kranch wirklich auf altem Suffixablaut beruhen, ist unsicher.
Vorläufig liegt kein zwingender Grund vor, das ahd. Suffix in
anderer Form als mit dem Vokal tt anzusetzen. Im Althoch-
deutschen ist die kürzere Namensform als krano an folgenden
Stellen bezeugt : crano: cod. Parisin. 9344 f. 42b, cod. Berol. Ms. lat. 8°
73, 123b, cod. sem. Trevir. f. 112b, kranno: cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3.
4° f. 89a. krane: cod. Cheltenham. 7087, 144a. crano: cod. Oxon. Jim. 83.4-.
Außerdem im Pflanzennamen Jcranafuo%: cranuoz polpedum: cod.
Bonn. 218, 49b und im Baumnamen kranaboum: wachiltpovm i ehra-
napöm X spurcha [subter] iuniperum : Regum III, 19,4: Clm. 4606, 113 b
und kranaivitu : kreozpaum vel khranauuitu iuniperum : Fragm. SEmme-
rami deperdita. chraneuuito arciotidus: cod. Wirziburg.'Mp. th. f. 146 f. 2a.
cod. Vindob. 804 f. 171b, cod. Wirziburg. Mp. th. 4° 60, 103b. Versus de
arboribus. — Dem ahd. hrano entsprechen mnd. krän*, westfäl.
Krane, mndl. creme, nndl. kraan und ags. crem, me. ne. crane,
in den nordischen Sprachen mit auffällig abweichendem Anlaut:
anord. trana, dän. träne, schwed. trana. Diese nordischen Worte
können nicht von den westgermanischen Namensformen getrennt
werden, obwohl die Lautverschiedenheit durch kein bisher be-
kanntes Gesetz erklärt werden kann. Bei Falk und Torp Et.
1 Lexer Mhd. Wb. I, 1709; auch in den von Brucker herausg. Straß-
burg. Zunftverordn. des 15. Jhs. S. 188. 226. 229.
2 Die altniederdeutsche Glosse grues hraru in dem Straßburger
Glossar ist verderbt; Holthausen liest crani, vgl. Wadstein Kleinere alt-
sächs. Sprachdenkm. S. 107 l8 .
19*
292 Kranich, grus cinerea oder grus grus.
ordb. II, 376 wird angenommen, daß auch auf nordischem
Sprachgebiet die erweiterte Namensform *kranuka- existiert
hätte; durch Dissimilation der beiden &-Laute sei der Anlaut
hier zu tr geworden.
Der germanische Name *krana(n) ist urverwandt mit griech.
fepavoc 'Kranich', cymr. corn. garan 'Kranich', gall. garan- (in
der Inschrift tarros trigaranus über einem Stier mit drei Vögeln
auf dem Rücken), lit. garnys 'Reiher, Storch'. Ferner stehen die
baltisch-slavischen Kranichnamen lit. gerv'e, apreuß. gerive, akslav.
zeraxi, die aus demselben Stamme *ger- anders gebildet sind
(Grdf. *geru-). Die Namen beruhen auf dem heiseren Geschrei des
Kranichs, das Naumann als ein schnarrendes "Kruh oder Grün",
auch "Kurr und Kürr" (nebst anderen Yarianten) bezeichnet;
ähnlich wird die Stimme des Yogels auch bei Yoigt Excursions-
buch S. 226 beschrieben.
Die einfache Namensform Kran, Kräne kommt in Nieder-
deutschland vor; die einstige Verbreitung derselben auf hoch-
deutschem Gebiet geht aus den obenangeführten Baum- und
Pflanzennamen kranaboum, kranawitu (heute im Kompositum
Krammetsvogel < kranaivitu-vogal erhalten) und kranafuo^ sowie
mhd. cranin snabil in Ahd. Gll. III, 50 38 hervor.
Als Ablautsform zu germ. *kran-a ist mnd. krön (= mhd.
kruon) aufzufassen (vgl. hana~hön). Auf hochdeutschem Boden
ist sie bezeugt in der Erlösung (Ed. Bartsch) 59, 6, wo grün mit
fasetün reimt, und in den Minnesingern (Ed. v. d. Hagen) EU, 21b,
wo krün im Reime mit huon steht. Im Mittelniederdeutschen ist
krön öfters bezeugt, vgl. Diefenbach-Wülcker Wb. S. 715 s. v.
Kran und dessen Kompositionsformen sowie S. 720 s. v. Krön,
auch Kroen = grus im Vokabelb. v. J. 1542 in Jb. f. ndd. Spraclif.
VI, 127. Diese Vokalstufe ist heute bewahrt in mecklenburg.
Krohn, Kraun (Kronsnepp eigtl. 'Kranichschnepfe'), s. Korrespon-
denzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84 und AVb. d. Mecklenburg.-Vor-
pommerischen Mundart S. 46. — Westfäl. Krükrdne und Krüne-
krdne 1 f. sind offenbar aus der Kindersprache übernommene
reduplizierte Bildungen; J. Müller Aachener Mundart S. 125 kennt
Krünekräne aus einem Kinderliede.
1 S. Woeste 146. 147 und Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 5.
Kranich, gras cinerea oder gros grus. 29:',
Eine andere Bezeichnung des Kraniche ist ahd. fcrwa mit
der Ablautsform krta.
Die ahd. Belege Bind folgende: Sg.Nom. creia gras: Prii
ciani inst. 1(54, 1: Clm. 880 A 29b, chreia; Clin. 18376, 46b, e*rt&i
Brchanberti ars: Clm. 6414, IIa. fcra^a esternotas: II. S. III. 17. Dmordn.
H.S. in, 8. 611. Salomon. e: cod. ums. Britann. add. 18879, 86a d
Gll. Salom. a I, cWa: Clin. 22201, 69g, Die Bedeutung 'Staar'. dm
man auf Grund des Lat Lemmas 'esternulus' in Eeinrichs Sum-
marium für «las Wert angesetzt hat (vgLz. B. Eildebrand in Grimms
Wb. 7,2137 s. v. Krei), ist zu streichen. Die betreffende Glosse
steht zwischen kranich und storch und ist vom Redakteur des Sum-
mariums als Name des Kranichs aufgefaßt. In nihd. Zeit ist der
Name spärlich belegt Er erseheint in Boners Edelstein (Ed. Pf eiff er)
XI, 25, wo von vier Hss. des 15. Jhs. zwei kry{g)en und die zwei
anderen kräyen, Lretcen schreiben; statt dessen haben zwei Hand-
schriften storken. Weiter krie nel krauch im Vocabularius op-
timus (Bd. Wackernagel S. 42) XXXVII, 67, hryg in einem alle-
mannischen Vokabular bei Diefenbach Nov. glossar. S. 198a;
hreigen und kregen in Straßburger Stadtordn. aus den Jahren
1449 und 1459 (Brucker Straßburg. Zunftverordn. S. 226. 229).
Im 16. Jh.: ein kry und krauch bei Frisius S. 614b, jung kryen
oder krenich a. a. 0. S. 1386 a, ein krauch ein krei bei Uasypodius;
in Gesners Hist. avium (1555) S.509: "Germanis hran uel krane
uel kranich kranch: & noftris etiam kryc". Nach den Be-
legen zu urteilen, ist die Form krta in der Schweiz, kreia dagegen
im Elsassischen und Baltischen üblich gewesen. Heute dürfte der
Name ausgestorben sein. Da creio im Summarium Heinrichs
neben cranuh und in den Straßburger Stadtordnungen junge
hreigen neben krenichen angeführt wird, so ist das Wort wohl
die Bezeichnung für den jungen Kranich gewesen. Zu beachten
ist auch das Deminutivum estemulus in Heinrichs Summarium.
Die jungen Kraniche wurden früher auf den Markt gebracht,
wo ihr Fleisch als besonders delikat angesehen wurde. — Daß
diese Bezeichnung des (jungen) Kranichs onomatopoietischen
Ursprungs ist, darf man für sicher halten. Falls lat. grüs aus
älterem *groi- enstanden ist, könnte ahd. kreia damit urverwandt
sein; vgl. Kluge Et. Wb. 6 S. 224. Sonst ließe sich das deutsch.'
294 Wiesenknarrer, ortygometra crex, crex crex.
Wort als eine ^-Bildung *kra-j6 auffassen, neben welcher
*hra-n-a sich als eine ^-Erweiterung herausstellte.
Rallen, Kallidae.
Wiesenknarrer, ortygometra crex, crex crex.
Der Wiesenknarrer gehört zu den furchtsamsten Geschöpfen
der Yogelwelt. Auf den Wiesen, wo er im Schutze der Gräser
hin- und herläuft, lebt er so versteckt vor dem menschlichen
Auge, daß nur wenige ihn zu sehen bekommen. Xur seine auf-
fällige schnarrende Stimme klingt in schönen Sommernächten
unaufhörlich in das Ohr. Die Volksphantasie hat wegen dieser
Lebensart des Vogels ihm verschiedene Namen geschaffen. So
nennen die Leute in Preußen den Wiesenknarrer oder die da-
mit verwandte Wasserralle Gespenst \ in Sachsen und Schlesien
heißt er Faule Magd 2 . Der schlesische Ausdruck Alter Knecht 2
ist schon bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 313 (Alte Knechte)
bezeugt, im nördlichen Böhmen lautet der Name Wachtelknecht 2 .
Gewöhnlich wird der Vogel jedoch nicht als Wachtelknecht,
sondern als Wachtelkönig bezeichnet, so in Mecklenburg 3 , Preußen 4 ,
Böhmen 5 , in Luxemburg 6 , im Kreise Münster 7 und in Anhalt 8 .
Diese Benennung ist bereits Gesner bekannt: "Ortygometram
uulgo Itali coturnicum regem appellant (el re de qualie) maiorem
aliquanto et nigriorem. Quidam Gallice interpretatur, aut
potius circüloquitur, le roy & mere de cailles, proprij nominis
ignoratione, ut etiam Germanice quidam der ivachteln Minig" in
Hist. avium S. 346. Die Auffassung des Wiesenknarrers als
Wachtelkönig erklärt sich nach Naumann -Hennicke VII, 183
"bei einer oberflächlichen Ähnlichkeit mit unserer Wachtel, im
Vergleich zu dieser, aus seiner beträchtlichen Größe; ferner
weil er meistens mit den Wachteln ankommt und oft in ihrer
1 Frischbier I, 231.
2 Zs. f. d. Phil. XXI, 211 ff. und Weinhold Beitr. zu einem schles.
Wb. S. 19.
3 Schiller Zum Tierbuche II, 18. — 4 Frischbier I, 231.
5 Zs. f. d. Phil. XXI, 211. — 6 Wb. d. Luxemburg. Mundart 492.
7 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 87.
8 Naumann-Hennicke VII, 180.
Wiesenknarrer, ortygometra crex, crei c 295
Nähe, noch öfterer zu Ende der Erntezeit an gleichen Orten
angetroffen wird, and deshalb beim gemeinen .Mann für deren
Anführer auf der Reise gilt". Es ist jedoch höchst zweifelhaft,
ob diese Vorstellung in Deutschland volkstümlichen Ursprungs
ist. wie man annimmt; wahrscheinlich ist sie durch den Namen
veranlaßt und dieser ebenso wie der entsprechende französische
Ausdruck eine Nachbildung ^\^> griech.-lai ortygometra (Wachtel-
mutter). Wie Nachtrabe, Ziegenmelker, Immenwolf und andere
durch gelehrten Einfluß entstandene Namen, ist wohl auch der
Ausdruck Wachtelkönig im Laufe der Zeit bis zu einem gewissen
Grade volkstümlich geworden. In der Form Wachtelkönig be-
gegnet der Name in Ostermanns Yocab. (1591) S. 337 und bei
Schwenk fehl a. a. 0.
Die allermeisten von den volkstümlichen Dialektnamen
knüpfen naturgemäß an die Stimme des Vogels an.
Eine alte Avestgermanische Benennung dieser Art liegt
in dem Ausdruck Screek vor, den Longolius Dialog, de avibus
(1544) S. E 8b anführt; aus dem selben Jahre stammt der Beleg
bei Turner Avium bist. S. G 4 b : "Aliqui ortygometram uolunt
esse Germanorum fericam". Gesner, der in Hist. avium (1555)
S. 347 die Namensformen Schnjck und Screcke schreibt, stützt
sich dabei offenbar auf die eben angeführten Kölner Ornitho-
logen; die letztere Lautform findet sich im Xamensverzeichnis
bei Longolius. Bei Eber und Peucer Yocab. (1552) S. E 7 a
stimmt die Form Schrich überein mit dem Beleg bei Turner
a. a. 0. In dieser Lautstufe deckt sich der Xame mit westfäl
Schrik 'Wachtelkönig, Krammetsvoger aus mnd. schrik (Lübben
Mnd. Wb. S. 336) und ags. scric 'turdus', engl, shrike Weuntöter'.
Der Vogelname, der auf verschiedene Vögel, welche sich durch
ihr Geschrei auszeichnen, bezogen wird, ist am nächsten ver-
wandt mit mittelengl. senken (ne. shriek) 'schreien'. Ähnliehe
Bildungen sind fries. Schrye 'Brachvogel' bei Gesner S. 4S0,
ein Schreer 'cenchramus dux coturnicum' bei Eber und Peucer
Vocab. (1552) S. E 6b sowie schwed. skrika : aorweg. shrike 'Eichel-
häher' (zu schwed. skrika 'schreien'). Die von Longolius l)elegte
e-Stufe des Stannnvokals ist auch bezeugt in Screk bei Oster-
mann Vocab. (1591) S. 337, Schrecker Brachvogel in der Über-
296 Wiesenknarrer, ortygometra crex, crex crex.
Setzung der Bücher Plinii v. J. 1651 S. 546, Schrecke bei Reyger
Verbess. Hist. der Vögel (1760) S. 105 und Frisch Vorstellung
der Vögel (1763) XII, B 2 a. Sie beruht wohl auf volksetymolo-
gischer Anlehnung des Vogelnamens an mnd. scricken, screcken 'er-
schrecken'. Vgl. auch S. 64.
Weit verbreitet sind die Namen des Wachtelkönigs, die
von dem schnarrenden Ton des Naturlautes ausgehen. In Ai-
tingers Buch v. d. Vogelstellen (1631) S. 289 wird der Vogel
Heckschnarr, in Zorns Petino-Theologie (1743) II, 284 und Reygers
Verbess. Hist. der Vögel (1760) S. 105 die Schnarre genannt;
heute gilt Snarr 1 in der Grafschaft Ranzau, Dhauschnarre 2 in
der Mark Brandenburg, Thauschnarre* (bei Frisch Vorstellung der
Vögel (1763) XII, B 2a) in Preußen, Wiesenschnarre^ in Hessen,
Schnarrhuhn' in Sachsen, Schnarricachtel, Schnarrwach 6 in Lübeck
und Mecklenburg. Dan. (eng)snarre stammt aus dem Deutschen. —
Eine Variation dieser schallnachahmenden Benennung ist spät-
mhd. schnartz (vgl. das Verbum schnarzen oder schnerzen) in einer
Version des Märchens vom Zaunkönig (Germania VT, 90); "vom
Schnertz oder Wachtel-Könige" in Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746)
S. 57, preuß. Schierz 1 , in Mecklenburg Snartendart 2 . Vgl. S. 60.
An die Erweiterungsform des Stammes snar-, welche im
Verbum schnarchen vorliegt, schließen sich die Namen Snark 1 in
der Grafschaft Ranzau und Grasschnarcher 8 in Preußen, Wiesen-
schnarcher 9 in Hessen an; im 15. Jh. snerker im Elbinger Vokabular
(Berneker Die preuß. Sprache S. 244) und bei Diefenbach Glossar.
S. 253 a, Schnercker bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 313. Vgl.
S. 60. — Eine weitere Variation der genannten Schallwurzel liegt
dem preußischen Dialektnamen Schnarp 10 zugrunde; auf hoch-
deutschem Boden die Schnerffen bei Aitinger a. a. O. (1631) S.289,
Schnerf oder Thauschnarre in Frischs Teutsch-lat. Wb. II, 212 a,
Schnerpf bei Heppe Wohlred. Jäger (Schmeller- Frommann H,
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 2.
2 Schiller Zum Tierbuche II, 18. — 3 Frischbier II, 396.
4 Vilmar 454. — 5 Zs. f. d. Phil. XXI, 211.
6 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84.
7 Frischbier II, 304. — 8 Frischbier I, 251. — 9 Vilmar 454.
10 Frischbier II, 251.
Wiesenknarrer, ortygometra crex, crex crex. 297
583). Vgl. auch sohwed. äkersnarp, ängsnärpa in derselben
Bedeutung.
In dem alteu Glossar mit Vogelnamen, das in der Pariser
Handschrift 12269 enthalten ist, findet sich fol. 58b die Glosse
wcgisner cicatus. Wie einige andere Glossen des Vokabulars, so
ist auch diese einer angelsächsischen Vorlage abgeschrieben; die
zugrunde Liegende angelsächsische Namensform Ist In der Glosse
secggescere nel haman (d.h. Wiesenknarrer oder Grille) = cicad
bei Wright-Wülcker Vocab. I, 13 6 überliefert. Steinmeyer Alid.
Oll. IV, 356 gibt an, daß in secgisner der Pariser Gll. n auf Rasur
Bteht. Offenbar ist das angelsächsische Wort durch die Leichte
Änderung dem deutschen Leser mundgerecht gemacht worden;
in dieser Gestalt bedeutet die Glosse 'Grasschnarrer' (zu ndd.
segge 'Riedgras' und mhd. snerren 'schnarren'). Der angelsächsische
Vogelname l ist dagegen aus scieran 'schneiden' zu deuten und als
'Grasschneider' zu verstehen. Ähnliche Bildungen sind Eggenschär,
Heggeschär und Heg g schär , welche Gesner a.a.O. S. 478 als
von Vogelstellern für den "Wiesenknarrer oder die Wasserralle
gebrauchte Bezeichnungen anführt; heute gelten Eggenschär in
schweizerischen und Eggscheer 2 in schwäbischen Mundarten von
der Wasserfalle. Vgl. schwed. ängsskära, äkerskära 'Wiesenknarrer'.
Mehrere moderne Mundarten fassen den Wiesenknarrer als e Gras-
schneider' auf, vgl. preuß. Gras-Meher bei Klein Hist. avium prodr.
(1750)8.103, Grot Schneider 3 im Oberinntal (Tirol), Strohschneider,
Wiese nmahder 4 - in Steiermark.
Unter den zwölf Sumpfvögeln, welche Gesner nach den
Abbildungen von Lucas Schan beschreibt und mit den in Straßburg
üblichen Namen bezeichnet, ist der Mattkern S. 496 geschildert.
Die Schilderung der äußeren Gestalt und der Farben ist ziemlich
summarisch, aber der im lateinischen Texte zitierte deutsche
1 Whitman hat in der angelsächsischen Glosse keinen Vogelnamen
erkannt; wenigstens ist das Wort in seiner Belegsammlung The Birds
of Old Engl. Literature nicht aufgenommen. Daß die Bedeutung des Wortes
nicht nach dem lat. Lemma cicada als 'Grille' angesetzt werden darf, be-
weist schon die Glosse ortigometra segcscara bei Wright-Wülcker Vocab.
I. 287 " unter den Vogelnamen.
2 Fischer II, 544. — 3 Frommann D. Mundarten IV, 54.
4 Unger-Khull 584. 633.
298 Wasserballe, rallus aquaticus.
Satz, welcher die Stimme des Vogels charakterisiert, läßt darin
gleich den Wiesenknarrer erkennen : "Er fchryet vnnd fchnurret
wie die wullen waber wenn fy die wnllen fchlahend". Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 284 führt wie Gesner den Namen Mattkern als
Straßbnrger Wort an ; in Baldners Yogelb. (1666) S. 73 begegnet
die Form Mattkernel. Der zweite Bestandteil des Kompositums,
der als selbständiger Name im Sinne von Krickente bezeugt
ist, ist verwandt mit dem lautmalenden Worte kerren und benennt
die Yögel nach dem knarrenden Tone der Stimme, vgl. dän.
knerkand, knarand 'Krickente und Wachtelkönig'. Das erste
Glied in Mattkernel kann wie in Mattknillis, Mattknützel als Matte
'Wiese' verstanden werden, wahrscheinlich ist diese Lautform
jedoch erst sekundär aus Mott 'Schlamm' entstanden.
In Ostermanns Yocab. (1591) S. 337 wird unter den Syno-
nyma für den Wiesenknarrer der Ausdruck Wifenhünlin genannt,
bei Keyger Verbess. Hist. der Yögel (1760) S. 105 heißt der Yogel
Grasläufer, Wiesenläufer. Andere ähnliche Namen sind Wischen-
knarker l in Göttingen und Grubenhagen, Wisekrips 2 in Luxem-
burg, Wiesenkrätzer 3 im Fuldaischen, Gerstenratzer oder Korn-
hühnchen 1 in Sachsen, Grasrätsch, Rätschvogel' in der Schweiz.
Ein preußisches Dialektwort ist Scharp, Scherp, Scharpvogel 6
vgl. S. 129.
Wasserralle, rallus aquaticus.
Im Gegensatz zu dem Wachtelkönig, der auf trockenem
Lande sich aufhält, wählt die Wasserralle zum Aufenthaltsorte
ausgedehnte Sümpfe und Teiche mit schlammigen Ufern. Die
beiden Yögel sind von gleicher Größe und haben auch sonst
mit einander große Ähnlichkeit, so daß sie oft mit einander ver-
wechselt werden. Manche von den Namen des Wiesenknarrers
werden daher auf die Ralle bezogen. In Preußen wird die
Benennung Tauschnarre von beiden Yögeln angewendet, ebenso
der Ausdruck Gespenst. Hier sind die beiden Yögel auch unter
dem Namen Casper bekannt. Zum Unterschiede von dem Wiesen-
1 Schambach 300. — 2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 488.
3 Vilmar 454. — 4 Zs. f. d. Phil. XXI, 211.
5 Staub-Tobler I, 696. — 6 Frischbier II, 258. 268.
Tüpfelsnmpfhühnchen, ortygometra porzana. 299
rasper nennt man die schwärzlich gezeichnete Kall«' den Schwarzen
Caspcr; "noftrates vocanl schtoartze Cafpar" bei Klein bist avium
prodr. (1750) S. 103. In der Schweiz gilt Eggenschär (schwäb.
Eggschär)mcht nur vomWiesenknarrer, sondern auch von der Balle.
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) 8.283 nennt für die Balle die
Namen Samet- Eünle Schnürt; Waffer Eünle und Mott-Hünlin.
Der Letztgenannte Ausdruck bedeutet 'Sumpfhühnchen' (zu Moti
'Sumpf). In den ersterwähnten zwei Belegformen verrät die
Lautgestalt den allemannischen Ursprung; in der Schweiz Lsl
Sammet-Hüenli 1 heute geläufig. Im Elsaß sind die synonymen
Benennungen RohrlutncL Rohrhünlin in Baldners Yogelb. (1666)
S.52, Rorhänlin* in Fischarts Gargantua 376 bezeugt; Eohberg
Adel. Landleben (1687) II, 636 (Kap. CXIV Buch 11) gebraucht
den Ausdruck Rohrhünlein in weiterem Sinne, indem er darin
auch die Teichhühner mit einbegreift. In Luxemburg heißt die
Ralle Wässer ivisekrips* m. (Krips = Krebs), vgl. oben S. 298.
Die heute in der Wissenschaft übliche Benennung Ralle
beruht auf dem frz. Namen rdle A (afrz. raalle) oder vielmehr auf
dessen latinisierter Form rallus, ralla, vgl. Gesner Hist. avium
S. 346. 377 : "De rallo Italorum" "Gallorum rasle uel ralla". Klein
hist. avium prodr. (1750) S. 103 f. übersetzt rallus cinerevs mit
Graue Rall (Braune Roll, Bengalsche Rall), danach bei Reyger
(1760) S. 105 Schwarze Ralle als Bezeichnung der einheimischen
Art Adelung (1777) III, 1239 bucht die Ralle und der Rall.
Tüpfelsunipfhülniclien, ortygometra porzana.
Den Übergang von den vorhergehenden Arten zu den
Wasserhühnern bilden die Sumpfhühnchen, welche sich schon
gut im Wasser zu bewegen verstehen. Vielfach werden diese
mit den eben erwähnten größeren Arten verwechselt und aus
den Schilderungen der älteren Ornithologen ist es meistens äußerst
schwierig, die verschiedenen Arten dieser Gattung zu bestimmen.
Der von Gesner Hist. avium S. 497 abgebildete und geschilderte
Yogel, den er Wynkernneü nennt, scheint das Tüpfelsumpf-
hühnchen zu sein. Der Straßburger Ausdruck, dessen erster
1 S. Staub-Tobler IL 1376. — 2 Martin-Lienhart I. 341.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 478. — 4 Daraus engl. raü.
300 Purpurhuhn, porphyrio hyacinthinus.
Kompositionsteil dunkel ist, begegnet auch mit der Orthographie
Weinkerml im Strassburg. Vogelb. v. J. 1554 V. 353; vgl. die
Parallelbildung Mattkernel S. 297 f. Auf diesen Yogel beziehen
sich vielleicht auch die von Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 283
angeführten Ausdrücke Bundt Waffer Hünlin I Gescheckt Mott
Hürde, vgl. Mott hünlin S. 299. In Steiermark kommen die Syno-
nyma Bohrhähnl 1 und Blätterhuhn 1 vor.
Die beiden kleinsten Arten, das Brachhühnchen (ortygo-
metra minuta oder parva) und das Zwergsumpfhühnchen (ortygo-
nietra pygmaea oder pusilla), hat erst Naumann als besondere
Arten erkannt. Es ist nicht recht klar, ob Schwenkfeld a. a. 0.
mit der siebenten Art der Gattung glareola oder mit gallinago
cinerea eins von diesen Sumpfhühnchen meint; die deutsche
Bezeichnung Aefch-Hünlin (d. h. Aschhühnchen) bezieht sich
auf die Farbe. Überhaupt werden die Sumpfhühnchen wohl
meistens mit den üblichen Namen des Wiesenknarrers oder der
Ralle bezeichnet.
Purpurhuhn, porphyrio hyacinthinus.
Das Purpurhuhn ist kein deutscher Yogel, aber da es zu
den in der Bibel aufgezählten Yögeln gehört, erscheint der Name
in den älteren deutschen Bibelglossen.
In angelsächsischen Glossaren wird der lateinische Name
porphyrio mit felufor, felofor, fealfor, fealefor wiedergegeben;
einige Mal werden die Worte auch mit onocrotalus 'Rohrdommel*
glossiert. — Auch in deutschen Glossensammlungen erscheinen
diese Namensformen: felefer onocrotalum. auis que sonitum facit in
aqua: Leviticus 11, 18: cod. SGalli 295,127, felefor: cod. SGalli 9,276,
cod. SPauli XXV d/82, 37 b, horotrugis t felefor a onocrotalvs. animal olori
elbiz simile: cod. Stuttg. th. et phil. 218, 13c; felefor: cod. Lugdun. Voss,
lat. f. 24 f. 101a. philfor porfilio: Deuteronomium 14, 17 : cod. Parisin. 2685
f. 51b; id pheluphur: cod. Fuld. Aa 2, 46 a, iö feluphur: cod. Carolsruh.
Aug. CCXLVIII, 110b. Alle obengenannten Belege sind jedoch ohne
Zweifel von angelsächsischen Schreibern geschrieben und können
als deutsche Glossen nicht in Anspruch genommen werden. Das
angelsächsische Glossen wort ist eine Umdeutung des im Leviti-
cus 11, 18 und Deuteronom. 14, 17 bezeugten lat. porphyrio (aus
1 Unger-Khull 88. 508.
Teichhohn, Btagnicola chloropus, gaOinula chloropua. 801
griech. Tropcpupiuuv); der einheimische Vogelname d&alfor scheint
hierbei mitgewirH zu haben. Die einzelnen handschriftlichen
Varianten p&rßio, /W//Y, f<>lfu\ philfor^ phduphur illustrieren den
Entwicklungsgang. Wie solche gelehrte Verdeutschungen la-
teinischer Vogelnamen entstehen, kann man z. B. bei Kmir.nl
von Megenberg beobachten, der ans porphyrio ein porphiri, ans
onocrotalus ein ankrättel macht (Bd. Pfeiffer 8. 212). .Mit dem
umgedeuteten Namen des Purpurhuhns hat ags. fehle f«rr 'Kram-
metsvogel', das damit in Verbindung gebracht worden ist,
nichts zu tun.
In spateren Vokabularen wird porphyrio mit purpirvogel
oder purpurfaruogd übersetzt, s. Diefenbach Glossar. S. 448a und
Nov. glossar. 8.298b.
Teichhuhn, stagnicola chloropus, gallinula chloropus.
In der Wissenschaft wird das mit roter Stirnplatte ver-
sehene Sumpfhuhn meistens als Teichhuhn von dem weißstirnigen
Wasserhuhn unterschieden. In den Mundarten wird jedoch die
letztere Benennung von den beiden verwandten Vögeln angewendet ;
die Bedeutung wechselt je nach den betreffenden Gegenden. Der
Ausdruck Wasserhuhn ist bereits in althochdeutscher Zeit in einer
Gruppe von Handschriften bezeugt : vuazarhuon onocrotalus : cod.
Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4<> f. 89a, uuazarhuon: cod. sem. Trevir. f. 112b.
teazzerhu nt x : cod. Parisin. 9344 f. 42b, xoatharhum: cod. Berol. Ms. lat. 8"
73,124a; im Mittelhochdeutschen begegnet öfters wazzerhtum— mnd.
waterhön, mndl. waterhoen. Gesner gebraucht den Namen im zwei-
fachen Sinne von Blaßhuhn und Teichhuhn, bei Baldner Vogelb.
(1666) S. 50 wird nur der letztere Vogel Wafferhünel genannt.
Popowitsch Versuch (1780) 8. 604 meint mit den Deminutiv-
bildungen Wafferhendel (in Österreich) und Waffe rhüendel (in
Steiermark) die Wasserraüe; in Westfalen wird dm- Eisvogel
Waterhainken 2 genannt (schon bei Gesner Hist. avium s. B5
Auch in der Schweiz kommt Wasserhüeiüi* in der Bedeutung
Eisvogel vor. Doch wird Schweiz. WasserhüenU allgemein im
Sinne von 'Teichhuhn' angewendet; ebenso Wasserhong { in
1 Mit unorganischem t. — 2 Woeste 317.
3 Staub-Tobler II, 1377. — 4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 477
302 Bläßhuhn, fulica atra.
Luxemburg und Wdterhöhnken l im Münsterkreise. Mehrdeutig
ist auch die Benennung Bohrhünlein bei Hohberg Adel. Land-
Leben II, 636 und Meerhün (d. i. wohl = Moorhuhn) bei Aitinger
Bericht v. d. Vogelstellen (1631) S. 69.
In Straßburg heißt das Teichhuhn heute Ducherle 2 (d. h.
Taucherlein). Ein älterer Straßburger Name ist Eothplettel (ab-
geleitet von Platte) im Strassburg. Yogelb. v. J. 1554 V. 384, wo
gerade das Teichhuhn gemeint zu sein scheint; gleichbedeutend
ist anhält. Roibläßchm* (vgl. unten Bläßhuhn).
Bläßlmlin, fulica atra.
Ahd. belihha, belihho : Sg. Nom. — pdüfia fulix : cod. Flo-
rentin. XVI, 5, 141 a (13. Jh.). fuluo et Pielico 4 antit chunni 5 : cod.
Vatican. Reg. 1701, 2b. belico anud cunni fulica: cod. sem. Trevir.
R. III. 13, 106a. — PL Nom. — pelichon fulice: Vergil. G. I, 363:
Gm. 305, 37 a, Clm. 21562, 43 a.
Ahd. belihha, belihho (mhd. belche) 'Bläßhuhn' hat in den
übrigen altgermanischen Dialekten keine Entsprechung, aber die
verwandten indogermanischen Sprachzweige bieten anklingende
Benennungen mit gleicher Bedeutung: lat. fulica und griech.
qpaXnpic, cpaXäpic. Zugrunde liegt diesen Namensformen ein Stamm
*bal- 'weiß', der in griech. maXöc 'glänzend', cpdXioc 'weiß',
qpaXnpöc 'glänzend', lit. bältas 'weiß', cymr. bal 'weißgesichtig
(von Tieren)', breton. bal 'weißer Stirnfleck' vorhanden ist. Auf
germanischem Boden hat Edward Schröder denselben Stamm in
dem Namen Bäht, mit dem das Streitroß Belisars benannt wurde,
nachgewiesen, s. Zs. f. d. A. XXXV, 237 ff. Das Bläßhuhn hat
also den Namen erhalten wegen der blendend weißen Stirnplatte,
welche den Yogel bei sonst durchgehend schwarz gefärbtem Ge-
fieder auszeichnet. Man hat die Übereinstimmung von ahd.
belihha mit den angeführten Namen im Lateinischen und Griechi-
schen einfach als Urverwandtschaft bezeichnet. Aber damit ist
der Grad der Verwandtschaft vielleicht nicht richtig angegeben.
In der Bildungsweise stimmt ahd. belihha nicht zu lat. fulica;
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 87.
2 Martin-Lienhart II, 647. — 3 Naumann-Hennicke VII, 142.
4 aus fulica resp. dem deutschen pelicha verderbt (Steinmeyer).
5 1. anit chunni; das letzte * angehängt (Steinmeyer).
Bläßhuhn, falica atra. 808
ebenso ist das Suffo im griechischen Worte ganz verschieden.
Daher darf man den Vogelnamen nichl ohne weiteres in die
indogermanische Zeil tunaufrücken. Die Namensformen der ver-
wandten Sprachen können auch anabhängige einzelsprachliche
Bildungen von dem urverwandten Wortstamme sein. Auch in
englischen Dialekten wird das Bläßhuhn heute mit stammesver-
wandten Namen bezeichnet, vgl. bald-coot, bald-duek^ bald-foid \\. a.
(zu bald e haarl«»s. mit Weiß gezeichnet*, bau 'weißer Bleck*) bei
Swainson The Folklore 8. L78; schon ums Jahr 1300: ane blarye
a baüed cote bei Wrighl Vocab. L65 (NED. I. 633). Die Bildungs-
weise < i < ■ s deutschen Wortes hal vielleicht eine Parallele in dem
Bteir. Vogelnamen Schmelche (aus ahd. &malihha\ s. 8. 26. Mög-
licherweise ist das Suffix ikan : ikdn eine Weiterbildung von dem
german. & -Suffix 1 , das in ahd. Jcranuh und hafmh zutage tritt;
in diesem Falle würde Suffixablaut vorliegen. Der mhd. Pferde-
name Bei die im Biterolf und die gleichlautenden Bergnamen in
Süddeutschland sind offenbar als Übertragungen des Vogelnamens
aufzufassen.
Gesner Hist. avium S. 396 bezeugt den alten Namen rar
die Schweiz in den Formen ein Böllhinen und Belchinen, speziell
für die (regend um den Bodensee die Form ein Belch. Popowitsch,
der (Versuch S. 61) diese Benennungen nach Gesner zitiert, kennt
aus Frisch die umgedeutete Xamensform Bellhenne und aus Heppe
Wohlred. Jäger auch die Variante Bölcher. Schwenkfeld hat
diesen Namen nicht aufgenommen, das Strassburger Vogelbuch
nennt ihn auch nicht. Heute lebt das Wort als maskuL Beiehe 2
in der Schweiz und in Schwaben, als femin. die Beiehen ' in
Baiern; die frühere Verbreitung läßt sich an Bergnamen im
Schwarzwald, in den Vogesen uud in Hessen verfolgen,
Martin Jb. des Vogesenklubs II, 193 f. und Vilmar Id. S. 31.
Weit verbreitet ist in den jetzigen hoch- und nieder-
deutschen Mundarten der schriftsprachliche Name Bläßhuhn
nebst Varianten. Den frühesten Beleg bieten die von v. Bänder
Germania XXIII herausgegebenen Gedichte des Königs von Oden-
wald, die aus dem Anfang des 14. Jhs. stammen; liier erscheint
1 Vgl. Kluge Nominale Stammbildung § Gl b.
2 Staub-Tobler IV, 1193. — 3 Sehmeller-Frommann I. 233.
304 Bläßhuhn, fulica atra.
(Germania XXIII, 309) die Namensform blazzen im Keime mit
lazzen. Popowitsch Versuch (1780) S. 60 führt Blaße als frän-
kische Dialektform an. Im 16. Jh. ist das Deminutivuni Pleß-
lein durch H. Sachs Eegim. der Vögel (1531) V. 185 bezeugt;
heute gilt Bläßlein 1 in Baiern und Schwaben. Die veraltete
schwäbische Form Bläßling belegt Fischer I, 1163 aus dem Jahre
1621; schon Gesner Hist. avium (1555) führt BUßling und BÜß
als schwäbische Dialektformen an. Aber auch in Österreich ist
Bläßling durch Hohberg Adel. Land-Leben (1687) II, 636 (Kap.
CXIV) bezeugt. Popowitsch, der a. a. 0. Bläßling nach Zorn 2 u. a.
zitiert, gibt als österreichische Form Bläßel', selbst sieht er
Bläßchen für die normale schriftsprachliche Form an. In Nord-
deutschland scheint der Name besonders in Kompositionsbildungen
gebräuchlich zu sein. Klein Hist. avium prodr. (1750) S. 150
schreibt Blashan, Reyger Yerbess. Hist. der Vögel (1760) S. 161
Blashuhn; heute in Preußen Bläshenne, Bläsente 5 , in Mark Branden-
burg Bläßente, in Mecklenburg Blesshön, Blesnörx, Blestnörx*,
im Münsterkreise Blesshohn' 3 , in Luxemburg der Bless, Blesshong 6 .
Die angeführten Namen sind, ebenso wie das Synonymon Belche,
durch die weiße Stirnplatte des Vogels veranlaßt und hängen
zusammen mit spätmhd. blasse, nhd. Blässe, mnd. lies, Messe 'weißer
Stirnfleck'. Der Vogelname scheint in der mhd. Form blasse,
nhd. dial. BÜß (daraus abgeleitet Bläßlein, Blässei, Bläßling) mit
dem vorhingenannten Worte vollständig identisch und ist wohl
semasiologisch als 'Kahlkopf zu verstehen; vgl. anord. blese =
1) weißer Stirnfleck, 2) Pferdename und schwäb. Blasse = 1) weißer
Stirnfleck, 2) Kahlkopf. Die Kompositionsformen haben Analoga
in ahd. blasros, mnd. blasenhengst 'Pferd mit weißem Stirnfleck'.
Daran schließen sich Worte mit Rhotazismus: mndd. blare, midi.
blaar 'weißer Stirnfleck', norweg. blarand (dän. dagegen blisand)
'Blässhuhn', frz. (picard.) blarie 'dass'.
Im Elsaß ist Blaßhenn nur einmal bei Baldner Vogelb.
1 Fischer I, 163, Schmeller-Frommann I, 330.
2 Zorn Pethino-Theologie II, 418.
3 Frischbier I, 87. — 4 Schiller Zum Tierbuche I, 10.
5 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 85.
6 Wb. d. Luxemburg. Mundart 36.
Bläühuhn, fulica atra 905
(1666) S. 49 bezeugt, wo als Synonymon Pfaff angeführt wild.
Dieser A.usdruck, der schon im L6. Jh. im Strassburg. Vogelb.
V.362 begegnel und in den ornithologischen Arbeiten Gtesners
(S. 376) and Schwenkfelds (8. 263) erwähnl wird, ist in der
heutigen Straßburger Mundart ausgestorben 1 . Dagegen boU das
Wort — nach Prischbier Wb. [, 265. II. L21. L90 — in der platt-
deutschen Gestali Pdpke : Haffpdpke (<l. h. 8eepfäffchen), auch
IVtp/.r. heute in r^reußen geläufig sein; Klein Bist avium prodr.
(1750) s. 151 and Reyger Verbess. Eist der Vögel (1760) S, L61
haben die hochdeutsche Form Pfiffe offenbar nicht aus ihrer
preußischen Eeimat, sondern aus Schwenkfeld. Den tarnen ver-
dankt der Vogel dem schwarzen Gefieder und der weißen Kopfplatte,
welche mit der Tracht und der Tonsur eines Pfaffen verglichen
wurden. Bei Henisch Teutsche Sprach (1616) Sp. 416 findet sich
neben Pfaff I Bleßlinc/ noch ein drittes Synonymon FtäÜing (von
Platte hergeleitet): vgl. elsäss. Rothplettel Teichhuhn' S. 302.
Wegen des schwarzen Gefieders heißt der Vogel in der
Schweiz und in Schwaben der Mör, die Möre 2 .
Frischbier Preuß. Wb. II, 459 verzeichnet nach Mühlings
Tiernamen als Namen des Bläßhuhns den Ausdruck Wasserteufel.
Dieser scheint jedoch kein volkstümliches Wort zu sein, sondern
auf Klein Hist. avium prodr. zurückzugehen, wo Meer-, Wasserteufel
wohl nur Übersetzungen des von Aldrovandi angeführten fran-
zösischen Ausdrucks diable de mer sind; nach Rolland Faune
populaire II, 366 wird der Yogel im Provenzalischen diabU de
mar, im Spanischen diablo de mar genannt. Auch dem in Nemnichs
Polyglottenlexicon 1, 1679 u.a. angeführten Synonymon Höllfine,
welches das Bläßhuhn ebenfalls mit Teufel und Hölle in Ver-
bindung setzt, fehlt eine reale Existenz. Hier ist nur ein Druck-
fehler aus Henischs Teutscher Sprach weitergeschleppt, wo die
aus der Vorlage (Gesner) übernommene Namensform BöUhinen
fehlerhaft als Höllfineti abgedruckt ist.
Von dem Aufenthalte an schlammigen Ufern hatte der Vogel
im Althochdeutschen den Namen horgans (zu horo 'Schmutz,
Schlamm'): horgans fulica: H. S. III, 17 ; fulice: GH. Herrad. :
1 Martin-Lienhart IL 132. — 2 Staub-Tobler IV, 379, Fischer I. 832.
Suolahti, Vogeluameu. 20
306 Bläßhuhn, fulica atra.
cod. olim Argentor. Daraus ist mhd. hargans (im Yocab. ine.
theuton. ante lat. S. i lb), hergans (in Bracks Vocab. rerum 1495),
nhd. (die) Heergans bei Popowitsch Versuch (1780) S. 61 (nach
Frisch) geworden. Vgl. Reiher S. 379. Die Namensform (die)
Horbel welche Popowitsch (1780) S. 61 nach Heppe Wohlred.
Jäger u. a. zitiert, ist nicht, wie bei Grimm Wb. IV, 2, 1802
vermutet wird, aus einer Zusammensetzung *Hor-B elchine ent-
standen, sondern geht auf *horwil-6n zurück, das eine Ableitung
mittelst des Suffixes -il(ön) von dem oben genannten ahd. Sub-
stantiv horo ist. Zuerst ist die Bildung in der verderbten Glosse
horbollem t swartzducher in einem Vokabular aus dem Jahre 1517
bezeugt 1 , bei Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 70: von Horbeln,
oder Bldß-Enten, oder Bläßgen; bei den AVakenitzf ischern Harbull 2 .
Der alte Name *horw-il- erscheint heute auch in anhält. Kurbel 3 ,
preuß. HurdelK Vgl. auch S. 279.
Unter den landschaftlichen Benennungen des Bläßhuhns
nennt Gestier Taucher und Schivartztaucher, Aitinger Bericht
v. d. Vogelstellen (1631) S. 89 die Bleffe vnd Deucher, Popowitsch
a. a. 0. Tauchhun (nach Frisch) ; in der Mundart von Fallersleben
Dyker, Blesdyker' 3 , in Preußen Duckente 6 . Diese Ausdrücke sind
mehrdeutig, ebenso wie Borhennle bei Gesner, Rohr-Henne bei
Schwenkfeld Ther.Sil. (1603) S. 263; nach Popowitsch Versuch
(1780) S. 61 heißt das Bläßhuhn in Schlesien Bohrhun, in Österreich
Bohrhendel, zu Würzburg Schwarzes Bohrhun. Den Namen Wasser-
huhn, der von Gesner, Baldner und Klein diesem Vogel beigelegt
wird, hat er mit dem Teichhuhn gemeinsam, vgl. S. 301.
Unklar ist das von Gesner aus Rostock angeführte Syno-
nymon Zappe < mnd. sappe, sapke 7 . Der Ausdruck ist im nord-
östlichen Deutschland heimisch: in Lübeck 8 , Mecklenburg 6 ,
Pommern Zapp(e) 6 , in Preußen Zopp, Zupp, Zapke*. Das
Aussehen des Namens legt den Verdacht an Entlehnung nahe,
1 Diefenbach Glossar. S. 250c.
2 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83.
3 Naumann-Hennicke VII, 122. — 4 Frischbier I, 306.
5 Frommann D. Mundarten V, 54. — 6 Schiller Zum Tierbuche I, 10.
7 Vgl. Lübben Mnd. Wb. S. 316.
8 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84.
9 Frischbier II, 487. 498.
Uhu, bubo maximus, bubo bubo. 307
aber Beziehungen in den Nachbarsprachen fehlen. Sicher slavisch
ist dagegen «las gleichbedeutende Lietze 1 in der Mark Branden-
burg, vgl. poln. ///>. lyska 'Bläßhuhn'.
unter den fielen I Y<>\ inzialnamen des populären Vogels führt
(irsnrr noch dir Namensform Florn an. Das Ls1 die AJtknsativ-
form des Namens. Der Beleg finde! nämlich eine Bestätig
durch Baldner, welcher (Vogelb. (1666) 8. 50) berichtet, daß das
Bläßhuhn am Altrhein bei Roxheim (in der Nähe von Worms)
Flohr heißt Das Wort ist vollkommen dunkel. Turner Bist.
avium 8. D 6 b spricht unterden Vogelnamen'Me Bloro' 1 und beruft
sich dabei auf Aristoteles.
In Holland nennt man das Bläß huhn Jcoet, meerkoet ( Mecr-
coetebei Junius Nomenciator (1581)S.56a); die Namen sind mit
engl, cool imc cote^ coote) verwandt. Ein anderes niederländisches
Svnonvmon ist meerkol, fries. Markol (DijkstraWb.s.v.). Mit dem
Hähernamen Marholf, mit welchem das Wort in Zusammenhang
gebracht worden ist, hat es gar nichts zu tun. Der erste Teil
des Kompositums hat wohl die Bedeutung 'Sumpf (vgl. S. 302
Österreich. Meerhün), der zweite Teil ist offenbar das Wort kol
'Blässe'.
X. Landraubvögel, Kaptatores.
Eulen, Strigidae.
Uhu, bubo maximus, bubo bubo.
Ahd. üfo. hüwo: Sg. Nom. — üuo* bubo: Glossae Abactor:
Clm. 14429. 222 a. Vergilius A. IV, 462 : cod. Parisin. 9344. 83 b. Phocae
ars 413, 15 ' : Clm. 14689, 46a, vuo: cod. Vindob. 2723. 123 b. dm.
19440, 229. üvo 4 : Vergilius A. IV, 462: Clm. 18059, 192 d. ouo: Car-
men de Philomela 37: cod. Vindob. 247, 223a, cod. mus. Britann.
Add. 16894, 245a. uuo: Erchanberti ars: Clm. 6414, 14a. Cgm. 187.
Versus de volucr. noctua : II. S. Xlb. Leviticus 11, 17: cod. Gotwic.
103, 49b; hu. uuo t. uuo bubonem. qui rustice dicitur buf : cod. SGalli
295, 127, i. huuuo uel uiio: cod. SGalli 9. 276, iä huuo. t uuo: cod.
SPauli XXV d/82, 37 ab, buf t huwo t wo : cod. Stuttgart, th. et phil.
1 Schiller Zum Tierbuche I, 11.
2 Von jüngerer Hand übergeschrieben (Steinmeyer).
3 bufo Edit., s. aber die Varianten (Steinmeyer).
4 Von zweiter Hand (Steinmeyer).
20*
308 Uhu, bubo maximus, bubo bubo.
f. 218, 13c. üfe noctua autem non est bubo : Gll. Salomon. al : Clm.
17152, 105 f, üve 1 bufo: Clm. 17152, 18 f. vve: H. S. III, 17: cod.
Vindob. 2400, 41b. vfe. vue: cod. Vindob. 804 f. 185b. — Akk. —
rifun: cod. Vindob. 162, 35a. uuun: Leviticus 11, 17 : Clm. 14689,
38 a, vuin: Clm. 4606, 101a.
Sg. Nom. — hi'muo bubo: Clm. 14747 f. 63a. huuuo: Vergil.
A. IV, 462 : cod. Mellic. non sign. 98a. Gll. Salom. a 1 : Clm. 17152,
130d. huuuo: Leviticus 11, 17: cod. Carolsruh. SPetri 87, 63b. buf.
hu uuo. t uuo : cod. SGalli 295, 127, i. huuuo uel uiio : cod. SGalli
9, 276, id huuo. t uuo: cod. SPauli XXV d/82, 37 ab, buf t huwo t
wo: cod. Stuttgart, th. et phil. 218, 13c; huuo: cod. Fuld. Aa2, 43a.
Gll. Salomon. a 1 : Clm. 13002, 18 f. huuo: Phocae ars 413, 15:
cod. Vindob. 2732, 141b. huivo: Versus de volucr. cod. Selestad.
f. 109b. Gll. Salomon. al. Leviticus 11,17: cod. Vatic. Pal. 288,
55 c. H. S. XI a 2 : Clm. 2612, 82 a. Mo nocticorax : Psalmen 101, 7 :
cod. SGalli 292, 91. huo: cod. SGalli 299 p. 33. Clm. 14689 f. 47 a 2 .
Versus de volucr. Gll. Salomon. a 1. H. S. III, 17. XI a 2. b. e. g. Levi-
ticus 11, 17: Clm. 22201, 238b. hufi: Versus de volucr.: Clm. 19488,
121a. — Akk. — (den) huuuen: Notker Ps. 101, 7. huwin: Leviticus
11, 17 : cod. Turic. Rbenov. 66, 19, huwen : cod. Stuttg. herm. 26, 13a,
huvven: cod. Angelomont. 14/11, 10b, huwn: Clm. 14584, 130a, hu
in: Clm. 13002, 219b, huvn: cod. Vindob. 2723, 18b, cod. Vindob.
2732, 22b. — PI. Nom. — huuuen: Notker Boeth. de consol. phi-
los. 4, 33.
Unter den Eulen zeichnet sich der Ulm durch die Größe,
die der des Adlers nahekommt, ganz besonders aus. Daher be-
zeichnen auch die volkstümlichen Namen ihn meistens nicht als
'Eule', sondern geben dem Yogel neben den verwandten Arten
eine gewisse Sonderstellung. — Die allermeisten Bezeichnungen
des Uhus sind von den unheimlichen Rufen hergeleitet, die
er des Nachts erschallen läßt und die zur Entstehung mancher
mythischen Vorstellungen und Sagen Anlaß gegeben haben. Popo-
witsch (Yersuch S. 583) vergleicht "den abscheulichen Laut" mit
dem Jauchzen eines betrunkenen Bauern; daher heißt der Yogel in
Steiermark Juchetzerl, Jutzerl, Juchetzäugel, Jutzeule (zu juchetzen
'jauchzen'), vgl. Unger-Khull Wortsch. S.369f. Nach Naumann
Naturgesch. (Ed. Hennicke) Y, 64 klingt die Stimme des Uhus
verschieden, manchmal wie das Bellen einer Meute von Hunden,
1 ve und der Zirkumflex von anderer Hand (Sievers).
2 h aus u korr. (Steinmeyer).
Ulm. bubo maximus, bubo bnbo. 309
manchmal wie «las Wiehern von Rossen usw.; a. a. 0. wird dieses
Geschrei mit 'Puhu' oder "Puhue 1 umschrieben. Voigt schildert
im Excursionsbuch S.189 seine Beobachtungen folgendermaßen :
"Aus ca. 200—300 m Ebitfernung war's ein einfacher Laut, ein
tiefes "buh'. Nahestehend hörl man mindestens zwei Silben 'nhii',
wovon die eiste, aber auch die zweite betont sein kann, [st's
die erste, so kommt in der Regel ein eigentümlicher Anlaut
hinzu, der schwächste von allen". In vielen Namen des V"'_ r <-1-
ist dieser dumpfe Ruf ohne Schwierigkeit zu erkennen, so in
lat bübo (bübulo = bu bu rufen [vom Uhu]), griech. ßuac ß0£a
(ßu£uj = schreie wie ein Uhu), armen, bu, büße (Eule), rnss.
puga£ü\ finn. huuhkaja.
In der ältesten deutschen Überlieferung wird der Uhu als
uro und hu(w)o bezeichnet; beide Namensformen haben ihre
besondere dialektische Begrenzung. Von ihnen erweist sich üvo
als altgermanisches Wort, denn aus den verwandten Sprachen
stimmen dazu — abgesehen von der Flexion — ags. uf, anord.
ufr (schwed. uf). Der onomatopoietische Charakter des german.
*üf- ist nicht zu verkennen; Hellquists Annahme (Arkiv f. nord.
fil. VII, 3), daß der Vogelname auf dem substantivierten alt-
nordischen Adjektiv«//- e ruffled, rough' beruhe, ist unwahrschein-
lich. — Die althochdeutschen Glossare, welche die Glosse üvo x
schreiben, haben mehr oder weniger bairischen Sprachcharakter,
und die späteren Zeugnisse beweisen, dal) diese Namensform ein
bairisches Dialektwort ist. Konrad von Megenberg (Ed. Pfeiffer
S. 173 8 ) kennt sie aus seiner Heimat: "Bubo haizt ain auf oder
in anderm däutsch ein haw"; in dem vonPetter herausgegebenen
Vokabular ex quo in Prag aus dem Jahre 1432: bubo auff noctua
awphel'\ im Vocab. theuton. (Nürnberg) v.J. 1482 S. C la: axfj'c.
in einer Version des Märchens vom Zaunkönig (Germania VI. 90):
der aufe (gegenüber den Namensformen die huwe und schafittl
der anderen Versionen). Im 16. Jh. begegnet der Auff bei Eans
1 Den Beleg uuof bononem im Leviticus II. 17: cod. Parisin
50b könnte man als uuo (mit in den Text eingetragenem f= francice)
lesen, wenn nicht der Sprachcharakter des Glossars angelsächsischen
Einfluß zeigte; danach ist die Glosse als eine Mischung von uuo und
ags. uuf aufzufassen.
2 Frommann D. Mundarten IV, 294.
310 Uhu, bubo maximus, bubo bubo.
Sachs Regnn. der Yögel (1531) Y. 98, Gesner Hist. avium (1555)
S. 229 führt Steinauff als kärntische Benennung an; heute in
Steiermark der Auf, Auff(en)vogel, auch Stockauf 1 (d. h. Walduhu)
e Uhu, Eule', in Tirol Stockauf 'strix aluco 3 , Auffelein e strix passe-
rina' bei Höfer. Auvogl 2 in der Heanzer Mundart ist aus Auf-
rogl entstanden. — Als Eigenname ist Uro, Üva, Üvilo in bairischen
Quellen öfters bezeugt, vgl.FörstemannAltd. Namenbuch I 2 , 1486.
Ein von dem vorigen gänzlich verschiedenes Wort ist ahd.
hü{w)o, dessen anlautendes h fest ist; die manchmal in den Glossen
vorkommende Zusammenwerfung der beiden Namen beruht darauf,
daß die betreffende Namensform der Vorlage in dem Dialekte
des Abschreibers nicht geläufig war 3 . Ahd. Mo ist eine direkte
Nachbildung nach dem hü- Rufe des Yogels, den er nach Naumann
a. a. 0. im Affekte hören läßt. — Die genannte Namensform ist
vorzugsweise in allemannischen Quellen belegt und läßt sich in
der Schweiz bis auf die heutigen Tage verfolgen; im 16. Jh.
z.B. bei Gesner a. a. 0. S. 229 Huw, Berghuw als heimatliche
Namen verzeichnet, heute Hüw(e\ Hüe, Hui, Hü bei Staub-Tobler
Id. II, 1822 ff. Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 203 schreibt
Berghu nach Gesner.
Im Elsaß findet sich eine Variante im Strassburg. Yogelb. v.
J. 1554 V. 300: "Nachtrammen vnd Hugen (: Kautzen vnd Klu-
gen)"; luxemburg. der Hugo e ühu 4 . Es scheint, daß der Vogel-
name sich hier an den Eigennamen angelehnt hat. An diese
Namensformen schließt sich altmittelfräuk.-altniederd. hüc an:
zunächst in den Straßburger Glossen bubo huc (Wadstein Kleinere
altsächs. Sprachdenkm. S. 107 24 ); mittelniederd. hük bei Schiller-
Lübben Wb. IT, 328 öfters belegt. Dazu noch folgende Belege aus
den Althochdeutschen Glossen: huc bubo: cod. Parisin. 9344 f. 42b,
huk : cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f. 89 a, cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 124a;
1 Unger-Khull 31. 579.
2 Frommann D. Mundarten VI, 24; der Auvogl = Nachtigall hat
natürlich einen anderen Ursprung.
3 Der von Whitman The Birds of Old Engl. Literature XXVIII, 2
angeführte Beleg huf = sublinguium ist kein Vogelname; ags. hüf ist
= ndd./mc, hd. Auf 'Zäpfchen im Halse'. Einmal begegnet auch hüf= Uhu
mit unorganischem h bei Wright-Wülcker Vocab. I, 287 9 .
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 189.
(Hui. bubo maximus, bubo bubo, 311
cod. sem. Trevir. f. 112!>. cod. Bern. Trevir. R. III. LS, 104a. huck: Leviticns
11. 17: cod. Oxon. .lim. 88, M (13. Jh.). cod. Oxon. Jua 83, I L3. Jh.).
hirh buhalus: Versus de volucr.: Clm. 23*96, 10c, huc: Clm. 27329, 9a
(lt. Jh.). Il.s. III, 17: cod. Darmstad. 6, 26b (13. Jh.). Leviticna LI, 17:
cod. Goslar. L12b (14. Jh.). Der auslautende Guttural in hüc könnte
als Sni'i'ix aufgefaßt werden (wie in ahd. kranuh 'Kranich*, habuh
"Habichtf), so daß die Grdf. ¥ hü\w)uh- anzusetzen wäre. Doch
kann der Guttural auch zum Wortstanune gehören and dieser
mit dem Verbum hauchen verwandt sein.
In den heutigen niederdeutschen Dialekten is1 diese alte
Bildung verloren gegangen, Sie ist verdrängi worden durch mnd.
schüvüt, schüvöt = mndl. seuvuit, die allgemein als Entlehnungen
aus afrz. choete angesehen werden. Doch kann das deutsche
Wort ganz gut eine einheimische Bildung sein, die auf volks-
etymologischer Deutung des Naturlautes als schuf üt 'schieb
aus' beruht. Der Name ist besonders auf dem niederd.-niederläml.
Sprachgebiet verbreitet: nndl. schuifuit, in Westfalen Schtibüt,
Schüivüt (dazu der Ortsname SchübMaige 'Uhusfelsen', eine Fels-
wand, in der sonst Ulms horsteten) 1 , in Hamburg, Holstein-.
Mecklenburg 3 und Altmark 4 Schufüt, in Preußen ScMunti, Schuf ut.
Schämt, SchubuU Schubit b (der Schaff ut bei Colerus, der Schiff ut
bei Frisch Vorstellung der Vögel VIH, C 1 a, Schubut-Eule bei
Klein hist. avium prodr. (1750) S. 55). Aber der Vogelname
erscheint auch in hochdeutscher Lautform: schüfüß in einem
Vocab. rerum aus dem Jahre i486 6 , eyn Schliff auß eyn Schüffei
bei Turner Avium hist. (1544) S. C 4b, danach Schuffans 1 (statt
Schuffaus) bei Eber und Peucer Vocab. (1552) S. E 4 a. Mesner
zitiert die Namen nach Turner; bei Colerus und Popowitsch
(1780) S. 583 der Schuffaus, Schufeule nach Gesner. Die Glosse
Schliff auß im Vocab. triling. (1560) S. 88 stammt vielleicht aus
derselben Quelle.
Der heute in der Schriftsprache geltende Name Uhu, der
den Ruf des Vogels zweisilbig wiedergibt und schon in der
Form den onomatopoietischen Charakter verrät, ist in älteren
1 Woeste 233. — 2 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII. 3. 4.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI. 84. — 4 Danneil 188.
5 Frischbier II. 325. — 6 Diefenbach Novum glossar. S. 60b.
7 In den späteren Auflagen ist der Druckfehler korrigiert.
312 Uhu, bubo maximus, bubo bubo.
Sprachperioden nicht nachweisbar. Die Xamensform ist vom
mitteldeutschen Dialektgebiete ausgegangen. Zunächst ist sie als
Vho bei Eber und PeucerYocab. (1552) S.F8b belegt, Gesner a.a.O.
S. 229 verzeichnet sie als sächsisches Wort; darauf auch bei
Colerus und Schwenkfeld a. a. 0. S. 230 in der Form Vhn. Der
Vocab. triling. (1560) S. 88 hat die Form vielleicht aus Gesner
übernommen, ebenso wie Golius Onomasticon (1579) Sp. 290.
Eine ebenfalls reduplizierte Lautform ist Huhu in Ryffs
Tierb. Alberti (1545) S. I 6b und Plb, bei Agricola De ani-
mantibus subterraneis (1549) S. 26 Gros Huhu; danach Großhuhu
bei Junius (1581) S. 55 a, in der Übersetzung der Bücher Plinii
(1651) S. 520 Huhu. Andere Variationen dieser Benennung sind
Huhuy bei Schwenkfeld a. a. 0. S. 203 (Huhay bei Klein hist.
avium prodr. (1750) S. 55), Huhui, Huhai, Huher, Huheler usw. 1 ,
auch Huivogel x in der Schweiz. — Möglicherweise beruht Huhu
auf der älteren Form hü(h)o 1 die im Anschluß an den Naturlaut
umgebildet wurde ; bereits im 13. Jh. begegnet huho in cod.
Stuttg. th. et. phil. 218 f. 22b (Ahd. Gll. III, 22 36 ).
Als dritte Yariante schließt sich an Uhu und Huhu noch
Schuhu an, das in der Angenehmen Landlust (1720) S. 131 und
Zorns Petino-Theologie II, 255 belegt ist 2 . Nach Popowitsch Ver-
such (1780) S. 584 gilt diese Lautform in Sachsen und Schwaben;
nachHertel Sprachsch. S.222 kommt sie heute auch in Thüringen
und nach Unger-Khull Wortsch. S. 559 in Steiermark vor. Martin-
Lienhart II, 770 geben Tschuhu (für Schuhu, wie Tschachtel für
Schachtel) aus Rappoltsweiler (im Oberelsaß); in Telleringen
Tschudderlehu , in Basel Tschuderihu {tschuderen = schaudern).
— Steir. Schuhetzer (Unger-Khull a. a. 0.) ist eine analoge Bildung
zu Juchezer (S. 308).
In althochdeutschen Bibelglossen findet sich als Synonymon
zu hüwo oder üfo einige Mal büf (vgl. oben S. 308) ; dazu büf.
horothuchil im Anhang zum alten und neuen Testam. : Leviticus
11, 17: Clm. 14747, 96b. Diese Glosse ist wohl nicht deutsch,
sondern romanisch, und beruht auf dem italienischen Dialekt-
worte bufo\ "uulgari lingua lo bufo" heißt es in Aldrovandis
1 Staub-Tobler I, 23. 694.
2 Spätere Belege in Grimms Wb. IX, 1865.
Uhu, bubo maximus, bubo bnbo. 313
Ornithologia tom. I p. 504. A.ber auch auf deutschem Sprach-
bodon kommen (Jhunamen mit anlautendem Labial vor. Sie sind
zuerst ums Jahr L600 bezeugt und scheinen im Südosten ihre
eigentliche Heimat ZU haben. Im Tlmr. SÜ.(1603) S.230 nimmt
Schwenkfeld die Lautform Puhuy für Schlesien in Anspruch,
Popowitsch Versuch (1780)8.583 kennt Buhu, Puhu aus Öster-
reich; heute in Schlesien Puhu, Bauhau, PotÄo» 1 , in Steiermark
Buhu(vogel) 2 , in Tirol und Kärnten PuhinK auch in der Schweiz
Puhui) Puivogel, Büvogd K Der Anklang an die gleichbedeutenden
slavischen Ausdrücke wie z.B. poln. puhaez, kleinruss. puhak,
russ. pugucü ist aus dem onomatopoietischen Charakter dieser
Namen und nicht durch Entlehnung zu erklären.
Für die luxemburgischen Synonyma Hubo, Hup* ist vielleicht
französischer Einfluß anzunehmen. — Wahrscheinlich sind auch
die schweizerischen Worte Huri, Nachthüri, Hauri, Nachth"i(ri
e Eule, bes. Nachteule, stellenweise Uhu', für welche bei Staub-
Tobler II, 1519. L582 lautmalender Ursprung (hauren Maute Rufe
ausstoßen') oder Zusammenhang mit huren 'kauern' angenommen
wird, auf französischen Einfluß zurückzuführen; vgl. onomato-
poietische Synonyma in französischen Mundarten, wie hourouhoa.
hourougou, hoaran (in den Vogesen), wallon. hourette, hu rette.
Der Name Hürmv, Hüru, erscheint schon bei Gesner Hist. avium
(1555) S. 229 im Sinne von Uhu. Das a. a. 0. in gleicher Bedeu-
tung verzeichnete Wort Hertzog ist eine Übersetzung des in
Frankreich sehr verbreiteten Namens duc = strix otus [Je grand
duc = strix bubo). Eine scherzhafte Bezeichnung des Uhus ist
schweizer. Fülenz 6 Taulenzer, Müßiggänger'.
Gelegentlich werden von dem Uhu Namen gebraucht, die
1 Mitteilungen der schles. Gesellschaft für Volkskunde Heft MX. S.90.
2 Unger-Khull 127.
3 Frommann D. Mundarten IV, 54-, Lexer Kämt. Wb. s. v.
4 Staub-Tobler I, 24. — Verschieden von diesen lautbildenden
Namensformen ist Pöggl an der tirol.-kärnt. Grenze. Die ursprüngliche Be-
deutung dieses Wortes ist 'Maske, Schreckgespenst' : wie andere Ausdrücke
aus derselben Begriffssphäre wird auch dieser von Eulen und Uhus ange-
wendet. Vgl. auch Böggl bei Staub-Tobler IV, 1085.
5 Wb. d. Luxemburg. Mundart 188. 189. 190.
6 Staub-Tobler I, 790.
314 Ohreule, asio.
sonst hauptsächlich anderen Eulenarten gehören. So heißt der
Uhu nach Staub-Tobler Id. III, 601 in Bern Ghütz (Kauz); öfters
begegnet der Ausdruck Nachteule in diesem Sinne.
Ohreule, asio.
Ahd. üwila: Sg. Nom. — uuuila 1 noctuam : Deuteronom. 14,
15 : cod. Oxon. Laud. lat. 92, 21 a. vlula : H. S. III, 17. wuuila bubo
multi contendunt quod sit nicticorax id est noctua. multi uero
adserunt quod sit auis orientalis que nocturnus coruus appellatur
alii dicunt quod maior sit bubo quam noctua : Leviticus 11, 16 :
cod. Oxon. Jun. 25 f. 89 b. uuila: cod. Carolsruh. Aug. IC f. 60 b;
uufuila l natrfam siue luscinia noctuam. nocticorax ipsa est et
noctua qui noctem amat: cod. Vindob. 1761, 46 b, nahtagalah. siue
uuuilah ut alii uolunt. alii . . . : cod. SGalli 9, 276, vuuila. ut alii
uolunt . . . : cod. SGalli 295, 126. 127, id nahtram. t uuila. ut alii
uolunt . . . : cod. SPauli XXV d/82, 37 a, uiuilla. alii lusciniam . . . : cod.
Stuttg. th. et phil. fol. 218, 13 c ; uula noctua . . . : cod. Vatic. Pal. 288,
55 c; vuuila noctua . . . : cod. Carolsruh. SPetri 87, 63 b. ulula : cod.
SGalli 299, 26. ulula: cod. Vatic. Reg. 1701, 2b. Vergilius G. 1,403:
Clm. 18059, 169 b ; vwila : cod. Selestad. f. 62 a, noctua. lucifuga. i. 2 :
cod. Selestad. f. 52 b. Versus de volucr. H. S. XI a 2. uvuila : Pruden-
tius Contra Symm. II, 574: cod. com. de Apponyi 188b. villa vlula:
cod. Selestad. f. 110a. vwela ulula: H. S. XI a 2, öwela noctua : g,
vvele : e, uvvil vlula : b, vivel bubo : a 2. üla : Rotul. com. de Mülinen
Bern, vle: cod. Vindob. 804f. 185b. cod. Cheltenham. 7087, 144a 3 .
huela vlula : Rotul. com. de Mülinen Bern, hula lucifuga : cod. Berol.
Ms. lat. 8° 73, 124a. — Akk. — {die) hiüuuelun: Notker Psalmen
101, 7. — PI. Nom. — uwilun ulule. i.: Vergilius E. VIII, 55: cod.
Selestad. f. 53a; huuuillon 1 : cod. Parisin. 9344, 5 a. hüuueld: Notker
Boethius de cons. philos. 4, 33.
Der Eulenname ist allen germanischen Sprachen gemeinsam :
ahd. üivila, mhd. iuwel, iule, mnd.nnd.4fe, mndl. nie, nndl.mY, ags.
üle, me. oule, ne. owl, anord. ugla, dän. ugle, schwed. uggla. Diese
Namensformen, welche auf einen german. Stamm *uww- zurück-
weisen, zeigen im Suffixvokal Ablaut: während die hochdeutsche
Form aus *uwmlö (> üwila, vgl. Braune Ahd. Gramm. 2 § 113
Anm. 2) hervorgegangen ist, haben die verwandten Formen ein
a als Bindevokal gehabt, s. Kluge Vorgeschichte 2 S. 408 § 117.
1 Von zweiter Hand (Steinmeyer).
2 Die ganze Glosse auf Rasur im Context (Steinmeyer).
3 Von jüngerer Hand übergeschrieben (Steinmeyer).
Ohreule, asio. 816
Das Suffix im germ. uwwila: ¥ uuwala hat wohl deminutiven Sinn
und das Grrundworl *uww~ konnte dann als eine onomatopoie-
tische Bezeichnung der größten Eulenart, des Onus (wie die
Synonyma üft hütvo, Uhu, Huhu) aufgefaßt werden; in den
Schweizerdialekten finde! sich l'n\ u als Name des CThus. Mit
den Lat Worten ulucus 'Kauz' uwd ulula Mass/ haben die
manischen nichts gemeinsam.
Neben der normalen althochdeutschen Namensform üwüa^
woraus und. Eule (in Dialekten auch EiweV und Auucl\ Aubel
U8W.) sieh entwickelt hat, kommt auch liiiui'a \ or. Diese Form,
welche Notker zweimal bezeugt, hat festes h im Anlaut und
gehört dem allemannischen Dialekte an. Der ^ocabularius opti-
mus Ed. Wackernagel S. 43) XXXVII, 11.7 schreibt huwel neben
inrila (a.a.O. XXXVII, 110), und so findet man auch in der
späteren schweizerischen Literatur beide Formen promiscue ge-
braucht. Heute hat nach Staub-Tobler Id. I, 614 Hiiivel [Hüwelj
Hiiel. IJöüel) die Ä-lose Form fast gänzlich verdrängt; das Ge-
schlecht des Wortes ist meistens maskulin geworden. In der
Form Heujel 3 erstreckt es sich in den südlichsten Teil vom Ober-
elsaß. Das allemanische Dialektwort ist wohl ursprünglich eine
deminutive Ableitung von htuvo e Uhu 5 .
Ein dritter Eulenname von derselben Bildungsart ist im
ahd. htwhila vorhanden: huchila filex: Clm. 14689t 17a. huehela
lucifuga: cod. Parisin. 9844 f. 42b. Das lat. Lemma filex ist nicht
sicher zu deuten; vielleicht hat man darin nur eine Korrupte]
von ftrix zu sehen. Lucifuga wird von [sidor Origines XII,
8, 7 im Sinne von noctua (Nachteule) gebraucht, auch in den
Glossen begegnet das Wort einige Mal in diesem Sinne. Der
Schreiner des Yogelnamen enthaltenden Glossars in cod. Parisin.
93441 4 k 2b hat die Form huehela nicht aus dem oberdeutsehen
Original übernommen, wie die isolierte Stellung dieser I
den verwandten Handschriften gegenüber zeigt. Kr kannte also
die Namensform aus seiner moselfränkischen Heimat. Da hier
die Benennung hoch für den Uhu geläufig Ist, so stellt sich
1 Hertel Thür. Sprachsch. S. 91.
2 Vilmar Id. von Kurhessen S. IM.
3 Martin-Lienhart I. 314.
316 Waldohreule, asio otus. — Zwergohreule, asio scops, pisorhina scops.
hüchila dazu als deminutive Ableitung wie hüivila zu hüwo und
üwila zu *üwo (Schweiz. Uw). Doch kann man auch den Namen
hüchila als eine direkte Ableitung von mhd. hüchen 'hauchen'
verstehen; nhd. hauchen wird gelegentlich lautmalend von der
Stimme des Uhus gebraucht.
In Xiederdeutschland ist die Lautform Ule, UM die Fort-
setzung von andd. üwala.
Waldohreule, asio otus.
Die Waldohreule hat überhaupt die Kennzeichen des Uhus,
nur ist sie bedeutend kleiner als dieser. Gesner Hist. avium
(1555) S. 610 nennt im Anschluß an die schweizerischen Vogel-
steller diese Eulenart ein Orhilwel (d. h. Ohreule) und Orkutz
(S. 596). Das Strassburg. Vogelb. v. J. 1554 V. 317 nennt eben-
falls die Orealen', bei Golius Onomasticon (1579) Sp. 293 Ohr kautz,
bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 309 Ohr Kutz I Vhr Eule im
Anschluß an Gesner. Wegen der aufgerichteten Ohren heißt
die Waldohreule in Westfalen auch Hamide 1 , in Luxemburg
Härechel, Huerechel, Huereil 2 (zu Här, Huer e Horn a ). Dagegen
ist Harül im Elsaß = Haareule und bezeichnet den Schleierkauz;
die Waldohreule wird hier Ohrenheiijel, Hörnerül, Hörnlekutz
genannt 3 . Der Ausdruck Ohreule wird in einigen Gegenden auch
vom Uhu gebraucht, während umgekehrt Uhu als Name der
Ohreule vorkommt.
In Zorns Petino-Theologie (1743) II, 258 wird die Ohreule
auch Fuchs-Eule genannt. Der Name erklärt sich aus der rost-
braunen Farbe des Gefieders. Eine onomatopoietische Bildung
ist luxemburg. Bubert*, vgl. frz. boubote (aus lat. bubo).
Zwergohreule, asio scops, pisorhina scops.
Ein Zwerg unter den Eulen ist die kleine Ohreule, die
kaum größer als eine Singdrossel ist. Sie bewohnt die südlichen
Länder Europas; in der Schweiz und in Süddeutschland wird
sie zwar noch angetroffen, ist aber hier selten. Unter diesen
1 Woeste 94. — 2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 166. 190.
3 Martin-Lienhart I, 31 f. 315. 487.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 49.
Zwergohreule, asio Bcops, pisorhina scops. 317
Umstünden ist es leicht erklärlich, daß die deutschen Namen
des Vogels meistenteils fremden Ursprungs sind.
Bin solcher Name steckt bereits in der ahd. Glosse kivmo :
«reiche in den Abschriften eines alten Vogelnamenglossars be-
gegnet: hyuino passerarius : c<n\. Guelpherbyt. Aug. LO. 3. 4° f. 89 a, kiuino:
cod. Berol. Ms. lat,8°73, L24a; rodeikiuino erodion: cod. Guelpherbyt Aug.
10. 3. -t"i. 89a, roder kiuino: cod. Berol. Mb. lat. 8* 7:5. L24a, fcuwM
sem. Trevir. f. 112b. Mit den Lateinischen Lemmata i><i.<<erarius
und herodion werden überhaupt Falkennamen glossiert, und so
hat denn auch die vierte zu dieser Gruppe gehörige Handschrift
(cod. Parisin. 93 1 1 f. t2b) pa sserar ins mit k^o "Weihe* übersetzt
Das Wort kiuino in den übrigen Handschriften bezeichnet aber
nicht eine Falkenart; die Glosse ist identisch mit ital. chiuinc
■Zwergohreule*, welches von dem gleichbedeutenden onomato-
poietischen tarnen chiu abgeleitet ist. Das italienische Dialekt-
wort kennt Aldrovandi Ornithologia I, 530 aus seiner heimat-
lichen Mundart: et Eam uero auem quam nos argumetis paulo
post adducendis Scope esse putamus, Itali uulgo Chiuino Bononi§
pfertim uocät". Da die Zwergohreule zum Fangen kleiner Yögel
angewendet wird, so kann man verstehen, daß der Glossator
das Wort passer arius (Spatzenfänger) in diesem Sinne auffaßte.
Daß die Zwergohreulen von den Vogelstellern als italienische
Eulen aufgefaßt wurden, erfahren wir von Gesner Hist. avium
S. 596; in der Schweiz nannte man die Yögel Meine frembde
oder Welfche, Kützle, Kopple. Der Ausdruck Kopple scheint
dasselbe Wort wie elsäss. Kopp- (Riegerlin), Köpel Köjpel 'Regen-
pfeifer' (S. 270) zu sein und bezieht sich auf den runden Kopf
dieser Yögel. Unklar bleibt das Verhältnis zu frz. dial. cop 1
'Zwergohreule'.
Nach den Untersuchungen, die über die Verbreitung der
Zwergohreule angestellt worden sind, kommt sie in Steiermark
und Tirol recht häufig vor 2 . In diesen Landschaften (und Kärnten)
heißt sie Tschaß 3 , gewöhnlicher TsrhafitteP (im Oberinntal Tschdl-
1 Rolland Faune populaire II, 54.
2 Vgl. Naumann Naturgesch. (Ed. Hennicke) V, 50.
3 Frommann D. Mundarten IV, 52. 451. VI, 199, Unger-Khull 178.
554, Lexer Mhd. Wb. II, 633 s. v. schafitelin.
318 Zwergohreule, asio scops, pisorhina scops.
vit\ steir. Schofüttel 1 m., Österreich. Schofittl). Der Name stammt
aus dem Italienischen, wo das entsprechende Wort civetta oder
in der dem deutschen Worte am nächsten liegenden Form cio-
vetta 2 lautet. Die Entlehnung ist zuerst im 15. Jh. bezeugt:
schaßtl in einer Yersion des Märchens vom Zaunkönig (Ger-
mania YI, 90). Im 16. Jh. begegnet Schafitle otto aurita auis bei
Pinicianus Prompt. (1516) S. C 2b (Schaffittle otus im Auszug
vom J. 1521 S. C 4b); in Gesners Hist. avium (1555) S. 596
wird Tschauytle als schweizerischer Vulgärausdruck bezeichnet.
Bei H. Sachs Regim. der Yögel (1531) Y. 219 kommt der Name
in der Form SchafficM (: einwickeln) vor.
In den Sitzungsberichten der Wiener Akademie XXXIY,
306 erwähnt Haupt ein mhd. zinslin strix noctna (Cgm. 649 fol.
587). Die Glosse ist wohl als zinslin zu lesen, und wir haben
dann hier eine Ableitung von zus, das in italienischen Dialekten
die Zwergohreule bedeutet ; vgl. die Glossen lodix zussa 1 auis :
Prisciani inst. 165, 14: Clm. 18375, 47 a; lodix. zussa. avis J herba:
cod. Yindob. 114, 9a (Ahd. Gll. II, 371 10 . 375 32 ). Der von Nau-
mann-Hennicke 3 erwähnte svnonyme Ausdruck Tschuk ist =
sloven. cük.
Auf die Zwergohreule bezieht sich auch der Name das
Wichte! bei Popowitsch Yersuch (1780) S. 621, Unger-Khulls
Wortsch. S. 631 gibt das Wort aus Steiermark mit der ungenauen
Erklärung 'Nachteule, Bubo'; das Kompositum Todtenwichtel wird
a. a, 0. S. 159 aus Ober- und Mittelsteiermark mit der Erklärung
'Käuzchen' angeführt. Der Name, welcher in Baiern das Wicht*
lautet, ist identisch mit mhd. tvihh das u. a. Zwerge und Kobolde
bezeichnet. In Steiermark wird das Wort auch im selben Sinne wie
Schmelcherl (vgl. S. 26), also von kleinen Yogelarten gebraucht; in
Siebenbürgen heißt eine kleine Falkenart, der Turmfalke, Wichtel 5 .
Im Westen des deutschen Sprachgebiets kommt die Zwerg-
ohreule in Luxemburg vor. Das Luxemburgische Wörterbuch
1 Frommann D. Mundarten IV, 52. 451. VI, 199, Unger-Khull 178,
554, Lexer Mhd. Wb. II, 633 s. v. schafitelin.
2 Tommaseo-Bellini I, 2, 1442.
3 Vgl. Naumann Naturgesch. (Ed. Hennicke) V, 50.
4 Schmeller-Frommann II, 843.
5 Kramer Idiot, des Bistritzer Dialektes (Bistr. Progr. 1876).
Kauz, olula. 319
verzeichnet die einheimischen Ausdrücke StSneüehen and Doude-
ruin (auf der Etfel Duhdefujel Totenvogel').
Einige von den obengenannten Bezeichnungen der Zwerg-
ohreule werden auch von der kleinen Sperlingseule (athene passe-
rina) gebraucht, welch' 1 in der Größe jene nicht einmal erreicht
Auch diese Eulenart ist in Deutschland höehsl selten. Gesner
Hist avium S. 596 spricht von Knien, welche in die Schweiz
aus Norddeutschland importiert werden und die man Nider-
lendifch kotzen nennt; damit ist wohl eine von den nordischen
Eulenarten gemeint.
Kauz, ulula.
Die Wissenschaft unterscheidet unter den Eulenarten einer-
seits die Ohreulen und andererseits die Käuze; im volkstüm-
lichen Gebrauche wird aber der letztgenannte Name vielfach
auch auf die erstgenannten Arten bezogen.
Die Geschichte des Wortes Kauz läßt sich nicht weiter
als in das 15. Jh. zurückverfolgen; aber da es bei seinem Auf-
treten eine weite geographische Verbreitung hat, so muß der
Ausdruck schon früher dagewesen sein. Die ersten Zeugnisse
sind: kutz 2 in zwei mitteldeutschen Vokabularen, steinkutz' 2 in
einem oberdeutsch gefärbten Vokabular und steinkeutz 2 in dem
aus Nürnberg stammenden Vocab. theuton., ferner kützlin ( = cu-
tius) in Bracks Vocab. rerum v. J. 1495 S. 49 a und kützlin in
einer von Lexer MM. Wb. I, 595 zitierten Quelle. Im 10. Jh.
begegnet Kutz (obliqu. Kutzen) in der Schweiz bei Ruef Adam
und Eva (1550) V.909, und Gesner gibt Hist. avium (1555) S. 596
an, daß Kutz, Kützlin in der Schweiz geläufige Ausdrücke sind.
Im Elsaß ist das Wort in der Pluralform Kautzen zuerst durch
das Strassburg. Vogelb. (1554) V. 301 f., dann durch Gtolius Ono-
masticon v. J. 1579 Sp. 290 bezeugt. — Auf bairisch -frän-
kischem Dialektgebiet erscheint die Deminutivform Keutzlein hei
H. Sachs Regim. der Vögel (1531) V. 217, in Sachsen Keutzlin
bei Eber und Peucer Vocab. ( 1 552) S. F 4b, in Schlesien Kautz bei
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 308; in der Gegend um Köln
ist Kautz bei Turner Avium hist. (1544) S. G lb belegt.
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 423. öl 7.
2 Diefenbach Glossar. S. 83 a, Diefenbach-Wülcker Wb. S. 692 b.
320 Kauz, ulula.
Der Anklang des deutschen Namens an griech. ßö£a 'Eule'
berechtigt nicht die Annahme, daß hier ein alter indogermanischer
Yogelname {güdjd) vorläge; vielmehr scheint sowohl das griechische
wie das deutsche Wort eine interne Bildung zu sein. Yon diesem
Gesichtspunkt aus könnte man mhd. kütze als eine Ableitung von
*küchezen (zu Jcüchen 'hauchen, keuchen') betrachten, so daß der
Name wie die allermeisten Synonyma sich auf die Stimme der
Eulen beziehen würde, vgl. auch ahd. hücliüa S. 316. Mhd. kütz
wäre danach eine ähnliche Bildung wie die steirischen Dialekt-
worte Jutzerl neben Juehetzerl, Jutzeule neben Juchetzäugel c Eule,
Uhu* (zu juchetzen 'jauchzen'); vgl. auch Rorgiz 'Rohrpfeif er'
(zu gicketzen), Gutzgauch 'Kuckuck' (zu gucketzen).
Aus der nächtlichen Lebensart der Eulen folgt, daß sie ver-
hältnismäßig selten in den menschlichen Gesichtskreis kommen.
Man kennt sie oft nur aus dem Geschrei, das in verschiedenen
Modulationen durch die Nacht klingt und geeignet ist, unheim-
liche Vorstellungen zu erwecken. Kein "Wunder daher, daß
gerade um die Eulen der Volksglaube seine mythischen Fäden
besonders reich spinnt, und daß diese Vögel fast überall als
Unglücksboten gelten, deren Geschrei den Tod v erkündet. Der
deutsche Aberglaube scheint vor allen anderen Eulenarten die
Käuze, den Wald- und den Steinkauz, als Totenvögel aufzufassen.
In der Schweiz ist der erstere nach dem Volksglauben das Weib-
chen der Eule, seine Stimme hat einen klagenden Ton, und wenn
sie in der Nähe des Hauses gehört wird, deutet sie an, daß
jemand dort sterben soll. In manchen Mundarten ist er mit dem
Namen Wiggle (Gmggli, Wigweg, Wigger) l bekannt, andere
Dialekte wenden das Wort vom Steinkautz an; in dieser Bedeutung
kommt das Wickelt 2 auch im südlichen Elsaß vor. Diese Benen-
nung ist schon alt, wie ein zufälliger Beleg in den Hrabanisch-
Keronischen Glossen aus dem 8. Jh. beweist. In der verderbten
Fassung, in welcher der Text hier (cod. SGalli 911, 211) über-
liefert ist, lautet er folgendermaßen: Nocticorax noctua multi
bubone esse contendunt alii auem in orientem que nocturnus
corbus appellant nahkela naht fokal daz iz uuiclaf uuari sume daz
1 S. Staub-Tobler I, 615, Seiler Die Basler Mundart S. 315.
2 Martin-Lienhart II, 810.
Kauz, ulula. 321
\z uuari in ostanond focal kerne daz sc nahtfocal heizzant Die
deutsche Glossierung wird in der Vorlage lt « - 1 ; 1 1 1 1 « - 1 haben: daz
iz nitida uuari surnc daz iz uuari in <>r>taimnd focalkutine daz 36
nahtfocal heizzant; das auslautende ^in uuiclaf stand ursprünglich
über dem Texte und Isl als Verkürzung von francice aufzufassen,
In dem Codex SGalli ist c im hdant tiberwiegend das Zeichen
eines hochdeutschen g ' ; man hat auch hin- \<>n einer Lautgestalt
wigla auszugehen. In dieser Form ist das Wort im Vocabu-
iarius optimus XXXY1I, 110 überliefert; Wackernage] (8. L3)
hat es fälschlich in uwila geändert. Darauf begegnet uigglc' 1
in einem Vokabular aus dem J. 1438; im 16. Jh. Nahtwigglen
und Wiggle in Ruefs Adam u. Eva (1550) V. 912. Ahd. wigla
ist vielleicht eine Ableitung (mittels des ttö-Suffixes) von einem
german. Stamme "'icig-, der in ags. wiglian 'prophezeien 5 , wigole
fugules "prophezeiende Vögel' (bei Wright-Wülcker Vocab. 1, 133 2 ),
wiccian 'zaubern', mnd. wichen 'prophezeien' usw. vorliegt. Die
Kauze wären also als prophezeiende, unheilverkündende benannt
worden. Mit ahd. wigla steht in grammatischem Wechsel die
Namensform wihila 'Nachteule', die in den Salomonischen Glossen
bezeugt ist: cauan(d.h. cauarmus) vuihilla: cod. Zwettl. 1, 38a. wihilla:
Clm. 13002, 22, cod. Admont. 3, 52a, liber impressus 30d, wibilla: Clm.
17403, 31h, vvihil: Clm. 22201, 25e, ivihil: cod. mus. hohem. Prag töc.
Diese Eulennamen stehen vielleicht mit anklingenden Benennungen
von falkenartigen Vögeln (weho, wanneweho, xiigil) in Verbindung.
aber das semasiologische Verhältnis derselben bleibt dunkel.
Von den von Konrad v. Megenberg (Ed. Pfeiffer S. 223 81 ff.)
angeführton Bezeichnungen für Eulen und Käuze sind säuser,
zitraer, zandklaffer weiter nichts als Auslegungen des lateinischen
Namens strix. Dagegen ist der a. a. O. (Ed. Pfeiffer S. 227 80 )
erwähnte Ausdruck klagerogel volkstümlich. Adelung verzeichnet
die Synonyma Klagefrau, Klagemutter; in Lexers MhA Wb. Nachtr.
S. 273 wird klagemuoter nach einer Quelle des 15. Jhs. zitiert.
Wahrscheinlich ist auch der luxemburgische Name Ecket B als
*achita aus mhd. achen 'klagen' zu deuten.
1 Vgl. Kögel Über das Keronische Glossar S. 110.
2 Diefenbach Glossar. S. 26c s. v. aluco und 556a s. v. strix.
3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 79.
Suolahti, Vogelnameii. -1
322 Steinkauz, athene noctua, glaucidium noctua.
Steinkauz, athene noctua, glaucidium noctua.
Yon den Käuzen ist es besonders der Steinkauz, den das
Yolk für den Todesverkündiger hält. Über den Grund dieses
Aberglaubens äußert sich Naumann in der Naturgeschichte (Ed.
Hennicke) Y, 12 : "Ganz anders und viel gewandter fliegt (der
Steinkauz) des Nachts, wo er auch noch stärker als die andern
Eulen nach dem Lichte fliegt, seine Stimme fleißig hören läßt
und dadurch die Furchtsamen schreckt. Man weiß von ihm,
daß er, aus eigenem Naturtriebe, vielleicht durch den Geruch
geleitet, gern an die Fenster der Krankenstuben fliegt, durch sein
Lärmen die Leute in Furcht setzt. Ob aber Übertreibungen
diese merkwürdige Sage nicht verunstaltet haben, lasse ich da-
hingestellt sein; so viel ist gewiß, daß es der wahrhaften Bei-
spiele dieser Art unzählige gibt, und daß sie unsern Yogel bei den
Abergläubigen in ein gehässiges Licht gestellt haben, aus welchem
betrachtet, er ihnen oft ein Yorbote des nahen Todes war; was
auch die ominösen Namen: Todtenvor/el, Leichenhuhn usw. be-
zeichnen sollen. Dieser Aberglaube ist übrigens ziemlich all-
gemein verbreitet. Auch in meiner G-egend gibt es noch Schwach-
köpfe genug, die dem armen Käuzchen eben nicht viel Gutes
zutrauen, und mit Zittern davon sprechen, wenn es in der Nähe
einer Wohnung seine Nachtmusik hören läßt 3 '. Eine ähnliche
Äußerung finden wir schon bei Frisch Yorstellung der Yögel (1763)
YIII C 2b: "Weil diefe kleinfte Art der Kautze fich gemeinig-
lich wegen der Einfamkeit in denen Kirchen, Gewölben und
Kirchhöfen oder Gottesäckern, die mit vielen Begräbniffen be-
bauet find, aufhält, fo nennen es einige das Kirchen- oder Leichen-
huhn. Ja weil es lieh auch, wegen des Todtengeruchs, fo Sterbende
von fich geben, oder Todtkrancke hinweg dunften, zuweilen auf
folchen Häufern auch wohl vor den Fenftern einfindet, und fich
fowohl durch Gefchrey als flattern an den Fenftern hören läßt;
fo nennt es der abergläubifche Pöbel das Sterbe- oder Todten-
huhn, Leichhuhn, den Sterbevogel, weil man glaubt, daß diefer
Yogel anzeigen wolle, der Krancke muffe fterben". Der von
Frisch und Naumann verpönte Aberglaube wird gut veranschau-
licht durch die angeführten mundartlichen Bezeichnungen des
Steinkauz, athene noctua, glaucidium noctua. 323
Steinkauzes. Der Name Leichenhuhn, den Naumann aus Beiner
Eeimat, dem Herzogtum Anhalt , erwähnt, wird von Hertel
Sprachsch. S. L57 auch für einige Gegenden in Thüringen be-
zeugt, ebenso in der niederdeutschen Form Ltkhaun durch Scham-
bach Wb. S. 1-1 für Göttingen und Grubenhagen; ferner Liek-
hSnken 1 im Münsterkreise, Liekhön 1 in Holstein; nach Danneil
Wb. S. 127 wird in Altmark jede klein* 1 Eule Ltkhdn genannt
In Salzungen (in Thüringen) gilt der Ausdruck Sterbekauz*.
Der gefürchtete Ruf dr> Vogels, ans dem verhängnisvolle
Worte herausgehört werden, ist nach Voigt Excursionsbuch s. L87
ein zweisilbiges kumff, kwmff, dessen zweite Silbe bis eine Sexte
höher liegt als die erste. Es klingt dem abergläubischen Gemüt
wie ein Befehl 'Komm mit! Komm mit!'; daher heißt denn der
Kauz z. B. in Preußen KommitK Ein anderer preußischer Name,
dessen Richtigkeit von Frischbier a. a. 0. ohne Grund bezweifelt
wird, ist Kirnt. Dieser Ausdruck wird schon von Frisch erwähnt:
"Wegen feines ftarcken Gefchreyes, welches Kimtt, Kiwitt, klingt,
hat diefes Kautzlein auch in einigen Gegenden den Nahmen
Kimtt- oder Kliivitt-Huhn bekommen". Die letztgenannte Va-
riante kommt in Westfalen als Kleivitt 4 *, im westfälischen Hessen
als Klawit' (meist Klaivitcheri), in Göttingen und Grubenhagen
als Kliwitken 6 vor. Auf hochdeutschem Gebiet ist daraus Kleider-
weiß 1 (in Thüringen) oder Krideivißchen*, d. h. Kreideweißchen
(im östlichen Hessen und in der Grafschaft Ziegenhain) geworden.
Wahrscheinlich gehört auch das schlesische Wort Bihceiße e Hexe J \
das schon Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 353 in der Form
Pihceiffen belegt, in diesen Zusammenhang. Öfters werden unter
Eulennamen auch gespensterische Wesen verstanden. Doch tut
man Unrecht, wenn man die in althochdeutschen Glossen mit
'strix' glossierten Worte schrato und holzmuoja als Eulennamen
anführt. Das lat. Lemma hat hier die Bedeutung 'Hexe*. Wenn
Gesner Hist. avium S. 707 unter die Vogelnamen auch e strix'
aufgenommen hat und es mit den Ausdrücken das Seh rüttele,
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86. XVII, 4.
2 Hertel 235. — 3 Frischbier I, 406. — 4 Woeste 130.
5 Vilmar 206. — 6 Schambach 104. — 7 Hertel 136.
8 Vilmar 226. — 9 Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. 40.
21*
324 Waldkauz, ulula aluco, syrnium aluco.
Schretzlin, Jochimeken, Nachtmänle übersetzt, so geht er von dem
lat. Wort aus und folgt hier nur der römischen und griechischen
Yolksvorstellung. Ebensowenig versteht Schwenkfeld a. a. 0. unter
den Namen Ein Milchfauger \ Kinder Melcker, die das lat. strix
übersetzen, irgend einen bestimmten Yogel.
Der heute in der Wissenschaft geltende Name Steinkauz
ist zuerst im 15. Jh. belegt (s. S. 319); Konrad von Megenberg
(Ed. Pfeiffer S. 224 u ) gebraucht den Ausdruck stainäul (andere
Zeugnisse dafür bei Diefenbach Glossar. S. 556 c und 625 c).
Im 16. Jh. kommt Steinkutz bei Gesner a. a. 0. S. 596, die Plural-
form Steinkutzen im Strassburg. Yogelb. v. J. 1554 Y. 302 vor;
Staineivl bei H. Sachs Regim. der Yögel (1531) Y. 224, Steineule
bei Eber und Peucer Yocab. (1552) S. F 4b, Steineul bei Golius
Onomasticon (1579) Sp. 290. 293, Stein Eule \ Mittel Eule bei
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 308.
Die elsässischen Synonyma Wäckerle, Quäckerle, Quickli 1
können als onomatopoietische Bildungen aufgefaßt werden; sie
erinnern besonders an das bellende, hohe quäck des Waldkauzes.
Doch fragt es sich, ob nicht ursprünglich das alte Wort Wickerle,
Wigla ihnen zugrunde gelegen hat. — Der lautbildende Name
Buhu{vogel), den Unger-Khull Steir. Wortsch. S. 127 mit der Be-
deutung 'Steinkauz' verzeichnet, ist eigentlich eine Bezeichnung
des Uhus.
Waldkauz, ulula aluco, syrnium aluco.
Gesner, der in Hist. avium (1555) S. 740 den Waldkauz
unter der Rubrik ulula schildert, gibt gerade diesem Yogel die
Namen Vwel I Ül I Eid l Nachteul I Stockeul, welche seiner An-
sicht nach mit Unrecht auf andere verwandte Arten bezogen
werden.
Das Kompositum Nachteule, das in mittelhochdeutschen
Yokabularen öfters belegt ist 2 , wird von allen Yögeln des Eulen-
geschlechts angewendet. So erscheint es in Ryffs Tierb. Alberti
(1545) S. I 5 b und P 1 b synonym mit Uhu gebraucht, Schwenkfeld
1 Martin-Lienhart II, 210 f.
2 Ahd. Gll. IV, 109 4 * und Diefenbach Glossar. S. 380a, Novum
glossar. S. 264a.
Schleierkauz, strix flammea. 825
Ther. Sil. (1603) 8. 308 meint damit den Steinkauz; nach Martin-
Eienhart 1. 31 1 bedeutet Nachtheujel im Elsaß den Waldkauz und
die Schleiereule usw.
Der von Gesner erwähnte Ausdruck Stockewl erscheint bei
II. Sachs Regim. der Vögel (1531) V. 223, dann Stockeule bei
Agricola De animantibus subterraneis (1549) 8. 3a und im Vocab.
triling. (1560)8. 88, Stock Eul in Spangenbergs Ganskönig (V. 1 t9);
der erste Teil der Zusammensetzung hat, wie öfters in Vogel-
namen, die Bedeutung e Wald*. Das Strassburg. Vogelb. v.J. L554
nennt V.302 die Waldkutzen undY.316 die Waldeid. Bin drittes
gleichbedeutendes Wort ist Pusch Eule (daneben Graw Eule)
bei Schwenkfeld a. a. 0. S. 867, "schlechthin Eulen, Buscheulen"
bei Reyger Verbess. Hist. der Vögel (1760); heute Püscheile in
Schlesien (Mitteilungen der seines. Gesellsch. f. Volkskunde
Heft XIX, 83).
Durch den runden Kopf des Vogels ist der Vergleich mit
einer Katze hervorgerufen , auf welchem die Ausdrücke Kdze-
kapp 1 m. (d. h. Katzenkopf) in Luxemburg, Katül 2 (d. h. Katzen-
eule) in der Grafschaft Ranzau, Kadul 3 in der nordfriesischen
Mundart beruhen. In Steiermark wird sowohl der Wald- wie der
Steinkauz Katzenauff (zu Auf 'Uhu/) oder Katzenauge! 1 genannt.
Im Mimsterkreise heißt der Waldkauz Knappule 5 , in Luxem-
burg ist der Zwergkauz die Knappeilchen*. Der Name, der in der
Form Knapp-Eide bei Frisch Vorstellung der Vögel VIII B vor-
kommt, ist mehrdeutig, weil die Eigenschaft mit dem Schnabel
zu knappen oder zu klappern mehreren Eulenarten eigen ist, vgl.
auch Knepper (== Klapperstorch) S. 371.
Schleierkauz, strix flamm ea.
Der Vogel hat seinen Namen von dem sogenannten Euleu-
schleier, d. i. einem strahlenartig um die Augen sich verbreiten-
den Gewebe kleiner, steifer Federn, welches bei den meisten
Eulenarten vorkommt, bei dieser aber besonders schön und seiden-
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 217.
2 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht". XVII, 2.
3 Johansen Nordfries. Spr. S. 111. — i Unger-Khull 373.
5 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht. XVI, 85, Woeste 133.
6 Wb. d. Luxemburg. Mundart 232.
326 Schleierkauz, strix flammea.
glänzend ist. Den ersten Beleg für schleiereul 1 liefert der Vocab.
ine. theut. ante lat., im 16. Jh. Schlaerule bei Agricola De ani-
mantibus subterraneis (1549) S. 3 a, Schlayreul bei H. Sachs Regim.
der Yögel (1531) V. 222, eyn Schleier eul bei Turner Avium hist-
(1514) S. G 5 a, Schleyer eul bei Eber und Peucer Yocab. (1552)
S. F4b, Schleyer eyl im Strassburg. Yogelb. v. J. 1554 Y. 319,
Schleierül bei Gesner Hist. avium (1555) S. 742, Schleyer eul bei
Golius Onomasticon (1579) Sp. 293, ein Schleier Eule als schlesisches
Wort bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 368, ferner bei Aitinger
Bericht v. d. Yogelstellen (1631) S. 234, Klein, Reyger usw. In
Luxemburg heißt derYogel Seideneil 2 , im Münsterkreise Pählule*
(d. h. Perleneule). Der Name Perl-Eule, der auf das tropfen-
weise gesprengte Gefieder zielt, kommt zuerst bei Frisch Vor-
stellung der Vögel (1763) VIII, C 2a vor.
Da die Schleiereule ihre Schlupfwinkel gerne in Kirch-
türmen aufsucht, heißt sie in Preußen Turmeule^ in Luxemburg
Türeil* \ schon mhd. turniule in den Minnesingern herausg. von
v. d. Hagen III, 261 b. Das Synonymon Kirchul wird nach Gesner
a. a. 0. S. 230. 742 in Flandern und einigen Teilen von Deutschland
gebraucht; bei Juuius Nomenciator (1581) S. 54b wird Kerckwl
als niederländisches "Wort angeführt. Im Elsaß ist Kircheule im
Strassburg. Vogelb. v. J. 1554 V. 317 bezeugt, Kirch Eule bei
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 368 ; heute Kirchkäuzlein * in
Graubünden, Kilchül 6 in Bern.
Der Name Ranfeul, der bei Turner Avium hist. (1544)
S. G 5a vorkommt, ist niederländisch und lautet heute ransuil;
Gesner führt a. a. 0. die niederländische Lautform Ranfulle an,
bei Junius Nomenciator (1581) S. 54 c Bau fiele. Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 309 hat das Wort in der Form Rantz Eule;
der Druckfehler Rautz Eule S. 368 ist von späteren Autoren
wiederholt worden. Der Name ist nicht sicher deutbar.
Von der Stimme, die nach Voigt Excursionsbuch S. 188
oft das Tempo und die Klangfarbe eines schnarchenden Menschen
1 Diefenbach Glossar. S. 382 a.
2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 406.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86. — 4 Frischbier II, 416.
5 Wb. d. Luxemburg. Mundart 446.
6 Staub-Tobler I, 616. III, 603.
Falke, fair... B27
hat. hat der Schleierkauz den Namen Schnarchkauz 1 erhalten;
bereits In dem von Schxöer herausg. Vokabular aus dem Jahre
1 120 snerker (3199 Ahm. ulula.
Nach der Angabe von Schambach Wb. 8. 209 wird die
Schleiereule in Göttingen und Grubenhagen fi oannt
Bin steirisches Synonym isl Tschungd^ Tschunkel* m.
Falken, Falconidae.
Falke, falco.
Ah.l. falco: Sg. Nom. — falco capus: cod. SGalli 242,248b.
Clm. L4747f. 63 a. ixon 8 : Deuteronom. I 4, 13: cod. Oxon. Land. lat.
20b. herodio: Leviticus II. L9: cod. Guelpherbyt. Wis 29 82
cod.Vindob. L042, L30b, Clm. 6227,49b, Qm. 18628, 1. 73b, fakto:
Clm. 5116, 80 b. cod. mon. herem. 184, 298; herodion forma fulice
similis. sed maior. id est capiet. 4 quasi falcho. quod dicitur uualai :
hchabuhc: cod. Fuld. Aa 2,43a; Clm. 18110, 14a; cod. Stuttg. th.
et phil. 218, 13c; cod. Carolsruh. Aug. CCXXXI. 12a, faflco: cod.
SGalli 283, 483. fctlko : cod. Selestad. f. 109 b. fal ko erodius : cod. sem.
Trevir. f. 112 b, ualco cappns : cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f. 89 a,
valco : cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 124a, falco : cod. Parisin. 9344 f. 42 b.
Versus de volucr. H. S. III, 17, erodius: III, 17, capus: XI a 2. b
alietus auis: g. cod. sem. Trevir. R. III. 13, 104b, erodius : cod. sem.
Trevir. R. III. 13,105b. falcho: cod. Gheltenham. 1S908 f. 1 a. cod.
SGalli 299 p. 33. cod. SGalli 299, 26. herodio: Deuteronom. 14, 16: cod.
SGalli 296, 116. herodius: cod.Vatic. Reg. 1701, 2b. herodio: Erchan-
berti ars: Clm. 6414, 16b. Gll. Salomon. al, falcones: al. herodion:
Clm. 13002, 68 f,capis: b:fragm.Labac.Clm.l4689f.47a.cod.Vindob.
804f. L69a, cod. Wirziburg. Mp. th. 4° 60, 100b. NotkerWps. 103, L8.
ualcho herodii. herodius: Psalmen 103, 17 : cod. Angelomont. 1 I 11.
33a, ualcha: cod. Turic. Rhenov. 66, 56, ualcha-. cod. Stuttg. herm.
26,25b. ualche: cod.Vindob. 804f. 18öb. falucho herodion: Anhang
z. alten u. neuen Testament.: Leviticus 11, 19: Clin. 14717, 96b.
falc herodius: cod. Bruxell. 10072 f. 88b. valeh: Versus de volucr.
— Gen. — (des) falchen herodii: Notker Wps. 103, 18. — PI. Nom.
— ualkon (fulice): Vergüras Georg. 1.363: cod. Parisin. 9344, L3b.
Den Falkennamen haben die Germanen mit eleu Romanen
gemeinsam, abgesehen von dem Rumänischen ist falco in allen
romanischen Sprachen vorhanden: ital. fcUco : falco>u\ afrz. faueon,
1 Vgl. Staub-Tobler I, 617. — 2 Unger-Khull 179.
3 ixion Vulgata, ixon Vercellone (Steinmeyer).
4 1. capus (Steinmeyer).
328 Falke, falco.
span. hakon, portugies. falcäo; auf germanischem Boden ent-
sprechen ihm ahd. falco (mhd. mnd. mndl. valke) und ein spät-
bezeugtes anord. falki (dän. schwed. falk). Ob das Wort ur-
sprünglich germanisch oder romanisch war, darüber sind die
Meinungen sehr geteilt.
Die Geschichte des Falkennamens steht, wie es scheint,
in engster Verbindung mit der Geschichte der Falkenjagd: falco
war offenbar ein Jagdterminus, dessen Entstehung mit dem
Aufkommen der Beize bei den Germanen oder Komanen gleich-
zeitig ist. Für diese Auffassung spricht zunächst die Tatsache,
daß die Falken sich von den nächstverwandten Kaubvögeln durch
keine solchen Merkmale unterscheiden, daß sie dem ungeübten
Auge als besondere Gattung erschienen; eine gemeinsame Be-
nennung derselben schiene daher auffällig, wenn sie nicht die
Grundlage in der Verwendung dieser Vögel als Jagdvögel hätte.
Bei Völkern, wie z. B. den Finnen, welche die Jagd mit dem
Falken nicht gekannt haben, gibt es keinen besonderen Ausdruck,
der diesen Vogel von Bussarden, Habichten usw. unterscheidet.
Aber auch abgesehen von diesen Erwägungen allgemeiner Art,
macht das erste Auftreten des Wortes falco im Zusammenhang
mit den ersten Nachrichten von der Falkenbeize in Europa den
Eindruck, daß wir es hier mit einem Jagdausdruck zu tun haben.
Leider weiß man durch geschichtliche Nachrichten gar zu wenig
von den ersten Anfängen der Falkenjagd in Europa, um daraus
irgendwelchen Aufschluß über den Ursprung des Vogelnamens
zu erhalten. Im Gegenteil hat man versucht, aus der Etymologie
des Namens Beweismittel für die Geschichte der Beize zu
gewinnen.
Zum ersten Mal begegnet der Ausdruck falco — wie schon
Gesner bemerkt hat — um das Jahr 300 bei Julius Firmicus
Matemus, der die Jagd mit diesem Vogel beschreibt; darauf
folgen Zeugnisse des Namens bei Servius Grammaticus, Isidor
u. a. Im klassischen Latein ist der Vogelname also nicht nach-
weisbar; ein gleichlautendes Wort ist einmal in dem Auszug
des Priesters Paulus aus Sextus Pompejus Festus in der Bedeutung
'einer, der krumme Zehen hat' bezeugt: "falcones dicuntur,
quorum digiti pollices in pedibus infra sunt curvati, a simili-
Falke, falco.
tudine falcis". Manche haben hier das Grundwort des Vogel-
nameiis erblicki and ihn auf die krummen Klauen oder den
krummen Schnabel zurückgeführt
Dieser Annahme ist Baist in einem längeren Artikel in
Zs. f. d.A. XX VII, 60 ff. entgegengetreten, iro er ausführlich die
Geschichte der Heize und des Palkennamens behandelt; vgL
auch A.i.d.A. XIII. 301 lt. und Zs.lfrz.Spr. ii. Lit. XIII. 2, L85f.
Nachdem Baist zunächsl festgestellt hat, daß die römischen
Schriftsteller niemals die Falkenjagd erwähnen und daß keine
einzige Palkenbenennung im klassischen Latein nachzuweisen ist,
folgert er hieraus, daß die Beize in Europa erst in romanischer
Zeit nicht lange vor der eisten sicheren Nachricht von derselben
bei Julius Pirmicus — vielleicht im 2. Jh. n.Chr. aufgekommen
ist. Da die keltischen Ausdrücke für den Falken aus d>'n ger-
manischen Sprachen entlehnt sind, kommen die Kelten als Er-
finder der Beize nicht in Betracht; sie müsse auf germanischem
oder romanischem Boden entstanden sein. Nach Baist (hüten
verschiedene Indizien darauf, daß die Germanen — und nicht die
Romanen — die Jagd erfunden haben. Vor allem fallt ins Gewicht,
daß sich mehrere Ausdrücke, die sich in den romanischen
Sprachen auf die Beize beziehen, als germanische Entlehnungen
erweisen. Von Falkenbenennungen sind dpervier = ahd. sparicdri,
tmerillon = ahd. smirl, gerfaut = anord. geirfalki germanischen
Ursprungs. An diese Reihe schließe sich auch das Wort falco
selbst an, dessen Herleitung aus lat. faix 'Sichel 1 deshalb un-
wahrscheinlich sei, weil in der Benennung "der (Jesiehelte'
man möge sie nun auf die Klauen oder den Schnabel de- Palken
beziehen — nichts für den Vogel Charakteristisches wäre, was ihn
von den verwandten Raubvögeln unterscheiden würde. Dagegen
lasse sich der Name aus dem germanischen Wortmateria] an-
sprechend deuten, wenn man ihn als eine Ableitung mittels des
Ä-Suffixes aus faüan 'fallen' ebenso wie habuh aus haben ( = capere)
auffaßt Der Falke hätte den Namen "Stößer* erhalten, weil
gerade die Art von oben herab auf die Heute zu stoßen die
Jagdweise des Vogels charakterisiert. Außerdem beweise das
Vorkommen des Wortes falco als Eigenname bei Langobarden,
Westgoten und gallischen Franken, sowie als Bestandteil in dem
330 Falke, falco.
Yölkernamen Falcovarii und dem angelsächsischen Namen Wester-
faka 1 , daß es auf germanischem Sprachboden alt sei.
Gegen diese Theorie des gelehrten Romanisten kann man
jedoch manche Bedenken geltend machen.
Die zitierten Stammesnamen können kaum als Beweis für
den Ursprung des Falkennamens verwertet werden, denn in
dem angelsächsischen Königsnamen Westerfalca und dem Yölker-
namen Falchovarii steckt wohl nicht der Yogelname, sondern ein
Farbenadjektiv, das im elsäss.-schwäb. falch (= fahl) vorhanden
ist; vgl. Kossinna PBB. XX, 299 ff. Aus dem Personennamen
Falco ist auch kein Beweis zu gewinnen, denn — angenommen,
daß er wirklich mit dem Yogelnamen identisch ist, — kann er
in den germanischen Sprachen nicht sehr alten Datums sein.
Das Wort falco war ja ein Jagdterminus, der mit der Beize
aufkam; erst nach dieser Zeit konnte man also Personen mit
dem Yogelnamen nennen. Da der Jagdausdruck jedenfalls sehr
bald von dem einen Yolke zu dem anderen kam und sich dort
einbürgerte, so ist es für den Personennamen irrelevant, ob
das Wort in der betreffenden Sprache entlehnt war, oder nicht.
Daß eine beträchtliche Anzahl wichtiger Jagdausdrücke von den
Germanen zu den Romanen gekommen sind, muß mit Baist
festgestellt werden ; an der von ihm betonten germanischen Pro-
venienz der Falkennamen epervier, emerillon, gerfaut darf nicht
gezweifelt werden. Hieraus folgt jedoch nicht, daß auch falco
germanischen Ursprungs sei. Der Austausch von Jagdausdrücken
ist gegenseitig gewesen, wie man es bei der engen gallisch-
fränkischen Gemeinschaft verstehen kann. Yon den Romanen
haben die Deutschen z.B. die Ausdrücke terzel = tertiolus^piligrim
= peregrinus, lauer = lanier, mu^ozre (auch andd. mütäri) = mu-
tarius übernommen.
Direkt gegen germanische Herkunft des Falkennamens spricht
das Fehlen des Wortes bei den Angelsachsen, denn diese hätten
doch den Ausdruck auf dem Kontinent kennen müssen, wenn
er schon im 2/3. Jh. bei den Germanen bekannt gewesen wäre.
Und man kann nicht gut annehmen, daß die Angelsachsen —
1 Andere Varianten dieses Namens sind Westoncealcna, Westor-
walcna, s. Searle Onomasticon Anglo-Saxonicum S. 484.
Falko, falco. 831
ein Teil der Germanen, welche die Jagdkunsl erfanden hätten
diese wichtige Erfindung wieder aufgegeben, oder den wich-
tigsten Jagdausdruck verloren hätten. In der angelsächsischen
Literatur, wo eine Menge verschiedener Babichtarten erwähnt
werden (gdshafoc, müshafoc, 8pearhafoc\ wird der Jagdfalke
wealhhafoc 1 , d. h, der wälsche Eabicht genannt Daß dieserName
als 'Wanderfalke' aufzufassen und nur auf den vornehmsten
Jagdfalken zu beziehen wäre, ist nur eine Hypothese, denn
man weiß ja nicht, wie viele Falkenarten die Angelsachsen i innten
und ob der Wanderfalke unter diesen die wichtigste Rolle spielte.
Das Wort wealhhafoc erscheint in den angelsächsischen Quellen
als allgemeine Bezeichnung des Jagdfalken und wird genau in dem-
selben Sinne angeführt, wie falco in althochdeutschen Glossaren
Ungefähr ähnlich ist der Sachverhalt im Altnordischen. Hier
ist das Wert falki erst seit dem 12. Jh. bezeugt und wird als
Lehnwort aufgefaßt. Der ältere Ausdruck für den Jagdfalken
ist vah\ d. h. c der AVälsche'. Daß auch dieser Name als Wander-
falke zu deuten wäre, läßt sich nicht wahrscheinlich machen.
Vielmehr deutet die Auffassung des abgerichteten Falken bei
den Angelsachsen und Skandinaviern als ein Fremdling darauf,
daß die Beize ihnen ursprünglich nicht bekannt war. In den
germanischen Volksgesetzen ist der Xame falco nicht erwähnt,
— die Lex Salica nennt nur den Sperber (speruarius\ das alle-
mannische und hairische Gesetz haben für den Falken einheile:
Benennungen {cranohari, ganshabuh).
Die obenangeführten Gründe machen es wahrscheinlich,
daß der Falkenname nicht germanischen, sondern vielleicht ru-
mänischen Ursprungs ist. Die Ableitung des Vogelnamens aus
lat. falx und die Deutung desselben als e der Vogel mit krummen
Klauen' ist semasiologisch nicht unwahrscheinlich. Der Xame
1 In ahd. Glossenhandschriften erscheint der Ausdruck einige Mal:
uualhapuh herod. herodius : Leviticus 11, 19: cod. SPauli XXV d 82. 38a;
mtaluc hasc fueh: cod. Parisin. 2685, 50b: uualai: hchabuhc herodion forma
fulice similis. sed maior. id est capiet (1. capus). quasi falcho. quud dicitur :
cod. Fuld. Aa 2, 43 a. uuale auuc: Job 39, 13: cod. Parisin. 2685 f. 55b,
ualchc fue: cod. Lugdun. 69 f. 26b, ui/Ichefuc: cod. Bern. 258 f. 16 a. — Alle
diese Belege sind jedoch aus einem ags. Original abgeschrieben. Auf
deutschem Boden ist der Ausdruck nicht heimisch.
332 Falke, falco.
hebt ja ein charakteristisches Merkmal des Vogels hervor. Daß
die Vogelnamen immer auf einem solchen Charakteristicum
beruhen, welches die betreffenden Vögel von anderen scharf
abhebt, darf man nicht erwarten. Man braucht nur an die
vielen mehrdeutigen Ausdrücke wie Brachvogel, Weißschwanz
usw. zu denken.
Die von Baist vorgeschlagene Deutung des Wortes falco
aus fallan 'fallen' stößt auf formelle Schwierigkeiten. Eine Ab-
leitung mittelst des ^-Suffixes würde ahd. *falluh ergeben; ohne
Mittelvokal ist die Anfügung des Suffixes an den auf Doppel-
konsonanten ausgehenden Stamm nicht denkbar.
Woher die Kunst mit Falken zu jagen ursprünglich stammt,
ist eine Frage, die hier dahingestellt bleiben muß. Nicht un-
wahrscheinlich scheint die Annahme, daß die Beize vom Osten
her nach Europa kam. Bereits im 6. Jh. n. Chr. war sie hier so
allgemein geworden, daß sie auf Kirchenversammlungen verboten
wurde. Ihre volle Entfaltung fällt aber erst in spätere Zeiten, ins
12. u. 13. Jh., wo zahlreiche Abhandlungen über Falkenjagd zu
erscheinen beginnen 1 . — Mit der Entwicklung der neuen Kunst
wird die hierhergehörige Nomenclatur in Deutschland durch ein-
heimische und fremde Ausdrücke immer mehr bereichert.
In der Sprache der Falkner hieß der männliche Falke, der
bedeutend kleiner ist als das Weibchen, terzil. Das Wort ist ent-
lehnt aus mittellat. tertiolus, das den romanischeu Synonyma,
ital. terzuolo, frz. tiercelet, span. torzuelo und portug. treco zugrunde
liegt. Den lat. Namen erklärt Crescentius folgendermaßen: et Ter-
tiolus uocatur mas in accipitrum et falconum genere, quia simul
tres in nido nafcuntur, duae foeminae et tertius mas". Andere
wollen den Ausdruck daraus deuten, daß das Männchen ungefähr
um ein Drittel kleiner ist als das Weibchen. Der erste Beleg
des deutschen terzil fällt ins 12. Jh. : tercel herodius : cod. Vindob.
804 f. 185 b; darauf tercil: Versus de volucr. : cod. Admont. 759,
55b (13. Jh.). Im Mittelhochdeutschen wird terzel sowohl als Mas-
kulinum wie als Neutrum behandelt; daneben auch terze, falken-
terze, smirUnterze. Aus dem Französischen stammen nndl. tarsel
und engl, tiercel, tossei, tercel. Vgl. auch Habicht S. 361.
1 Vgl. Schrader Reallexikon S. 210.
Sackerfalkc falco Bacer.
Durch den [mporl ausländischer Jagdfalken und die Kreu-
zung der einzelnen Arten entstehen neue Palkennamen, welche
jedoch oft nicht konsequent angewendet und besonders von Laien
fortwährend verwechselt werden. Daher ist es in vielen Fällen
geradezu unmöglich zu entscheiden, welche von den jetzt bekannten
Falkenarten von den .dien Tutoren gemeint werden. In der mittel-
alterlichen Fachliteratur herrscht meistens eine Einteilung der
sogenannten edlen Falken in zehn verschiedene Arten; außer-
dem werden verschiedene Arten unedler Kalken aufgezählt.
Diese Einteilung findet man zuerst bei Albertus Magnus
De animalibus S. X 1 a, wo für die edlen Falken folgende Ausdrücke
angewendet werden: 1. sacer, 2. gyrofalco, 3. monianarius. 4t.pere-
arhms, 5. gybbosus, 6. falco niger, 7. falco albus, 8. falco rnbeus,
9. falco qui habet pedes azurinos, 10. falco paruus qui mirle
uocatur. Unedler Falken giebt es nach Albertus drei Arten; dazu
kommen durch Kreuzung von edlen und unedlen Vögeln noch
weitere drei Arten und schließlich eine Bastardart, die besonders
erwähnt wird. Es sieht aus, als ob Albertus diese Gruppierung
nicht auf Grund wissenschaftlicher Beobachtung gemacht, sondern
sich dabei nach den Einteilungen von Aristoteles und Plinius
gerichtet hätte, von denen jener zehn, dieser sechzehn Arten
unterscheidet.
Der Ausdruck edelfalke als Bezeichnung der besten Jagd-
falken begegnet zuerst im Minnefalkner 184, 66, edlvakkh in
einer Version des Märchens vom Zaunkönig (Germania VI. 90);
später ist das Wort öfters belegt.
Sackerfalke, falco sacer.
Das mittellat. Wort sacer, das bei Albertus die vornehmste
Falkenart bezeichnet, ist entlehnt aus arab. caqr Magdfalk'
(vgl. Baist a. a. 0.); bei dem arabischen Schriftsteller Auicenna
(980 — 1037) lib. 2, cap. 246 ist es als sachari bezeugt. Die Ent-
lehnung ist dem Deutschen und den romanischen Sprachen
gemeinsam: mhd. sacker = frz. span. sacre, ital. sacro. In dem
Minnefalkner, wo diese Falkenart mit dem Blaufuß gleichgestellt
und im Gegensatz zu dem edlen Wanderfalken für einen minder-
wertigen Jagdvogel betrachtet wird, erscheint der Name in der
334- Der nordische Jagdfalke, falco gyrofalco.
Form sackers. Vielleicht ist das auslautende s aus der französischen
Flexionsform sacres zu erklären, wodurch französische Yerniitt-
lung bei der Einführung des Lehnworts anzunehmen wäre.
Mynsinger, der in seiner Darstellung der Falken Albertus Magnus
reproduziert, zählt den sackerfalken (S. 7) zu der "ersten edeln
Zucht". Bei Oswald von Wolkenstein (Ed. Schatz 2 S. 254) 110,
31 erscheint der Name in der Form sägger. Die Form saiger
(in einer Handschrift) ist nur eine orthographische Yariante der
vorhingenannten Namensform und kein selbständiges Wort; da-
nach ist seigcere (= eine Falkenart) bei Lexer Mhd. Wb. II, 855 zu
streichen. Im 16. Jh. kommt der Name bei Gtesner Hist. avium
S. 64 vor; neben Sacker wird die Yariante Sockerfalck erwähnt
und als Synonymon Kuppel angeführt. Dieser Ausdruck wird
a. a. 0. mit lat. 'copulatus' gleichgestellt und daraus erklärt, daß
die Sackerfalken paarweise jagen. Die späteren Ornithologen
wiederholen die Angaben Gesners. Hans Sachs erwähnt den
Sacker (: wacker) im Kegim. der Yögel (1531) Y. 153. Noch im
18. Jh. kommt der Ausdruck in den Königsberger Carmina nupt.
L 264 1 vor.
Der nordische Jagdfalke, falco gyrofalco.
Die zweite edle Falkenart ist der nordische Jagdfalke oder
vielmehr eine bestimmte Yarietät desselben. Der Name, der in
der mittellateinischen Literatur als gyrofalco, girifako, gerfalco
oder grifalco erscheint, wird von Albertus Magnus (dem in neuerer
Zeit u. a. Diez Et. Wb., Körting Wb. u. a. folgen) aus dem Yer-
bum gyrare "drehen, schnurren hergeleitet; der Zusammenhang
mit dem Yerbum wird damit begründet, daß der Yogel sich
mehrere Mal im Kreise herumdreht, bevor er sich auf die Beute
stürzt. Dies trifft aber faktisch auf den nordischen Falken
nicht zu, und damit fällt auch die angeführte Etymologie. Un-
wahrscheinlich sind auch die Deutungen von Wackernagel Yoces
var. animant. II, 135 Anm. und Lexer Mhd. Wb. I, 1022, welche
vom Deutschen ausgehend das Wort mit ger 'Speer* oder mit
ger, gir 'Gier 3 verknüpfen ; nach Wackernagel wäre der Yogel
als 'der auf dem Speer (als Sitzstange) ruhende', nach Lexer
1 S. Frischbier I. 401.
Der nordische Jagdfalke, falco gyrofalco. 886
als 'der gierige* Falke aufgefaßt Audi Eatzfeld und Darme-
Bteter II. 1164 «lenken an die Raubgier des Vogels, indem sie
den tarnen mit gtr 'Geier* verbinden. In dem obenerwähnten
Aufsatz erklärt Baisl den Ausdruck als gleichbedeutend mit
TSdelfalke', ohne daß jedoch der Gebrauch des Wortes gir im
Sinne 'edel- überzeugend bewiesen würde. Bei Falk und Torp
Et. ordb. I, 220 werden die germanischen Namensformen ohne
Motivierung von den romanischen (ital. gerfalco : span. gerifaUe^
prov. girfalC) Erz. gerfaut) abgeleitet — Da der gyrofalco aus den
skandinavischen Ländern nach Mitteleuropa importiert wurde,
so ist sehen dadurch romanischer Ursprung des Namens höchst
unwahrscheinlich, um so mehr alter, weil er aus romanischem
Wortmaterial nicht gedeutet werden kann. Der natürlichste Aus-
gangspunkt für die Erklärung des Namens ist die nordische
Namensform geirfalM, welche seit dem 12. Jh. belegt ist. Be-
sonders charakteristisch für den Vogel ist das blendend weiße
Gefieder mit den dicht bestreuten Schaftstrichen, die wie Pfeil-
spitzen aussehen. Wenn mau an diese Färbung des Gefiedeis an-
knüpft, so kann der erste Teil des Kompositums auord. geiri e speer-
förmiges Stück, Striemen' (and. rjero, ags. gära) sein; vgl. norweg.
gere-stud "Stute mit weißen Füßen', geret e mit weißem Striemen
(vom Vieh)', sclrwed. geret Veißrandig', ger (j/era) e Ochs (Kuh),
der weißgezeichnet ist'. In deutschen Quellen ist der Name
dem 14. Jh. bezeugt: zuerst als gerucUch in cod. ILellic. K öl,
242 iAhd. Gll. III, 23 22 ), in der umgedeuteten Form greiffalk
(= mittellat grifalcui) bei Konrad von Megenberg (Ed. Pfeiffer
S. L85, 26) \ greyffalk im Vocab. theuton. (1482) S. m 7 a, geir-
fakk (in einem Vokabular des 15. Jhs.) bei Diefenbach-Wülcker
Wb. S. 626, ferner girovalcke (nach Albertus) bei Mynsinger
S. 8. Ob der Personenname Gervalcus (ums Jahr 1070) in So-
cins Namenb. S. 218 hierher gehört, ist nicht ganz sicher. Im
16. Jh. schreibt Ryff Herb. Alberti (1545) S. L2b Gerfalck,
das Strassburg. Yogelb. v. J. 155 I Y. 284 Geyrfalck, Gesner Hist.
avium (1555) S.66 Gerfahh Gierfalvh\ ein groffer FaJck. Schwenk-
feld Ther. Sil. (1603) S. 259 bezeichnet die Namensform Gier
Fahl: als schlesisch und verzeichnet außerdem die Synonyma
1 Der hier beschriebene Vogel ist der falco candicans.
336 Wanderfalk, falco peregrinus.
Ger Falck I Mittel Falcke I Reger Falck (d. h. Reiherfalke); in
Spangenbergs Ganskönig Y. 81 Gier falck, bei Klein Hist. avium
prodr. (1750) S. 48 Gyr falck, Ger falck, in den Königsberger
Carmina nupt. I, 264 Gier(falk) 1 .
In den mittelhochdeutschen Handschriften der Yersus de
volucribus wird die Glosse herodius außer mit gerualch auch mit
herfalke glossiert: herfalke: cod. Lips. Paul. 106, lc (13. Jh.), herrenvalch:
Clm. -4550, 3a, ernalch: Glm. 14745 f. 82c (14. Jh.); dazu eriualcho in der
Umordnung H. S. III, 8, ervalch: Glm. 14584 f. 118a. Hiermit ist wohl her-
falke, d. h. Edelfalke gemeint. Schon in der Xotkerschen Psalmen-
übersetzung (103, 17) ist herodius mit herfogil glossiert und
damit offenbar der 'Edelfalke' gemeint. Das lat. Bibelwort, das
auf griech. epwöioc 'Reiher' beruht, wird öfter als Falke aufgefaßt.
Bei Notker macht sich an der zitierten Stelle dieselbe Auffassung
geltend: "Herodius ist maior omnium uolatilium. der überuuindet
den dren". Dazu stimmt die Glossierung im Corpus gll lat. Y,
498 63 : "erodion, auis maior qui etiam aquilam prendit" und die
Erklärung des Glossators von Deuteronomium : "herodius vulgo
girfalco dicitur et rapit aquilam". — Ganz verschieden hiervon
ist hierofalcho in der mittellateinischen Literatur. Das Wort ist
eine gelehrte Bildung Paolo Giovios (vgl. Gesner a. a. 0. S. 66)
und knüpft an griech. iepaH 'Falke' an, das im Sinne von e sacer,
heilig' genommen wird. Auch mhd. zwirbelvalke bei Lexer Mhd.
Wb. s. v. ist nur eine Bildung Mynsingers (S. 8), der dabei an
lat. gyrare bei Albertus anknüpft.
Den montanarius, der bei Albertus Magnus die dritte Art
edler Falken bildet, interpretiert Mynsinger S. 9 mit bercfalke;
daneben kommt auch der Ausdruck montaner vor. In späterer
Zeit erscheint Bergfalck bei Ryff Tierb. Alberti (1545) S. L 3 a,
und bei Eber und Peucer Yocab. (1552) S. L 3b, Birgfalck bei
Gesner a. a. 0. S. 68, Birck Falck I Berg Falck bei Schwenkfeld
a. a. 0. S. 258 u. a.
Wanderfalk, falco peregrinus.
Erst als der vierte in der Reihenfolge kommt bei Albertus
der peregrinus oder der Wanderfalk, der seinen Namen von der
1 Frischbier I, 401.
Wanderfalk, falco pcrcgrinus. .'5'57
herumstreichenden Lebensart in dem weiten Verbreitungsbeziri
hat Bei Oswald von Wolkenstein (Bd. Schafes 1 8.254) L00, 21 wird
er für die vornehmste Art gehalten. Der Name pügertn (aus
dem lat peregrinus) begegnet als bilgerin bereits in Gottfried
von Straßburgs Tristan. Ryff libersetzl «las lat peregrim seiner
Vorlage mit Frembdling] bei Schwenkfeld The,-. Sil. (1603) S. 258
rin /runder Falck I gemeiner Falck 1 frembdling Falck. in dem
Tristan von A. W. Schlegel Str. 84f. (1800) Pilgerfalke. — In
Lübbens Mittemiederd. Wörterbuch S. 273 wird als Bedeutung
von pelegrime das lat. Glossenlemma fulica (Wasservogel) ange-
geben. Der < Glossator des lat.-ndd. Wörterbuchs v.J. 1117. aus dem
der Beleg stammt, hat fulica (bezw. fuJca) und falco verwechselt
Ein umgekehrter Fehler findet sich in einer Handschrift mit
Vergilglossen, wo fulica mit falco übersetzt ist (s. oben S. .T27).
Gesner nennt in Hist avium S. 60 als Varietät des Wander-
falken den aeeipiter medianus; der Ausdruck erscheint in der
Pluralform Medianen in den Königsberger Carmina nupt. I, 264 l .
Auf den Wanderfalken folgt bei Albertus der falco gglbosus,
den Mynsinger unter dem Namen hoverfalcke anführt. Ryff
Tierb. Alberti v. J. 1545 übersetzt genauer dem lat. Originale
entsprechend der hoferig Falck. Die Benennung bezieht sich
auf den hover ( = Höcker) des Vogels; dieser hat nämlich —
nach Mynsinger S. 11 — "als ainen kurtzen hals, das man den
kopff vor den ansein seiner flügel, so sy erhöcht sind recht als
ob er ainen Hofer hab, nit wol gesehen mag". Bei Gesner a. a. 0.
S. 71 wird der Name in der mundartlichen Lautvariante Ho</er falck,
Hager filck angeführt; Hoker(falk) in den Königsberger Carmina
nupt. a. a. 0. Danach in der französischen Falknerei hagarid).
Der falco niger des Albertus wird — wie Gesner Hist. avium
S.71 berichtet — wegen seiner schwarzen Farbe von den Deutschen
Kolfalrk genannt (vgl. S. 45), bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603)
S. 258 Kohlfafrke, in Carmina nupt. a. a. 0. Kohl(falk) 2 . Der
Name ist volkstümlich.
1 Frischbier II, 59 ; die Bedeutung wird unrichtig "falco milvus ('?)"
angegeben.
2 Frischbier I, 401 gibt fälschlich als Bedeutung des Wortes 'Rabe' an.
Suolahti, Vogelnameu. 22
338 Merlinfalk, falco aesalon.
Im Gegensatz zu den "schwarte valcken" nennt Mynsinger
als "sibende edle zucht" nach Albertus die weiss falcken. Damit
ist eine Varietät des nordischen Falken (falco candicans) gemeint.
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 259 nennt sie Ein weiffer Falcke I
Mofchowitterische (d. h. Moskauer) Falck.
Für die achte Falkenart {falco rubeus bei Albertus, Rott
Falcke bei Mynsinger S. 14, ein Roter Falck bei Gesner S. 72)
gibt es in der Literatur keine Synonyma.
Ein allgemein bekannter Vogel war der Blaufuß oder der
"valcke von der Newnden edeln zucht". Ob damit eine Variation
des Wanderfalken oder des Würgfalken (falco lanarius) geraeint
wurde, ist schwer zu entscheiden. In der niederdeutschen Laut-
form blauot (= glaucus) ist der Name schon im 12. Jh. in cod.
Cheltenham. 7087, 144a belegt; hd. blauüz in Handschriften des
13. 14. 15. Jhs. der Versus de volucribus. In der mittelhoch-
deutschen Literatur kommt bldvuoz (ndd. bläuöt , mndl. blau-
roet) öfters vor. In den heutigen Mundarten ist der Ausdruck
aber selten; im Herzogtume Anhalt wird damit, wie Naumann
bemerkt, "sehr uneigentlich" der Wanderfalke benannt.
Merlinfalk, falco aesalon.
Als letzte Art der edeln Falken beschreibt Albertus Magnus
den Jagdvogel, der im gewöhnlichen Leben mirle oder smirlin
hieß. Damit ist der Merlinfalk gemeint. Wie viele andere
deutsche Falkennamen, so ist auch dieser von Albertus angeführte
Vulgärname in den romanischen Sprachen vorhanden: ital.
smeriylio, smeriglione, afrz. esmeril, esmerillon, nfrz. emerillon. Die
deutsche Benennung ist zuerst in Glossenhandschriften des 11. Jhs.
bezeugt: smirl nisus: Vergil. Georg. I, 404: cod. Tridentin. 1660, 18b. mirlvs:
H. S. III, 17. mirle : Versus de volucr. (6 Hss. aus dem 12. 13./14. 14. 14./15.
15. Jh.), smirli (1 Hs. d. 12. Jhs.), smirle (5 Hss. aus dem 12. 12. 13. 14. 15.
Jh.), smirlinc (2 Hss. des 13. u. 14. Jhs.), smerlin (1 Hs. des 13. Jhs.), smerli
(2 Hss. d. 12. Jhs.), smerle (4 Hss. aus dem 12. 13. 13. 14. Jh.), merle (2 Hss.
aus dem 13. u. 15. Jh.), sm'lekT (1 Hs. d. 14. Jhs.). smirle: H. S. XI d (13. Jh.).
smerle: cod. Oxon. Jun. 85, 4 (13. Jh.). In mhd. Texten smirel, smirlin.
Als normale althochdeutsche Form ist smerlo, smiril, smirli{n) n.
anzusetzen. In den verwandten Dialekten entsprechen mndl.
Turmfalke, falco tiiiiiiiiuulus, tirmuwulus tinnunculus. 839
smerl(e) und anord. smyrill (auf den Euröern umirif. dän. Mtttrfa,
smcri). Die gewöhnliche Annahme, daß der Name ans lat. mertda
'Aiiim'!' herzuleiten sei, ist — wie Baist wiederhol! betont hat -
sowohl aus lautlichen wie sachlichen Gründen nicht zulä
Kim- sichere Deutung des Namens fehlt Nach Baisi wäre dei
Vogelname identisch mit dem mittelhochdeutschen FLschnamen
smerle, smerlinc (cobitis barbatula); die Übertragung würde Bich
aus dem Vergleich des kleinsten Palken mit dem kleinsten Fische
erklären. Ana dem Französischen stammen mittelengL merlion,
ueuengl. merlin, sowie ondL merUn (beiJunius Nomenciator L581
S.53a meerlijn). Im 16. Jh. wird efer Schmirl öfters erwähnt; in der
wissenschaftlichen Literatur zunächst smerla bei Turner Avium
bist (1544) S. B La, Schmirlin bei Ryff Tierb. Alberti (1545)
S. M 1 a, Smirle I mirle bei Gesner llist. avium (lööö) s. i:; (nach
Albertus); bei Schwenkfeld Ther. Sil. (K)03) S. 348 Smyrle I Smyr-
Unl Myrle. Hans Sachs führt im Regim. der Vögel (1531 ) Y. 1 ö7
den Namen in der Form das Schmierlein an; bei Pop< »witsch Ver-
such (17 SO) S. 511 der Schmerl. Vgl. bair. das Schmer/ in bei
Schmeller-Frommann I, 554, preuß. der Schmirl bei Frischbier
II, 298.
Turmfalke, falco tinnunculus, tinnunculus tinnunculus.
Im Gegensatz zu den Jagdfalken nannte man die nicht-
dressierten Vogel Wlfdfalken oder Waldfalken. In diesem Sinne
ist nämlich ahd. wütfalco oder wcdtfalco zu verstehen. Bei.--.':
iciltfalco herodius : Versus de volucr. H. S. XIa2. b. e. g. üüU-
dentalcho: Clm. L4689 f. 47a — uualdfalcho herod. herodius:
Leviticus 11, 19: cod. SGalli 9, 277, ruafdfalcho : cod. SGalli
295, 127. waltfalcho: H. S.XIa 2: cod. Berol. Ms. lat. 93 8°, 12a.
Die unedlen Falkenarten, welche in der Falknerei eine
untergeordnete Rolle spielen, bezeichnet Albertus mit dem Namen
lanarius. Er meint damit die Bussarde, welche ihre Heute im
hohen Bing nicht packen können, sondern sie entweder auf einem
Baume sitzend, oder nahe an der Erde streifend ergreifen. Unter
diesen unedlen Vögeln, welche vom Mäusefang leben, nennt
Albertus auch einen roten Falken, der dem Merlinfalken ähnelt.
Dieser ist ohne Zweifel der Turmfalke, der in manchen Mund-
22*
340 Turmfalke, falco tinnunculus, tinnunculus tinnunculus.
arten unter dem Namen Wannenwäher bekannt ist. Dieser Name
begegnet zum ersten Mal in den althochdeutschen Versus de
Yollicribus : wänoweh loaficus (1 Hs. des 12. Jhs.), wannewehe (5 Hss. aus
dem 11./12. 12. 12. 13. 14. Jh.), ivaneivche (1 Hs. des 13. Jhs.), ivanweh (1 Hs.
des 12. Jhs.), wanwecht (1 Hs. des 13. Jhs.), wanweha (1 Hs. des 15. Jhs.),
wannowehol (1 Hs. des 12. Jhs.), wannenivehil (1 Hs. des 13. Jhs.), wänüwehel
(1 Hs. des 13. Jhs.), wannewehel (1 Hs. des 14. Jhs.), wamenivechel (1 Hs. des
14. Jhs.), wannenivecher (1 Hs. des 14. Jhs.), wäneweh (1 Hs. des 15. Jhs.);
waneweho: cod. Oxon. Jun. 83, 4 (13. Jh.). Mit anderer Yokalstuf e :
wintwel: cod. Vindob. 1118, 79b (13. Jh.). wintwech : Versus de volucr. (1 Hs.
des 14. Jhs.), wintwechel auicula (1 Hs. des 14. Jhs. Ahd. GH. III, 31 U. 12).
Der zweite Teil des Kompositums erscheint als selbständiger
Yogelname weho ebenfalls in den Versus: weÄoibis(lHs.desl2. Jhs.),
wehe (3 Hs. aus dem 12. 13. 14. Jh.), weht (1 Hs. des 13./14. Jhs.), tvethe (1 Hs.
des 12. Jhs.), mit laoficus glossiert : we wo (1 Hs. des 14. Jhs.), ivehe (1 Hs.
des 11. Jhs.), ivech* (1 Hs. des 14. Jhs.), ivech (1 Hs. des 14. Jhs.), wecht (1 Hs.
des 15. Jhs.), weht (1 Hs. des 14. Jhs.), wahe (1 Hs. des 15. Jhs.), weher (1 Hs.
des 14. Jhs.), wehel woz (1 Hs. des 14. Jhs.) ; weho in den Gll. Hildegardis :
cod. Wiesbad. 2, cod. Cheltenham. 9303 (13. Jh.).
Über die Bedeutung von ahd. weho vermögen die Lemmata
loaficus und ibis keinen Aufschluß zu geben. Aber die Bedeutung
des Namens kann nicht sehr verschieden sein von derjenigen
des Kompositums wannenweho. Wie dieses, so wird auch das
einfache Wort einen Vogel von der Habichtgattung bedeutet
haben. Zum selben Stamme wie ahd. weho gehört offenbar auch
der Name mgil, tviliil in den Salomonischen Glossen a 1 : ivigil
alchiones aues marinae: Glm. 22201, 8 c, cod. Zwettl. 1,16 b, liber im-
pressus 7a, wigel: Clm. 17152, 5a, wehel. wihil: cod. mus. boh. Prag. 9c.
Daß mit der Glosse ein Raubvogel gemeint ist, geht hervor aus
der Version C der Salomonischen Glossen, die "alciones aues
marinos" mit distozl wigil glossiert (cod. mus. Britann. Add. 18379,
10 a). Der Ausdruck stoTßilwigil (Stößer-) bezieht sich wohl auf
den Fischadler oder die Rohrweihe. Die Salomonische Glosse
diHolzi = alchion (Clm. 22201, 8b), welche Sievers unverständlich
ist, scheint mit Rücksicht auf die ebengenannte Glosse der Version
C als diftozil zu lesen zu sein. — Ahd. iveho scheint also auf
einem alten Namen für Raubvögel zu beruhen, der in mehreren
Bildungsvarianten erhalten ist. In welcher Weise diese Namen-
Tannfalke, fulco tinnuncuhis, timrancaloi tmnunculus. Ml
sippc mit di>n anklingenden Eulennamen wihil K wigla zusammen-
hangt, ist nicht mii Bestimmtheil zu sagen, denn diese sind
wohl als •Wahrsager', 'Wahrsagerin' zu deuten (s. 8. 321). Daß
die Weihen, Eabiehte und Falken als prophezeiende Vögel gelten,
ist nicht bekannt; einige ron ihnen sollen allerdings durch ihr
Geschrei Regen verkünden.
Das ahd. Kompositum wannen-weho Turmfalke' läßl sich
an zahlreichen Variationen bis in die Neuzeit verfolgen. Im
16. Jh. erscheint das Wort als Wannaber in Ryffs üerb. AJberti
(1545) S. I 3, als Wannenwäher^ Wandwäher, Wannhoehen, Wieg-
wehen bei Gesner Hist. avium (1555) S. 53, danach Wannenwaherl
Wandicaher/Wandtmhel Wiegwehen bei Junius Nomenclator v.
J. L581 S. 53b, Wannen umher bei Golius Onomasticon v. J.
157!» Sp. 294, Wannen Wäher I Wandwäher bei Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 304, Wannenwäher in der Übersetzung der
Bücher Plinii v. J. 1651 S. 573; Wannenwäher in Spangenbergs
Ganskönig V. 83. Eine Umbildung des Xamens liegt vor im
elscäss. Manne Wächter 2 , womit auch die Nachteule bezeichnet wird.
Sonst hat er sich im Elsaß auch an die Benennung der Weihe
angelehnt: Wannen wyh, Wannenweg (zu Wei 'Weihe') im
Strassburg. Vogelb. v. J. 1554 V. 291, Wannemeier 2 (zu Wier
'Weihe*) inDunzenheim (im Kreise Straßburg). Xach Popowitsch
Versuch(1780) S. 6021 ist die Xamensform Wannenwäher sächsisch,
der Windwächel österreichisch 3 . — Daß der Vogelname wehe
auch in dieser zusammengesetzten Namensform alt ist. geht aus
synonymen Benennungen in heutigen englischen Mundarten, wind-
horer, windeuffer, wind sticke i\ windbibber und vannerhawk^ wind-
fanner*, hervor, welche — obgleich vielfach umgestaltet — den-
selben Ausgangspunkt wie der deutsche Name gehabt haben.
Gesner stellt zwei Etymologien für den Vogelnamen als möglich
hin: entweder ist der erste Teil Wanne Tutterschwinge' und
dann hat der Falke den Namen davon, daß er die Flügel gleich
1 Zu beachten ist, daß der czechische Glossator der Salomonischen
Glossen an der Stelle von utihü = eauannus (d. h. Nachteule) den Namen
postolcu Turmfalke' hat.
2 Martin-Lienhart 11, 777. 787
3 Vgl. auch Schmeller-Frommann II. 921.
4 Swainson The Folklore S. 140.
342 Turmfalke, falco tinnunculus, tinnunculus tinnunculus.
Futterschwingen ausbreitet, oder das erste Glied ist mit Wand
identisch und bezieht sich auf das Nisten des Vogels in den
Mauern der Türme. Eine sicherere Deutung ist noch nicht
gefunden ; Grimms Vermutung in der Geschichte d. d. Spr. I, 34,
daß der Turmfalke nach den Wannen benannt worden sei, die
man ihm aus mythologischen Gründen an die Häuser angehängt
habe, entbehrt einer sicheren Grundlage. Möglicherweise kann
man an got. winpjan 'worfeln' anknüpfen, denn das Hangen und
Flattern mit den Flügeln in der Luft, das dem Turmfalken eigen
ist, kann das Bild vom Worfeln hervorgerufen haben. Dann
wäre die Namensform wanne(n)-weho aus *wanßna- entstanden.
In dem mittelhochdeutschen Renner des Bambergers Hugo
von Trimberg (V. 5520. 21455) wird der Turmfalke rotelwie genannt;
auch in den Glossen ist mhd. rotelwie, mnd. rodelwige, radehvige 1
öfters bezeugt. Ein früherer Beleg dieses Falkennamens ist
erhalten in der Glosse rodelkiuino erodion in cod. Guelpherbyt.
Aug. 10. 3. 4° f. 89a (roder kiuino in cod. Berol. Ms. lat. 8° 73);
hier sind wohl zwei verschiedene Vogelnamen : rödel 'Turmfalke'
und kiuino e Zwergohreule 5 (vgl. S. 317) von dem Schreiber zu-
sammengeschrieben. Der Ausdruck rotil ist mittels des bekannten
Suffixes ila- vom Adj. rot (got. rauds) abgeleitet und nimmt Bezug
auf das rötliche Gefieder des Turmfalken ; es liegt also hier die-
selbe Bildung vor, wie im ahd. rotil(o) 'Rotkehlchen 5 . Im Ther.
Sil. (1603) S. 304 verzeichnet Schwenkfeld neben Rötehveih die
umgestaltete Form Rotelweib als schlesisch ; Popo witsch Versuch
(1780) S. 603 führt Rötteliveibel als oberschlesischen Vulgärnamen
an. Die Variante Rötelgeyer ist zuerst bei H. Sachs Regim. der
Vögel (1531) V." 219 bezeugt, darauf Rotelgeyer bei Eber und
Peucer Vocab. (1552) S. E 3b, Rödelgeyer in der Angenehmen
Land-Lust (1720)8.167, Röthel-Geyer bei Frisch Vorstellung der
Vögel (1763) I, 84. Die Namensform Rüttelwy kennt Gesner
a. a. O. (1555) S. 46 aus Sachsen. Auch Popowitsch a. a. O. be-
zeichnet Rüttelweih als sächsisch; als schlesische Dialektform
nennt er Rüttelgeyer. In Sachsen ist Rittelgeyer durch Döbel
Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 76 bezeugt. Ein modernes Zeugnis
1 S. Diefenbacli Glossar. S. 158 c und Novum glossar. S. 120 b
s. v. cristula.
Turmfalko, falco linunculus. tmnuiKulus tinnunculus. 843
aus Oberschlesien bietet Hauptmanns Versunkene Glocke (1897)
7. Autl. s. 139: "Den Rüitelfalhm hör ich Kajak rufen". Der
Zusammenhang des Vogelnamens mit dem Verbum "rütteln*, das
in der Falknersprache vorkommt and auf die Qatternde Plugart
des Turmfalken bezogen werden kann, ist offenbar ersl durch
Bekundäre Anlehnung zustandegekommen. Ursprünglich ist die
Namensform rutdwte, die zuerst in Glossaren des L5.Jhs. belegt
ist, eine Variante von rötdtote und beruht auf der schwachen
Lautstufe des A.djektivstammes na)/«/- "rof, ebenso wie ags.
rudduc "Rotkehlchen*.
Kiiit« onomatopoietische Benennuni;' des Turmfalken ist
Krechd oder Krechelek 1 in Luxemburg. Schon in der Darm-
städter Bandschrift des Summarium Heinrici findet sich das
Wort krichel am Rande geschrieben, mit dem lat. Text grac a
garrvlitate uocis] die übrigen Handschriften schreiben an dieser
Stelle ruoh d. h. Saatkrähe; vgl. luxemburg. Krek 'Elster'
S. 181. Im Sinne von 'Turmfalke' ist krichel in einem Vokabular
ex quo aus dem Jahre 1476 bezeugt, dessen Mundart als rhein-
ländisch angegeben wird (eyn rudelwihe o. eyn krichel =■ cristula-).
In Ostermanns Yocab. v. J. 1591 S. 328 wird der Name aus-
drücklich als moselfränkisch bezeichnet: "Tinnunculus, Mofel-
lanis, Ein Kriechelen I accipitris genus usw." Der Ausdruck
beruht auf der verschobenen Lautstufe des lautbildenden Stammes
krek, krik (vgl. Kriechente), während der unverschobene Guttural
in luxemburg. Krek (altmoselfränk. crecuhi) vorhanden ist (vgL
Krikente). An das deutsche Wort klingt die gleichbedeutende
frz. Benennung crecerelle (afrz. crecele\ woraus engl, kestrel (für
kesrel) entlehnt ist, an; aber der Gleichklang scheint nur zufällig
zu sein. Das Geschrei des Turmfalken beschreibt Voigt Ex-
cursionsb. S. 192 als ein helles, kicherndes gik, gik, welches
mit dem Rufe des Kleinspechtes große Ähnlichkeit hat. Es sind
diese Töne, welche dem Yogel den Namen Lachweihe (bei Schwenk-
feld a. a. 0.) verschafft haben.
Im Münsterlande wird der Turmfalke Kribbe* genannt
i Wb. d. Luxemburg. Mundart '2\ i.
2 Diefenbach Novum glossar. S. 120 b.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86.
344 Lerchenfalk, falco subbuteo.
(vgl. gleichbedeutendes frz. dial. criblette 1 ). Sonst heißt er dort,
wie die vom Mäusefang lebenden Bussarde, auch Müsehawk 2 ;
in der Schweiz ist Hennen- Vogel 3 eine gemeinsame Bezeichnung
dieser Raubvögel. Den wissenschaftlichen Ausdruck Turmfalke
(schwäb. Turntveih 4 ) führt Popowitsch (1780) S. 603 f. mit der
synonymen Benennung Kirchenfalk (S. 602) nach Halle an.
In Deutschland selten ist der mit dem Turmfalken nahe-
verwandte Rotfußfalke (falco vespertinus). Er hat im Sarntale
den Namen Zullenfalk erhalten, weil seine Nahrung hauptsächlich
aus Käfern (Zull) besteht.
Lerchenfalk, falco subbuteo.
Durch Kreuzung der edlen Falken untereinander oder mit
den unedlen Falken gewann die Falknerei Arten, welche man
Mittelfalken oder vermischte Falken nannte. Ein Bastardvogel,
der den Wanderfalken und den Hoverfalken' als Eltern hatte,
wird stainfalck genannt und "ist gleichzuhalten als der pilgrin-
falck", s. Mynsinger S. 18. Der Name kommt auch im Minne-
falkner Y. 25 vor. Gesner Hist. avium S. 74 übersetzt falco lapi-
darius des Albertus mit Steinfalck.
Eine andere Bastardart enstand durch Kreuzung des e Hover-
falken' und des e Schmirlins' ; nach Mynsinger S.18 ist der Vogel
"mitelmässig und ettlich haissent in dem pämfalcken 3 . Der
Name Baumfalke ist aber die gewöhnliche Bezeichnung des
Lerchenfalken. Einige Zeugnisse des Namens stammen bereits
aus althochdeutscher Zeit : boumfalco herodivs : cod. Selestad. f. 109b.
bom ualho: cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f. 89a. bom falco: cod. sem.
Trevir. R. III. 13, 105 a. Im 16. Jh. ist Paumfalck bei H. Sachs Regim.
der Yögel Y. 157 , Bawmfalck bei Eber und Peucer Yocab.
(1552) S. E3b, Baumfalck im Strassburg. Yogelb. v. J. 1554
Y. 284, Baumfalck und Baumfelckle bei Gesner a. a. O. S. 74 —
doch wie es scheint, nicht aus der Schweiz — bezeugt; auch
niederl. boomvalk. Den Namen hat der Falke erhalten, weil er
gerne sein Nest auf Bäumen anbringt.
1 Rolland Faune populaire II, 31.
2 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 86.
3 Staub-Tobler I, 694 — 4 Fischer II, 506.
Adler, aquila. 846
8chwenkfeld Ther. Sil. (1603) 8. 261 nennt für diesen \
die Namen Ein Stos Fälcklin I kleiner Faleke Lerch Fälcklin. In
der Angenehmen Land-Lust | L 720)8. L67 heiß! er Lerchenhächtiein
(bair. Hackt Eabicht) and (wegen der weißen Wangen) Weiß-
bäcklein. Am meisten verbreitet is1 wohl heute der Name Lerchen'
fdUce\ im Elsaß auch Lerchenstößel 1 . Der Ausdruck Stoßfalke is<
in diesem sinne selten; gewöhnlich wird er vom Eühnerhabicht
gebraucht, Stoßfelcklin bei Gesner a.a.O. auch vom Merlinfalken
Im Münsterkreise ist der Lerchenfalb als Stoaltcenfänger* bekannt
Adler, Aquilinae.
Adler, aquila.
Ahd. aro: Sg. Nora. — aro aquila: cod. SGalli 911, 37, cod.
Parisin. 7640, 126 b. cod. SGalli 913, 198 a. cod. SGalli 242, 248 a.
aro : Aldhelmi Aenigm. 261, 17 : cod. SGalli 242, 35. Notker Cantic.
Deuteronom. 11 (2 Mal), cod. Selestad. f. 110a. aro: Versus de volucr.
H. S. III, 17. Gll. Salom. al. Clm. 14689 f. 47 a. Notker W. Cantic.
Deuteronom. 1 1 (2 Mal), cod. Guelpherby tan. Aug. 10. 3. 4" f. 89 a. hera :
cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 124a. am: cod. Parisin. 12269 f. 581). —
Gen. — dren: Notker Ps. 102, 5. — Akk. — dren: Notker Ps.
103, 17. aren: Notker Wps. 103, 18. — PI. Nom. — arun: Monseer
Fragm. 19, 1. Carmen de Philomela 27: cod. Vindob. 247, 223a. arin
alies: cod. Vatican. Reg. 1701, 2b. erni: Tatian 147, 5.
Ableitung: arin f. 'Weibchen vom Adler' (mittels des fem.
mtyö-Suffixes gebildet): aro uel arin aquila: Umordn. H. S. III. 8.
— Gen. — arinne: Notker Wps. 102, 5.
Die altgermanischen Sprachen haben für den Adler einen
gemeinsamen altererbten Namen, der in zwei Varianten *aran
und *arn-u erscheint. Die erstere Grundform wird vorausgesetzt
durch ahd. aro, got. ara, anord. «/^(norweg. dial. are, schwed. dial.
a/-), während die erweiterte Namensform in ahd. mhd. am, mnd.
arn(e\ arnt, mndl. arent, ags. eam, me. em, eine, und anord. gm,
diin. 0rn, schwed. öm vorliegt; in deu heutigen englischen Dia-
lekten ist ern selten, das gewöhnliche Wort ist eagle « nie. egle) ans
frz. aigle (lat aquila > anord. poet. sglir). Die germanische Be-
nennung *ar-an, aus deren Flexionsformen der //-Stamm sekundär
hervorging (vgl. Kluge Vorgeschichte- § 222), ist urverwandt mit
akslav. nrilü, lit. erelis "Adler*, com. breton. er, cymr. eryr 'dass.*,
1 Martin-LienhartII,618. — 2 Korrespondenzbl.f.ndd. Spracht'.XV1.86.
346 Adler, aquila.
auch wohl mit griech. öpvtc Wogel 5 . Gewöhnlich wird als Grund-
bedeutung des indogermanischen Yogelnamens die weitere Be-
deutung des griechischen Wortes angesetzt; dieselbe solle auch in
westfäl. Arent 'Tauber', das herangezogen wird, erhalten sein. Dies
ist jedoch kaum richtig; der westfälische Ausdruck gehört nicht
hierher, sondern ist wahrscheinlich mit dem Personennamen
Arnold identisch, vgl. S. 210.
Im Althochdeutschen ist aro die normale Form und scheint,
soweit man aus der althochdeutschen und mittelhochdeutschen
Überlieferung schließen kann, allgemein hochdeutsch zu sein,
während am dem mitteldeutschen Gebiete eigen ist. Wie der
Beleg arin = alies Ahd. Gll. III, 463 15 aufzufassen ist, ist nicht
ganz klar; Steinmeyer liest alites und hält arin für eine Plural-
form. Ob in Ahd. Gll. III, 458 17 die Glosse Jiera als eine alte
Femininbildung zu verstehen ist, bleibt zweifelhaft, da der Schreiber
des Glossars öfters grobe Fehler macht.
Unser neuhochdeutsches Wort Adler, von welchem der
alte Name verdrängt ist, beruht auf der Zusammensetzung *adal-
aro (d. h. Adel-Aar, Edel- Aar). Das Kompositum tritt zuerst im
12. Jh. auf (adelare aquila: cod. Yindob. 804 f. 185b). Die spät-
althochdeutschen Versus de volucribus und das Summarium Hein-
richs, welches verschiedene Adlerarten aufzählt, haben in der
ursprünglichen Fassung die neue Bildung noch nicht. Erst seit
dem 13. Jh. tritt sie in den Abschriften der Versus auf: adlar
aquila (2 Hss. des 14. u. 15. Jhs.), adlär (1 Hs. des 14. Jhs.), adiler (1 Hs. d.
13. Jhs.), adler (2 Hss. des 14. u. 15. Jhs.), adell* (1 Hs. d. 14. Jhs.). Ein
Personenname Adeler ist im späten Mittelalter einmal bezeugt 1 ,
unter den älteren zusammengesetzten Personennamen, welche das
Wort aro enthalten, findet sich diese Bildung nicht 2 . Man wird
wohl kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daß die Bezeichnung
des Vogels als e der edle Aar' auf die Anschauung der gerade im
12. Jh. zur Blüte gelangenden Falknerei zurückgeht, wonach die
Jagdvögel in edle und unedle eingeteilt wurden. In der mittel-
hochdeutschen Periode gewinnt die neue Benennung immer mehr
Verbreitung neben ar(e\ das allmählich zu verschwinden beginnt;
1 Socin Namenb. S. 408.
2 Vgl. Förstemann Altd. Namenb. I 2 , 135.
Adler, aquila.
M'i
besonders als zweites Kompositionsglied m Vogelnamen wie müsar^
Uar usw. behauptel sich jedoch das alte Wort. Charakteristisch
für diese Entwicklung sind die Worte Bfynsingei : "Er (der
Sackerfalke) yssel noch gleich als vil als der groe* .\r. den
man den Adler nennef, "Sein (des HabichtB) Flügel sind
auch nach Lidmas spitziger denn an dem Adler oder an dem
andern Arn". Im 16. Jh. führt Turner Avium hist (1544) 8.B 5b
noch ein Asm n< -1 »• -m ein Adler an, Gesner Hist. avium (1555)
s. im nennt ebenfalls noch Aar, Ar, Arn, Art(türArnfy be-
merkt aber, daß in «Im- Schweiz und in den meisten Gegenden
Deutschlands Adler das üblichere Wort ist. Im 17. Jh. stirbt
das einfache Wort Aar fast aus, taucht aber wieder als poetischer
Ausdruck seit der zweiten Hälfte des 18. Jhs. auf und hat sich
mit dem in. ,1h. dauernd eingebürgert. In den hochd. Mundarten
ist Aar überall wohl untergegangen, abgesehen von dem Walliser
Dialekt, wo Aro noch heute üblich ist 1 ; doch ist zu bemerken,
daß auch die Benennung Adler seit dem Verschwinden des Vogels
in vielen Gegenden nicht mehr volkstümlich ist. Vgl. Kluge Zs. f.
d. Phil. XXIV, 3111, Jeitteles a. a. 0. XXLX, 177 ff., von Bänder
PBB. XXII, 5191 sowie Kluge Et. Wb. 6 S. 1.
In althochdeutscher Zeit wird das Wort aro auch von
kleineren Raubvögeln angewendet, aber nur in Zusammen-
setzungen (wie sparivth'i, miisari), wo das erste Glied den be-
treffenden Yogel genügend charakterisierte. Das einfache AVort
bezeichnet immer die aquila-Art. Dies ist offenbar auch die alte
Grundbedeutung gewesen, und die Erweiterung derselben in
Komposita setzt erst einen Vergleich mit dem Adler voraus,
ebenso wie z. B. der landschaftliche Ausdruck Fischadler =
Scharbe. Xachdem aber die Adler selten geworden oder gar
verschwunden waren, wurde auch der einfache Name auf andere
große Raubvögel bezogen 2 .
1 Staub-Tobler I, 385.
2 Wie aus den oben angeführten Worten Mynsingers hervorgeht,
wurde das einfache Wort Ar schon zu seiner Zeit in dem erweiterten
Sinne 'großer Raubvogel' verwendet. Zu beachten ist auch, daß von den
Handschriften des Summariuni Heinrici der Cod. Qm. 23796, 173 a 1 15. Jh.)
das lat. Lemma mütms mit ein ar übersetzt.
34-8 Steinadler, aquila fulva.
Steinadler, aquila fulva.
Im Summarium Heinrici wird eine Adlerart mit dem Namen
stocaro bezeichnet, der als e Waldadler' aufzufassen ist, vgl. Stock-
merle S. 57, Stockauf S. 258, Stockeule S. 272. Das ist die
'aquila truncalis' des Albertus Magnus, heute Stein- oder Gold-
adler genannt. Außer in dem Belege stocaro gradipes im Sum-
marium III, 17 kommt der ahd. Name noch in den Versus de
volucribus vor, wo er mit 'alietus' übersetzt ist; ferner stochar
in cod. Yindob. 804 f. 185b. Gesner Hist. avium S. 197 erwähnt
den Ausdruck Stockarn im Anschluß an Albertus. Im Elsaß ist
Stochar im Strassburg. Yogelb. v. J. 1554 V. 251 belegt, nachher
in Spangenbergs Ganskönig Y. 83 Stockahrn. Schwenkfeld Ther.
Sil. (1603) S. 188 bezeugt Stock- Ahr als schlesischen Vogelnamen,
aber mit der Bedeutung 'Hühnerhabicht'; danach wird auch
bei Klein Hist. avium prodr. (1750) S. 50 Stock-Ahr in diesem
Sinne angeführt. Hohberg Adel. Land-Leben (1687) II, 777, der die
Form Stock-Adler gebraucht, nennt zuerst den von der späteren
Ornithologie angenommenen Namen Stein- Adler. Bei Klein a. a. 0.
S. 40 wird daneben das Synonyinon Gold-Adler erwähnt, das nach
"Chrysaetus" bei Aldrovandi Ornithologia, "aquila fulva seu aurea,
the Golden Eagle" bei Willughby (1676) S. 27 gebildet ist. Es
scheint danach fraglich, ob der Ausdruck Goldadler, den Unger-
Khull Steirischer Wortsch. S. 298 verzeichnen, volkstümlich ist.
Als besondere Art unterscheidet Schwenkfeld Ther. Sil.
(1603) S. 218 von der "aquila regalis" die "aquila nigra" oder
den Schwartzen Adeler, in Schlesien Schivartzer Ahr, anderwärts
auch Hasen-Geyer I Hasen Ahr genannt. Der Ausdruck Hasen-
geyer wird auch von Eber und Peucer Yocab. (1552) S. E 2 b
von einer Adlerart gebraucht: "Yaleria id est fuluia colore nigri-
cano minima magnitudine". Da die Namen Geier und Adler in
manchen Landschaften von Weihen, Falken, Habichten und
anderen Raubvögeln gebraucht werden, so sind Ausdrücke wie
Hasengeyer usw. oft mehrdeutig. In der Schweiz wird mit den
Namen Berggir und Steingir heute der Steinadler bezeichnet; in
Steiermark teilt er mit dem Lämmergeier den Namen Gamsgeier 1 .
1 Unger-Khull 265.
Schreiadler, aquila nacvia. — Seeadler, haliafitafl albicilla.
Schroiadler, aquila naevia oder pomarina
Verhältnismäßig selten ist in Deutschland der Schreiadler.
Nach Xauniann-IIennioke V, 232 Lsl er ein mehr oder weniger
häufiger Brufr ogel in I )st- und Westpreußen, Pommern, der Mark,
Polen, Galizien, Österreich-Ungarn, Böhmen; in Schlesien, Mecklen-
burg und Schleswig-Holstein ist der Vogel seltener. Bei Schwenk-
feld, der im Ther.SiL (1603) S.219 eine Beschreibung des Schrei-
adlers gibt, heißt er Ein Rötlichter Meufe Ahr. Diesen Adlermeint
auch Gesner Hist. avium 1 1 555) S. 192, wo er \ on einem am Boden-
see vorkommenden Raubvogel spricht, der größer ist als die Weihe
und von dm dortigen Anwohnern Entenftöffel genannt wird. In
Ostermanns Vocab. (1591) S. 328 kommt neben Enietutöffer das
Synonym Ein Gelpher vor. Das Wort gehört zu mhd. <jelpfen
"schreien', so daß der Name *gelpf-ar eine genaue Parallele zu dem
modernen Namen Schreiadler ist Ein dritter gleichbedeutender
Ausdruck ist Schelladler (zu mhd. schellen 'ertönen lassen'' neben
Emi Iten- Adler bei Klein Hist. avium prodr. (1750) S. 41.
Seeadler, haliaütus albicilla.
Ahd. eringreoz: Sg. Nom. — e. ringreoz alies : cod. SGalli
299p. 33. eringrioz: Cgm. 187. erin: grioz 1 : cod. Berol. Ms. lat. 8°
73. 127b. erinfgreoz: Leviticus 11, 13: cod. Vindob. 1761. 46a, erin-
grieoz: cod. SGalli 295, 126, eringreez: cod. Stuttg. th. et phil. 218,
13c, eringreez: cod. SPauli XXV d/82, 37a, cod. SGalli 9, 275 ; eringrioz :
cod. Vindob. 2723, 18 b, cod. Vindob. 2732. 22b, Clin. 181 i". 1 I a, cod.
Gotwic.lQ3,49b,mn$rrie3: Clin. 13002, 219b, eringriet.Om. I
38a, eringriz: Clin. 22201, 238b. 611. Salomon. al. eringriez: H. S.
III. 17. XI e, erengrii ; a2. eringroz: cod. sem. Trevir. R. III. L3, L03a.
arangroz: Leviticus 11, 13 : cod. SGalli 283, 482, cod. Carolsruh. Aug.
CCXXXI, IIb, cod. Guelpherbyt. Wiss. 29, 81b, Clm. 18528, 1, 73a,
cod. mon. herein. 184, 297. eringeoz. id eligriu*: Anhang z. alten u.
neuen Testament: Leviticus 11, 13: Clm. 14747, 96b.
In den obengenannten Belegen ist der althochdeutsche
Name des Seeadlers bezeugt, dem in angelsächsischen Quellen
die Varianten earngeot, earngfat, earngeup, eamgeap, arngeus
entsprechen. Der germanische Vogelname ist ein altes Kompo-
situm, desseu erster Teil den Adlernamen *aran- : *arm- enthält.
Als selbständige Namensform ist das zweite Glied der Zusammen-
1 Rasur von ? g (Steinmcyer). — 2 eligriu ist vollständig dunkel.
350 Seeadler, haliaetus albicilla.
Setzung wohl im gleichbedeutenden anord. gjodr (norweg. gjo,
jo, fiske-gjo, schwed. fiskgjuse, fislijuse) vorhanden. Die Divergenz
der angeführten Lautformen deutet auf frühe Umgestaltung des
Namens. Wahrscheinlich hat die überlieferte althochdeutsche
Normalform eringrioT, bereits eine solche Umbildung des zweiten
Kompositionsteils erfahren, denn den angelsächsischen und alt-
nordischen Formen fehlt der dort vorkommende r-Laut und die
alten Personennamen Arimus, Aragoz, Aringaud, Arnegaus,
Arnghot 1 , welche auf dem Yogelnamen beruhen, zeigen ebenfalls
nicht das inlautende r. In BB. XIII, 117 hat Johansson den
Namen als eine Ableitung von idg. *ahju- 'Fisch 5 (griech. ixöuc
'Fisch', lit. zuvis, schwed. gös (aus aschwed. gius) 'Zander') gedeutet,
so daß der Seeadler als 'Fischer' benannt worden wäre. Doch
ist diese Deutung unwahrscheinlich, denn der Vogelname erscheint
in zwei verschiedenen Ablautsformen *geu- : *gaa-. Der aus-
lautende Labial im ags. earngeap, earngeup erklärt sich wohl aus
Anlehnung an geopan 'schlucken' (anord. gaupa 'Luchs').
Yon den ahd. Zeugnissen stimmt eringeoz in Clin. 14747
zu ags. earngeot, doch ist die reale Existenz jener Form auf
deutschem Sprachboden fraglich, da die Handschrift nicht ganz
frei von angelsächsischem Einfluß zu sein scheint. In Deutsch-
land ist der alte Yogelname in mittelhochdeutscher Zeit unter-
gegangen. Zwei unabhängige Zeugnisse aus dem 15. Jh. sind
die einzigen Spuren von dem Namen in dieser Sprachperiode.
Schmeller-Frommanns Bayer. Wb. 1, 129 belegt Erngries im Osten
Deutschlands aus dem Jahre 1484 (auch als Personennamen
Henricus Erngries). Im Westen des Sprachgebiets erscheint die
zweite Ablautsform in dem niederrheinischen Gedichte der Anna
von Köln "Sehnsucht nach dem Himmel" (Zs. f. d. Phil. XXI, 151):
"Hed ich die vlogelen eyns aren grijs ich suld so hoge vleigen
bouen int dat paradijs". Der Verfasser der anderen Version des
Gedichtes hat das Wort nicht mehr verstanden und hat es gegen
'Seraphim' ausgetauscht. Auch die ornithologische Literatur des
16. Jhs. weiß nichts mehr von dem alten Namen.
Gesner, der für den ossifragiis der Alten die klassische
Literatur ausführlich zitiert, bietet nichts Eigenes; er hat den
2 S. Förstemarm Altd. Namenb. I», 135. 139.
Fischadler, pandion haliai : lus. 351
Vogel selbst nicht gesehen. Aus erhaltenen Mitteilungen weiß
er jedoch (Hist. avium s. i!)!i) zu berichten, daß der Seeadler im
schweizerischen Gebirge Beinbrecher und Steinbrüchen heißt, ireil
er die Knochen von seiner Bente aus der Böhe fallen läßt und
sie so an den Felsen zerschmettert. Das Werl Benbrüchel kommt
schon unter den Vogelnamen des Vocabularina optimus (Ed.
Wackernagel S. 4.°,) XXXVII. !)1 iror; darauf in Bracks Vocab.
v. J. 1495 S. 49a. Es Eragt sich jedoch, ob diese Namen wirk-
lich von Hanse ans volkstümlich sind, und nicht vielmehr auf
das lat. ossifragu3 'Knochenzerbrccher'' zurückzuführen sind, das
in afrz. orfraye, ospres (engl, osprey) einen Reflex hinterlassen
hat. In diesem Fall würden die deutschen Ausdrücke ähnlich
zu beurteilen sein, wie Nachtrabe, Ziegenmelker u.a. auf klas-
sischen Einfluß weisende Vogelnamen.
Eine ausführliche Beschreibung des Seeadlers gibt Schwenk-
feld Ther. Sil. (1603) S. 220, der dafür die Ausdrücke ein Bein-
brecher I yroffer Hafen Ahr und als spezifisch schlesische Be-
nennung Skaft anführt. Da der Seeadler außer Fischen, die er
in großer Menge vertilgt, auch kleineren Säugetieren und be-
sonders den Wasservögeln eifrig nachstellt, so heißt er heute
in Preußen Gänseaar 1 , in der Altmark Gösaornd 2 , im Nord-
friesischen Gusaarn 3 . — Der Ausdruck ist bereits im 13. Jh. in
der Glosse gansar Versus de volucribus: cod. Admont. 759 (Ahd.
GM. III, 22 10 ) belegt.
Fischadler, pandion haliaetus.
Die von dem Seeadler geltenden Namen werden vielfach
auch von dem Fischadler verwendet, den Turner Avium hist.
(1544) S. B 8a unter dem Namen Visharn (bei Eber und Peucer
Yocab. (1552) S. E 3a Fischarhn) erwähnt. Gesner, der selbst
keinen Namen für den Yogel kennt, wiederholt (Hist. avium
S. 195) den von Turner gebrauchten Ausdruck Fischarn.
Im Regim. der Vögel (1531) V. 181 nennt H. Sachs den
Vogel Fischgeijer. Von den Synonyma Fisch Ahr \ Fisch Adler
Bohr Falckel Meeradler, welche Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 216
1 Frischbier I, 216. — 2 Danneil 68.
3 Johansen Nordfries. Spr. S. 3.
352 Mäusebussard, buteo vulgaris, buteo buteo.
aufzählt, bezeichnet er den erstgenannten Ausdruck als schlesisch.
In der Übersetzung der Bücher Plinii v. J. 1651 S. 497 werden
die Xamen Fisch- oder Meeradler angeführt, bei Hohberg Adel.
Land-Leben (1687) II, 777 Meer-Adler.
In Luxemburg heißt der Yogel heute Plompert oder Fösck-
plompert 1 . Der Name ist ein Schallwort (vgl. plompsen) und
charakterisiert das laute Geräusch, mit dem der Fischadler sich
in das Wasser stürzt, so daß es hoch hinaufspritzt.
Bussarde, Buteonidae.
Mäusebussard, buteo vulgaris, buteo buteo.
Ahd. müsäri: Sg. Nom. — musari larus: cod. Vatic. Reg. 1701,
2b. cod. sem. Trevir. R. III. 13, 106b. musare: Versus de volucr. H.
S. III, 17. XI a 2. b. e. g. alititius : Gll. Salomon. larus 2 ipse est gaia 3
que solet semper supersedere aquis. Larus est teutonice : Leviticus
11, 16: Clm. 2571, 36 b, cod. Erlang. 242, 37 b, müsas e 4 : Clm. 4112,
41a, musere: Clm. 7997, 36b; musare: Clm. 5515 f. 131b. mvsare:
cod. Vindob. 804, 172 b, muscere: cod. Wirziburg. Mp. th. 4° 60, 104 a.
musara: cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 124a. musaro ixon: Gll. Salomon.
al, musear 5 litic 9 : Clm. 17152, 5 c. — Akk. — mufsare larus uocatur
saxonice meü. nostri: Leviticus 11, 16: cod. Vindob. 1761, 46 b,
musare: cod. Stuttg. th. et phil. 218, 13c; musari: cod. Vindob. 2723,
18 b, cod. Vindob. 2732, 22 b, Clm. 18140, 14 a, cod. Gotwic. 103,49b,
musara: Clm. 14689, 38a, musaro: Clm. 13002, 219b, musar: Clm.
22201,238 b.
Die althochdeutsche Bildung müsäri (mhd. muscere = mnd.
müser), welcher im Angelsächsischen ein einmal bezeugtes müseri
(St. Galler Gll. in Kluges Ags. Leseb. 3 S. II) 6 entspricht, ist in
dieser Form eine Ableitung von mus 'Maus' und bezeichnet
einen vom Mäusefang lebenden Raubvogel. Nach Kluge Et.
Wb. 6 S. 370 s. v. Sperber war der Name aber ursprünglich
ein Kompositum müs-aro 'Mause- Aar*, das im Anschluß an die
mit Suffix ärja- gebildeten Worte umgebildet wurde; ebenso
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 116. 339. — 2 larum in der Vulgata.
3 Larus gabia idest genus auis CGL. V, 553, 45, vgl. Diez I 3 , 204
(Steinmeyer).
4 Der Zircumflex mit dunklerer Tinte auf Rasur, wie es scheint
(Steinmeyer).
5 oder inusear (Steinmeyer).
6 Die ags. Wörterbücher verzeichnen das Wort nicht.
Mäusebussard, buteo vulgaris, buteo buteo. 353
werden a. a. 0. auch tparwdri und kranuhdri (in <I«m- Lei Salica)
aus *sparto-aro ) *kranuh-aro gedeutet Da die genannten drei
Vbgelnamen zur Terminologie der Beize gehören and diese von
enger Wechselwirkung der Germanen and Romanen zeug!
darf man vielleicht annehmen, daß der Anstoß zur Umbildung
der auf -aro ausgehenden Falken- and Babichtnamen speziell von
den romanischen Bezeichnungen der Jagd vöge] auf -arius (fer) aus-
gegangen ist, v.m denen mutarius and lanarius auch ins Deutsche
übernommen u orden.
In den Bibelglossen wird ahd. müsäri als Synonymon zu
ags. meu 'Möwe' genannt und mit larus "Möwe J glossiert; auch
die Erklärung des lat Wortes "quo solet semper supersedere
aquis" deutet auf die MLÖwe. Doch ist es sehr fraglich, ob der
Übersetzer mit »ins<(ri die Möwe meinte. Ihm, dem Süddeutschen,
war dieser Vogel vielleicht nicht bekannt, und so wird er wohl
zum Namen des Bussards gegriffen haben. Denn diese Bedeu-
tung steht für ahd. müsäri fest, wie man aus dem Platze des
Wortes unter Falken- und Habichtnamen im Summarium und
den Glossierungen mit alititius (d. h. alietus) und ixon ersehen
kann. Mvnsinger nennt (S. 12. 16) alle unedlen Falken, zu denen
er außer den Bussarden auch den Turmfalken zahlt, meüser.
Die althochdeutsche Bildung (im 16. Jh. im Strassburg. Yogelb.
V. 250 Mufer) ist heute in vielen Gegenden erhalten geblieben,
vgL steir. Mauser 1 m. 'Mäusebussard, Turmfalke 9 , anhält. Mauser 1
'Mäusebussard', Schweiz. Stockmüser* 'Mäusebussard 9 . Als Kom-
positum Meuß Ahr kommt der Name bei Schwenkfeld Ther. Sil.
(1603) S. IST vor; preuß. Mause-Falck bei Klein Hist. avium
prodr. (1750) S. 50, Mause-Geyer bei Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746)
S. 75, Mausgeierl 4 n. in Steiermark. Im Mittelniederdeutschen
ist musebiter = larus einmal belegt; in Westfalen Miisekibbese,
Müsebickeler b . Ähnliche Ausdrücke sind in den verwandten
Sprachen ags. miishafoc, fries. müzebiter 6 , dän. mua(e)vaag
her in der Literatur übliche Name Bussard stammt aus
dem Französischen, wo ihm die afrz. Namensform busari zu-
1 Unger-Khull 455. — 2 Naumann-Hennicke V. 180.
3 Staub-Tobler IV, 481. — 4 Unger-Khull 455. — 5 Woes
6 Dijkstra Wb. IL 183.
Suolaht i, Vogeluamen. '-''
354 Mäusebussard, buteo vulgaris, buteo buteo.
gründe liegt. Turner Avium hist. (1544) S. B la belegt Busharda
nur als englisches Wort. Als deutsches Wort wird Bushard
zuerst von Gesner Hist. avium (1555) S. 46 angeführt, darauf
im Elsaß Bußhard bei Golius Onomasticon (1579) S. 290, Büß-
hart in Spangenbergs Ganskönig V. 81, heute Bussert 1 in Hoch-
felden; ndl. buizerd ist zuerst bei Junius Nomenciator (1581)
S. 53 a als busart, buysard belegt. Eine Umdeutung dieser Namens-
form im Anschluß an Aar (ndd. Arn) ist schon in der Glosse
Busahm bei Eber und Peucer Vocab. (1552) S. E 3 a bezeugt,
darnach Busarhn bei Gesner a. a. 0., Bus-Ahr (neben Bushard)
bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 187. — Auf eine altfran-
zösische Variante buson geht die Form büsant zurück, welche
Lexers Mhd. Wb. I, 399 aus den von v. d. Hagen herausgegebenen
Gesamtabenteuern belegt. Im 16. Jh. begegnet diese Lautform
im Elsaß zunächst als Bussant in dem Narrenschiff des Geiler
von Keisersberg v. J. 1520 l , darauf Busandt (: landt) im Strass-
burg. Yogelb. v. J. 1554 V. 258, heute Busam 1 in Achenheim. Da-
raus umgestaltet ist Bushen (neben Busant) bei Gesner a. a. 0. Eine
dritte Variante ist das von Gesner genannte Buse {== afrz. buse).
Eine eigentümliche Bezeichnung des Bussards führt Alber-
tus Magnus De animalibus S. U 7 b an: "Buteus uocatur auis rapax
subnigra quam germanice brobuxen vocamus **; danach bei
Ryff Tierb. Alberti (1545) S. I 6: "Buteus — inn Teutfcher fprach
ein Brobuxen genannt". Bei Gesner a. a. 0. S. 46 wird Brobuxen
unter Berufung auf Albertus und Murmellius als niederdeutsches
Wort erwähnt. Der Name Brobuxe, dessen Akkusativform bei
Albertus bezeugt und von den späteren Autoren mechanisch
wiederholt worden ist, enthält als zweites Kompositionsglied
ndd. Buxe aus Buk-hose 'Hose, Schifferhose', welches hier (bei
Albertus) zum ersten Mal bezeugt ist. Der Mäusebussard ist
also nach den breiten Hosen benannt, welche die Oberschenkel
bedecken. Bei Klein Hist. avium prodr. (1750) S. 51 wird wieder
der Milan als "caligatus quasi piscator, mit Schipper- Fischer-
Hosen" beschrieben. Der erste Teil des zusammengesetzten Vogel-
namens kann als mnd. brök 'Bekleidung der Oberschenkel' auf-
gefaßt werden, so daß ein tautologisches Kompositum *bröch-
1 Martin-Lienhart II, 104 f.
Mäusebussard, butoo vulgaris, buteo buteo. 866
biue zugrunde Liegen würde. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß
wir es hier mit mml. brdk, mhd bruoeh "Moor, 8mnpf zu
tun haben; oüttelfränk. brobuM steht VXsbfdehbuxe gleichwie elsäss.
Brofogel für Brachvogel. In Luxemburg heißl der Bussard heut-
zutage Brokeiz 1 ) in Preußen Brüchhabicht) Brüchhafho*] rgLauch
westtal. liräkmyge Vin Weihe, der durch Bein Geschrei B
verkündet* 8 .
Dievon Schwenkfeld unter **buteo M angeführten Bchlesischen
Bezeichnungen Fischknecht I Fisch Ahr (daneben Rohr Ahr) sind
offenbar Namen der Rohrweihe, denn die Bussarde nähren sich
nicht von Fischen. Dagegen ist der Ausdruck Froschgei/er in
der Angenehmen Land-Lust (1720) S. 167 für diese Vögel cha-
rakteristisch. — Eine gemeinsame Benennung für alle Bussard-
arten ist im Münsterlande Oellrick, Ollrick* (d. h. Ulrich). Rolland
Faune populaire IT, 16 bringt den Namen mit der mythologischen
Frau Holle in Zusammenhang, hält aber auch onomatopoietischen
Ursprung für möglich. Man muß sich hier wohl nur mit der
Tatsache begnügen, daß Vögel überhaupt oft mit Personennamen
benannt werden. Der Grund zu dieser Namengebung ist nur
in wenigen Fällen genauer zu ermitteln.
Unter Falkennamen findet sich in dem althochdeutschen
Vogelnamenglossar der Pariser Handschrift 9344 f. 42b die
Glosse doni clin = frodium, welche in der Berliner Handschrift
Ms. lat. 8° 73, L24a donieliri = erodium lautet. Da der Beleg
jeder Stütze in der althochdeutschen und mittelhochdeutschen
Überlieferung entbehrt ist ein Versuch, das schwielige Wort zu
deuten, sehr mißlich. Vielleicht ist die Namensform als Deminu-
tivuni von einem Vogelnamen abgeleitet, der mit dem /r-Suffix
(wie in habuh usw.) gebildet ist. Im Stamme könnte der Farben-
name stecken, der im ags. dunin), me. don, ne. dun 'dunkelbraun,
schwarzbraun' vorliegt und der auch zur Bildung von anderen
ilnamen gedient hat, vgl. anord. dunna 'anas boschas', me.
donek 'accentor modularis 9 (ne. dunnock) usw. Die Benennung
bezieht sich wohl auf eine kleine Falken- oder Bussardart, im
letzteren Falle auf den Wespenbussard (pernis apivorus); im engl.
1 Wb. d. Luxemburg. Mundart 47. — 2 Frischbier I, 111.
3 Woeste 39. — 4 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI. 88.
23*
356 Weihe, milvus und circus.
puttock 'Bussard' liegt ebenfalls eine Ableitung mittels des k-
Suffixes vor. Vgl. Zs. f. d. Wf. IX, 174.
In der Falknersprache nannte man die unedlen Bussarde
lauer. Der Name, der aus dem französischen lanier entlehnt
ist, wird zuerst von Albertus Magnus De animalibus S. X 4a
erwähnt : "Lanarij potius quam falcones uocant et hoc uocabulum
quidam germanicorum imitantes eo suo ydyomate lanete (1. lauere)
uocant" ; bei Mynsinger lauer. Der einheimische Ausdruck sweimer
oder sivemer (d. h. 'Schweber', wegen des schwebenden Fluges)
kommt ebenfalls bei Albertus a.a.O. vor: "Quidam autem fvvemere
uocare confueuerunt et funt butherii quidam mures in campis
insequentes" ; in Ryffs Tierb. Alberti (1545) Schweijmer und
Schimmer. Das Wort begegnet auch in der umgestalteten Form
Schwimmer.
Der häufigste aller Bussardarten ist in Deutschland der
Mäusebussard, der mit dem obengenannten Namen meistens
gemeint ist. Nur im Winter erscheint in Süddeutschland der
Rauhiußbussard (archibuteo lagopus, buteo lagopus) und wird
daher in Steiermark Schneegeier 1 genannt.
Weihe, milvus und circus.
Ahd. wio: Sg. Nom. — uuiio miluus: cod. SGalli 913, 200b.
der uuio: Notker Ps. 62, 8. uuio: cod. Parisin. 12269 f. 58 b. cod.
Guelpherbytan. Aug. 10. 3. 4° f. 89 a. ivio : Carmen de Philomela 24 :
cod. Vindob. 247, 223 a. Versus de volucr. H. S. III, 17. cod. Selestad.
f. 109b. GH. Salomon. al: Clm. 22201, 102c. wigo (Gallina congregat
pullos) . . . protegit contra miluum : Evang. Matthäi 23, 37 : cod. Mogunt.
non sign. 50 b. passerarius : cod. Parisin. 9344 f. 42 b. wigio : Versus
de volucr. uuiuuo: cod. SGalli 242, 248 a. wiivo: Clm. 14689 f. 47 a.
vviwo: H. S. III, 17: Clm. 2612, 34b, wiwe: cod. Vindob. 2400, 41b.
vuiho: cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 124a. wiho asida: Gll. Salomon. al.
tvihe: Versus de volucr., wie: Versus de volucr. cod. Vindob. 804 f.
185b. wige: Gll. Salomon. al.
Der Name Weihe, der auf ahd. wio, mhd. wie = mnd. wie,
mndl. wouwe (nach Franck Et.Wb. S. 1183 aus älterem wuwe aus alt-
niederl. *wiwöu) beruht, findet weder im Englischen, noch in den
nordischen Dialekten Entsprechung. Diese Sprachen haben für die
1 Unger-Khull 552.
\\< ihe, iml viis und circus. 867
Weih» 1 eine gemeinsame Bezeichnung in vaoTfLgleöa [d&iL gkede)
ags. glida (engl. glede\ welche zum Verbum <//!f)<tn 'gleiten'
gehören, über diese und verwandte Namensformen irgL Bellquist
Etymologische Bemerkungen 8. III. — Den deutschen tarnen
*%ct-an verbindet Bellquist a. a. 0. 8. 1 mit dem Worte Qeumh und
führt ihn auf idg. irei-o 'aus zwei bestehend, Zweig* ZUrfick, wo-
nach der Vogel nach dem gespaltenen Schwänze benannt worden
ist. Persson Wurzelerweiterung s.u. 1 1 1. 233 gehl von av. >■/-
'eilen, fliegen' aus, Kluge BtWb. 6 S. ll^ denkt an einen stamm
*vf- 'jagen*.
In semasiologischer Hinsicht ist Bellquists Deutung an-
sprechend; die charakteristische Schwanzspalte der Königsweihe
hat ihr auch in modernen Mundarten manchen Namen verschafft,
\L:\.m\(\.Twelstert l im Münsterkreise und in der Grafschaft Ranzau,
TtcSlstSrttoih* in Lübeck, Splanthaowk 2 (zu Splant 'Spalte') in
Altmark, hochcL Furkeli, Furkeligh; Gabeliurt* in der Schweiz,
Gabel wei* im Elsaß. Der Ausdruck Gabler kommt in Zorns
Petino-Theologie (1743) II, 243 vor, das Synonymon Sehwufben-
scluranz (holländ. zwaluwstaart) ist belebt bei Döbel Er« »ff n. Jägerpr.
(1746)8.75, Popowitsch Versuch (1780) S.527; bei Adelung
wird daneben Scherschivanz angeführt, Scheersrhwdnsel bei Klein
Hist. avium prodr. (1750) S. 51.
Sowohl auf hochdeutschem Gebiet wie in Niederdeutsch-
land ist altd. \mo als allgemeine Bezeichnung für Milane und
Weihen erhalten geblieben; oft wird der Name ahm- auch von
Habichten und Bussarden gebraucht Die heute m oberdeutschen
Mundarten vorkommende Namensform 117er 4 , Weder, Weiher \
welche schon im 14. Jh. in einer Handschrift der Versus als
tveir erscheint und im 16. Jh. bei Eber und Peucer Vocab.
(1552) S. F3a als Weiher, im Vocab. triling. (1560) S. 88 als
Weyer bezeugt ist, ist aus einer Zusammensetzung Weih-ar
(d.h. Weihenadler) zu deuten. Eine umgekehrte Kompositions-
bildung ist arfueei in Handschriften der Versus de volucribus
aus dem Lö.Jh. (Ahd. (Hl. III, 25 11 ' 18 ), Arwei, Ahrwei bei Heuisch
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83. 86. XVII. li
2 Danneil 204. — 3 Staub-Tobler I. 1013.
4 Martin-Lienhart II, 777. — 5 Schmeller-Frommann II, 825.
358 Weihe, milvus und circus.
Teutsche Sprach (1616) Sp.126; daraus wohl Härweih, Härrweih
in Hessen-Nassau, Haiveih l hie und da auf dem Westerwald.
Unklar ist Curwij in Döbels Eröffn. Jägerpr. (1746), Kurwy bei
Naumann (Ed. Hennicke) V, 134 als Anhalter Ausdruck bezeugt.
Adelungs Erklärung (III, 500), wonach der Name aus dem kir-
renden Geschrei des Yogels herzuleiten sei, ist nicht richtig ; eher
kann man an den niederdeutschen Jägerterminus kuren'dem Wilde
auflauern* (sonst in der Bedeutung 'spähend schauen') denken.
Da die Weihen den Hühnern arg nachstellen, so haben
sie in vielen Gegenden danach den Namen erhalten. Zu Gesners
Zeit (vgl. Hist. avium S. 586) war der landläufige Ausdruck für
Weihen in der Schweiz Hünerdieb, auch bei Golius Onomasticon
v. J. 1579 Sp. 293 Hünerdieb, heute im Elsaß Hüehnerweih 2
und Wiherdieb-. Bei Aitinger Bericht v. d. Vogelstellen (1631)
S. A 8 heißt der Vogel Keuehleindieb = ndl. Kieckendief bei Junius
Nomenciator (1581) S.58b, ndd. Kükewih*, Kükeiviw 3 in Lübeck,
Kikeui* in Holstein. Der Ausdruck hüenerar erscheint bereits bei
Konrad von Megenberg (Ed. Pfeiffer) S. 193, 8, im 16. Jh. Hunerarh
bei Agricola De animantibus subterraneis (1549) S. 3 a, Hünerahr
in Sibers Gemma v. J. 1579 S. 42 und Hüner AhrlEaw Ahrl
Hünerdieb als schlesische Namen bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603)
S. 303. Im Nordfriesischen kommt der Name Hanjüghar* vor.
— Wie Huwei' in der Eifeler Mundart und Huhiveh 6 in Mecklen-
burg zu beurteilen sind, ist nicht ganz sicher; Hidewyh 1 in
Anhalt ist als 'Gänseweihe' (vgl. sächs. Hule e Gans') zu verstehen
und hat eine Parallele in preuß. Gesselhabicht 8 (zu Gessel 'Gäns-
chen'). — Wie die Bussarde, so heißen auch Weihen — bei
Schwenkfeld a. a. 0. S. 303 f. die beiden Milane — wegen des
gleitenden Fluges Schweimer; auch den Namen Mauser teilen
sie mit den Bussarden. Der schlesische Name Grimmer, der
bei Schwenkfeld a. a. 0. als Bezeichnung der Königsweihe an-
geführt wird, ist als *grim-ar (zu mhd. grimmen 'die Klauen
zum Fangen krümmen', vgl. mhd. Jcrimvogel) zu verstehen.
1 Kehrein 189. — 2 Martin-Lienhart II, 777.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83. XVII, 4.
4 Johansen Nordfries. Spr. S. 140. — 5 Frommann D. Mundarten VI, 15.
6 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84.
7 Naumann-Hennicke V, 134. — 8 Frischbier I, 231.
Habicht, astur palambariot. B69
Die heutige Wissenschaft unterscheide! die beiden milvus-
Aiim (milvus regalis und milvus migrans) als Milane von den
oircus-Arten oder den Weihen^ welche sie mil den Eabichten
unter einer Gruppe vereinigt Der Name Milan, der ans dem
gleichbedeutenden Erz, müan entlehnt ist, tritt erst im l s . Jh.
auf als Maskulinum der Milan in Zorns Petino-Theologie
(1743) IL 243, als Femininum die Mtilane bei Döbel Eröffn.
Jfigerpr. (1746). Nach Adelung, der (EI, 500) das Wort sowohl
in der maskulinen als der femininen Form bucht, wurden die
Milane zur Jagd abgerichtet, und am kaiserlichen Bofe in Wien
gab es eine Milanparthei, Milanknechte und Milanjungen.
Von den älteren Ornithologen nennt Gesner anter dem
Namen milvus nicht nur die beiden Milane, von denen der rote
(llist. avium S. 585) den Namen liötehnj führt sondern auch die
Rohrweihe (circus aeruginosus), welche er S. 192 schildert. Nach
Gesner wird dieser Vogel in der Schweiz Masswy (im Register
Mosswy geschrieben) oder Masshuw, anderwärts Fischer genannt.
Die zwei erstgenannten Namen sind mehrdeutig: Masshuw (d. h.
Mooruhu) ist eigentlich der Name einer Eulenart, Masswy (d.h.
Moorweihe) wird auch von Bussarden gebraucht. Der Ausdruck
Fischer beruht vielleicht auf einem Kompositum Fisrh-Ahr, das
bei Klein Hist. avium prodr. (1750) S. 44 als Name der Rohr-
weihe (daneben auch Braun Geyer) erwähnt wird. Schwenkfeld
Ther. SiL (1603) S. 261 behandelt den Vogel als eine Falkenart
und gibt als schlesische Benennung Rohr Falch an.
Den Namen Entenftöffel schreibt Gesner sowohl dem Schrei-
adler als der Rohrweihe zu; In der Obersetzung der Bücher
Plinii (1(351) S. 497 Entenstösser, S. 196 Enten Adler, auch bei
Hohberg Adel. Land-Leben (1687) II. 777 Endten-Adler. — Der
Ausdruck Rohrweihe gilt in der Anhalter Mundart, s. Naumann-
Hennicke V, 267.
Habichte, Accipitrinae.
Habicht, astur palumbarius.
Ahd. habuh: Sg. Nom. — hapuh accipiter: cod. SGalli 913.
198a. habuh: cod. SGalli 242, 248a. habuck, cod. Parisin. 12S
58b. cod. Selestad. f. 109b. hapueh: Clin. 1 V741 63a ha i apus :
Gll. Abactor: Clin. 1U29. 222 b. hnuuk: cod. sein. Trevir. I. 112 b.
360 Habicht, astur palumbarius.
hauohc : cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f. 89 a, hauog : cod. Berol.
Ms. lat. 8° 73, 124a, hauok: cod. Parisin. 9344 f. 42b. hauoh accipitres :
Carmen de Philomela 24: cod. Vindob. 247, 223 a, haboh: cod. mus.
Britann. Add. 16894, 245 a. hapoh: Job 39, 26 l : Clm. 6225, 36 b.
habich: Versus de volucr. habech: H. S. III, 17. XI a 2. Versus de
volucr. Clm. 14689 f. 47a. cod. Vindob. 804 f. 185b. — Dat. — (uöre
demo) hdbeche: Williram 43, 14. — Akk. — habuch: Leviticus 11,
16: cod. Gotwic. 103, 49 b, hapoh: cod. Vindob. 2723, 18b, cod. Vindob.
2732, 22b, Clm. 18140, 14a, habich: Clm. 13002, 219b; cod. Stuttg.
th. etphil. fol. 218, 13 c.
Ableitungen und Komposita. — habuhhesswam (Pflan-
zenname): habechesswum agaricum : cod. Vindob. 10, 336 a. habcsamo:
cod. Vindob. 2532, 136 b.
Der Habichtnanie ist gemeingermanisch. Es entsprechen
dem ahd. habuh, mhd. habech : asächs. habuk- (in Ortsnamen Habuc-
horst, Habocas-broc\ mnd. havec, mndl. nndl. havik, ags. hafoc : hea-
foc, me. hauk, ne. hawk und anord. haukr (aus *hobukr\ dän. h#g,
schwed. hök. — Im urgerman. Viabuk-a- ist k ableitend, wie in
kranuh (s. S. 291), und der Stamm *hab- (in got. hafjan usw.) ist
urverwandt mit lat. capto "nehmen, greifen', so daß der Habicht
eigentlich der 'Greifer' ist. Ebenso ist mittellat. capus 'Habicht*
eine Ableitung von capio. Es liegt kein Grund vor, diese alte
Etymologie zugunsten einer neuen von Uhlenbeck PBB. XXII,
540 vorgetragenen aufzugeben, wonach der german. Vogelname
auf einem idg. *kapa-ghna 'Rebhuhnfänger' beruhen würde. —
Cymr. hebauc (air. sebac e Falke s ) ist nach Thurneysen Keltoroma-
nisches S. 22 ff. mit dem germanischen Worte nicht urverwandt,
sondern stammt aus dem Angelsächsischen. Auch russ. kobezü
(eine Falkenart) wird wohl mit Recht als ein germanisches Lehn-
wort betrachtet.
Die schriftsprachliche Lautform Habicht (wegen des sekun-
dären Auslaute vgl. Paul Mhd. Gramm. 5 § 36 Anm. 7) tritt seit
der Mitte des 15. Jhs. auf 2 . Daneben besteht die alte Form ohne
den sekundären £-Laut fort und in den heutigen Mundarten ist
sie sehr weit verbreitet.
1 haefuc accipitres: Job 39, 13: cod. Lugdun. 69 f. 26b, hyefa
accipitris : cod. Bernens. 258 f. 16 a stammen aus einer angelsächsischen
Vorlage.
2 Vgl. Diefenbach Glossar. S. 7 s. v. accipiter.
Habicht, astur palumbarius 961
Wie die Weihe and andere verwandte Raubvögel, jo ist
auch der Babichl dem Hausgeflügel des Landmannee «'in gefähr-
licher Feind, und in vielen Gegenden nennl man Ihn daher mit
Namen, welche darauf Bezug nehmen, vgi Stößel, Stoßvogel, Stoß-
fdlk, Hüenerräüber, Hüenervogel im Elsaß 1 , Stoßvogel, Hühner-
fresser, Hühnerstößer in Hessen 2 . Hengerdeif (d. h. Hühnerdieb),
Veideier (d. h. Viehtier) 8 in Luxemburg 4 , Hennengtr, HennenrabU,
Hüenergtr, Tüoengtr in der Schweiz 5 , Stoßgeier in Steiermark,
Stößer, geflügelter Teufel* in Sachsen, Stößer, Stießer, Hühner-
geier 1 in Schlesien. Taubenstessl in Obßrösterreich 6 , Düwenstöceter
in Göttingen und Grubenhagen 8 , Höhnerhawk 9 in Lübeck, HÖhner-
hawk, Duwenhawk 9 im Münsterkreise, dose- Aar 9 in Hamburg.
Viele v^on diesen Namen teilt clor Hühnerhabicht mit verwandten
Raubvögeln, besonders mit dem Sperber (s. unten). Einige der-
selben sind bereits in der älteren Literatur zu belegen, so z.B. der
Ausdruck stozvalch, der einmal im 14. Jh. in den Versus de voluc-
ribus (Ahd. G11.IV, 354* 8 ) vorkommt, dann im 16. Jh. Stofffalck
und Stoffer im Strassburg. Vogelb. V. 259. 234 und Stosfalck bei
Eber und Peucer Vocab. (1552) S. E 3b, wo es als Synonymen
mit gyrofalco angeführt wird. Der Habicht wird hier mit dem
Namen Tauhenfalck erwähnt; Golius Onomasticon (1579) Sp. 289
hat sowohl Stoßfalck wie Tauhenfalck.
Als schlesische Bezeichnung des Hühnerhabichts führt
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 188 Stock Ähr an, in der An-
genehmen Land-Lust v. J. 1720 S. 167 wird der Vogel der grosse
Stockhabicht genannt, vgl. S. 348.
In der Falknersprache hieß das Mannchen des Habichts —
das kleiner als das Weibchen ist — terze oder terzil nach dem
mittellat. tertiolus, vgl. S. 332. Der echt deutsche Ausdruck war
1 Martin-Lienhart I, 100. 101. 114. II, 218. 618.
2 Kehrein 204 und Vilmar 138.
3 Bei Mynsinger: der Ar der da vich vaucht.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 176. 455.
5 Staub-Tobler II. 406. V. 13.
6 Zs. f. d. Phil. XXI, 207.
7 Mitteilungen der schles. Gesellschaft f. Volkskunde Heft XIX, S. 86.
8 Schambach 53.
9 Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht. XVI, 83. 85. XVII, 3.
362 Sperber, astur nisus, accipiter nisus.
mhd. habichlin, vgl. Mynsinger S. 2: "vnd ich will kain vnder-
schaide vnder dem grossen habich vnd dem klainen, den sie
Tritzlin haissen, vnd wie wir das häbichlin nennen, vnd setzen,
das der gross ist: Sy, Als vnder allen widerm vederspil,
vnd der clainer ist : Er." In einer Version des Märchens vom
Zaunkönig aus dem 15. Jh. (Erlösung herausg. von Bartsch
S. XLIV) wird neben habich auch hebichel genannt; vgl. steir.
Habachel 1 m.
Sperber, astur nisus, accipiter nisus.
Ahd. sparwäri: sparvvari sir: Clm. 14689 f. 47a. sparauuari
sir i spar: cod. Vatican. Reg. 1701, 2b. erodion: cod. sein. Trevir.
R. III. 13, 105b. spariuuari nisus: Vergilius Georg. I, 404: cod. Berol.
Ms. lat. 4° 215, 27 b. nisus : Clm. 14689 f. 47a. sparwar e nisus : Clm.
17154 f. 164a. nisus: Versus de volucr. nisus: H. S. III, 17. spareuuere:
nisus: Vergil. G. I, 404: cod. Parisin. 9344, 14b. spenvere nisus: cod.
Vindob. 804 f. 185 b.
Im Gegensatz zum Angelsächsischen und Altnordischen, die
den Sperber als 'Habicht' benennen (vgl. ags. spearhafoc, anord.
spprrhaukr), verwendet das Althochdeutsche eine Bildung spar-
wäri (mhd. spencare = mnd. sparwer, sperwer, mndl. sperware),
welche auf der Zusammensetzung *sparw-aro 'Sperlings- Aar'
beruht. Die Umbildung des zweiten Kompositionsgliedes im An-
schluß an die Bildungen auf -äri ist wohl zunächst durch die
romanischen Falkennamen, welche auf -arius (ier) enden, veran-
laßt, vgl. müsäri S. 352. Aus dem deutschen Worte, das schon
in der Lex Salica als speruarius bezeugt ist, stammen die ent-
sprechenden Benennungen der romanischen Sprachen, ital. spara-
viere, sparviere, afrz. espervier (frz. Spervier).
In der Falknerei war der Sperber als Jagdvogel besonders
geschätzt und als solcher spielt er in der Literatur der Ritter-
zeit eine hervorragende Rolle. Den männlichen Sperber nannte
man mit dem Namen sprinze, welcher zuerst im 12. Jh. in cod.
Vindob. 804 f. 185 b bezeugt ist. Das Wort ist bereits von Schwenk-
feld Ther. Sil. (1603) S. 190 aus der gesprenkelten Farbe des Vogels
erklärt worden und ist danach verwandt mit mhd. sprenzen e in
1 Unger-Khull 316.
Sperber, attm nisus, accipitei nisus. 863
verschiedenen Farben Btrahlen', springe 'Lanzensplitter*, sprinzeUn
"kleiner Eautflecken' usw. Ebenso isl auch der entsprechende
französische Name mowcte* (mittellat mutatus) als "der mit Mücken
(mauehe aus musca) d.h. Blecken gezeichnete' aufzufassen vgl. Diez
BtWb.8.v.moschetto und Baisl Zs. t frz. Spr. u. Lit. Km, 2, L88.
In den heutigen Wörterbüchern vrird mhd.«prin^ vielfach als
Femininum angegeben. Offenbar haben die häufig gebrauchten
Deminutivformen die Vermutung veranlaßt, daß der Name das
Weibchen bezeichne. Aber beim Sperber ist der männliche V
wie überhaupt bei Raubvögeln, bedeutend kleiner als der weib-
liche, und die Deminutiva sind daher gerade als Bezeichnungen
des Männchens am Platze. Bereits Albertus Magnus und nach
ihm Mynainger stellen dieses Verhältnis richtig dar. So heißt
es z. B. bei Mynsinger: "Desselben gleichen will ich kain andern
vnderschaid setzen vnder dem grossen Sperber vnd vnder dem
clainen, den sie Mustet haissen vnd wie die Sprintzen haissen,
dann das der gross ist: Sv, vnd der clainer ist: Er". In dem
von Wackernagel edierten Schwabenspiegel (S. 262) 279, 6 ent-
spricht die in den Text aufgenommene feminine Akk.-Form eine
sprinzen nicht dem Original, denn die älteste Hs. (13. Jh.) und
zwei jüngere Hss. des 15. Jhs. schreiben eitlen. Die Verdrehung
des richtigen Sachverhältnisses findet man schon in alten Glos-
saren. So erklärt ein niederdeutscher Glossator (Diefenbaci
viini glossar. S. 264b): "nisus sperwer vnd is de he, vnd de
see het sprenseke". Möglicherweise war der Ausdruck sprinze )
sprinseke, welcher — wie aus der hochd. Lautform zu ersehen
ist — im Niederdeutschen von Hause aus nicht heimisch war,
dem Schreiber nicht geläufig. Doch sind auch Ornithologen wie
Schwenkfeld von dem Irrtum befangen, daß der weibliche Sperber
kleiner ist als der mannliche. Neuerdings hat Baist diesen Irr-
tum wiederholt berichtigt — In der ornithologischen Literatur
begegnet man öfters dem Ausdruck Sprinzc und seinen \ arianten.
Gesner (Hist. avium S. 51) nennt die Formen Sprint:, Sprintzd^
Sprintzle, Sprint :lin</. Schwenkt cid a. a. 0. Sprint:. Sprintzd,
Sjn'intziing. die Angenehme Land-Lust (1720) S. L68 das Sprinz-
leitu Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 76: Vom Sprentzgen oder
Schmer!. In den lebenden Mundarten dürfte der Jagdausdruck
364 Bartgeier, gypaetus barbatus.
jedoch nicht geläufig sein 1 ; hier wird Sperber als Gattungsname ohne
Rücksicht auf das Geschlecht verwendet. Dieser Name ist sowohl
in Niederdeutschland wie auf hochdeutschem Gebiet üblich.
Andere Bezeichnungen für den Vogel sind Spuervull (d. h.
Sperlingsvogel), Stoussvull oder Dauwesteisser 2 in Luxemburg,
Tübenstössel* im Elsaß, Sperlingstößer, Stiesser, Waldgeier i in
Sachsen, Vogelstessl, Kleiner Geier, Falkel, Vogelhabicht, Lang-
schwanz 4 ' in Oberösterreich, Stößer, Vogelstößel, Taubenstößer 5 ,
Spatzengeier 4 in Steiermark, Spitzhabch 6 in Hessen-Nassau, Vugel-
haivW im Münsterkreise, Kleine Stöthäk 1 in Recklinghausen, Stot-
haivk 1 in Lübeck. In der Angenehmen Land-Lust (1720) S.128
wird der Sperber Taubenhabicht genannt.
Geier, Yulturidae.
Bartgeier, gypaetus barbatus.
Ahd. gir : Sg. Nom. — giir uultur: cod. Cheltenham. 18908 f. la.
gir : Leviticus 11, 14 : cod. Carolsruh. Aug. IG f. 101 a, cod. Oxon. Jun.
25 f. 107 b. gkr (vbicumque fuerit corpus) Naturale ponit exemplum
quod cottidie cernimus. Aquile et uultures : Evang. Matth. 24, 28: cod.
Moguntin. non sign. 51b. Jcir uulturum: Prudent. P. Rom. 807: cod.
SGalli 136, 139. Jcir: Leviticus 11, 14: cod. SGalli295, 126; gir: Clm.
18140, 14 a. Alcuini gramm. p. 516: cod. Fuld. Aa 2, 33 b. H. S. III,
17. XI a 2. Versus de volucr. Clm. 14689 f. 47b. Rotul. com. de Mülinen
Bern. cod. Vindob. 804 f. 185b. cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 123b, giro:
cod. Parisin. 9344 f. 42b, gis: cod. sem. Trevir. f. 112b, gir: cod.
Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f. 89 a. Notker de cons. phil. 3, 122 (2 Mal).
cod. Selestad. 109b. cod. Vindob. 804, 174a. giger: H. S. III, 17: cod.
Vindob. 2400, 41a. giger: Versus de volucr.: Clm. 19488, 121a. —
Akk . _ Ur\ Leviticus 11, 14: Clm. 14747, 96b. — PI. Gen. —
deregiro : Prudent. P. Rom. 807 : cod. Kilian. K. B. 145, 92 a.
Bereits in den allerältesten althochdeutschen Glossaren
begegnet gir (mhd. ^r = mnd. gire, mndl. nndl. gier) als Be-
zeichnung des größten und gefürchteten Raubvogels; über die
1 Branky Zs. f. d. Phil. XXI, 207 gibt der Sprinz, die Sprinze aus
Niederösterreich an, Unger-Khull S. 528 die Sprintze aus Steiermark; die
Namensformen sind wohl aus literarischen Quellen entnommen.
2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 56. 418. 428.
3 Martin-Lienhart II, 618. — 4 Zs. f. d. Phil. XXI, 207.
5 Unger-Khull 144. 245. 581. — 6 Kehrein 383.
7 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84. 86. XVII, 5.
Bartgeier, gypaötua barbataa. 866
Grenzen des deutsch-niederländischen Sprachgebiets hinaus laßt
sich die Benennung aber nichl verfolgen. Der Vogelname gtr-a(n)
ist eigentlich ein substantiviertes Adjektiv, das in ahcL <fM
"gierig* alsja-Stamm vorhanden ist, vgl. westmitteld, geier 'gierig*.
\'mi den in Europa vorkommenden Geierarten wbx der
Bartgeier noch im vorigen Jahrhundert in allen Alpenländern
verhältnismäßig häufig; nach Naumann-Hennicke V, 296 i
aher mit der /weiten Hälfte (U^ letzten Dezennium- -«»wohl in
der Schweiz wie in Uro] gänzlich verschwunden.
(hsner beschreibt den Bartgeier an zwei verschiedenen
Stollen seines Vogelbuchs (S. 524. 750) unter dem Namen Gddgyr,
dm er von der rötlichen Rücken Earbe df^ Vogels herleitet. Da
er offenbar keinen lebenden Vogel gesehen, sondern ihn nach
einem ihm aus den Rhätischen Alpen geschickten Balge beschreibt,
so erklärt sich daraus der Widerspruch zwischen der Beschreibung
und der Abbildung des Goldgeiers. In dieser erkennt man näm-
lich nicht den Bartgeier, sondern den Gänsegeier. Als Namen
des Goldgeiers nennt Gesner noch die Ausdrücke Keibgyr (zu
Keib e Aas') und Rofßgyr, welches daraus erklärt wird, daß der
Geier das Aas der Pferde frißt. Die bei Eber und Peucer Vocab.
(1552) S. Gla stehende Glosse Hafengeyer & Osgeyer zitiert
Gesner S. 749 und ändert dabei den letztgenannten Ausdruck
in Aßgyr (d.h. Aasgeier). Weitere von Gesner mitgeteilte Syno-
nyma sind Stcingyr ("a rupibus in quibus nidificat") und das
undurchsichtige Wort Hotzgyr, welches aus Glarus angeführt
wird. Staub-Tobler Id. II, 406 führen den Namen Keibgir aus
der Baseler Gegend und Steingtr aus Graubünden an. —
Besonders eingehend schildert Schwenkfeld Ther. Sil. (1603)
S. 375 den Bartgeier; als schlesische Benennung desselben
wird Grimmer (mhd. *grim-ar) angegeben, s.S. 358. Die a.a.O. ge-
brauchten Ausdrücke XeuxoKeqpaXoc, mdtur aXbo capite, ein ircis-
köpffichter Geyer, Weis Kopff beziehen sich auf den alten \
dessen Kopf weißlich gefärbt ist. Noch im vorigen Jahrhundert
wurde der Name Wisshopf 1 in gleicher Bedeutung in dm- Herner
Gegend und Graubnnden verwendet. Umgekehrt hieß der \
in diesen Gegenden auch Scluexr-kopf 1 wegen der schwarzen
1 Staub-Tobler III, 415. 417.
366 Gänsegeier, gyps fulvus.
Kopffärbimg des jungen Bartgeiers. — Der Ausdruck Jochgeir,
welcher von Schmeller-Frommann 1, 1200 verzeichnet wird, ist
schon bei Ostermann Yocab. (1591) S. 328 bezeugt. Die Angabe
von Popowitsch Versuch (1780) S. 48, daß Jochgeier die in der
Schweiz übliche Bezeichnung des Vogels sei, wird von Staub-
Tobler Schweiz. Id. nicht bestätigt. Der erste Bestandteil des
zusammengesetzten Namens bezeichnet einen Bergrücken zwischen
zwei hohen Berggipfeln, worüber gewöhnlich ein Weg führt.
Eine synonyme Benennung ist Berggeyer bei Popowitsch a. a. 0.
Aus Steiermark und Tirol kennt er (S. 146) den Namen Gämsgeyer.
Heute soll dieser Ausdruck in Steiermark auf den Steinadler
übertragen worden sein 1 .
In der Schweiz wird jeder große Raubvogel Gtr 2 genannt.
Den Geier nennt man hier in den meisten Mundarten Lämmer-
gir. Gesner führt in seinem Vogelbuch den Ausdruck Lammer-
zig ('Lämmerzieher', zu Schweiz, ziehen, ziegen) an, welcher ihm
aus Luzern, Chur und anderen Gegenden bekannt war. In
Ostermanns Vocab. (1591) S. 327 erscheint der nach Gesner
zitierte Name in der Form L ämmer •zücker ; als Synonymon ist
hier Lämmer f reffer angegeben.
Eine Variante der heute in der Wissenschaft üblichen
Benennung Bartgeier ist Bartadler in der Übersetzung der
Bücher Plinii (1651) S. 499; nach dem Übersetzer sollen "die
Völcker Umsei" den Namen, nicht wie "etliche wollen" einer
Adlerart, sondern dem Beinbrecher geben.
Gänsegeier, gyps fulvus.
Der häufigste unter den in Deutschland vorkommenden
Geiern ist nach Naumann-Hennicke V, 311 der Gänsegeier. In
Baiern und Schlesien wird er verhältnismäßig oft angetroffen,
aber auch nördlich von Baden bis nach Wetterau und West-
falen und in Ostpreußen ist der Vogel erlegt worden.
Soweit man aus der knappen Schilderung schließen kann,
welche Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 375 von dem "vultur
leporarius" oder dem Ganfe AJir gibt, meint er damit gerade
1 Unger-Khull 265. — 2 Staub-Tobler II, 405.
Gänsegeier, gypa totalis. .'567
den Gänsegeier. Die von Gesner für den G-oidgeier angeführten
Namen Aßgeyer ! Kibgeijer \ Bosge^er legt Schwenkfeld diesem
Vogel bei unmöglich ist freilich auch nicht, dafi hier won dem
selteneren Kuttengeier (vultur monachus) die Rede tat, der
wie Naumann berichtet in Schlesien, Sachsen und Franken
angetroffen worden ist. Ebenso schwer ist zu entscheiden, ob
mit dem mini, phittengeier (zu plate 'kahler Kopfi'leck'). d* 8 Lo^er
Mlid. Wb. II. 278 nach Liliencrons Ausgabe der historisches
Volkslieder vom 13. bis 16. Jh. zitiert, diese Gteierarl "der der
Goldgeier gemeint ist. Vielleicht ist auch der dunkle Name huti-
geir in Ottokars Keimchronik 1 als 'Haubengeier' (mhd. huot "Hut,
Haube') zu deuten und entweder auf den Kuttengeier oder
den Goldgeier zu beziehen-. Dem Schreiber der Wiener Hs. der
Reimchronik war der Ausdruck bereits unverständlich, denn er
ändert hutigeyr in hungeriger geirr.
Ein Bewohner der heißen und warmen Zone ist der Schmutz-
geier (neophron perenopterus), aber man findet ihn auch, wenn
schon selten, in den südlichen Kantonen der Schweiz. Nach
Naumann-Hennicke V, 305 hat man ihn in den Gebirgen bei
Genf öfters beobachtet, und einzelne Vögel haben sich sogar
mitten in die Schweiz verflogen. Es ist ohne Zweifel gerade
dieser Vogel, von dem Gesner in Hist. avium S. 193 eine Abbil-
dung gibt. Diese hatte ihm "der berühmte Typograph"
Jo. Heruagius geschickt, der den Vogel bei sich im Hause ge-
halten hatte. Nach seiner Mitteilung war der Geier im Jahre 1551
am 29. September, wo ein Schneefall eingetroffen war, gefangen
worden; in Farbe und Gestalt soll er ganz an einen Storch er-
innert haben. Gesner versichert, daß die schweizerischen Vogel-
steller diese Geierart nicht kennen, folglich weiß er auch für
sie keinen Namen. Aber der von dem Übersetzer der Bücher
Plinii verwendete Ausdruck Bergstorck bezeichnet offenbar gerade
den Schmutzgeier (vgl. die Ausgabe v. J. 1651 8. 49b s. 7.
Geieradler).
1 Monumenta Germaniae Historica, Deutsche Chroniken V (Ed. See-
müller S. 381) V. 28875.
2 Dieser Deutung widerspricht jedoch die dritte Handschrift der
Reimchronik, die hüttegeyr schreibt.
368 Storch, ciconia.
XL Sumpfraubvögel, Ciconidae.
Storch, ciconia.
Ahd. storah: Sg. Nom. — storah 1 ciconia: cod. SGalli 242,
248 a. Aldhelmi Aenigm. 257, 10: cod. SGalli 242, 28. cod. Vatican.
Reg. 1701, 2 b, opimachvs contra serpenFpugn: cod. Vatican. Reg.
1701, 2 b. Carmen de Philomela 29: cod. Vindob. 247, 223 a, cod. mus.
Britann. Add. 16894, 245a. ophimachus : Leviticus 11, 22 : cod. Vindob.
2732, 22b, Clm. 18140, 14a, storah: cod. Vindob. 2723, 18b; storach:
cod. Gotwic. 103, 49b, storich: Clm. 13002, 219b, ostorch*: Clm. 22201,
238b. storoch: Gregorii homil. II, 39 p. 1645 (Jer. 8, 7): Clm. 18140,
242a. storuch : Jerem. 8, 7 : Clm. 18140, 192b, Clm. 19440, 349. störh:
Notker Capeila de nuptiis 2, 36, (ter egypzisco) störh ibis: 2, 36.
storch: cod. Parisin. 12269 f. 58b. Versus de volucr. H. S. III, 17.
XI a2. b. e. g. Rotulus com. de Mülinen Bern. cod. Vindob. 804 f.
185b. cod. Vindob. 804, 169 a, cod. Wirziburg. Mp. th. 4° 60, 101a.
odoboro. storch: cod. Selestad. f. 109b. storhc: Clm. 14689 f. 47a.
stork opimachus . . . : Leviticus 11, 22 : cod. Stuttg. theol. et phil.
f. 218, 13 d. ibis : Gll. Herrad. : cod. olimArgentorat. cod. Guelpherbytan.
Aug. 10. 3. 4° f. 89a, strok: cod. Parisin. 9344 f. 42b, Hork 3 odoboro:
cod. sem. Trevir. f. 112b. storche: Versus de volucr. H. S. III, 17:
cod. Vindob. 2400, 41a. — PL Nom. — storke ibices: Gll. Herrad.:
cod. olim Argentorat.
Ableitungen und Komposita. — stör ahhessnabul (Pflan-
zenname): storkessnabid reumatica. I scolastica: cod. Bonn. 218, 49b.
storkesneuel aquileia : cod. Cheltenham. 7087, 144 a.
Den Storch benennen die germanischen Sprachen mit einem
gemeinsamen Namen: ahd. storah, mhd. storch, mnd. stork, mndl.
stork, ags. storc, me. ne. stork und anord. storkr, dän. schwed. stork.
Nach Falk und Torp Et. ordb. II, 303 beruht german. *stork-a
auf idg. *strg-o, der Schwundstufe des Stammes *sterg- c steif sein',
so daß der Yogel nach dem steifen Gange benannt worden ist.
Deshalb braucht jedoch Urverwandtschaft mit griech. ropToc
'großer Yogel' nicht unmöglich zu sein. Aus dem Germanischen
entlehnt sind die gleichbedeutenden baltisch-slavischen Worte
akslav. strükü und lit. starkus, ebenso körn, stork.
Neben dem alten, in den germanischen Idiomen verbreiteten
Namen haben einige deutsche Mundarten für den Storch die
1 storah mir wahrscheinlicher als sturah (Steinmeyer).
2 5 aus Corr. (Steinmeyer). — 3 Hork im Context (Steinmeyer).
Morel). (Koma 300
Benennung Adebar, welche in zahlreichen Varianten erscheint
Dir ersten Zeugnisse für diesen schwierigen Vogelnamen findet
man in Glossenhandschriften aus der ausgehenden althoch-
deutschen Sprachperiode: odoboro. Horch ciconia: cod. Selestad. 109b
Hork odoboro: cod. scm. Trevir. f. L12b, odoboro: cod. Berol. Ms. lat 8* 73.
123b. odobero. cod. Bern. Trevir. R. III. 13, H>{l>. ttore.t odoboro: II. S. IM.
17: cod. Darmstad. <'». 32a. udoboro ophiomachus . . . qttidam ciconiam po-
tant: H. S. XI u 2: Clin. 2612, 79a, cod. Vindob. 2400, L09b, ddeboro: cod.
Graec. 859, '.<<•. ödebero: Xlb: Clin. 32 15, \*n, otibero: XI d. : cod. Floren-
tin. XVI, ö. 108b, ttorc rel otiuctro: (Jmordn. II. S. III. 8, odebore: cod. Oxon.
Jun. 83,4. Aus diesen spärlichen Belegen ist die damalige genaue
Verbreitung dos Namens schwer zu erschließen. Jedenfalls kommt
dasntittelfränMsche (bezw. moselfränkische) Gebiet durch dieTrierer
und Darmstädter Handschriften in Betracht, denn diese haben
die (ilusse selbständig geschrieben dem "storch" des Originals
gegenüber; die Berliner Hs., die mit der Trierer parallel läuft,
ist niederdeutsch gefärbt. Abgesehen von odoboro, stork in den
Schlettstädter Glossen repräsentieren die übrigen Zeugnisse offen-
bar nur einen selbständigen Beleg, dessen Ursprung unbekannt ist.
Von den vielen Handschriften der Versus schreibt nur das Kölner
Doppelblatt aus dem 14. Jh. odobero. Überhaupt deuten die alt-
hochdeutschen Zeugnisse auf das Vorkommen des Xamens auf
dem mittel- und niederdeutschen Sprachgebiet und das Fehlen
desselben in süddeutschen Dialekten. Tm 14. Jh. spricht denn
auch Konrad von Megenberg den Ausdruck seiner heimischen
(bairischen) Mundart indirekt ab: "ciconia haizt ein storch und
haizt in anderr däutsch ain ödbar" (1 Hs. d. 14. Jhs. schreibt
ötbär, eine andere aus dem 15. Jh. u e deber), vgl. Ed. Pfeiffer
S. 175, 7. Die übrigen Zeugnisse für das Wort im 14. 15. Jh.
sind vorwiegend aus niederdeutschen Glossaren, wo verschieden.'
Varianten, adebar, edebar, edebere, odever, odevare, belegt sind:
im Mittelniederländischen odevare. — Von den Autoren des
16. Jhs. erwähnt Turner Avium bist. (1544) S. 7a die
Namensform ei/n Ebeher. die er als sächsisch bezeichnet, danach
Ebeher bei Gesner Hist. avium (155:)) s. 251 ebenfalls mit dem
Zusatz "saxonice". Aus Rostock und "anderen Gegenden" werden
hier die Formen Adebar I Odeboer. aus Flandern Houare angegeben.
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 234 verzeichnet neben Storch /
Suolahti, Vogelnameu. -^
370 Storch, ciconia.
Storck die eigentümliche Namensform Eibiger, ohne aber diese
ausdrücklich für seinen schlesischen Dialekt zu bezeugen. In
der Übersetzung der Bücher Plinii (1651) S. 540 sind Odeboer,
Ebeher ohne Zweifel aus dem Yogelbuche Gesners übernommen,
ebenso Adebar bei Henisch Teutsche Sprach (1616) Sp. 20. —
Heutzutage ist der Name fast in ganz Niederdeutschland ver-
breitet: in Preußen Adebär, Hadebdr, (Ad'bor) 1 , in Mecklenburg
Aodabar 2 , in Lübeck Adebor, Ebeer 5 , in Altniark Aodebaor, Ede-
baor, Odebarr, Heilebaor^, in Braunschweig Heilebärt 5 , auf Use-
dom Adebor 6 , in der Grafschaft Ranzau Eber, Otjebdr 1 , in Geldern
Uiver, Heiluüer, in Groningen Aiber, Eiber s , in Holstein Otte-
bar, im westlichen Schleswig Aarbar*, nordfries. Aribär 9 , Arre-
barre, Earrebarre 10 , ostfries. Adebar, Hädebar, Hädbar, Abar 11 ,
ndl. oudevaar, ouwevaar, ooievaar. In Westfalen scheint das Wort
ausgestorben zu sein; in Göttingen und Grubenhagen ist Abar
selten und wird wie die Nebenformen Ebere, Eber nur für den
Storch als Kindbringer verwendet 6 . Aber der Ausdruck reicht
auch ins hessische Sprachgebiet hinein als kurhessisches Ade-
bar 12 (im Schaumburgischen und an der Diemel), oberhess. Iw-
werch,Iwwerich, JJlwer 1 ' 6 , nassau. Urwel 1 *. In der Marburger Gegend
(in Fronhäuser Heide) findet sich der Name Udeahrs-Nest 15 , und
Uddemarsche erscheint als Name der Besitzerin eines Bauern-
hauses in Holzhausen, wo der Storch von undenklichen Zeiten
genistet habe 12 . Bis in das schwäbische Dialektgebiet hinein
kann man die Spuren des Namens verfolgen; hier wird der Storch
— wie Fischer Wb. I, 313 berichtet — auf den Fildern Aiber
oder Auber genannt, und nach den Ortsnamen zu urteilen ist
die Verbreitung dieser Namensformen früher größer gewesen.
Eine befriedigende Erklärung für diesen seltsamen Vogel-
namen hat man noch nicht gefunden. Grimm sah darin ein
Kompositum von got. aud (ahd. 6t ~ ags. ead) 'Besitz, Reichtum,
1 Frischbier I, 16. — 2 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 84.
3 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 82. — 4 Danneil 7.
5 Frommann D. Mundarten 147. — 6 Schambach 153.
7 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 2.-8 Molema Wb. S. 3.
9 Johansen Nordfries. Spr. S. 3. — 10 Dijkstra Wb. S. 316.
11 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 111. — 12 Vilmar 4. — 13 Crecelius I, 16.
14 Kehrein 419. — 15 Pfister Nachtr. zu Vilmar Id. S. 200.
Schwarzstorch, ciconia nigra. 371
Segen' und bero, boro (Nom. ag. zu Lh-an) "Träger*, so daß der Storch
eigtl. "der Glücksbringer* wäre *. Die Bauptschwierigkeit bei der
Deutung van and. odoberc besteht in der Zerteilung des Komposi-
tums in seine Bestandteil» 1 . Aberaucfa die ursprüngliche Qualität des
Stammvokals bleibt ansicher, denn die mundartlichen Varianten
lassen sich nicht auf eine bestimmte Lautform zurückführen.
Einige von diesen Dialektformen sind als neue Komposi-
tionsbildungen von dem alten Namen aufzufassen. Sn enthalten
wohl die in Altmark vorkommenden Benennungen Ileinotter,
ILuuiotter- als zweites Glied die Namensform Otber (vgl. mhd.
otbär, in Holstein Ottebar), welche hier unter dem Nebenton
zu Otter assimiliert wurde. Der erste Teil des Kompositum- ist
der Eigenname Heini ( = Heinrich), der in manchen Gegenden
für den Storch verwendet wird 3 . Die Varianten Heilebaor in
Altmark, Heiluiver in Groningen, welche man im Anschluß an
die angeführte Etymologie von Grimm als 'Heilbringer' gedeutet
hat, sind offenbar nur Unideutungen von Heinebaor, Heiwiver
und ebenso zu beurteilen wie Heinotter.
An einigen Orten in Preußen nennt man den Storch wegen
der steifen Beine Knäkerben* m. (d. h. knöchernes Bein); andere
preußische Dialektnamen sind Knachosbot* m., Knacknoicie (um
Neustettin), Knackmeer b (in der Neumark). Für den Namen
KlapperxtorcK den man in Mitteldeutschland dem Yogel wegen
d'^ Ivlapperns mit dem Schnabel beilegt, hat Grimms AVb. V,
977 mehrere Belege aus dem 17. Jh. Eine Variante Klepptier
erwähnt Frisch Vorstellung der Vögel (1763) XII. A 2b. Die
niederdeutsche Namensform ist Knepner in der Mark (bei Colerus
Oecon. ruralis (1656) S. 40), Knepper in der Ukermark, s. Kluge
Et. Wb. 6 S. 5.
Schwarzstorch, ciconia nigra.
Nach den Angaben, die man bei Xaumann-Hennicke über
die Verbreitung des schwarzen Storchs findet, kommt dieser
1 Auch die Möglichkeit, daß im ersten Teil ein Subst. *6d 'Kind'
(aus dem altsächs. Partiz. ödan 'genitus' erschlossen) stecken kennte, wurde
von Grimm erwogen, vgl. Deutsche Mythol. II 4 , 560 und Kl. Schriften III, 117.
2 Danneil 7.-3 Germania IV, 154. — 4 Frischbier I. 386.
5 Altpreuß. Monatsschrift XXIX, 164 f.
24*
372 Schwarzstorch, ciconia nigra.
Vogel in Jütland, auf den dänischen Inseln und in Norddeutsch-
land vor, ist aber im mittleren und südlichen Deutschland sehr
spärlich vertreten, vielerorts unbekannt, hie und da gelegentlich
des Zuges als Seltenheit erscheinend. G-esner beschreibt ihn
in Hist. avium (1555) S. 261 unter der Benennung ein schwartzer
Storck und bezeugt sein häufiges Vorkommen in den Wäldern
der Schweiz, "circa Eremum D. Yirginis, circa Lucernam oppi-
dum, circa Tosam fluuium et alibi".
Ein alter Name des schwarzen Storchs scheint vorzuliegen
in den spätalthochdeutschen Glossen vtsualui (fulice): Ambrosii
Hexaemeron 3, 4 p. 38: Clm. 13079, 21b und vtinsvvval folica 1 :
Versus de volucr. : cod. Zwettl. 293, 25a (14. Jh.). Die Belege
stammen aus dem bairisch-österreichischen Dialektgebiet, und hier
taucht der Vogelname im 16. Jh. in einigen zufälligen Zeugnissen
wieder auf. Der bairische Chronist Wiguleus Hund erzählt in
Bayrisch Stammen Buch II, 132 von der Genealogie "der von
Mülperg hernach genannt die von Closen" und macht dabei
folgende Bemerkung: "Die von Closen / follen / wie ich gehört /
von alter allein den Vttenfchwalben geführt haben" Darauf
folgt die Beschreibung dieses Vogels: "Der Vttenfchwalb ist ein
feltfamer Vogel / inn disem Land find man zu Zeiten vmb die
Tonaw / in eins Reigers gröffe / rot Füffe vnd Schnabel, auch ein
roten Fleck an der Brust / fönst fchwartz / Man malet ihn gemeink-
lich in eins Schwannen geftalt / auf f er der Färb." Mit dieser
Schilderung kann kaum ein anderer Vogel gemeint sein, als
der schwarze Storch oder vielleicht der Waldrabe (S. 373). Ein
anderes Zeugnis des Namens finden wir bei Gesner Hist. avium
(1555) S. 12: "Rursum alias mihi narrauit in aula ducis Bauariae
ali aue nomine ütenfchivalb, magnitudine et roftro ardeae, longo
acuto, collo forte breuiore aliquanto, albo et nigro colore di-
ftinctam, cruribus altis et rubris, uertice modice criftato ut co-
lumbae, uefcentem omnibus ijs fere quae e culina reijciuntur,
quadrupedum fcilicet ac piscium inteftinis, etc.". Leider ist die
Schilderung des Vogels auch hier nicht ausführlich genug, um ihn
identifizieren zu können; Gesner vermag ihm in seinem System
1 Das anklingende hotino porphirio in cod. sem. Trevir. R. III. 13,
108a gehört kaum hierher.
Waldrabe, geronticufl eremita \\-<?>
keinen Platz zuzuweisen. Die sohopfartigen Kopffedern, die auf-
ttUigerweise mit denjenigen einer Taube verglichen vrerden, lassen
auf einen Reiher Behließen, Sonst paßt die Schilderung auf den
schwarzen Storch, »Irr sich ja mich Leicht zähmen läßt An zwei
?erschiedenen Stellen Beines Vogelbuchs spricht Gesner ron
einem Vogel, der dem Storch ganz gleich, aber nur ein wenig
kleiner ist und dessen Bleisch Behr geschätzt wird; diesen Vogel
nenne man in Dänemari ' Otuchval. Ein Bolcher Vogelname ist
aus der dänischen Literatur freilich nicht aufzubringen, aber
in Gothland (in Südschweden) heißt der schwarze Storch oden($y
snila-. (I. h. die Schwalbe Odins. Dieses Wort könnte mit bair.
utenschwcdbe identisch sein, und dann hätten wir hier einen alten
tarnen für den Storch, drr von ahd. odobero nicht gerne getrennt
werden könnte. Aber so lange die Bedeutung des bairischen
Dialektwortes nicht sicher feststeht, bleibt diese Vermutung doch
hypothetisch. Der Anklang an das schwedische Wort kann auch
zufällig sein.
Ibisse, Ibidae.
Waldrabe, geronticus eremita.
In Hist. avium (1555) gibt Gesner das Bild eines Vogels,
den er unter der Rubrik "coruus sylvaticus" eingehend be-
schreibt. "Avis, cuius effigies habetur**, heißt es a. a. 0. S. 337,
tc a noftris nominatur uulgo ein Waldrapp id eft coruus l'ylua-
ticus. quod locis syluosis, montanis et defertis degere foleat:
ubi in rupibus, aut rurribus defertis oidificat quare etiam Stein-
rapp uocatur, et alibi (in Bauaria et Stiria) ein Waußrapp: a
petris feu rupibus et pylis (nam pylas, id eft anguftiäs inter duos
montes G-ermani claafen appellant, hoc eft loca claufa) in quibus
nidos i'truit. Lotharingi, ut audio, Corneille de mer, id eft cornix
marina: quam et in uglandibus aliquando oidificare f erunt fed
forte ea alia auis el't. Circa lacum Verbanum coruus marinus
dicitur. alibi in Italia coruus sylvaticus, ut in [ftria circa Pro-
montorium Polae, ubi homine per funem remiffo per rupes uidis
1 S. -212 "ilanico sermone", S. 2til "germanica".
2 RietzSvensktdialektlexiconS.481, DalinOrdboköfver del svenska
spräket II, 168, Parallele des langues francoise et suedoise par Mr. Weste
IV, 99 usw.
374 Waldrabe, geronticus eremita.
eximuntur. et inter menfaruin delicias habentur, ut apud nos
quoque in montium quorundam rupibus, fic enim Fabarias ther-
mas repertas effe aiunt, cum auceps quidam per altiffimas rupes
propter has aues fe demififfet. Alibi in Italia coruo fpilato, id
eft coruus depilis, quoniam fenefcens caluefcat. Germanice
quidam nuper conficto a f e a fono uocis eius nomine Scheller
uocabat Locuftis gryllis pifciculis et ranunculis eos uefci
audio. Yt plurimum nidificat in altis arcium deftructarum muris,
qui in Helueticis montium regionibus frequentes funt Edunt
et uermes e quibus fcarabei ä Maio menfe dicti nafcuntur
Laudantur ijdem pulli in cibis et in deücijs etiam habentur,
fuaui carne offibus mollibus."
Die neueren Ornithologen rieten lange hin und her, ohne
daß es ihnen gelang festzustellen, welcher von den heute be-
kannten Vögeln mit dem corvus sylvaticus gemeint sei. Manche
vermuteten daher, daß die Beschreibung in Hist. avium sich
nur auf einen fingierten Vogel bezöge. Der Waldrabe Gesners
war schon vergessen, als man vor einigen Jahren durch einen
Zufall entdeckte, daß es sich a. a. 0. um eine heute in Afrika
vorkommende, aber in Europa nunmehr ausgestorbene Ibisart
handelt 1 .
Da alles was die ornithologische Wissenschaft über die
Lebensart und Verbreitung dieses seltsamen Vogels in Europa
weiß, fast nur auf die obenerwähnte Schilderung Gesners zu-
rückgeht, mögen einige ergänzende Nachrichten hier Platz finden.
Schon vor Gesner hat der in Köln lebende Engländer
Turner, der auch in der Schweiz gereist war, den Vogel in seinem
Buche Avium historia (1544) S. E 6a geschildert: "Jam ut fciatis
quahY nam auis fit Heluetiorum Vualtrapus, quam conjicio phala-
crocoracem efze, et tertium genus graculi, auis eft corpore longo
et ciconia paulö minore, cruribus breuibus fed crafzis, roftro
rutilo, parum adunco, et sex pollices longo, albam quoque in
capite maculam et eam nudam, nifi male memini, habuit. Si
palmipes sit et interdum natet, indubitanter tertium graculorum
genus effe adfirmarem: uerüm licet auem in manibus habuerim,
an palmipes fuerit nee ne, et caluus, non memini, quare donec
1 Vgl. Naumann-Hennicke VII, 199 ff.
Waldrabe, geronticoa eremita 375
ift haec certiufl uouero nihil [tatuerim". Dafl die Größe det
Vogels von Turner mit der eines Storchs verglichen wrird, während
Gesner ihn nur mit einem Eaushahn vergleicht, hat nicht viel
zu bedeuten, denn Turner 9chein1 auch sonsl keine genaue ESr-
innerung von dem Waldraben zu haben. A.ber auch bei stumpf
Schweytzer Chronick (Ausgabe v.J. L606) *.i')\^ begegnet der
Vergleich mit dem Storch : "Waldrappen ein gemein wildprat,
ift am hefte f<» <t noch jung auss dem näft köpl ein großer
fchwarer vogel / gätz (chwartz als ein Kapp/ bat fein oafl in den
hohen vnwagfamen reifen: allermeift niftet er in dem alten
gemeür der zerftörten und außgebrenten Schlöffen] deren \il
in den Alpifchen lendern gefehen werde. Sie find von Leib bey
naht- fo groß und fclnvar als ein Storck".
Daß die Waldraben im 16. Jh. gehegt und gezähmt wurden,
dafür liegen mehrere Zeugnisse aus verschiedenen Gegenden vor.
Die Rat- und Richtebücher der Stadt Zürich v.J. 1535 l melden,
daß J. Schwytzer zu einer Geldstrafe von 1 pfd. 5 ß bar ver-
urteilt wurde, "als er Felixen von Jonen einen waldrappen one
ursach zuo tod geschlagen het". Eine andere Nachricht- stammt
aus Steiermark: "Am 1. Jänner 1528 war K. Ferdinand in < riätz
und verschrieb dem Freiherrn Sigmund von Dietrichstein und
dessen männlichen Leibeserben das landesfiirstliche Hubamts-
haus, im Sack der Stadt und endlich mit der besonderen
Verpflichtung: "daß er und seine Leibenserben die sogenannten
Klausraben, welche ihre Wohnung bei demselben Hause am Schloß-
berge haben, wie von den Inhaber bisher beobachtet wurden ist,
hegen und dieselben nicht beschädigen oder verderben la>>.m".
In Ostermanns Vokabular v.J. 1591 S. 331 ist der Waldrabe
ganz richtig als eine Ibisart bezeichnet worden : "Ibis Pelusiaea,
feu nigra ein fchwarzer Ibin / vulgo, ein Steinrapp ! niften vil
in einem hohen runden Fellen bey Salzburg an d s Stat man-
fuefeunt et habentur in hortis vi eos a serpentibus lacertifl
ranist jue purgent."
Das Vorkommen des Vogels im 17. Jh. hißt sich an zwei
in Grimms Wb. XIIL 1180 zitierten Zeugnissen verfolgen. In
1 Staub-Tobler VI. 1173.
2 Geschichte der Steiermark von Dr. Alb. v. Muchar VIII, 365 (1867).
376 Löffler, platalea leucorodia.
der Raetia Gulers von Weineck (1616) S. 81a heißt es: "als er
[der Jäger] in die ungeheüwre klufft . . . waldrappen auszzunehmen
gestiegen", und im Jahre 1620 werden die Yögel von Rebmann
Naturae magnalia (Bern) S. 142 erwähnt: "die waldrappen in
höchstem birg, der reiger auch da g'funden wirt". Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 245 nennt die Namen Ein Alprappe, Wald-
rappe, Nachtrabe i Steinrabe ohne irgend etwas Selbständiges zu
bieten. Auch Aldrovandi Ornithologia (1605) hat nichts zu der
Schilderung Gesners hinzuzufügen. Klein Hist. avium prodr. (1750)
S. 111 erwähnt den Yogel nach Gesner und stellt ihn wegen des
Schopfes unter die Wiedehopfe als "upupa montana, Eremita
montanus helueticus Waldrapp, Steinrapp"; danach bei Reyger
Verbess. Hist. der Yögel (1760) S. 114: Waldhoff (nachWiedehoff),
Waldrapp, Steinrapp, Schweizereinsiedler, Bergeinsiedler. Die
Wörterbücher verzeichnen die Namen des Yogels meistens in
der von Gesner angegebenen schweizerischen Form, daneben
auch die Form Waldrab, Steynrab schon bei Wombach Sylva
quinquelinguis vocab. (1592) S. CC 3 a. Zum ersten Mal begegnet
der letztgenannte Name bei Pinicianus (Auszug v. J. 1521) S. C 4a
in der Glosse porphirio = stainrapp.
Namen für den Waldraben sind schon sehr früh — bereits
im 12. Jh. — bezeugt. Yon den Handschriften der Yersus de
volucribus (Ahd. Gll. 111, 22 14 ) übersetzen der cod. Admont. 106
und der cod. Admont. 476 das lat. Wort ibis mit erdhuon; der
codex Admont. 759, 55 b hat statt dessen pirchhven, das als
'Berghuhn' zu verstehen ist, und der cod. Yindob. 1325, 106b
übersetzt das lat. Lemma mit stainmuck. Mit diesen Namen ist
offenbar der Waldrabe gemeint.
Löffler, platalea leucorodia.
Die wahre Heimat des weißen Löfflers ist die gemäßigte
und warme Zone. Sein Yorkommen in Holland ist ein isoliertes.
In Deutschland hat man ihn gelegentlich in Böhmen, Thüringen,
Schlesien, der Mark und im Rheintale angetroffen. Häufiger ist
der Yogel in England, Friesland, Schleswig-Holstein, namentlich
kommt er aber im Südosten Europas, in dem Donaugebiete von
Ungarn ab vor. Ygl. Naumann-Hennicke YH, 8.
Reiher, ardea. 377
Der Name des Löfflers, dei auf den breiten löffelartigen
Schnabel zielt, ist in <I<t Form Lcfhr bei Turner Avium bißt
(ir»M) s. II lih i)('ici;t, daneben auch das Kompositum Löffel goß.
Qesner berichtet in Bist avium (1555) 8. 641, daß dii
selten in der Schweiz gefangen weiden, aber in Böhmen und
England häufiger vorkommen sollen. Außer den Namen Löfflet
Löffelgenß und der friesischen Lautform Lepler führt Q-esner
nach Sigis. G-elenius das Synonymen Fauser an. In den Quellen
des 16. J hs. wird der Löffler öfters erwähnt. H. 8achs Regim.
der Vögel (1531) 7.221 schreibt Löffer, Ryff Tierbuch Alberti
(1545) s. I 4 Löfler, das Strassburg. Vogelb. (1554) V. 347 Leffeler.
Eber und Peucer Vocab. (1552) S. F6b und Sibers Gtemma
(1579) S. 43 haben das Kompositum Löffelgens. Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 341 bezeichnet Löffel Gans als schlesischen
Ausdruck.
Reiher, Ardeidae.
Reiher, ardea.
Ahd. heigaro: Sg. Nom. — heigaro ardea: Verg. A. VII, 411 :
Clm. 18059, 205b. heigero: Verg. A. V, 278: cod. Paris. 9344. 91a.
H. S. III, 17. hegero: cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 124a, cod. sem. Trevir.
f. 112b, heiro: cod. sem. Trevir. III. 13, 103a, cod. Paris. 9344 f. 42b,
heigro pellicanus : cod. Guelpherbyt. Aug. 10. 3. 4° f. 89a. pellicanus :
cod. Parisin. 12269 f. 58 b. caradrion : Anhang z. alten und neuen '!
ment : Leviticus 11, 19: Clm. 14747, 96b. alcedo t ardea l tantalu-
1 87. Vergilius G. 1, 364: cod. Parisin. 9344, 13b 1 ; heikira : cod. Selestad.
f. 59a; hagir: cod. Berol. Ms. lat. 4° 215, 26a. haigir cod. Selestad. t.
110a. Versus de volucr., haiger: Versus de volucr. heiger: Vergilius
A. VII, 411 : cod. Selestad. f. 50a. Gll. Salom. a 1, alcedo : Gll. Salom.
al, caradrius : Gll. Salom. a 1, alcedo: Gll. Salom. d : Clm. 23496, lc.
Ae&r «f ardua s Af Lericha caradrion: Leviticus 11, 19: cod. Stuttg.
th. et phil. fol. 218, 13c. regero. heigero 8 : Vergil. G. 1, 364 : cod. Parisin.
9344, 13b. regero pellicanus i alcedo : cod. Berol. Ms. lat > s 73, :
regro: cod. Guelpherbytan. Aug. 10. 3. 4° t*. 89a. retgero : II. S. 111. 17:
Clm. 2612, 34a, reiger: cod. Vindob. 2400, 1 1 a. reier 4 : cod. Darm-
stad. 6,22a (13. Jh.), reiger: a2: cod. Vindob. 2400, 92b, Clm. 2612,
67a, regera: b, reier alcedro: 1: cod. Darmstad. 6, 97b. rtdger: Versus
de volucr. reiger: Gll. Salomon. al : cod. mus. bohi-m. Prag i
1 Quer am Rande (SteinmeyerV
2 1. ardea (Steinmeyer). — 3 Von zweiter Hand (Steinmi
4 Das zweite r aus n korrig. tSteinmeyer).
378 Reiher, ardea.
Der Reihername erscheint in der althochdeutschen Überlief e-
mng in zwei Parallelformen heigaro und reigaro (mhd. keiger ~
reiger, mnd. reiger, reger, mndl. reigher). Daß die letztere ein an-
lautendes h verloren hat, beweist gleichbedeutendes ags. hrägra.
Dem germanischen Vogelnamen *hraig-r-an- liegt eine onomato-
poietische Schallwurzel hraih-r- zugrunde, welche das heisere
Geschrei des Reihers wiedergibt; Voigt Excursionsbuch S. 217
umschreibt den Ruf des Fischreihers u. a. mit e kraik', e kra', e chroä'
usw. Durch dissimilatorischen Einfluß ist, wie bereits J. Grimm
bemerkt hat, aus krai-Jc-r, bezw. *hraigr-an die Grundform *haigr-an
entstanden, auf welcher ahd. heigaro beruht. Im Ablautsverhältnis
zu dieser Lautform stehen anord. here und (gewöhnlicher) mit
grammatischem Wechsel hegre, welches in adän. hegre, norweg. dial.
hegre, heigr{e) und schwed. hager weiterlebt. Mit den nordischen
Benennungen des Reihers sind — trotz der Bedeutungsverschieden-
heit — ahd. hehara, mnd. heger und ags. higora'H.äher' identisch. Der
gemeinsame Ausgangspunkt für die Bildung der beiden Vogel-
namen war das Geschrei, das durch die Lautstufen hraig-r : h(r)ig-r-
wiedergegeben wird. Das älteste Zeugnis für die dissimilierte Form
liefert das finnische Lehnwort haikara (estn. haigri, haigru). Auch
in das Altfranzösische wurde der germanische Name als haigron
(aigron) übernommen, woraus im Neufranzösischen heron geworden
ist. Me. heiraten, ne. heron gehen auf das französische Wort zu-
rück. Vgl. auch S. 199.
Die normale ahd. Namensform ist heigaro (auch in Orts-
namen Haigrahe, Hegirbuoch, Hegirmos bei Förstemann Altd.
Namenbuch II, 698). Der Beleg heikira in den Schlettstädter
Glossen ist zu spät, um als eine feminine Bildung gelten zu
können; man hat darin nur eine graphische Variante von heigaro
zu sehen. Schon in der angehenden mhd. Periode verschwindet
die Namensform heigaro gänzlich und an die Stelle rückt die
ursprünglich wohl auf mittel- und niederdeutsches Dialektgebiet
beschränkte Form reiger. Die Lautform Reigel wird von Gesner
Hist. avium (1555) S. 202 als schweizerisch angegeben. Heute
kommt sie stellenweise auch im Elsaß l und als Raget in Schwaben
vor. Die Varianten Greger und Gröger, welche Frischbier Wb. I,
1 Martin-Lienhart II, 2-43.
Nachtreiher, aycticorax griseus, aycticorai aycticorax. I
254 aus dem Samland verzeichnet, sind rielleicht durch onomato-
poietische CTmbildung entstanden. Die hente in der Schriftsprache
geltende Form Reiher beruhl auf mitteld.-niederd. Reier (Beer\
das aus Beiger entstanden isl (wie Laie wasleige). In der Schrift
ist die Form reier Beil dem L3. Jh. (cod. Admont 759, 55b, And.
G1L HI, 22 84 ; s. auch oben 8.377) nachweisbar.
Der Name Heerganß, den Öesner a. a. 0. als Bezeichnung
für den Reiher erwähnt und der bei Schwenkfeld Ther. Sil.
(1603) S. 223 Eerrgans geschrieben wird, ist •■in«- CTmbildung
von and. horgam (d. h. Sumpfgans), s. S. 305.
V..n den vielen Reiherarten, welche in Europa vorkommen,
ist nur der graue Reiher (ardea cinerea) in Deutschland häufig;
man findet ihn fast überall im Lande an den Elüssen und
Teichen, besonders in den wasserreichen und niederen Gegenden
von Norddeutschland. An vielen Orten ist er unter dem Namen
Fischreiher bekannt 1 , in Thüringen heißt er Fischaar' 2 , in Preußen
Scheißrekel Scheißregel 3 (-reger, -rigel\ in Mecklenburg Schiff rei.
Schitterrei, Schüttre(er)K — Ein elsässischer Ausdruck ist Giriks 5
(in Wittenheim); Martin und Lienhart verweisen auf Schweiz.
Giriz \Möwe', aber ein direkter Zusammenhan- zwischen diesen
beiden Namen besteht kaum.
Die selteneren Reiherarten, den Purpurreiher (ardea pur-
purea), den Silberreiher i ardea alba, herodias alba) und den
Seidenreiher (ardea garzetta, herodias garzetta), welche in den
Donauniederungen heimisch sind, unterscheidet man meistens nur
durch den erklärenden Farbennamen 'roter' oder 'weißer'. Für den
in Schlesien nicht sehr seltenen Purpurreiher gibt Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 225 Sandreger als schlesischen Namen an.
Nachtreiher, nycticorax griseus, nycticorax nycticorax.
Ahd. nahthram: Sg. Nom. — nahthram nocticorax: cod. Vin-
dob. 162, 35a. nahthrä t nahtigala corax: cod. Vindob. 162. 20a,
ndhtrdm: Notker Boethius de cons. phil. 4-, 33. ndktram : Notker Ps.
101, 7. nahtram : Notker WPs. 101. 7. 8. Wrsus de volucr. Clm. 14689
1 Vgl. z. B. Naumann-Hennicke VI. 203. Wb. d. Luxemburg. Mundart
116, Martin-Lienliart II. 243, Schiller Zum Tierbuche II. 16.
2 Hertel 57. — 3 Frischbier II. 264. — 4 Schiller a. a. 0.
5 Martin-Lienhart I, 230.
380 Nachtreiher, nycticorax griseus, nycticorax nycticorax.
f. 47a. nahtrü corax: Phocae ars 425, 22: Glm. 19440. 229. corax:
GH. Salom. d : Clm. 23496, 3a. nachträ : cod. SGalli 299 p. 33. nachtram:
Aldhelmi Aenigm. 257, 34 : cod. SGalli 242, 29. nahtrami: cod. Selestad.
f. 109b. nahtram : Psalmen 101, 7: cod. Vindob. 2732, 61a, Clm. 18140,
104b, Glm. 19440, 294, cod. Gotwic. 103, 70b, Clm. 4606, 120b, Clm.
22201, 245d, nathram: cod. Vindob. 2723, 53b, Clm. 14689, 43b, Clm.
22258, 110b. Clm. 14689 f. 47a. noctua uula. Eadem et nicticorax :
Leviticus 11, 16 : cod. Vatican. Pal. 288, 55 c, nahtram : cod. Carolsruh.
SPetri 87, 63b ; noctuam. id est que nocte uolat. i coruus marinus
siue vuuila. uJ alii uolunt. alii lusciniam esse id est nahtagala.
Nocturnus: cod. SGalli 295, 126. 127, cod. SPauli XXV d/82, 37 a,
natrfam: cod. Vindob. 1761, 46b, nahtrama: cod. Stuttg. th. et phil.
218, 13c, nahftraban: cod. SGalli 9, 276. nahtraban: cod. Vatican.
Reg. 1701, 2 b. nat ram: cod. Parisin. 9344 f. 42 b, nathrauan: cod.
Berol. Ms. lat. 8° 73, 124a, naht rauan noctua: cod. Guelpherbytan.
Aug. 10. 3. 4° f. 89a, nahtrauan: cod. sem. Trevir. f. 112b. nahrauan
noctua: cod. sem. Trevir. R. III. 13, 107b. nahtraben: H. S. III, 17.
nahtrauen pellicanus * nocticorax: cod. Cheltenham. 7087, 144 a.
nactrafan: Deuteronom. 14, 17:^cod. Parisin. 2685 f. 51b. nahtrabo:
Versus de volucr. nachtrabe: cod. Vindob. 804 f. 185b. nathrabe:
Psalmen 101, 7 : Clm. 13002, 224b. — Dat. — (mit demo) nahtrammo:
Notker WPs. 101, 8. — Akk. — nahtram: Deuteronom. 14, 17: cod.
SGalli 295, 137. nahtram bubonem: Leviticus 11, 16: cod. Oxon.
Jun. 25, 163a. Notker Ps. 101, 7 (Glosse), noctuam: Anhang zum
alten und neuen Testament: Leviticus 11, 16: Clm. 14747, 96b;
nectr& i : cod. Parisin. 2685, 50b.
Der Ausdruck nahtram 'Nachtrabe' in den althochdeutschen
Glossen ist eine mechanische Übersetzung des griech.-lat. Bibel-
wortes nycticorax 2 . Eine klare Vorstellung davon, welcher Yogel
1 1. nectrefn, vgl. noctua necthraebn Öhler 353 b (Steinmeyer).
2 Auch im Angelsächsischen ist nihthrcefn (me. nyghteraven) ein
Literaturwort, das von den Glossatoren geschaffen wurde, und mit anord.
ndtthrafn wird es sich ähnlich verhalten. In Skandinavien hat sich an den
Namen eine Legende geknüpft, wonach der Nachtrabe ein Gespenst ist,
das in der Gestalt eines Gerippes durch die Nacht fliegt ; er soll der Geist
solcher Verstorbenen sein, welche ohne den rechten Glauben gestorben
sind, vgl. Rietz Svenskt dialektlex. S. 463. Auch in Deutschland findet man
Nachtrabe in ähnlichem Sinne, s. z. B. Schambach Wb. S. 141. Offenbar ist
die Legende, die christliche Spuren trägt, im Anschluß an das Bibelwort
entstanden. Und auf diesem Wege ist man wohl dazu gekommen, den
Ziegenmelker, diesen geheimnisvollen Vogel, als Nachtrabe zu bezeichnen,
vgl. dän. natravn, norweg. dial. und schwed. nattramn in dieser Bedeutung.
In Deutschland ist der Name ebenfalls auf den Ziegenmelker bezogen.
Nachtreiher, nycticorax grisous, nycticorax nycticorax. MH1
damit gemeint ist, haben die deutschen Schreiber ebenso wenig
gehabt wie die Enteipretatoren des Bibeltextes. Vielfach dachte
man an die Nachteule; so hat z. B. der Redakteur des Summa-
rium HeinricJ die Bibelglosse an die Bulenbenennungeii ange-
reiht NTotker ist anschlüssig, wie er das Wbrf oycticoraa in
den Psalmen 101. 7 interpretieren soll: Türe oicticoracem
fernement sümeliche bubonem ael Qoctuam ael önocrotalon,
daz chit den hünuen aide dir hiüuuelun aide den hörotumbel"
Doch ist er geneigt, die Deutung des Wortes als Rohrdommel
\i\v die richtige zu halten, denn in der Übersetzung von Boethius'
De cons. phil. 4, 33 heißt es: "tie der tag plendet tin naht sehende
getüot. also hüuuen. ünde huuuela. unde der nähträm". Eine
ähnliche Auffassung spiegelt sich auch in der Glossieruni: M pel-
licanus X nocticorax" der Cheltenhamer Hs. 7087 wieder. Tat-
sächlich wird die Rohrdommel heute stellenweise Nachtrabe
genannt. Frischbier Wb. II, 87 bezeugt das Wort in diesem
Sinne für die Gegend am Drausensee, und das Luxemburgische
Wörterbuch S. 308 gibt Nuetsramm f. ebenfalls mit dieser Be-
deutung.
Gesner Hist. avium (1555) S. 602 bezieht den Namen
nycticorax auf den Nachtreiher, dessen Abbildung auf der fol-
genden Seite gegeben wird. Selbst hat er allerdings diesen in
Deutschland und der Schweiz seltenen Vogel nie gesehen, aber
von seinen Straßburger Korrespondenten hat er erfahren, daß
der Nachtreiher dort Nachtram und anderwärts Nachtrab heißt.
Diese Angaben werden bestätigt von dem Straßburger Fischer
Leonhard Baldner, welcher in seinem Vogelbuch (1666) S. 19 f.
berichtet, daß er "einem Nachtraben zu gefallen" 4 Meilen ge-
fahren sei und ihn auch gesehen habe "bey einem Wald bey
Geißenheim im Brunnwaffer". Daß die Vögel, die "hin den
Wörthen" (Rheininseln) wohnen, nicht sehr gewöhnliche Er-
scheinungen waren, geht daraus hervor, daß Baldner nur dreimal
(in den Jahren 1649, 1652 und 1674) geschossene Exemplare
zu sehen bekommen. Es scheint, daß der Ausdruck Nachtrabe
im Sinne von Nachtreiher nur auf gewisse hegenden am Rhein
beschränkt war und hier volkstümlich verwendet wurde. Die
anderwartigen Angaben des Wortes in diesem Sinne sind nicht
382 Nachtreiher, nycticorax griseus, nycticorax nycticorax.
selbständig. So stammen z. B. Nacht Ram I Nacht Rabe bei
Schwenkfeld und Klein (1750) S. 123 aus G-esner; auch die
ganze Schilderung des 'Nachtraben' bei Popowitsch (1780) S. 405
scheint im Anschluß an Gesner geschrieben worden zu sein.
Der Name ist auf den Nachtreiher wegen des nächtlichen Lebens,
vor allem aber wegen des rauhen rabenartigen Geschreis be-
zogen, das nach Naumann-Hennicke YI, 276 wie e koau', bei
jungen Vögeln oft wie 'kwüak' klingt. Ygl. auch S. 18.
Das eigentliche Verbreitungsgebiet des Nachtreihers in
Europa bilden die südlichen und östlichen Länder. Auch in
einigen östlichen Gegenden Deutschlands, namentlich in Schlesien,
ist er noch verhältnismäßig häufig. Hier nennt ihn Schwenkfeld
Ther. Sil. (1603) S. 226 mit dem volkstümlichen Dialektnamen
Focker I FocJce und erwähnt dabei ein in Schlesien übliches
Sprichwort, welches von den drei charakteristischen Schopffedern
des Yogels hergeholt ist: "Du bift ein lofer Focke, Yon dem
nicht mehr als drey gutte Federlin kommen" l . Zu Schwenkfelds
Zeiten nistete der Nachtreiher scharenweise in feuchten Gegenden
"ad Yiadrum, prope Steinam et Dubinum". Döbel Eröffn. Jägerpr.
(1746) S. 47, der das häufige Vorkommen des Focken in Schlesien
und an den Ungarischen Grenzen erwähnt, zählt ihn zur sog.
hohen Jagd. Der schlesische Dialektname ist wohl ein Jägerwort,
das zu ndd. focken 'flattern' (Focke(r) e Blasbalg, Fächer') gehört
und sich auf die drei langen flatternden Kopffedern des Nacht-
reihers bezieht. Vgl. Grimms Wb. III, 1864. Die späteren Ornitho-
logen haben das Wort Focke aus Schwenkfeld übernommen ; Adelung
(1775) II, 232 gibt es im Gegensatz zu Döbel als Femininum.
Die quakende Stimme des Vogels hat ihm den Namen
Quakreiher 2 verschafft; die entsprechenden slavischen Bezeich-
nungen, russ. kvakva, czech. kvakva usw., sind ebenfalls ono-
matopoietische Nachbildungen des Geschreis. — Von den übrigen
reiherartigen Vögeln wird der Nachtreiher bei Schwenkfeld a. a. 0.
als Ein Bundter Reger I Schildreger (vgl. Schildspecht S. 34)
unterschieden. Klein Hist. avium prodr. (1750) S. 123 hat den
Namen Nacht Reyger.
1 Die Schopffedern des Nachtreihers werden besonders geschätzt,
während die übrigen wertlos sind. — 2 Frischbier II, 196.
Rohrdommel, botaurus stellaris. 383
Rohrdommel, botaurus stMlaris.
Ahd. horotübil: Sg. Nom.— h&rodubü onoerotalus : Sopho-
nias 8, 14: cod. SGalli 292, 64, cod. Carolsruh. SPetri 87, 70a;
horatupil. cod. Vindob. 2728, 48b, cod. Vindob. 2782, Mb, Clm. V.'i-UK
3H8, Om. 18140, 208b, cod. Gotwic. LOS, 69a, hortubü: Clm. 18002,
223a, Clm. 22201, 241 e. horo düpü. cod. Gaelpherbyt Aug. 10. 8. 4*
f. 89a. horatubil: Clm. 14747 f. 68a. horatupÜ: Bsaias 34, 11 : cod.
Vindob. 2723, 36b. cod. Vindob. 2732, 44a, Clm. 19440, 346, Clm.
18140, 144b. 190a, cod. Gotwic. 103,56a, hortubü: Clm. L3002, 222a,
Clm. 22201, 240c. Versus de volucribus. cretobolus : Gll. Salomon.
al. hortubel cretobolus: H. S. XI a 2, onoerotalus : a2. e. g.horodumil :
Leviticus 11, 18: cod. Carolsruh. SPetri 87, 63b; hordumel: cod.
Vatican. Pal. 288, 55 c. horadümil: cod. sem. Trevir. R. III. 13, 107 b.
hortumil: H. S. III, 17, horoduchil: Xlb. horotuchil: cod. Vatican.
Reg. 1701, 2b. horituchil: Clm. 14689 f. 47a. hortuchil: Versus de
volucr. cretobolus: Gll. Salomon. al. horotrugis ! felefora anirnal
olori elbiz simile : Leviticus 11, 18 : cod. Stuttgart, th. et phil. fol. 218,
13c. horttrvgil: cod. Selestad. f. 110a. hortugel: Versus de volucr.:
Clm. 22213, 163a, hortragil: cod. Admont. 759, 55b (13. Jh.). —
Akk. — hörotumbel : Notker Ps. 101, 7. hortumbel: Leviticus 11. 18:
Clm. 22201, 238b, horatupil: cod. Vindob. 2723, 18b, cod. Vindob.
2732, 22b, Clm. 18140, 14a, cod. Gotwic. 103,49b, hortubil: Clm.
13002, 219 b, horituchil J : Clm. 14689, 38 ; hörothüchil bubonem büf ■ :
Anhang zum alten und neuen Testament: Clm. 14747, 96b. — Sg.
Nom. — rors-e dumble onoerotalus . . .: Leviticus 11, 18: cod. SGalli
283, 483, rosredumble: cod. Carolsruh. Aug. CCXXXI, 11 b ; roredumble :
cod. Guelpherbyt. Wiss. 29, 82 a, roredumple : cod. mon. herem. 184,
298. rofedumble 3 : Deuteronom. 14, 18 : cod. SGalli 296, 116. rori-
dübil* corcodrillus : cod. sem. Trevir. R. III. 13, 105 a.
Zu den Reihern gehört auch die im Schilfe lebende Rohr-
dommel, deren Name bereits in der althochdeutschen Überliefe-
rung in mehreren Varianten uns entgegentritt: horotumiL horo-
tumbil, horotüchiL horotübil und roredumbil.
In der Lautform roredumble ist die letztgenannte Variante
1 c auf Rasur (Steinmeyer).
2 hörothüchil wohl Glosse zu onoerotalum des folgenden Verses,
wenn dies auch nochmals glossiert erscheint (Steinmeyerl
3 am Rande (Steinmeyer); die Bemerkung f = francice (rofredumble)
ist hier in den Text eingetragen.
4 horadümil glossiert unten onoerotalus ; vielleicht standen in der
Vorlage, aus der hier geschöpft ist (Lev. c. 11?), corcodrillus und onoero-
talus neben einander (Steinmeyer).
384 Rohrdommel, botaurus stellaris.
aber nicht rein deutsch, sondern umgebildet aus der entsprechen-
den angelsächsischen Namensform räredumle\ wahrscheinlich lag
dem deutschen Schreiber eine angelsächsische Yorlage vor. Aus
dem 15. Jh. führen Diefenbachs Glossar. S. 396 b und Novum
glossar. S. 271a die Belegformen rordum, rordum(p)t, rortrum,
rordummer, rortrummer, rordrumbel, rordrummel und die volks-
etymologisch umgedeutete Form radmüll e Radmühle' an. Die
meisten von diesen zahlreichen Belegen stammen aus mittel- und
niederdeutschen Glossaren. Die mittelniederländische Namens-
form rosdommel (jünger-mittelniederländ. roesdommer) bewahrt in
dem ersten Kompositionsglied eine alte Nebenform des Wortes
Roh}- (aus *rauz-a\ die zu diesem im Verhältnis des grammatischen
Wechsels steht. Am Mittelrhein ist sie im 16. Jh. durch Turner
Avium hist. (1544) S. C 2a bezeugt: "Germani pittourum et rof-
dommum nominant". Eber und Peucer Vocab. (1552) S.E4b haben
rofdam aus Turner übernommen, das hinzugefügte Rordummel
ist die Namensform ihrer sächsischen Heimat; daher denn auch
Rhordumel bei Siber Gemma (1579) S. 43. Zahlreich sind die
Varianten bei Gesner Hist. avium (1555) S. 210: "Rortrum I
Rordump l , aliqui non Rordump I sed Rordumpf f cribunt, alij
Rordumel / Frisij Reidomel I alij corruptius Rofdam". In Schwenk-
felds Ther. Sü. (1603) S. 225 wird von den Formen Rohr Trumrn
und Rohr Brummet die letztere als schlesisch bezeichnet. Hulsius
(1624) VII, 75 hat Rordommel, Zehner Nomenciator 1645 Vor-
rede 1609 S. 232 Rhordummel, Hohberg Adel. Landleben (1687)
II, 635 Kap. CXIII Rohrdrommel (nicht als österreichisches Wort),
Reyger Verbess. Hist. der Vögel (1760) S. 129 Rohrdommel Ein
elsässisches Zeugnis für Rohrdamel liefert das Vogelbuch des
Straßburger Fischers Baldner (1666) S. 17; heute verzeichnen
Martin und Lienhart 1 Rohrdummel aus Illkirch (Mittelelsaß). In
Niederdeutschland sind die mundartlichen Varianten besonders
zahlreich: in Preußen Rohrdrummel, Rohrdrump ) Rohrdump ) Ra-
dom 2 f. (Samland), Rohrpompe (Reyger a, a. 0.), in Mecklenburg
Rürdump, Rürdunk, Redümp 3 , in Lübeck Roddump 4 , im Hamburg.
1 Wb. d. elsäss. Mundart II, 684. — 2 Frischbier II, 209. 231.
3 Schiller Zum Tierbuche II, 14 u. Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf.
XVI, 84.-4 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83.
Rohrdommel, botaurui stellt
Vierlande Rodump 1 , in Altmarb Rodilmp*, In ( töttingen und I truben-
hagen Rdrdtim, Rördiim, Rdrigdüm^ im Münsterlande RoAr-
dommel, Rohrdom, Rohrdomp*, ostfries. Rdrdump und ReUdump 6
(zu /o/V 'Schilf). Dan, rmrdrum and schwed. rördrum stammen
aus dem Niederdeutschen. — Der zweite Bestandteil des zu-
sammengesetzten Namens, der in so vielen Varianten vorkommt,
ist ursprünglich ein lautbildendes Wort Es beruhtauf dem dumpfen
Paarungsruf, den die Rohrdommel de* Nachts erschallen läßl and
der so kräftig tönt, daß er in einer Entfernung von einer halben
Meile noch vernehmbar sein soll 6 . Voigt Excursionsbuch 8.215
amschreibt das Geschrei der großen Rohrdommel mit "ü ü prumb
— ü prumb — ü prumb", und damit dockt sich fast vollständig
die mundartliche Benennung Iprump m„ welche Schütze Bolst Id.
(Korrespondenzbl. f. ndd. Sprach! XVI 1.4) und Frischbier Preuß.
AVI». [, 312 verzeichnen; in dem Osnabrücker Dialekt kommt die
Form lknnn' 1 vor. Ähnliche onomatopoietische Ausdrücke fin-
den Vogel sind engl. dial. bumble, bogdrum, bottlebump^ butter-
bunip s , ital. trombone u. a.
Als älteste Lautform des zweiten Kompositionsgliedes sind
dum und dessen Ableitung dum-il- zu betrachten. Die Variante
-fumb(il) konnte natürlich leicht im Anschloß an tumb Mumm'
gebildet werden. Schwor zu entscheiden ist, ob das erste Kom-
positionsglied als vor e Rohr' ursprünglich ist oder ob der angel-
sächsische Name rdredumbla, -e (= mnd. rdredump\ welcher mit
rdrian (= mnd. raren) 'brüllen 3 im Zusammenhang steht, eine
iütere Gestalt repräsentiert übrigens ist die Frage von keinem
besonderen Belang, da die Veranlassung zur Dmdeutung nahe
zur Hand lag und die beiden Varianten jedenfalls schon früh
als mundartliche Namensformen bestanden haben.
Ursprünglich scheint der Name Rohrdommel mit den oben
1 Schiller Zum Tierbuche II, 14 und Korrespondenzbl. f. ndd.
Sprachf. XVII, 4. — 2 Danneil 174. — 3 Schambach L68.
4 Schiller Zum Tierbuche II. I i u. Korrespondenzbl. f. ndd. Spracht
XVI. 84. - 5 .Jb. f. ndd. Sprachf. XI. 113.
6 Martin Naturgeschichte 1,2,560 erklärt die Entstehung des Tones
daraus, daß dn Vogel den Hals voll Wasser saugt und es dann wieder
ausspeit. — 7 Schiller Zum Tierbuche II. 1 !.
8 Swainson The Folklore S. L46.
Suolahti, Yogeliiamen. 25
386 Rohrdommel, botaurus stellaris.
angeführten Varianten in Nieder- und Mitteldeutschland heimisch
gewesen zu sein. Yon dorther hat er wohl erst in neuerer Zeit
durch die Bibelübersetzung Luthers und die Schriftsprache sich
weiter verbreitet.
In Süddeutschland galten in älterer Zeit zusammengesetzte
Namen, die ahd. horo 'Schlamm' als erstes Glied haben. Yon
diesen stimmen horotumbü und horotumil inbezug auf den zweiten
Bestandteil mit den mittel- und norddeutschen Benennungen über-
ein, an welche sie sich als mundartliche Yarianten anschließen.
Ahd. horotühhil scheint eine alte Umdeutung von horotum(b)ü zu
sein; man knüpfte wohl hierbei an den Begriff 'tauchen' an.
Als primäre Bildung kann diese Namensform nicht betrachtet
werden, da die Rohrdommeln keine Taucher sind. Aus der Glosse
hortübil in den Versus de volucribus haben einige Schreiber des
14./15. Jhs., die das Wort nicht verstanden, horntaube gemacht.
Aber noch im 16. Jh. war Hortybil, wie man von Gesner a. a. 0.
erfährt, in der Augsburger Gegend geläufig. Das schweizerische
Synonymon Harvogel 1 ist aus ahd. *horovogel (d. h. Sumpfvogel)
entstanden.
Aus Niederdeutschland kennt Gesner a, a. 0. die Namen
Domphorn und Dompshorn. Junius, der im Nomen clator (1581)
S. 54b die Worte aus Gesner abschreibt, bezeichnet Domphoren
als niederländisch. Möglicherweise sind es primäre Bildungen,
die auf dem Vergleich des Naturlautes mit einem Trompeten-
stoß beruhen. Aber andererseits drängt sich der Gedanke auf,
daß in Domphorn eine alte Umgestaltung von Hordump vorliegt,
vgl. westfäl. Kelwitte für Witkele, mitteld. Zälredchen für Rod-
zeichen usw.
An der Stelle der alten Bildungen, welche mit dem ahd.
Worte horo in neuerer Zeit verschwunden sind, findet man in
süddeutschen Quellen eine Anzahl Dialektnamen, die aus der
brüllenden Stimme des Vogels hergeholt sind.
Aus Glossaren des 15. Jhs. belegt Diefenbachs Glossar.
S. 396 c die Namen moßkalb und mosvogel, von denen jener heute
in der Schweiz 2 , dieser in Steiermark 3 üblich ist. An diese
1 Staub-Tobler I, 694. — 2 Staub-Tobler VI, 1029.
3 Unger-Khull 465.
Rohrdommel, botaurus itellaris. 3*7
schließen sich Moßocht und MoßkA (Maßkü\ Vrrind. Merrhtd
(aus * Morrind) und Lo(r)rind bei Gesner Bist avium (1555)
S. 200 an. Das Letzterwähnte Synonymon, welch.'-, in der älteren
schweizerischen Literatur öfters belegt ist 1 , wird von Gesner
a.a.O. richtig mit lüyen (ahd. hluoen) "brüllen' ("quasi ein Luvend
rind") zusammengestellt Andere in den schweizerischen Mund-
arten vorkommende Ausdrücke sind Rdrchue, Börmuni (d. h.
Rohrstier), Chuevogel 1 . Der von Gesner angeführte Name Moßkü
findet sich auch als Mösku in Sibers Qemma (1579) 8. 13, als
Moßküh hei HohbergAdel. Land-Leben (1687) H, 635 Kap. < X 1 1
und in Spangenbergs Ganskönig V. 129; noch heut»' ist er in
Baiern 8 und Steiermark 3 geläufig. Aus Sachsen nennt Gesner
den Dialektnamen Wafferochs, der in Schwab. Breilochs 1 eine
Parallele hat. Als württembergisch bezeichnet er den Ausdruck
MoßreigeU doch gilt dieser auch in Österreich, vgl. Hohberg
a. a. 0.: et bißweilen gibt es auch [in Österreich] Moßraiger\
Andere Varianten sind Rorreigel (bei Gesner a. a. 0.), Bumm-
reigel 1 in der Schweiz, Rorstorck in der Übersetzung der Bücher
Plinii (1651) S. 556.
Aus Österreich führt Gesner das Synonymon Erdball an,
das zu bair. bullen (mhd. bullen) 'brüllen' gehört. Die Glosse
muspel' im Yocab. theuton. (1482) ist offenbar eine Variante
davon und als mos-pill 'Moosbrüller' zu verstehen. Eine dritte
Variante ist Bokrbrüller bei Popowitsch Versuch (1780) S. 471.
Ob mit mhd. rorphose im Heiligen Namenbuch von Konrad
Dangkrotzheim V. 145 die Rohrdommel oder ein anderer im
Rohr lebender Vogel gemeint ist, muß dahingestellt bleiben;
jedenfalls ist damit nicht — wie Lexer Mhd. Wb. 11. 488 ver-
mutet — der Storch gemeint. Der Vogelname, welcher im Elsaß
noch einmal durch das Strassburg. Vogelb. (1554) V, 630 als
Rhorpfuß bezeugt ist, ist offenbar in seinem zweiten Kompo-
sitionsteil eine Ableitung vom elsäss. Verbum pfusen e zisehen\
Turner Avium hist. (1544) S. C 2a benennt die Rohrdommel
mit dem Namen Pittouer. Das Wort, welches im Niederländischen
1 Staub-Tobler VI, 1029 f. — 2 Schmeller-Frommann 1. 1673.
3 Unger-Khull 465. — 4 Fischer I. 1394.
5 Diefenbach Glossar. S. 396c.
25*
388 Pelikan, pelecanus onocrotalus.
als butoor, pitoor (bei Jimius Nomenciator (1581) S. 54b Puttoir)
vorhanden ist, ist entlehnt ans frz. butor (niittellat. butorius bei
Albertus Magnus De animalibus S. U 7 b). Dem frz. Kamen, der
auch die Quelle für me. bitor (älter butor\ ne. bittern ist, liegt
eine vulgärlat. Bildung bo(s)-taurus zugrunde, vgl. auch frz. dial.
bceuf de marais, bceuf d'eau, taureau d'etang 1 usw. — Auffällig
ist Pickart als Bezeichnung für die Rohrdommel bei Eber und
Peucer Yocab. (1552) S. F 5 a.
In Preußen heißt die Zwergrohrdommel (botaurus minuta,
ardella minuta) Grock oder Groch 2 .
XII. Ruderfüßer, Steganopodes.
Pelikane, Pelecanidae.
Pelikan, pelecanus onocrotalus.
Ahd. sisagomo: Sg. Nom. — sisagomo pellicanus : Psalmen
101, 7: Clm. 18140, 104b, cod. Vindob. 2723, 53b, cod. Gotwic. 103,
70b, sisagomo: Clm. 22201, 245 d, sisigomo: Clm. 14689,43b; sise-
gomo: cod. Carolsruh. SPetri 87, 73b. sisagomo: cod. Selestad. f. 109b.
sisigoumo : Clm. 14689 f. 47a. hisigomo : cod. SGalli 299 p. 33. Cassia-
nus Inst. XII, 8 p. 436 (Psalmen 101, 7): cod. Selestad. f. 69b. husi-
gomo : cod. Florentin. XVI, 5, 141 a (13. Jh.). husigov : cod. Vatican.
Reg. 1701, 2b. sisigöm (sisigom, sisigam, sisegovm, fisgom): Versus de
volucr.: 5 Hss. 12. 14. 12. 13. 13. Jh., ijsigöm: 2 Hss. 12. Jh., vsigüm:
1 Hs. 12. Jh., hisigom: 2 Hss. 11./12. 12. Jh., hosigeme (huosigom, hvsi-
göm) : 3 Hss. 14. 12. 14. Jh., wisigovm (ivisgavm, wisegamo, tvisegüm,
wisgöm, ivisigo, wisegov, wisgo): 7 Hss. 14. 14. 15. 13./14. 12. 13. 13.
14. Jh. husegöm: H. S. III, 17: 3 Hss. 12. 12. 15. Jh., sisegöm: 1 Hs.
12. Jh., sisesisegoü : 1 Hs. 12. Jh., sisegomo : 1 Hs. 13. Jh., sisegeuomo:
1 Hs. 13. Jh., husegomo: XIa2: 2 Hss. 12. Jh., hisgvme: 1 Hs. 13. Jh.,
sisegomo: b: 2 Hss. 12. 13./14. Jh., hisigomo: d: 1 Hs. 13. Jh., hisi-
gom: g: 3 Hss. 12. Jh. sisegümo: cod. Oxon. Jun. 83, 4 (13. Jh.).
sisegoh: cod. Oenipontan. 711, 30 b. bisagome: Clm. 14584 f. 118 a
(14. Jh.). — Dat. — sisagomhi 3 : Psalmen 101, 7: Clm. 19440, 294,
cod. Vindob. 2732, 61 a.
Es herrschten unter den Gelehrten des Mittelalters und
der früheren Neuzeit verschiedene Meinungen darüber, welcher
Vogel der pelicanus (griech. ireXeKdvoc) gewesen sei. Vorzugsweise
1 Rolland Faune populaire II, 376.
2 Frischbier I, 254. — 3 in auf Rasur (Steinmeyer).
Pelikan. pelecaniM onocrotalüs. 389
dachte man an (l<'n Pelikan (pelecanus onocrotalüs) oder an die
Löffelgans (platalea leucorodia).
Wie viele andere Tiere, so war auch <{<•]• Pelikan in der
christlichen Zeil zum Symbol Christi geworden. Die Legende
der Alten, daß der Vogel die eigene Ilrust aufreitle, um mit dem
Blute sein» 1 Jungen zu erfrischen, wurde auf den Eeiland ange-
paßt und in verschiedenen Versionen erzählt. Auch die Malerei
hat das Thema von dein sich selbst verwundenden Pelikan oft
verwertet. Die Darstellungen dieses Motivs zeigen aber weder
den Pelikan noch die Löffelgans, sondern einen Raubvogel mit
krummem Sehnabel.
Es ist schwer zu entscheiden, ob das ahd. Wort sisigomo,
mit welchem pellicanus in den Glossen übersetzt wird, sich auf
den sagenhaften Vogel bezieht oder eine Bezeichnung für die
Löffelgans oder den gemeinen Pelikan ist. Der Name, der in
den Varianten sisagomo, hisitjomo und husigomo vorliegt, ist
vollständig dunkel. Am ehesten möchte man darin ein um-
gestaltetes lat.-griech. Wort von dem Typus des ags. feolufer
« porphijrio) vermuten, aber die Tiernamen im Leviticus und
Deuteronomium des Vulgatatextes bieten für eine solche An-
nahme keinen Anhalt. Es scheint, daß man für die Erklärung
des Namens, welcher an den Komposita auf -gomo (brütigomo,
triutigomo) eine Stütze gefunden hat, von der Variante hisigomo
ausgehen müßte 1 . Der Ausdruck, der noch in dm Winde
Psalmen auftaucht, verschwindet dann spurlos; die zahlreichen
Umgestaltungen in den Handschriften beweisen, dal) hier ein
Wort abgeschrieben wurde, das im lebendigen Sprachgebrauch
keine Entsprechung hatte.
In Deutschland ist der Pelikan ein äußerst seltener V
Nur ab und zu ist es vorgekommen, daß er sieh — wahrschein-
lich von Ungarn her — nach Deutschland «»der der Schweiz
verflogen hat. Von einem solchen Fall erzählt die österreichische
Reimchronik, welche berichtet, daß im Jahre 1.*!»)!» seltsame \
sich in Steiermark niedergelassen hätten und dort ünvogd ge-
1 Das Kompositum könnte als zweites Glied ahd. goumo, guomo
'Gaumen' enthalten und eine Benennung derselben Art sein wie die Syno-
nyma Sackyc/Hs. Kropfvogel oder Vielfras, s. unten S. 391.
390 Pelikan, pelecaims onocrotalus.
nannt worden seien; aus der Beschreibung V. 96163 ff. geht
deutlich hervor, daß es Pelikane waren. Der Ausdruck Unvogel,
den Seemüller ! aus dem verdorbenen Texte vnd vogel richtig her-
gestellt hat, begegnet schon im 13. Jh. im Jüngling Konrads von
Haslau V. 263 (: gogel) 2 . Ein Beleg aus dem 14. Jh. ist inuogel
= fulica in cod. Vindob. 1325 (Versus de volucribus) Ahd. GH.
III, 29 62 . Gesner, der in Hist. avium (1555) S. 606 den Namen
Onvogel schreibt, gibt ihn als österreichisches Dialektwort an.
Junius Nomenclator (1581) S. 58 b und Schwenkfeld Ther. Sil.
(1603) S. 311 (Ohnrogel) haben den Namen aus Gesner abge-
schrieben. — In den Wörterbüchern und anderen Werken des
16./ 17. und 18. Jhs. erscheint der Name entweder als ünvogel
oder als Onvogel geschrieben : im Lexicon Rihelii v. J. 1590
"onocrotalus eyn vnuogel 3 in Oesterreich genannt", bei Come-
nius Sprachenthür (§ 151) v. J. 1638 Unvogel., in der Über-
setzung der Bücher Plinii v. J. 1651 S. 585 "Antonius Ne-
brissensis: Der Onvogel füllet seinen Kropff mit Wasser", im
Lat.-böhm. und deutschen Wb. (Prag) v. J. 1723 Ohnvogel* usw.
Daß der Name am Ende des 18. Jhs. in Österreich nicht mehr
üblich war, sieht man aus Popowitsch Versuch (1780) S. 296 :
"Ohnvogel hieß er vormals in Oesterreich". Bei Staub-Tobler
Id. I, 693 und Grimm Wb. VII, 1224 wird die Lautform Ohn-
rogel für die ursprüngliche gehalten und für eine Umdeutung
des lat.-griech. onocrotalus erklärt; bereits bei Frisch Teutsch-
lat. Wb. (1741) II, 31c findet man dieselbe Behauptung ausge-
sprochen. Diese Annahme ist jedoch nicht richtig. Die ältesten
Zeugnisse des Namens deuten darauf, daß Unvogel kein gelehrtes
Wort, sondern ein volkstümlicher Ausdruck war. Gesner wird
das Richtige getroffen haben mit seiner Erklärung, daß der Vogel
wegen der auffälligen und von dem Gewohnten abweichenden
Art den Namen bekommen habe, wie man ja einen Menschen
auch Unmenschen nenne. Die Divergenz in der Schreibung des
Wortes erklärt sich aus der Vermischung von im- und ohn-, die
seit dem 15. Jh. 5 häufig stattfindet.
1 Zs. f. d. A. XXXVI, 54. — 2 Zs. f. d. A. VIII, 558.
3 Diefenbach Glossar. S. 396 c.
4 Diefenbach Novum glossar. S. 271 b. 272 a. — 5 Vgl. Paul Wb. 8 S. 393.
Pelikan, pelecanufl onocrotaltw. WM
Kin anderer volkstümlicher Ausdruck für den Pelikan ist
Meergans (d. h. überseeische Gans) bei Gesner a. a. 0. (vgl
Meerhäher 8. 16). Das Synonymon Schneeganß, welches Gesner
nach Agricola 1 erwähnt, findet er wegen der Mehrdeutigkeit un-
zweckmäßig. Viele Benennungen Eür den Pelikan, die in der
älteren Literatur begegnen, sind nur gelehrte Erfindungen der
Ornithologen. So z. B. Kropffuogel und Efdfchryer ("possent etiam
fingi nomina" ) bei Gesner und nach ihm bei Schwenkfeld
a. a. 0., Kropff'rogel in der Obersetzung der Bücher Plinii (1651)
s. 585 und in Spangenbergs Ganskönig (8. 14) V. 130. Den An-
druck Sackgans fuhrt zuerst Schwenkfeld an, ebenso wie den
Namen Vielfras. Popowitsch Versuch (1780) 8. 296 findet jenen
sehr geschickt, zieht aber diesem eine von Halle gebrauchte Zu-
sammensetzung Waffervielfraß vor. Nach Popowitsch wird der
Pelikan in Sachsen und im Lande ob der Enns Kropf gans genannt,
in Österreich und Steiermark wieder Nimmer fatf. Dieser Name
kommt schon in Simperts Diarium v. J. 1701 S. 37, dann in
Ludwigs Deutsch.-engl. Wb. (1716) vor. Klein Hist av. prodr.
(1750) S. 127 bezieht ihn auf den roten Löffler (platalea rosea).
Derartige Namen w-ie Nimmersatt usw. sind offenbar für
gezähmte Pelikane erfunden, die in fürstlichen Vogelhöfen ge-
halten und gezeigt wurden. Berichte von gezähmten Pelikanen
findet man öfters in der älteren ornithologischen Literatur.
Willughby Ornithologia (1676) S. 246 erzählt, daß er im Kgl.
Jakobs -Vogelgarten in der Nahe von Westminster einen Pelikan
gesehen und daß die vom Russischen Kaiser zum König von Eng-
land geschickten Boten unter anderen Geschenken auch zwei
Pelikane mitbrachten. Auch der Herzog von Baiern soll — wie
Willughby erfahren hat — an seinem Hof einen in der Donau
gefangenen Vogel gehabt haben, der dort 40 Jahre lebte. VgL
auch Frisch Vorstellung der Vögel (1763) XT, B4b.
Eine Bezeichnung für den gezähmten Pelikan ist auch der
im 16. Jh. vorkommende Ausdruck Vogel Hein, welcher anläß-
lich einer Umfrage im Urquell (Zeitschrift für Volkskunde) 1907
S. 304 mehrere falsche Deutungen veranlaßt hat. A.a.O. zitiert
Branky eine im Mecklenburgischen Archive befindliche Quittung
1 De animantibus subterraneis (1549) S. 3a: onocrotalus Schneegans.
392 Pelikan, pelecanus onocrotalus.
des Malers Simon Huene zu Güstrow vom 14. April 1594, worin
der Empfang von 2 fl. 8 szl. für "2 Laken, darauf der Vogel
Hein gemalet, der auf Wackerbart seinen Diech geschossen",
bestätigt wird. Ein anderes von Branky angeführtes Zeugnis
für den Vogel Hein stammt ans der Stadt Mecheln und findet
sich in den Denkwürdigkeiten Bartholomäus Sastrows IL Teil,
10 Bd., 11 Kap., S. 625/26 : "Dessgleichen habe ich gesehen Vogel
Heinen, wovon man sagt, dass er, wenn der Keyser Maximilianus
primus, des jetzigen Keysers Vranherr, hatt wollen uorreissen,
allewege zeitlich an den Ort geflogen, dahin der Keyser auf den
abend ankommen werde; der Keyser hatt jme so viell vormacht,
das er die Zeit seines Lebendts Wartung und Unclerhalt, die
fraw, so auf ihn wartete, freye Wohnung und Feurung hatte.
Dan er war zu der Zeit alt vnd kael das er stets ein warmb
Stuben haben, vnd wer ine sehen wollte, der frawe etwas geben
mohte, also seinetwegen ein gut Lohn hatte".
Daß mit dem Vogel Hein der Pelikan gemeint ist, kann
man aus Gesner Historia avium (1555) sehen. Er erzählt
hier, daß in der Stadt Mecheln seit fünfzig Jahren ein zahmer
Pelikan genährt wird, den man dort Vogelheine oder Vogelhain
nenne. Gesner beruft sich hierbei auf seine Freunde Turner
und Culmannus Oppingensis, welche es ihm brieflich mitgeteilt
haben. Aus der Hist. avium hat Junius Nomenciator (1581)
S. 58 b die Namen Vogelhaine \ Vogelheyn abgeschrieben und be-
zeichnet sie als niederländische Ausdrücke. In den ornitho-
logischen Werken der folgenden Jahrhunderte wird der Name
dann immer weiter geschrieben. Der Name Hein erklärt sich
ganz einfach als die Koseform des Personennamens Heinrieh;
er wird in Niederdeutschland stellenweise auch für den Storch
verwendet. Offenbar hatte gerade der in Mecheln sich befindende
zahme Pelikan den Namen Hein erhalten. Im Laufe der Zeit bil-
deten sich von dem seltsamen Yogel allerlei Sagen, wie man aus
dem Bericht Sastrows ersieht 1 . Durch die ornithologische Litera-
tur, die auf Gesners Hist. avium fußte, wurde der Name des
1 Der Vogel hatte wohl wirklich dem Kaiser Maximilian gehört;
dazu stimmt ja auch die Zeitangabe bei Gesner. An fürstlichen Höfen
wurden öfters Pelikane gehalten, s. oben S. 391.
Scharbe, gracalua carbo, phalaerocorai carbo.
gezähmten Pelikans weiter bekannt, and so begreift es sich, daß
im Jahre L594 ein zufällig in Mecklenburg erlegter Vogel eben-
falls Vogelhein genannt wird. Der erklärende Zusatz Vogel \s\
öfters vor Namen fremder Vögel zu finden, vg\. Vogel 8trauß,
Vogel Greif usw. (S. 224), auch Vogel Pelikan.
Das aus lat-griech. pellicanus stammende Wort Pelikan ist
in dem 1 1. Jh. in den Versus de volucribus (Alid. Ml. III. -7 39 )
als pellican belegt; westfäL Vogel PUUkan (Woeste 8, L98).
Scharbe, graculus carbo, pbalacrocorax carbo.
Ahd. scarva: Sg. Nom. — skarua mergulus: Leviticus 11. 17:
cod. Carolsruh. Aug. IG f. 86a. scann: Aldhelm. de laud. virg. 142. 17
cod. Turic. C 59, 6b, cod. SGalli 242, 60. cod. SGalli 299 p. 33. Vergil.
A. V. 128: Clm. 18059, 194 d. ibis : Prudentius P. Rom. 258: cod.
Prägens. VII H. 4, 31 b ; scariua auis egipeiaea l steingeiz ibis : Clm.
14395, 66b, cod. Parisin. nouv. acquis. 241, 66a. sedrba : Notker Ps.
101, 7. scarba: Notker WPs. 101, 7. H. S. III, 17. Xle. scarbee locun-
cula. i. genus auis in paludibus : cod. Wirziburg. Mp. th. 4° 60 f. 106 a.
scariuo ibin: cod. Vatic. Reg. 1701, 2 b. scarbo: II. S. XI g. fulica :
Versus de volucr. : cod. Admont. 106, cod. Admont. 476. scaruo ibin:
Anhang zum alten und neuen Testament: Leviticus 11. 17: Clm.
14747. 96b : tnchari.t scarabo mergulus: cod. Fuld. Aa 2, 43a. tuchari.
t.carabo: cod. Carolsruh. Aug. CCXLVIII, 106 b; sceretio ibin : Clm.
13002,219b, scereite: Clm. 22201,238b. scarue ibis: Gll. Salomon.
al, scarni: d: Clm. 23496, 5b. — Akk. — scarua meridiana pars
ibices aues uocant que nili fluentis inhabitant et semetipsas pur-
gant. rostris snapalun () Ibin: Job 39, 1 : Clm. 19440, 136. Leviticus
11, 17: cod. Oxon. Jun. 25 f. 98a; scarira ibin: Clin. 18140, 14a.
scariua: cod. Vindob. 2723, 18b, cod. Vindob. 2732, 22 b. ibin: Clm.
L4689 f. 17 a. — PI. Dat. — scarbon : Vergilius A. V. 128
Tridentin. 1660, 87 a.
Das Wort Scharbe ist ein gemeingermanischer Vogelname.
Den althochdeutschen Nfamensformen scarva : xcarba, welche durch
grammatischen Wechsel mit einander verbunden sin«!, entspricht
im An^elsüchsisrhrn die durch Lautversetzung entstandene Form
scroti und im Altnordischen skarfr(dÄu. skarv : schwed. dial. aßar/).
Bei Falk und Torp Et ordb. II, 17:!f. wird german, *soartha(n\
**<-arb-n zur Ldg.Wurzel *skerep 'einen schnarrenden Laut her-
vorbringen 3 (anord. skrafa "plaudern, reden', schwed. skrafla "<
rasselnden Laut hervorbringen', ags. scearfian 'kratzen' usw.
394 Scharbe, graculus carbo, phalacrocorax carbo.
führt. Die Scharbe hat also ihren tarnen von den krächzenden
rabenartigen Lauten erhalten, welche auch bei der Bildimg
anderer Synonyma, wie engl, sea-crow, norweg. s#eravn, frz. cor-
moran « corvus marinus), mitgewirkt haben; für diese Namen
kommt natürlich auch die schwarze Farbe des Yogels in Betracht
Dem niederdeutsch -niederländischen Sprachgebiet fehlt
die zu erwartende Namensform scarva ; dafür finden sich hier die
anklingenden mnd. scholver, schulver, nndl. scholver 1 (scholferd),
schollevaar, fries. skolfer 2 , welche mit dem angelsächsischen Worte
scealfor, scealfra zusammenhängen. Franck Et. Wb. S. 854, Ver-
coiülie Et. Wb. S. 254 trennen diese Wortgruppe von den hoch-
deutschen Namensformen und erklären sie aus ags. scelfan 'unter-
tauchen 5 (ndl. scholpen 'plätschern'). Aber das herangezogene
angelsächsische Verbum dürfte tatsächlich nicht existieren, son-
dern scheint nach Leo Angelsächs. Glossar S. 247 fälschlich an-
gesetzt zu werden. Richtig ist wohl die Annahme von Kluge 3 ,
daß ags. scealfor mit ahd. scarba in Verbindung steht und aus
einer erweiterten Form *scarbar- durch Dissimilation hervorge-
gangen ist. Für die Richtigkeit dieser Deutung spricht nämlich
die Dialektform Sköarwer* auf Helgoland, in welcher die Zwischen-
stufe *scarbar- erhalten ist. Die dem angelsächsischen Worte
entsprechende Lautform auf dem Kontinent ist ndd. Scalver (bei
Gesner Hist. avium S. 131 und Frisch Vorstellung der Vögel (1763)
XI, C 1 b), das schon im 12. Jh. in der Glosse scaluaron mergis
cod. Cheltenham. 7087, 144a bezeugt ist. Damit stehen mnd.
scholver, schidver im Ablautsverhältnis. Vielleicht ist die un-
dissimilierte Stufe dieser niederdeutschen Lautformen in dem
anord. Vogelnamen skurfir vorhanden, der unter den Glossen
der Snorra-Edda steht.
Die Kormoranscharbe ist die einzige Art der Scharben,
die in Deutschland vorkommt. Nach den Angaben bei Naumann-
Hennicke XI, 55 f. ist sie in den östlichen und nördlichen Teilen
des Landes erst in neueren Zeiten bekannter geworden, in den
1 Scholuer bei Junius Nomenciator (1581) S. 55 a.
2 Dijkstra Wb. III, 119.
3 An English Miscellany presented to Dr. Furnivall in honour of
his 75 th birthday S. 199. — 4 Frommann D. Mundarten III, 33.
Scharbe, gracolua carbo, pbalacrocorax carbo. 895
südwestlichen und mittleren Teilen sowie in dei Schweiz findet
man sie sehr selten. Zur Zeit Notkera wai dies wohl nicht
der Fall, wie man ans einer Bemerkung in der Psalmenüber-
setzung vielleicht schließen darf: M daz er [pellicanus] nir-ht des
neferdeuue iU>± er Eerslindet aiem 4 mSr danne hier in dfsen
seuuen diu scdrba". Dieselbe Anschauung, welche in den Worten
Notkors zutage tritt, findet sich auch in dem Verse (IV, 6) des
Iraugemundsliedes aus dem 14. Jh.: "der scharbe ist äne ma
(Müüenhoff-Scherer Denkmäler I. L93). Im Hl. Jh. berichtet I Mesner
Hist. avium S. 131 ff., daß die Scharben im Herbst an die schweize-
rischen Seen zu kommen pflegen und daß ihre Ankunft ein
Vorzeichen strenger Kälte sein soll; man nenne sie in deT Schweiz
Seharb oder Netzescharb. Auch das Strassburg. Vogelb. v. J. 1 55 1
V. 345 verzeichnet Scharb unter den Wasservögeln. Baldner
Yogelb. (1666) S. 13 verwendet die auf ahd. scarva beruhende
Parallel-Form : "Ein Scharf(f) ist bey uns unbekant, und gibt
deren nicht viel". Heute ist die Namensform im Elsaß aus-
gestorben 1 . Auf bairisch-fränkischem Gebiet ist der Name in
der Pluralform Scherbn bei H. Sachs Der unglückhaftig Pirser
(1555) IV, 286, 16 bezeugt.
In der ornithologischen Literatur der letzten Jahrhunderte
werden neben den niederdeutsch-niederländischen Namensformen
manchmal recht auffällige Varianten zitiert. So nennt Gesner
a.a.O. neben Scalueren (in Stettin Schulderen) auch Schalucheren,
Scholucheren und Scolucherez, Schaluchhorn] daher bei Schwenk-
feld Ther. Sil. (1603) S. 246 Schaluchhorn. Die Quelle, aus welcher
diese Formen geschöpft sind, ist Albertus Magnus De animalibns
S. Y 2 b, wo der Name fcoluchere angeführt wird. Da der Druck
des deutschen Textes bei Albertus sehr oft schlecht ist, müßte
man, um diese Namensform als zuverlässig betrachten zu können,
eine Bestätigung derselben haben, aber es fehlt an selbständigen
Zeugnissen. Fischart, der im Gargantua S. 237a Scholucher er-
wähnt, hat diesen Namen ebenso wie viele andere a. a. 0. ge-
nannte Vogelnamen offenbar durch die Lektüre gelehrter Li-
teratur kennen lernen. Zu streichen ist die Variante fcolucherez,
welche bis in die neueste Zeit aus Albertus weitergeschleppt ist
1 Martin-Lienhart IL 432.
396 Scharbe, graculus carbo, phalacrocorax carbo.
Sie stammt nämlich aus Drucken, die e$ als Zeichen für die
Endung en haben.
Ein Name der Scharbe steckt in der althochdeutschen Glosse
alacra: Sg. Nom. — alacra onocrotalus: cod. Parisin. 12269 f. 58 b.
dof : hfugal ut alaf:cra . ut tut: heri mergulus nigra auis mergit se sub aqua
pisces querere: Leviticus 11, 17 : cod. SGalli 283, 483, cod. Carolsruh. Aug.
CCXXXI, IIb; dohfiifgal. uel alafcra. ut tuheri: cod. Guelpherbytan. Wiss.
29, 81b. 82 a, doh fu : gdl. t alacra t tuhheri: cod. Vindob. 1042, 130a, cod.
mon. herem. 184, 297, Clm. 6227, 49b, Clm. 18528, 1, 73a, tuhfogal t. alac. t
tuhheri: Clm. 5116, 80a; doWfugal t. alacra. t tuhhari: Clm. 18140, 14a.
Die von Bruinier KZ. XXXIV, 361 aufgestellte und von
Walde Lat. et.Wb. S. 17 s. v. alcedo u. a. angenommene Etymo-
logie, wonach das althochdeutsche Wort mit lat. alcedo 'Eisvogel'
urverwandt wäre und mit altind. arcati 'strahlt' usw. als 'Schiller-
vogel' zu verknüpfen sei (s.S. 195), ist nicht richtig. Der deutsche
Yogelname ist nämlich ein internes Kompositum dla-crä 1 und
bedeutet 'Aalkrähe*. Damit stimmen überein dän. aalekrage 2 ,
norweg. aalekraake, schwed. älkräka (älkrok); andere Synonyma
derselben Art sind Äelgüß {= Aalgans) aus Xiederdeutschland bei
Gesner Hist. avium (1555) S. 131 und nndl. aalscholver* (= Aal-
scharbe). Die Scharbe hat diese Namen erhalten, weil sie mit
besonderer Vorliebe Aale frißt. Der Vergleich des Vogels mit
krähen- und rabenartigen Vögeln tritt außer in alacra auch zu-
tage in dem schlesischen Namen See Rabe bei Schwenkfeld Ther.
Sil. (1603) S. 246. Sonst wird die Scharbe auch als Gans auf-
gefaßt, vgl. die ndd. Namen Aelgüß und Scluvemmerganß bei
Gesner S. 119. 131 und Baumgans (Baumente) in Preußen 4 .
Den synonymen Ausdruck Vuchtars, den Gesner aus Mur-
mellius zitiert, erklärt er daraus, daß der Vogel beim Fliegen
sich nur so wenig erhebt, daß der Schwanz im Wasser bleibt;
aus Gesner haben dann Schwenkfeld, Klein u. a. Feucht Ars
übernommen. Bei den Fischern an der Oder soll die Scharbe
— wie Frisch Vorstellung der Vögel (1763) XI, C la mitteilt —
1 Die Erhaltung des Kompositionsvokals nach der langen Stamm-
silbe findet man auch im ags. celepüta 'Quappe'.
2 Molbech Wb. S. 3.
3 Woordenboek der nederlandsche Taal I, 26.
4 Frischbier I, 58.
Möwe, Laras. 397
wegen des Fischraubens Vielfraß heißen. Aber der a. a. 0. ge-
nannte Name Schlucker, der von den späteren Ornithologen
weitergeschrieben wird, scheint nur eine [nterpretation der von
Albertus gegebenen NFamensform Scholucher (s. oben) zu sein.
— Die heute in der Wissenschaft übliche Benennung Cormoran
(aus frz. cormoran > engl, cortnorant) erscheint als Gormorani bei
Hohberg Adel. Land-Leben (1687) II. 639 Kap. CXIL
XIII. Langschwinger, Longipennes.
Möwen, Laridae.
Möwe, larns.
Andd. meu: Sg. Nom. — meu larus : Leviticus 11.16: cod.
Parisin. 2685, 50b ; mtßu : cod. SGalli 283, 482, meß\a x \ cod. Carolsruh.
Aug. CCXXXI, IIb; meum larum genus auis. et uocabitur saxonice:
cod. SPauli XXV d/82, 37b, cod. SGalli 295, 127, cod. SGalli 9, 276,
meü larus uocatur saxonice. nostri mufsare: cod. Vindob. 1761, 46b ;
smea 2 : cod. Guelpherbytan. Wiss. 29, 81b, mersa : : cod. Vindob. 1042,
130a, Clm. 18528, 1, 73a, m*sa :i : Gm. 17114,74a; meh larum. in
diutisco dicitur: Anhang zum alten und neuen Testament: Clm.
14747, 96a. smea 4 : Deuteronomium 14, 15: cod. SGalli 296, 116.
Die Möwen sind, wenn auch nicht ausschließlich, so doch
in der Hauptsache Küstenvögel; besonders häufig und artenreich
treten sie an den Küsten der nordischen Meere auf. Den ger-
manischen Völkern, welche diese ausgedehnten Küstengebiete
bewohnen, den Niederdeutschen, Holländern. Friesen, Engländern,
Skandinaviern, ist der Möwenname gemeinsam: mnd. me\w : und.
mew{e\ mndl. meeuwe (meeu, meice), nndl. meeuu\ fries. meau, mieu,
ags. ma?u\ me. mew, ne. meto und anord. mar neben den Ab-
leitungen mdki (dän. maage, schwed. dial. mäka) und mdsi (dän.
maase, schwed. mäse). Die gemeinsame Grundform dieser Be-
nennungen ist mit Rücksicht auf die althochdeutsche Glosse
meh als *maihtva- : *mai(g)wa- : *mai(g)m- angesetzt worden. Im
Anschluß an Uhlenbecks Deutung PBB.XX, 328 hält man den
Yogelnamen für vorwandt mit altind. mecaka- 'dunkelblau* (aus
1 Rasur von s (Steinmeyer).
2 smea auf größerer Rasur (Steinmeyer).
3 entstellt aus meu (Steinmeyer). — 4 d. h. m*«a (Steinmeyer).
398 Möwe, larus.
idg. *moiq-os). — Diese Etymologie, welche nur auf den Lautan-
klang eines altindischen Farbennamens aufgebaut ist, ist jedoch
schon an und für sich höchst hypothetischer Natur. Ferner ist aber
auch die für die germanischen Namen erschlossene Grundform
keineswegs sicher.
Eine rein althochdeutsche Form darf auf Grund des oben
angeführten Glossenmaterials nicht angesetzt werden. Im Hoch-
deutschen war der Yogelname von Hause aus nicht heimisch.
Die vielfach verdorbenen Belege in den zitierten Bibelglossaren,
die offenbar alle mit einander zusammenhängen, sind aus einer
angelsächsischen Vorlage abgeschrieben; der Vermerk 'saxonice'
ist hier nicht als 'sächsisch', sondern als 'angelsächsisch' zu ver-
stehen. Auch die Glosse meh darf trotz des Zusatzes e in diu-
tisco dicitur' nicht als hochdeutsches Wort in Anspruch ge-
nommen werden. Die hier in Betracht kommende Handschrift
ist nahe verwandt mit den übrigen angelsächsische Bibelglossen
aufweisenden Handschriften, und die vorliegende Namensform
muß als eine Verhochdeutschung des angelsächsischen Wortes
betrachtet werden. Aus den angeführten Belegen in den alt-
hochdeutschen Glossen kann man also nur einen angelsächsischen
Möwennamen herauslesen, und zwar sind die Formen, welche
man für die angelsächsische Vorlage gewinnt, meu und mea, die
zu den in rein angelsächsischen Quellen sich findenden Belegen
meu und meaw stimmen; ferner ist der angelsächsische Name
noch in den Formen mmv und meg (in den alten StGaller GH.,
Ahd. Gll. IV, 460 1] ) überliefert.
Die gemeinsame urgermanische Lautgestalt des Möwen-
namens ist schwer zu ermitteln 1 . Möglicherweise haben wir es
hier mit einem Worte zu tun, das in alter Zeit von einem Volke
zum anderen gewandert ist. Bei Albertus Magnus De animalibus
S. Y 5 b findet man die Behauptung, daß die Möwen von der
Stimme den Namen haben ("ab imitatione uocis fic dicte"). Viel-
leicht liegt dem Vogelnamen ein lautmalendes Verbum zugrunde,
1 Während Chadwick Studies in Old English S. 49, Kluge Et. Wb. 6
S. 274, das NED. s. v. mew u. a. für die Grundform einen Diphthong ai
ansetzen, sehen Sweet The Stud. Dict. S. 113 und Skeat Concise Et. Dict.
S. 325 in derselben ein langes westgermanisches ü.
Möwe, latus.
mit dem man das Allanen der Katzen bezeichnet, rgL mini.
mdwen, n<ll. maattwen^ mittelengL mawen, ne. meto. Das wimmernde
Geschrei der Möwen hat auch den Ausdruck mercatte^ merekatee
veranlaßt, mit dem einige Glossatoren des L5. Jhs. 1 diese Vögel
benennen. Aus irgendeiner germanischen NTamensform Btammt
afrz. motte (nirz. mouette) 'Möwe*, Qormann.-picard mauve*', zu
beachten sind daneben die picardischen Nebenformen mtoutv,
miatde, miaux. Lit mevas *Möwe* ist wohl ans dein Niederdeutschen
entlehnt.
Das erste Zeugnis für den Möwennamen in Deutschland
bietet Albertus Magnus a. a. 0., der ihn ausdrücklich den Küsten-
bewohnern zuschreibt: "ab iftis auibus et malte alie aues apud
marinos meäce uocantur". Die schlechte Überlieferung der
deutschen Worte bei Albertus läßt uns auch hier keine sichere
Lautform des Namens gewinnen. Erst im 15. Jh. haben wir den
ersten sicheren Beleg auf hochdeutschem Boden; in einer Straß-
burger Stadtordnung v. J. 1449 (Brucker Straßburg. Zunftverordn.
S. 18S) werden unter anderen Vögeln auch die metaen genannt.
Gesner, der in seinem Vogelbuch Albertus zitiert, gibt als deutsche
Namensform Meto \ Meb (S. 563) und Meicb (S. 118) an; bei Turner
Avium hist. (1544) S. D 7 a eyn wyß Meue. Im Elsaß ist das
Wort durch das Strassburg. Vogelb. v. J. 1554 bezeugt, das V.356
Mebb schreibt; Golius Onomasticon v. J. 1579 Sp. 292 verzeichnet
<e lari Meben \ Metren \ In Baldners Vbgelb. v.J. 1660 werden die
Seemühben (See Meb, Ein frembde See Meben) als seltene Er-
scheinungen erwähnt. Junius gibt in seinem Nomen clator \. .).
1 581 gegen seine Gewohnheit keine deutsche Namensform an, nur
ndl. Mieuwe ! Witte zee meeuirr S. 55a. 571). Der Züricher Vlrgil-
kommentar v. J. 1581 S. 708 nennt die Pluralform Maren: nach
Gesner führen Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 294 {Schwartoer)
Meue und Aitinger Bericht v. d. Vogelstellen (1631) S. 72 Mebe
an. In dw Angenehmen Landlust (1720) S. 227 und in Zorns
Petino-Theologie II, 437 begegnet das Wort in der Form die
Mcrc hei Döbel Eröffn. Jägerpr. (1746) S. 72 See-Möven, bei
1 Diefenbach Glossar. S. 319 b.
2 Die französischen Worte können sowohl german. *maiu- wie *w7v-
als Etymon haben.
400 Möwe, larus.
Popowitsch Versuch (1780) S. 394 die M6ve\ einige andere Be-
lege in Grimms Wb. VI, 2167. In den hochdeutschen Volks-
mundarten ist der Name nicht geläufig.
Von den zahlreichen Möwenarten ist nur die Lachmöwe
(larus ridibundus) im Binnenlande Brutvogel; sie ist an den
deutschen Binnenseen und Flüssen sehr häufig. Gesner, der in
seiner Darstellung der larus-Gattung die Binnenseemöwen von
den Meermöwen unterscheidet, nennt die Lachmöwen mit dem
heimischen Dialektnamen Holbrot I Holhrüder (S. 563). Ein zweites
Zeugnis dieses Namens im 16. Jh. stammt ebenfalls aus Zürich:
"scylla ein kobel Lerch oder Mewen gattung (wie wir die holbrotin
nennen)" im Virgilkommentar v. J. 1581 S. 708. Staub-Toblers
Id. V, 417 belegt Hollbruder aus dem Jahre 1692 und die um-
gekehrte Kompositionsform Brodholi aus dem Jahre 1661. Den
Ausdruck erklären Staub und Tobler II, 1155 als 'Brotholer',
indem sie auf Joachim von Watts Hist. Schriften 1546 vollendet
(herausg. von Götzinger) hinweisen, wo folgende Episode erzählt
wird : "Und flugend die wilden enten und ander gefügel Zürich
[im Winter a. 1435] in die statt. Es ward ouch an ein buoss
verboten, dass in niemann kein leid tuon dorst. Die liessend inen
brat fürwerfen und hottend das; so gemach hatt' si der hunger
g'machet". Diese Deutung, welche die Entstehung des Ausdrucks
an einen bestimmten Ort verlegt, gewinnt dadurch an Wahr-
scheinlichkeit, daß die oben angeführten ältesten Zeugnisse des
16. Jhs. gerade aus Zürich stammen. Daß Fisehart schon den
Namen als Schimpfwort gebraucht und daß später Spangenberg
ihn im Ganskönig erwähnt, spricht nicht dagegen, denn beide
Autoren führen öfters Vogelnamen an, die sie aus der gelehrten
Literatur haben kennen lernen. Die Namensform Holbrot, woraus
dann durch Umdeutung Holbruder entstanden ist, kann auf einem
Lockruf der Möwen beruhen, sie könnte aber auch als Um-
stellung von Brotholi aufgefaßt werden, vgl. z. B. Röthiiserli für
Hüsroteli u. a.
Aus der Gegend am Bodensee führt Gesner als Synonymon
zu Holbrot den Namen Alenbwk an, den schon Eber und Peucer
Vocab. v. J. 1552 S. E 7 b in der Pluralform als Albuken belegen.
Der Ausdruck ist noch heute in dem angegebenen Bezirke ge-
Möwe, larus. 401
bräuchlich and wird auch für die Seeschwalbe verwendet Auf
schwäbischem Dialektgebiel erscheint das Wort stellenweise als
Bezeichnung des Fischreihers 1 . Der Vogelname Bcheinl mit dem
schweizerischen Fischnamen Albock 'Blaufelchen' (auch MLcL\
Albich, Alpk) ein und dasselbe Worl zu sein, aber die Etymo-
logie bleibt dabei unklar. Der Zusammenhang des Vogelnamens
mit lat albus 1 *weiß' ist ganz unsicher. Er sieht eher wie ein
Kompositum aus umi könnte ers< sekundär mit dem Fischnamen
— der vielleicht mit albus in Verbindung steht — zusammen-
gefallen sein. Naumann Naturgesch. (Kd. Hennicke) XI, 240
nennt, leider ohne seine Quelle zu erwähnen, unter den Synonyma
für die Silbermöwe auch den Ausdruck Raukaüenbeck. Die ur-
sprüngliche Form dieses verhältnismäßig spat überlieferten und
offenbar umgestalteten Vogelnamens ist nicht mit Sicherheit zu
ermitteln.
Xeben albuhen = albae gauiae erscheint bei Eber und Peucer
a. a. 0. in gleicher Bedeutung die Pluralform Seegallen, eine
ähnliche Bildung wie Nachtigall (vgl. S. 37). Ob dieser Name
der Möwe wirklich in Deutschland lebendig gewesen ist, scheint
jedoch zweifelhaft. Die angeführte Glosse kann nämlich, wie
einige andere Namen bei Eber und Peucer, aus Turner Avium
hist. (1544) S. B 8b stammen, und hier ist feegell als englisches
Wort angegeben.
Heutzutage nennt man die Lachmöwe an einigen Orten
in der Schweiz Giriz 3 , an anderen Orten wird damit die See-
schwalbe und stellenweise auch der gemeine Kibitz bezeichnet
Der Ausdruck Girlitz im Strassburg. Vogelb. 4 Y. 345 unter Be-
zeichnungen der Wasservögel ist offenbar eine Variante des
angeführten schweizerischen Wortes. Der Name schließt sich
an die Bildungen auf -itz an, die ihren Typus aus dem Slavischen
erhalten haben, vgl. Stieglitz S. 117. In diesem Falle liegt jedoch
1 Vgl. Staub-Tobler IV, 1127 und Fischer I.M2!».
2 Fischer Schwab. Wb. a. a. 0. spricht mit Reservation die Vermutung
aus, daß der Name entlehnt sei; Staub und Tobler Id. a. a. 0. halten ihn für
eine alte germanische Bildung (mittels des bekannten fc-Suffixes . die sich
später an Bock anlehnte.
3 Staub-Tobler II, 407.
4 Der Girlitz wird hier mit dem Namen Girlin bezeichnet, vgl. S. 132.
Suolahti, Vogelnamen. 26
402 Möwe, larus.
kein slavisches Etymon zugrunde ; Schweiz. Giriz ist im Anschluß
an die Worte auf -Uz von derselben lautbezeichnenden Wurzel wie
Geierschvalbe (vgl. S. 22) gebildet und bezieht sich also auf das
Geschrei des Yogels, welches wie bei den möwenartigen Vögeln
überhaupt aus kr-kr-Rufen besteht. Daher haben auch die See-
schwalben auf Helgoland den Namen Kerren 1 . Friderich Martens
erwähnt in seiner Spitzbergischen Reisebeschreibung (1675) S. 66
die Kinnewc, nach Popowitsch Versuch (1780) S. 395 ist der
Ausdruck Kimnöce "kein Namen einer besonderen Art, weil
mehrere kirren". Im Anhaltischen hat die Lachmöwe wegen ihres
krächzenden Geschreies den Namen Seekrähe 2 .
In der Schweiz nennt man diese Möwenart Botgans 5 wegen
des roten Schnabels und der roten Füße und Pfaff 3 wegen des
schwarzen Kopfes. In Lübeck heißt sie Heringsmew^ in Preußen
Haffmöre und Melhafter' . Die letztgenannten Benennungen
werden übrigens für die Möwengattung im allgemeinen ver-
wendet, der Ausdruck Heringsmöive ganz besonders auch für die
kleine Mantelmöwe (larus fuscus).
Im Binnenlande, wo die meisten Möwenarten unbekannt,
einige nur auf dem Durchzuge bekannt sind, nennt man sie oft
Seemöven (z. B. bei Gesner, Baldner u. a.) und versteht unter
diesem Ausdruck dann auch die Seeschwalben. Überhaupt werden
die Ausdrücke Seeschicalbe und Seemöice ganz promiscue ge-
braucht, und die ältere Ornithologie macht keinen Unterschied
zwischen den beiden Vogelgattungen sterna und larus, sondern
vereinigt sie beide unter dem Namen larus. Schwenkfeld Ther.
Sil. (1603) S. 292 ff. unterscheidet in dieser Gattung vier Arten;
mit den beiden ersten Möwen (larus major cinereus = Ein
iceiffer Seefchwalbe ! gr offer Seefchwalm I graicer MeerfchwaJm I
Fisch AJir und larus albus capite rubeo = Ein rot köpfichter See-
fchwalbe) sind wohl nur Varietäten der Lachmöwe gemeint. In
Zorns Petino-Theologie (1743) II, 438 wird dieser Vogel Fischer
1 Frommann D. Mundarten III, 33.
2 Naumann-Hennicke XI, 206.
3 S. Staub-Tobler II, 374. V, 1061.
4 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83.
5 Frischbier I, 265. II, 60.
Seeschwalbe, iterna.
genannt, während eine "gröffere Gattung" dort die Rhein- odet
See-Mac heißt, "Veil ße Beb nur ;uii groffen Bluffen wie der
Rhein ift oder auf 8een aufhall and alfo bey ans nicht ein«
beimifch ift". In der Angenehmen Land-Lust ( 1 7 J u ( s. 227 wird
dieser letztere Vogel mit der großen Art gemeint, 'li''
gröffer als «'in«' recht groffe Taube" ist and «li»- "weil fie Fifoh
E&ngel Fifcher genant wird".
Seeschwalben, Sternidae.
Seeschwalbe, stein a.
Die Namen Seeschwalbe und Meer seh w<dbe, die auf den
charakteristischen Körperbau dieser möwenartigen Vögel hin-
weisen, erscheinen zuerst in der Literatur des 16. Jlis. : Meer-
schwalb bei II. Sachs Regim. der Vögel (1531) V.214, Sehfchwalm
im Strassburg, Vogelb. v. J. 1554 V. 383.
Gesner, der diesen Ausdruck aus Straßburg kennt und den
Namen Meerfchwalm ebenfalls (nicht in der Schweiz) gehört hat,
erwähnt drei verschiedene Arten dieser Vögel. Unter dem wissen-
schaftlichen Namen sterna ("Frisij hanc auem Stirn appellant")
beschreibt er in Hist. avium S. 564 f. die in vielen Gegenden
Deutschlands bekannte Flußseeschwalbe (sterna hirundo) und
nennt sie mit dem heimischen Namen Schnirring (von dem Ver-
bum schnirren, welches die Stimme des Vogels wiedergibt).
In der Form Schniring begegnet der onomatopoietische Name
auch im Strassburg. Vogelb. V. 348. Als straßburgische Be-
nennung der Seeschwalbe nennt Oesner jedoch einen anderen
Namen, das als Bezeichnung des Mauerseglers S. 20 f. erwähnte
"Wort Spyrer. In den Straßburger Quellen ist dieser Name im
Sinne von Seeschwalbe seit dem L5, Jh. öfters zu belegen: spirer
in den Stadtordnungen v. J. 1449 u. 1459 (Brucker Straßburg.
Zunftverordn. S. 226. 230) und im Strassburg. Vogelb. v. J. 1564
V. 346, der Spyrer in Spangenbergs Qanskönig V". L31, ein Sprint
in Baldners Vogelb. v. J. 1666 S. 43; auch heute wird der Vogel
in Straßburg das SpirJe und Rhinspirel 1 genannt. Die Über-
L Martm-Lienhart II, 54(> geben als Bedeutung von Spirle "kleine
weiße Möwe" und von Rhinspirel "Rheinmöwehen, das zu bestimmten
Zeiten am Münster und an Wasserläufen zu finden ist"; offenbar ist damit
die Flußseeschwalbe (oder die Zwergseeschwalbe) gemeint.
2&
404 Seeschwalbe, sterna.
tragung der Benennung des Mauerseglers auf die Seeschwalbe
erklärt sich daraus, daß dieser Yogel ebenso wie jener auffällig
kurze Füße hat; weiter kommt natürlich der schwalbenförmige
Körper der Seeschwalben in Betracht. Als Rheinschwalben sind
die Yögel ziemlich weit bekannt: Rhinschivalme 1 oder Rhin-
schicälmele im Elsaß (Ingersheim, Horburg und Oberhergheim),
Reischmuelef* {nehenMierschmuelef 2 d. h. Meerschwalbe) in Luxem-
burg. Nach Popowitsch Versuch (1780), der diese [Namen für
Bezeichnungen der Möwengattung im allgemeinen hält, gilt
Speirer in Straßburg, Rhein fchwalbe in Schwaben und am Rheine,
Meer fchwalbe in Steiermark und Schwaben. Seine Angabe, daß
diese Yögel mit dem Kibitze verwechselt werden, wird für die
Schweiz bestätigt durch Staub und Tobler, welche (II, 130) Gi-
fiz in der Bedeutung von Flußseeschwalbe und Möwe nach-
weisen. Das Zusammenwerfen dieser Yögel beruht offenbar auf
der Verwechslung der Namen Gibitz und Giriz (s. S. 401); das
letztgenannte Wort kommt auch im Sinne von Kibitz vor. Nach
Popowitsch werden die Seeschwalben und Möwen auch mit dem
Bläßling (vgl. S. 304) verwechselt. Die Übertragung dieses Namens
des weißstirnigen Wasserhuhns auf die mö wen artigen Vögel ist
leicht begreiflich, weil viele Arten von diesen mit farbigen Kopf-
platten versehen sind.
Die zweite von Gesner besprochene Seeschwalbe ist die
Zwergseeschwalbe (sterna minuta), welche nach den Angaben
von Naumann-Hennicke XI, 121 f. in der Schweiz im ganzen
selten, in Deutschland aber in vielen Gegenden und besonders
am Rhein häufig anzutreffen ist. Daraus erklärt sich auch der
Umstand, daß Gesner für den Vogel aus der Schweiz keinen
Namen nennt, sondern bloß die in Straßburg übliche Benennung
ein Fifcherlin (S. 565) erwähnt. Diese ist als Fifcherlein in
Spangenbergs Ganskönig V. 132 und in Baldners Yogelb. (1666)
S. 45 bezeugt. In Schwenkfelds Ther. Sil. (1603) S. 293 ist Fifcher-
lin aus Gesner übernommen, als Synonyma werden Ein klein
See fchwalbe und Rohrfchwalm angeführt. Popowitsch, der a. a. O.
S. 395 die Zwergseeschwalbe als die kleinfte Fifchermöve (offen-
1 Martin-Lienhart II, 524.
2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 284. 355.
Seeschwalbe, sterna i i
bar im Anschluß an "larus piscator" bei Gesner) bezeichnet, er-
wähnt eine kleine kirrende Ar! der Möwe, die in Österreich und
Schlesien Fifcher genannt wird. Vgl. 8. 102 t.
Kin häufiger Vogel ist an den wasserreiche]) Orten Deutsch-
lands die Trauerseeschwalbe (sterna nigra, hydrochelidon D
Sir Lst ein Sommerrogel, welcher diese Gegenden zu Ende
April oder im Anfang <\r< Mai aufsucht. Daher hat sie in Stras-
burg den tarnen Maivogel erhalten, der in älteren Quellen mehrmals
emet Zwei Stadtordnungen aus den Jahren l 1 n» and 1 159
(Brucker Straßburg. Zunftverordn. s. 226. 230) nennen unter den
jagdbaren Vögeln denjenigen, "den man [prichel meigt vogeT' ;
im 16. Jh. wird der Megvogel im Strassburg. Vogelb. ( 1 55 L) V. 591
erwähnt, und Gesner a. a. 0. S. 566 verzeichnet den Ausdruck
Meyvögelin als Straßburger Dialektnamen. Im 17. Jh. ist Mi >■-
vogel in Spangenbergs Ganskönig V. 143 und Baldners Vogelb.
(1666) S. 44 belegt. — Das Synonymon Kessler, welches Baldner
anführt, begegnet bereits in den obenangeführten Stadtordnungen
in der Form kesseler. Dieser Name ist aus dem sporadischen
Auftreten des Vogels zu erklären. Der Ausdruck ist eigentlich
ein rotwelsches Wort, mit dem Vagabunden wie Zigeuner usw.
bezeichnet wurden. — Zu diesem Namen gesellt sich das Wort
das Bomerlin, welches im Strassburg. Vogelb. (1554) V.383 zu-
sammen mit Sehfchwalm und anderen Namen der Wasservögel
genannt wird. Wahrscheinlich ist das Wort als Bomerlin (d.h.
Böhmlein) zu lesen und auf die schwarze Seeschwalbe zu be-
ziehen, die wohl — wie der Bergfink, die Weindrossel und andere
zeitweise erscheinende Vögel — als 'Böhme' aufgefaßt wurde.
— Als drittes Synonymon für die schwarze Seeschwalbe nennt
Baldner den Ausdruck Brandvogel, welchen Gesner a. a. 0. S. 566
in Niederdeutschland ("circa Gandauum") gehört haben will.
Dieser Name wird von Gesner richtig aus der schwarzen Farbe
des Vogels erklärt (vgl. S. 45). Vielleicht ist diese Färbung auch
beim Ausdruck Kessler in Betracht zu ziehen. — Bei Schwenk-
feld Ther. Sil. (1603) S. 294 wird der Vogel Hein Mübeßin, ein
klein fchwartzer Seefchealbe und (nach Gesner) Schwartzer Meice,
Meyvogel genannt; das unklare Wort Mübeß(lin) erinnert an Mieß :
das Gesner a. a. 0. S. 563 als Synonymon zu Meb Mete anführt.
406 Schwan, cygnus.
In Preußen heißt die schwarze Seeschwalbe Spießmöwe oder
Haarchenmöwe 1 . Vielleicht darf man in diesen Namen Ausdrücke
der Jäger und Fischer sehen, welche die Vögel spießweise oder
sackweise (Haarchen = Sack zum Fischfang) verkaufen.
In der Literatur der letzten Jahrhunderte findet man selten
besondere Benennungen für die einzelnen Arten von Seeschwalben
und Möwen. Die Ornithologie unterscheidet sie meistens durch
Farbenbezeichnungen. Dagegen bieten die Dialekte, welche an
den Küsten der nordischen Meere gesprochen werden, wie das
Friesische, das Englische und die skandinavischen Sprachen, für
sie eine Menge volkstümlicher Namen. In den deutschen Reise-
beschreibungen begegnen gelegentlich auch Übersetzungen solcher
Namen nordischer Möwen (so z. B. Ratsherr und Bürgermeister)
Ein skandinavischer Möwenname erscheint schon in Rvffs Tierb.
Alberti (1545) S. I 4: "Yogel / fo wir hernach Volmaren nennen
werden". Damit ist die Sturms chwalbe (thalassidroma pelagica,
procellaria pelagica) = isländ. fulmcir gemeint.
XIV. Leistenschnäbler, Laniellirostres.
Schwäne, Cygnidae.
Schwan, cygnus.
Ahd. elbi?: Sg. Nom. — suuana -f- albiz cignus: Leviticus
11, 18: cod. Oxon. Jun. 25 f. 90d; suan t albiz: cod. mon. herem.
184. 298. albiz : Notker Capella de nuptiis 1, 22. albiz olor: cod.
SGalli 299 p. 33. cod. SGalli 242, 248a. olor i. cignus. f.: Alcuini
Gramm, p. 515: cod. Fuld. Aa 2, 33a; alpiz: Clm. 6404, 8b. cod.
Vindob. 162, 35 c. Leviticus 11, 18: Clm. 18140, 14a, elbiz: cod. Gotwic.
103, 49b; onocrotalus. horotrugis X felefora animal olori simile :
cod. Stuttg. th. et phil. f. 218, 13c. olor: Clm. 14456, 5a. Versus de
volucr. H. S. III, 17. XI a 2, olor : a 2, olor. cignus : b. g. olor et cignus :
Clm. 14689 f. 47a. cod. Selestad. f. 109b. olor: Prudentius Contra
Symmach. I, 63: cod. Carolsruh. SPetri 87, 92 b; albez: cod. mon.
herem. 316, 189a. el /*: Gll. Salomon. b: Fragm. Labac. helbiz: cod.
Parisin. 12269 f. 58 b. Vergil. E. VII, 38 : cod. Trident. 1660, 8 b. helbez:
H. S. XI e: cod. princ. de Lobkow. 435, 24a. eleuiz: cod. Parisin.
9344 f. 42b, olor: cod. Parisin. 9344 f. 42b, eluiz: cod. Guelpherbytan.
1 Frischbier I, 261. II, 351. — 2 1. elbiz (Sievers).
Schwaiij cygnus. 407
Aug. 10. 8. 4° f. 89a, cod. BeroLMs. lat.8 73, L28b, cod. aem. Trevir.
f. 112b. olor: cod. sein. Trevir. R. DL 18, L07b. duixolores: Vergil.
E. IX, 86: cod. Pariain. 9844, 8b. ffarfaolora: 611. Salomon. a 1 : Clm.
17162, LlOa, cignns: a2: Clm. 17152, 191 a, «/«*** olores: Clm. 17162,
809b. elbel: cod. Vindob. 804 f. L86b. - Akk. --- albiz: Lcviti(
18: cod. SGalli 296, 127; alpiz: Anhang snm alten und Denen Testa-
ment: Clin. 14747,96b.— PI. Nom. dibise*: Notker Capella de
mi|»iiis 1,21. üuiza : Vergilins A. VII, 699: cod. Parisin '.'.'lii. L24a;
ejbff* olores: ß. IX. 36: cod. Selestad. f. 62a. — Dat. — älbizen :
Xotkor Capella de nnptiia 1.21. clbizzin: Vergilins E. VII, 38
Selestad. f. 69b.
Für <I<'ii Schwan besitzen die altgermanischen Sprachen
zwei gemeinsame Benennungen, die im Althochdeutschen als
?lbii und swan(a) bezeugt sind. Dem ersteren Worte, einem
maskulinen »-Stamm (*aibit-i-) entspricht in den verwandten
Idiomen eine Femininbildung: ags. ielfetu (in den Epinaler Gl
odbitu), anord. elptr und (mit Suffixablaut) olpt (*albut-). Der
germanische Xame ist urverwandt mit akslav. lebedi, russ. lebedi,
lebjadi, serb. labud, poln. tabedz, deren lautliches Verhältnis zw
den entsprechenden germanischen Worten Osthoff IF. VIII, 64 ff.
klargelegt hat. Der Vogelname ist weiterhin verwandt mit lat.
albus 'weiß', griech. d\qpöc 'weißer Hautfleck' u. a.; der Schwan
ist also nach seinem schneeweißen Gefieder benannt worden.
Die gleiche Bildung liegt nach Franck Et. Wh. s. v. elf t und
Uhlenbeck PBB. XXVI, 295 im niederländischen Fischnamen
alft, elft (griech. eXeqprric 'Weißfisch') vor. Ahd. elbi%, dessen
Flexion — wie die Pluralform duiza gegenüber albisze bei
Xotker zeigt — sich an die a-Stämme angeschlossen hat. hat
auch in den Personennamen Albino, Albi^a Spuren hinterlassen 2 .
In Skandinavien sind Ortsnamen häuüg mit elptr, olpt gebildet
worden.
Im Verhältnis zu elb'n, sind die ahd. Zeugnisse für swan(a)
spärlicher: Sg. Nom. — suuana cignus: Leviticus 11, 18: cod. Carolsruh.
Aug. IC f. 64b, suuana -f- albiz*: cod. Oxon. Jun. 25 f. 90d. suana : Deute-
ronom. 14, 16: cod. SGalli 296, 116. situan olor: cod. Parisin. 12269 f. 58b.
1 Die Korrekturen von anderer Hand (Steinmeyer).
2 Vgl. Förstemann Altd. Namenb. 1, 66, wo jedoch an dem Zusammen-
hang mit dem Vogelnamen gezweifelt wird.
3 -f- albiz 2 Hand (Sievers).
408 Schwan, cygnus.
Leviticus 11, 18: cod. Carolsruh. Aug. CCXXXI, IIb, suufan: cod. SGalli
283, 483; suuan: cod. Guelpherbytan. Wiss. 29, 82 a, suantalbiz: cod. mon.
herem. 184, 298. suan : cod. Guelpherbytan. Aug. 10. 3. 4° f. 89a, cod. sem.
Trevir. f. 112b. cod. sem. Trevir. R. III. 13, 104b.
Dem althochdeutschen Maskulinum sivan entsprechen in
den verwandten Sprachen andd. swan (Waldstein Kleinere asächs.
Denkmal. S. 94 9 ), mnd. swan, swön, mndl. swane, nndl. zwaan,
ags. swpn, me. ne. swan und anord. svanr, schwed. sraw, norweg.
svon. Man nimmt an, daß der Name *sivana- eine alte Bildung
von dem idg. Stamme *swn- 'rauschen, tönen' (lat. sonus 'Ton',
sonare 'tönen', ai. svan Mass/, svands 'Ton', ags. stein Mass'.) ist
und mit dem altbekannten Schwan engesang in Verbindung steht;
vgl. Schade Altd. Wb. II 2 , 902 und die dort angeführte Literatur.
Die Benennung wäre demnach eigentlich dem Singschwan (cygnus
musicus) zugekommen, der einzelne melodisch klingende Töne
hervorbringen kann. Im Kreise der Naturforscher scheinen die
Ansichten inbezug auf die Stimme des Singschwans sehr ver-
schieden zu sein. Während einige darin keine Melodie erkennen
wollen, behaupten andere wieder mit Bestimmtheit, daß sie von
einem ganz besonderen Wohlklang ist. So berichtet Hantzsch
von dem nordischen Schwan u. a. l : "Im Schwimmen lassen
sie oft stundenlang einsilbige Hufe hören, tiefere nasale A oder
Ang und ein höheres Hä. Beide Töne werden ungefähr gleich
häufig ausgestoßen, wodurch ein charakteristisches und nicht
unmelodisches Zusammenspiel entsteht. Beim Fliegen verstärkt
sich die Stimme und erinnert dann aus der Ferne an verworrene
Glockentöne. Diese mischen sich mit dem Rauschen der mäch-
tigen Schwingen und ergeben so den in früher isländischer
Literatur vielgenannten 'Schwanengesang'". Jedenfalls ist die
Vorstellung von singenden Schwänen bei den germanischen und
indogermanischen Völkern sehr alt 2 und macht dadurch die oben
angeführte Etymologie des Schwanennamens wahrscheinlich.
Es wird behauptet, daß die altnordischen Namen svanr
und plpt nicht vollständig synonym gebraucht wurden, sondern
daß jener das Männchen, dieser das Weibchen bezeichnete. Aus
1 Zitiert bei Voigt Excursionsbuch S. 268.
2 Vgl. Müllenhoff Altertumskunde I, 1 ff.
Schwan. cygHU8. < J ' 4
den Belegstellen geht jedoch weiter nichts hervor, als daß sieb
an das feminine Worl der Begriff des weiblichen Schwans Leicht
anknüpfen Läßt, während beim maskulinen wanr in diesem Fall
eine Zusammensetzung mwribn&dr uotwendig ist Aber eigentlich
war plpt ebensogut ein Gattungsname wie etwa Gcms^ Ente a. &
— \m Althochdeutschen ist das Femininum swana, das neben
>•//>/// erscheint, ebenfalls keine Bezeichnung des Weibchens,
Sondern der Name der Gattung. In Dialekten kommt der Name
noch heute als Femininum vor, vgL westfäL Stodne bei W
Wb. S. 264; auch in den norwegischen und schwedischen Dia-
lekten femin. svana. Die Bezeichnung- für den weiblichen Schwan
im Althochdeutschen ist suanin in cod. Berol. Ms. lat. 8° 7:'.. 123b.
Ein Bedeutungsunterschied zwischen plbi% und swnu"
nicht vorhanden; wenn einzelne althochdeutsche Glossare beide
Worte haben und das eine mit clor, das andere mit cygnus
wiedergeben, so beruht dies darauf, daß sie die Namen aus ver-
schiedenen Vorlagen aufgenommen haben. Sicher ist dies der
Fall in cod. Parisin. 12269 und später im Vocabularius optimus
XLII (Ed. Wackernagel S. 32. 33). Über die geographische Ver-
breitung der synonymen Benennungen läßt sich wegen des
ungenügenden Belegmaterials nichts Genaues behaupten; im
allgemeinen kann man nur sagen, daß elbi% ein spezifisch hoch-
deutsches Wort war, dessen Anwendung durch das niederd.-
hochd. swan(a) im Laufe der geschichtlichen Entwicklung immer
mehr beeinträchtigt wird. Im Bairischen, Schwäbischen und
Allemannischen ist elbi% in der althochdeutschen Periode gut
bezeugt, ebenso in der mittelhochdeutschen Zeit. Es erscheint
auch im Renner der Bambergers Hugo von Trimberg, und im
16. Jh. bezeugt Gesner Hist. avium (1555) S. 35S ölb Elbs 1 oder
("wie andere schreiben") Elps I ölbfeh nicht nur für die Schweiz,
sondern auch für Sachsen. Dagegen schreibt Turner Avium
hist. (1544) S. Gib eyn ftcdn, und das Strassburg. Vogelb. v.
J. 1554 kennt ebenfalls nur den Ausdruck Schwan. Auch in
der Schweiz und in Sachsen war zu Gesners Zeit dieser Name
ganz geläufig. Die übrigen wichtigeren Quellen des 16. Jhs,
enthalten leider keinen Schwanennamen. Heutzutage hat das
1 Danach bei Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 310 Oelb / Oelbs.
410 Gans, anser.
"Wort Schwan das Synonymon bis auf wenige Reste verdrängt.
Im Elsaß sind von diesem in der Überlieferung der Neuzeit
überhaupt keine Sparen nachweisbar, aus Steiermark wird der
Elbis ausdrücklich als ein der älteren Sprache angehörendes
Wort angegeben 1 , und aus dem Schweigen der Wörterbücher
darf man wohl schließen, daß es auch in anderen Mundarten
ausgestorben ist. Nur in Bern (in der Schweiz) ist Elbs, Ölbs,
Elbsch m. noch geläufig 2 , und im westlichen Schwaben soll der
Elbsch ebenfalls noch vorkommen 3 .
Gänse, Anseridae.
Gans, anser.
Ahd. gans: Sg. Nora. — gans auca i anser: Cgm. 5248, 2nr
2 f. 2b. cod. SGalli 2-42, 248a. Lex Alamannorum XCIX p. 169, 11:
Clm. 4460, 22a. Carmen de Philomela 19: cod. Vindob. 247, 222b,
cod. mus. ßritann. Add. 16894, 244b. Rotul. comit. de Mülinen Bern.
Versus de volucr. H. S. III, 17. XI a 2. e. cod. Vindob. 804 f. 185b.
Vergilius E. IX, 36: cod. Selestad. f. 58b; Jeans: cod. Trident. 1660,
IIa. — PI. Nom. — gensi: Clm. 14689 f. 47a. cod. Selestad. 109b.
gerne: Gll. Salomon. al. — Akk. — cansi: cod. Cassellan. th. 4°
24, 16 a.
Ableitungen und Komposita. — gensibluoma (Pflanzen-
name): genseblöme ligustrvm : cod. Vindob. 804,186a. — gensikorn
(ptisana): genschom tipsana: cod. Vindob. 804, 182 a.
Die Namen der Gans und der Ente, dieser für den Menschen
wichtigsten Wasservögel, sind indogermanisch. Der konsonantisch
flektierende Stamm gans ist in allen germanischen Sprachen
bezeugt, abgesehen von dem Gotischen, wo er als nichtbiblisches
Wort unbelegt ist, vgl. ahd. mhd. gans, mnd. gas, mndl. nndl. gans,
fries. gös, ags. me. gos, ne. goose, anord. gas, dän. gaas, schwed. gas.
Mit dem germanischen gans sind urverwandt ai. hqsa-s, hqsi 'Gans
und andere Wasservögel', lat. anser (aus Vianser) 'Gans 5 , griech.
Xnv (dor. xöv) aus *ghäns Mass.', mittelir. geis 'Schwan', lit. zqsls
'Gans' (ins Finnische als hanhi entlehnt), lett. füss Mass/, apreuß.
sansy 'dass.' Da im Germanischen Namen für den Gänserich auf-
treten, welche von einem Stamme *gan- abgeleitet zu sein scheinen
(ags. gan(d)ra und ahd. ganm&o), sieht man hier eine einfachere
1 Unger-Khull 119. — 2 Staub-Tobler I, 187. — 3 Fischer II, 686.
Gtans, uu er. 1 1 1
idg. Namensform vmi *ghan*- and hfilt das auslautende i in diesem
für ein ableitendes Suffix. Doch i-t das VerhÄltois ron Oam
zu «Ion angeführte!] tarnen des Gänserichs noch ganz unklar,
und manche Bedenken sprechen gegen <li<- obengenannte Auf-
fassung.
Jedenfalls sollte die alte Etymologie, die den Vogelnamen
mit griech. x^ckuj 'gähne* verknüpft, schon aus semasiologischen
Gründen aufgegeben werden. Wenn man einen Versuch machen
will, einen so alten Vogelnamen wie den vorliegenden aui
Entstehung hin zu analysieren, so könnte man an «'in Kompositum
denken, dessen erstes Glied einen Naturlaut ^o- enthielt, welcher
das Gackern der Gänse bezeichnete. Denn da- Wahrscheinlichste
ist, daß die Wildgans nach der Stimme benannt wurde.
Die Geschichte der Gans als Haustier bei den Germanen
hüllt sich in ihren Anfangen in vollständiges Dunkel. Die erste
sichere Nachricht gibt die Lex Salica (T. VII), welche die Gans
und das Huhn als eigentliches Hausgeflügel erwähnt; vgl. Schrader
Reallexikon S. 261 f. und Hahn Haustiere S. 274. Zwar berichtet
schon Plinius Hist. natur. X, 53 von germanischen Gänsen, deren
Daunen besonders geschätzt waren bei den Römern, aber es
scheint sich hier um eine Art Wildgans zu handeln; sie wird als
kleiner als die gewöhnliche Gans und als weiß von der Farbe
geschildert. Der von Plinius angeführte germanische Name ganta
findet sich im 4. Jh. bei Venantius Fortunatus Carm. VII, 4, 11:
"Aut Mosa dulce sonans, quo grus ganta ansa olorque est"; hier
bezeichnet ganta also auch nicht die gewöhnliche Gans, sondern
einen verwandten Wasservogel. Noch eine dritte lateinische Quelle
bezeugt das germanische Wort in der Bedeutung eine- wilden
Wasservogels: ganta xm/aAunm£ (d. i. Brandgans) im Corp. G1L
lat. II, 32 27 .
Der Vogelname, der in den angeführten lateinischen Quellen
belegt ist und auf romanischem Sprachgebiet in afrz. jante 8 Gans* J
prov. gante 'wilde Gans, Storch' Spuren hinterlassen hat, ist west-
germanisch. Die angelsachsischen Quellen belegen ihn als mas-
kulines ganot\ wie die Glossierung fulix a und die Metapher
ganotes bced (d. h. See) zeigen, bezeichnet der Name einen wilden
Wasservogel. Die Fortsetzung des angelsächsischen Wortes ist
412 Gans, anser.
engl, gannet 'Tölpel (sula bassana)\ Auf dem Kontinent scheint
der Name zunächst im selben Sinne wie das entsprechende
angelsächsische Wort aufzutreten, denn der Yocabularius SGalli
(codex SGalli 913, 204a) übersetzt ganazzo (in der Hs. g o) 1
mit fulix. Diese Glossierung kann aber durch angelsächsische
Vorlagen beeinflußt worden sein. Jedenfalls ist das deutsche
Wort nachher nur in der Bedeutung 'Gänserich' nachweisbar:
ganizo anser: Rotul. com. de Mülinen Bern, ganazzo anser: Gll. Salomon.
a 1 : cod. Zwettl. 1, 19 a, Clm. 22201, 10a, ganazo : Clm. 17152,7 d,ganzzo : cod.
Admont. 3, 17 c, ganzo : cod. mus. hohem. Prag., gannzo : liber impressus IIa,
ganze: Clm. 17403, 15 f., ganezo: c: cod. mus. Britann. Add. 18379, 14a,
antrech. t ganzo anetus: d: Clm. 23496, lc, ganzo: e: Clm. 7999, 12b.
ganizo: Umordn. H. S. III, 8. ganz: cod. Vindob. 901, 26b. Im 16. Jh.
begegnet der Gantz (: Tantz) z. B. bei H. Sachs Regim. der Yögel
Y. 187. Heute ist das Wort sowohl auf hoch- wie niederdeutschem
Sprachgebiet in Lautformen verbreitet, welche auf ahd. ganzo,
mhd. ganze = mnd. gante beruhen, daneben erscheinen auch
andere Formen, welche ahd. ganazo voraussetzen : in der Schweiz
Ganz 2 = Enterich (im Yocabularius optimus XYII Ed. Wacker-
nagel S. 42 gantzo), in Luxemburg Gunz* = siebenbürg. Gunz^
in Westfalen 5 , Göttingen und Grubenhagen 6 , Lippe 7 und den
niederdeutschen Bezirken von Hessen 8 Gante, in Schmalkalden
Güns% in Schlesien Gäntsch, Gansch, Ganschich 9 , in Obersachsen
undNordthimngen6raMas£ 10 , in Österreich 11 und Obersteiermark 12
Gdnaus, in Tirol Güniss x °. In manchen Mundarten kommen Formen
vor, welche dieselbe maskuline Weiterbildung wie Tauber (vgl.
S. 210) und Kater zeigen : elsäss. Ganzer, Gunzert, Ganster, Gunstr 13 ,
siebenbürg. Gundser*, oberhess. Gönzer 1 *, thüring. GVmserd 15 ,sächs.
Genschert 16 (neben Gensch), in Göttingen und Grubenhagen 6 ,
1 Vgl. Ahd. Gll. III, 7 Anmerkung 20.
2 Staub-Tobler II, 387. — 3 Wb. d. Luxemburg. Mundart 158.
4 Kisch Wb. d. Nösner Mundart S. 98. — 5 Woeste 71.
6 Schambach 59. — 7 Frommann D. Mundarten VI, 208.
8 Vilmar 115.
9 Mitteilungen der schles. Gesellsch. f. Volkskunde Heft XIX, 84.
10 Kluge Et. Wb. 6 S. 132. — 11 Schmeller-Frommann I, 924.
12 Unger-Khull 265. — 13 Martin-Lienhart I, 226 f.
14 Crecelius I, 403. — 15 Hertel 102.
16 Albrecht Die Leipziger Mundart S. 121.
Gans, anser. 413
Altmavk 1 und Preußen 1 Ganttr, in Osterreich 8 und Obersteier-
mark 1 Ganaimr. Diese erweiterten tfaskulinformen sind
dem L5. Jh. als ganzer, ganser belegt; daneben auch die Form
ganszhart. Eine Häufung von Suffixen zeigt Qanwrer im Strass-
burg.Yogelb. (1554) \'. 357; auch bair. Ganser er*. — Die Ma -
kulinform Gänserich", welch.' in der Schriftsprache Eingang
gefunden hat, ist zuerst bei Gtesner Eist avium (1555) 8.136
als Ganferich (neben Gtinfer) belegt, danach Ganßerich bei
Schwenkfeld Ther.SiL (1603) S.210. Junius Nomenciator (1581)
S. 54a verzeichnet Ganßerich als hochdeutsches Wort; im heutigen
Niederländisch ist ganzerik ein deutsches Lehnwort Zu der nmdl.-
nndl. Maskulinbildung gent (im Ermlande Gent neben Going»*)
stimmt mhd. gencz in Wigands von Marburg Reimchronik V. 139 I
(Germania Xu, 204 70 ).
Das Verhältnis des Gattungsnamens gans zu der ahcL lias-
kulinbildung gana$$o, ganzo = ags. ganot (aus *ganat- : *ganut- :
*gant) ist sehr schwer zu beurteilen. Das Femininum ganta bei
den lateinischen Schriftstellern und das angelsächsische Wort
zeigen, daß der ursprüngliche Sinn dieser Bildung nicht 'Gänse-
rich 5 war, sondern daß sie einen wilden Wasservogel bezeichnete.
Vielleicht darf man annehmen, daß im Germanischen ein Stamm
*gan- als Name von wilden Wasservögeln vorhanden war, und
daß *gan{u)t eine Erweiterung von diesem mittels des /-Suffixes
bildet, das auch in hirui, 'Hirsch' (vgl. Kluge Stammbildung 2
§ 60 Anm. 1. 2) vorliegt. Dieser erweiterte Vogelname konnte
dann als Maskulinum auf den Gänserich übertragen werden. Aber
die Frage wird noch verwickelter durch die angelsächsische
Maskulinbildung gan(d)ra 'Gänserich' (= engl. gander\ welcher
in Holstein, Angeln, Ditmarschen Ganr 1 , in Thüringen und
Obersachsen Gdnrt\ in Baiern Gander^ in den Niederlanden
garnier entsprechen. Man sieht in diesen Worten eine spezifische
Maskulinerweiterung vom Stamme *gan- (vgL ahd. kat-aro). Der
1 Danneil 61. — 2 Frischbier I, 217.
3 Kluge Et. Wb. 6 S. 132. — 4 Unger-Khull 265.
5 Sxhmeller-Frommann I, 924.
6 Aus Hessen wird diese Bildung als mundartliches, aber selten
gebrauchtes Wort angegeben, s. Vilmar Id. S. 115.
7 Kluge Et. Wb. fi S. 132. — 8 Schmeller-Frommann I. 924.
414 Gans, anser.
unerweiterte Stamm könnte in dem schweizerischen Namen Gann
(Ganner) stecken, der als Bezeichnung von Taucherarten bezeugt ist.
In der Pfalz wird der Gänserich auch mit dem Personen-
namen Gäred 1 (d. h. Gerhart) benannt, in der Schweiz heißt er
Gäber* (d. h. Gabriel), s. S. 210.
Eine besondere Bezeichnung für die weibliche Gans kommt
selten vor; wo die beiden Geschlechter unterschieden werden
sollen, genügt meistens der feminine Gattungsname. Aus elsässi-
schen Mundarten führen Martin und Lienhart Wb. I, 266. 605
die Ausdrücke Ganslere, Gansläret für die weibliche Gans an,
vgl. Entläre S. 424.
Das Junge von Gänsen wird im allgemeinen durch deminu-
tive Ableitung ausgedrückt. Im Althochdeutschen ist eine Bil-
dung mit dem gehäuften Deminutivsuffix -inUlm einmal bezeugt:
ccensincli auciun 3 : cod. Cassell. th. 4° 24, 16 a. In den heutigen
niederdeutschen Mundarten verwendet man die abgeleitete Form
Gössel (von G6s\ Gässel (von Gäs\ welche als Gössel, Jessel^ in
dem hochdeutschen Grenzgebiet Harz, als Gischel' 3 f. in Luxem-
burg, als Gessel, Güssel 6 in Preußen geläufig ist; in ganz Hessen
gilt Ginsei 7 (Günsel zu Gans). — Im Elsaß heißt die junge Gans
Usele* (in Niffer), Hürle s (in Örmingen); dieses Wort gehört
vielleicht zu hur e in diesem Jahre', vgl. Hnrusi* e das jüngste
Kind*, Harusela* 'das Kleinste einer Entenfamilie'.
Wie die Haustiere überhaupt, so treten auch die Gänse
in besonders nahe Verbindung mit dem Menschen und aus
diesem Umstände erklären sich viele volkstümliche Benennungen
derselben. Einerseits haben diese ihren Ausgangspunkt in der
Kindersprache, andererseits gehören sie zusammen mit den
Rufen, mit welchen die Vögel gelockt werden.
Dem charakteristischen Gackern der Gänse sind einige
Ausdrücke nachgebildet, deren elementare Bildungsweise und
Anwendung in Reimen der Kinder ihren Ursprung aus diesen
1 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 7.
2 Staub-Tobler II, 65. — 3 Deminutiv zu auca (Steinmeyer).
4 Hertel 108. — 5 Wb. d. Luxemburg. Mundart 146.
6 Frischbier I, 231. — 7 Vilmar 127.
8 Martin-Lienhart I, 79. 370.
Wildgans. anser cinercus, anser anser. 116
Kreisen verraten. So beißt die Gans in Leipzig der Giegdk\
in Thüringen die Goch* oder die 6KM*', m Schlesien die Gdht
(auch — Krähe, zu gdken)*, In Luxemburg Gtinggang*, im Elsaß
nennt man Bie dcu Gagag, den Gänserich den Gager und den
Gagri, Gageri*. Sohon Gesner Hist avium (1555) 8. L52 ritiert
das bekannte Sprichwort, in dem diese onomatopoietisohe Bildung
vorkommt: "Es flog ein ganß über Rhein / \ml kam ein gagag
wider hein".
Ein verbreitetes Lockwort für die Gänse ist Hülle oder
Wittte, auch Butte, Bitte, PÜe. In Göttingen und Gruben]
lockt man sie 'hülle bulle 5 oder 'hülle kum'. daher heißt die
Gans in der Kindersprache Hullegds und Hulleke*. In Halle ist
der Lockruf Htde, Husche (wend. hu£e\ und die Ghana heißt dort
die Hule, die Hulegans oder Huschegans 1 ; im Hennebergis
lautet das Wort Hassel 1 . In Nieder-Hessen 8 , Thüringen 9 und
im Elsaß 10 gilt Wulle (in der letztgenannten Mundart auch
Gänseundle) nebst Deminutivformen als kosende Bezeichnung
der Gans, in der oberen Grafschaft Hanau Buk u , in Rheinhessen
Bulle 11 , in Göttingen und Grubenhagen PUegd* 1 -. Ähnliche Bil-
dungen sind auch preuß. die Huck (als Scheuchruf e huck huck
halnV) 13 , schles. Grusehel 1 * f., Schwab. Grusel, thüring. Heise 1 *,
elsiiss. Wudi, Wurri, Wussi 1 * usw. Vgl. Huhn und Ente.
Wildgans, anser cinereus, anser anser; anser hyperboreus.
chen hyperboreus; anser segetum, anser fabilis.
Von dem gezähmten Vogel werden die in wildem Zustande
lebenden Gänsearten gewöhnlich mit dem hinzugefügten Prädi-
kate "wild* unterschieden. So schon in den althochdeutschen
Glossen: uuüdiugans aucer 17 : Clm. L4689f. 47a; bei Gesner Hist
1 Albrecht Die Leipziger Mundart S. 123. — 2 Hertel 101 f.
3 Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. 25.
4 Wb. d. Luxemburg. Mundart 146. — 5 Martin-Lienhart I. 200 f.
6 Schambach 88. — 7 Albrecht a. a. 0. 137. 138. — % Vilmar 461.
9 Hertel 260. — 10 Martin-Lienhart II, 818.
11 Pfister Nachtr. zu Vilmar Id. S. 20. — 12 Schambach 154.
13 Frischbier I, 301. — 14 Weinhold Beitr. zu einem schles. Wb. S. 31.
15 Hertel 118. — 16 Martin-Lienhart II. 79-i. 846. 871.
17 auce und anser gemischt (Steinmeyer).
416 Wildgans, anser cinereus, anser anser.
avium (1555) S. 152: "nostris wilde Ganß". Daneben erscheint
das Kompositum Wildgans bei Eber und Peucer Yocab. (1552)
S. E 4b und im Strassburg. Vogelb. (1554) V. 479.
Ein anderer Ausdruck für die Wildgänse ist Schneegans.
Der Name hängt zusammen mit der öfters beobachteten Tatsache,
daß das Erscheinen dieser Vögel ein Vorzeichen strenger Kälte,
Hagel- und Schneefalls ist 1 . Bereits Albertus Magnus De ani-
malibus S. U 7 a spricht von den "Wildgänsen als Wetterpropheten :
"Siluestres autem anseres omnes gregatim uolando, ordinem
feruant literatum, ficut et grues: et cum uolant, flatui uentorum
quo facilius uolant committunt et ideo multi predicant uentos
et frigora et ymbref ad uolatum ipsorum". Der Xame bezieht
sich auf verschiedene Arten der wandernden Wildgänse. — Aus
dem Umstände, daß Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 213 unter
den Gänsearten die in Deutschland nur selten beobachtete Schnee-
gans (anser hyperboreus) beschreibt, haben auch moderne Orni-
thologen den Schluß gezogen, daß Schlesien zu den südlichen
Landstrichen gehört, wo dieser nordische Vogel sich zuweilen
gezeigt hat. Zu beachten ist aber, daß die Schilderung Schwenk-
felds von Gesner abhängig ist, der sie wieder aus Albertus
Magnus übernommen hat. Dieser beschreibt den anser hyper-
boreus in seinem Werke De animalibus a. a. 0. : "et est tertius
totus albus preter alarum extremas quattuor vel quinque pennas
quae sunt nigerrimae et hoc genus est paruum late et alte et
longe uolans ; uulgo anseres grandinis siue niuis uo-
cantur". Der letztere von den hier genannten Namen des Vogels
ist als snegans im 13. Jh. belegt (Versus de volucr., Ahd. Gll. III,
1 Nach Naumann fliegen die Saatgänse fast immer sehr hoch außer
Schußweite und auch sehr unregelmäßig, d. h. bald nach der, bald nach
jener Gegend zu, und dies besonders, wenn sie ungestüme Witterung
merken. Sie sind daher wahre Wetterpropheten, die die bevorstehende
Veränderung des Wetters auf 24 Stunden vorher empfinden; denn wenn
sie im späten Herbst in guter Ordnung und sehr eilig Tag und Nacht
gerade gegen Westen fliegen, so fällt gewiß sehr bald ein hoher Schnee,
der ihnen in dieser Gegend die Nahrungsmittel entzieht, daher sie eine
gelindere aufsuchen müssen, die ihnen dieselben noch unbeschneiet dar-
bietet. Im Frühling hingegen, wo natürlich dieser Zug gegen Osten geht,
bedeutet es nachher Tauwetter.
Nonnenpans. bernicla leucoptis. 417
7 1 I 11 ); dann im L5« Jh. Bchnegam a. a. ( ». III. 29 18 und da
nonyninii wetergam ebenfalls im L5. Jh. a. a. 0. III. 29**. Die
gewöhnliche Wildgans (ansei cinereus) nennt Albertos a. a. 0.
gragans. Bei der Wiedergabe der Schilderung des Albertus
bemerkl Gtesner, daß man in der Schweiz mit dem Ausdruck
Schneeganß nicht nur dir dritte Art des Albertos verstehe, sondern
auch die erste und zweite (anser arvensis und anser segetom).
Baldner Vogelb. (1666) S. 11 bezieht den Namen ebenfalls aal
den anser segetom, und dieser Vogel wird wohl an den meisten
Orten darunter verstanden.
Älter bezeugt als der heute in den Mundarten sehr ver-
breitete und auch in die Schriftsprache aufgenommene Xame
Schneegans ist das Synonymen Hagelgans, das in den ahcL
Glossen als hagalgans (= mollis Versus de volucribos, sparalos
H. S. III, 17 und Glossae Hüdegardis in Ahd. (HL III, 404»)
belegt ist. Im Elsaß, wo dieses Wort im 16. Jh. durch das
Strassborg.Yogelb.Y.479 (auch bei Fischart und in Spangenbergs
Ganskönig) bezeugt wird, ist es nach Martin-Iienhart Wo. 1,
226 jetzt ausgestorben. In Hessen-Xassau kommt der Xame als
Haigans, Haiegans, Holgans 1 und in Luxemburg als Hdlgäns
(neben Huergäns)* vor; in Göttingen und Grabenhagen gilt Stecker-
gas*, in Waldeck Schlackergaus 1 , an mitteler Edder in H<
Schlackergans 5 , in Westfalen Slackergos, Sleggergös* (auch von
Kranichen, ebenso wie Luxemburg. Huergäns, gebraucht), welche
zu slackeni 'schneien' gehören.
Nonneiigans, bernicla leucopsis.
Die sogenannten Meergänse (bernicla) sind im Binnenlande
seltene Gäste. Das Straßborger Vogelbuch, das die Waffergenß,
Borgenß, Bietgenß, Weydgenß, Bheingenß und Seegenß aufzählt,
meint wohl mit dem Letztgenannten Namen gerade jene Gänse;
bei Eber und Peucer Vocab. v. J. 1552 S. E4b werden eben-
falls die Seegenfe erwähnt. Im Mittelalter war von diesen die
Nonnengans unter dem Namen Baumgans bekannt und an ihn
1 Kehrein 122. — 2 Wb. d. Luxemburg. Mundart 184. 190.
3 Schambach 194. — 4 Schiller Zum Tierbuche III. 13.
5 Pfister Nachtr. zu Vilmar Id. S. 251. — 6 Woeste 238. 240.
Suolahti, Vogeluamen. -'
418 Ringelgans, bernicla torquata.
knüpfte sich die Fabel, daß der Yogel aus den Früchten gewisser
Bäume entstehe, die auf schottischen Inseln wüchsen. Die Früchte
fielen _ S o wurde erzählt — entweder auf die Erde und ver-
faulten, oder ins Wasser, wo sie sich sofort zu lebenden Vögeln
verwandelten. In dieser Form wird die Legende z. B. von Aeneas
Silvius erzählt. Nach einer anderen Version würden sich die
Vögel aus dem faulen Holz untergegangener Schiffe allmählich
entwickeln. In der Schilderung Schottlands durch Hector Boethius
findet man noch eine dritte Variante der Sage ; hier wird unter
Hinweis auf glaubwürdige Augenzeugen behauptet, daß die Vögel
aus einer Schnecke entständen, die an dem faulen Holz der
Schiffe haftet. Zum ersten Mal wird der deutsche Ausdruck
(boumgans) bei Albertus Magnus De animalibus S. U 8a genannt.
Die Legende ist hier als Lüge bezeichnet worden, wird aber
doch durch das ganze Mittelalter weitererzählt und geglaubt. Auch
Turner Avium hist. (1544) S. B 3bff. ist geneigt, den Erzählungen
Glauben zu schenken und versucht auch später die Wahrheit
derselben in Briefen an Gesner zu beweisen. Dieser, der seine
eigene Meinung inbezug auf die Glaubwürdigkeit der Legende
verschweigt, reproduziert in Hist. avium S. 108 f. den Namen
Baumganß nach Albertus.
Ringelgans, bernicla torquata.
Gesner kennt den Namen Baumganß (offenbar aus Straß-
burg) als Bezeichnung der Ringelgans; auch Schwenkfeld Ther.
Sil. (1603) S. 214 führt in diesem Sinne die Namen Ein Baum
Gans I Baum Endtle an. Baldner Vogelb. (1666) S. 12 nennt die
Ringelgans, die er in seiner Heimat als "gar unbekannt" be-
zeichnet, Ein fchottifche Baumganß und beruft sich inbezug
auf den Namen auf Gesner.
An der Nord- und Ostsee, wo der Vogel zu überwintern
pflegt, nennt man ihn Rottgos 1 (in Lübeck) = Rötgös 2 in der ost-
friesischen Mundart. Bei Junius Nomenciator v. J. 1581 S. 54b
ist dieser Name als Rotgans zum ersten Mal belegt. Martens, der
die Rotges in seiner Spitzbergischen Reisebeschreibung (1675)
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83.
2 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 113.
Ente, ;ukis. \\\)
s. ül f. beschreibt, erklärt des Namen aus dem Naturlaut der
Vögel: "Sie fclireyen gantz hell Rottet tot / M I tet / tet /". Nach
Naumann unterhalten sie sieh mit kurzem rauhem 'mt rot* oder
'kroch kroch*, das aus vielen Kehlen fast wie ein Gfronzen
klingt, während die knäng-Bnfe an Bundegebell erinnern Der
onomatopoietische Name findet sieh auch bei den anderen ger-
manischen Völkern, welche die Meeresküsten bewohnen,
engl, rottgoose, roadgoose ) roodgoose 1 , anord. hrodgds, dän. radgaas^
Island, hroto. Tm Schwedischen lautet der Name prutgds, im Fran-
zösischen (Picardie) crot 2 .
Das englische Synonymen braut, brenigoose ist zum ersten
Mal in dem lateinischen Texte bei Turner a. a. 0. als branta
bezeugt. Das Wort begegnet dann bei Junius a. a. 0., wo Brant-
gans als niederländischer Name bezeichnet wird. In Skandinavien
kommt brandgds schon in den Glossen der Snorra-Edda vor;
schwed. brandgds. Der erste Teil des Kompositums bezieht sich
auf die schwarze Farbe des Gefieders, vgl. Brandvogel S. 45.
Unklar ist der mittelenglische Name barnacle = frz. berna-
que, portug. bernaca, span. bemicla, mittellat. bernaca.
Enten, Anatidae.
Ente, anas.
Ahd. anut: Sg. Nom. — aniit aneta: cod. SGalli 242, 248b.
anud anas: cod. Admont. 508, 59a. anot: Gll. Salomon. al. anat
anans: Cgm. 187. anath: cod. Berol. Ms. lat. 8° 73, 124a. and-: Cgm.
5248, 2 nr 2 f. 2b. anet anas : Versus de volucr. anit : cod. Lugdun. Voss,
lat. 4° 51 f. 162b. anas : Versus de volucr. anas : H. S. III. 17. aneta :
XI b. d. e., anas I aneta auis aquatica : g. ant anas i anete : cod. Vindob.
804 f. 185b. anita: H. S. XI a2: cod. Berol. Ms. lat. 93 8°, 4a, ante:
cod. Vindob. 2400, 91a, cente: cod. Graec. 859, ld, dnte . III, 17 : cod.
Vindob. 2400, 41b, enta : cod. Darmstad. 6, 24b. enede anas: cod.
Oxon. Jun. 83, 4. anetha: Gll. Salomon. al: Clm. 22201, 9d, ante:
cod. Vindob. 2276, 8e, anas: cod. Admont. 3, 15c. ante: d: Clm.
23496, lc. anete anas : cod. Vindob. 804 f. 167 b, cod. Wirziburg. Mp.
th. 4° 60, 99b. ante: Versus de volucr., ente: Versus de volucr. —
PI. Nom. — anite fulice : Vergilius G. 1,363: cod. Berol. Ms. lat. 4°
215, 26a. cod. Selestad.' f. 109b. anitun aneti : Clm. 14689 f. 47a.
1 Swainson The Folklore S. 149.
2 Rolland Faune populaire II. 392.
27*
420 Ente, anas.
Komposita: anutkunni (Entenfamilie, Entengeschlecht) : belico
anud cunni fulica: cod. sem. Trevir. R. III. 13, 106 a. anotchunni 1 :
Psalmen: Clm. 19440, 120. anotchunni: cod. SGalli 299 p. 26. antit
chunni fuluo et .P.ielico 2 : cod. Vatic. Reg. 1701, 2 b.
Wie der Xame der Gans, so ist auch derjenige der Ente
aus der indogermanischen Zeit ererbt. Die germanischen Namens-
formen (and. anut, mhd. ant = mud. an(e)t, mndl. aent, nndl. eend,
ags. cenid, ened, me. enede und anord. pnd, dän. schwed. and)
führen auf urgerman. *anud- : *anid- zurück, das mit lat. anas
(Gen. anatis), lit. dntis, akslav. qti e Ente' und altind. ätis e ein
"Wasservoger urverwandt ist; zweifelhaft ist die Verwandtschaft
mit dem gleichbedeutenden griech. vf|cca.
Xeben dem femininen i-Stamm anut findet sich im Alt-
hochdeutschen auch eine erweiterte Namensform anata (daher
mittellat. aneta in der Lex Salica tit. YII. und der Lex Ala-
mannorum tit. 99 § 19 sowie in den Glossen, s. oben) und mit
Ablaut des Suffixvokals enita (im 13. Jh. als enta und enede be-
zeugt, s. oben). Die letztere liegt der heutigen schriftsprachlichen
Form Ente zugrunde, die im Mittelhochdeutschen oft bezeugt
ist und im 16. Jh. sowohl in ober- wie mitteldeutschen Quellen
die normale Form ist: Endt bei Turner Avium hist. (1544)
S. B 3a, End bei H. Sachs Eegim. der Vögel (1531) V. 138,
Entte bei Eber und Peucer Vocab. (1552) S. E 4a, Ente im Strass-
burg. Vogelb. (1554) Y. 365, Endt \ Ent \ Ant bei Gesner Hist.
avium (1555) S. 95. In den heutigen hochdeutschen Mundarten
ist Ente allgemein, die niederdeutschen Dialekte haben dafür
Ant(e)% ostfries. Ante, Ant*, nordfries. An 5 , auf Helgoland En 6 .
Das Kompositum anetfogel ist zuerst im 13. Jh. (cod. Oxon.
Jun. 83, 4) belegt und begegnet darauf in späten Glossenhss. der
Yersus de volucribus (Ahd. Gll. III, 27 55 ); im 16. Jh. Antvogel
gleichbedeutend mit Ente in Ryffs Tierb. Alberti (1545) S. J 3
1 Fortsetzung der vorhergehenden Glosse [Psalmen 103, 17: (Herodii
domus. alia editio fulice domus) uuazarstelh]. (Steinmeyer).
2 1. anitchunni (Steinmeyer); vgl. S. 302.
3 Vgl. Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 82. XVII, 1. 2, Danneil 8,
Schambach 12, Frommann D. Mundarten VI, 50 usw.
4 Jb. f. ndd. Sprachf. XI, 111. — 5 Johansen Nordfries. Spr. S. 99.
6 Frommann D. Mundarten III, 33.
Ente, anus. 121
and J 5a and Gtesners Eist avium (1555) 8.95, Bowie in der
Übersetzung der Bücher Plinü \. ,J. L651 8. L98, ndL EndtvogtH
bei Junius Nomenciator (1581) 8.53b. 54a. Beute wird ^4>tf-
vo^e/ in diesem Sinne u. ;i. in Hamburg und II < >1 -t < -i 1 1 x . S.ich
Steiermark' 5 verwendet; .Martin and Lienharf Wb. I, 99 geben
als Bedeutung von »'Miss. Entenvogei "Enterich* an.
Die Geschichte der Zähmung der Einte ist ebensowenig
bekannt wie die des übrigen Eausgeflügels ; das früheste Zeug-
nis für Deutschland liefert die Lex salica (s.S. L20). Von
Wildente wird die zahme manchmal mit dem Namen I/ausente
unterschieden; ^\^n Ausdruck bezeugt zuerst Bracks Vocab. v.J.
1495 S. 49 b, wo haußendt im Gegensatz zu ivafferendt steht,
dann auch Haus endt und Zam endt neben Wild wafferendi im
Strassburg. Vogelb. (1554) V. 370 f.
Vielfach wird die zahme Ente mit Kosenamen bezeichnet,
die auf Lockrufen beruhen oder aus der Kindersprache hervor-
gegangen sind. Viele von diesen Namen werden auch für Gänse
verwendet, wie z. B. das weitverbreitete AVort Pile (vgl. S. 415).
Im innern und nördlichen Hessen ist BUe* der Lockruf und
zugleich auch die allgemein gebrauchte Bezeichnung der Ente
(zuweilen Biler i = Enterich); derselbe Lockruf gilt auch in einigen
Teilen von Thüringen, daher Bilentchen 5 in der Vogtei. In Nieder-
deutschland hat das Wort ein p im Anlaut: PUäntkes* (Plur.)
in Recklinghausen, Pile, Pille, Pillente 1 in Westfalen (Lockruf
pill! pill! und ant! ant!), Pielken (Aant Pielken neben Göspielken*)
in Hamburg und Holstein, Pile, Pill(e) neben Will{e)° in Preußen
(im benachbarten Litauisch pyle = lett. pihle 'Ente*)*. In
Göttingen und Grubenhagen wird Pile 10 als Lockruf ^e^on die
Gänse, seltener gegen die Enten gebraucht; der Ruf Pilenat 1 *
ist ein zusammengesetzter Lautkomplex, dessen zweites Element
nat\ natl 10 (vielleicht aus anat) auch allein als Lockruf gegen
1 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 2 f.
2 Albrecht Die Leipziger Mundart S. 79.
3 Unger-Khull 19.
4 Vilmar 37. — 5 Hertel 68.
6 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 5.-7 Woeste 108
8 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVII, 3. 4.
9 Frischbier II, 143. 469. — 10 Schambach 143. 154.
422
Enten vorkommt. In Süddeutschland lockt man das Geflügel
mit anderen Lauten, so z. B. in Steiermark mit Wadl! WudU,
speziell die Enten auch mit Widel! Widel! oder Guserl! Guserl! 1 ;
im Elsaß ist der Lockruf Gut(e), und die junge Ente heißt hier
Gütle n. oder Güz 2 f. Ohne Zweifel gehören auch bair. die
Geit 'Ente' und der Geidl* 'Gänserich' in diesen Zusammenhang;
bereits im 15. Jh. findet sich geydl unter den Yögeln, welche
in einer Version des Märchens vom Zaunkönig (Germania VI, 90)
auftreten. In Baiern ist schlick! schlick! der übliche Lockruf
für Enten, ebenso in der Pfalz 4 . In Preußen kommt der Lock-
ruf Schill auch als Name der Ente vor 5 . In der Umgegend
von Hamburg und Lübeck nennt man die Enten Pritje 6 und
Priite 6 , so lange sie noch piepen; in Hamburg heißen sie auch
Pirken*. Schützes Holsteinisches Idioticon führt das WortWöbbe 6
als Bezeichnung der jungen Ente an. Die elsässische Kinder-
sprache hat für die Ente die Ausdrücke Dreckbatsche{r)l(ey
(d. h. die plätschernd im Kote Watende) und Entewackeleiiri) 1
(von dem wackelnden Gang); das letztgenannte Wort ist auch
in den nachbarlichen schwäbischen und pfälzischen Mundarten
üblich.
Derartige neue Bildungen wie die vorhinerwähnten können
gelegentlich die alten Namen ganz verdrängen. So geben Staub-
Tobler Id. I, 354 an, daß das Wort Ent in den schweizerischen
Dialekten nicht mehr recht volkstümlich ist, sondern durch die
Kosenamen Wudle und Wuri (= ehäss.Wudi 8 'Gänschen', Wurri*
'Gans und Ente') ersetzt wird. Aus Schlesien verzeichnet schon
Schwenkfeld Ther. Sil. (1603) S. 195 Bätfche und Hatfche ("a
uoce rauca") als die allgemein üblichen Benennungen der Ente.
Der erstere von diesen Namen ist auch weiter verbreitet. Als
Bezeichnung des Enterichs ist Betschen schon bei Gesner Hist.
1 Unger-Khull 315. 632. 639. — 2 Martin-Lienhart I, 247. 254.
3 Schmeller-Frommann I, 872. 958 ; im schwäbischen Dialekt lautet
der Lockruf gsit, gdit, s. Fischer Wb. II, 726.
4 Heeger Tiere im pfälz. Volksmunde II, 8, Fischer II, 726.
5 Frischbier II, 271.
6 Korrespondenzbl. f. ndd. Sprachf. XVI, 83. XVII, 1.
7 Martin-Lienhart II, 122. 807.
8 Martin-Lienhart II, 794. 846.
Ente, anas. 423
avium (1555) S. 95 bezeugt; in diesem Sinne wird Rätsch(ent) 1
auch heute in der Schweiz und R<Usch, Ratsch, Rätscher, Enten-
rätscher 2 im Elsaß verwendet. Der Name, der zum lautmalen-
den Verbum ratschen gehört, bezieht sich auf die stimme des
Enterichs, ebenso das gleichbedeutende Schruidcrent' 6 (d. h.
Schnatterente) in der Schweiz.
Ein alter Name des Entenmännchens ist im and. Worte
antttrehho vorhanden: äntreche anetus: H. S. III, 17: cod. Vindob. 2400,
41b, antrMio: Clm. 2612, 34b, anetrecho: cod. Trevir. 31, 14b, antrech:
Clm. 23796, 173a, anthrech: cod. princ. de Lobkow. 434, 8b, antroch: cod.
Darmstad. 6, 24b, awtrech : cod. mon. herem. 171, 24, fol. olim Heidelberg. 1 b ;
anetrecho vel aneth anas anetus: Umordnung H. S. III, 8. antrecho: GH.
Salomon. al: cod. Zwettl. 1, 18b, Clm. 22201, 9d, antre.hoho: cod. mon.
s. crucis 17, 31b, äntreche: cod. Admont. 3, 16a, äntreche: cod. Vindob.
2276, 8e, antrache: cod. mus. bohem. Prag. 14a, antrech: Clm. 17403, 15a,
über impressus 10b, antrech. t ganzo: d: Clm. 23496, lc, antrecho: e:
Clm. 7999, 12a. anitreche: cod.Oenipontan.711,30a. Dem ahd. anutrehho,
mhd. äntreche (bei Konrad von Megenberg Ed. Pfeiffer S. 169, 18
in der Pluralform antreichen) entspricht mnd. androhe (antdrake) ;
schwed. anddrake und dän. andrik sind Entlehnungen aus dem
Niederdeutschen. Wahrscheinlich ist die Bildung mit Kluge
Et. Wb. 6 S. 96 s. v. Enterich als ein Kompositum *anid-trahho
aufzufassen, dessen zweites Glied als selbständiger Name in
gleichbedeutendem engl, drake (seit dem 13. Jh. nachgewiesen)
und ndd. Drdke^ (in Göttingen, Grubenhagen und Fallersleben),
Drök~° (in Altmark) auftritt. Auf hochdeutschem Boden kommt
Drache* in Henneberg und Westthüringen sowie stellenweise
auf dem Schwarzwald, Trech 7 (auch Rech) in der schwabischen
Mundart vor. Der Ursprung dieses Ausdrucks ist dunkel ; die
Identität mit Drache = ags. draca e draco' kann nicht, wie Skeat
Concise Et. Dict. S. 152 meint, primär sein. — Die alte Bildung
Antrech hat sich später an die Namen auf -rieh (wie Heinrich asw.)
angelehnt und im Anschluß an diese ihr Suffix umgebildet;
dadurch ist das schriftsprachliche Enterich entstanden, das seinen
1 Staub-Tobler I, 356. — 2 Martin-Lienhart II, 308. 309.
3 Staub-Tobler I, 356.
4 Schambach 47 und Frommann D. Mundarten V. 54.
5 Danneil 259. — 6 Kluge Et.Wb. 6 S. 96. — 7 Fischer II, 338.
424 Ente, anas.
Typus auf die verwandten Begriffe Gänserich, Täuberich aus-
gedehnt hat, vgl. S. 211 und 413. In der umgebildeten Form
Entrich begegnet der Name zum ersten Mal bei Eber und Peucer
Yocab. (1552) S. E4a; bei Gesner Hist. avium (1555) S. 95
werden die Formen Entrich und Entrach (danach Endtrich bei
Junius Nomenciator (1581) S. 53 b. 54 a) neben einander ange-
führt. In Hans Sachs' Kegim. der Yögel (1531) Y. 138 steht
noch die unumgelautete Form Antrich; bei Hohberg Adeliches
Land-Leben (1687) II, 390 Kap. CYIII Endtrich und (S. 393)
Ändtricht. Heute gilt in Schwaben die Form Antrech 1 , in Baiern
Äntrecht (Allgäu), Andrach 2 (Aurbach), in Oberhessen Antrach,
Öndrach (Endrach, Entedrach)\ in Thüringen Andrich (Harz),
Endrache (Nordhausen), Einderachd" (Mühlhausen), in Preußen
Entrach 5 , in Siebenbürgen Unterich 6 , in Westfalen Antrete
(Fürstenb.), Ännerik und Enerk 1 (Paderborn), in Lippe Ännerk*.
Derselbe Maskulintypus wie in Tauber, Ganser (vgl. S. 210)
ist vorhanden in Enter in Preußen 5 , Enderd^ in Thüringen
(Salzungen und Winterstein), Intert, Untert 9 in Luxemburg. —
Eine maskuline Ableitung von Ente ist offenbar auch Enteler,
das in einigen Teilen des schwäbischen Sprachbezirks vorkommt 1